9,99 €
Die ‹Männerfrage› gibt es nicht – zumindest nicht für Männer. Sie sehen keine Veranlassung, über sich selbst nachzudenken, es sei denn spielerisch, zum Zeitvertreib. Denn andere nehmen ihnen diese Aufgabe ab: die Frauen. Frauen denken pausenlos und unaufhaltsam über Männer nach. 80 Prozent der Denkkapazität von Frauen wird von Männern absorbiert, wird an Männer verschwendet, wie auch immer man es sehen will. In diesem Bad fraulicher Aufmerksamkeit suhlen die Männer sich trotzig, die jungen und die alten, die Karrieremacher und die Latzhosenträger, die Linken und die Rechten, die mit Aktentaschen oder mit Ring im Ohr. Über die Beziehung nachzudenken ist – ebenso wie Plätzchenbacken und Kinderkriegen – Frauensache. Aber die ‹neuen› Männer? Sie können stricken, die Diskussion über die Frauenfrage ist ihnen geläufig, sie beherrschen die geburtshilfliche Atmung. Aber sonst? Was spielt sich in den Männergruppen ab? Warum entgleisen sie so leicht in wehmütige Zelebrierungen archaischer Männlichkeit? Was ist denn nun neu an dem neuen Mann? Eines bestimmt: Auch den Feminismus weiß er noch für sich zu nutzen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 370
Veröffentlichungsjahr: 2017
rowohlt repertoire macht Bücher wieder zugänglich, die bislang vergriffen waren.
Freuen Sie sich auf besondere Entdeckungen und das Wiedersehen mit Lieblingsbüchern. Rechtschreibung und Redaktionsstand dieses E-Books entsprechen einer früher lieferbaren Ausgabe.
Alle rowohlt repertoire Titel finden Sie auf www.rowohlt.de/repertoire
Cheryl Benard • Edit Schlaffer
Viel erlebt und nichts begriffen
Die Männer und die Frauenbewegung
Ihr Verlagsname
Die ‹Männerfrage› gibt es nicht – zumindest nicht für Männer. Sie sehen keine Veranlassung, über sich selbst nachzudenken, es sei denn spielerisch, zum Zeitvertreib. Denn andere nehmen ihnen diese Aufgabe ab: die Frauen. Frauen denken pausenlos und unaufhaltsam über Männer nach. 80 Prozent der Denkkapazität von Frauen wird von Männern absorbiert, wird an Männer verschwendet, wie auch immer man es sehen will.
In diesem Bad fraulicher Aufmerksamkeit suhlen die Männer sich trotzig, die jungen und die alten, die Karrieremacher und die Latzhosenträger, die Linken und die Rechten, die mit Aktentaschen oder mit Ring im Ohr. Über die Beziehung nachzudenken ist – ebenso wie Plätzchenbacken und Kinderkriegen – Frauensache.
Aber die ‹neuen› Männer? Sie können stricken, die Diskussion über die Frauenfrage ist ihnen geläufig, sie beherrschen die geburtshilfliche Atmung. Aber sonst? Was spielt sich in den Männergruppen ab? Warum entgleisen sie so leicht in wehmütige Zelebrierungen archaischer Männlichkeit?
Cheryl Benard, geboren 1953 in New Orleans, und Edit Schlaffer, geboren 1950 im Burgenland, leiteten als Sozialwissenschaftlerinnen die «Ludwig Boltzmann-Forschungsstelle für Politik und zwischenmenschliche Beziehungen» in Wien. 1981 gründeten sie die Menschenrechtsorganisation «Amnesty for Women». Darüber hinaus versuchen sie seit Jahren unerschrocken, die Männer zu bilden, die Frauen rebellischer zu machen und die Gesellschaft zu verändern.
Die Männerfrage existiert nicht, hat nie existiert und wird in voraussehbarer Zeit auch nicht existieren, zumindest nicht für Männer. Die Männer haben keine Veranlassung, über sich selber nachzudenken, es sei denn spielerisch, zum Zeitvertreib. Andere nehmen ihnen diese Aufgabe ab: die Frauen. Frauen denken pausenlos und unaufhaltsam über Männer nach. Feministinnen denken darüber nach, warum die Männer so aggressiv sind und wie man sie verändern könnte. Mädchen denken darüber nach, wie sie ihren Freund von seiner Freundesgruppe loseisen können. Ehefrauen denken darüber nach, warum Ehemänner so lieblos sind. Und darüber, warum ihre Männer nicht mehr Zeit mit ihnen verbringen, so selten mit ihnen sprechen, eine andere Frau attraktiver finden könnten, sich an den ersten Falten stoßen. 80 Prozent der gesamten Denkkapazität von Frauen ist auf Männer konzentriert bzw. an Männer verschwendet, je nachdem, wie man es sehen möchte.
In diesem Bad fraulicher Aufmerksamkeit suhlen sie sich trotzig: die Jungen und die Alten, die Karrieregeier und die Latzhosenträger, die Linken und die Rechten, die mit Aktentasche oder mit Ring im Ohr. Über die Beziehung nachzudenken ist, ebenso wie Stricken, Plätzchen backen und Kinder kriegen, Frauensache.
Aber die neuen Männer? Stricken können sie, die Diskussion über die Frauenfrage ist ihnen vertraut, geschickte Hebammengriffe beherrschen sie, aber sonst? Genug der Einleitung – wenn auch die Männer nicht über sich selbst sprechen, ihre Lebensgestaltungen sprechen für sie.
Nur wenn Männer sich änderten, würde sich auch in der Gesellschaft etwas tun. Männer beschäftigten sich interessiert mit dem Feminismus. Frauen hofften. Was kam dabei heraus?
Wenn die Männer sich in ihrem Selbstverständnis nicht änderten, würden die Bemühungen der Frauenbewegung ohne Auswirkung auf die Gesellschaft bleiben; das war klar von Anfang an. So wurde den Männern der Feminismus unterschiedlich serviert: insistierend von rebellisch gewordenen Partnerinnen, als amüsante Zeiterscheinung durch Massenmedien und spöttische Kommentare, anregend als neues Thema von Romanen und Geschichten.
Manche Männer wurden durch diese Frauenbewegung auch ganz schön verunsichert. Sie wurden von Frauen verlassen, die im Zuge ihrer «Selbstfindung» die Lust am Partner verloren. Sie sahen sich verdattert einer Schar von organisierten Militanten gegenüber, die sich im Büro, im Stammlokal oder sogar im Wohnzimmer trafen, und zu denen die eigene, früher so treue, Sekretärin, Freundin oder Ehefrau gehörte.
Aber die Verunsicherung dauerte nicht lange an. Bald formierten sich die Männer wieder, einzeln und in Gruppen, um mit dieser Herausforderung fertig zu werden. Dabei zeigte sich, daß sogar die progressiveren Männer es verstanden, sich geschickt aus der Affäre zu ziehen. Nach anfänglichen Widerständen nämlich entdeckten sie rasch, daß sie dieser unerfreulichen Kulturerscheinung eine höchst positive Seite abgewinnen konnten. Man mußte das Ganze bloß in die Hand nehmen. Früher hatte man die kleine Frau mit männlichen Ideologien im Griff gehalten. Warum sollte das nicht auch mit weiblichen Ideologien gehen?
Die Frauen konservativer Männer hatten Angst vor der Mißbilligung ihrer Männer, wenn sie zu sehr in den Dunstkreis des Feminismus gerieten. Die Frauen progressiver Männer hingegen konnten verunsichert werden durch die Unterstellung, sie seien ja gar nicht wirklich feministisch, sondern noch tief in ihrer rückständigen und ängstlichen Erziehung verhaftet.
Wir wollen es gleich vorwegnehmen: wir sind nicht zufrieden mit dem Neuen Mann. Die Schwarzen in Amerika behaupten oft, ein eingefleischter Rassist aus dem Süden sei ihnen noch lieber als ein verlogener Liberaler aus dem Norden, der dieselben Vorurteile bloß besser zu tarnen versteht. Wir sehen hier eine gewisse Parallele zu manchen Männern, die uns im Zuge der Recherche über den Weg liefen. Auf den eigentlichen Inhalt reduziert, belief sich ihre Philosophie nämlich ungeachtet der emanzipatorischen Formulierungen auf genau die Art von Frauenbild, die der schlimmste Reaktionär sich heute kaum mehr zugestehen würde. «Frei»-gemacht hat sich der neue Mann lediglich von den Hemmungen und Höflichkeiten, die beim traditionellen Mann noch eine gewisse Schonung der als schwach wahrgenommenen Frau bewirkten, und die sich aus den überlieferten moralischen Vorstellungen ableiteten. Dem Neuen Mann dagegen ist alles erlaubt.
Die Türen werden einem ins Gesicht geknallt, am Arbeitsplatz muß man sich explizite sexuelle Angebote gefallen lassen, und nach der Scheidung können Frauen sehen, wie sie zurechtkommen, da Unterhaltszahlungen ebenfalls als nicht mehr zeitgemäß auf ein Minimum reduziert wurden. Insgesamt hat die Gleichberechtigung bei den Schutzvorrichtungen und Privilegien weit mehr «erreicht» als bei den Chancen und Zugangsmöglichkeiten zu Berufen und Entscheidungspositionen.
Der Neue Mann wünscht sich eine Frau, die nichts kostet und für die er nicht verantwortlich ist, die ihm gar keine Einschränkungen seiner – vor allem sexuellen – Freiheit auferlegt, die ungehemmt ist und ihn nicht mit irgendwelchen Bedenken über Abtreibung, Mehrfachbeziehungen u.ä. belästigt. Sie packt freundlich ihre Koffer, kehrt in die eigene Wohnung zurück und läßt nie wieder von sich hören, vor allem nicht in Form von Klagen, Unterhaltsforderungen und Tränen, wenn die Beziehung ihn zu langweilen und in seiner persönlichen Entwicklung einzuschränken beginnt.
So meint ein sogenannter progressiver Mann, 40 Jahre alt, geschieden, Vater von drei Kindern:
«Die Bedürfnisse der Frauen sind ja auch oft ganz andere als die, die sie vorgeben zu haben. Ich habe auch Beziehungen mit Feministinnen gehabt. Die waren zwar ideologisch sehr konsequent, im Bett aber bemerkte man schnell, daß sie ganz ausgeprägte emotionale Bedürfnisse hatten, die sich nicht mit ihren radikalen Grundsätzen deckten. ‹Die Wahrheit zeigt sich immer im Bett›, heißt es so schön, und meiner Ansicht nach ist das zutreffend. Diese Unfähigkeit, die Ideologie im eigenen Leben durchzusetzen, sollten diese Frauen sich eingestehen.»
«Ich habe auch immer diese Feministinnen abgelehnt, bei denen ich bemerkt habe: bei denen geht alles nur durch den Kopf und nicht durch den Körper. Dagegen habe ich mich bei Feministinnen wohlgefühlt, bei denen ich gespürt habe: hier spielt es sich auf der gefühlsmäßigen Ebene ab.»
«Ich habe mich nie zu einem Opfer machen lassen. Mit aggressiven, verbitterten Feministinnen habe ich mich deshalb auch überhaupt nicht beschäftigt.»
«Ab und zu lese ich auch ein feministisches Buch. Vor allem die authentischen Bücher sprechen mich an – diese sind sehr ehrlich. Dagegen kann ich mit diesen schlechten, pubertären Büchern, in denen nur beschrieben wird, wie eine Frau mit ihrer Geilheit lebt, überhaupt nichts anfangen.»
«Ich bin der Meinung: Wenn man einmal mit irgend jemandem ein gutes Verhältnis hat, einen tollen Abend verbringt, warum soll man dann nicht mit dieser Person schlafen? Vom andauernden Beziehungswechsel halte ich persönlich überhaupt nichts. Das heißt aber nicht, daß ich keine sexuellen Kontakte zu anderen Frauen habe. In gewisser Weise möchte ich gerne mit jeder Frau, die eine Freundin für mich ist, wo eine ‹Wärme› gegeben ist, schlafen. Für mich ist das jedoch eine Form von Alltagskultur und stellt keine Beziehung dar.»
«Ich will mich auch nicht mehr mit so ganz Jungen abgeben und mich mit ihnen abplagen – diese stecken noch zu sehr in Entwicklungsphasen.»
«Mit meiner geschiedenen Frau hat es einfach sexuell nicht geklappt. Außerdem hatte ich das Gefühl, daß ich mich nicht mehr weiterentwickeln kann.»
Diese apodiktischen Sätze, aneinandergereiht, zeigen bereits eine bemerkenswert pragmatische Sichtweise, unbeirrt trotz ihrer vielen Widersprüchlichkeiten. Fassen wir zusammen:
Positiv an der Frauenbewegung ist, daß die Frau selbständiger wird und nicht mehr betreut werden muß. Gut ist auch der veränderte Stellenwert der Sexualität. Eine sexuelle Beziehung gilt nicht mehr als hohe Verbindlichkeit, sondern als Teil der Persönlichkeitsäußerung und des Umgangs mit anderen Menschen überhaupt.
●Lästig ist, daß die Frauen sich trotz der vermeintlichen Befreiung nicht an diesen Anspruch halten, sondern Erwartungen hegen, die der Unverbindlichkeit widersprechen. Selbst die Feministin verspricht hier mehr, als sie letztlich hält; geht man eine sexuelle Beziehung mit ihr ein, entpuppt sie sich oft genug als anlehnungsbedürftige und Verbindlichkeit erwartende Frau klassischer Manier.
●Andererseits aber ist gerade diese Emotionalität an Frauen so erholsam und angenehm. Die übermäßig intellektuelle Frau, die ihre Empfindungen zu sehr unter Kontrolle hält, bietet nicht das, was man sich von der Weiblichkeit an Regenerationserlebnis verspricht. Ist sie so kontrolliert und Kopf-orientiert wie ein Mann, dann kann man sich bei ihr nicht mehr «Gefühl holen».
●Die Auseinandersetzung mit der Emanzipation der Frauen ist nur dort wünschenswert, wo sie angenehm ist. Dort z.B., wo sie größere Freiräume verspricht, oder wo sie, vermittelt über Romane, dem Leser Unterhaltung und Einblicke in weibliche Erlebniswelten verspricht. Dort, wo sich Konfrontationen und Infragestellungen des eigenen Verhaltens oder Unbequemlichkeiten irgendeiner Art abzeichnen, ist sie zu meiden.
●Entwicklungsmöglichkeiten sind dann etwas Positives, wenn sie den eigenen Wünschen entgegenkommen, z.B. bei der Verteidigung des Anspruchs auf sexuelle Freiheiten. Sie sind etwas Negatives, wenn sie Mühe machen, weil sie von der anderen beansprucht werden. Kurz, man könnte sagen, die eigene Entwicklungsfreiheit ist positiv, die Entwicklungsbedürfnisse anderer sind lästig und negativ.
●Welche Bedürfnisse progressiv und damit berechtigt sind und welche nicht, entscheidet dabei der Neue Mann. Das Bedürfnis nach emotionaler Sicherheit ist nicht berechtigt. Das Bedürfnis nach sexueller Entfaltungsfreiheit ist berechtigt. Das Abschütteln einer zu bürgerlichen Ehefrau ist berechtigt. Frauen hingegen, die sich allzu geschmacklos der «Geilheit» schuldig machen, sind abstoßend.
●Das Gleichgewicht zwischen den anziehenden alten, weiblichen Tugenden und den neu geforderten Freigebigkeiten zu halten, fällt Frauen nicht leicht. Deshalb empfiehlt es sich, mehrere bereitzuhalten und öfter zu wechseln.
Männer und Frauen scheinen also etwas anderes in der Beziehung zu suchen, scheinen unterschiedlich stark betroffen zu sein – und das gilt auch für die feministischen Frauen. Das kann zu unangenehmen Situationen führen, kann aber auch geschickt zum eigenen Nutzen des Neuen Mannes benutzt werden.
Nehmen wir den Fall Lydia und Anton.
Anton ist zum Zeitpunkt des Gesprächs 25 Jahre alt und Student der Soziologie:
«Ich bin in München aufgewachsen. Mein Vater war Angestellter, meine Mutter war Hausfrau. Die Beziehung meiner Eltern kam mir eigentlich sehr gut vor. Mein Vater war z.B. immer bereit, im Haushalt mitzuhelfen, und es war eher meine Mutter, die das nicht wollte. Zu Hause war meine Mutter die stärkere Figur, und beide Eltern gingen sehr freundschaftlich miteinander und mit uns Kindern um.
Meine erste Mädchenbeziehung hatte ich mit 17, das Mädchen war gleich alt. Mit Unterbrechungen hat diese Beziehung sechs Jahre gedauert. Mit ihr habe ich auch die ersten sexuellen Erfahrungen gemacht. Wir haben selten gestritten. Wenn wir einen Streit hatten, dann wirkte sich unser unterschiedlicher Konfliktstil sehr stark aus. Ich habe immer eher verstandesgemäß agiert, sie eher gefühlsmäßig. Das hat zur Folge gehabt, daß ich den längeren Atem hatte, weil mir die Argumente nicht so schnell ausgegangen sind. Sie hat sich von mir überrumpelt, überredet, übergangen gefühlt. Ich war aber nicht gewillt, ihren gefühlsbetonten Stil zu akzeptieren, geschweige denn, mich auf ihn umzustellen.
Ein großer Streitpunkt war zunächst, daß ich mit ihr schlafen wollte, obwohl sie keine Lust dazu hatte und mich deshalb immer wieder abwies. Dadurch habe ich mich ungeliebt gefühlt und war beleidigt. Ich versuchte, sie zu überreden, und setzte sie wohl auch unter Druck.
Diese Beziehung war die ersten drei Jahre lang auch ‹ausschließlich›. Danach haben wir beide auch andere sexuelle Kontakte gehabt, wobei der Feminismus keine unwesentliche Rolle gespielt hat. Das sollte ich wohl näher erklären.
Ich habe mich immer schon für Dinge interessiert, die außerhalb des Schulalltags lagen. Eine Zeitlang z.B. interessierte ich mich sehr für Religion, später für die Gastarbeiterfrage usw. Ich war eigentlich immer auf der Suche nach etwas Neuem. So hat sich auch mein Interesse für die Frauenbewegung ergeben. Irgendwie ist mir Alice Schwarzers Buch ‹Der kleine Unterschied und seine großen Folgen› in die Hände gefallen. Ich weiß noch, daß ich damals 18 war und ziemlich begeistert von dem Buch. Ich hab es auch der Lydia zum Lesen gegeben, ich wollte, daß sie sich auch damit auseinandersetzt. Sie hat damals ziemlich trotzig reagiert auf mein Insistieren, daß sie es lesen soll, obwohl sie später viele feministische Bücher gelesen hat.
Für unsere Beziehung war dann auch noch ein zweites Buch wichtig. ‹Die offene Ehe› von den O’Neills. Ich hatte schon seit längerem das Bedürfnis, auch mit anderen Frauen zusammenzusein. In diesem Buch fand ich die Argumentation dafür, um zu rechtfertigen, daß ich mit anderen Frauen zusammensein konnte, ohne daß es das Ende unserer Beziehung bedeutet hätte.
Auch dieses Buch gab ich Lydia zu lesen. Wir haben theoretisch viel über offene Beziehungen diskutiert. Ich muß gestehen, daß ich sie damals ziemlich unter Druck gesetzt habe, meinen neuen Ideen zu folgen – in diesem Fall der ‹offenen Beziehung›.
Auf diese erste Beziehung folgte unmittelbar eine zweite, ebenfalls wieder längerfristige Beziehung, die – was die Frage der ‹Offenheit› betrifft – ähnlich verlaufen ist. Auch diese Freundin ist Feministin, aber sie war es schon von Anfang an. Während aber Lydia eher zur Richtung ‹Uni-Feminismus› gehörte, gehört meine jetzige Freundin der Richtung des ‹spirituellen Feminismus› an.
Ich möchte noch kurz zum Thema ‹offene Beziehung› und dem damit verbundenen Treuebegriff etwas sagen:
Den Begriff der sexuellen Treue gibt es für mich nicht. (Was nicht heißt, daß es für mich überhaupt keine Treue gibt.) Deshalb habe ich in meinen zwei relativ ‹festen› Beziehungen so eine Art ‹offene› Beziehung geführt. Doch ich muß zugeben, daß dies meist mit gewissen Problemen verbunden war, da man sich gerade auf dem Gebiet der Sexualität so leicht verletzen kann. Wenn ich z.B. erfahren habe, daß meine Freundin mit einem anderen Mann geschlafen hat und ich dabei gespürt habe, daß da mehr dahinter war als eben nur das Miteinander-Schlafen, hat mich das eifersüchtig gemacht. Das heißt, wenn meine Freundin mit jemandem geschlafen hat, hat sie das eher mit der Vorstellung von eventueller Beziehung und Zukunft verbunden, was mich wiederum getroffen hat.
Bei mir selbst ist es meist aus einem guten, kurzfristigen Gefühl heraus entstanden. Dabei habe ich, wenn ich mit Frauen in Kontakt getreten bin, meistens den aktiven Part übernommen. Nicht zuletzt deshalb, weil ich mir mein – durch die Sozialisation bedingtes – ‹Mann-Sein› beweisen wollte.
Wenn ich also einen traditionellen Treuebegriff hernehme, kann ich sagen: Ich habe die Treue eher durch ein (sexuelles) ‹Abenteuer› gebrochen, das eine Nacht oder mehrere gedauert hat, meine Freundin eher durch länger anhaltende Beziehungen, die bis zu einem Jahr dauern konnten.
Diese Diskrepanzen sehe ich ebenfalls im typischen Mann-Frau-Konflikt verankert.
Auf der Uni habe ich verschiedene Seminararbeiten zu ‹Frauenthemen› geschrieben – meist mit anderen zusammen, auch vielen Feministinnen. Auch zur ‹Männer-Emanzipation› habe ich ein Seminar besucht, weshalb ich auch viele ‹Männerbücher› gelesen habe. Ziemlich wichtig war mir auch, endlich über das ‹Mann-Sein› bzw. über die ‹Männer-Sexualität› Gespräche führen zu können.
Was mich betrifft, habe ich von der Frauenbewegung in bezug auf Sexualität viel gelernt. Vor allem, was die Fähigkeit betrifft, über Sexualität sprechen zu können. Auch die Liberalisierung der Homosexualität bzw. die Etablierung der Mehrfachbeziehungen ist von der Frauenbewegung beeinflußt worden, auch wenn diese Tendenzen nicht unbedingt als Folge von ihr angesehen werden müssen.
Seit ungefähr zwei Jahren setze ich mich nicht mehr so sehr mit dem Feminismus auseinander. Zunächst habe ich begonnen, mich mit Psychoanalyse zu beschäftigen. Mir ist dabei immer wichtiger geworden, mich in diese Richtung zu entwickeln, mit der ich mich identifizieren wollte. Das heißt, ich wollte so etwas wie ein verständnisvoller, ehrlicher, möglichst wenig chauvinistischer Mann sein, der die typischen Männerverhaltensweisen abgelegt hat.
Jetzt habe ich jedoch nicht mehr diese Idealvorstellungen. Mir geht es vielmehr darum, mich selber so kennenzulernen, wie ich eigentlich bin. Dabei spüre ich in mir schon so etwas wie männliche Verhaltensweisen. Indem sie mir aber klarwerden, kann ich leichter mit ihnen umgehen.
Heute habe ich nicht mehr die Illusion, daß ich von diesen männlichen Verhaltensweisen – z.B. meine Art, abstrakt und sehr rational zu argumentieren – wegkommen kann, und will es eigentlich auch gar nicht mehr.
Mir ist bewußt, daß ‹meine Zeit des Feminismus› sehr wichtig für mich war. Ich habe aber all die Jahre dabei übersehen, daß in mir gewisse Eigenschaften sehr tief sitzen. Diese beginne ich nun als einen Teil von mir zu akzeptieren, da sie eben kaum zu verändern sind bzw. meine Persönlichkeitsstruktur ausmachen.
Kurz gesagt: Ich versuche, mir gegenüber ehrlich zu sein, ohne dabei irgendwelche Theorien im Kopf zu haben, wie ein Mann sein sollte. Das ist auch der Grund dafür, warum ich mich nicht mehr mit Männeremanzipation und Frauenbefreiung auseinandersetze. Das heißt jedoch nicht, daß ich sie ablehne.
Dies spiegelt auch mein Verhältnis zum Feminismus wider. So ist mir vor drei Jahren die Frauenbewegung keineswegs zu radikal gewesen. Ich war damals überzeugt, daß es keinen Unterschied zwischen Mann und Frau gibt bzw. daß dies alles nur eine Frage der Sozialisation ist. Allmählich habe ich jedoch bemerkt, daß das lediglich ein intellektuelles Akzeptieren gewesen ist. Heute glaube ich, daß die Frauenbewegung in ihrer Radikalität gewisse Sachen falsch eingeschätzt hat.
Dazu vielleicht ein Beispiel:
Die Forderung der Frauen, keine Kinder zu bekommen bzw. keine Kindererziehung übernehmen zu wollen, habe ich eine Zeitlang akzeptieren können, weil es mir damals unvorstellbar war, selbst einmal Kinder zu haben. Jetzt, wo ich es mir irgendwie vorstellen kann und ich mich auch geistig damit beschäftige, kann ich diese Forderung nicht mehr vertreten. Ja selbst die Forderung, ‹auch wenn Frauen Kinder bekommen, sollen sie sofort wieder ins Berufsleben einsteigen›, empfinde ich jetzt nicht mehr als richtig. Ich bin der Ansicht, daß zumindest das erste Jahr die Frau beim Kind zu Hause sein sollte, da es neun Monate lang ein Teil der Frau ist, und wenn es geboren wird, ist es noch immer für längere Zeit ein großer Teil von ihr. Das heißt, die Beziehung zwischen Frau bzw. Mutter und Kind hat im ersten Jahr nach der Geburt eine andere Qualität als jene zwischen Vater und Kind. Für eine Mutter wird es immer ein größeres Ereignis sein, ein Kind zu bekommen, als für einen Vater. Erst später entwickelt sich das Kind von der Mutter weg. Das ist dann der Punkt, wo eine Arbeitsteilung effektiv ist.
Insofern sehe ich die Tendenz zur ‹Neuen Weiblichkeit› als etwas durchaus Positives an. Ebenso als gut empfinde ich den Spiritualismus in der Frauenbewegung. Die Frauen, mit denen ich in meiner Umwelt konfrontiert bin, haben diese Wende hin zum Spirituellen auch vollzogen. Für mich ist dieser Teil der Frauenbewegung nicht weniger politisch. Er ist zwar nicht so sehr realpolitisch, dafür betrifft er einen größeren Bereich des Lebens, und wenn ich z.B. in der Frauenbewegung etwas zu sagen hätte, würde ich versuchen, den spirituellen Weg zu forcieren.
Was das zukünftige Zusammenleben mit Frauen betrifft, bin ich mir total unsicher, was ich will. Zur Zeit ist die Mehrfachbeziehung meine Lebenssituation, und ein ‹geordnetes› Familienleben wäre im Moment nichts für mich. Ich habe das Gefühl, daß ich in den nächsten vier Jahren ebenfalls noch so ein Leben führen werde wie jetzt, das heißt, ohne feste Arbeit und ohne sehr feste Beziehung. Doch für die weitere Zukunft kann ich mir schon vorstellen, mit einer Frau zusammenzuleben, Kinder zu haben und ein gewisses ‹regelmäßiges› Leben zu führen. Trotzdem lasse ich es mir offen, ob es so sein wird oder nicht.
Nur eines weiß ich jetzt schon, ich könnte nur sehr schwer mit einer Frau zusammenleben, die nicht selbst verdient oder die von mir finanziell abhängig ist. Mit so einer Situation könnte ich überhaupt nicht umgehen.»
Auch Lydia ist 25. Auch Lydia blickt zurück auf ein harmonisches Familienleben mit Eltern, die sich gut verstanden. Ihre Mutter war berufstätig. Auch Lydia sah in ihrer Mutter die stärkere Hälfte der Eltern. Lydia studiert Jus.
