Die Grenzen des Geschlechts - Cheryl Benard - E-Book

Die Grenzen des Geschlechts E-Book

Cheryl Benard

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Beschreibung

Es gibt Menschen, die verfolgt und unterdrückt werden auf Grund ihrer politischen Überzeugungen. Dann gibt es Menschen, die infolge ihrer Hautfarbe mißhandelt werden. Die brutalste Unterdrückung ist diejenige, die auf der Grundlage von Geschlecht verübt wird. Millionen von Frauen verbringen ihr Leben in einer Art Haft, in Hausarrest. Sie haben keine Bürgerrechte. Aus Aberglauben, aus Machtstreben und aus Willkür werden sie eingesperrt, verstümmelt, zur Unwissenheit gezwungen, sogar getötet. Sie haben gegen keine Regierung gekämpft, kein Gesetz gebrochen, keinen Widerstand geleistet. Trotzdem werden sie mit den extremsten Gewaltformen konfrontiert. Das ist kein Thema der Frauenbewegung. Worum es geht, das sind die elementarsten, die einfachsten Menschenrechte: das Recht aufs Überleben; das Recht, sich frei zu bewegen; das Recht auf ein Minimum an Selbstbestimmung. Dieses Buch will eine Diskussion eröffnen und ein Handbuch liefern für unmittelbare Aktion.

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EPUB

Seitenzahl: 617

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Cheryl Benard • Edit Schlaffer

Die Grenzen des Geschlechts

Anleitungen zum Sturz des Internationalen Patriarchats: Amnesty for Women

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Es gibt Menschen, die verfolgt und unterdrückt werden auf Grund ihrer politischen Überzeugungen. Dann gibt es Menschen, die infolge ihrer Hautfarbe mißhandelt werden. Die brutalste Unterdrückung ist diejenige, die auf der Grundlage von Geschlecht verübt wird. Millionen von Frauen verbringen ihr Leben in einer Art Haft, in Hausarrest. Sie haben keine Bürgerrechte. Aus Aberglauben, aus Machtstreben und aus Willkür werden sie eingesperrt, verstümmelt, zur Unwissenheit gezwungen, sogar getötet. Sie haben gegen keine Regierung gekämpft, kein Gesetz gebrochen, keinen Widerstand geleistet. Trotzdem werden sie mit den extremsten Gewaltformen konfrontiert.

Das ist kein Thema der Frauenbewegung. Worum es geht, das sind die elementarsten, die einfachsten Menschenrechte: das Recht aufs Überleben; das Recht, sich frei zu bewegen; das Recht auf ein Minimum an Selbstbestimmung.

Über Cheryl Benard • Edit Schlaffer

Cheryl Benard (geb. 1953) und Edit Schlaffer (geb. 1950) leiteten als Sozialwissenschaftlerinnen die «Ludwig Boltzmann-Forschungsstelle für Politik und zwischenmenschliche Beziehungen» in Wien. Sie haben 1981 die Menschenrechtsorganisation «Amnesty for Women» ins Leben gerufen.

 

Außerdem lieferbar:

«Die ganz gewöhnliche Gewalt in der Ehe»

«Der Mann auf der Straße»

«Liebesgeschichten aus dem Patriarchat»

«Im Dschungel der Gefühle»

«Viel erlebt und nichts begriffen»

«Männer»

«Laßt endlich die Männer in Ruhe»

Inhaltsübersicht

Für Hans Dichand, ...VorwortKapitel 1 Frauen – die ewige Kolonie1. Physische Gewalt2. Sexuelle Gewalt3. Materielle Gewalt4. Ideologische GewaltKapitel 2 Sind Frauenrechte Menschenrechte?Kapitel 3 Indien – Frauenmord im Land der GewaltfreiheitKapitel 4 Es muß nicht immer Kakao sein – Frauen als Rohstoff. Das Beispiel ThailandKapitel 5 Freud in der Moschee. Männlichkeit in der islamischen Welt – eine feministische DiagnoseKapitel 6 Hinter Gittern – Die Philosophie des Tschador, die Eliminierung der Weiblichkeit und die kulturellen FolgenFeminismus und ModeKleidung und BeweglichkeitMode und PrestigeSymbole und Verhalten – Die Zivilisierung des Mannes im WestenVerhalten, Sitten und IslamFrauen und Kleidung im IslamGlück hinter dem Schleier?Kapitel 7 Rahima fährt nach Amerika und andere Erlebnisberichte islamischer FrauenRahima aus Afghanistan 22 Jahre altZahra aus Afghanistan 65 Jahre altShirin Naqvi aus Pakistan 46 Jahre altManelca H. aus Neu Delhi 80 Jahre altRabia aus Iran 21 Jahre altMalika aus Iran 30 Jahre altKapitel 8 Reisen durch den FundamentalismusImpressionenJemenSana – Djibuti – AddisKarachiIslamabadBrief einer jungen pakistanischen Lehrerin aus LahorePeshawarParisUNO-Tagung WienWien, Internationales Kulturzentrum, Frühjahr 1983Kapitel 9 Solidarität mit wem? Die Linken, die Frauen und die Revolution in der Dritten WeltGesellschaftsveränderung und Frauenfrage in der islamischen WeltKulturkonflikt und Sexismus«Wer noch nie in Belutschistan war, ist kein Mann» – Linke Männer zwischen Karl Marx und Karl MayMissionare der Männlichkeit: Entwicklungshilfe und SexualimperialismusKapitel 10 Sisterhood is confusingFeministinnen unterwegsSozialwissenschaftlerinnen und der OrientDer Mythos der zufriedenen SklavinKapitel 11 Frauenbewegung in der WüsteKapitel 12 Amnesty for WomenMandana Kerschbaumer: Bericht über das erste Amnesty for Women-Projekt in einem afghanischen FlüchtlingslagerSchlußwortAnmerkung

Für Hans Dichand, unseren Lieblingspatriarchen in Wien

Vorwort

Über die Lage von Frauen in der Dritten Welt zu schreiben, strapaziert das Artikulationsvermögen einer Europäerin sehr. Erstens ist es sprachlich schwierig. Wir wissen, wie allergisch die öffentliche Meinung auf klare Formulierungen reagiert, von drastischen Schlußfolgerungen ganz zu schweigen. Zweitens waren wir, das müssen wir selbstkritisch zugeben, nicht sparsam genug mit unseren Wörtern. Sorglos und unökonomisch haben wir all unsere Begriffe ausgestreut, sprachen von Vergewaltigung und Gewalt in der Ehe, von politischen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten, von Pornographie, die in der Verstümmelung und Erniedrigung und Gewalt ihre Erregung findet, von phallokratischer Tyrannei. Wörter wie Frauenhaß und Genozid fielen, wenn wir uns die Statistiken über Mord und Vergewaltigung, über Tod infolge von illegalen und verpfuschten Abtreibungen ansahen. Wir sprachen von Unterdrückung, Ausbeutung und Sexualhaß.

Welche Wörter bleiben uns jetzt, wenn wir davon sprechen wollen, daß zehnjährige Mädchen verheiratet werden an Männer, die mindestens doppelt so alt sind; daß sie 14 Kinder bekommen, von denen die Hälfte stirbt; daß sie in ihrem ganzen Leben kaum ihr Haus verlassen dürfen?

Wie sollen wir davon sprechen, daß neugeborene Mädchen in weiten Teilen der Erde durch gezielte Vernachlässigung oder durch Aussetzung getötet werden?

Wie wollen wir es nennen, wenn Millionen von Mädchen mit primitivem Werkzeug Verstümmelungen ihrer Geschlechtsorgane erleiden, weil man sich von der Entfernung dieser Körperteile auch die Vernichtung jedes Anreizes zum Ehebruch verspricht?

Mit welcher Empfindung wollen wir darauf reagieren, daß Mädchen auf subtile und auf massive Weise ihr minderer Wert vermittelt wird: daß sie zu essen bekommen, was übrig bleibt, daß sie Männern auf vielfache Weise ihre Demut und Achtung zeigen müssen, daß sie kürzer leben, daß ihnen in ihrem kürzeren Leben weniger Freude und Freiheit gegönnt wird?

Wenn man sich die religiösen Traditionen, den Alltag, die normale Behandlung dieser Frauen und Mädchen ansieht, regt die Vernunft sich auf, und der Gerechtigkeitssinn empört sich. Man ist versucht, Sätze zu schreiben, in denen das Los von Frauen in diesen Ländern mit dem Schicksal von politischen Häftlingen und von Kriegsgefangenen verglichen wird; mit Parias; mit Sklaven. Sie müssen ihr Haupt beugen und ihren Kopf bedecken; sie müssen sich verstecken; sie dürfen die Welt nicht sehen, und wenn, dann nur durch das Gitter absurder Verschleierung; sie dürfen nichts lernen, nichts lesen, nichts wissen, nichts sagen, sie sollen still sein und untertänig und keusch natürlich, das ist besonders wichtig. Man kann dann Zorn spüren, Haß vielleicht sogar für diejenigen, die soviel mehr haben an Kraft und Wissen und Bildung und Macht und Chancen und Achtung, für die Männer also, die so viele Vorteile haben und so wenig großzügig sind. Die sie vielleicht lieben könnten – ihre Töchter, ihre Frauen –, die sie aber bereit sind, zurückzustoßen im Namen einer männlichen Überlegenheit.

Sagten wir: Zorn, Haß? Zorn und Haß gegen Männer? Na also, da sind wir ja beim Artikulationsproblem, beim sprachlichen Übermaß an Drastischem und dem Mangel an Höflichkeit.

Aber das sprachliche Problem ist nichts im Vergleich zu einem anderen Dilemma. Männer zu hassen, das werden unsere Genossen eventuell noch verkraften, wo sie doch wissen, daß alles auf dem Papier bleibt und die Feministinnen eh recht lieb sind, wenn man sie dann tatsächlich vor sich hat. Wie aber, wenn wir nun anmerken müssen – und wirklich ungern und wirklich getrieben durch die unausweichlichen Tatsachen vor unseren Augen –, daß die Dritte Welt, so im allgemeinen gesprochen und mit einigen Ausnahmen, für Frauen Ort einer Unterdrückung ist, der jede imperialistische Ausbeutung geradezu stümperhaft erscheinen läßt?

Aber: Ist die Dritte Welt nicht jener heroische Erd-Teil, dessen wertvolles Kulturgut von den perfiden und monströsen Imperialisten vernichtet wurde, der sich besinnen muß auf seine eigenen Werte und Traditionen, dessen Nationalismus auf dem Boden der eigenen Kultur erblühen muß, um sich zu erheben gegen Ausbeutung und Tyrannei und Gleichschaltung?

Und sie erheben sich, diese atemlos beschworenen Revolutionäre der Kolonien, und besinnen sich und rufen ihre Kultur und ihre Traditionen auf, um: Minderheiten zu liquidieren, Gegner zu foltern, Massenhinrichtungen zu inszenieren, dafür zu sorgen, daß die eine Hälfte ihres Volkes ihr Leben in Finsternis und Isolation, Chancenlosigkeit und Demütigung verbringt.

Einen traurigen Abschied feiern wir von der Revolutionsromantik. Good bye third world. Aber halt, es gibt auch eine hoffnungsfrohere Deutung. «Hier geht es um mehr als Frauenrechte», weisen uns die linken Theoretiker zurecht und holen tief Luft im Namen ihrer Solidarität mit der Dritten Welt.

Aber worum geht es denn? Das ist sehr einfach, wenn wir uns nicht blenden lassen von den Mythen und Phantasien der maskulinen Revolution. Es geht um Menschenrechte, um die Feststellung – doch eigentlich nicht allzu ungewöhnlich –, daß Mädchen auch ein Recht auf Leben haben und ihr Leben, soweit es geht, halbwegs erfreulich verbringen sollten. Nicht im dunklen Hinterhof eines Lehmhauses, während sich die Herren (denn verglichen mit seiner Schwester kann fast jeder Mann noch ein Herr sein) auf der Terrasse sonnen. Nicht hinter einem schwarzen Gittertuch, während die Herren aufgeknöpft bis zum Nabel Revolutionslieder singen in den Straßen von Kabul, Peschawar und Teheran. Nicht verkuppelt im Alter von zehn und ständig schwanger, damit die Hindu-Ahnen keine verlorenen Embryos betrauern müssen. Nicht abgespeist mit den Resten der Mahlzeit, die sie selber mühselig über einem offenen Feuer zubereitet haben. Nicht mit Benzin überschüttet und verbrannt, weil ihre Mitgift zu gering war. Nicht verstoßen, weil die ersten drei Kinder Töchter waren. Nicht getreten, damit getretene Männer sich kurzfristig als Herren fühlen können.

«Die Dritte Welt hat ganz andere Probleme», klären uns die fortschrittlichen Theoretiker, und seien wir ehrlich, die Frauen selbst in den betroffenen Ländern, auf. Wie wahr das ist. Multinationale Konzerne. Eine Weltwirtschaft, in der kein Land der Dritten Welt jemals hochkommen wird. Armut. Hungersnöte. Korrupte Eliten. Folter. Dagegen mobil zu machen, könnte man meinen, braucht alle Energie, so daß für den Protest gegen das Steinigen von Ehebrecherinnen, das Töten einer unliebsamen Schwiegertochter, das Ertränken eines neugeborenen Mädchens, den Verkauf von Neunjährigen in die Prostitution keine Zeit bleibt. Nicht «Solidarität!», sondern «Rette sich, wer kann!» könnten wir auf das Banner so mancher revolutionären Bewegung sticken.

Ein gemeinsamer Kampf ist vorstellbar, das schon. Zum Beispiel könnten sich die Männer aufregen, daß es für «ihre» Töchter keine Schulen gibt, daß «ihre» Frauen sich nicht frei bewegen dürfen. Aber sie regen sich auf, daß man ihnen «ihre» Töchter wegnehmen und ihnen die verderbliche Kunst des Lesens beibringen will, daß sie selbst nunmehr gedemütigt werden sollen, weil man «ihre» Frauen in die Welt hinauslassen möchte.

Von diesen Männern ist ein revolutionärer Ruf nach den Menschenrechten für Frauen nicht zu erwarten. Von ihren Regierungen auch nicht, es sei denn, man erwischt den Herrn Golf-Magnaten in einer gewogenen Stunde im «Omar Khayyam Club» in London und gewinnt ihn hier kurzfristig für die Emanzipation seiner Frauen – die er wohlweislich in Dubai zurückgelassen hat.

Der revolutionäre Eifer der Frauen in der Dritten Welt ist gering. Weiß der Westen schon wieder alles besser, wenn er sich die Frage nach ihrer Behandlung stellt? Ist es Neokolonialismus, Ethnozentrismus, Mißachtung kultureller Werte, wenn man sich in die Familienangelegenheiten anderer Länder einmischt? Wenn wir diese Frage mit «ja» beantworten wollen, müssen wir den Glauben an die Menschenrechte aufgeben und jeden Dialog über Gerechtigkeit und Veränderung einstellen. Dann können wir passiv abwartend dem Aberglauben unserer Zeit huldigen.

Diese Analyse ist im Rahmen unserer Tätigkeit an der Ludwig Boltzmann Forschungsstelle für Politik und zwischenmenschliche Beziehungen entstanden.

Kapitel 1 Frauen – die ewige Kolonie

Der Glaube an ein ursprüngliches Matriarchat oder zumindest an eine egalitäre frühere Gesellschaft mag tröstlich sein, hilft uns aber nicht weiter. Die Unterordnung der Frauen ist alt und universal. Wie wird sie durchgesetzt? Worauf beruht sie? Wie reagierten Frauen darauf?

Sobald Kulturen sich begegnen, beginnen die Vergleiche. Welche ist besser? Welche hat mehr Macht? Wessen Zivilisationsstand ist höher? Fast immer gehört dieses halb drohende, halb prahlerische Spiel zur Begegnung der Kulturen, und wenn ein möglicher wirtschaftlicher oder militärischer Konflikt in der Luft liegt, dann steigert sich diese Auseinandersetzung bis zu den extremsten Grotesken der Angeberei. Zum Teil dürften diese Drohgebärden den Zweck haben, die andere Seite von der eigenen Unangreifbarkeit zu überzeugen. Zum Teil – das meint jedenfalls Virginia Woolf – liegen sie vielleicht in der männlichen Psychostruktur verankert, die an nichts Neuem und Fremden vorübergehen kann, ohne einen Vergleich anzustellen, der zu den eigenen Gunsten ausfällt. Virginia Woolf betrachtet es als einen der besonderen Vorzüge des Frau-Seins, daß man «an einer Negerin vorübergehen kann, ohne den unwiderstehlichen Drang zu verspüren, aus ihr eine Engländerin zu machen».[*]

Das ist mehr als eine scherzhafte Anmerkung. Denn die politische Bedeutungslosigkeit ihrer Stellung in patriarchalischen Gesellschaften stand in gar keinem Verhältnis zu dem immensen Gewicht, das der Rolle der Frauen in diesem Prahl- und Drohdialog zwischen den Kulturen zukommt. «Ihr mißhandelt eure Frauen», warf da plötzlich eine Gruppe von Patriarchen der anderen vor. «Eure Frauen sind sittenlos und promiskuös», spottete eine Gruppe über die andere und traf sie damit direkt im Zentrum ihres Selbstgefühls. «Unseren Frauen geht es besser als euren», prahlten da Männer, die sich noch nie zuvor Sorgen um die Frauenrechte gemacht hatten. Eindeutig hat die Frauenfrage, so sehr sie innenpolitisch von allen maßgeblichen Männern immer wieder an den Rand gedrängt wird, in zwischenkulturellen Auseinandersetzungen ein ganz ungebührendes Gewicht. Insgesamt liefert die Weltgeschichte unzählige Beispiele für ganz paradoxe Anwandlungen von Sympathie oder Aggression gegenüber den Frauen fremder Kulturen auf seiten der Männer, die sonst keinen Funken von Interesse an der Frauenfrage aufbringen. Und warum ist es so? Weil, wie es scheint, fremde Frauen sich noch weit besser für Projektionen, für Symbolisches, für hinterhältige Ersatzschläge gegen andere Männer und für (politische, kulturelle) Potenzkämpfe eignen als die eigenen.

Selbstverständlich war auch die wissenschaftliche Prominenz zur Stelle, um sich an diesem Aspekt des Kulturkampfs zu beteiligen. Bei welchem Thema sonst hatte man schließlich die Gelegenheit, auf einen Schlag gleich so viele Attacken gleichzeitig zu lancieren: gegen die Männer der anderen Kultur, gegen Frauen insgesamt, gegen die Frauen der eigenen Kultur. Nirgends sonst konnte man die eigene Glorie so umfassend hervorstreichen und kleine Bosheiten ungestraft in wissenschaftliche Abhandlungen einflechten. Nirgends sonst konnte man die eigenen sexuellen Störungen so aufschlußreich darlegen. Drei Beispiele sollen uns als Illustration genügen, da sie von besonderer Prominenz und besonderer Deutlichkeit sind: Evans-Pritchard, Lévi-Strauss und Claude Meillassoux, ein Schüler von Lévi-Strauss, dessen Ideengut für eine neue Generation Linksdenkender erneut von Bedeutung ist. «Die Stellung der Frauen in primitiven Gesellschaften und in unserer eigenen», heißt der Aufsatz des berühmten Sozialanthropologen Evans-Pritchard.[*] Er beginnt vielversprechend mit der Feststellung, daß der Blick früherer Anthropologen durch viele Vorurteile getrübt gewesen sei. Sie sahen die Welt als zweigeteilt an: auf der einen Seite die unterentwickelten Wilden, auf der anderen das viktorianische England als Höhepunkt der Zivilisation. Das ist natürlich ein berechtigter Kritikpunkt. Was Evans-Pritchard damit bezweckt, stellt sich bald heraus: er hat vor, statt der viktorianischen Dame die Frau der afrikanischen Stammesgesellschaft als Vorbild für die korrekte Frauenrolle vorzustellen.

