Laßt endlich die Männer in Ruhe - Cheryl Benard - E-Book

Laßt endlich die Männer in Ruhe E-Book

Cheryl Benard

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Beschreibung

Wäre das Leben angenehmer, wenn die Männer anders wären? Möglich. Doch die Männer sind so, wie sie sind. Ihre Veränderungsbemühungen sind halbherzig, und ihre Bereitschaft, Gefühle zu investieren, ist nur aufgezwungen. Genervt seufzen sie auf, wenn die Partnerin über Empfindungen und Verständnis sprechen will. Und dabei gibt es doch Tennis im Fernsehen. Der Mann, der mit halbgeschlossenen Augen widerwillig die x-te Beziehungsdiskussion mit seiner Lebensgefährtin über sich ergehen läßt, erinnert er nicht an die viktorianische Ehefrau, die «an England dachte», wenn sie sich den unverständlichen Bedürfnissen ihres Ehemannes unterwarf? Frauen haben Schwierigkeiten, das zu akzeptieren; denn auf die Gefühle kommt es doch an, oder? Abschätzig sprechen sie von einer «Vernunftheirat» im Gegensatz zu einer «Liebesheirat», was zu der fatalen Folgerung führt, eine Ehe sei dann als besonders liebevoll zu bezeichnen, wenn es dort besonders unvernünftig zugeht. Viele Frauen haben teuer für ihr ständiges Bemühen um den Mann bezahlt. Und erst allmählich eingesehen, daß die Männer gar nicht anders sein wollen als emotional verschlossen und auf ihr Ich konzentriert. Also nehmt die Männer doch als das, was sie sind, und wendet euch im übrigen anderen, lohnenderen Objekten der Veränderung zu.

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EPUB

Seitenzahl: 367

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Cheryl Benard • Edit Schlaffer

Laßt endlich die Männer in Ruhe

oder Wie man sie weniger und sich selbst mehr liebt

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Wäre das Leben angenehmer, wenn die Männer anders wären? Möglich. Doch die Männer sind so, wie sie sind. Ihre Veränderungsbemühungen sind halbherzig, und ihre Bereitschaft, Gefühle zu investieren, ist nur aufgezwungen. Genervt seufzen sie auf, wenn die Partnerin über Empfindungen und Verständnis sprechen will. Und dabei gibt es doch Tennis im Fernsehen.

Der Mann, der mit halbgeschlossenen Augen widerwillig die x-te Beziehungsdiskussion mit seiner Lebensgefährtin über sich ergehen läßt, erinnert er nicht an die viktorianische Ehefrau, die «an England dachte», wenn sie sich den unverständlichen Bedürfnissen ihres Ehemannes unterwarf? Frauen haben Schwierigkeiten, das zu akzeptieren; denn auf die Gefühle kommt es doch an, oder? Abschätzig sprechen sie von einer «Vernunftheirat» im Gegensatz zu einer «Liebesheirat», was zu der fatalen Folgerung führt, eine Ehe sei dann als besonders liebevoll zu bezeichnen, wenn es dort besonders unvernünftig zugeht.

Über Cheryl Benard • Edit Schlaffer

Cheryl Benard, geboren 1953 in New Orleans/USA, und Edit Schlaffer, geboren 1950 im Burgenland/Österreich, leiteten als Sozialwissenschaftlerinnen die «Ludwig-Boltzmann-Forschungsstelle für Politik und zwischenmenschliche Beziehungen» in Wien.

Bei Rowohlt veröffentlichten sie weiterhin: «Die ganz gewöhnliche Gewalt in der Ehe»; «Der Mann auf der Straße»; «Die Grenzen des Geschlechts»; «Liebesgeschichten aus dem Patriarchat»; «Im Dschungel der Gefühle»; «Viel erlebt und nichts begriffen»; «Männer. Eine Gebrauchsanweisung für Frauen».

Inhaltsübersicht

Einleitung1. Männer als Kartell2. Viele Wege führen ins Unglück oder: Frauen gestalten ihre EheDie NützlicheDie KompromißbereiteDie ZermürbteDie Therapierte3. Kamikaze oder: Frauen katapultieren sich selbst ins Out4. Männer lesen Shakespeare: Zum Umgang mit Widerspenstigen5. Seine Ehe – ihre Ehe: Aussage gegen Aussage zur Frage des Glücks6. So geht’s auch nicht: Jean-Paul, Simone und die gar nicht so andere Beziehung7. Kopf statt Herz bringt weniger SchmerzVernunft statt Liebe – Zur Orientalisierung der EheBloß nicht bieder oder die ideale EheDer Politiker und die LiebeZum Schluß

Einleitung

Wäre es besser, wenn die Männer anders wären? Möglich. Vielleicht wäre es auch besser, wenn das deutsche Klima milder und die Großstadt weniger verpestet wären.

Die Männer sind so, wie sie sind. Ihre Veränderungsbemühungen sind halbherzig und ihre Bereitschaft, Gefühl zu investieren, aufgezwungen. Denn den Männern ist sehr wohl bewußt, daß ihre sogenannte Beziehungsunfähigkeit eine durchaus erfolgreiche Methode ist, ihre unmittelbaren Interessen durchzusetzen.

Die Frau, die mit einem Mann glücklich werden will, muß alle Ratgeber vergessen, gleichgültig ob in Form eines Buches oder der besten Freundin, die sie im Lauf ihres Frauenlebens mit Empfehlungen versehen haben. Statt dessen braucht sie nur zwei, ganz einfache und kurze, Wahrheiten zu akzeptieren.

Erstens: Man kann einen Mann nicht verändern.

Und zweitens: Man sollte sich selbst um Himmels willen nicht verändern.

Wer diese zwei Sätze beherzigt, hat die besten Chancen, eine gute Beziehung zu erleben. Denn wer versucht, den Mann zu verändern, beißt auf Granit. Und wer sich selbst verändert in der Hoffnung, in dieser Weise seine stärkere Liebe zu wecken, Harmonie zu finden und zu erhalten, verliert sich selbst und meist auch den Mann.

Wäre es besser, wenn die Männer anders wären? Möglich. Vielleicht wäre es auch besser, wenn die Großstadt weniger verpestet und das deutsche Klima milder wären. Aber es ist müßig, das steinige Pflaster der Männerseele aufreißen zu wollen in der Hoffnung, darunter den goldenen Strand freizulegen. Sie sind, wie sie sind. Wenn sie anders werden wollen, begleiten sie unsere besten Wünsche, und wir werden das Resultat gern und wohlwollend begutachten.

Die Ehe? Wir haben gar nichts gegen sie. Ein bekannter österreichischer Soziologe, Katholik, widmete uns einst eine sorgenvolle Ansprache. Wir hatten damals unser erstes Buch veröffentlicht, über Gewalt in der Ehe[*], und er fand unsere Studie soziologisch interessant, aber moralisch schlecht, meinte, daß dieses Beharren auf den Problemen und Schattenseiten der Ehe diese so wichtige, so grundlegende Institution tendenziell schwächen würde. Wo blieben die Studien über die vielen guten Ehen, die ein Leben lang in Treue und Harmonie und, ja, auch in Pflichtgefühl und Anstand währen? Bei konservativen Tagungen und Veranstaltungen war er ein gern geladener Gast, weil er flüssig über das sprach, was er auch selbst lebte: Familie. Fünf Kinder, eine in konservativen Kreisen engagierte Frau und eine große Reihe von Veröffentlichungen über Ehe und Familie. Bis er seine engagierte Frau eines Tages fluchtartig verließ, um sich bei einer sehr viel jüngeren Geliebten einzuquartieren – und Publikationen über die Midlife-Krise und das Recht der Männer herausgab, in dieser Lebensphase versäumte Freuden nachzuholen. Soviel nur als persönliche Anekdote am Rande.

Nein, gegen die Ehe haben wir nichts. Nur einen minimalen Verbesserungsvorschlag hätten wir. Schreiben Sie das Wort in Gedanken klein. ehe. Und natürlich auch: ehemann. Darf ich Ihnen meinen ehemann vorstellen? Durch diese einfache Wendung in der Rechtschreibung und der Intonation könnte schon viel erreicht sein, für die Frauen. Denn ihr Verhängnis liegt in der Ausschließlichkeit. In der einseitigen Prioritätensetzung.

Den meisten Frauen liegt sehr viel daran, eine gute Ehe zu führen, eine gute Beziehung zu haben. Um das zu erreichen, tun sie fast alles. Ohne Zweifel haben wir, in unseren Interviews für dieses Buch, das gesamte weibliche Repertoire an «Beziehungsinstandsetzungstechniken» vorgelegt bekommen. Die Frauen suchen nach Kompromissen. Sie bleiben zu Hause, um sich ganz der Familie zu widmen. Sie suchen sich einen Teilzeitjob, um ihre Horizonte zu erweitern. Sie gehen in Vorträge und Beratungen, um die Krisen und Konflikte in der Familie besser zu bewältigen. Sie geben ihre Hobbies und Freunde auf, um sich in sein Leben zu integrieren. Sie suchen sich Hobbies und eigene Freunde, um interessanter für ihn zu werden. Die Berufstätigen haben Angst, daß eine Hausfrau für ihn bequemer wäre und er sie als Belastung erlebt. Die Hausfrauen befürchten, daß er sie langweilig finden und die vielen tollen Frauen, die er den ganzen Tag lang im Geschäft sieht, ihm besser gefallen könnten. Sie entlasten ihn, damit er sich ganz seiner Karriere widmen kann. Sie beanspruchen ihn, damit er mehr in die Familie einbezogen wird. Sie drohen, um ihn zur Räson zu bringen. Sie reagieren milde, damit er sich angenommen fühlt. Sie lesen Bücher, denken nach, testen verschiedenste Verhaltensformen, üben ihre Ansprachen und Formulierungen, lehnen sich auf, passen sich an, und am Ende haben sie sich selber in alle nur erdenklichen Richtungen verbogen, ohne einen erkennbaren Einfluß auf Partner und Partnerschaft ausgeübt zu haben. Zumindest nicht im beabsichtigten Sinn. Verändert haben sie, nur selten zu ihren Gunsten, sich selbst. Und die Beziehung ist dadurch um nichts besser geworden.

Das einmal kollektiv erkannt, überlegen die Frauen heute sich ihren nächsten Schritt. Dann, so meinen sie, hätten sie wohl einfach verhängnisvollerweise den falschen Partner gewählt – zum Großteil aus eigener Schuld, das heißt aus eigenen psychischen Beweggründen heraus – oder nicht genug Bücher gelesen, nicht den Trick gefunden, der der Sache noch eine gute Wende gegeben hätte. Und dann werken sie weiter, ermüdet, aber noch nicht restlos entmutigt.

Sie wollen sich verändern, damit sie das nächste Mal nicht wieder einen falschen, sondern diesmal einen richtig netten Mann wählen – aus der enormen Vielfalt solcher richtig netten Männer, die einem ja erfahrungsgemäß tagtäglich begegnen. Sie wollen die Situation noch genauer erkunden, ihren speziellen Mann und seine Kindheit und seine Psychostruktur und seine Bedürfnisse noch präziser erforschen, um die eine richtige Form des Umgangs mit ihm herauszufinden.

Nicht aufdringlich sein, sonst verschreckt man ihn. Nicht nachlässig sein, sonst erlahmt seine Entwicklung endgültig. Unter unendlichen Anstrengungen versuchen Frauen, ihre Beziehung zum Zentrum ihres Lebens zu machen, zum Fixpunkt, um den alle anderen Dinge kreisen.

Den Männern ist das teilweise angenehm, teilweise schrecklich lästig. Angenehm sind die familiären Leistungen, die ihnen die Frauen abnehmen, die Zuständigkeiten, die sie akzeptieren. Schrecklich lästig ist der Lohn, den die Frau dafür erwartet: Gespräche, Zuwendung, Interesse.

Die naheliegende Lösung liegt wirklich auf der Hand. Man lasse die Männer in Ruhe mit all diesen Forderungen, die sie sowieso nie erfüllen werden. Ahhh. Ein erleichtertes Raunen geht durch die Reihen der Männerwelt. Und man lasse sich selber ebenfalls in Ruhe und wende sich den Bereichen der Welt zu, in denen eine Veränderung möglich und sinnvoll erscheint. Es gibt so viele Aufgabenbereiche. Die Umwelt. Die Politik. Die angenehme Gestaltung des eigenen Lebens. Überall gibt es vielfältige Aufgabenbereiche, die bloß darauf warten, daß Menschen mit Energie und Optimismus – beides unter Frauen grenzenlos vorhanden – sich auf sie konzentrieren. Aber es gibt einen Aufgabenbereich, von dem sich Frauen freundlicherweise abwenden sollten, nämlich die Umgestaltung der Männer, einzeln oder kollektiv. Laßt die Männer doch so sein, wie sie offenkundig unbedingt sein wollen.

1. Männer als Kartell

Die emotionale Unzugänglichkeit und Verschlossenheit der Männer ist weder ein Erziehungsunfall noch ein Mißverständnis, sondern ein kollektiver Vorteil, den Männer gemeinsam und in schöner Solidarität wahrzunehmen wissen.

Wie können Frauen die Macht dieses Kartells unterlaufen?

Als wir anfingen, uns mit «der Ehe» auseinanderzusetzen, fiel uns der Begriff der Zeitzeugen ein, der hier durchaus auf uns zutraf. Denn waren wir nicht so etwas wie «Zeitzeugen» für die Institution Ehe, da wir ihre Erschütterungen, Revolutionen, Konterrevolutionen und Restaurationen miterlebt haben? Als wir noch studierten, zum Beispiel, waren Ehe und Familie gerade sehr in Verruf. Wer etwas Positives über die Ehe sagte, galt als Spießer, als Heuchler; nur freudianischer Horror spielte sich hinter den Türen der Wohn- und Schlafzimmer ab. Es galt zu prüfen, welche Formen des Zusammenlebens und der Sexualität diese alte verkommene, verlogene Institution ersetzen könnten. Auch die Fachwelt, die Soziologie, verkündete den «Tod der Familie» und untersuchte eifrig die Alternativen, von der WG bis zur «offenen Ehe».

Doch die Betroffenen, die lavierten sich durch. Lebten weiter in ihren altvertrauten Ehen, nannten ihre Seitensprünge jetzt ganz zeitgerecht einen Beitrag zur offenen Ehe und zur Ehrlichkeit. Oder betrachteten sich als Vorkämpfer der sexuellen Revolution und bemühten sich, ihre Gefühle der Eifersucht, ihre Sehnsucht nach Treue und Stabilität verschämt zu unterdrücken.