«Anton und ich haben uns in der Schule kennengelernt. Am Anfang der Beziehung war die Freundschaft zu meiner besten Freundin noch wichtiger. Mit der Zeit aber hat Anton die Position bekommen, die früher die Freundin für mich hatte. Der Kontakt zu ihr hat deshalb auch immer mehr abgenommen. Anfangs war es eine echte ‹Jugendliebe›. Dann aber hat Anton gemeint, daß er gerne eine ‹offene Beziehung› hätte, in der es möglich sein sollte, auch mit anderen sexuellen Kontakt zu haben. Er hat diese Forderung in unsere Beziehung hereingebracht, und ich habe krampfhaft versucht, mich seinem Anspruch anzupassen. Theoretisch habe ich nicht gewußt, was ich der ‹offenen Beziehung› hätte entgegenhalten können, aber mit meiner Gefühlswelt ließ es sich überhaupt nicht vereinbaren. Am Anfang ging es ja noch, weil die Vorstellung nur in der Theorie vorhanden war. Weder er noch ich haben sie wirklich praktiziert. Erst mit dem Schritt von der Theorie zur Praxis kamen die Probleme. Ich habe gleich gespürt, daß mich das irgendwie kaputtmacht, und ich habe sehr darunter gelitten. Das hatte zur Folge, daß wir die Beziehung öfters gelöst und dann wieder begonnen haben. Jetzt sehe ich, daß das ein Ablösungsprozeß war – es dauerte eine ganze Weile, bis wir es endlich geschafft hatten, einen totalen Schlußstrich zu ziehen.
Das Ende ist auch deshalb leichter gefallen, weil er sich in eine andere Frau verliebt hat. Unsere Beziehung hat deshalb nicht mehr die ‹Hauptbeziehung› darstellen können. Danach habe ich eigentlich erst verstanden, daß er schon seit längerer Zeit auf der Suche war. Er wollte unsere ‹Hauptbeziehung› durch die Beziehung zu einer anderen Frau ablösen. Das hat mir natürlich sehr weh getan. Andererseits war ich froh, daß endlich klare Verhältnisse eingetreten sind. Außerdem habe ich ihm schon längere Zeit nicht mehr ‹ins Bild gepaßt›. Ich war ihm zu wenig emanzipiert, zu wenig alternativ. Das hat mein Selbstvertrauen ziemlich angeknackst. Vor allem, weil die andere Frau seinem Bild mehr entsprochen hat. Insofern hat mich die Loslösung schon mehr getroffen.
Anton hat mir immer vorgeworfen, daß ich in der Beziehung zu ihm ‹abgebaut› habe, daß ich nicht mehr an mir selber gearbeitet habe, sondern mich zurückgezogen habe auf die Bindung zu ihm. Es stimmt, daß meine Gedanken ungefähr dahingehend waren: Ich hab einen lieben Freund, habe keine Probleme, und was will ich mehr als das. Diese Zufriedenheit war vielleicht in gewissem Sinn ein Abstumpfen, ein Entwicklungsstopp. Ans Heiraten bzw. an Kinder habe ich allerdings nicht gedacht, obwohl ich zugebe, daß dabei emanzipatorische Gedanken keine Rolle für mich spielten.
Richtig gestritten haben wir eigentlich nie. Ich bin eher der Typ gewesen, der, wenn an mich Forderungen gestellt wurden, nachgegeben hat. Konflikte hatten wir allerdings über die Frage, wie ‹offen› denn die Beziehung sein sollte.
Ich habe immer irgendwie vernünftig und rational argumentiert und nicht emotional. (Er hat ebenfalls rational und vernünftig argumentiert.) Erst später, als die Beziehung ausgewesen ist, habe ich gespürt, daß mich meine Argumentationsweise in den Reaktionen eingeschränkt hat.
Alles wurde ‹durchargumentiert›. Was bei ihm noch hinzugekommen ist und was mich sehr gestört hat, ist, daß er immer so verständnisvoll eine Diskussion begonnen hat. Dadurch sind Emotionen von vornherein schon abgetötet worden, und ich bin dabei auf sein Verständnis eingegangen. Eigentlich ist das einer der schwerwiegendsten Vorwürfe, den ich Anton machen kann. Ich glaube, daß ich mehr profitiert hätte, wenn ich damals emotionaler reagiert hätte. Es hätte mir erleichtert, besser zu meinen eigenen Gefühlen stehen zu können. Die Beziehung wäre dann höchstwahrscheinlich schon früher in die Brüche gegangen.
Von der sexuellen Seite her waren meine Erfahrungen in dieser Beziehung gemischt. Sehr schön war, daß wir die Sexualität gemeinsam entdeckt haben. Ich hatte das Gefühl, meine Sexualität voll ausleben zu können. Die Verhütung aber war ein Problem. Anton war in diesem Punkt wahnsinnig nervös. Er hatte immer große Angst, daß etwas passiert. Die Pille war das sicherste Mittel, aber als ich angefangen habe, sie zu nehmen, habe ich sehr zugenommen. Dadurch habe ich mich körperlich unwohl gefühlt und auch weniger Lust zur und an der Sexualität gehabt. Damals hab ich das Gefühl gehabt, daß er mehr wollte, als ich zu geben bereit war, daß er mich irgendwie bedrängte.
Die Idee eines sexuellen Fremdgehens wäre mir nie gekommen. Ich hätte es als einen Einbruch in unsere Intimität empfunden. Vielleicht hatte das den Grund, daß ich zu sehr auf diese Beziehung angewiesen war, daß sie so etwas wie einen Familienersatz darstellte. Deshalb hat mich die Diskussion um die ‹offene Beziehung› auch sehr aus dem Gleichgewicht gebracht. Als wir dann die ‹offene Beziehung› hatten, bin ich auch mit anderen Männern ins Bett gegangen.
Dabei ist es vorgekommen, daß ich neben unserer Beziehung auch andere längere Beziehungen gehabt habe. Das heißt zwei Beziehungen nebeneinander; wobei für mich klar ist, daß die Beziehung mit Anton mir am wichtigsten gewesen ist. Meine Nebenbeziehungen sind ihm meistens egal gewesen. Es hat nur einige wenige Situationen gegeben, wo es ihm etwas ausgemacht hat. Aber an und für sich konnte ich ihn dadurch kaum verletzen.
Ich habe aber immer gespürt, daß ich die anderen Beziehungen nicht brauche, sondern sie deshalb gehabt habe, weil er auch immer ‹so kurze Sachen› neben unserer Beziehung gehabt hat. Dies hat mir ziemlich weh getan. Das heißt, ich habe immer längere Beziehungen gehabt, er eher kürzere.
Anton stellt es manchmal so dar, daß diese offene Beziehung eine Konsequenz des Feminismus ist und daß er den Feminismus in unser Leben gebracht hätte. Für mich läuft die offene Beziehung nicht unter dem Begriff der Emanzipation. Es kann schon sein, daß sich der Bezug zu Emanzipation und Feminismus für mich durch das Wunschbild ergeben hat, das Anton von mir hatte. Ich sollte nicht so bürgerlich, dafür aber selbstbewußter sein, mich auch anders anziehen usw. Ich hab das eher abgewehrt, und so hat sich meine Auseinandersetzung mit dem Feminismus eigentlich verzögert.
Eines stimmt jedoch schon: Das erste Buch über Emanzipation – es war ein eher theoretisches – habe ich von Anton geschenkt bekommen. Ich habe aber nur einen Artikel darin gelesen, weil ich mich innerlich dagegen gewehrt habe. Und in gewisser Weise habe ich mich bevormundet gefühlt. Später, das heißt nach der Beendigung der Beziehung zu Anton, habe ich mich von mir aus für den Feminismus interessiert und sehr viele Bücher dazu gelesen.
Ich habe mich auch in verschiedenen Frauengruppen engagiert. Zur Zeit möchte ich bestimmt keine Mehrfachbeziehungen, da ich nach der Beziehung zu Anton ihnen gegenüber ein gewisses Trauma hatte. Ich habe danach nur ‹enge› Beziehungen gehabt. Heute weiß ich, daß ich nur eine einzige Beziehung brauche und daß ich in einer solchen auch glücklich sein kann.»
Wir, die wir das lesen, gehören wahrscheinlich alle einer Generation und einer Denkrichtung an, für die die Brüchigkeit von Beziehungen, das Vergängliche an ideologischen Überzeugungen und ein experimenteller Zugang zur eigenen Lebensgestaltung nichts Erstaunliches sind. Betrachten wir aber diese beiden Erzählungen durch die Augen einer etwas konservativeren Frau. Wie stellt ihr sich diese Situation dar? Ein junges Mädchen und ein junger Mann lernen sich kennen und verlieben sich. Der junge Mann will mit dem jungen Mädchen schlafen, das junge Mädchen möchte nicht. Hier würde unsere hypothetische Leserin bereits das erste Mal intervenieren. Sie wäre über den Wunsch des jungen Mannes nicht erstaunt, würde aber einschreiten, um seine Realisierung zu verhindern. Ihr Argument dabei wäre, daß das Mädchen beschützt werden muß vor den Forderungen des Mannes, da diese frühe Beziehung für ihn nur ein Abenteuer und eine Exploration seiner sexuellen Erlebnisfähigkeit bedeutet, während das emotionale und körperliche Risiko für das Mädchen weit größer und ihre Bedürfnisse anders gelagert sind als seine. Beim Wort «beschützen» würden die progressiven Menschen, die den Erklärungen der konservativen Dame zuhören, bereits mitleidig lächeln. Sie würden erwidern, daß auch Mädchen das Bedürfnis nach sexuellem Experimentieren haben und daß sie durch die Pille und der Verfügbarkeit einer Abtreibung im Fall eines Mißgeschicks gegen die auftretenden Risiken geschützt werden kann.
Daß nach einigen Jahren der junge Mann die Idee entwickelt, neben seiner Jugendliebe auch andere Freundinnen zu haben, würde unsere konservative Dame nicht erstaunen. Nichts anderes erwartet sie von einem jungen Mann. Dem Mädchen, das auf ihren Rat gehört hätte, müßte dieser Drang des Freundes nicht allzuviel ausmachen. Als tugendhafte Freundin, mit der er nicht schlafen darf, hätte sie einen Sonderstatus. Verlogen, können darauf die Progressiven nur erwidern. Das arme frustrierte Mädchen soll die Heilige spielen, während ihr Freund diejenigen Mädchen, mit denen er auch sexuelle Beziehungen hat, seiner Hochschätzung und Achtung nicht für würdig hält. Von all diesen alten Zöpfen muß sie sich frei machen; die offene Beziehung ist sicherlich gut geeignet, ihre antiquierten Ideen und persönlichen Unsicherheiten abzubauen. Daß sie sich dabei schrecklich fühlt, ist nur natürlich – Entwicklungsprozesse laufen nie schmerzfrei ab. Um den alten Ballast abzuschütteln und frei zu werden, muß Lydia eben noch härter an sich arbeiten.
Der Gedanke, daß Anton Lydia in die Frauenbewegung drängen will, weil er diesen Frauentypus schick findet, würde unsere konservative Leserin schlichtweg absurd finden. Wie kommt er dazu? Dieser junge Mann ist nicht ganz in Ordnung, oder: er steckt in einer persönlichen Identitätskrise und soll in ein paar Jahren wiederkommen, wenn er sich gefestigt hat, würde sie dem Mädchen raten.
Frauen sind durch ihre Sozialisation schon dermaßen deformiert, erwidern darauf unsere Progressiven, daß sie nicht einmal mehr in der Lage sind, ihre eigenen Interessen zu erkennen. Es ist ein trauriger Ausdruck der Lage der Frauen in unserer Zeit, daß ein Mann oft eher in der Situation sein kann, seiner Freundin den Weg zu weisen.
Darauf, daß Anton laut Selbstaussage nach Abschluß seiner persönlichen Ideologiegänge – Studentenbewegung, Gastarbeiter, Frauenfrage – wieder bei seinem konservativen Ausgangspunkt gelangt ist und eine das Heim hütende Ehefrau samt Kleinfamilie wählen wird, hätten die Progressiven vermutlich nicht so schnell eine Antwort. «Dermaßen fundamentale gesellschaftliche Veränderungen erfordern eben ihre Zeit», würden sie folgern, und sie würden darauf hinweisen, daß ökonomische Fluktuationen leider auch wieder zu Rückschritten in der geschichtlichen Entwicklung führen.
Die konservative Dame würde der Ausgang der Geschichte gar nicht überraschen. Sie hat von Anfang an gewußt, daß Anton letztendlich ein braver und biederer Familienvater wird. Die Frau, die er am Schluß seiner jugendlichen Ausschweifungen heiratet, hätte durchaus Lydia sein können, wenn Lydia sich für die Dauer seiner Abenteuerphase zurückgezogen hätte.
Die ausgebrochene – meist von den Männern geforderte sexuelle – Anarchie hat nicht nur die Sicherheit der jungen Frauen hinweggefegt, indem sie die Schutzregeln entfernte. Auch später sind der Willkür und den Launen des anderen Geschlechts keine Grenzen mehr gesetzt. Er will mit 30, 40, 50 oder 60 seinen «Entwicklungsprozeß» wieder aufnehmen? Auch dann hat Lydia, wenn sie auf einen sogenannten Progressiven angewiesen ist, keine Trumpfkarte mehr in der Hand. Daß «Entwicklung» letztlich immer auf sexuelle Abenteuer hinausläuft, hindert die konservative Leserin schon daran, diesen pompösen Begriff zu akzeptieren. Früher bewertete man es anders, wenn der Mann plötzlich durchdrehte und meinte, ein Liebesverhältnis könnte ihm seine schwindende Jugend wiedergeben oder andere Fehler der Lebensgestaltung aufwiegen. Man fand sich zwar damit ab, setzte seinen Ausflügen aber strenge moralische, soziale und finanzielle Grenzen. Heute aber wird dieses Verhalten nicht mehr bestraft. Er muß immer weniger Unterhalt zahlen für die verlassene Frau; er kann ihr unabhängig von seinem Fehlverhalten die Kinder streitig machen; und er steht in den Augen seiner Umgebung sogar noch als der Bessere, weil «Entwicklungsfähigere» da, während sie durch die Domestizierung «sehr abgebaut» hat, so daß ihm nicht zu verdenken ist, daß er sich nach etwas anderem umsieht.
Doch unterlassen wir es, Interpretationen dieses Falles zu überdehnen. Suchen wir eine andere Erklärung dafür, daß Anton und fast jeder andere Mann, der in unseren Gesprächen zu Wort kam (ob uns oder den von uns Interviewten gegenüber), eine immer wieder beeindruckende Fähigkeit hatte, Beziehungsfragen distanziert und pragmatisch abzuhandeln, Frauen zu betrachten als Bildungselemente, sozusagen als «Gänge» in einer emotionalsexuellen Speisenfolge, an deren Ende er sich gesättigt, genährt und bereit zu neuen Taten vom Tisch erheben kann. Während die gleichaltrige, ähnlich erzogene Lydia sich eine krisenfeste Beziehung wünscht als feste Basis, von der aus sie die Sicherheit bezieht, in anderen Lebensbereichen abenteuerlich und aktiv zu sein.
Es ist sehr schwer auszumachen, welchen Standpunkt das feministische Denken hier nahelegt. Der Feminismus wird es typisch finden, daß Frauen ihre eigenen Reaktionen als zu emotional abwerten lassen und sich intellektuell vorgetragenen Forderungen unterwerfen, obwohl sie ihren Wünschen, Bedürfnissen und Werten zutiefst widersprechen. Auch die Perfidie, mit der Männer es schaffen, Frauen mit ihrer eigenen Bewegung, der Frauenbewegung, zu verunsichern, zu erpressen und zu Dingen zu zwingen, die sie gar nicht tun wollen, wäre für die Frauenbewegung nicht überraschend. Andererseits fällt es schwer, über die jeweilige Relevanz von Sexualität und Bindungen für Männer und Frauen zu urteilen. Den Mädchen und Frauen zu raten, ihre sexuellen Bedürfnisse an verbindliche Beziehungen zu knüpfen, weil sie sonst emotional von Männern ausgenutzt werden, verträgt sich schlecht mit feministischem Gedankengut, ebenso wie die Anerkennung grundlegender emotionaler Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die dazu angetan sind, Frauen offenbar immer in die verletzlichere Position zu verweisen.
Daß aus der Freiheit für Frauen häufig bloß größere Freiheiten für die Männer wurden, erscheint jedoch unbestreitbar.
Michael ist 27, arbeitet als Programmierer und besucht abends die Hochschule. Sein ältestes Kind, ein Sohn, ist vier Jahre alt. Seine Freundin hat vor wenigen Wochen das zweite gemeinsame Kind bekommen. Als Michael die Mutter seiner Kinder kennenlernte, war sie 14, und er war 18. Heute bewegt ihn in der Beziehung vor allem eine Frage: die Frage nach der Erfüllbarkeit sexueller Triebe. Soll er seinen Impulsen nachgeben und andere Beziehungen eingehen? Oder ist das ein Irrweg, der zwar Abwechslung bringt, aber keine Erfüllung?
«Ich sehe die Sexualität überhaupt als ein philosophisches Problem an. Sie ist ein Hauptlebensantrieb und deshalb ein ganz wichtiger Faktor im Leben eines Menschen. Lange Zeit habe ich den Wunsch gehabt, in WGs zu leben, freie Beziehungen, sexuelle Freiheit zu haben, habe aber immer in einer ‹Zweierbeziehung› geklebt. Inzwischen sehe ich, daß diese Leute, die das alles praktizieren, ihre Sexualität auch nicht ausleben können. Streitereien kommen in unserer Beziehung schon öfters vor. Meine Freundin möchte von mir mehr Wärme und Zuneigung, dabei fühle ich mich jedoch manchmal überfordert. Andererseits überfordere ich sie mit meinem Wunsch nach sexuellem Kontakt mit anderen Frauen, sie ist nämlich sehr eifersüchtig und fühlt sich dann gleich gefährdet.
Eine ideale Beziehung ist für mich dann gegeben, wenn die Möglichkeit vorhanden ist, sich persönlich entwickeln zu können. Sie muß Abhängigkeit ausschließen und dafür Selbstverwirklichung einschließen. Alle möglichen zwischenmenschlichen Kontakte müssen trotz der Beziehung weiterhin erlebbar bleiben.
Was Haushalt und Kinder betrifft, so teilen wir uns die ganze Arbeit. Auch auf die Geburten haben wir uns gemeinsam vorbereitet, und das war für mich sehr wichtig. Ich habe zwar nicht selbst schwanger sein können, jedoch habe ich die Schwangerschaft mit meiner Freundin mehr oder weniger aktiv miterleben und auch psychisch mithelfen können. Leider habe ich dann die Geburt um wenige Minuten versäumt. Das hat mich sehr traurig gemacht, und ich habe dies zunächst gar nicht verkraften können.»
Dieser Bericht strotzt wie die meisten anderen vor Klischees, die noch belastender sind, weil sie offenbar die Erlebnisrealität authentisch ausdrücken. Frauen wollen Wärme und Verbindlichkeit. Männer wollen Unverbindlichkeit («Freiheit») und die Möglichkeit zu anderen sexuellen Beziehungen. Frauen bevorzugen die Ausschließlichkeit. Die Sichtweise der Frauen zu teilen ist ein freiwilliger Akt für den Mann, wobei er sich durchaus berechtigt sieht, seine eigenen Ansprüche gegenüber der Frau als durch die Frauenbewegung legitimierte Anliegen darzustellen. Es mag ungerecht sein, in dem Erlebnis der Geburt einen symbolhaften Ausdruck für den Unterschied zu sehen, aber: der Mann kann sie versäumen, die Frau nicht.
Erstaunlich ist jedoch, daß sich die Bedürfnisse der Frauen je nach Wunsch der Männer ständig ändern. Früher war es nicht statthaft, daß Frauen sexuelle Bedürfnisse hatten. Den Männern war es damals ein Bedürfnis, sich der Treue ihrer eigenen Frauen und der Reinheit der Frauen allgemein gewiß zu sein. Eine Frau, die andere Vorstellungen hatte, wurde als amoralisch bezeichnet, und es wurde mit allen Mitteln verhindert, daß sie nach ihren Vorstellungen leben konnte. Heute befindet die aktuelle Männermeinung, daß sexuelle Freizügigkeit ein wichtiger Beitrag zur persönlichen Entwicklung ist. Frauen, die andere Bedürfnisse haben, z.B. das Bedürfnis nach einer stabilen und ausschließlichen Beziehung, gelten als genauso abweichlerisch, kritikwürdig und ideologisch rückständig wie früher die sexuell interessierten Frauen.
Den Verlust traditioneller Schonbereiche ohne entsprechenden Zugewinn neuer Chancen demonstriert mit besonders bedrückender Klarheit das Beispiel von Klaus und Monika.
Klaus ist 29, Sozialarbeiter, und arbeitet in einer Beratungsstelle in Norddeutschland.
«Verliebt habe ich mich zum erstenmal mit 16; das Mädchen war 14. Das war sehr schön. Manchmal glaube ich, daß es die einzige Zeit in meinem Leben war, in der ich noch fähig gewesen bin, mich richtig zu verlieben. Alles war ernst. Wir haben nur ein bißchen geschmust, aber alles hatte eine tiefere Bedeutung. Als es dann aus war, habe ich sogar geweint.
Mit 19 habe ich zum erstenmal mit einer Frau geschlafen. Mein Gefühl damals war: Endlich habe ich es geschafft, endlich kann ich mitreden. Diese Frau war dann auch die Mutter des Benjamin, der jetzt bei mir lebt.
Am Anfang hat mir diese Beziehung sehr gut gefallen. Monika hat sich sehr auf mich bezogen, und das gefiel mir. Allmählich aber hatte ich den Eindruck, daß sie sich zu stark auf mich zu konzentrieren begann. Sie hat sich eingekapselt, ihre eigenen Freunde immer weniger gesehen usw. Diese Entwicklung verstärkte sich, als sie schwanger wurde. Gegen Ende der Schwangerschaft war sie schon total passiv. Sie hat kaum mehr die Wohnung verlassen. Ich dagegen hab immer stärker das Bedürfnis gespürt, hinauszukommen.
Wir haben uns gemeinsam auf die Geburt vorbereitet (Geburtsvorbereitungskurs, gemeinsame Übungen). Ich habe mich damals geärgert, daß sie kaum etwas dafür getan hat. Irgendwie bin ich der Aktivere gewesen: Ich habe mich bei allen möglichen Müttern erkundigt, wie das bei einer Geburt so ist; ich habe mich um das ‹Babyzeug› gekümmert usw. Ich habe dadurch schon während der Schwangerschaft eine Beziehung zum Kind aufbauen können. Ich habe mir gedacht: ‹Da ist doch irgend etwas, was von mir ist, das wächst und das lebt.› Ein ganz starkes Erlebnis für mich ist dann schließlich die Geburt gewesen. Komischerweise ist damals ‹ein Film vor mir abgelaufen›: Familie haben, Geborgenheit ‹Happy-Sein›, ‹wir bauen uns jetzt die Kleinfamilie auf› usw.
Ich hatte damals schon Kontakt zu Männergruppen und hätte solche Ideen eigentlich gar nicht mehr haben sollen.
Unmittelbar nach der Geburt durfte ich das Kind nehmen, es zum Waschen und zum Messen bringen. Damals habe ich mich schon entschlossen, es bei mir zu behalten und großzuziehen. Ich habe mir vorgestellt, daß Monika und ich zusammenleben würden, um das Kind gemeinsam aufzuziehen, daß wir aber nicht heiraten würden. Heute denke ich mir, daß Monika gerne geheiratet hätte. Sie hat es aber nie eindeutig zum Ausdruck gebracht.
Damals habe ich aber ihre schlechte psychische Verfassung nicht wahrgenommen bzw. nicht wahrhaben wollen. Ich denke, daß die Schwangerschaft einfach in ihrem labilen Zustand eine zu große Belastung war. Es war ein Anlaß für sie, wieder an ihre eigene Kindheit zu denken. Außerdem waren ihr die körperlichen Umstellungen und der veränderte Körper einfach zuviel.
Die Ärzte diagnostizierten eine Stillpsychose und wollten sie in eine geschlossene Klinik stecken. Ich habe erreicht, daß sie in eine bessere Klinik kommt. Damals dachte ich noch, daß sie wohl wieder herauskommen wird und daß wir dann zusammenleben. Schließlich blieb sie für zwei Monate im Krankenhaus und kam für weitere zwei Monate in ein Rehabilitationszentrum. Als sie endlich wieder entlassen wurde, war sie vollgestopft mit Tabletten. Sie war deshalb immer müde und hing einfach herum. Sie hatte keine Energien und hat von der Umwelt nur wenig wahrgenommen. Während dieser Zeit, es waren zirka sechs Monate, lebten wir wieder zusammen. Kürzlich hat sie mir vorgeworfen, daß ich während dieser Zeit das Kind vollkommen für mich behielt und sie an den Rand drängte, daß ich sie einfach nicht ranließ und ihr niemals die Chance gab, sich mit dem Kind zu befassen. Doch zu meiner Rechtfertigung muß ich sagen, daß sie alles so umständlich machte, wie das Wickeln und Füttern und Niederlegen, und daß ich darin schon Routine hatte und es besser konnte. Eigentlich glaube ich, daß sie das Kind gar nicht versorgen wollte, sondern nur irgendwem beweisen wollte, daß sie es kann. Ich bin überzeugt, daß dies der Grund für ihre Paranoia war.
Als dann das Kind schon zehn Monate alt war, hat sie einen Selbstmordversuch gemacht. Für mich war das dann der Anlaß, die Beziehung abzubrechen. Ich fühlte mich einfach überfordert. Man muß bedenken: als das Kind auf die Welt kam, hat sich mein Leben von einem Tag auf den nächsten vollkommen geändert. Ich übernahm die volle Verantwortung für das Kind und sollte nun auch noch die Verantwortung für meine Freundin übernehmen. Ich habe auch versucht, sie aus der Depression herauszubekommen und alles mögliche arrangiert, wie z.B. ‹Essengehen› oder ‹Fortfahren›, aber es war alles zwecklos.
Noch während sie im Krankenhaus war, sagte ich ihr, daß ich mich von ihr trennen wolle. Sie hat natürlich sehr geweint, aber ich konnte nicht mehr.
Danach habe ich alle Amtswege eingeleitet, um das Kind zugesprochen zu bekommen, das Kindergeld zu kriegen usw. Meine Freundin fühlte sich dabei sehr übergangen und ausgeschlossen, aber darauf habe ich einfach keine Rücksicht mehr nehmen wollen.
Jetzt haben wir eine Vereinbarung getroffen, die es ihr erlaubt, einmal in der Woche das Kind zu sehen. Entweder sie nimmt es mit, oder sie spielt mit ihm in der Wohnung. Persönlich habe ich zu ihr überhaupt kein Verhältnis mehr. Wir sprechen nur das Nötigste. Seit Herbst zahlt sie auch Alimente, weil sie einen Beruf aufgenommen hat. Dagegen hat sie sich sehr gewehrt, sie fand es nicht gerecht, daß sie zahlen soll.
Wenn ich arbeite, passen die anderen Leute in meiner Wohngemeinschaft auf das Kind auf. Manchmal lasse ich ihn auch für ein paar Wochen bei meiner Mutter, wenn ich mal Ruhe brauche. Kürzlich hab ich Monika vorgeschlagen, ihn jetzt öfter mal zu nehmen, aber sie will jetzt nicht. Wahrscheinlich denkt sie sich, der bestand darauf, alles alleine zu machen, jetzt soll er sehen, daß er es auch hinkriegt. Als alleinerziehender Vater ging es mir in mancher Hinsicht schlechter, z.B. war es schwierig, das Kind zugewiesen zu bekommen und die Formalitäten zu erledigen. Andererseits sind die Leute verständnisvoller, als sie es bei einer alleinerziehenden Mutter wären. Z.B. findet niemand etwas dabei, wenn ich das Kind zu meiner Mutter gebe, während das bei einer Frau wahrscheinlich auf Mißbilligung stoßen würde. Bei mir heißt es dann eher, schließlich ist er ja ein Mann und noch so jung und will auch einmal fortgehen und seine Freiheit haben.
Mit der Frauenbewegung bin ich mit 17 in Kontakt gekommen. Im Jugendzentrum, in dem ich viel Zeit verbrachte, gab es auch eine Frauengruppe, und die Frauen, die man dort sah, haben mich fasziniert. Sie waren so ausgeflippt, mit gefärbten Haaren und ungewöhnlicher Kleidung. Andererseits habe ich auch Angst vor ihnen gehabt. Damals hätte ich mir nie vorstellen können, eine Beziehung mit einer Feministin zu haben. Auf der Uni hab ich dann einige einschlägige Bücher gelesen. Zuerst vor allem Männeremanzipationsbücher wie Pilgrim, Jokisch usw. Ich ging auch in eine Männerselbsterfahrungsgruppe. Irgendwie fühlte ich mich immer schon als Softie-Typ und kam mit diesen Machtmännern nicht zurecht.