«Die Frau hat in der primitiven Gesellschaft keine andere Wahl, als die vorgeschriebenen Pflichten einer Ehefrau zu erfüllen. Selten hat sie etwas zu reden.» Aber Evans-Pritchard weiß nicht nur, wie es den Frauen geht, er weiß auch, wie sie darüber denken und was sie glücklich macht. «Sie (die Frau in der primitiven Gesellschaft) beneidet die Männer nicht um das, was wir vielleicht ihre Privilegien nennen würden … Von außen betrachtet können wir sagen, daß die Frauen in diesen Gesellschaften eine untergeordnete Position haben. Auch die Frauen selber werden das wissen, aber es macht ihnen nichts aus … Primitive Frauen sehen sich nicht als unterdrückte Klasse gegenüber den Männern … Sie haben ja noch nie etwas von sozialer Gleichheit gehört.»[*]

Insgesamt, schließt Evans-Pritchard, geht es den Frauen in diesen Gesellschaften sogar besser als den Frauen im Westen, und zwar aus zwei recht originellen Gründen: erstens sind sie so unterwürfig und demütig, daß es die Männer gar nicht nötig haben, ihre Autorität gewaltsam durchzusetzen. «Da die Gewalt des Ehemannes nie in Frage gestellt wird, sind häusliche Streitereien, Nörgeleien und ähnliche Unannehmlichkeiten des Zusammenlebens sehr viel weniger belastend, da sie keine Bedrohung männlicher Autorität bedeuten.»

Der zweite Grund für das größere Glück der «primitiven Frauen» leitet sich von dem ersten ab. Da ihre Lebenschancen so gering und so eng umzogen sind, kommen diese Frauen gar nicht dazu, sich mit großartigen Ambitionen unzufrieden zu machen und den Zorn der Männer zu erregen. Um das zu verdeutlichen, hat Evans-Pritchard das negative Gegenbeispiel zur Hand: die Frauen seiner eigenen Gesellschaft. Hier herrschen Zank und Streit, weil die Frauen ständig gegen ihren natürlichen Platz aufbegehren.

«In unserer Gesellschaft streben Frauen fast jede Arbeit an und – interessieren sich für alle Bereiche, so daß der Raum möglicher Auseinandersetzungen mit dem Mann sich unendlich ausweitet und schließlich das gesamte Sozialleben der Familie und sogar der Außenwelt umfaßt, was wiederum Unglück und Leiden für den Ehemann und die Kinder, aber auch für die Frauen selbst bedeutet.»

Wie gut geht es dagegen der «primitiven Frau», deren Leben noch mit keinen Gleichheitsgedanken vergiftet wurde. Denn «in unserer Gesellschaft wurde alles dadurch so kompliziert, daß die Stellung der Frau im 18. und 19. Jahrhundert Gegenstand philosophischer Spekulationen wurde und sich mit allen möglichen liberalen und egalitären Bewegungen verstrickte». Dann kam die Idee der Unterdrückung der Frauen auf und ihrer Emanzipation. Das war nicht nur verderblich für den sozialen Frieden, sondern auch verhängnisvoll für die Frauen selber. Denn Evans-Pritchard weiß, daß der Kampf der Frauen nicht nur ein lästiger, sondern auch ein vergeblicher ist. Und er will ihnen die unnütze Mühe ersparen, denn er «kann nicht glauben, daß das relative Kräfteverhältnis zwischen den Geschlechtern in der vorhersehbaren Zukunft irgendwelche bleibenden oder bedeutenden Änderungen erfahren wird».

Unsere zweite Männerstimme ist die von Claude Lévi-Strauss. Daß sein Strukturalismus vor allem auch darin besteht, Frauen schnell und ordentlich in die passenden, abfälligen Kategorien einzuteilen, wird schon aus seinen Nebensätzen und beiläufigen Anmerkungen deutlich. Über die Aranda Australiens z.B. merkt er an, sie brächten keine echten künstlerischen Leistungen zustande. Sie malten nämlich nur «langweilige und pedantische Aquarelle, die von einer alten Jungfer stammen könnten»[*]. Lévi-Strauss führt einleitend ein Beispiel an für die «Interdependenz», die als grundlegendes Prinzip alle sozialen Interaktionen prägt. Als Beispiel wählt er den Umgang eines bestimmten Stammes mit den heiligen Wasserstellen. Um sie nicht zu entweihen, dürfen Frauen sich niemals in die Nähe dieser Wasserstellen begeben. Bei den Männern gibt es Abstufungen: die noch nicht durch Initiationsriten geweihten Männer dürfen zwar zu den Wasserstellen, aber sie dürfen das Wasser nicht trinken; die Männer der nächst höheren Stufe dürfen zwar davon trinken, aber nur, wenn ein Eingeweihter ihnen den Becher reicht; die Eingeweihten schließlich walten frei über das Wasser. Dieses Beispiel zeigt, laut Lévi-Strauss, die «Interdependenz», also die wechselseitige Abhängigkeit innerhalb der gesellschaftlichen Organisation. Das Beispiel zeigt jedoch eher, daß von Interdependenz keine Rede sein kann, daß vielmehr die mächtigste Gruppe der Männer sich durch die Verwaltung religiös oder materiell wichtiger Dinge noch mehr Autorität verschafft. Ferner zeigt das Beispiel, daß mythische und religiöse Autorität zur Erzeugung und Aufrechterhaltung von sozialen Hierarchien beiträgt. Und schließlich wird deutlich, daß Frauen nicht einmal an diesem System der Hierarchien teilhaben dürfen, sondern daß ihr Ausschluß die Gemeinsamkeit untereinander ungleicher Männer unterstreicht und auch den niedrigstgestellten unter ihnen noch das Gefühl gibt, wenigstens mehr Rechte zu haben als die Frauen. Diesen Punkt hebt Lévi-Strauss nicht hervor, da Frauen für ihn keine Gesellschaftsmitglieder sind, sondern Tauschobjekte; Gegenstände, über die männliche Ordnung und Ökonomie organisierbar werden.

«Eine australische Sektion», erläutert Lévi-Strauss sein Bild des Hergangs, «produziert Frauen für andere Sektionen, genauso wie eine Berufsgruppe Güter und Dienstleistungen produziert.» Aber ganz so als Ware will Lévi-Strauss die Frauen nun doch nicht darstellen; schließlich ist man dem französischen Liberalismus etwas schuldig. Und so möchte er festgehalten wissen:

«Ein grundlegender Unterschied besteht zwischen dem Tausch von Frauen und dem Tausch von anderen Gütern und Dienstleistungen. Frauen sind biologische Individuen, d.h., sie sind natürliche Produkte, die von anderen biologischen Individuen erzeugt werden. Güter und Dienstleistungen hingegen sind materielle Objekte, d.h., soziale Produkte, die von technischen Agenten erzeugt werden.»

Damit ihnen diese gewichtige Auszeichnung nicht in den Kopf steigt, hat Lévi-Strauss aber gleich einen Zusatz beizufügen:

«Männer tauschen Frauen durch kulturelle Kanäle … so wie Nahrungsmittel untereinander beliebig auswechselbar sind, weil sie alle den Zweck der Ernährung erfüllen, so sind auch Frauen beliebig auswechselbar. Ein Mann kann sich mittels einer Speise befriedigen und dafür auf andere Speisen verzichten, und vergleichbar ist es mit Frauen, denn jede Frau und jedes Nahrungsmittel ist gleichermaßen geeignet, um den Zweck der Reproduktion und der Subsistenz zu erfüllen.»[*]

Claude Meillassoux befaßt sich in einem Buch Die wilden Früchte der Frau, Über häusliche Produktion und kapitalistische Wirtschaft[*] mit dem Zeitpunkt der Geschichte, an dem «die matrimoniale Kontrolle zu einem Element der politischen Macht wird» – d.h. mit Ursprung und Zweck der Sexualpolitik. Er tut das als linker Anthropologe, wobei sich das links auf zweifache Weise äußert: erstens geht er aus vom Primat der Ökonomie, wie wir gleich am Beispiel seiner Frauenökonomie sehen werden. Zweitens merkt er mahnend an, daß der «Kampf der Jugendlichen und der Frauen um ihre Emanzipation» nur dann «fortschrittlich» ist, wenn er «sich dem Klassenkampf unterordnet, um ihn zu verstärken».[*] Die Unterordnung der Frauen, das ist immerhin etwas, wofür sich Meillassoux interessiert. Der Rest seines Buchs handelt davon.

Natürlich ganz sachlich. Es geht ja gar nicht um Frauen, eigentlich; eigentlich geht es ja nur um Funktionen und um ökonomische Abläufe. «Die Reproduktion hängt von den politischen Fähigkeiten der Gruppe ab, in jedem Augenblick mit einer adäquaten Zahl von Frauen zu handeln.» Das wiederum ist ein mathematisches Problem, wenngleich kein besonders einleuchtendes: «Sobald die differentielle Fruchtbarkeit zu einem Defizit an weiblichen Geburten führt … muß eine Korrektur erfolgen durch die Einführung von Frauen, die man sich außerhalb der Kollektivität beschafft hat …» (S. 41) Wie dieses Ereignis eintreffen sollte, daß mysteriöserweise ein systematischer Überschuß an Männern eine Knappheit an Frauen erzeugen sollte, führt er nicht aus; er braucht dieses Postulat, um zu seinem Argumentationsschritt zu gelangen. Um der Knappheit an Frauen entgegenzuwirken, muß man sich also Frauen von außerhalb der eigenen Gruppe besorgen. Diese aber wollen ihr Eigentum behalten, statt es an ihre bedürftigen Brüder abzutreten. Und hier liegt nun die Wurzel des Krieges, denn die Männer müssen sich Frauen einfangen gehen, und «der Jäger, der sich nicht mehr von Tieren, sondern von anderen menschlichen Wesen konfrontiert sieht, wird zum Krieger».

Wie das sich abspielt, malt Meillassoux in hingebungsvollen Details aus: «In dieser Situation ist die Frau die Beute. Damit sie gefangen werden kann, muß sie in eine taktische Situation der Unterlegenheit gebracht werden. Der Raub enthält in sich alle Elemente der Unterwerfung und Herabsetzung der Frauen und ist das Vorspiel aller anderen Unternehmen dieser Art. Verbündete, bewaffnete, nach einem untereinander ausgeklügelten Plan handelnde Männer versuchen, eine möglichst isolierte, unbewaffnete, weder vorbereitete noch vorgewarnte Frau zu überraschen. Gleich welche Körperkraft oder Intelligenz sie besitzt, sie ist von vornherein zur Niederlage verdammt. Ihre Rettung liegt nicht im Widerstand, sondern in der unmittelbaren Unterwerfung (Hervorhebung im Original) unter ihre Räuber. Ihr Schutz kann nicht von ihr selbst kommen, sondern von den anderen Mitgliedern ihrer Gruppe, und eher von den Männern als von den Frauen, nicht weil die ersteren von Natur aus dazu besser geeignet wären, sondern weil sie weniger verwundbar sind … Die Frauen befinden sich sowohl gegenüber den Männern ihrer Gruppe, die sie beschützen, wie gegenüber denen der anderen Gruppe, die sie rauben, in einer Situation der Abhängigkeit. Auf Grund ihrer sozialen Verwundbarkeit erniedrigt, werden die Frauen unter männlichem Schutz an die Arbeit gestellt, mit den undankbarsten, verdrießlichsten, vor allem unbefriedigendsten Aufgaben der Landwirtschaft und der Küche betraut. Von vornherein von den Aktivitäten der Jagd oder des Kriegs ausgeschlossen, auf denen die Werte der Gesellschaft gründen, sind sie so sehr mißachtet, daß der Kindermord an Mädchen zuweilen häufiger praktiziert wird als der an Knaben, und zwar trotz ihrer lebenswichtigen Gebärfähigkeit.»

Dieser Absatz wird so ausführlich zitiert, weil der Autor hier eine wirklich bemerkenswerte gedankliche Drehung zustande bringt. Frauen sind, so beginnt er, so wertvoll für die Gesellschaft, daß man ihretwegen den Krieg erfindet – d.h., daß man ihretwegen den Kampf gegen seine Nachbarn aufnimmt. Gerade weil sie so wertvoll und umkämpft sind, sinkt aber ihr gesellschaftlicher Status. Hier müssen wir die erste Slalomkurve kriegen; z.B. sind Angehörige der Aristokratie oder der Priesterschaft in vergleichbarem Kontext auch verwundbar, da sie keine Krieger sind. Man stellt ihnen zum Schutz ihrer wertvollen Personen daher eine Bewachung zur Verfügung, und das Interesse, das der Feind an ihnen haben mag, steigert nur noch ihr Ansehen. Bei Frauen aber wirkt es sich gegenteilig aus. So gegenteilig, daß ihnen – ihrem Status als rares Gut gar nicht angemessen – der niedrigste Rang in der Gesellschaft zugewiesen wird. Und jetzt, Achtung meine Damen und Herren, es kommt die nächste Kurve. Die wertvollen Frauen nämlich, von denen man nie genug hat und deretwegen man in den Krieg ziehen muß, sind nun bereits so mißachtet, daß man sie tötet und daher noch weiter zur lästigen Knappheit beiträgt. Aber Meillassoux hält sich nicht lange an diesem Punkt auf, sondern wendet sich wieder der befriedigenderen Sprache der Ökonomie zu. Frauentausch, erfahren wir in der Folge, ist ein Geschäft auf Zeit, denn man muß warten, bis die Bezahlung für eine «geschlechtsreife Frau» (die in Form einer anderen ebensolchen erfolgt) herangereift ist. Auf diese Weise kommt es zu «multilateralen Übereinkünften». Frauen können «nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit verteilt» werden (was für sie sicher ein geradezu kosmisches Gefühl sein muß). Dadurch entstehen «matrimoniale Areale». Und das alles erläutert gelassen ein Autor, der gerade zuvor schwere Bedenken über den Begriff des Eigentums geäußert hat; in bezug auf Frauen dagegen ist ihm die Nationalökonomie höchstens noch zu wenig konsequent.

Mädchen werden «vorgeschossen» und «ausgehändigt». Wie bei Meister Lévi-Strauss werden sie auch konsumiert, d.h., sie gehören in die Kategorie der Konsumgüter: «Die Zirkulation der Lebensmittel und der Frauen gründet auf ihrem zeitlich aufgeschobenen Gebrauch.» Sie sind auch, wie Lebensmittel und anders als andere Gebrauchsgegenstände, verderblich: «Die Frauen werden durch ihre Heirat der Zirkulation entzogen, ‹konsumiert›, bis zur Erschöpfung in ihrer Gebärfähigkeit ausgenutzt, während das Heiratsgut, das zwar aus dauerhaften, jedoch nutzlosen Gegenständen besteht, eine endlose Existenz hat, die es ihm gestattet, immer wieder in Umlauf gebracht zu werden.»

Daneben gibt es auch Autoren, die sich nicht so zufrieden um die bloße Erörterung der Dinge kümmern, sondern die bemüht sind, die gewalttätigen Aspekte der Männergesellschaft auf Vernunftgründe zurückzuführen. Einer davon ist der Politologe Marvin Harris, der die «Ursprünge der Kultur»[*] in einem milderen Licht präsentieren will. Er geht aus von den erschreckenderen Fakten, auf die er im Lauf seiner polit-ethnologischen Studien stoßen mußte: Mädchenweglegung, Frauenmißhandlung. In den Stammesgesellschaften, die er anführt, wirken sich diese Gewohnheiten drastisch aus: auf 128 Buben im Alter bis 14 gibt es nur 100 Mädchen, mancherorts im Amazonasraum sogar nur auf 260 Buben 100 Mädchen. Das, und die offene Brutalität, die offizieller Teil des Umgangs von Männern mit Frauen ist, möchte Herr Harris einer wissenschaftlich-rationalen Erklärung zuführen, die ihre Begründung anderswo findet als in der Natur der Männer.

Die Mädchenweglegung, beginnt er, ist ja die einzige wirklich effektive Form der Geburtenkontrolle in Zeiten der Knappheit, wenn die Größe der Bevölkerung reguliert werden muß. Denn wenige Männer können theoretisch mit vielen Frauen viele Kinder zeugen, so daß die Zahl der Geburten sich nur durch die Zahl der gebärfähigen Frauen reduzieren läßt. Daher, meint Harris, gibt es so viele Stämme, die Töchter bei der Geburt töten. Diese Argumentation besticht nicht durch ihre Schlüssigkeit. Denn erstens läßt sich Sexualität kulturell auf sehr viele Weisen regulieren außer durch Mord. Zweitens aber ist eine Knappheit – verursacht durch Trockenzeiten oder Dürrekatastrophen oder sonstige natürliche Krisen – ein Sofortzustand, während die Geburtenverringerung durch Mädchenmord sinnigerweise erst 12 Jahre später ihre Wirkung zeitigen kann, wenn nämlich die umgebrachten Mädchen in das gebärfähige Alter gekommen wären. Und bis dahin wird die Dürrekatastrophe vermutlich vorüber sein. Es kann also nur darum gehen, in Zeiten der Knappheit sofort den Kreis derjenigen, die ernährt werden müssen, zu reduzieren. Und wenn man dann ausgerechnet die Mädchen tötet, dann hat man keine logisch zwingende Entscheidung getroffen, sondern eine politische: man hat entschieden, daß Mädchen weniger wert sind.

Vielleicht selbst nicht ganz überzeugt von seiner ersten Erklärung, bringt Harris noch eine zweite. Die Stammesgesellschaften, die er untersucht hat, sind in viele kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt. Daher ist ein Männerleben sehr gefährlich; viele Männer sterben bei den Kämpfen mit Nachbarstämmen, so daß sich im Erwachsenenalter das Zahlenverhältnis zwischen Männern und Frauen fast schon wieder ausgleicht. Wenn man die Männer dazu bewegen will, ein so risikoreiches Leben zu akzeptieren und gute Krieger zu sein, dann muß man ihnen dafür auch etwas bieten, meint Harris. Das tut man, indem man erstens den Männern viele Privilegien gegenüber den Frauen einräumt, ihnen also einen bestimmten Status bietet. Zweitens belohnt man die besten Krieger mit Frauen. Damit aber der Besitz einer Frau ein echter Anreiz ist, müssen sie ein rares Gut sein; wenn sowieso jeder Mann eine Frau bekommen kann, wäre ihr Besitz ja keine besondere Auszeichnung. Frauen werden durch zwei Methoden zu einem raren Gut: erstens, indem man ihre Zahl durch Mädchentötung verringert, und zweitens, indem man den besonders tapferen und mächtigen Männern mehrere Frauen gibt, so daß für die anderen Männer noch weniger Frauen übrigbleiben. «Polygamie», schreibt Harris, «ist die Eheform, die sich am besten dazu eignet, Sexualität und Frauen als Belohnung für aggressives männliches Verhalten einzusetzen.»[*] Und die Schlußfolgerung? Nicht Haß und Ungerechtigkeit gegen Frauen liegen hinter ihrer sozialen Mißhandlung und dem Töten von Mädchen, sondern der verständliche Wunsch, das Überleben der Gesamtgruppe unter sehr widrigen Umständen zu garantieren. Die Gruppe braucht Krieger, um zu bestehen; die Krieger müssen glücklich sein, damit sie kämpfen und alle beschützen; daher müssen die Frauen zurückstecken.

«Männer, die sich als Krieger bewähren, werden mit zusätzlichen Frauen und mit sexuellen Privilegien belohnt. Frauen müssen so erzogen werden, daß sie ihre Unterwerfung unter männliche Dominanz akzeptieren. Denn wenn das Gesamtsystem glatt ablaufen soll, darf keine Frau auf die Idee kommen, daß sie genauso wichtig und wertvoll ist wie ein Mann.»[*]

Das Gerüst dieser Erklärung gerät ins Schwanken, sobald Harris die Hintergründe für die Bedrohungssituation darlegt. Da nämlich stellt sich dann heraus, daß die Kämpfe und Kriege zwischen den Männerhorden zwei Gründe haben: erstens, weil der Krieg eine Mutprobe ist und somit von den Männern bewußt gesucht wird. Und zweitens, weil sich die Stämme infolge des Frauenmangels ständig gegenseitig die Frauen rauben.

