Männer - Cheryl Benard - E-Book

Männer E-Book

Cheryl Benard

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Beschreibung

Weibliche Vorstellungen von männlichen Verhaltensweisen führen Frauen, die in der Welt der Emotionen zu Hause sind, nur zu oft in die Irre und enden kräfteverzehrend in Katastrophen. Frauen sollten wissen, wie Männer funktionieren, und daraus pragmatische Schlüsse ziehen. Nur dann ist ein Miteinander ohne allzu große Reibungsverluste möglich. Andererseits aber bietet das Männerverhalten eine durchaus sinnvolle Anleitung, wie Frauen mit dieser Welt, mit sich selbst, mit den Männern, mit ihren Gefühlen und im Berufsleben besser zurechtkommen können. Cheryl Benard und Edit Schlaffer haben Männer in einflußreichen Positionen interviewt, um herauszufinden, wo die Vorteile und wo die Defizite der männlichen Verhaltensweisen liegen.

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Seitenzahl: 292

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Cheryl Benard • Edit Schlaffer

Männer

Eine Gebrauchsanweisung für Frauen

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Über dieses Buch

Weibliche Vorstellungen von männlichen Verhaltensweisen führen Frauen, die in der Welt der Emotionen zu Hause sind, nur zu oft in die Irre und enden kräfteverzehrend in Katastrophen. Frauen sollten wissen, wie Männer funktionieren, und daraus pragmatische Schlüsse ziehen. Nur dann ist ein Miteinander ohne allzu große Reibungsverluste möglich. Andererseits aber bietet das Männerverhalten eine durchaus sinnvolle Anleitung, wie Frauen mit dieser Welt, mit sich selbst, mit den Männern, mit ihren Gefühlen und im Berufsleben besser zurechtkommen können.

Über Cheryl Benard • Edit Schlaffer

Cheryl Benard, geboren 1953 in New Orleans/USA, und Edit Schlaffer, geboren 1950 im Burgenland/Österreich, leiteten als Sozialwissenschaftlerinnen die «Ludwig-Boltzmann-Forschungsstelle für Politik und zwischenmenschliche Beziehungen» in Wien.

Bei Rowohlt veröffentlichten sie weiterhin: «Die Grenzen des Geschlechts»; «Laßt endlich die Männer in Ruhe»; «Sagt uns, wo die Väter sind»; «Viel erlebt und nichts begriffen».

Inhaltsübersicht

1 Was Männer denken und Frauen wünschen. Eine Einleitung2 Mit Männern sprechen3 Haltung, Disziplin, Verantwortung – ein rechter Mann4 Vom Leben in der Wüste – Männer ohne Wenn und Aber5 Kritik der reinen Unvernunft – Männer und der Mythos der Rationalität6 Patriarchat mit Kommentar – Männer, wie gehabt7 Frauen machen Fehler – Fitness-Training für Beziehungsprobleme8 Der Unwiderstehliche – Analyse eines Gefühlsschmarotzers9 Zielstrebig, unbeirrbar, beschränkt – sind sie wirklich so, die Männer? Ein Schlußwort

1 Was Männer denken und Frauen wünschen Eine Einleitung

Männer glauben felsenfest und unerschütterlich an Eigennutzen, Kraft und Zielstrebigkeit. Ihre Utopie von der Gesellschaft ist die einer Gemeinschaft von Personen, die alle konsequent ihrem Eigennutzen nachgehen, wobei die Stärkeren sich durchsetzen, die Schwächeren sich abfinden und die Ausbeutung in Grenzen bleibt, weil allzu viele Konflikte den Ablauf des Betriebes stören.

Den Frauen, die Männer verändern wollen, wünschen wir an dieser Stelle von Herzen jeden Erfolg.

Den Frauen, die sich von Männern endgültig abwenden wollen, gratulieren wir aufrichtig zu ihrer privilegierten Konstitution.

Die übrigen Frauen wollen wir hinüberretten in eine Zukunft, in der entweder die erste Gruppe erfolgreich war oder die zweite Gruppe sich – systemverändernd relevant – erweitern konnte.

Eigentlich war uns ja schon immer klar, daß Männer ganz anders sind als Frauen.

Aber wir bekämpften dieses Wissen, weil es unserem liberalen Weltbild widersprach; weil wir unbedingt wollten, daß alle Menschen gleich und die Welt schön und gerecht und glücklich sein sollte. Freiheit! Brüder- und Schwesterlichkeit!

Die Wahrheit, so lange unterdrückt, kann nicht länger verschwiegen werden. Ja, die Männer sind anders, sie sind vollkommen anders als wir. Aber wie sind sie?

Keine Frage ist leichter zu beantworten als diese. Männer haben die Welt gestaltet, in der wir leben, also sind sie wie diese Welt. Und wer es gerne ein wenig detaillierter, ein wenig persönlicher hätte, der muß die Männer befragen. Das taten wir.

Recherchen über Männer, sollte man meinen, fallen Frauen leicht; schließlich leben sie meist mit einem Exemplar dieser Spezies eng zusammen. Irrtum. Wenn Frauen den Mann am Beispiel ihres eigenen Lebensgefährten erforschen wollen, dann leiden sie unter zahlreichen methodologischen Handicaps. Erstens haben sie große Probleme, objektive Antworten auf objektive Fragen nicht subjektiv auf sich zu beziehen. Sie sind erschrocken, gekränkt, beleidigt oder zornig und klappen den Fragebogen zu.

Zweitens haben sie einen stark missionarischen Zugang zu dem Objekt ihrer Befragung. Auch über Eingeborene erfährt man wenig, wenn man nur von dem dringenden Wunsch motiviert ist, die Heiden zu taufen und ihnen ihre gottlosen Rituale auszutreiben.