Die Institution Ehe überdauerte all diese Experimente – aber nicht, ohne sich sehr zu verändern. Sie hatte ihre Selbstverständlichkeit eingebüßt, und das war nicht mehr rückgängig zu machen. Frauen wurden zunehmend mißtrauisch dieser – wie sie meinten – patriarchalischen Institution gegenüber, die ihnen ihre Persönlichkeit nehmen und ihre Entwicklung versagen wollte. Männer betrachteten sie mißmutig als Einrichtung, die ihre Impulse hemmen und ihre Freiheit eingrenzen wollte. Man heiratete, aber man heiratete nicht mehr so jung und aus anderen Beweggründen; man heiratete auch nicht mehr so schnell, ging aber später dafür um so schneller wieder auseinander. Dann kamen die 80er Jahre. Es ging jetzt nicht mehr um die «Ehe», sondern ein neuer Begriff rückte ins Zentrum der Kontroverse: jetzt ging es um Beziehungen. Und jetzt wurde es erst richtig kompliziert. Denn in der Auseinandersetzung um die Institution Ehe mit ihren Rollenzwängen und ihrer Arbeitsteilung waren zumindest die ideologischen Trennungslinien grob aufrechterhalten geblieben. Konservative und Katholiken hielten, wenn auch mit Vorbehalten, an ihr fest. Progressive und Sozialkritiker attackierten sie. In den 80er Jahren aber traten völlig neue Probleme auf. Jetzt ging es nicht mehr nur um die Hausarbeit, sondern auch um die Gefühle. Frauen entdeckten, daß sie nicht bloß zuviel putzten und zuviel kochten, sondern daß sie auch zu sehr liebten, und die Männer standen da als Nutznießer weiblicher Abhängigkeit nicht nur in materieller, sondern auch in emotionaler Hinsicht.

Während dieser Streit um die weibliche Abhängigkeit quer durch alle Schichten und Ideologien entbrannte, wurden wir immer deutlicher an ein Lehrbuch erinnert, das uns in der Mittelstufe vorgelegen hatte. Es war ein Lehrbuch zur Lebenskunde aus dem Jahr 1965, in dem es auch um Ehe und Familie ging. Und in diesem, erst sehr vorsichtig progressiv gehaltenen Buch stand ein Satz, der unter den Schülerinnen große Empörung hervorrief. «Männer und Frauen», stand da, «gehen in einer Beziehung von unterschiedlichen Schwerpunkten aus. Im großen und ganzen könnte man diesen Unterschied plakativ ausdrücken und sagen: Männer geben Zuneigung, um Sex zu bekommen, und Frauen geben Sex, um Zuneigung zu bekommen.»

Unsere Klasse, die sich mit diesem Text beschäftigen sollte, bestand aus 12jährigen, und unsere diversen Beziehungsdramen lagen noch in der Zukunft, aber diese Passage, wenngleich sie für uns noch Theorie war, irritierte alle maßlos. Sie wirkte so entsetzlich spießig, hatte auch einen sehr polemischen Klang. Und wir, meist aus noch-konventionellen Elternhäusern der Nachkriegsjahre, bemerkten zwar die Unruhe, die die Revolution der späteren 60er Jahre ankündigte, waren aber noch altmodisch – und schon modern – genug, um beide Teile des letzten Satzes gleichermaßen ärgerlich zu finden. Diese Aussage kränkte uns in unserer romantischen Vorstellung, denn Liebe betrachteten wir als zukünftiges Recht, und sie kränkte uns in unserer beginnenden sexuellen Identität, die wir nicht als Bestechungsmaterial zum Tausch gegen männliche Zuneigung erniedrigt sehen wollten.

Und dennoch sollten diese beiden Grundbegriffe, Sex und Liebe, in ihrer Trennbarkeit zum nachhaltigen Problem für unsere Generation werden. Nur war alles nicht ganz so einfach, wie das Schulbuch es suggerierte.

Wenn wir die «Gleichung» aus dem alten Schulbuch noch einmal etwas genauer betrachten, dann sehen wir, daß ihre Faktoren in den dazwischenliegenden Jahren eine andere Gewichtung erlebt haben. Mittlerweile kann nicht mehr mit solcher Eindeutigkeit behauptet werden, daß Männer a priori eher Sex wollen oder mehr Sex wollen als Frauen. Hier hat sich, nicht nur in den Erwartungen und Einstellungen, sondern auch im tatsächlichen Verhalten, eine Änderung vollzogen. Aber die entsprechende Umformung der Gleichung hat nicht stattgefunden. Frauen wollen jetzt nicht mehr entweder Sex oder Gefühl, sondern sie wollen beides, Sex und Gefühl. Dafür kämpften sie, und die Sexualität der Frau – deren Art, Technik, prinzipielle Berechtigung usw. – war eines der Hauptthemen in der Gleichberechtigungsdiskussion der letzten 15 Jahre. Die Emotionalität des Mannes dagegen beginnt erst seit relativ kurzer Zeit eine auch nur annähernd vergleichbare Aufmerksamkeit zu erzielen. Mit einem sehr wesentlichen Unterschied. Es waren die Frauen, die sich das Recht auf ihre Sexualität erkämpften. Es sind jedoch nicht die Männer, die endlich auf ihr Recht pochen, Gefühle zeigen zu können. Sondern es sind wieder die Frauen, die hier mit Forderungen auftreten. Wäre also das Gegenstück zu der sich emanzipierenden Frau – die Sexualität in einer Weise definieren und gestalten will, die ihren speziellen weiblichen Bedürfnissen entspricht – nicht weniger der Mann, der mehr und eine den Frauen adäquatere Emotionalität will, als ganz im Gegenteil der, der auf seinem männlichen Recht besteht, Gefühle entweder gar nicht oder anders auszuleben als die Frau das von ihm will?

Wenn wir diesen Gedanken weiterverfolgen, können wir uns den Mann vorstellen, der – nachdem er, ungern, unwillig und so selten wie möglich, seine «eheliche Pflicht» der emotionalen Zuwendung absolviert hat – sich nunmehr selbstbewußt verweigert. Uns sind durchaus «Nichterfahrungsgruppen» für Männer denkbar, denen das Geschwafel von Innerlichkeit und Empfindung auf die Nerven geht. Denn ehrlich: der Mann, der mit halbgeschlossenen Augen widerwillig die x-te Beziehungsdiskussion mit seiner Lebensgefährtin über sich ergehen läßt, erinnert er Sie nicht an die viktorianische Ehefrau, die «an England dachte», wenn sie sich den unverständlichen bestialischen Bedürfnissen ihres Ehemannes unterwarf?

Männer, Opfer ihrer Erziehung, eingepanzert in ihre unbequeme Geschlechterrolle, voll der innigen Gefühle, die sie bloß nicht richtig ausdrücken können, weil sie es nicht gelernt haben und sich nicht trauen? Glauben Sie wirklich daran?

Nein, zwei andere Erklärungen liegen da viel näher: Entweder sind Männer von der Gefühlsstruktur her einfach anders ausgestattet, so daß es ihnen in Wahrheit fürchterlich auf die Nerven geht, wenn da ständig eine in ihrem Innenleben herumsucht, Abend für Abend, während sie viel lieber im Fernsehen Formel 1 sehen würden.

Oder Männer halten mit der ihnen eigenen Einstellung zur Emotionalität eine Waffe in der Hand, die sie Frauen gegenüber in eine äußerst vorteilhafte Lage versetzt.

Glücklicherweise brauchen wir uns zwischen diesen beiden Erklärungsmodellen nicht zu entscheiden. Denn unsere Reaktion sollte in beiden Fällen die gleiche sein:

Wir müssen die Männer endlich in Ruhe lassen, müssen aufhören mit unserem ewigen Eifer, sie umzugestalten, zu lockern, sie in die Familie einzubinden, mit ihnen unsere Beziehung zu klären, ihnen ihre Gefühle zu eröffnen, sie zu verändern. Mit unserer allumfassenden Liebe, die Berge versetzen soll, begraben wir in Wirklichkeit nur unsere eigene Persönlichkeit unter einem Haufen Schutt.

Wenn Frauen uns erzählen, woran ihre Beziehung krankt, so sind das meist triviale, unnötige Kleinigkeiten. Etwa: Nach jahrelangem Hausfrauendasein ergreift sie wieder einen Beruf. Ihr Mann aber äußert sich zynisch über ihre «kleine Beschäftigungstherapie» und macht sich lustig über das geringe Einkommen, das sie daraus bezieht. Oder: Eine Frau bleibt zu Hause, um die drei gemeinsamen Kinder aufzuziehen, und leidet an einer fehlenden Anerkennung ihrer Tätigkeit. «Sicher hab ich das gewürdigt», rechtfertigt sich ungeduldig ihr Mann. «Aber ich hab nicht gewußt, daß ich da noch ein großes Aufheben machen muß. Das mußte sie doch wissen, daß mir das wertvoll war.»

Ein paar freundliche Worte, Ermutigung, Verständnis für die Situation des anderen, das sind kleine Dinge. Sie kosten nichts, nicht einmal viel Zeit, und sollten eigentlich selbstverständlich sein. Wenn dermaßen triviale Dinge über Jahre vorenthalten werden, dann muß es dafür einen Grund geben.

1. Der Mann hat einfach nicht bemerkt, was seiner Partnerin fehlt.

Also, diese Möglichkeit können wir ausschließen. Es ist schlicht unmöglich, daß irgendeinem Mann nach jahrelangen «Beziehungsdiskussionen» und reichhaltiger Literatur zu diesem Thema noch verborgen geblieben ist, daß seine emotionale Zuwendung erwünscht ist.

2. Der Mann möchte schrecklich gern netter und emotionaler sein, aber er hat es nicht gelernt.

Dann ist er unbelehrbar, denn Heerscharen von Frauen versuchen seit Jahrzehnten, ihn entsprechend umzuschulen.

3. Der Mann möchte schrecklich gern netter und emotionaler sein, aber es fehlt ihm dazu die psychische Veranlagung.

4. Der Mann hat erkannt, daß ihm seine gefühlsmäßige Verweigerung ein starkes Druck- und Machtmittel der Frau gegenüber in die Hand gibt.

 

Das dritte und das vierte Erklärungsmodell klingen plausibel. Die Wahrheit liegt vielleicht irgendwo in der Mitte, zwischen einer dispositionsmäßigen Bedürfnislosigkeit im Hinblick auf Gefühle und der taktischen Erkenntnis, daß man diese Bedürfnislosigkeit noch zusätzlich kultivieren und als Machtmittel einsetzen kann. In der Fachsprache heißt das: the power of denial. Die Macht der Verweigerung, eine Macht, die daraus entsteht, daß der eine dem anderen das vorenthalten kann, was der braucht oder haben will. Für diese Macht nimmt man mitunter in Kauf, selbst ebenfalls auf etwas zu verzichten. Man ist jedoch dazu bereit, weil einem entweder der Verzicht leichter fällt als dem anderen, oder weil einem die Macht, die man daraus zieht, wichtiger ist als das, worauf man verzichtet.

Untersuchen wir also die Hypothese, daß die emotionale Unzugänglichkeit und Verschlossenheit der Männer weder ein Erziehungsunfall noch ein Mißverständnis ist, sondern ein kollektiver Vorteil, den sie sich sorgfältig bewahren. Einiges spricht für diese Theorie.

Männer. Das ist eine sehr gut funktionierende Gewerkschaft der Gefühllosen. Da gibt es keinen Leistungsdruck, denn niemand untergräbt die Solidarität eines derart niedrigen Leistungsniveaus. Nur um winzige Spurenelemente ist der eine netter als der andere.

Frauen dagegen kennen keine Solidarität in Gefühlsdingen und konkurrieren unaufhörlich miteinander um den Mann. Jede versucht, für ihn dünner, schöner, besser geschminkt, interessanter zu sein als die andere, perfekter zu kochen, die Kinder besser zu erziehen, vollkommener auf ihn einzugehen. Wie leibhaftig gewordene Werbeplakate gehen sie einher; jede will ihren Marktanteil vergrößern, der anderen einen zögernden Kunden abwerben, den Preis drücken. Junge, dynamische Betriebe überrollen gnadenlos die alten, traditionsreichen Häuser. Auf schillernde Verpackung wird mehr Wert gelegt als auf einen hochwertigen Inhalt.

Männer machen das viel besser. Um sicherzugehen, daß keiner von ihnen unbotmäßig beansprucht werden kann, haben sie einen Monopolpakt geschlossen. Sie machen sich keine besondere Mühe mit ihrem Aussehen, sondern schauen alle relativ gleich aus. Sie tragen Standardbekleidung. Sie strengen sich nicht sonderlich an und müssen es auch nicht, weil hier kein Wettbewerb herrscht. Die Kundin soll nicht groß wählen können, sondern froh sein, wenn sie überhaupt was bekommt. Und keiner soll viel besser oder netter sein als der andere, damit sie nicht drohen kann, ihn gegen ein neueres Modell einzutauschen.

Bei Frauen ist der Kunde König. Er darf umtauschen, hat unbegrenzten Kredit und wird auch dann noch von der Konkurrenz umworben, wenn er sich eigentlich schon für eine bestimmte Marke entschieden hat. Bei Männern hingegen ist die Kundin Untertan wie ein Sowjetbürger in den Zeiten vor Glasnost, der froh sein soll, daß ihm die Bürokratie gnädigerweise irgendwann irgend etwas zuteilt.

Die Verschlossenheit der Männer ist, so gesehen, keine Behinderung. Sie ist ein enormer Vorteil. Das Schweigen, die Kälte der Männer zermürbt die Frauen. Das winzigste bißchen Nettigkeit wird mit begeisterter Dankbarkeit quittiert.

Ja, die Männer haben ein Kartell gebildet. Und was verwalten sie als Produzenten in festem Verbande, um von den Abnehmerinnen einen möglichst hohen Preis zu erzielen? Was hat das Kartell der Männer anzubieten? Die Sexualität, ein menschliches Grundbedürfnis, ist Teil ihrer Produktpalette, aber bei diesem Produkt sind sie nicht nur Anbieter, sondern auch Abnehmer – das schränkt ihre Verhandlungsposition erheblich ein und setzt ihren Forderungen eine Grenze. In der Sexualität ist heute eine gewisse Parität gegeben; lange Zeit waren marktwirtschaftlich gesehen die Frauen sogar im Vorteil, weil die Männer glaubten, einen stärkeren Bedarf an dem Produkt Sex zu haben als Frauen und daher meinten, Konzessionen machen zu müssen.

Im Angebot der Männer bleiben ferner noch: der materielle Vorteil, den der Mann als besserverdienender Teil zu bieten hat, die entsprechende Aufwertung des Lebensstandards der Frau und die emotionalen Leistungen, die in einer Gemeinsamkeit und Partnerschaft erwartet werden.

Wenn wir nun diese drei Produkte betrachten, die das Kartell der Männer anzubieten hat, so fällt auf, daß zwei nur geringfügige Verhandlungsmöglichkeiten bieten. Mit seiner Sexualität kann der Mann nicht allzuviel handeln, da er hier gleichzeitig in der Rolle des Käufers und des Verkäufers auftritt oder, sagen wir es freundlicher: weil er Angebot und Nachfrage in einer Person vereint. Der materielle Aspekt ist zwar vielversprechender, und hieraus hat der Mann stets reichlich Kapital geschlagen. Frauen waren z.B. in der Position, eine Scheidung weit mehr fürchten zu müssen als ein Mann, weil dadurch viel stärker als bei ihm der gewohnte Lebensstandard und die soziale Stellung gefährdet waren. Durch die Berufstätigkeit und finanzielle Unabhängigkeit der Frau ist diese Machtposition allerdings erschüttert worden.

Als lukrativster Verhandlungsposten bleibt also die Emotionalität, das Angebot an Umgangsqualität und Gefühl. Hier schloß das Kartell eindrucksvoll und wirksam seine Reihen. Mit einer Konsequenz und Solidarität, von der Lysistrate nur träumen konnte, blocken sie ab, verriegeln sie ihr Innenleben und erpressen die Frauen mit einer gezielten Strategie der Verweigerung und Entsagung.

Wie geht man mit einem Kartell um? Eine Analogie zu anderen Kartellen, zum Beispiel dem Ölkartell, ist hier hilfreich. Man schließt sich mit anderen Käufern zusammen, um besser verhandeln zu können. Man sucht nach Schwachstellen im Kartell und bei den einzelnen Mitgliedern, um ihre Solidarität zu durchbrechen. Kann man Libyen und Saudi-Arabien nicht entzweien? Kann man Saudi-Arabien etwas bieten, um es dem Iran abzuwerben?

Das aber sind allenfalls Notmaßnahmen. In Wirklichkeit gibt es nur eine einzige Möglichkeit, erfolgreich gegen ein Kartell vorzugehen. Man sieht sich nach zusätzlichen Energiequellen um. Man macht sich unabhängig von den Lieferanten, die einen erpressen können.

Frau Herman, langjährige Mitarbeiterin einer Eheberatung, vertraute uns folgende Beobachtung an:

«Es sind meist doch die Männer – das ist mir jetzt unangenehm, das so zu sagen, aber es entspricht den Tatsachen –, die einfach gar nicht mehr zuhören. Da reden sich die Frauen den Mund fusselig, das ist egal und wenn die Kopf steht, er hört einfach nicht hin, er gibt ihr keine Antwort mehr. Männer neigen zu dieser Art Vermeidungshaltung, indem sie sagen, ‹Über den Blödsinn red ich nicht.› Oder, ein sehr häufiger Satz, ‹Das ist kein Thema.› Ja: ‹Das ist kein Thema.› Und damit ist es für ihn aus und erledigt, und der Frau bleibt der Mund offen, weil, darauf kann man eigentlich schwer etwas sagen. Und da sehe ich eine Funktion für Beratungsstellen wie unsere. Denn im Beisein von einem Berater kann das eben nicht so abgebrochen werden. Da kann das zu einem Thema werden! Oder wir forschen nach, warum das denn kein Thema sein soll, und dann zeigen sich oft sehr interessante Dinge!»

Eine ebenfalls faszinierende Aussage finden wir in einer Ehestudie aus dem Jahr 1969. Darin wird, noch ziemlich naiv und unkritisch, über die unterschiedliche Reaktion von Männern und Frauen auf Krisen in der Ehe eingegangen:

«Die Frau», zitiert das Buch einige Experten, «geht zu ihrer besten Freundin und sucht dort Rat und Mitleid. Ihr Mann hingegen ist in großer Versuchung, sich eine Freundin zu suchen, mit der er eine unverbindliche sexuelle Affäre haben kann. Das hat in seiner Situation viele Reize. Vor allem aber wird er dort nicht mit der unerträglichen Forderung konfrontiert, die Dinge zu besprechen und zu verstehen.»[*]

Die «unerträgliche Forderung, Dinge zu besprechen und zu verstehen». Dagegen die tolle Möglichkeit, unliebsame Fragen einfach als «Blödsinn» zu deklarieren, der «kein Thema» ist und über den man «nicht reden» wird. Eigentlich fügt sich das alles zu einem recht deutlichen Bild zusammen.

Über den Film «Harry und Sally» ärgerte sich der amerikanische Kolumnist Richard Cohen sehr. Am meisten ärgerte er sich über eine Szene, in der Sally ihrem Freund Harry vorführt, wie leicht es für eine Frau ist, einen akustisch überzeugenden Orgasmus vorzutäuschen. Harry hatte behauptet, ihm als richtigem Mann und tollen Liebhaber könne so etwas nie passieren. Er behauptet das bei einem gemeinsamen Abendessen, und Sally stöhnt ihm mitten im Restaurant überzeugend einen Gegenbeweis vor. Dann, meint Cohen, schaut Harry verdattert drein, und die männlichen Kinobesucher schweigen betreten und überlegen, ob ihre Partnerinnen wirklich so restlich von ihnen begeistert sind, wie sie bisher annahmen.

Doch Richard Cohen kann einer solchen schauspielerischen Leistung nur ein müdes «na und» abgewinnen. Also, schreibt er, da sind Männer nun schon wirklich die weitaus besseren Schauspieler. Sie nämlich täuschen Abertausenden von Frauen täglich abertausende Mal vor, mit ihnen innig und ernsthaft zu diskutieren, während ihre Gedanken in Wirklichkeit ganz woanders sind, «bei Dingen, über die der Mann nicht sprechen will und nicht sprechen kann». So vielen Frauen vorzumachen, daß man an Gefühlen und Beziehungen und Interaktionen und der Exegese derselben interessiert ist, «während man daneben noch Geld verdienen geht und Weltpolitik macht – das ist die echte schauspielerische Leistung».[*]

Satire? Vielleicht. Vielleicht kommt er ja irgendwann noch, der bewegende historische Augenblick, in dem endlich genug Frauen lang und ausführlich und einfühlsam genug erklärt haben, wie gern sie mit Männern in geistiger und seelischer Kommunikation zusammenleben möchten, und endlich ein plötzlicher Aufschrei des freudigen Verstehens aus den vereinten Kehlen der Männer herausjubelt und JA! sie endlich erkennen, wie nett und angenehm das ist, wie beruhigend für die Nerven und wohltuend für das Herz. So daß den Frauen kollektiv die tolle Leistung gelungen wäre – wie Helen Kellers Lehrerin – den Blinden das Sehen und den Taubstummen das Sprechen beizubringen.

Vielleicht aber werden die Männer nie, einfach nie so sein, wie wir sie gerne hätten. Vielleicht wollen sie gerade so sein, wie sie sind. Und vielleicht müssen wir ihnen das zugestehen.

2. Viele Wege führen ins Unglück oder: Frauen gestalten ihre Ehe

Männer und Frauen heiraten aus unterschiedlichen Gründen und mit abweichenden Erwartungen. Für ihn besetzt «Ehe und Familie» nur einen Teil des Lebens; berufliche Herausforderung, Ansehen und Erfolg nehmen den größeren Raum ein.

Für sie ist «Ehe und Familie» das Leben, auf das die eigene Persönlichkeit oft schmerzhaft zurechtgestutzt werden muß.

Eigentlich hatte alles so angefangen: Wir wollten ein Buch über gute Ehen schreiben. Wir dachten dabei auch an eine gewisse Propagandawirkung. Denn: wenn wir uns immer nur über unangenehme Männer auslassen, die mit ihren Frauen in schlechten Beziehungen leben, dann ist das nicht bloß entmutigend für die Frauen, sondern dient eigentlich bloß den Männern zur Rechtfertigung. Schau her, können sie dann sagen, du bist mit mir nicht zufrieden? Immerhin bin ich doch noch um einiges besser als so mancher andere, an den du statt meiner hättest geraten können. Es ist verblüffend, wie viele ehrgeizige, intelligente und kultivierte Männer sich, ohne mit der Wimper zu zucken, mit dem allerniedrigsten Niveau ihres Geschlechts vergleichen. Sie halten es sich zugute, daß sie zumindest nicht zu dem Typ Schläger und Vergewaltiger gehören. Ihre Frau könnte doch wirklich dankbar sein, daß sie nicht geschlagen, nicht mit ihrer besten Freundin betrogen, nicht mit 55 für eine 18jährige stehengelassen wurde.

Diese Frau hat kaum ein Korrektiv. Vor allem die moderne Frau konnte sich kaum wehren, wenn ihr Mann sie ganz diskret darauf hinwies, wie aufopfernd es von ihm sei, mit ihr zusammenzuleben statt mit einer der zahlreichen viel angenehmeren Frauen – den häuslicheren, den untertänigeren, den jüngeren –, die ihn jederzeit gern aufnehmen und verhätscheln würden. Denn worauf sollte sie verweisen, um ihn seinerseits an dem Angebot seiner wesentlich attraktiveren Geschlechtsgenossen zu messen?

Dieser Frau wollten wir helfen. Wir wollten ihr ein kleines Album von wirklich liebreizenden Männern in die Hand geben, damit sie eine Vision hätte von der Marschroute, die sie und ihr noch-nicht-hinreichend-lieber Liebster einzuschlagen hatten.

Gute Ehen wollten wir finden, damit all jenen, die sich in dieser Lebensform versuchen wollen, zumindest ein Rollenmodell zur Orientierung vorläge.

Wir sahen uns viele der sogenannten guten Ehen genauer an, und je mehr Interviewprotokolle wir ansammelten, desto mehr Fragen türmten sich vor uns auf.

Aber bleiben wir bei der Reihenfolge, in der die Geschehnisse stattfanden.

Was ist das überhaupt, eine gute Ehe? Spontan fallen zwei Kriterien ein, die man zur Definition heranziehen könnte. Erstens ist wohl ein bestimmter, subjektiver Zustand der Zufriedenheit ausschlaggebend. Die Partner müssen in ihrer Beziehung glücklich sein oder zumindest zufrieden. Da wir davon ausgehen können, daß nahezu alle Männer eine Beziehung eingehen in der Hoffnung und Erwartung, dieses Ziel zu erreichen, sollte als zweites Kriterium noch eine gewisse Haltbarkeit ausschlaggebend sein. Das heißt, die Betroffenen dürfen nicht bloß in den ersten berauschten Wochen ihres jungen Glücks meinen, eine gute Ehe zu führen, sondern diese Zuversicht muß auch die Zerreißproben des Alltags eine gewisse Zeitlang überdauern, bevor wir sagen können, daß es sich hier um eine glückliche Ehe handelt.

Die Tücken unseres Projekts sind bereits evident. Denn wir alle wissen, daß es sehr haltbare und langandauernde Beziehungen geben kann, die mit Glück nicht im entferntesten mehr etwas zu tun haben. Es kann Pragmatik sein oder Faulheit, die diese zwei Personen jahrelang, vielleicht ein Leben lang, zusammenhält. Es kann Resignation sein und die Angst, keine bessere Alternative zu haben. Es kann eine einseitige oder gegenseitige Verkrüppelung sein, die den einen oder beide Partner glauben läßt, ohne den verhaßten anderen nicht mehr existieren zu können. Gleichgültigkeit, Angst, Haß, Berechnung und nicht Glück und Liebe können der Grund dafür sein, daß sich die Familie am silbernen Hochzeitstag zusammenfindet. Klar also, daß Haltbarkeit allein noch keine Aussage über die Qualität einer Beziehung macht. Aber: ist Haltbarkeit denn überhaupt ein Kriterium? Können wir nur dann von einer guten Ehe sprechen, wenn sie unter dem Opfer der Nicht-Entwicklung oder zumindest einer immer auf parallele Entwicklung zurechtgestutzten Beziehung andauert? Oder kann es sein, daß man sich zwar auseinanderlebt und schließlich auseinandergeht, die Monate oder Jahre der Beziehung aber trotzdem ein guter und wertvoller Teil der eigenen Biographie waren? Daß eine Beziehung gut, aber befristet ist? Wie ist dann aber eine schlechte Ehe oder sogar grauenhafte Beziehung zu bewerten, von der man rückwirkend erkennt, daß sie einen ganz wesentlichen Beitrag zur persönlichen Weiterentwicklung geleistet hat? Viele Menschen, vor allem Frauen, finden gerade deshalb zum sozialen Engagement, zum Wiedereinstieg in den Beruf, zur Suche nach ihrer persönlichen Identität und ihren wirklichen Talenten, weil eine schlechte Ehe ihnen die Erfüllung versagt hat, die sie ansonsten ausschließlich im Privatbereich und der Familie gesucht hätten. Rückblickend sind sie dann froh, daß ihre Ehe schlecht war und sie damit aus ihrer Lethargie und Trägheit aufgerüttelt wurden, denn eine gute Ehe hätte sie darin aufgehen und eine bloß mittelmäßige hätte sie endlos dahinlavieren lassen. Können wir also letztlich das als «gute Ehe» bezeichnen, wenn wir annehmen, daß wir uns alle unterbewußt das aussuchen, was wir im Grunde brauchen?

So «brauchen» manche Menschen vielleicht eine schlechte, soll heißen, krisen- und spannungsreiche Beziehung, weil sie aus irgendwelchen psychischen Gründen diese Form von Anspannung und Konfrontation mögen? Wenn die Umwelt die Köpfe schüttelt über eine Beziehung, in der dramatische Szenen und Trennungen abwechseln mit ebenso temperamentvollen Versöhnungen und Liebesschwüren, ist das dann eine gute oder eine schlechte Beziehung?

Und andererseits: wie ist eine Beziehung zu bewerten, die haltbar und friedlich ist und in der die Beteiligten beide meinen, eine gute Ehe zu leben, in der diese Stabilität aber ganz eindeutig auf Kosten einer der beiden Beteiligten geht? Wenn eine ehemalige Schulfreundin, die früher lebenslustig, extrovertiert, ein bißchen frech, optimistisch und gesellig war, jetzt an der Seite eines sichtbar muffigen, rechthaberischen Mannes nervös, ja, in seiner Anwesenheit fast ängstlich wirkt, da er sie sofort zurechtweist, sowie sie etwas sagt? Und wenn Sie diese Freundin nur Dienstagabend in einem Lokal treffen können, weil er dann beruflich verreist ist und es ihm sonst leider nicht paßt, daß sie eine Freundin trifft – wenn diese ehemalige Schulfreundin dann meint, alle Menschen müssen Kompromisse machen und alles in allem sei ihre Ehe gut – können Sie ihr dann aus vollem Herzen zustimmen?

Aus all unseren Überlegungen kristallisieren sich schließlich mehrere Ideen zur Definition einer guten Beziehung heraus. Wir selbst wollten eine gute Beziehung so verstanden wissen, daß die Beteiligten sich darin gut und zufrieden fühlen, daß sie tendenziell haltbar ist gegenüber materiellen und psychischen Belastungen und Krisen und daß keiner der Beteiligten Kompromisse machen muß, die an die Substanz der Persönlichkeit und ihrer Wünsche und Werte gehen. Daneben wollten wir nicht ausschließen, daß vielleicht auch Beziehungen, die unsere Kriterien nicht erfüllen, unter Umständen von den Betroffenen als gute Ehen empfunden werden. Und bei dieser zweiten Gruppe entdeckten wir, daß es auch hier eine Reihe von typischen Konstellationen gibt, die manche Beziehung eher erfolgreich sein lassen als andere.

Für diese Kategorie von Beziehungen, die unseren rigorosen Standards zwar nicht entsprachen, die aber dennoch von den Beteiligten oder ihrer Umgebung mit besonderen Prädikaten der Güte versehen wurden, wählten wir die Bezeichnung «funktionierende Ehen».

Und es bildeten sich drei Typen solcher Beziehungen heraus.

Da war zum einen die Verbindung, in der es deutlich einen «Sieger» gab; und das mußte nicht immer der Mann sein. In diesen Beziehungen hat sich, oft nach vielen Jahren und manchen Schwankungen in den relativen Machtverhältnissen, der eine Partner durchgesetzt. Seine Meinung hat mehr Gewicht; er hat den größeren Stimmanteil bei wichtigen wie unwichtigen Entscheidungen; seine Dominanz ist im Zusammenleben deutlich. Der andere Partner hat sich untergeordnet, weil er die schwächere Persönlichkeit, der nettere Mensch oder weil er einfach weniger kampflustig war. Vielleicht war er über viele Jahre nach außen hin sogar der Stärkere, und der Partner verbarg mühsam seine Ungeduld und seinen Zorn, bis sich das Blatt endlich wendete und seine Stunde schlug. Nur zu leicht ist dann ein Element der Bestrafung spürbar, weil der ehemals Unterdrückte das erlebte Unrecht rächen will. In vielen lang andauernden Ehen ist dieses Muster zu beobachten: Nach der Pensionierung verliert der Mann seine Vorrangstellung, die Frau ist vergleichsweise noch rüstig und gewandter in den Beziehungen zu Freunden und Verwandten, die nun einen neuen Stellenwert besitzen. Nun steigt sie auf als die Kompetentere und managt den Alltag, während ihr Mann in ihren Schatten gerät. Oder eine Frau versucht jahrelang, mit ihrem Mann eine gleichberechtigte und freundschaftliche Ehe zu führen, bis sie müde wird und zu der Meinung kommt, es sei einfach leichter, ihm nachzugeben und nach dem Mund zu reden und ihm die männliche Vorrangstellung zu lassen, die er anscheinend so dringend braucht.

Als Außenstehender wird man diese Verbindungen nicht unbedingt für «gute» Beziehungen halten, denn sie sind im Kern ungerecht, und einer der Partner wird in seiner Persönlichkeit beschädigt. Trotzdem können die Beteiligten und ihre Umgebung der Meinung sein, dieses Paar führe eine äußerst erfolgreiche Ehe. Der Schwächere kann mittlerweile nicht nur nicht in der Lage sein, sich zu wehren, sondern auch schon zu schwach sein, um sich noch zu ärgern. Die Bevormundung kann er als eine Art von Sicherheit und Zuwendung erleben. Vor allem aber kann er meinen, daß es ohnehin nichts wirklich «Besseres» gibt als das, was er erreicht hat.

Bei dem zweiten Typ Ehe begreift sich ein Partner, fast immer die Frau, als «Korrelat» zu einem dominanteren zweiten. Diese Ehe funktioniert auf Grund eines Tauschvertrags: die Frau organisiert Familie und Privatleben und ist die Begleiterin ihres Mannes, der sie dafür materiell und sozial mitbegünstigt bei seinen Erfolgen. Dieser Vertrag hat eine lange Tradition, aber es gibt ihn in modernen Varianten. Die Journalistin zum Beispiel, die einen Diplomaten heiratet: sie gibt ihren Beruf auf, obwohl sie eigentlich eigene Ambitionen hatte, weil sich das mit dem unsteten Leben und den Schwierigkeiten, bei häufigem Ortswechsel die Familie stabil zu halten, sonst nur schwer vereinbaren ließe. Aber sie tut das absichtlich, weil sie sich davon etwas verspricht: Manches von dem, was sie sich von ihrem Berufsleben erwartet hatte, glaubt sie in dieser Weise ebenfalls zu erreichen, zum Beispiel, viel auf Reisen zu sein und interessante Leute kennenzulernen. Darüber hinaus glaubt sie, daß sie durch ihren Mann eine höhere soziale und materielle Ebene erreichen wird, als ihr aus eigener Kraft möglich gewesen wäre. Sie übernimmt die traditionelle Frauenrolle nicht deshalb, weil sie daraufhin erzogen wurde und sie für richtig hält, sondern weil sie glaubt, daß das in ihrem speziellen Fall die beste Lösung ist. Sie weiß, daß sie damit von ihren ursprünglichen Vorstellungen und Überzeugungen abweicht, aber sie tut es bewußt, in voller Absicht und, wie sie meint, in «Mündigkeit». Daher fühlt sie sich zufrieden und hält ihre Ehe für erfolgreich.

Der dritte Typus tritt in unserer Kultur überwiegend bei Prominenten auf. Ein junger, ambitiöser Mann heiratet eine Frau, die an ihn glaubt und ihn unterstützt, oder aber eine, die ähnliche Ambitionen hat wie er selbst. Diese Beziehung ist oft spannungsgeladen. Entweder ist ihm seine Frau keine gleichwertige Partnerin, und er fühlt sich durch sie in seinen Möglichkeiten beschnitten, oder sie ist ihm ebenbürtig, dann empfindet er sie als Rivalin. Die Ehe, oft auch die darauffolgenden Ehen, enden in Scheidung. Indessen geht seine Karriere stetig aufwärts, er macht sich einen Namen. Mit 50 oder 60 dann, beruflich etabliert und gesellschaftlich anerkannt, wählt er aus den ihn umschwärmenden Frauen eine neue Partnerin, die um etliche Jahrzehnte jünger ist als er, um mit ihr bis zu seinem Tod, der sie als wohlhabende Witwe zurückläßt, scheinbar glücklich und harmonisch zusammenzuleben. Curd Jürgens, Herbert von Karajan, viele Beispiele fallen einem dazu ein.

Die Nützliche

Sie ist die Frau an seiner Seite, halb hinter ihm, die unentbehrliche, die seine Socken stopft, die temperamentvollen Kinder von ihm fernhält und seine Karriere fördert. Bis zur Selbstaufgabe. Und bis er sich eine andere nimmt.

Frauen sind stolz darauf, sich einem wichtigen Mann – wobei «wichtig» wirklich ein relativer Begriff ist, gerade bei Männern, die schon Spurenelemente von persönlicher Bedeutung zu einem großen Ruhmesgebäude aufplustern können – unentbehrlich zu machen. Damit begehen sie einen Fehler. Indem sie sich nützlich und angenehm machen, reduzieren sie sich auf Funktionen und werden dabei ebenso austauschbar wie die Funktion.

Die Biographie von Virginia Haggard,[*] die sieben Jahre lang mit dem Maler Marc Chagall zusammenlebte und mit ihm einen Sohn hat, ist diesbezüglich aufschlußreich.

Als Chagalls langjährige Ehefrau Bella starb, zog seine verheiratete Tochter zu ihm, um seinen Haushalt zu führen und seinen Alltag zu regeln. Das aber war kein Dauerzustand.

Virginia Haggard trat in Chagalls Leben, weil seine Tochter Ida jemanden suchte, der ihr bei der Versorgung des Vaters behilflich sein könnte. «Idas größtes Problem bestand in der Frage, wer die Socken ihres Vaters stopfen könnte. Sie hatten sich über Monate angesammelt, da Nähen zu den wenigen Dingen gehörte, die Bella ihrer Tochter nicht beigebracht hatte.»

Virginia, die dem Bohème-Milieu entstammt, tritt in diesem günstigen Augenblick auf den Plan. Sie übernimmt Näharbeiten, um das Familieneinkommen aufzubessern, und gelangt über eine Freundin an die Socken von Chagall. Als sie die fertigen Socken dann bei Ida abgibt, kommen die beiden Frauen ins Gespräch. Ida stellt Virginia als Haushälterin für den Vater an, um selber einen langersehnten Urlaub machen zu können.

Ja, und dann entwickelt sich allmählich mehr daraus. Bellas Tod hat eine Lücke in Chagalls Leben hinterlassen, und Virginia ist durch ihre bloße Präsenz aufgefordert, diese Lücke zu füllen. Er ißt nicht gern allein, also setzt Virginia sich mittags zu ihm. Er unterhält sich gern auf französisch und hat in New York wenig Ansprache, weil er nicht Englisch kann; Virginia hört sich seine Geschichten an und erzählt ihm ihre, wenn er in seiner Malerei nicht weiterkommt und eine Pause einlegen will. Und daneben putzt sie das große Atelier und kocht seine Lieblingsgerichte, für die Ida ihr die Rezepte gibt. Virginia bemüht sich, den Haushalt zu Idas Zufriedenheit zu führen, und vor allem, sich Chagall nützlich zu machen. Dazu gehören Dienstleistungen, dazu gehören aber vor allem auch psychische Leistungen, wie Virginia erkannt zu haben glaubt:

«Ich entdeckte einen Charakterzug an ihm, der in seinem Leben eine wichtige Rolle gespielt hat: er brauchte häufig Bestätigung; nicht, weil er nicht selbst zu genau wußte, welches seine besten Bilder waren, sondern weil er wollte, daß andere Menschen sie mochten. Er holte oft die Meinung unerfahrener Menschen ein, die ihr Urteil spontaner fällten als Spezialisten. Er fürchtete sich vor Widerspruch und Unverständnis.»

In diese Bresche will Virginia springen, indem sie zu der Person wird, die immer und verläßlich Bestätigung schenkt.

Und noch etwas hat Virginia entdeckt: daß Chagall nicht allein sein kann. Da sie ihm nur tagsüber Gesellschaft leistet, bleiben die Abende und die Nächte, die er allein verbringen muß. Das möchte er ändern, und es macht Virginia nichts aus, daß diese Absichten eigentlich kaum etwas mit Liebe zu tun haben. Sie glaubt, Chagalls Psychostruktur durchschaut zu haben und darin eine Chance für sich zu erkennen, in seinem Leben Platz zu finden:

«Marc gestand, daß er erst vor ein paar Wochen eine Freundin von Ida gebeten hatte, mit ihm zu leben, nur um ihm Gesellschaft zu leisten … Sie hatte das Angebot abgelehnt, da sie einen Geliebten hatte. ‹Wie gut, daß sie ablehnte. Wir hätten uns sowieso nicht gut verstanden, aber du siehst, wie weit ich bereit war zu gehen, nur um nicht allein zu sein …›

Ich überlegte mir, daß ich bei seinem starken Verlangen nach Gesellschaft beinahe meine Chance verpaßt hätte, wenn die junge Frau nicht anders entschieden hätte.»

Es folgt eine demütigende Zeit, in der Virginia sich weiterhin als Haushälterin tarnt, weil sie und Chagall die Reaktion der Tochter auf ihr Liebesverhältnis fürchten. Anläßlich seiner Geburtstagsfeier zum Beispiel wird sie von Ida aus der Küche gerufen, um ein Glas Wodka auf das Wohl ihres «Arbeitgebers» zu trinken.

Aber Virginia hat noch eine weitere Wunschvorstellung von Marc ausfindig gemacht. Er hat ihr erklärt, wie sehr es ihn enttäuschte, als Ida geboren wurde, da er sich so dringend einen Sohn erhofft hatte. Zwar sei Ida inzwischen unendlich wichtig für ihn geworden, habe sich als richtige «Chagall» entwickelt, so daß er sich seiner ursprünglichen Enttäuschung regelrecht schämte. Aber dennoch bestand sein Wunsch nach einem Sohn nach wie vor; eine weitere Chance für Virginia, die auch prompt schwanger wird.

«Marc war über dieses unabwendbare Ereignis unserer jungen Liebe völlig außer sich. Das traditionelle Trauerjahr nach dem Tode der Ehefrau, das der jüdische Brauch vorschreibt, war noch nicht verstrichen. Dies war für Marc eine schwerwiegende Sache … Er fühlte sich Bella gegenüber schuldig und hatte Angst vor Idas Reaktion. … Zwei elende Wochen verbrachte ich mit Nachdenken, völlig verstört darüber, daß Marc das Kind ablehnte.»

Virginia bemüht sich, schließlich mit Erfolg, Marc zur Akzeptierung des Kindes zu bewegen. Unter anderem geht sie mit ihm zu einer befreundeten Handleserin, die ihn von der Schicksalhaftigkeit dieser Wende überzeugen kann. Allerdings verlangt Marc einen Preis: Virginia soll ihre kleine Tochter Jean in ein Internat geben, da ihm die Anwesenheit dieses Kindes lästig ist. Virginia ist dazu bereit, und sie beginnt ihr Zusammenleben mit Chagall auf Kosten der Tochter, die sich verzweifelt, aber erfolglos gegen ihre Abschiebung wehrt.