Damit können die Argumentationsschritte von Harris – und Harris steht nicht allein, sondern für eine ganze Erklärungsrichtung – folgendermaßen zusammengefaßt werden:

Mädchen werden getötet, damit es weniger Frauen gibt und Frauen zu einem raren, umkämpften Gut werden. Um dieses rare Gut entstehen zwischen Männern viele Kämpfe und Kriege. Daher braucht man Krieger, die diese Kriege engagiert führen. Daher muß man die Männer dazu bringen, daß sie aggressiv sind. Daher muß man sie für ihre Aggressivität belohnen. Daher muß man einer Ideologie der brutalen Männlichkeit huldigen, und daher müssen Frauen schlecht behandelt werden, damit es sich auch auszahlt, ein Mann zu sein. Und daher muß man Frauen zu einem raren Gut machen, damit man die mutigen und kriegerischen Männer mit ihnen belohnen kann. Daher muß man die Mädchen töten, damit es weniger Frauen gibt.

Wie intelligent und rational ein solches Sozialsystem ist und wie sehr im besten Interesse aller Gesellschaftsmitglieder, kann man aus diesem schlüssigen Argumentationskreis ja sofort ersehen.

Man erfährt aus Studien dieser Art häufig auch weit mehr über die Forscher selbst als über die Völker, die ihnen nur als Impuls zum Erguß der eigenen Sozial- und Sexualphilosophie dienten. Hier zum Beispiel die aufschlußreiche Haltung des Autors einer klassischen Studie[*] zum Thema Gewalt gegen Frauen:

«Psychiater (nicht näher spezifiziert – irgendwelche eben, Anm. v. uns) meinen, daß es ein Indiz für das Interesse aneinander und sogar für Zuneigung ist, wenn Eheleute sich gegenseitig körperlich attackieren und vor allem, wenn der Mann seine Frau schlägt. Eine Frau, so heißt es, macht sich Sorgen, wenn ihr Mann ihr schon längere Zeit keine solche Aufmerksamkeit erwiesen hat. Wenn es in Europa und Nordamerika so ist, warum sollte dasselbe dann nicht auch auf die Beziehung zwischen Ehepartnern in Afrika zutreffen.»

Kenneth Little beginnt hier mit einer vollkommen dubiosen Behauptung; schon im nächsten Satz ist aus ihr die erwiesene wissenschaftliche Wahrheit für den europäischen Kulturkreis geworden; und im darauffolgenden Satz ist Gewalt gegen Frauen in afrikanischen Ehen nichts anderes als derselbe Liebesbeweis, den auch westliche Männer auf speziellen Wunsch ihrer Frauen erbringen.

Nicht alle Ethnologen bescheiden sich mit schriftlichen Übergriffen und theoretischen Zumutungen. Die Frauen anderer Kulturen bieten Stoff für viel unmittelbarere Ausbeutungen, siehe z.B. das Buch Namkwa. Life among the Bushmen[*], und die Verwendung, die der Herr Forscher hier für eine Frau seiner Untersuchungspopulation fand. Margaret Mead, die eine Einleitung verfaßte, bemüht sich um ein anthropologisches Verständnis für ihren Kollegen und begnügt sich damit, ihn zu kategorisieren statt zu kritisieren; er ist halt «einer von jenen gebildeten Deutschen, die sich in ein abgeschiedenes, primitives Volk verlieben, die mit den Stammesleuten leben und schließlich der Versuchung anheimfallen, ihre Lebensweise verändern zu wollen».

Über unseren Helden erfahren wir, daß sein Karriereweg mit Frauen gepflastert ist, genauer mit zwei Frauen, die einen Beitrag zur wissenschaftlichen Arbeit leisten, indem sie sein Studium finanzieren, anschließend aber wenig hergeben, da sie langweilig werden. Gegen die Langeweile hilft Botswana; Erleichterung nach der eintönigen heimischen Partnerin verspricht die Eingeborene. «Mein Führer hatte erwähnt, daß man möglicherweise ein Buschmädchen bekommen könnte, und zwar die Tochter eines gewissen Gruxa (?) … Schließlich sah ich Namkwa zum erstenmal. Hier war eine Frau, die endlich anders sein würde als die übrigen, eine Abwechslung von meinen zivilisierten Gewohnheiten. Eine Frau, unberührt von Händen, die Violinen gespielt oder Huren gestreichelt hatten …» Später gelingt es dem Forscher, seinen subjektiven Motivationen eine wissenschaftliche Komponente hinzuzufügen; die Notwendigkeit dieser Ergänzung beschreibt er mit entwaffnender Offenheit. «Später mußte ich meine Involvierung mit dieser Frau rational begründen, denn es gab viele, die Anstoß nahmen an meinen Methoden … Sogar einige Wissenschaftler, die sich für die teilnehmende Beobachtung aussprachen, fanden, daß meine Teilnahme die Grenzen der akademischen Schicklichkeit überschritt.»

Aber Namkwa erweist sich als unendlich nützlich. Zwar läuft sie entsetzt davon, als sie ihrem weißen Eigentümer bei der Einholung gynäkologischer Daten bei ihren Landsfrauen helfen soll, und auch ihr Enthusiasmus über seine Variante der teilnehmenden Beobachtung hält sich in Grenzen – sie schläft mit ihm, wie sie ihm mitteilt, nur aus Angst –, aber dafür packt sie bei Expeditionen das Gepäck zusammen, dient als Blitzableiter, wenn etwas vergessen wird («Wir alle überschütteten sie mit unserem Zorn, ich an erster Stelle.»), vor allem aber erweist sie sich als gelungener und fotogener Attraktionspunkt bei westlichen Geldgebern. In den USA entzückt sie das Publikum und macht Forschungsgelder locker. Ihr selbst bringt die Verbindung wenig Nutzen, aber für die Wissenschaft muß man auch Opfer bringen. Weiße Farmer, die erfahren, daß sie in eheähnlicher Beziehung mit einem weißen Mann lebt, überfallen und vergewaltigen sie. Der Forscher verläßt sie und hinterläßt ein Kind; er hofft, daß sie das ebensowenig belastet wie ihn. Denn er weiß ja von der Relativität kultureller Normen, und wenn die Erhabenheit der Forschungsaufgabe versagt, kann er auf die kleinbürgerlichen Prämissen seiner eigenen Herkunft zurückgreifen und sich damit trösten, daß «wir ja nicht wirklich bindend verheiratet waren». (S. 254)

Die feministische Anthropologie bemüht sich, verschüttete und verzerrt dargestellte Sachverhalte ans Tageslicht zu befördern und hat dabei aber mit den Zwängen des unfruchtbaren Diskurses mit der patriarchalischen Vaterdisziplin zu kämpfen. Infolgedessen wird sie immer wieder in Sackgassen adademischer Quengelei entführt (gab es jemals ein Matriarchat? Sind Menstruationstabus ein Beweis für den niedrigen oder den hohen Rang der Frauen und ihrer Sexualität in der jeweiligen Kultur? usf.).

Auch ist es für viele Forschungen einfach zu spät: zu viele männliche Forscherhorden sind schon durchgetrampelt, als daß auch nur ein Grashalm der unbeeinflußten ursprünglichen Weltanschauung der betreffenden Kulturen übriggeblieben wäre. Einige ehrliche Anthropologen männlichen Geschlechts erschraken selber rückblickend über die intellektuelle und wissenschaftliche Verheerung, die sie angerichtet hatten. So erfuhr z.B. der berühmte englische Ethnologe R.S. Rattray eines Tages und rein zufällig, daß bei den jahrelang von ihm untersuchten Ashante die Frauen eine überaus wichtige Rolle im Staatswesen spielten.

«Ich fragte daraufhin die alten Männer und Frauen, warum sie mich nicht schon früher darauf hingewiesen hatten … Alle gaben mir dieselbe Antwort: Die weißen Männer fragen uns nie danach. Ihr interessiert euch immer nur für die Männer und sprecht nur mit ihnen, und so haben wir angenommen, daß für die Europäer Frauen keine Rolle spielen, und wir wissen auch, daß sie bei euch nicht so mächtig sind wie bei uns.»[*]

Trotzdem erfordert das Faktum der weiblichen Unterordnung, und die auf dem fast allerorts verbreiteten System der auf Männlichkeitsideologie begründete patriarchalische Herrschaft, eine Erklärung. Um ihr zumindest näherzukommen, wollen wir verschiedene Elemente einer möglichen Erklärung festhalten.

 

1. Eine auffallende Konstante ist die Verwaltung der weiblichen Sexualität in all ihren Aspekten. Gegenüber den Frauen hat diese Verwaltung den Effekt der Einschüchterung und der Isolation: der Einschüchterung, weil die Sexualität häufig so gestaltet ist, daß sie für die Frau angstbesetzt ist; der Isolation, weil der Zusammenhalt unter den Frauen und ihre Fähigkeiten, sich zu wehren, durch die Auslieferung an die Autorität und Beaufsichtigung eines bestimmten, kontrollbefugten Mannes verhindert wird. Die meist sehr frühe Verehelichung von Frauen, die häufig sehr viel jünger sind als ihre Ehemänner, gehört in diesen Zusammenhang.

Das stellt sich z.B. folgendermaßen dar: Ein Mädchen, eingeschüchtert durch beängstigende Schilderungen über Sexualität und das Verhalten von Männern, wird in einer Zeremonie, die diese Aspekte noch hervorstreicht, an einen wesentlich älteren Mann verheiratet, den sie kaum kennt und der ab jetzt die Autorität und Verfügungsgewalt über sie besitzt. Ihre Beziehungen zu ihrer eigenen Familie werden entweder durch eine räumliche Trennung oder durch Vorschriften reduziert. Ihre Beziehungen zu ihrer neuen Familie sind konfliktbeladen: hat ihr Mann andere Frauen, werden die sie entweder als Rivalin ansehen, oder sie ist als neuestes Mitglied gezwungen, ihrem niedrigen Status gemäß die Befehle der anderen und die unangenehmsten Arbeiten auszuführen. Über ihre Reproduktionsfähigkeit kann sie nicht bestimmen, aber sie ist dafür verantwortlich. Bekommt sie keine Kinder oder haben die Kinder das falsche Geschlecht, dann verringert sich ihr Wert, und ihr «Fehler» kann sanktioniert werden.

Auch innerhalb der Männergemeinschaft erfüllt diese Verwaltung weiblicher Sexualität eine Reihe politischer Ziele. Die sozial mächtigeren Männer verfügen durch die Verwaltung der Frauen über ein Druckmittel gegenüber den weniger mächtigen. Der Zusammenhalt der Familie wird zugunsten des Zusammenhalts der männlichen Geschlechtsgruppe geschwächt, indem die Männer davon abgehalten werden, ihren Frauen und Kindern gegenüber viel Zuneigung und Intimität zu entwickeln. Und das gesteigerte männliche Selbstgefühl, das sich von der Unterordnung der Frauen ableitet, lenkt von anderen sozialen Spannungssituationen ab.

 

2. Das menschliche Zusammenleben ist durch Gewalt strukturiert. Es ist unsinnig, aus sentimentalen Gründen über diese Tatsache hinwegsehen zu wollen. Der Prozeß der Zivilisation ist ein Prozeß, in dem die Gewalt zwar nicht verringert, ihre Anwendung aber doch reguliert wird. In einfacheren Gesellschaftsordnungen führt die Tötung einer Person zu einem Kampf zwischen den Angehörigen des Mörders und den Angehörigen des Ermordeten. Später wird die Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Parteien durch Kodifizierung des Racheprinzips gezügelt: die Seite des Opfers hat formal das Recht, der anderen Seite einen gleichwertigen Schaden zuzufügen. Noch später übernimmt der Staat diese Aufgabe in Form der Todesstrafe. Und noch später tritt an die Stelle der Todesstrafe die bloße Entfernung des Täters aus der Gemeinschaft.

Wo die Gewalt durch zivilisatorische Maßnahmen noch kaum reguliert ist, entscheidet die Stärke. Stark ist, wer über Muskelkraft verfügt – über die eigene und über die einer verläßlichen Gruppe von Mitstreitern. Frauen sind hier nicht konkurrenzfähig. Das ist den Feministinnen aus irgendeinem Grund peinlich; wir verstehen nicht, warum. Wenn Elefanten und Bären mit einem etwas größeren Gehirn ausgestattet wären, dann würden Elefanten und Bären regieren. Da das aber nicht der Fall ist, herrschen an ihrer Stelle die Männer.

 

3. Harris hat insofern recht, als der Ausschluß und die Unterordnung der Frauen weniger ein Akt war, der sich aus reiner Bosheit gegen die Frauen richtete, sondern mehr ein interner Mechanismus der Männergesellschaft.

Die Gesellschaft war so organisiert, daß das Zusammenleben der Männer, die gemeinsame Arbeit der Männer, das Urteil der Männer und die Bindungen der Männer an andere Männer die bestimmenden Anhaltspunkte des Männerlebens waren. Schon in frühen Jahren wurden Buben der Gesellschaft den Frauen und Mädchen entrissen und, nach Altersgruppen eingeteilt, in die Männergemeinschaft eingeführt. Riten, Religionshandlungen, der Alltag, die Wohnbedingungen, jedes Detail des Lebens unterstrich die Trennung zwischen Männern und Frauen und die Besserstellung der Männer gegenüber den Frauen. Der Zusammenhalt der Männergruppe war der höchste Wert der Männer, und gemeinsam verfügten die Männer über ein viel höheres Gewaltpotential, als die Frauen je hätten dagegen aufbieten können.

 

Zu erklären, wie und warum sich Gewaltverhältnisse reproduzieren, wenn sie einmal etabliert sind, ist überhaupt nicht schwierig. Es geht nur darum, die Mechanismen ihres Fortbestehens zu erkennen, und die sind relativ eindeutig. Auch die Motivation ist nicht schwierig zu erklären; diejenigen, die über Macht verfügen, wollen sie auch behalten. Problematischer ist es, zu erklären, wie es überhaupt zur Etablierung von Machtverhältnissen kam. Die Diskussion über diese Frage ist langwierig, und wir wollen sie hier nicht noch einmal aufrollen. Am aufschlußreichsten sind alte Quellen, in denen patriarchalische Stämme und Gruppen selber erklären, warum sie sich so organisieren. Und in diesen Erklärungen werden Frauen der Kategorie von Feinden, Gefangenen und potentiellen Verrätern und Rebellen zugeordnet. Daraus ziehen einige Ethnologen den Schluß, daß Stammesgesellschaften gezwungen waren, Ehefrauen aus mit ihnen verfeindeten Nachbarstämmen zu rauben. Einer solchen Frau konnte man nicht trauen, denn im Konfliktfall wußte man nicht, ob sie nun zum Stamm ihres Ehemannes halten würde – wo sie nicht besonders gut behandelt wurde – oder nicht eher doch zum Stamm ihrer Blutsverwandten, wo sie als Tochter und Schwester einen freundlicheren Umgang erlebt hatte. In anderen Fällen waren Ehefrauen Bestandteil des Ertrags von Kriegs- und Beutezügen.

Sehen wir uns nun näher an, wie Gewaltverhältnisse zwischen den Geschlechtern in diesen Gesellschaften ablaufen. Charakteristisch ist die eindeutige Gewaltandrohung und -ausübung, mit der weibliche Unterordnung gewährleistet und Ansätze von Widerstand unterdrückt werden. Dabei lassen sich vier Bereiche der Gewalt unterscheiden:

physische Gewalt, d.h. das öffentlich anerkannte Gewaltrecht der Männer insgesamt und/oder bestimmter Männer gegenüber den Frauen insgesamt oder bestimmten, ihnen unterstellten Frauen,

sexuelle Gewalt, d.h. die gezielte Einschüchterung der Frauen durch sexuelle Gewalthandlungen, und

materielle Gewalt, d.h. die männliche Kontrolle über das Wirtschaftsleben, die Produktion und die Verfügungs- und Verteilungsgewalt über den Ertrag der Gruppe, mittels derer Frauen in unmittelbarer Abhängigkeit von Männern oder von ihrem Mann gehalten werden,

ideologische Gewalt, d.h. das gesamte Gebäude von religiösen, sozialen und rituellen Regelungen, mittels derer die Überlegenheit von Männlichkeit, die Notwendigkeit männlicher Herrschaft und weiblicher Demut und der mindere Wert von Frauen und von Weiblichkeit allen Gesellschaftsmitgliedern beigebracht wird.

Peggy Reeves Sanday hat aus ihrem statistischen Vergleich zwischen patriarchalischen und egalitär(er) strukturierten Gesellschaften einen Komplex von Merkmalen männlich dominierter Ordnungen zusammengestellt, der folgende Punkte umfaßt und in rudimentärer Form bereits die vier oben angeführten Gewaltaspekte illustriert:

Von Männern wird erwartet, daß sie mutig und aggressionsfreudig sind.

Es gibt eine formale Trennung zwischen den Geschlechtern und dementsprechend mehrere Versammlungsorte und Anlässe für Männer, um sich untereinander zu treffen, während Frauen der Zugang untersagt ist.

Der Grad der Gewalttätigkeit in der Gesellschaft ist insgesamt relativ hoch.

Vergewaltigung gilt als Mittel der Sanktionierung und Kontrolle von Frauen und/oder ist Bestandteil gewisser männlicher Riten und Zeremonien.

Zumindest ein Teil der Ehefrauen wird aus einer mit der Gruppe verfeindeten Gruppe bezogen.[*]

Wie sich diese Verhältnisse im Alltag niederschlagen, zeigen viele ethnographische Beschreibungen:

1. Physische Gewalt

In der klassisch männerdominierten Struktur gehört die Anwendung von Gewalt zum offiziellen Machtmittel von Männern gegenüber Frauen. Meist handelt es sich zwar um Gesellschaften, in denen Konflikte insgesamt gewalttätig ausgetragen werden, aber die Kämpfe der Männer untereinander unterliegen Schlichtungsversuchen, da die Intaktheit der Kämpfergruppe bewahrt und die männliche Solidarität erhalten bleiben soll. Bei den Yanomamo (Indianer im nordwestlichen Amazonasraum) z.B. «ist das Verhältnis zwischen Männern und Frauen wie das Verhältnis zwischen Herren und Sklaven. Wenn die Frau zu langsam arbeitet, wird sie geschlagen. Manche Männer greifen ihre Frau mit einer Axt oder einer Machete an, verbrennen sie mit einem glühenden Holz und verursachen ernste Verletzungen.» Das ist nicht die zufällige Brutalität einzelner, sondern Bestandteil der offiziellen Ideologie. «Buben werden ermutigt, ‹wild› zu sein, und sie dürfen die Mädchen im Dorf schlagen, wie auch ihre Väter ihre Mütter schlagen. Die Yanomamo-Frauen sind lebende Beweisstücke für die Aggressivität ihrer Männer; sie haben Verletzungen von ihren gewalthaften Zusammenstößen mit Ehemännern, Verwandten und Vergewaltigern. Indem sie ihre Brutalität gegenüber Frauen zur Schau stellen, geben diese Männer anderen Männern zu verstehen, daß sie gewalttätig und gefährlich sind und man besser den Konflikt mit ihnen meidet.»[*] In dieser Gesellschaft wird auch Mädchenmord praktiziert, und die extreme Frauenknappheit verursacht viele gewalttätige Auseinandersetzungen der Männer untereinander und mit anderen Stämmen. Die Polygamie verschärft diese Situation noch. In einem der von Sanday angeführten Dörfer kamen auf 122 erwachsene Männer nur 90 Frauen, außerdem hatten fast alle hochrangigen Männer des Dorfes mehrere Ehefrauen. Damit ist der Kreislauf der Gewalttätigkeit geschlossen, und die «frauenlosen» Männer kommen nicht darauf, sich gegen diese Organisation der Dinge zu wehren, weil sie sich mit dem Hochgefühl der aggressiven Männlichkeit aufputschen.

Den Frauen werden in dieser Situation zwei Dinge zum Verhängnis. Zum einen ihr Status als Nicht-Kämpfer in Gesellschaften, in denen hauptsächlich die Muskelkraft und Kriegslust den Wert bestimmen. Junge Männer sind Krieger, Buben sind zukünftige Krieger, und alte Männer verwalten den Besitz, den sie als Krieger erworben haben und beherrschen außerdem noch die Rituale und religiösen Zeremonien, die den Erfolg der Krieger gewährleisten sollen. Frauen sind in einer solchen Welt gar nichts wert, außer als Belohnung für die Krieger. Ihr zweites Problem ist, daß sie keine Verbündeten haben, sondern Außenstehende sind in der Gemeinschaft, in die sie hineinheiraten. Der Ausgang eines Konfliktes hängt immer davon ab, wieviel Gewalt man entweder selber aufbieten kann oder wieviel Unterstützung man von anderen für seine Sache bekommt. Elsie Begler[*] untersucht eine Reihe von Konfliktfällen in australischen Stammesgesellschaften und kommt zu dem Ergebnis, daß «Männer anderen Männern helfen, wenn diese einen Konflikt mit einer Frau haben. Manchmal helfen Frauen einer Frau, die mit einer anderen Frau einen Kampf hat, und manchmal helfen Frauen sogar einem Mann, der mit anderen Männern kämpft, aber ich konnte keinen einzigen Fall finden, in dem einer Frau geholfen wurde, die mit einem Mann oder mehreren Männern eine gewalthafte Auseinandersetzung hatte.» Als Illustration führt sie ein Beispiel an: Ein 40jähriger Mann schlug seine Frau so oft, daß sie schließlich davonlief und sich im Lager einiger Witwen versteckte. Nachdem sie seine Befehle zur Rückkehr ignoriert hatte, stürmte er durch das Lager und bedrohte sie mit einer Waffe. Die umstehenden Personen zogen sich zurück. Schließlich packte er seine Frau, vergewaltigte sie und schlug sie danach zusammen. Dann mußte sie mit ihm gehen. Keiner ihrer Familie verteidigte sie.[*]

Das war eine Situation, die den sonstigen Verhaltensregeln dieser Gruppe widersprach, denn normalerweise kommen die Anwesenden in Kämpfen dem schwächeren Teil zu Hilfe, und im allgemeinen sind Verwandte verpflichtet, ihren Angehörigen sofort beizustehen. «Yarry (der Ehemann der oben angeführten Geschichte) hätte niemals einen anderen Mann vor Zeugen so gewalttätig behandeln können, ohne daß sofort eine Intervention erfolgt wäre. Aber die Anwendung von Gewalt gegenüber einer Ehefrau wird als legitim angesehen … Verletzungen, die einer Frau durch ihren Ehemann oder ihren Bruder zugefügt werden, werden äußerst selten bestraft.»[*]

Solidarität und Zusammenhalt der Männergesellschaft, die sich als die Gesellschaft an sich betrachtet, sind von viel höherem Wert als eine etwaige Sorge wegen der Mißhandlung von Frauen. Frauen haben den Status von Außenstehenden, und es gilt als unschicklich, ihretwegen einen Streit mit einem anderen Mann anzufangen. Daher kommt es vor, daß die Sympathisanten oder Verwandten einer Frau, die von ihrem Mann mißhandelt wird, ihrerseits die Frau attackieren: um die Bindungen der Männer untereinander nicht zu gefährden, ist es besser, den «Streitanlaß» – die Frau – zu entfernen, als den Streit um ihretwillen auszutragen. Der Ethnologe Hiatt hat Beispiele gesammelt.

«H. verletzte Marion mit einem Speer, weil I. und J. ihretwegen stritten. M. drohte, er würde Nora attackieren, wenn D. und C. nicht sofort aufhörten, um ihren Besitz zu kämpfen. Einige Male töteten Männer eine Frau, nachdem ihre ‹Blutsbrüder› eine ernsthafte Auseinandersetzung ihretwegen gehabt hatten. Nach vorherrschender Meinung der Männer ist es besser, eine Frau anzugreifen, zu verletzen und im Extremfall sogar zu töten, als zu gestatten, daß Männer ihretwegen zerstritten sind. Kaum jemals ist ein Mann bereit, die Interessen einer Frau gegen andere Männer zu verteidigen.»[*]

In der Regel geht es Frauen dort besser, wo ihre eigenen Blutsverwandten in der Nähe leben und wo es ein reguliertes Eheverhältnis gibt, während es ihnen dort am schlechtesten geht, wo ihre eigenen Verwandten durch ihre Verheiratung in ein entferntes Dorf als Verbündete ausfallen, oder wo die Ehe als endgültiger Besitzwechsel der Frau zu dem Klan ihres neuen Mannes aufgefaßt wird.

«Es ist ja nur die Tochter eines fremden Hauses», erinnert man in Zentralasien Männer, deren Frauen im Kindbett starben. Nahefühlen und betrauern sollte man nur einen Blutsverwandten; die Beziehung zur Ehefrau wurde immer bewußt heruntergespielt.

Der Zusammenhalt der Familien gegen die weiblichen Eindringlinge von außen wird gezielt betrieben, die Loyalität eines Ehemannes zu seiner Frau oder seinen Kindern heruntergespielt. Zustimmung erhält ein Mann, der die Privilegien aller Männer verteidigt und zu seinen Geschlechtsgenossen hält: «Die Frauen müssen tun, was wir sagen. Wir schlagen Frauen und Kinder, damit sie lernen zu tun, was wir wollen … So ist das in der Großfamilie. Meine Brüder haben das Recht, meine Frau und meine Kinder zu schlagen, und ich habe das Recht, ihre zu schlagen.»[*]

Hierarchien auf der Grundlage vom Geschlecht sind die absolute Grundlage der gesellschaftlichen Organisation. Sie haben daher auch Vorrang vor anderen Hierarchien wie dem Alter. Die Sozialisation vermittelt den Buben diese Tatsache und das Bewußtsein ihres Ranges.

«In sehr jungen Jahren lernen Buben, daß sie einen privilegierten Status einnehmen. Sie werden ermutigt, ihre Schwestern grob zu behandeln und zurechtzuweisen.»[*]

«Männliche Autorität über das Verhalten von Frauen beginnt schon früh», heißt es in einer Studie über Isfahan. «5- und 7jährige Mädchen wurden von ihren 10- und 12jährigen Brüdern geschlagen, wenn sie ohne Tschador und nur mit verrutschten Tüchern spielen gingen.»[*]

In der afghanischen Gesellschaft werden Buben ermuntert, ihre «Männlichkeit» schon früh zur Schau zu stellen, indem sie Mut beweisen und indem sie ihre Schwestern herumkommandieren. Mütter hüten sich davor, ihre zukünftigen Beschützer zu verärgern. Sie verhätscheln ihre Söhne, und die Töchter werden in der Regel viel strenger bestraft.»[*]

Gewalttätigkeit gegen Frauen hat also neben dem Effekt der Einschüchterung und Beherrschung der Frauen selbst eine Reihe von Nebenwirkungen für die Männergesellschaft. Männer zeigen ihre Macht sozusagen als Demonstration, indem sie Frauen mißhandeln, aber die Botschaft der Bedrohlichkeit richtet sich an ihre eigenen Geschlechtsgenossen: kommt mir nicht in die Quere, seht, wie gefährlich ich bin. Andererseits ist die Mißhandlung der eigenen Frau eine Solidaritätsbotschaft an die Männergruppe, die sich durch das nächtliche Zusammensein ihres Genossen und Bruders mit einer Frau bedroht fühlt. «Ich benutze sie, aber ich gehöre zu euch», vermittelt der Mann seinen Freunden, und er steht auch unter Gruppendruck, das zu tun.

«Der Kriegerstolz eines Mannes litt einen Schaden, wenn er irgendwelche Zeichen der Zuneigung zu seiner Frau von sich gab. Ein echter Mann schenkte seiner Frau keine Aufmerksamkeit. Ein Mann, der seine Frau nie schlug, galt als Schwächling. Seine Frau hingegen zu schlagen, war eine Methode, um sich in Szene zu setzen»,[*] berichtet Vera St. Ehrlich in ihrer Studie über Serbien.

In Afghanistan gehört die Vorstellung von «Freundschaft und Kameradschaft» zwischen Männern und Frauen keinesfalls zum Eheideal. Eine Ehefrau ist weder eine Vertraute noch eine Beraterin für ihren Mann. Wenn er Rat oder Hilfe braucht, geht er zu seinen Freunden oder zu seinen männlichen Blutsverwandten. Viele Männer verstecken ihr Geld, ihr Radio und andere Wertgegenstände vor ihren Frauen und Kindern, und die Frauen und Kinder haben ihrerseits ihre eigenen Verstecke für persönlichen Besitz.»[*] Mißtrauen und Entfremdung prägen die ehelichen Beziehungen und bekräftigen damit nur die Intimität und das Vertrauen zwischen dem Mann und seinen «Brüdern» – vor allem den Blutsverwandten und den Stammesbrüdern.

2. Sexuelle Gewalt

Die gezielte Behauptung aggressiver Männlichkeit und die einhergehende Abwertung von Weiblichkeit und Einschüchterung von Frauen findet ihren deutlichsten Ausdruck in der Anwendung sexueller Gewalt. Bei den australischen Aranda, den südamerikanischen Shavante und den Saulteaux in Kanada «zeigen Männer ihre Aggression gegen Frauen in institutionalisierten Vergewaltigungen oder in der ständig präsenten Androhung von Vergewaltigung.»[*] Bei den Aranda ist Vergewaltigung durch die Freunde des zukünftigen Ehemannes ein Bestandteil der Hochzeitszeremonie. Die Shavante haben verschiedene Riten der Aggressivität; in manchen werden Kinder angegriffen, in einer anderen werden Frauen vergewaltigt. Bei dem kanadischen Stamm warnen Legenden die Frauen davor, arrogant zu sein. Eine Geschichte erzählt von einem Mädchen, das nicht heiraten wollte und zur Strafe für ihren Hochmut von einer Gruppe von Medizinmännern entführt und vergewaltigt wurde.

Collier und Rosaldo schreiben: «In Gesellschaften, wo tatsächliche Vergewaltigungen häufig stattfinden, haben sie oft eine zentrale Funktion als Drohung. Die Vergewaltigung ist deshalb ein so effektives Symbol, weil sie drei kulturell gewichtige Themen umfaßt: Sexualität, Gewalt und männliche Solidarität. Die Vergewaltigung einer Frau, die durch rebellisches oder abweichendes Verhalten gegen die Regeln der Männerherrschaft verstoßen hat, durch eine Gruppe von Männern ist eine besonders effektive Sanktion. Sie zeigt allen Frauen, daß sie mit keinen Loyalitäten und keinem Schutz rechnen können, wenn sie der Gruppe mißfallen; sie bestätigt den Zusammenhalt der Männergruppe, und sie stellt männliche Sexualität mit Macht und Autorität gleich.»[*]

Die häufigsten Anlässe für eine sanktionierende Gruppenvergewaltigung einer Frau waren: wenn die Frau sich weigerte, ein Mitglied der Männergruppe zu heiraten; wenn die Frau durch ihr allgemeines Verhalten übermäßige Aufmüpfigkeit zum Ausdruck brachte.

Zu der Funktion latenter Androhung von Gewalt und Vergewaltigung ließen sich für fast jede Gesellschaft, unsere eigene eingeschlossen, viele Beispiele anführen.[*] Mindestens ebenso wichtig aber ist die Institutionalisierung sexueller Gewalt als Bestandteil der systematischen Einschüchterung, und hier ist vor allem die Verankerung dieser Methode in der Ehe anzuführen.

Es gibt mehrere Methoden, um innerhalb der Ehe die Entstehung einer wechselseitigen Beziehung zu verhindern und an ihre Stelle das Prinzip der absoluten männlichen Dominanz zu setzen. Eine Methode sieht vor, daß Frauen den sexuellen Akt nicht als Befriedigung erleben dürfen, was man erreicht, indem man sie entweder körperlich verstümmelt oder indem man «kulturell» vorschreibt, eine Frau dürfe keine Lust verspüren oder gar beides. Die ritualisierte Verstümmelung von Frauen gewährleistet, daß sexuelle Kontakte mit Schmerzen, zumindest aber mit keiner positiven Empfindung verbunden sein werden. Sie unterstreichen auch die Tatsache, daß andere über den Körper der Frau verfügen und daß ihre Sexualität Eigentum der Männer bzw. ihres Mannes ist. Dieser Lerneffekt kann entweder ganz drastisch und unmittelbar erzielt werden durch eine extreme Fremdkontrolle des Körpers der Frau, oder er kann seinen Niederschlag in den Gesetzen finden. In Marokko z.B. kann eine Frau zwangsweise auf Wunsch ihres Mannes, ihrer eigenen Eltern oder der Eltern ihres Mannes auf ihre Jungfräulichkeit oder, in der Ehe, auf eine Schwangerschaft hin untersucht werden. Hierfür gibt es eine spezielle Einrichtung, die sogenannte «arifa», eine Spezial«polizistin» zur Aufsicht störrischer Frauen.

Von den Frauen ihrerseits wird erwartet, daß sie den Erfolg all dieser Maßnahmen durch adäquate Reaktionen bestätigen. Die angestrebten Reaktionen sind Angst, Scham und Demut: Angst und Demut gegenüber Männern, und Scham in bezug auf die eigene Sexualität und auf alles, was sich auch nur im entferntesten darauf beziehen läßt. «Von Frauen, vor allem von jungen Frauen, wird erwartet, daß sie leise sprechen, daß sie von sich aus keine Konversation beginnen, sondern nur auf Anweisungen und Fragen reagieren, daß sie schweigend gehorchen und auf keinen Fall widersprechen. Viele Frauen sprechen zu Männern nur mit gesenktem Kopf. Beim Sprechen schauen sie weg und heben die Hand vor ihren Mund. Eine junge Braut spricht wochen- und oft sogar monatelang kein Wort. Gegenüber ihrem Mann muß sie besondere Achtung zeigen. Sie darf ihn nie bei seinem Namen nennen, sondern sie nennt ihn ‹Vater-des-soundso›. Sie darf ihn nie rufen, sondern muß jemanden schicken, der ihn holt. Wenn ein fremder Mann kommt – zum Beispiel der Gesundheitsinspektor im Fall einer Malariakontrolle –, fliehen alle Frauen des Hauses in absoluter Panik. In ihrem Verhalten signalisieren Frauen ständig ihre Unterordnung.»[*]

Die meisten erforderlichen «Signale» sind außerdem so angelegt, daß sie eine ständige Aufmerksamkeit und «Arbeit» der Frauen erfordern: allein die ständige Sorge um das richtige Ausmaß der Bedeckung von Körper und Kopf verlangt ein permanentes Zurechtzupfen mehrerer Tücher und ständige Anpassung der Bedeckung für die verschiedensten Situationen: wenn sie allein sind, wenn sie mit anderen Frauen zusammen sind, wenn sie mit ihrem eigenen Mann allein sind, wenn sie mit blutsverwandten Männern zusammen sind, wenn sie mit den engen männlichen Verwandten ihres Mannes zusammen sind, wenn sie mit Männern ihrer Nachbarschaft in Kontakt kommen könnten, wenn sie mit vollkommen Fremden konfrontiert sein könnten, usf.

Die Bedeutung der Segregationsvorschriften (systematische Trennung der Geschlechter), der Bewertung weiblicher Sexualität und der Umgangsregeln zwischen den Geschlechtern sind so bedeutsam, daß sie im Kapitel über Apartheid getrennt behandelt werden.

In der Ehe hat sexuelle Gewalt den Effekt, die ohnehin minimalen Möglichkeiten der Frauen auf ein Mindestmaß an psychischer und physischer Eigenständigkeit und Selbstachtung zu eliminieren. Sexualität soll nicht die Basis für die Intimität der Ehepartner sein, denn damit wären die Strukturen der männlich dominierten und ausschließlich auf männliche Solidarität ausgerichteten Sozialordnung gefährdet. Statt dessen definiert man sexuelle Befriedigung als ein männliches Privileg, das keine Wechselseitigkeit erfordert, sondern von der Frau nur Gefügigkeit verlangt. Zugleich wertet man die weibliche Sexualität ab, damit einzelne Männer nicht im Rausch ihrer Gefühle auf die Idee kommen, mit ihren Partnerinnen gemeinsam den heterosexuellen Aufstand zu erproben. Sich mit Frauen, ihren Gefühlen und Wünschen und Interessen zu beschäftigen, wird als etwas höchst Unmännliches, Lächerliches und Verachtungswürdiges dargestellt. Statt dessen erfährt ein Mann Anerkennung, wenn er seiner Frau kühl, abweisend, kommandierend und autoritär begegnet. Und gerade die Sexualität, der Bereich, in dem dieses starre Verhalten am ehesten zusammenzubrechen droht, unterliegt den sorgfältigsten patriarchalischen Kampfmaßnahmen. Ein Beispiel für die ritualisierte sexuelle Einschüchterung der Frauen liefert uns der Golfstaat Oman:

«Die spannungsreiche erste Zusammenkunft der Neuvermählten findet spät in der Nacht statt, nach allen Feiern. Sie werden in einem speziellen Haus zusammengeführt. Die Braut ist meist so überwältigt von Angst und Verlegenheit, daß sie sich verzweifelt in ihren dicken grünen Schleier einwickelt und sich nicht einmal anschauen lassen will. Dem Brautpaar wird ein Abendessen serviert, aber der Mann ißt es alleine. Die Braut schämt sich viel zu sehr, um mitzuessen. Danach muß der Bräutigam beten, wobei vorgesehen ist, daß er den grünen Schleier der Braut als Betteppich verwendet. Aber sie klammert sich so fest daran, um sich darin zu verstecken, daß er es schließlich aufgibt und sich mit einem winzigen symbolischen Eck des Tuchs begnügt. Danach wird die Ehe vollzogen.»[*] Wie erfreulich dieser erste sexuelle Kontakt für ein junges Mädchen ist – die meisten Mädchen sind höchstens 13, wenn sie verheiratet werden –, läßt sich daraus erraten, daß schon das Ablegen des Schleiers ein unerträglicher Gedanke für sie ist. Falls sie nicht von selber hinreichend begreift, daß Sexualität für sie einen erniedrigenden und beängstigenden Charakter zu haben hat, dann hilft ihr das Ritual der Hochzeitszeremonie dabei, es zu erkennen. «Mit Witzen, obszönen Geschichten und Drohungen versucht die Hochzeitsgesellschaft, die Braut zu entnerven. Die Angst der jungen Mädchen, wenn sie in der Hochzeitsnacht mit den ihnen völlig fremden Ehemännern in der Hochzeitshütte eingesperrt werden, wird dramatisch geschildert. Die Hochzeitsgäste spielen ihr vor, wie die jungen Mädchen mit ihren Männern kämpfen, wie sie sich vor Panik in ihre grünen Tücher einwickeln und wie sie schließlich mit zerrissenen Kleidern zum Ehebett gezerrt werden. Damit das Mädchen nicht glaubt, alles sei Scherz und Erfindung, werden Beispiele bestimmter Frauen, die sie kennt, genannt, ‹Denke an Aisha!› ‹Erinnere dich an Fatima!› Das Mädchen erkennt, daß die pantomimischen Darstellungen zwar übertrieben sind, aber dennoch ihre Begründung in den Tatsachen haben.»[*] Kein Wunder, daß die Eltern des Mädchens sich kaum an den Zeremonien beteiligen. Der Vater verschwindet dem Brauch gemäß überhaupt einige Tage vor der Hochzeit ganz aus dem Dorf, um nicht miterleben zu müssen, wie es seiner Tochter ergeht. Die Mutter ist zwar anwesend, trägt aber während der gesamten Dauer der Festivitäten ihre ältesten und häßlichsten Kleider, um auszudrücken, daß die Hochzeit für sie kein Anlaß des Glücks ist.

Eine ausdrucksstarke Schilderung finden wir in dem Protokoll einer Ägypterin, die sich an ihre Verheiratung im Alter von 13 Jahren erinnert: