Im Dschungel der Gefühle - Cheryl Benard - E-Book

Im Dschungel der Gefühle E-Book

Cheryl Benard

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Beschreibung

Unsere zivilisatorischen Errungenschaften können sich sehen lassen: blitzende Einbauküchen und Toilettenkomfort, Überschallflugzeuge, soziale Marktwirtschaft und amnesty international. Wir hoffen: Zivilisation hat auch etwas mit der Zivilisierung von Menschen zu tun, mit Abnahme der Gewalt, zumindest der offen gezeigten. Irrtum. Denken und Verhalten der Menschen richten sich vielfach noch nach den Gesetzen des Dschungels: Im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen weicht die kühle Vernunft einer dumpfen Irrationalität. Der Anlaß steht in keinem Verhältnis zu der Tat. Wegen des verbrannten Schnitzels wird die Frau zu Boden geschlagen, wegen des behutsamen Vorschlags der vorübergehenden Trennung die Freundin stranguliert. Dramen spielen sich ab in Schlafzimmern mit Wolkenstores und vor eichenfurnierten Schrankwänden. Männer erheben die Knochenkeule und schleifen die Frauen an den Haaren in die Höhle. Cheryl Benard und Edit Schlaffer untersuchen das Gewaltpotential, das so oft menschliche Beziehungen bestimmt. Was läuft ab zwischen Mann und Frau, zwischen Eltern und Kindern? Was sind das für Menschen, die da in den Strafanstalten einsitzen? Monster und Bestien, wie die Boulevardpresse uns glauben machen will, oder blasse Durchschnittsbürger mit Rentenanspruch?

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EPUB

Seitenzahl: 337

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Cheryl Benard • Edit Schlaffer

Im Dschungel der Gefühle

Expeditionen in die Niederungen der Leidenschaft

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Unsere zivilisatorischen Errungenschaften können sich sehen lassen: blitzende Einbauküchen und Toilettenkomfort, Überschallflugzeuge, soziale Marktwirtschaft und amnesty international.

Wir hoffen: Zivilisation hat auch etwas mit der Zivilisierung von Menschen zu tun, mit Abnahme der Gewalt, zumindest der offen gezeigten. Irrtum. Denken und Verhalten der Menschen richten sich vielfach noch nach den Gesetzen des Dschungels:

Im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen weicht die kühle Vernunft einer dumpfen Irrationalität. Der Anlaß steht in keinem Verhältnis zu der Tat. Wegen des verbrannten Schnitzels wird die Frau zu Boden geschlagen, wegen des behutsamen Vorschlags der vorübergehenden Trennung die Freundin stranguliert. Dramen spielen sich ab in Schlafzimmern mit Wolkenstores und vor eichenfurnierten Schrankwänden. Männer erheben die Knochenkeule und schleifen die Frauen an den Haaren in die Höhle.

Über Cheryl Benard • Edit Schlaffer

Cheryl Benard, geboren 1953 in New Orleans/USA, und Edit Schlaffer, geboren 1950 im Burgenland/Österreich, leiteten als Sozialwissenschaftlerinnen die «Ludwig-Boltzmann-Forschungsstelle für Politik und zwischenmenschliche Beziehungen» in Wien.

 

Bei Rowohlt veröffentlichten sie weiterhin: «Die ganz gewöhnliche Gewalt in der Ehe»; «Das Gewissen der Männer. Geschlecht und Moral – Reportagen aus der orientalischen Despotie»; «Der Mann auf der Straße»; «Die Grenzen des Geschlechts»; «Liebesgeschichten aus dem Patriarchat»; «Männer»; «Laßt endlich die Männer in Ruhe»; «Viel erlebt und nichts begriffen»; «Sagt uns, wo die Väter sind».

Inhaltsübersicht

Die Forschungen, die ...My brother Cain, ...VorwortJedermanns Passionsspiele«Wenn s’ mir widersprochen hat, hab ich ihr halt ein Messer nachgeschmissen.»«Einmal hat’s doch ordentlich gescheppert»Auch Carmen greift zum Dolch – Gespräche im FrauengefängnisZivilcourage – ein Geschlechtsmerkmal?«Mausi – ich brauche dich»Die Justiz und die Liebe - Ehen vor Gericht«Der Aufenthalt bei den Dänen» – Exotik der ScheidungsaktenDie Rechtsprechung oder: In dubio pro homine«Mikolits gegen Mikolits» – eine GerichtsverhandlungDie neue LeidenschaftSchwarze Sexualität«Fuck it, darling» oder: Neuer Glanz an den KioskenDie Philosophie des FrauenmordesKriegsberichterstattungNachrichten von der FrontKrieg und Frieden in Genf und GelsenkirchenZur Abrüstung der Männer – Militärstrategien, zur Nachahmung empfohlenAnatomie der männlichen DestruktivitätStatt eines Nachworts: Jeannie und Walter, eine Liebesgeschichte

Die Forschungen, die diesem Buch zugrunde liegen, wurden aus Mitteln des Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank unterstützt.

Das österreichische Innenministerium, insbesondere Andreas Rudas (Büro des Ministers), ermöglichte die Durchführung durch Herstellung der nötigen Kontakte und durch große Hilfsbereitschaft.

Wir danken ferner dem Kuratorium Sicheres Österreich für Unterstützung und Interesse, der Bundespolizeidirektion Wien und insbesondere Generalinspektor Dr. Günther Bögl für die freundlich entgegengebrachte Kooperation und den Gefängnisleitungen der Haftanstalten Stein, Hernals, Floridsdorf und Scharzau für die Ermöglichung der Interviews.

My brother Cain, the wounded, liked to sit

Touching my shoulder by the staring water

Of life, or death, in cinemas half lit

By scenes of peace that always turned to slaughter.

 

 

Demetrios Capetanakis

Vorwort

Gefühle: ein leichtes, fast schwebendes Wort für einen gewichtigen, tiefgreifenden Aspekt des Lebens. Ein zu einfacher Begriff, wenn wir an die kaleidoskopische Vielfalt dessen denken, was er so lässig einzuschließen vorgibt: Liebe und Haß, Sehnsucht und Abneigung. Triviale und heftige, sanfte und stürmische, positive und vernichtende Gefühle gibt es, und das ist erst der Anfang.

Wie steht denn der Mensch zu seinen Gefühlen? Daß es sich um ein gespanntes, unklares Verhältnis handelt, ist unwiderlegbar. Das zeigt sich schon darin, daß der Begriff Gefühle nicht, wie die meisten anderen wichtigen Begriffe unserer Sprache, einen Gegensatz kennt, sondern zwei, deren einem eine gute und deren anderem eine schlechte Bedeutung zugeordnet ist. Der Gegensatz von heiß ist kalt, von gut böse, aber bei den Gefühlen wird aus der ordentlichen Dialektik der Gegensätze eine verworrene Dreiecksgeschichte: Als Gegenstück zu Gefühl gilt sowohl «Verstand», etwas Positives, Erstrebenswertes, als auch «Gefühllosigkeit», auch Gefühlsarmut, Gefühlsleere, lauter erschreckende Zustände – oder Gefühlskälte: Schon das Wort läßt die Seele erstarren und macht sogar dem Verstand Angst, denn ein gefühlskalter Mensch scheint uns auch dort bedrohlich, wo es nicht um Gefühle geht, sondern die reine Vernunft angesprochen ist. Warum eigentlich? Weil das Gefühl von Gemeinsamkeit oder die Gemeinsamkeit von Gefühlen uns mehr verbindet als die Gemeinsamkeit des menschlichen Verstandes? Weil Gefühle das Verhalten letztlich vorhersehbarer und verständlicher steuern als der Verstand? Weil wir die reine Vernunft für mindestens so gefährlich und bedrohlich halten wie das entfesselte Gefühl?

Wenn es um Gefühle geht, dann spielt immer auch die Dosierung eine Rolle. Gefühlvoll, das ist schon recht, vor allen Dingen im häuslichen, im zwischenmenschlichen Bereich, gefühlvoll zu sein ist eine notwendige Eigenschaft auch von sensiblen Künstlern. Menschen jedoch, die Autorität haben und respektiert werden sollen, müssen davon frei sein. Wer gefühlvoll entscheidet, entscheidet mitunter auch zum eigenen Nachteil und zeigt somit Schwäche gegenüber denjenigen, die rein nach dem Verstand handeln und verhandeln: Ein gefühlvoller Politiker, so müssen wir befürchten, fällt feindlichen Propagandisten zum Opfer und liefert uns dem Gegner aus. Gefühlsbetont, auch vor Entscheidungen unter diesem Etikett nehmen wir uns lieber in acht. Ein Überschwang der Gefühle gar, das ist etwas für den Frühling, für die Jugend, für die erste Verliebtheit. Wer etwas auf der Gefühlsebene durchsetzen will, weckt die Assoziation von Tränen, von kleinlichen Ängsten oder Unbeherrschtheiten.

Wichtiger als die Dosierung ist vielleicht die Relation – das Verhältnis zwischen Gefühl und Verstand? Ein perfektes Gleichgewicht läßt unter Umständen keine Handlung zu; der eine oder andere Aspekt muß das Übergewicht bekommen und die Entscheidung herbeiführen. Mit welchen Folgen? Auch hier stoßen wir nur auf Widersprüchlichkeiten. Wenn wir sanfter handeln als normalerweise, dann stecken Gefühle dahinter. Wenn wir brutaler handeln, als zu erwarten ist, dann aber auch. Gefühle kräftigen die Vernunft, stärken die Selbstbeherrschung, dämmen die Gewalt ein. Aber: Gefühle schalten die Vernunft aus, vernichten die Selbstbeherrschung, entfesseln die Gewalt. Gefühle sind gefährlich. Gefühle sind aber auch peinlich, sentimental. Gefühle sind banal; Herz und Schmerz reimt sich auf vorfabrizierten Glückwunschkarten.

Und dann gibt es noch die Leidenschaften. Sie gehören schon eher ins Reich der Pathologien. Es wird getötet aus Leidenschaft, vernichtet und zerstört und getobt. Trotzdem wird sich kaum jemand finden, nicht einmal unter den kühlsten Logikern, der sich freiwillig dazu bekennen wollte, gänzlich leidenschaftslos veranlagt zu sein. Gefühle und Leidenschaften und die Taten, die in ihrem Namen begangen werden: sie sind unser Thema.

Die Schauplätze, an denen sie inszeniert werden, erstaunten uns im Lauf unserer Nachforschungen nicht weniger als die Apparate, die in unserer Gesellschaft die Aufgabe übernommen haben, die Leidenschaften zu verwalten und ihre Opfer zu versorgen.

Wie ist das alles zu bewerten? Die Leidenschaften der Zwischenmenschlichkeit, ein Orkan, unberechenbar, unkontrolliert, sich des Körpers und des Willens der Menschen bemächtigend wie ein Voodoo-Geist seiner willenlosen Zombies? Oder ist da doch irgendwo noch die Vernunft, die Berechnung ausschlaggebend? Um der Beantwortung dieser Frage näherzukommen, mußten wir versuchen, einen möglichst gefühlsfreien Blick auf die Welt der Gefühle zu werfen, um festzustellen, wie sich hier die Rollen und Aufgaben verteilen. Wer empfindet mit welchen Konsequenzen für seine Umgebung welche Gefühle?

Je mehr wir uns mit Gefühlen befaßten, desto mehr begriffen wir, daß sie keineswegs so spontan und willkürlich sind, wie auch wir angenommen hatten.

 

Daß Gefühle und Leidenschaften in engem Zusammenhang stehen mit dem gesellschaftlichen Zusammenleben und seinen Regeln und bis zu einem bestimmten Punkt auch nach seinen Gesetzen ablaufen, erkennen wir an der Art, in der diese Gefühle tatsächlich ausgelebt und ihre Konsequenzen verwaltet werden. Verwaltet, ja, denn mit den realen Folgen der Gefühle befassen sich in der Regel nicht, wie wir vielleicht meinen würden, die Dichter und Träumer, sondern viel prosaischere Instanzen des Alltags: der Scheidungsrichter, die Polizei, der Journalist der Lokalredaktion.

Gefühle erweisen sich, sobald wir die Dichtung beiseite lassen und ihren tatsächlichen Effekt im realen Leben wirklicher Menschen betrachten, als Bestandteil einer pragmatischen Inventarliste, die Vor- und Nachteile und Macht und Schwäche unter den Zusammenlebenden aufteilt. Wir wollen in diesem Buch versuchen, die politische Analytik um eine Kategorie zu ergänzen, die unverständlicherweise stets ausgeklammert wird: die Kategorie der Gefühle. Wir werden dabei der These nachgehen, daß diese Kategorie eine unverzichtbare analytische Dimension darstellt: daß Gefühle nur im Zusammenhang mit der jeweiligen politischen Relation verständlich sind (d.h. der Macht, die mittels der Gefühle errungen, überwunden oder ausgeschaltet werden soll).

Die Wurzel jeder politischen Beziehung, und daher auch jeder politischen Analyse, ist die Frage nach der Macht. Macht etabliert und erhält sich mittels der Gewalt, der Abhängigkeiten und der Ideologie. Gefühle sind eine Dimension der Macht: Sie können Gewalt erzeugen oder mindern, sie gehen einher mit emotionaler und materieller Abhängigkeit, und sie bilden selber eine wirksame Ideologie.

Durch Gefühle lassen sich Mitmenschen beeinflussen, läßt sich ihr Verhalten steuern, lassen sich sogar soziale Realitäten – z.B. eine «Familie» – schaffen. Ohne Ausnahme geschieht jede Interaktion auch durch die bewußte Erzeugung eines bestimmten Gefühls. Dabei haben die Beteiligten durchaus einen gewissen Spielraum, der durch die Situation und ihre jeweiligen Persönlichkeiten, aber auch durch ihr individuelles Machtpotential gestaltet wird.

Nehmen wir z.B. eine «sachliche» Beziehung, die Beziehung zwischen einem «Chef» und seiner Sekretärin. Der Chef möchte, daß die Sekretärin eine Stunde länger im Büro bleibt und noch einige wichtige Briefe schreibt. Er erzeugt in ihr das Gefühl,

1. daß er ein sehr wichtiger, autoritativer Mensch sei, der eine bedeutende Aufgabe zu erfüllen habe, weshalb sie verpflichtet sei, ihm dabei zu helfen, oder

2. daß er ein netter, angenehmer Mensch sei, dem sie aus dieser Patsche helfen sollte und der dann gelegentlich im umgekehrten Fall auch einmal ein Auge zudrücken wird, etwa wenn sie früher heimgehen will, oder

3. daß irgendein über ihnen beiden stehender Vorgesetzter ihnen gemeinsam diese lästige Arbeit aufgedonnert hat, die sie nun als Gleiche so rasch wie möglich hinter sich bringen sollten.

Es gibt sehr viele Gefühlsvarianten, die der Chef hier erzeugen kann und die andererseits die Sekretärin vorbeugend oder in Reaktion auf solche Anforderungen hervorrufen kann, wobei sie sich jeweils auch der Konsequenzen des gewählten Gefühls bewußt sein müssen.

Natürlich sträuben wir uns zu glauben, daß Kalkül und Berechnung in den persönlicheren Beziehungen eine Rolle spielen. Aber es ist so. Nehmen wir eine typische Situation des Zusammenlebens: Sie entdecken, daß Ihr Partner heimlich ein Verhältnis zu einer anderen Person unterhält. Möglich, daß ein spontanes Gefühl Sie überwältigt: Trauer, Zorn, Enttäuschung etc. Wie Sie dieses Gefühl aber vermitteln und ausleben werden, hängt von Ihren bewußten Überlegungen ab. Wenn Sie verständnisvoll und vorwurfsfrei reagieren, kommt er/sie dann eher zu Ihnen zurück, oder faßt er/sie das dann eher als stillschweigende Erlaubnis auf, auch in Zukunft weiterhin solche Verhältnisse zu haben? Ist es vielleicht besser, ihm/ihr eine abschreckende Szene zu machen? Möglich, daß Sie auch mit einer echten Affekthandlung reagieren; diese Affekthandlung aber ist in aller Regel das Ergebnis vieler vorangegangener Aktionen, die letzten Endes doch ein eindeutiges Muster ergeben, an dessen Ende dann diese Extremhandlung gesetzt wurde.

Um dieses Muster zu erkennen, sind Extremfälle besonders gut geeignet; deshalb interessierten uns vor allem die extreme Situationen, in denen Gefühle besonders deutlich und mit klar erkennbaren Folgen ausgelebt wurden. Bei unseren ersten Versuchen, hinter extremen Handlungen die Logik politischer Berechnungen zu erkennen, kamen wir allerdings schnell ins Schleudern. Wenn ein gewalttätiger Mann über ein eingebildetes oder ein echtes «Vergehen» seiner Frau so sehr in Rage gerät, daß er sie umbringt und anschließend eine Haftstrafe von fünf Jahren zu verbüßen hat, dann hat er doch immerhin einen Preis gezahlt für sein «unkontrolliertes» Verhalten – oder? Selbst wenn seine Gewalt sich in kontrollierteren Grenzen hält, ist sie nicht immer zielführend. Sicher, manche Frauen lassen sich gewalttätiges Verhalten über einen langen Zeitraum gefallen und verhalten sich, dadurch eingeschüchtert, in der gewünschten untertänigen Weise. Aber andere ziehen die Konsequenzen und gehen, ein vom Mann unerwünschter Effekt. Und wenn sie bleiben, leidet dann nicht auch der Mann darunter, daß seine Angehörigen ihn fürchten, vielleicht sogar hassen?

Bei diesem scheinbaren Widerspruch verweilten wir ratlos einige Zeit und konnten das Rätsel erst mit Hilfe eines befreundeten männlichen Militärstrategen lösen. Der, von uns zwecks Entschlüsselung des uneinsichtigen männlichen Verhaltens konsultiert, schüttelte nur den Kopf ob solcher Naivität und wies uns auf unseren grundlegenden Denkfehler hin. Seit wann, fragte er ungeduldig, ist der Ausgang einer Kampfhandlung denn schon von vornherein klar? Seit wann erlebt denn nur der Verlierer Verluste? Wer einen Krieg beginnt, geht zwar davon aus, daß er eine reale Chance hat zu gewinnen, aber er muß auch Risikobereitschaft aufbringen und den Willen, Verluste hinzunehmen. Und außerdem: Welche Kriege lassen sich, von außen betrachtet, als sinnvoll und ihre Opfer als gerechtfertigt einstufen? Doch nur die wenigsten. Es geht um Macht, nur das trifft verbindlich auf alle Kriege zu.

Natürlich ist es bedrückend, das menschliche Zusammenleben vor allem auf der privaten Ebene von einer solchen Perspektive aus zu betrachten. Aber leider ist es so, daß Macht – und der Kampf für oder gegen sie – nicht erst dort beginnt, wo sich Hunderttausende als Völker und Nationen gegenüberstehen. Die einzelnen Menschen, die diese Völker bilden, sind leider das Problem. Und so hat unsere politische Analyse der Gefühle leider auch eine ganz konkrete politische Bedeutung: Wenn nicht einmal zwei oder drei Menschen, miteinander gefühlsmäßig fest verbunden, friedlich zusammenleben können, wie soll das dann auf der Ebene der Staaten funktionieren? Friedfertige Einzelpersonen, die nur durch eine schreckliche Massensuggestion zu kriegerischen Feinden werden, das ist ein wenig überzeugendes Bild, auch wenn wir als einzelne gern daran festhalten würden. Statistiken aus allen westlichen Industrieländern enthalten die deprimierende Bestätigung für die Friedensunfähigkeit des Menschen: 50 bis 60 % aller Morde finden im engeren Familienkreis statt. Es werden mehr Kinder von den eigenen Eltern getötet als im Straßenverkehr.

Dennoch: Sie halten die Kriegsanalogie für unpassend? Blättern Sie mit uns in den Akten der Polizei und der Gerichte: Die Berichte von Amnesty International über Folter in lateinamerikanischen Diktaturen heben sich noch wohltuend zivilisiert ab von dem, was man dem Allernächsten hier bei uns zufügt. Gewalt- und Mordfälle im Familienkreis sind nämlich gerade dadurch gekennzeichnet, daß keine Schonung, keine Rücksichtnahme, keine Gnade waltet.

Anton G. lauert seiner Freundin, die sich von ihm trennen will, vor ihrem Büro auf. Sie sieht ihn nicht, er kommt von hinten auf sie zu und erschießt sie mit sieben Kugeln in den Hinterkopf – ein Stil der Hinrichtung, der selbst in den rauhesten Unterweltkreisen auf Mißbilligung stößt: Niemand soll von hinten erschossen werden.

Ein Wehrloser wird nicht getötet. Bei der Ex-Ehefrau und Mutter der zwei gemeinsamen Kinder wird eingebrochen mit dem Ziel, sie im Schlaf zu töten. Sie erwacht von den ersten beiden Messerstichen, die der ehemalige Gatte ihr zufügt. Tötet man den schlafenden Gegner?

Wer die Akten vor sich liegen hat, dem wird es schwerfallen, die Kriegsassoziation wieder loszuwerden:

«Er hat seine Lebensgefährtin durch Zufügen zahlreicher wuchtiger Fußtritte gegen Gesicht, Brust und Bauch getötet. Er hat ihr danach die Kehle durchgeschnitten.»

«Er hat seine Ehefrau durch einen heftigen Stich mit einem Küchenmesser gegen den Nacken und durch längerandauerndes Würgen am Hals getötet.»

«Er hat seine Lebensgefährtin durch wuchtige Hiebe mit einem Hammer und einer gefüllten Weinflasche getötet.»

«Er hat seiner Ehefrau eine Schlinge um den Hals gelegt, während diese schlief, und sie erdrosselt. Anschließend hat er seine sechs Wochen alte Tochter in der Badewanne ertränkt.»

«Er hat seine Lebensgefährtin erdrosselt und ihre Kehle mit einem Bajonett durchstoßen.»

Und was waren die auslösenden Momente für diese Extremhandlungen? Die «Fußtritte gegen Gesicht, Brust und Bauch» geschahen, wie das Gerichtsurteil den Täter zitiert, «in Züchtigungsabsicht». Eine Ehefrau wird durch «Schläge mit dem Kleiderbügel, Fausthiebe und Fußtritte gegen den Kopf getötet», weil sie den in den Morgenstunden heimkehrenden Gatten zur Rede stellt.

Der 35jährige Arbeiter, der seine Ehefrau während eines Hafturlaubes «zu Tode peitscht und prügelt, ihr anschließend die Schamhaare versengt und Verkehr ausübt», tat es laut Aussage «aus Eifersucht», weil er vermutete, daß sie während seiner Inhaftierung sicherlich fremdgehe.

Durch Messerstiche in Kopf, Nacken, Schulter, Gesicht und Bauch wird die 29jährige Verkäuferin getötet, wegen «Klingeln des Telefons», wie es im Gerichtsurteil vermerkt wird. «Der Mann vermutete einen Nebenbuhler und versuchte die Frau durch einen Messerstich in den Oberarm daran zu hindern, den Telefonhörer abzunehmen. Sie wehrte sich gegen ihn, und er stach auf sie los.»

Die 23jährige Sekretärin trennt sich von ihrem Freund. Daraufhin kommt er mit einem Freund in ihre Wohnung, schlägt sie und befiehlt seinem Freund, sie ebenfalls zu schlagen. Dann vergewaltigen beide Männer sie mehrfach.

Die Intimität einer Ehe, einer Liebesbeziehung. Die Beschreibungen der Gerichtsmediziner machen eine perverse Intimität deutlich:

«Durch Versetzen von mehrfachen Messerstichen, und zwar in den Außenwinkel der rechten Augenbraue mit Verletzung der Augenhöhlenwand und Eröffnung des Nasenraumes, sowie fünf Stichen in den Rücken mit Läsionen der Lunge, Eröffnung des rechten Herzvorhofes, Durchsetzung des Zwerchfelles und Verletzung von Magen und Leber vorsätzlich getötet.»

Die fast pornographisch anmutenden Formulierungen der beigelegten Autopsieberichte drängen die Frage auf, wie es möglich ist, so mit einem Körper umzugehen, den man doch einmal geliebt hat. Extremfälle, Wahnsinnige, Perverse.

Wir wollen nicht davon reden, wie sich im «echten» Krieg der «Durchschnittssoldat» gegenüber der weiblichen Zivilbevölkerung des Feindes verhält. Hier geht es um Verhalten in Friedenszeiten. «Ich bring dich um!», «Ich erschlag dich!» Für die Polizei gehört es zu den täglichen Aufgabenstellungen zu entscheiden, wann diese Sätze ernst zu nehmen sind – und wann sie bloß zum «normalen» Umgangston von Liebenden gehören, die sich gerade streiten. «Unmutsäußerung im Streit», heißt es sachlich und beschönigend im Vokabular von Polizei und Staatsanwalt. Gefühle und Leidenschaften toben nun mal im Privatbereich; dafür muß man Verständnis haben, es ist normal.

Gefühle erzeugen Ausnahmezustände, davon geht auch die Exekutive aus. Auch der Krieg stellt eine Extremsituation dar: Hassen, Töten, Besiegen, Zerstören. Und dennoch werden auch ganz sachliche Interessen erkämpft, Machtverhältnisse geklärt oder verteidigt. Die Verhältnisse, die der Krieg schafft, bleiben für eine gewisse Zeit erhalten.

Die Sieger herrschen, die Besiegten ordnen sich unter, bis irgendwer das durch Gewalt errichtete Arrangement in Frage stellt und aufbegehrt oder bis der Sieger meint, seine Herrschaft vielleicht noch ein Stückchen ausdehnen zu können.

Die offiziellen Statistiken wie auch unsere Fallgeschichten zeigen, was nicht überraschen wird, eine klare Rollenverteilung: Mit ganz wenigen Ausnahmen sind es Männer, die gewalthafte Emotionen ausleben, und Frauen, die zum Ziel dieser Aggressionen werden. Sollten wir uns also Gedanken über biologische Veranlagung, Sozialisation, X- und Y-Chromosomen usw. machen, um der Gewalt auf den Grund zu gehen? Auf die Frage nach den Ursprüngen der männlichen Gewaltbereitschaft kommen wir im letzten Kapitel zu sprechen, dort, wo es um die Möglichkeit der Abrüstung geht. Daß wir von Abrüstung sprechen, verrät schon, daß wir an biologistische Erklärungen nicht glauben. Die Ursprünge für das Gewaltverhältnis sind, als Anhänger der Methode einer politischen Analyse sind wir davon fest überzeugt, in der Struktur der politischen Realität zu finden, in einer Ordnung, die, natürlich mit Hilfe solcher Instrumente wie geschlechtsspezifischer Sozialisation, kultureller Wertung usw., mit allen verfügbaren Mitteln um ihren Fortbestand kämpft. Sowohl die Über- als auch die Untergeordneten sind dabei bestrebt, die Auseinandersetzung auf eine Ebene zu bringen, von der sie sich einen Vorteil versprechen; und bei der Gewalt z.B. sind die Männer eindeutig im Vorteil.

Daraus folgt, wie schon viele Weltreiche der Vergangenheit lernen mußten, noch lange nicht die Unausweichlichkeit ihrer Vorherrschaft. Schon viele Großmächte, nicht bloß die Männer, bemühten sich mit allen Mitteln um die Weltherrschaft, um sich danach dankbar mit einer Entente cordiale zufriedenzugeben.

Jedermanns Passionsspiele

«Ich bring dich um», das ist ein Satz, der in Beziehungsstreitigkeiten und Krisen immer wieder fällt. Manchmal wird er in die Tat umgesetzt. Wir gingen in die Gefängnisse, um sie uns anzusehen, die Killer aus Leidenschaft. Was wir fanden, war nicht der Stoff, aus dem die großen Epen sind.

Auch Männer, deren Zornausbruch nicht gleich den Tod der Partnerin zur Folge hatte, mußten mitunter mit einer Verurteilung rechnen. Auch sie besuchten wir in den Haftanstalten.

Und die Frauen? Auch Carmen greift bisweilen zum Dolch.

Warum?

Der wesentliche Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Tätern lag in der Einschätzung der eigenen Tat und der subjektiven Reaktion darauf. Zwar ähnelten sich Männer wie Frauen darin, daß sie in bezug auf ihre Tat keine besonders heftige Reue zeigten. Das kann daran liegen, daß sie ihre Geschichte schon so oft erzählen mußten, so oft mit ihr in den Zeitungen und vor Gericht konfrontiert wurden, daß sie allmählich ein völlig distanziertes Verhältnis dazu erhielten. Trotzdem gab es Unterschiede. Die Frauen hatten den Eindruck, aus einem persönlichen Mangel heraus ihre mitverschuldete Notlage nicht anders bewältigen zu können als durch Gewalt. Sie töteten aus Schwäche einen in fast jeder Hinsicht Stärkeren, der seine Überlegenheit über einen sehr langen Zeitraum hindurch extrem mißbraucht hatte. Fast immer hatte die Frau versucht, auf anderem Wege von dem Mann loszukommen, war aber von ihm durch unmittelbaren Zwang daran gehindert worden. Fast immer hatte er sie vorher körperlich mißhandelt, geschlagen und bedroht.

Bei den Männern war es anders. Sie töteten, entweder weil sie in extremer Erregung oder unter Alkohol die eigene Gewalt und Kraft nicht richtig einschätzen konnten oder weil all ihre Versuche, die Frau von ihrem Wunsch nach Trennung abzubringen, gescheitert waren und sie ihren Besitz lieber vernichteten, als ihn jemand anderem zu überlassen. Sie fühlten sich im Recht, letztlich, weil sie «als Mann» gehandelt hatten: resolut und kraftvoll.

Die Frauen akzeptieren in der Regel die Verantwortung für ihre Tat und die damit verbundene Strafe. Die Männer stellen alles als eine große Ungerechtigkeit, einen Justizirrtum oder als Folge eines ungeschickten Anwalts dar und fühlen sich viel zu hart bestraft.

Ein weiterer Unterschied zeichnet sich ab. Die Frauen sahen die Ursache für die Katastrophe darin, daß man sich nicht mehr verständigen konnte. «Man konnte mit ihm nicht reden.» Er war ständig betrunken, er wurde sofort zornig, wenn man irgendein Problem besprechen wollte, er kam nie nach Hause, usf. Die männlichen Täter bestätigen diese weiblichen Klagen: «Ich wollte eigentlich immer nur, daß sie aufhört zu reden und ich mich hinlegen kann», erinnert sich Herr Kiesel, der in seinem Wunsch nach Ruhe schließlich das ewige Sprechbedürfnis seiner Frau mit einer Hacke beendete. Er hätte auch anders seine Ruhe haben können; Frau Kiesel wollte nichts weiter, als sich von ihm zu trennen. Das wollte er nicht; er wollte seine Frau behalten, er wollte nur, daß sie aufhört zu reden. «Jetzt fängst du schon wieder damit an», «Laß mich doch in Frieden damit», skandiert der Männerchor, und der Refrain der Frauen lautet: «Ich will jemanden, mit dem ich sprechen kann.»

Wenn wir mehr Sympathie für die Frauen empfinden als für die Männer, dann deshalb, weil es nichts gab, was die Frauen hätten tun können, um die Situation zu verbessern, aber sehr viel, was die Männer hätten tun können. Die Frauen lieferten ihr kleines Zusatzgehalt brav ab, kümmerten sich ganz allein um die Kinder, versorgten den Haushalt recht und schlecht, borgten bei Verwandten Geld und versuchten immer wieder, den Mann dazu zu bringen, nicht mehr zu trinken, sie und die Kinder nicht mehr zu mißhandeln. Wenn das alles nichts half, konnten sie nichts anderes tun, als die Scheidung einzureichen. Dann konnten sie ihm noch eine letzte Chance geben und noch eine und dann noch eine dritte.

Um Ihren Fragen zuvorzukommen: Ja, wir entdeckten auch einen Mann, der das Gespräch mit seiner Partnerin

suchte. Sie war vor seinen Angriffen ins Frauenhaus geflüchtet. Dort brach er über das Dach ein, um 2 Uhr früh, als alle schliefen. Er fand seine Frau und riß sie aus dem Bett. Sie schrie und lief ins Bad. Er verfolgte sie und stach zweimal mit dem Messer zu. Die Polizei wurde alarmiert und umstellte das Haus. Er wurde überwältigt und festgenommen. Seine Frau, die einen Stich in die Lunge und einen in den Oberarm bekommen hatte, übersiedelte in eine andere Stadt, um ihm zu entfliehen. Der Mann bekam eine Haftstrafe von vier Jahren. In der Haftanstalt zeigte er sich empört über die ungerecht hohe Bestrafung: «Ich verstehe nicht, daß das Gericht meiner Frau geglaubt hat. Sie behauptete, ich hätte sie umbringen wollen. Aber dann hätte ich sie ja nicht zuerst aufgeweckt. Das beweist doch, daß ich mit ihr reden wollte.»

«Wenn s’ mir widersprochen hat, hab ich ihr halt ein Messer nachgeschmissen.»

Die Haftanstalt Stein liegt in Krems, einer schönen alten österreichischen Provinzstadt, eine Stunde von Wien entfernt. Das Gefängnis besteht aus einer Kombination von sehr modernen neuen Anstaltstürmen und einigen alten Gebäuden. Auf dem Gefängnisgelände steht auch eine sehr schöne alte Kirche. Stein ist die Anstalt, die Österreichs «schwere Fälle» beherbergt. Entsprechend gründlich sind die Sicherheitsvorkehrungen – die automatischen Türen, die sich erst öffnen, wenn die nach außen führenden Türen schon verschlossen sind, die Fernsehkameras, die jeden Winkel beobachten. Stein ist mehr als eine Institution, es ist fast eine eigene Kleinstadt. Es gibt Betriebe, Ausbildungsstätten, eine Bibliothek. In der Werksküche, in der wir mit dem uns betreuenden Beamten Mittag essen, servieren Häftlinge. Und der Beamte erzählt uns, wie viele Metallgabeln, Messer und sonstige Objekte von den Inhaftierten verschluckt werden, in der Hoffnung, dann auf die Krankenstation zu kommen, von der sich’s leichter flüchten läßt.

 

Der Anstaltsleiter selbst, der uns die Interviewpartner vermitteln wird, sitzt vor einem Aktenberg und blättert nachdenklich darin. Wer ist beredt genug, um für uns interessant zu sein? Wen könnte ein Gespräch mit jungen Damen aufmuntern, denn ja, auch das muß er berücksichtigen als Anstaltsleiter. Den Maler, der seine Freundin erwürgte und sie anschließend in einen Aufzugschacht warf, nein, den lieber nicht; der ist äußerst sensibel, wenn man den «nur antupft», ist er «wochenlang zurückgezogen», das wäre nicht gut. Der Anstaltsleiter ist, das muß fairerweise sofort gesagt werden, ein sehr positiver und vernünftiger Mensch. Mit einigen Verwandten seiner Insassen, die während unseres Besuches zufällig anrufen, spricht er nett und geduldig: die Arbeit, stets ausbruchslustige Gewalttäter in einer möglichst konfliktfreien «Gemeinschaft» zusammenzuhalten, ist sicherlich sehr schwierig. Trotzdem berührt es uns merkwürdig, daß er sich um die Sensibilitäten eines Menschen Gedanken macht, der lieber nicht darüber spricht, daß er seine ahnungslose Freundin drei Monate nach der Trennung mit einem Seidenschal erdrosselte.

Schließlich wird eine Gruppe ausgewählt. Die potentiellen Interviewpartner werden gefragt, ob sie zu dem Gespräch bereit sind; alle sind es, da vermutlich im Anstaltsalltag jede Ablenkung dankbar angenommen wird.

 

Wir sitzen im Nebenraum des Besucherzimmers und notieren aus den Akten der Inhaftierten das Urteil, die wichtigsten Punkte aus dem psychologischen Gutachten und den Hergang, der zur «Tat» führte.

Die meisten der Männer, die wegen eines «Tötungsdelikts» in dieser Anstalt inhaftiert sind, haben eine ihnen nahestehende Frau – Ehefrau, Lebensgefährtin, Freundin oder ehemalige Freundin – umgebracht. Einige töteten auch das dazugehörige Kind, entweder weil sie in einen allgemeinen Vernichtungstaumel geraten waren oder weil das Kind zufällig dazugekommen war und in einer Kurzschlußhandlung als «Zeuge» ausgeschaltet werden sollte. Nur ein winziger Prozentsatz der Männer hat diesen Mord aus den objektiven Beweggründen begangen, die bei Fernsehkrimis am häufigsten unterstellt werden. Es ging nicht um Erbschaften, Grundstücke, Juwelen: Es ging um Gefühle.

Eine «begreifliche heftige Gemütsbewegung» – was ist das? Die Ermordung der eigenen Partnerin ist eine absolute Extremhandlung. Kann es für sie denn begreifliche Gründe geben, begreiflich in dem Sinn, daß Richter und Geschworene den Täter nicht als bloßen Mörder verstehen, sondern als Durchschnittsmann, den Gefühle überwältigten, die einsichtig und nachvollziehbar sind?

Beim Lesen der Akten fühlten wir uns in eine Welt ohne Konturen, ohne feste Orientierungsmöglichkeiten versetzt. Hier ist die Wahrheit relativ, und die Wertvorstellungen sind die einer Welt, die anders ist als die sachliche, logische Industriegesellschaft, in der wir sonst leben. Die Industriegesellschaft setzt Gerichte ein und baut Strafanstalten, beschäftigt Polizeibeamte und Gutachter und Experten und Geschworene, die die Erkenntnisse der Logik zugänglich machen sollen, aber die verschiedenen Dimensionen überlagern sich nur zu einer verschwommenen Vielfalt von Wahrheiten, ohne daß eine sich durchsetzen könnte.

 

Ein Mann und eine Frau verlieben sich und heiraten. Nach einigen Jahren trennen sie sich, weil sie das Zusammenleben nicht bewältigen und die ständigen Konflikte nicht ertragen können. Damit aber ist die Beziehung nicht beendet. Sie versuchen es noch einmal, leben nach der Scheidung wieder zusammen. Die Konflikte und Streitereien, meist über Kleinigkeiten, setzen sich fort.

Der Mann wirft der Frau vor, einen Freund zu haben. Sie schlägt vor, daß sie sich wieder trennen sollen, da es ja doch nicht funktioniert. Der Mann unterstellt der Frau, sich nach einem anderen Mann umzusehen, der ihr mehr bieten kann: sie will ihn nur verlassen, weil er kein Auto hat. Wahrscheinlich habe sie einen Freund, der ein Auto besitzt. Streit gab es schon oft, aber diesmal hat der Mann damit gerechnet. Er zieht eine Pistole heraus, zielt sorgfältig und erschießt seine Frau.

Vierzehn Tage zuvor hat er ihr damit gedroht, jetzt hat er die Drohung wahrgemacht. Seine Frau hatte die Drohung nicht ernst genommen; dieser Mann, mit dem sie seit zehn Jahren zusammenlebte, verwendet die Drohung nur umgangssprachlich vage, im Streit, dachte sie.

Warum wurde sie umgebracht? Im Jähzorn? Nein, die Mitnahme einer Pistole sprach für den Vorsatz. Aus verletzter Eitelkeit, weil das Auto (oder vermeintliche Auto) des (vermeintlichen) Geliebten ihn in seiner Männlichkeit traf? Weil er ein unbeherrschter und gewalttätiger Mensch war? Nein, denn dann hätte es in seinem Leben schon früher eine Entgleisung geben müssen. Aus Angst, daß sie ihn diesmal endgültig und wirklich verlassen würde? Wie kam er auf diese Idee, «endgültig» war gerade in dieser Beziehung bisher nie etwas gewesen. Oder gibt es in Beziehungen keinen «Neuanfang», sammeln sich alle Konflikte, Kränkungen, Spannungen, Drohungen an, bis eine Grenze erreicht ist und es zum Bruch kommen muß – oder zur Explosion?

Aufgabe des psychiatrischen Gutachters ist es, diese Fragen zu stellen und Antworten zu geben. Doch auch hier handelt es sich nicht um Fakten, die ermittelt werden können. Es geht um Gefühle, und auch die Gefühle oder Mitgefühle des Gutachters bestimmen, welche Beurteilung sich ergibt. Beim obengenannten Fall zeigte der erste Gutachter Verständnis.

Der Psychiater streicht heraus, daß sich die Frau «gegenüber ihrem Mann gefühlsmäßig sehr ambivalent verhalten habe und daß es demzufolge beim Angeklagten wohl zu einer erlebnisreaktiven Entwicklung (Affektkrise) gekommen sein kann». Er schränkt allerdings ein, dies könne «nur vermutet, aber nicht bewiesen werden». Die Affektkrise werde allerdings «durch die reifliche Überlegung der Tat und die sorgfältige Vorbereitung relativiert».

«Gefühlsmäßig ambivalent» – auf welche Beziehung trifft das nicht irgendwann zu, ohne daß sie mit Totschlag beendigt würde?

Der zweite Gutachter, ein Neurologe, ist demgemäß auch schon viel skeptischer:

Der Mann bringt vor, daß seine Frau einen Freund gehabt habe. Der Neurologe gibt zu bedenken, das sei doch ihr Recht gewesen, als geschiedene Frau. Der Angeklagte stimmt zu, er hätte sich nur gewünscht, die Wahrheit zu wissen. Der Neurologe fragt, woher er das mit dem Freund erfahren habe. Der Mann sagt, daß seine Frau es ihm selber gesagt habe. Ja, aber dann hätte er doch ohnehin die Wahrheit gewußt, entgegnet der Neurologe. Ja, sagt der Mann, aber sie hätte so unklar herumgeredet. Er könne sich nur vorstellen, daß ihr Freund ein Auto gehabt habe. Er selber habe keins. Ihm sei gewesen, als ob er zwischen zwei Mühlsteinen stecke, zwischen dem Freund und ihr. Dargelegt wird dem Untersuchten (durch den Neurologen), daß man kein Recht auf Liebe habe. Selbst wenn man ein Recht hätte, moralisch und rechtlich, könne man nicht so vorgehen, daß man glatt jemanden umbringt. Er hätte doch selber auch schon ein Verhältnis gehabt, wie bei der Scheidung damals herausgekommen sei. Der Untersuchte protestiert, er habe damals nur die Schuld auf sich genommen, weil ein Kavalier das eben so mache.

Seine Aufgabe formuliert der Neurologe wie folgt: «Bei einer Tat mit Eifersuchtshintergrund ist grundsätzlich eingehend zu prüfen, ob Wahnideen vorliegen. Die Frau hatte einen Freund, also bestand kein Wahn.» Daß die Frau zunächst «unklar herumgeredet» habe, findet der Neurologe nicht ungewöhnlich. Viele Personen sind «aus Schonungsabsichten dem Partner gegenüber vorsichtig» mit solchen Offenbarungen. Bemerkenswert sei daran nur, daß diese Vorsicht von einer Frau demonstriert wurde, denn nach seiner Erfahrung widerspreche das dem sonst üblichen Geschlechterverhältnis: «Allerdings pflegen meist die Männer sich unklar hinhaltend zu äußern, während fast immer die Frauen den raschen, exakten, energischen Schlußstrich ziehen, zu dem Männer selten fähig sind.» Insgesamt hat er einen negativen Eindruck: «Persönlichkeitsbild: von sich selbst enorm überzeugt, sich selbst sehr hoch wertend.»

Dieses «Gutachten» verdeutlicht die Summe von Verallgemeinerungen, Annahmen, persönlichen Impulsen und Mystifizierungen, die auch bei Experten die Beurteilung bestimmen.

 

Gefühle: wenn die Inhaftierten damit schon nicht umzugehen verstanden, die Gutachter und Experten konnten es ebensowenig. Ihre Versuche der Interpretation machen deutlich, daß sie immer wieder von falschen Voraussetzungen ausgehen.

Am Frühstückstisch entsteht ein Bagatellstreit, der damit endet, daß der Mann die Frau durch 65 Stiche mit dem Fleischmesser tötet. Die Polizei findet ein Blutbad vor. Ein Gutachter mutmaßt, die «geistige Überlegenheit der Frau habe den Mann zum Mörder gemacht». Eine altmodische Ausdrucksweise, der man in den Akten nur noch selten begegnet. Denn die neuen Formulierungen, die auf dasselbe hinauslaufen, finden unverfänglichere Ausdrücke. So unverfänglich oft, daß man meinen könnte, es handle sich um das Werk abgebrühter Zyniker.

«Erlebnisreaktive Entwicklung» heißt es zum Beispiel, wenn eine Ehefrau von ihrem Mann, dem Vater ihrer Kinder, im Schlaf erwürgt und dann auf dem Dachboden aufgehängt wird, um einen Selbstmord vorzutäuschen. Die neutralisierende Sprache mag ein Versuch sein, mit Vernunft des Wahnsinns Herr zu werden, aber sie hat auch den Effekt, Schuld und Unschuld, Brutalität und Tragik zu verwischen und verschwinden zu lassen. Die polizeilichen Gutachten und die gerichtsmedizinischen Beschreibungen sind zwar schrecklich in ihrer Sachlichkeit, aber die psychologischen Gutachten mit ihrem Anschein von abgeklärtem Fachwissen sind noch grausamer in ihrer Bagatellisierung.

«Emotionell eher labil», ja, das dürfen wir annehmen bei einem Mann, der seine Frau, nachdem er sie ermordet hat, noch vergewaltigt und in Brand steckt. «Reduzierte Hemmfähigkeit», «intellektuell knappe Begabung», «Verlustängste einhergehend mit Zerstörung des Selbstbewußtseins», «zu Primitivreaktionen neigend», «charakterneurotische Persönlichkeit», «projizierte in seine Partnerin ein Über-Ich», «Verharmlosungsneigung», «Minderwertigkeitsgefühle», «neurotische Eifersucht», das wird wohl alles zutreffen, wenn einer seiner Freundin mit Stiefeln das Gesicht eintritt, die sechs Wochen alte Tochter ertränkt, die geschiedene Ehefrau im Schlaf ermordet.

Ein Mann hat seine Nachbarin und deren Schwester, erschossen, nachdem sie sich weigerten, mit ihm sexuelle Beziehungen zu haben. Der Gutachter:

«Gerade an sich ruhige Menschen, die in der Regel durchaus geneigt sind, sich der Konvention zu fügen, können bei enttäuschenden Situationen einer Frau gegenüber, nicht unter den Augen der Öffentlichkeit, sondern im privaten Rahmen, extreme Aktivitäten entwickeln.»

«Extreme Aktivitäten», so kann man es auch nennen, wenn einer zwei Frauen erschießt, die ihn vertrauensvoll als Nachbarn in die Wohnung ließen, aber dann nicht mit ihm schlafen wollten. Man findet in den Akten nicht mehr die offen sexistischen Aussagen von früher. Heute läuft das subtiler ab.

Ein Mann tötet seine Frau durch vielfache Messerstiche und würgt sie noch lange, nachdem sie schon tot ist. Schon seit geraumer Zeit hatte sie die Absicht, sich von ihm zu trennen, hatte aber aus Angst vor seiner Reaktion immer wieder gezögert. Heute hat sie behutsam vorgeschlagen, sich probeweise zu trennen, bloß für einen Monat, um Klarheit zu gewinnen über die Gefühle zueinander. Der Mann braucht diese Bedenkzeit nicht, er hat schon Klarheit. Wenn sie ihn verlassen will, soll auch kein anderer sie haben. Die Akte drückt Widersprüchliches aus. Einerseits hält der Begutachter den Mann für «affektlabil, reizbar, eitel, anerkennungsbedürftig». In der Gesprächssituation erlebt er ihn als «emotional sehr bewegt, sehr klaghaft und depressiv und leidenschaftlich», obwohl er sonst eher einen «stillen und zurückhaltenden Eindruck» macht. Andererseits befindet das abschließende Urteil, der Mann habe sich in einer «allgemein begreiflichen heftigen Gemütsbewegung» zur Tat hinreißen lassen. Ein starkes Stück ist das eigentlich, was unsere Gerichte uns zumuten. Als «eine allgemein begreifliche heftige Gemütsbewegung» wird der Gemütszustand eines Mannes verständnisvoll interpretiert, der erfährt, daß seine Frau ihn verlassen will, oder einen anderen Freund hat, oder sonst in irgendeiner Weise seine Leidenschaften entfacht.

Zum Beispiel, indem sie ihm «geistig überlegen» ist. Oder indem sie auf andere Art und Weise aufbegehrt gegen die Ordnung, mit der eine Supermacht ihren Kleinstaat überzogen hat.

 

Nachdem wir die Akten studiert haben, nehmen wir unsere eigene Gutachtertätigkeit auf.

Wir sprechen mit den «Tätern» in einem verglasten Raum direkt neben dem Besucherzimmer. Hinter einem Schreibtisch im Besucherraum, mit dem Rücken zu uns, sitzt der Aufsichtsbeamte. Durch das Fenster sieht man die sehr schöne alte Kirche, die beim Bau der Haftanstalt einfach ins Gelände integriert wurde und deren Turm nun überragt wird von den Wachtürmen dieser sichersten Haftanstalt Österreichs.

Es ist ein merkwürdiges Gefühl, jemandem gegenüberzusitzen, der einen Menschen getötet hat. Der innere Zwiespalt artikuliert sich in dem Unbehagen, mit dem man wohlerzogen, die Umgangsformen wahrend, die ebenso wohlerzogen hingestreckte Hand schüttelt.

***

Karl Micko ist höflich, nervös wie beim Vorstellungsgespräch im Rahmen einer Bewerbung, im Gespräch beflissen. Er erzählt ernsthaft und bemüht, wirklich so, als würde er seinen Lebenslauf gerne möglichst ausführlich bei einem Stellengesuch präsentieren.

Karl war das vierte von neun Kindern. Sein Vater war Polizeibeamter, sein Cousin und zwei seiner Brüder sind ebenfalls bei der Polizei. Deshalb schämt sich Karl, wie er sagt. Er bedauert die Schande, die er über seine Angehörigen gebracht hat.

Karl wuchs in einer ländlichen Kleinstadt auf. Mit zwanzig lernte er eine Frau kennen, die nach einem halben Jahr schwanger wurde. Er trennte sich von ihr, aber sie mußte das Kind bekommen, denn ihre katholische Familie hätte niemals eine Abtreibung gestattet. Kurz nachdem er sich von ihr getrennt hatte, lernte er eine andere Frau kennen, seine spätere Ehefrau. Sie wurde fast sofort schwanger. Er hat sie dann geheiratet, weil er meinte, daß zwei ledige Kinder auf einmal einfach zuviel seien. «Aber mögen hab ich s’ auch», fügt er hinzu.

«Im großen und ganzen war mei Frau recht brav», urteilt er nach einer kurzen nachdenklichen Pause, in der er offenbar ihr Verhalten während der zehnjährigen Ehe vor seinem Geiste Revue passieren ließ. Nur dann, nach zehn Jahren, ging es unübersehbar dem Ende zu; Hilde lernte einen anderen kennen, die Scheidung wurde eingereicht. Statt mit einer Scheidung endete die Ehe dann damit, daß Karl seine Frau mit zwanzig Messerstichen tötete.

Es ist unser erstes Interview mit einem Täter, und wir wissen zunächst nicht, wie wir genau zum Thema kommen. Es fällt uns keine passendere Formulierung ein für die Frage «Warum haben Sie ihre Frau umgebracht?» Wir vermeiden den Ausdruck «umgebracht» und fragen eher: «Wie kam es ‹dazu›?» Die Männer, denen der Gedanke an ihre Tat schon vertraut ist, haben diese Hemmungen nicht. Sachlich und kompetent schildern sie Tathergang und Mordverlauf und zitieren dazu noch aus den Gutachten der Psychiater und den Sätzen der Richter. «Ich hab eine affektlabile Persönlichkeit», vertraut einem dann der Bauarbeiter aus dem burgenländischen Dorf an. Und im nächsten Satz seine eigene, persönliche Selbsteinschätzung: «Ich war ein gutmütiger Trottel, aber jähzornig.» Vielleicht sind die beiden Begriffe wirklich letztlich bedeutungsgleich.

Die zwanzig Stiche mit dem Küchenmesser sind nicht die erste Gewalttat in der Ehe zwischen Karl und Hilde. Karl war, wie gesagt, «jähzornig». Und zwar «erstaunlicherweise» – so sieht es Karl – meist, wenn es um etwas völlig Triviales ging. Wenn es sich dagegen z.B. um den erheblichen Schaden handelte, den seine Frau leichtsinnigerweise bei einem Autounfall verursachte, dann war er meist gelassen und verständnisvoll. «Wenn s’ mir aber widersprochen hat» oder «wenn s’ mir alte Knödel vom Vortag serviert hat», dann konnte es passieren, daß Karl ihr «ein Messer nachschmiß» oder sie zusammenschlug. Wenn das vorkam, ging sie manchmal heim zu ihrer Mutter, in ganz ernsten Fällen zu seinen Eltern. Die Polizei hat sie nie gerufen, denn «sie wollt mir net’s Leben verhauen» durch eine Anzeige. Am Tag nach der jeweiligen Entgleisung hat sich Karl meist «furchtbar geniert vor ihr», ein Effekt, der leider nie sehr lange anhielt. Außerdem war seine Reue geschwächt durch das Gefühl, daß Hilde eigentlich ein «sehr schönes Leben hatte», schöner vielleicht als sein eigenes. Er mußte jeden Tag arbeiten gehen, sie aber hatte nur ein Kind zu versorgen, und selbst dieses Kind war die halbe Zeit über bei der Schwiegermutter. Daß sie da nicht einmal bereit war, ihm jeden Tag etwas Gutes zu kochen, und ihm statt dessen Knödel vom Vortag aufbriet, das konnte ihn in Rage bringen. Vor allem, wenn er getrunken hatte, und das war oft der Fall. Dafür konnte er nichts, meinte Karl, denn für einen Brauereilieferanten gehörte das Trinken fast zum Geschäft. Das freundschaftliche Glas, das seine Kunden ihm bei der Lieferung anboten, konnte er nicht immer ausschlagen. «Ich hatte eine alkoholbedingte Wesensveränderung», sagt er noch dazu. Der Fachausdruck aus dem Protokoll gleitet ihm kompetent über die Lippen.