Das «männliche Lebenskonzept» ist in seinen Grundzügen einfach ein anderes. Es hat seine Vorzüge und seine Nachteile. Es beinhaltet Dinge, die für Frauen überlegenswert sind, Dinge, die für Frauen wissenswert sind, und Dinge, die für Frauen sowohl überlegens- als auch wissenswert sind, die aber niemals von ihnen übernommen werden können, weil sie einfach nicht mit dem «weiblichen Lebenskonzept» vereinbar sind.

Wir glauben, das Ganze läßt sich ungefähr folgendermaßen darstellen: es gibt einen tendenziellen Unterschied der psychischen Grundstruktur, der um ein Vielfaches potenziert wird durch die Einflüsse der Gesellschaft, die Verschiedenheit der Lebenszusammenhänge und die Ungleichheiten der Wertung. Diese Verzerrungen machen die Kommunikation schwer und betonen einseitig gewisse Eigenschaften sowohl des männlichen als auch des weiblichen Denkens, und zwar nicht unbedingt die besten.

Aus den Gesprächen mit Männern kristallisierten sich einige typische Perspektiven heraus, die an und für sich interessant waren: Kritikpunkte am weiblichen Verhalten, die wir nicht unbedingt als unberechtigt abtun konnten, Sichtweisen über Leben und Arbeit, die eine gewisse Überzeugungskraft besaßen. Und so fanden wir uns allmählich in der ambivalenten Rolle, die wir anfangs rein scherzeshalber beansprucht hatten: in der Rolle von Ethnologen, denen Beurteilungen schwerfallen, weil das ganze Denk- und Glaubensgebäude des untersuchten Volkes so fremd und so eigenständig ist, daß es sich den gewohnten Wertungen entzieht.

 

Die Tatsache, daß wir zuerst mit den Männern und nur mit den Männern redeten, ergab nicht nur eine andere Gesprächssituation, sondern auch eine andere Bewertungsgrundlage. In früheren Projekten hatten wir meist mit Männern gesprochen, von deren Partnerinnen wir bereits umfassend über ihre Vergehen informiert worden waren. Oder wir sprachen mit Männern über Frauen, über ihre Einstellung zu Frauen. Diesmal aber sprachen wir mit Männern über Männer, und zwar über sie selber, über ihr Leben. Natürlich kamen in den Gesprächen Frauen vor, wenn auch nicht immer an privilegierter Stelle. Denn hier ging es um den Mann, um das, was er selbst für wichtig in seinem Leben hielt.

Diesmal wurden die Männer auch nach anderen Kriterien als bei unseren bisherigen Expertisen ausgewählt. Bisher hatten wir uns mit Männern beschäftigt, für die das Wort Feminismus kein Fremdwort war, aber auch mit gewalttätigen Männern, mit kreativen Männern.

Diesmal ging es um Männer, die das erste und wesentlichste Kriterium der Männlichkeit erfüllt hatten: die sich in der Welt der Männer bequem bewegten, die Erfolg hatten und Verantwortung trugen. Sie waren sozusagen das «Herz» des Patriarchats, waren nett, entgegenkommend und kompetent. Und sie sagten manches, was uns zu denken gab. Ihre Kritik an den Frauen war in den meisten Fällen ohne Gehässigkeit, ohne Bosheit, stellte eher eine Art sportlicher Beurteilung dar, wie ein Team (das Team der Frauen) im letzten Match gespielt habe und wo ein besserer Trainer ansetzen würde. Diese Kritik war mitunter sehr aufschlußreich.

Vielen Freundinnen würden wir gern einen solchen männlichen «Trainer» an die Seite stellen; er würde sie im Beruf wie auch im Privatleben vor zahlreichen Fehlern bewahren, ihre Abfahrtszeiten in die Zielgerade beträchtlich verbessern. Denn wenn wir uns den männlichen Zugang zur Lösung von Problemen ganz leidenschaftslos ansahen, dann mußten wir feststellen, daß er in mancher Hinsicht einfach besser war als der typisch weibliche Zugang. Die Männer besaßen, zumindest als Idealvorstellung, die ihnen an manchem entscheidenden Punkt die Richtung angab, eine Reihe von Werten und Tugenden, die recht akzeptabel klangen.

Männer versuchen in der Bewältigung eines Problems die Chance zu sehen, die Situation zum eigenen Vorteil zu verändern.

Männer akzeptieren die Tatsache, daß letztlich jeder Mensch für sich selbst verantwortlich ist und er sich nur auf seine eigene Person verlassen kann.

Männer finden sich mit der Tatsache ab, daß alles seinen Preis hat.

Männer sehen wenig Unterschied zwischen ihrer Karriere und ihrem Privatleben. Mit denselben Durchsetzungs- und Verhandlungsstrategien, die sie im Geschäftsleben anwenden, gehen sie auch an Partnerschaften und Beziehungen heran.

Aber diese Tugenden haben natürlich auch ihre Kehrseite: Da Männer Konflikte als «Chance» einsetzen, haben sie eine quasi-sportliche Einstellung dazu. Das hat, sowohl individuell als auch weltgeschichtlich, potentiell katastrophale Folgen:

Männer übersehen, daß die Tatsache, daß jeder Mensch nur auf sich selbst vertrauen kann, alles andere als ein erstrebenswertes Ideal darstellt und die Möglichkeiten einer Weiterentwicklung in der Gemeinschaft verbaut.

Männer überlegen nicht, ob der «Preis» in einem vertretbaren Verhältnis zum Gewinn steht.

Frauen verfallen in das andere Extrem:

Frauen betrachten Konflikte als rein negativ, die so schnell wie möglich gelöst werden müssen, um den alten Zustand wiederherzustellen (ohne nachzudenken, ob der wirklich besser war!)

Frauen haben eine verhängnisvolle Neigung zur Abhängigkeit, in der oft falschen Hoffnung, mit gutem Beispiel voranzugehen und durch ihre «Dependenz» einen Zustand der «Interdependenz» herzustellen.

Frauen durchdenken nicht hinreichend die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Bereichen ihres Lebens und kommen dadurch auch zu keiner integrierten Vorgehensweise, um ihr Ziel zu erreichen.

Frauen sehen wenig Zusammenhang zwischen ihrer Karriere und ihrem Privatleben. Sie sind im Privatbereich entweder besonders skrupellos, weil sie meinen, daß «die Regeln nicht gelten», oder sie sehen von jeglichem Selbstschutz ab, weil sie glauben, daß im Privatbereich ein utopisches Vertrauen herrschen muß.

Wenn man die typischen Verhaltens- und Denkfehler von Frauen und Männern gegenüberstellt, so fällt eins auf: Die typisch männlichen Fehler sind potentiell für die Welt sehr gefährlich: Einseitigkeit, die mangelhafte Berücksichtigung längerfristiger Folgen, die Unfähigkeit zu echter Kooperation und Gemeinschaft. Die Fehler der Frauen treffen, da Frauen selten über Macht verfügen und das politische Schicksal nicht beeinflussen, in erster Linie sie selbst.

Es bieten sich zwei Lösungen an. Entweder muß eine androgyne Gesellschaft entstehen, in der sich die beiden Extremformen immer mehr annähern und schließlich vermischen. Oder die Frauen und ihre Sicht der Dinge müssen an mehr Macht gewinnen, um ein besseres Gegengewicht darzustellen.

Die Frauenbewegung hat Frauen oft mit einem besetzten Land verglichen. Dieser Analogie folgend können wir überlegen, wie sich intelligente Einwohner eines besetzten Landes verhalten. Sie suchen nicht mehr die direkte Konfrontation, da sie «militärisch» ja bereits besiegt wurden. Sie machen auch nicht stur so weiter wie bisher, denn dieser Weg hat ja schon einmal in die Niederlage geführt.

Auch trotziges Beharren auf erlebtem Unrecht ist nicht sehr zielführend. Wir sehen das an den Ländern der Dritten Welt, die all ihre Probleme auf das Kolonialzeitalter und den Rassismus zurückführen und sich dabei häufig selbst bei der Erarbeitung konstruktiver Lösungen behindern.

Der wichtigste politische Beitrag der Frauenbewegung war, Frauen überhaupt als homogene Gruppe kenntlich zu machen: als eine soziale und politische Gruppe mit einer gemeinsamen Geschichte, gemeinsamen Problemen, gemeinsamen Eigenschaften und einer gemeinsamen Kultur.

Gemeinsam war den Mitgliedern dieser Gruppe auch ein Zustand der Unterordnung, auch als «Unterdrückung» definiert, wodurch die Schuldfrage bereits beantwortet und die Nähe zu anderen noblen unterdrückten Völkern beansprucht werden konnte. Aber ob Unterordnung oder Unterdrückung, Tatsache war, daß Frauen in der Ordnung der sozialen Welt unterhalb und außerhalb der erstrebenswerten Positionen angesiedelt waren?

Es gab umfangreiche und interessante, teilweise auch überzeugende und plausible Versuche, das Zustandekommen dieses unerfreulichen Zustandes zu erklären, wobei ökonomische, religiöse, quasi-militärische (Sturz eines ursprünglichen Matriarchats durch einen maskulinen Coup d’État) und quasi-biologische (Ausdehnung der Gebär- in eine Erziehungsfunktion) Ansätze bemüht wurden.

Fest stand jedenfalls, daß die Männer die Herrschaft innehatten. Das war eine Tatsache, mit der sich Frauen, als Volk, auseinandersetzen mußten.

Wenn ein Volk sich zu erklären versucht, wie es zu einer nicht zufriedenstellenden Machtkonstellation kommen konnte, dann bieten sich verschiedene Interpretationsmöglichkeiten an:

Die andere Seite hat gesiegt,

weil sie unterdrückerisch, imperialistisch und böse ist, wir aber friedfertig, lieb und gut sind und uns daher nicht wehren;

weil uns die Perfidie ihrer Absichten nicht rechtzeitig bewußt werden konnte;

weil unser korrupter/einfältiger König/Präsident/unsere verkommene Führungsschicht uns in den Untergang geführt hat mit veralteten Ideen und aus Gewinnsucht;

weil wir uns zu sehr von ihr beeinflussen und verändern ließen und somit im entscheidenden Moment nicht mehr die Kraft hatten, uns zu widersetzen;

weil sie einfach besser war.

Daraus lassen sich eine Reihe von Konsequenzen für die Zukunft ziehen:

Wir müssen genauso bleiben, wie wir sind, und können nur darauf warten, daß die anderen sich durch ihre Bosheit und Schlechtigkeit letztendlich selbst zugrunde richten. Bis dahin halten wir duldsam durch.

Wir müssen uns, da die anderen stärker und besser sind, mit ihnen anfreunden und zusehen, daß auch wir etwas von dem Kuchen abbekommen.

Wir müssen unsere korrupte Führung stürzen, damit wir wieder zu einer funktionierenden Gemeinschaft werden, die sich verteidigen und wehren kann.

Wir müssen die anderen genau studieren, um das Geheimnis ihrer Stärke herauszufinden. Wenn wir dieses Geheimnis kennen, können wir genauso stark werden wie sie.

Wir müssen zu den noch stringenteren Ursprüngen unseres Wesens zurückfinden. Die Genugtuung über unsere moralische Überlegenheit wird uns über die Schmach hinweghelfen, von diesen miesen, kaputten Feinden überrumpelt, betrogen und unterworfen worden zu sein. Denn da wir die besseren Menschen sind, wird der Sieg unser sein.

Diese Positionen entsprechen in etwa den Möglichkeiten, die sich Staaten, Völkern und Minderheiten bieten, wenn sie besiegt und/oder unterdrückt wurden.

Daraus wiederum leiten sich Strategien für ihr weiteres politisches Vorgehen ab:

Sie können sich einer militanten Widerstandsbewegung anschließen, die mit dem fremden Sieger, seinen Ideen, seiner Lebensweise, seinen Werten überhaupt nichts zu tun haben will, sich nicht für Verhandlungen interessiert, sondern nur auf Freiheit und Rache sinnt.

Sie können in aller Ausführlichkeit das erlebte Unrecht beklagen, bis es dem Sieger so peinlich wird, daß er Hilfsprojekte für sie organisiert.

Sie können in einer internen Säuberungskampagne versuchen, eigene Fehlentwicklungen und Mängel zu beseitigen, die zur Kampfunfähigkeit beigetragen hatten.

Natürlich einigen sich Länder, Völker oder Minderheiten nie gemeinsam auf einen Weg der Reaktion; sie spalten sich. Die einen schließen sich der militanten Bewegung an, die anderen biedern sich beim Sieger an und werden Kollaborateure, wieder andere ziehen sich in den Privatbereich zurück und wollen von der Politik nie wieder etwas wissen. Diese Gruppen kämpfen dann nicht nur gegen den Unterdrücker, sondern auch miteinander. Und wenn sich die Situation nicht rasch genug ändert, dann suchen sie die Schuld nicht nur bei dem Unterdrücker, sondern auch bei den Unterdrückten.

In der jüngeren Geschichte finden wir mühelos Beispiele für jede dieser Reaktionsweisen:

China entschied sich, um dem westlichen Imperialismus zu widerstehen, für die freiwillige Selbstabriegelung vom Rest der Welt.

Japan beschloß nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg, die Sieger genau zu studieren und sie dann überall dort zu übertrumpfen, wo sie am empfindlichsten zu treffen waren.

Etliche ehemalige afrikanische Kolonien gaben sich dem ausführlichen Trotz hin und spezialisierten sich auf die in allen internationalen Foren ausführlich dargelegte Erörterung der Sünden des Kolonialismus, Neo-Kolonialismus, Imperialismus und Opportunismus.

Der revolutionäre Iran entschied sich für eine Mischung aus militanter Aggression und kultureller Isolation. Nur durch den radikalen Bruch mit der Dekadenz, der Gottlosigkeit, der Verkommenheit, der sexuellen Zügellosigkeit usw. des Westens könne die islamische Zivilisation sich zur Wehr setzen gegen Ruin, Verfall und Ausbeutung.

Jede Vorgehensweise hat ihre Vor- und Nachteile. Der Yen stieg unaufhaltsam im Vergleich zum Dollar an, dafür aber sieht Tokio bald aus wie ein gigantischer Times Square.

Der Westen krümmt sich, getroffen von den Vorwürfen des Kolonialismus und Rassismus, aber in den schwarzafrikanischen Staaten bricht alles zusammen, und die Steppe breitet sich unaufhaltsam aus.

Der Iran versetzt uns alle in Angst und Schrecken, am meisten aber die eigene arme Bevölkerung, die, schwarz wie die Krähen und verbissen wie Savonarola, sich und ihre Kinder über irakische Minenfelder jagen müssen.

Auch die Frauenbewegung kennt all diese Reaktionsweisen. Da gibt es zum Beispiel die japanische Richtung des Feminismus: das sind die amerikanischen Karrierefrauen, die es darauf angelegt haben, das Spiel der Männer zu gewinnen. Und die dann so aussehen wie die Protagonisten des Films «Wall Street» mit Transvestiten in den Hauptrollen.

Dann gibt es die afrikanische Richtung; ihr gehören die meisten Feministinnen Europas an, mit Exegesen über das Patriarchat, Resolutionen, ihm nur ja nie in irgendeiner Weise ähnlich zu werden, mit Manifesten und Kundgebungen.

Es gibt die Kenia-Teneriffa-Algarve-Tirol-Richtung, in der die Unterentwicklung sich sonnig-erholsam präsentiert und dafür saftige Trinkgelder von den Touristen kassiert: das sind die Anhängerinnen der neuen Weiblichkeit, die sich in einem tropischschönen Nest aus Mond, Wolle und Tarot-Karten ein gemütliches Klön-Eckchen im Patriarchat einrichten.

Es gibt die fundamentalistisch-iranische Richtung, die für die restliche Welt nur Hohn und Mitleid übrig hat und sich in grimmig orthodoxe, geschlossene Räumlichkeiten zurückzieht: das sind die radikalen Lesben.

Und dann gibt es noch den Weg, den die meisten nicht-feministischen Frauen gehen, den österreichischen Weg. Von dieser Supermacht ein bißchen nehmen, von der anderen ein bißchen holen, verbindlich lächeln, charmant und nett sein, sich klein und unbedrohlich geben, von den Errungenschaften der mutigeren Nachbarn profitieren und niemals an sich selber zweifeln. Die meisten Frauen gehören dieser Richtung an und fühlen sich selig auf ihren kleinen Inseln, fernab von den Anstrengungen des Konkurrenzgetümmels und den Aufregungen des Weltgeschehens.

Denkbar aber wäre noch ein anderer Weg. Sich auf sich selber besinnen, von anderen lernen, aus Fehlern Konsequenzen ziehen, eigene Ziele und Ideale haben. Dieses ist der schwierigste Weg, kein Wunder, daß ihn die wenigsten Staaten und Menschen (Frauen wie Männer) wählen.

 

Wir können viel von den Männern lernen.

«Es Männern gleichmaßen hieße, in der Wüste umkommen»[*] lesen wir bei Verena Stefan, ein Satz, den wir einmal provozierend, aber wohl auch innerlich zustimmend, in einem Flugblatt zitierten: vor vielen Jahren.

Er ist noch immer wahr, dieser Satz. Doch weitergedacht offenbart er seine Schwächen.

Denn Männer kommen ja gar nicht in der Wüste um. Im Gegenteil: es geht ihnen blendend, vielen Dank.

Uns Frauen dagegen, den feinen und edlen Geschöpfen der Menschheit, geht es schon sehr viel weniger gut.

Der Schluß liegt nahe, daß die Männer irgend etwas grundlegend richtig, wir Frauen aber irgend etwas grundlegend falsch machen.

Das ist der erste Grund, weshalb ein Studium des männlichen Denkens und Verhaltens sinnvoll ist.

Der zweite Grund liegt darin, daß Männer seit Jahrtausenden mit uns zusammenleben. In all diesen Jahrtausenden muß ihnen doch irgend etwas an uns aufgefallen sein. Denn schließlich war das Zusammenleben ja auch von ihnen gewünscht. Sie wollten etwas von uns. Wer etwas von einem anderen erwartet, muß sich unweigerlich Gedanken darüber machen, wie dieser andere beschaffen ist, ob er das bieten kann, was man sich wünscht. Es ist daher alles andere als uninteressant zu fragen, welche Beobachtungen Männer – ob in gutwilliger oder manipulativer, in spekulativer oder in zielgerichteter Absicht – über uns Frauen gemacht haben.

Es gibt noch einen dritten Grund. Die männliche Betrachtungsweise der Welt- und Menschendinge ist – ob aus biologischen oder sozialen Gründen, sei einmal dahingestellt – oft anders als die weibliche. Männer haben ein unbestreitbares taktisches Geschick, auch wenn es sie häufig in die persönliche, politische und militärische Katastrophe führt, weil die korrespondierende Moral der Anwendung fehlt. Aber sie setzen etwas in Bewegung und gewinnen auch oft dabei; das ist mehr, als wir, die ewigen Mauerblümchen der Weltgeschichte, von uns behaupten können. Frauen, die den zweiten Weltkrieg erlebten, machten ziemlich einstimmig eine interessante Beobachtung. Das Ärgste, meinten sie, war das Festsitzen in einer belagerten, ausgehungerten, den Bombenangriffen ausgesetzten Stadt. An der Front konnte man wenigstens irgend etwas tun; im Luftschutzkeller aber konnte man nur im Dunkeln sitzen und darauf warten, in die Luft gejagt zu werden.

Bewußt wählen wir diese unerfreuliche Analogie, denn das Leben ist nicht immer erfreulich; es konfrontiert uns oft mit schmerzhaften, häßlichen, quälenden Handlungen und Entscheidungen. Trotzdem ist es besser, sich aktiv in die Schlacht zu werfen, als passiv im Keller zu sitzen und darauf zu warten, daß irgend jemand anderer den Ausgang der Dinge bestimmt.

Wir haben noch einen letzten Grund, warum wir die männliche Sichtweise hier so prominent herausbringen wollen.

Vor nunmehr zwölf Jahren kam uns erstmals der Gedanke, daß es für das, was uns schon immer im Kopf herumgegangen war, eine Bezeichnung gab: Feminismus. Seither haben wir das Auf und Ab dieser Bewegung miterlebt, uns bemüht, ihren Zielen näherzukommen. Das brachte eine Reihe von fast unerträglichen Einsichten in das männliche Verhalten mit sich: in die Dummheit, Brutalität, krasse Ungerechtigkeit, zu der Männer Frauen gegenüber fähig sind.

Wir alle waren der Meinung, daß Frauen unser Thema waren, zurückgesetzte und mißhandelte Frauen, Frauen in der Geschichte und in anderen Ländern und wir selber natürlich. Aber das war ein Irrtum. Im Grunde ging es bei all diesen mündlichen und schriftlichen Bemühungen um die Männer; um die Welt, die Männer geschaffen hatten, um die Lage, in die Männer uns gebracht hatten, um die Gefühle, die wir ihnen gegenüber empfanden, um die Dinge, zu denen sie uns zwangen, und die Dinge, von denen sie uns fernhielten.

Das alles war atemberaubend aufschlußreich, und nichts läßt sich vergleichen mit der Euphorie der ersten Jahre, in denen düster Empfundenes und einsam Erkanntes sich dramatisch zusammenfügte zu einem logischen, einsichtigen, zutiefst politischen Bild der Welt.

Doch vor der zweiten Stufe der Einsicht schreckten wir zurück, alle gemeinsam. Denn irgendwann einmal wurde eine Frage unausweichlich, die Frage nämlich, warum Frauen, einzeln oder kollektiv, sich nicht eindrucksvoller behauptet und gewehrt hatten. Wir waren erfinderisch im Anbieten von falschen Antworten, in der Verdrängung lästiger Nachfragen, im Ausgraben obskurer Ausnahmen. Die Männer hatten uns aus der Weltgeschichte hinausgedrängt durch ihre einseitige Geschichtsschreibung, unsere Heldinnen hatten sie totgeschwiegen, unseren heroischen Widerstand verleugnet, der sich in allen möglichen kaum erkenntlichen Subtilitäten geäußert hatte, weil sie es uns nicht erlaubten, ihn offen zu zeigen … usw.

Unser Unbehagen über die unbefriedigende Gegenpropaganda der Frauen äußerten wir sanft, sanft und solidarisch. Doch selbst dafür holten wir uns unsere Prügel, bei Vorträgen, Diskussionen und auf Lesereisen, denn es war illoyal, solche Gedanken zu hegen.

Während wir diese Zeilen schreiben, finden in Gaza heftige Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und Israelis statt. Zu den palästinensischen Aufständischen gehören, wir sehen sie allabendlich in der Tagesschau, Kinder und Jugendliche, Frauen – darunter offensichtlich ländliche Mamis in geblümten Kleidern und Kopftüchern und alte Männer. Sie kämpfen mit dem, was sie gerade in der Hand haben: mit Flaschen, mit Steinen.

Ihre Chancen sind gering, aber das entmutigt sie nicht. Sie lassen sich prügeln, ihre Köpfe gegen die Wände stoßen, sie lassen sich abschleppen und verhaften, und selbst von den Krankenhausbetten aus blicken sie noch rebellisch und entschlossen in die Kameras der internationalen Fernsehteams.

Wenn ein neunjähriger Palästinenser, aufgebracht über die Ungerechtigkeit seiner Lebensverhältnisse, eine Flasche in die Hand nehmen und gegen eine bewaffnete Truppe von Soldaten kämpfen kann, dann hat das Argument, die Frauen hätten keine Möglichkeit gehabt, sich zur Wehr zu setzen, einfach kein Gewicht. Zwar gab es einen großen Unterschied: die Frauen waren keine Gruppe, kein «Volk» und konnten daher auch nicht gemeinsam handeln. Seit der Frauenbewegung jedoch sollte das anders geworden sein, doch auch die nun solidarisierten Frauen haben sich zu zaghaft gewehrt. Und dabei wird noch nicht einmal von ihnen verlangt, sich mit einer gut ausgerüsteten militärischen Besatzungsmacht herumzuschlagen!

 

Die Lebensweise der Männer wie auch der Frauen ist in ihrer jetzigen Form unnatürlich, weil sie auf einer Überspezialisierung beruht. Frauen leben, psychisch und materiell, wie Kinder in einer Art geschütztem Gehege, das ihre Entwicklung hemmt. Der Prozeß des Erwachsenwerdens hat zwar nicht zwangsläufig zur Folge, daß man moralisch ein besserer Mensch wird, aber man lernt zu überleben. Denn man begreift, daß man Entscheidungen treffen, andere Menschen bewerten und beurteilen, Verantwortung übernehmen, Situationen einschätzen und Pläne machen muß. Als Kind kann man sich auf andere verlassen, Vertrauen haben, seine Gefühle und Impulse sofort und authentisch ausleben. Wenn man gute Eltern und eine liebe Kindergärtnerin hat und in einer schönen Umgebung lebt, dann kann die Kindheit sehr schön sein, aber auch nur dann. Denn ein Kind ist total von seiner Umwelt abhängig, und die ist oft grausam, zynisch und brutal.

Deswegen, und weil es dem menschlichen Entwicklungsimpuls entspricht, streben die meisten Kinder sogar unter idealen Verhältnissen unaufhaltsam nach größerer Unabhängigkeit, nach Selbstverantwortung. Das läuft natürlich nicht ohne heftige Ambivalenzen ab, den sogenannten Entwicklungsstörungen.

Spätestens in der Pubertät begreift der heranwachsende Mensch, wie schwierig und gleichzeitig verführerisch die Freiheit ist. Diesen Augenblick der schmerzlichen Erkenntnis wehren die meisten Frauen ab. Sie möchten sich die Tugenden der Abhängigkeit bewahren. Doch das kostet seinen Preis: den Preis, daß man zeitlebens auf eine andere Person, ihre Launen, ihren Gerechtigkeitssinn, ihre Willkür angewiesen ist, den Preis, daß diese Person, wie die Mutter für das Kind, von überragender Wichtigkeit ist, daß man gezwungen ist, von dieser Person – die auch noch andere Interessen hat – ein bißchen mehr Aufmerksamkeit, ein bißchen mehr Zuwendung einzufordern, weil anders die Abhängigkeit nicht zu ertragen und nicht zu rechtfertigen wäre.

Im Verhalten vieler Frauen, in ihren Ehen und Liebesbeziehungen, erkennt man das Verhalten einer Vierjährigen wieder, deren Mutter dringend innerhalb der nächsten Stunden ihre Steuererklärung machen muß. Das Mädchen hat den ganzen Tag darauf gewartet, daß die Mutter von der Arbeit heimkommt und mit ihr spielt. Die Mutter hat einen stressreichen Tag gehabt, der noch immer nicht zu Ende ist. Sie versucht, das Mädchen zur Vernunft zu bringen, es auf später zu vertrösten, es mit irgendeiner Bestechung abzulenken. Das Mädchen setzt alle Mittel ein: Charme, Wutanfall, Tränen. Es kann den Standpunkt der Mutter nicht verstehen, weil deren Lage für es nicht nachvollziehbar ist. Die Mutter fühlt sich schuldig, ist aber zugleich genervt.

Wenn uns erfolgreiche Männer von ihren ehelichen Problemen erzählten, dann tauchte diese Situation in nur leichten Abwandlungen immer wieder auf. Einige Männer hatten sich das selbst zuzuschreiben: sie wollten aus Prestigegründen nicht, daß ihre Frau «arbeitet», oder sie waren auf deren ehemaligen Beruf aus irgendwelchen Gründen eifersüchtig. Einige, ganz wenige Frauen schafften es, sich kultur- oder hobbymäßig so zu beschäftigen, daß ihre Tage ausgefüllt waren. Häufiger waren die folgenden Situationen: der Mann, der seine Frau gerne irgendwie beschäftigt hätte, damit die Verantwortung für ihre Zufriedenheit und den Sinn ihres Lebens nicht allein auf seinen Schultern lastete, der aber zugleich bewußt oder unbewußt verhindern wollte, daß ihre Arbeit zu wichtig für sie wurde, ermunterte seine Frau zwar, sich «irgendeine Beschäftigung» zu suchen, machte aber schon durch diese Wortwahl und seine Vorschläge deutlich, daß es sich dabei nur um etwas Irrelevantes, Triviales handeln könne. Und die Frauen ließen sich darauf ein.

***

Das männliche Denken setzt voraus, daß Personen ihre Interessen kennen und sie vertreten. In diesem Denksystem ist durchaus auch Platz für Freundschaft und gegenseitige Unterstützung. Geholfen wird demjenigen (und auch derjenigen), dessen Erfolg für einen selber von Vorteil ist, dem oder der man aus persönlicher Zuneigung oder Verpflichtung gern weiterhelfen möchte, aber auch denen, die einem durch ihren persönlichen Einsatz Achtung abgewinnen. Ungeduld wecken hingegen all jene, die nicht wissen, was sie wollen, die sich allzu leicht von ihren Zielen abbringen lassen, die keinen Einsatz zeigen.

Wenn wir also männliche Verhaltensweisen lobend hervorheben wollen, dann sprechen wir genaugenommen gar nicht von «männlichen» Verhaltensweisen, sondern von Verhaltensweisen einer erwachsenen, unabhängigen Person. Die Männer besitzen mehr von diesen Eigenschaften, weil sie ein erwachseneres, unabhängigeres Leben führen, da die Gesellschaft (die Eltern) es von ihnen von Anfang an erwartet. Die Eigenschaften sind, auch was ihren Zweck betrifft, neutral. Es ist sehr wichtig, das zu erkennen, denn die Übernahme dieser männlichen Eigenschaften bedeutet keineswegs, daß man danach auch ein Männerleben führen muß. (Das wäre wirklich kein Gewinn, weder persönlich noch für die Fortentwicklung der Gesellschaft.)

Betrachten wir Verhaltensweisen als Werkzeuge. Mit diesen Werkzeugen läßt sich ein Krankenhaus bauen, eine Kaserne oder ein KZ; mit gewissen Chemikalien kann man entweder ein prächtiges Feuerwerk fabrizieren oder Munition; mit einem Flugzeug kann man entweder Touristen nach Teneriffa fliegen oder Soldaten nach Vietnam. Früher meinten auch wir, belastet mit unserer typisch weiblichen, puritanischen Einstellung, daß Wissen und Freiheit und Verantwortung unweigerlich den guten Menschen hervorbringen müßten. Welche Einfalt! Männer sind vergleichbar mit iranischen Studenten, die an westlichen Universitäten eine ausgezeichnete Ausbildung in technischen oder medizinischen Wissenschaften abgeschlossen haben und dann heimfahren zu Khomeini, um ihre Intelligenz und ihr Wissen in den Dienst des Terrors zu stellen. Technik und Medizin sind schuldlos daran, daß todsicher funktionierende Granaten hergestellt und die Hände von Dieben, chirurgisch einwandfrei, abgehackt werden.

Wenn wir also die diversen Tugenden des Männerdenkens preisen, dann heißt das noch lange nicht, daß die Männer selbst nicht zugleich bis in ihre letzte Faser hinein irrational, ihre Lebensgestaltung haarsträubend, ihr seelischer Zustand bedauernswert und ihre sozialen Vorstellungen hoffnungslos unzeitgemäß sein können. Dennoch sind sie geeignet, als unsere Lehrer zu fungieren. Darin liegt nichts Kränkendes. Die Römer hielten sich griechische Sklaven als Lehrer, das Lehrverhältnis muß kein Autoritätsverhältnis sein. Die vernünftige Frau wird die sich heute anbietende Chance einer weiblichen Kulturrevolution nutzen, statt sich wie ein ängstlicher Dorfbewohner an überaltete Glaubensrelikte zu klammern.

2 Mit Männern sprechen

Dem ersten, dem zweiten, dem dritten und auch dem vierten Mann hätten wir ja geglaubt, daß er sein Leben vollständig im Griff hatte, daß er Probleme mühelos durch bloße Willenskraft bewältigte, daß auch Höhen und Tiefen als sinnvolle Lernprozesse verarbeitet wurden und im Grunde genommen eine vernunftsbetonte und fast philosophische Harmonie in seinem Leben herrschte.

Doch als der fünfte, sechste und siebte Mann eine ähnlich gelassene Heiterkeit an den Tag legte, wurden wir stutzig. Wir kannten sie doch ganz anders.

Wir wußten, daß sie jähzornig und kleinlich sein konnten, rechthaberisch und mitunter gewalttätig, daß sich ihre Erotik in Geldstücke ummünzen ließ und in den Schlitz eines Peep-Show-Apparates paßte. Daß sie sich gegenseitig das Leben schwermachten und mit Herzinfarkten und Magengeschwüren zusammenbrachen.

Hatten sie uns ganz einfach nur angelogen?

In der überwiegenden Anzahl der Fälle waren unsere Interviewpartner bisher Frauen gewesen. Meist hatte das unmittelbar mit dem Thema zu tun: Bewohnerinnen eines Frauenhauses sollten mit uns über die erlebte eheliche Gewalttätigkeit sprechen, oder Frauen befanden sich in einer Trennungssituation und reflektierten das Scheitern einer Beziehung. Manchmal aber befragten wir sie auch zu allgemeinen Themen: Es interessierte uns, wie sie sich ihr Leben vorstellten, worin ihre Hoffnungen bestanden und welche Prioritäten sie setzten. Es kam auch vor, daß wir in den Anfangsphasen einer Untersuchung noch gar nicht recht wußten, wie und wonach wir fragen sollten. Dann halfen uns die Gespräche, die Fragen zu präzisieren, denn unsere Gesprächspartnerinnen waren sehr bemüht, gemeinsam mit uns die Thematik zu besprechen und den «Kern» zu finden.

Die Gespräche waren in der Regel intensiv und ernst. Wir trafen uns zu einem bestimmten Zweck, nämlich, um mit einer Frau über ihr Leben oder einen Aspekt ihres Lebens zu sprechen. Mit ihrer Einwilligung zum Interview hatte auch sie dieses Ziel akzeptiert. Nachdem wir über Zweck und Auswertung der jeweiligen Untersuchung gesprochen hatten, lagen die Grundregeln fest: meist blieben die Gesprächspartner anonym. Die Frau kannte uns nicht und würde uns vermutlich nicht wieder treffen, so daß sie uns gegenüber kein «Image» aufrechterhalten mußte. Meist waren es Frauen, die in etwa die gleiche Weltanschauung hatten wie wir, oder Frauen, die sich nicht dezidiert politisch oder sozial engagierten und denen unsere Weltanschauung eher gleichgültig war, sofern wir selber sie aus dem Gespräch heraushielten. Oder es handelte sich um Frauen, die einen anderen Standpunkt hatten als wir bzw. als wir vermeintlich hatten, und die daran interessiert waren, diese unterschiedlichen Standpunkte zu diskutieren. In der Regel aber war es unsere deklarierte Rolle, anteilnehmend, aber neutral zu sein. Und meist wurden diese Interviews zu Gesprächen, in denen wir unsere Reaktion nicht verheimlichten und die Frauen auch ihrerseits Fragen stellten oder unsere Fragen kommentierten.

Gesprächssituationen dieser Art stellten eine besondere Form der Beziehung her. Für die Frauen bot sich damit, wie sie oft betonten, die Chance für eine ebenso heftige wie unverbindliche Auseinandersetzung mit ihrem Leben und ihren Problemen. Von dem «Interviewer» erfordert ein Gespräch dieser Art, wenn es gut laufen soll, ein sehr hohes Maß an Konzentration und Einfühlung. Wer sich «einfühlt», vertieft sich in die Situation der anderen Person und fühlt für diese Stunde mit ihr. Viele Journalisten berichten von dieser Erfahrung, und wir mußten manchmal an die Anekdote denken, die von einem sehr bekannten, sehr aggressiv schreibenden Reporter erzählt wird. Nach jedem Interview kam er zurück, erfüllt von seinem Gesprächspartner, dessen Persönlichkeit, dessen Stil, dessen Sichtweise. Kollegen, die ihn erzählen und schwärmen hörten, hielten ihn für außerordentlich hinterhältig: Da hatte er einem Menschen, der ihm durchaus sympathisch zu sein schien, alle möglichen persönlichen Details entlockt, nur um danach ein eiskaltes, entlarvendes Porträt zu schreiben. «Man könnte glauben, du magst ihn», meinten die Kollegen kopfschüttelnd, als er wieder einmal von einem problematischen, berühmten Zeitgenossen schwärmte, den er gerade drei Stunden lang zu intimen Selbstentblößungen veranlaßt hatte.

«Ich mag ihn auch», bestätigte der Journalist. «Ich mag sie alle, bis ich mich an die Schreibmaschine setze.»

Die Geschichte hat einen wahren Aspekt: nicht immer sind die Interviewpartner wirklich sympathisch, oft ist man über ihr Verhalten und ihr Leben regelrecht entsetzt. Aber für diese Stunde, in der man sich in ihr Leben versenkt, spielen Urteile und Bewertungen keine Rolle. Man teilt, für die Dauer des Gesprächs, ihre subjektive Sichtweise, sofern sie diese Sichtweise ehrlich und ausführlich präsentieren. Sogar, als wir in Gefängnissen Interviews mit Mördern führten, die ein Familienmitglied getötet hatten, hatte das Gespräch seine eigene Gesetzmäßigkeit. Für diese Menschen trug ihr eigenes Verhalten schließlich eine Wahrheit in sich selbst. Sie mochten die Tat bereuen oder rechtfertigen, konnten manchmal selber nicht ganz verstehen, wie es zu dieser oder jener extremen Handlung gekommen war, aber ihre Darstellung wirkte in ihrer absoluten Subjektivität hypnotisch. Nach dem Interview trat man wieder die gewohnten fünf Schritte zurück, fällte aus der Distanz der gesellschaftlichen und der eigenen Moral Urteile, zog Vergleiche, hatte Meinungen. Man konnte auch verurteilen, ablehnen, abgestoßen sein, Ursachen erkennen, Muster finden.

Bei unseren nun folgenden Gesprächen mit Männern hatten wir ein ganz anderes Problem, nämlich ein Orientierungsproblem. Diese Männer schienen uns oft ähnlich zu sein, im Alter, im Beruf, in der Ausbildung, in ihrer politischen Einstellung, aber waren sie es wirklich? Sie verwendeten vertraute Begriffe, Ausdrücke, Floskeln, aber meinten sie damit das gleiche? Wir hatten damit gerechnet, daß die männlichen Interviewpartner sich verschlossen geben würden oder abblockten, aber sie redeten bereitwillig und offen. – Oder war das nur eine raffiniertere Variante von Verschlossenheit?

Diese Zweifel hatten nichts mit der den Frauen oft nachgesagten Paranoia zu tun, sondern ergaben sich unwillkürlich beim Vergleich der Gespräche. Dem ersten, dem zweiten, dem dritten und auch noch dem vierten Mann hätten wir (und hatten wir) ja geglaubt, daß er sein Leben vollständig im Griff hatte, daß er die Probleme mühelos durch bloße Willenskraft bewältigte, daß es zwar Höhen und Tiefen gab, aber im Grunde genommen eine vernunftbetonte, fast philosophische Harmonie in seinem Leben herrschte. Vielleicht hätten wir diese Feststellungen auch noch dem fünften Mann geglaubt, wenn wir irgendeine Möglichkeit der Kontrolle und Korrektur gehabt hätten. Wir hatten deshalb kurz daran gedacht, die dazugehörigen Frauen zu interviewen, um die Aussagen vergleichen zu können, um zu überprüfen, ob z.B. diese Partnerinnen allesamt wirklich so gut und ehrlich behandelt wurden, wie behauptet, ob sie wirklich mit der Aufgabe des eigenen Berufs, mit den Seitensprüngen ihres Mannes, mit seiner 99prozentigen berufsbedingten Abwesenheit so ausgesöhnt und einsichtsvoll einverstanden waren. Wir hätten gerne gewußt, ob der Herzinfarkt und die Magengeschwüre wirklich als «Teil eines Lernprozesses» zu interpretieren waren, der zu einer vollkommenen Umstellung der Lebensgestaltung und zum neuen, stressfreien Alltag führte, ob die Herren ihren Frauen tatsächlich, wie geschildert, das Frühstück ans Bett brachten, um zu demonstrieren, daß sie sich trotz Amt, Würden und Gehalt ihrer Hausfrau nicht überlegen fühlten. Aber wir entschieden uns gegen Kontrollgespräche.

Das hatte mehrere Gründe: