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'Die Geheimnisse der schwarzen Dschungel' spielt im Jahr 1857 in Britisch-Indien. Im gefährlichen Dunklen Dschungel, beschließt der Jäger Tremal-Naik , sein Haus zu bauen. Mehrere Jahre lang lebt er friedlich und abgeschieden von der Welt, bis sich im Dschungel seltsame Dinge ereignen. Eines Abends trifft er in den Büschen des Muschellandes ein schönes Mädchen. Die Liebe zwischen den jungen Leuten war entfacht. Doch das Mädchen lebte in den Kerkern von Raimangal, wo sich Sektierer vor der bengalischen Regierung versteckten und ihrer Gottheit Menschenopfer darbrachten.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Nachdem der Ganges, der berühmte Strom, der schon in alten Zeiten und heute noch von den Indiern verehrt wird und dessen Wasser von jenem Volke sogar für heilig gehalten werden, den schneebedeckten Himalaya und fruchtbare Gegenden wie Sirinagar und Bengalien durchschnitten hat, teilt er sich ungefähr 220 Meilen vom Meere in zwei Hauptarme und bildet so ein riesiges, einzigartiges Delta.
Die ungeheuren Wassermassen verzweigen sich in eine Unmenge von Flüssen, Kanälen und Bächen, die die weiten Landstriche zwischen dem Hugli, Ganges und dem bengalischen Meerbusen in jeder nur denkbaren Weise durchqueren. So bilden sich auch Hunderte von Inseln und Bänken, und diejenigen, die hart am Meere liegen, tragen den Namen Sunderbunds.
Nichts ist trostloser, seltsamer und schreckniserregender als der Anblick dieser Sunderbunds. Keine Stadt, kein Dorf, weder Hütte noch sonst ein Zufluchtsort; von Süd nach Nord, von West nach Ost seht ihr nichts als das dichte, stachlige Gesträuch des Bambus, dessen Wipfel im Winde wogen, alles verpestet von den unerträglichen Ausdünstungen von tausend und abertausend Menschenleichen, die in den giftigen Gewässern der Kanäle in Verwesung übergehen.
Selten seht ihr eine Banane über jenes riesenhafte Schilf ragen, noch seltener einen Trupp Mangieren oder Nagassen zwischen den Sümpfen auffliegen. Den lieblichen Geruch von Jasmin und Mussenda, die zuweilen in dem Pflanzenchaos sprießen, werdet ihr kaum wahrnehmen.
Tagsüber herrscht überall ein bedrückendes, feierliches Schweigen, vor dem auch der Kühnste zurückschreckt. Nachts dagegen ein Durcheinander von Stimmen, ein Brüllen, Pfauchen und Pfeifen, das einem das Blut erstarrt.
Sagt dem Bengalesen, den Fuß in diese Sunderbunds zu setzen, er wird sich weigern. Versprecht ihm 100, 200, 500 Rupien, und nie wird er seinen unerschütterlichen Entschluß ändern. Sagt dem Molangen1, der trotz Cholera, Pest und Fieber, trotz des Gifthauches der Luft in den Sunderbunds lebt, in die Dschungeln einzudringen, und auch er, wie der Bengalese, wird es nicht tun. Beide haben nicht Unrecht; sich in diese Dschungeln wagen, heißt dem Tode entgegengehen.
Denn hier, zwischen jenem stachligen Bambuswirrwarr, an jenen Sümpfen und gelben Wassern, verbergen sich Tiger und lauern den Kanoes und Schiffen auf, um sich an Bord zu stürzen und den Schiffer oder Seemann zu zerreißen, der es wagt, zu nahe zu kommen. Hier hausen die furchtbaren riesenhaften Krokodile und erspähen ihre Beute, immer begierig auf Menschenfleisch. Hier schweift das gewaltige, oft bis zur Narrheit gereizte Rhinozeros, hier leben und sterben hunderte von indischen Schlangen, darunter die Riesenschlange, die einen Ochsen unter ihren Windungen zermalmt. Und hier verbirgt sich zuweilen auch der indische Thug, sehnsüchtig eines Menschen harrend, um ihn zu erwürgen und das Opfer seiner furchtbaren Gottheit zu bringen.
Trotzdem brannte am Abend des 16. Mai 1855 ein mächtiges Feuer in den südlichen Sunderbunds, ungefähr drei- bis vierhundert Schritte von den drei Mündungen des Mangal, eines schmutzigen Nebenflusses des Ganges, der sich in den bengalischen Meerbusen ergießt.
Der Schein, der fantastisch vom dunklen Himmel abstach, erleuchtete eine geräumige, feste Bambushütte. Vor dieser schlief, eingewickelt in ein großes Tuch, ein Indier von athletischer Statur.
Es war ein schöner Bengalese, ungefähr 30 Jahr, von gelblicher Gesichtsfarbe, frisch eingerieben mit dem Öl der Kokosnuß. Sein Gesicht hatte volle, doch keine schwulstigen Lippen, die ein wundervolles Gebiß durchblicken ließen; eine wohlgeformte Nase, hohe Stirn mit Asche betupft, als besonderes Zeichen der Anhänger Siwas.
Die ganze Erscheinung drückte Energie und außergewöhnlichen Mut aus, Eigenschaften, die im allgemeinen dem Bengalesen fehlen.
Wie erwähnt, schlummerte er. Aber sein Schlaf war unruhig. Große Schweißtropfen benetzten seine Stirn, die sich zuweilen runzelte und verfinsterte. Seine hohe Brust hob sich ungestüm, so daß das Tuch, das ihn umschloß, herunterfiel. Seine verhältnismäßig kleinen Hände waren krampfhaft geschlossen, griffen zuweilen an den Kopf und verschoben den Turban, so daß die glattrasierte Hirnschale zum Vorschein kam.
Von Zeit zu Zeit kamen verstümmelte Worte und seltsame Gespräche von seinen Lippen, leidenschaftlich mit weichem Tone ausgesprochen.
»Da ist sie,« sagte er lächelnd. »Die Sonne geht unter – – verschwindet hinter dem Bambus – – – der Pfau schweigt, der Marabu erhebt sich, der Schakal heult. – – – Warum zeigt sie sich nicht? – – – Was habe ich verschuldet? – – Ist dies nicht der Ort? – – – Ist dies nicht der Mussenda mit seinen blutigen Blättern? – – – Komm, komm, du holde Erscheinung – – – ich leide, weißt du, ich leide und ersehne den Augenblick, dich wiederzusehen.
Ah, da ist sie, dort – – – ihre dunkeln Augen blicken mich an, ihre Lippen lächeln – – ach, wie göttlich ist dieses Lächeln. – Meine himmlische Erscheinung, warum bleibst du mir gegenüber so still? – – – Warum schaust du mich so an? – – – Hab keine Furcht vor mir, ich bin Tremal-Naik, der Schlangenjäger der schwarzen Dschungel. – – Sprich, o sprich doch, laß mich deine süße Stimme hören. – – Die Sonne versinkt, wie Raben senkt sich die Finsternis auf den Bambus – – geh nicht fort – – ich will es nicht – – bleib!«
Der Indier stieß einen heftigen Schrei aus, und lebhafte Angst malte sich auf seinem Gesicht.
Auf diesen Schrei eilte ein zweiter Indier aus der Hütte herbei. Von Statur war dieser bedeutend kleiner und schmächtiger als der Schlummernde. Seine Beine und Arme glichen knotigen, mit Haut überzogenen Stöcken. Sein Aussehen war wild, der Blick finster. Der kurze Schurz, der seine Lenden bedeckte, die Ohrringe, alles ließ auf den ersten Blick den Maharatt erkennen, kriegslustige Leute Westindiens.
»Armer Herr,« murmelte er, indem er den Schlummernden betrachtete. »Wer weiß, welch schrecklicher Traum seinen Schlaf stört.«
Er schürte das Feuer und setzte sich dann neben seinen Herrn, indem er ihm sein Kissen von herrlichen Pfauenfedern sanft zurechtschob.
»Was für ein Geheimnis,« nahm der Schlummernde sein Gespräch mit unsicherer Stimme wieder auf. »Mir ist, als wenn ich Blutflecken sähe! – Die süße Erscheinung verschwand dorthin – – du wirst dich mit Blut beflecken. – Warum all dies rot? – Warum die vielen Lasso? – – Will man denn jemand erwürgen? – – Welches Geheimnis?«
»Was sagt er?« fragte sich der Maharatt überrascht. »Blut, Erscheinungen, Lasso? Welch ein Traum!«
Plötzlich schüttelte sich der Schlafende, riß die Augen weit auf, die wie zwei schwarze Diamanten sprühten und erhob sich zum Sitzen.
»Nein! – Nein!« rief er mit heiserer Stimme. »Ich will nicht!«
Der Maharatt betrachtete ihn mitleidigen Auges. »Herr,« flüsterte er. »Was hast du?«
Der Indier schien zu sich zu kommen. Er schloß die Augen, öffnete sie wieder und schaute den Maharatt an.
»Ah, du bist es, Kammamurri!« rief er aus.
»Ja, Herr.«
»Was machst du hier?«
»Ich bewache dich und verscheuche die Mücken.«
Tremal-Naik sog begierig die frische Nachtluft ein und strich öfter mit den Händen über die Stirn.
»Wo sind Hurti und Aghur?« fragte er nach kurzer Pause.
»In der Dschungel. Gestern abend entdeckten sie die Spuren eines großen Tigers und brachen heute morgen auf, um ihn zu erlegen.«
Tremal-Naiks Stirn runzelte sich, ein tiefes Stöhnen erstarb auf seinen Lippen.
»Was hast du, Herr?« fragte Kammamurri.
»Mit dir steht's schlecht. Du jammertest, als du schliefst.«
Ein bitteres Lächeln zuckte um die Lippen des Schlangenjägers.
»Ich leide, Kammamurri,« sagte er zornig. »O, und wie ich leide.«
»Ich weiß es, Herr.«
»Wie, du weißt es?«
»Seit vierzehn Tagen beobachte ich dich und sehe tiefe Furchen auf deiner Stirn. Du bist schwermütig und schweigsam. Früher warst du nicht so traurig.«
»Das ist wahr, Kammamurri.«
»Welchen Schmerz kann mein Herr haben? Bist du vielleicht müde, in der Dschungel zu leben?«
»Sag das nicht, Kammamurri. Hier, in dieser stachligen Wüste, zwischen diesen Sümpfen, auf dieser Erde der Tiger und Schlangen, wo ich geboren bin und aufwuchs, auf meiner lieben Dschungel will ich auch sterben.«
»Alsdann?«
»Ein Weib ist's, eine Erscheinung, ein Hirngespinst!«
»Ein Weib?« rief Kammamurri überrascht aus. »Ein Weib, hast du gesagt?«
Tremel-Naik nickte bestätigend mit dem Kopfe und preßte die Stirn gegen die Hände, als wenn er irgendeinen düsteren Gedanken ersticken wollte.
Minutenlang herrschte ein schmerzliches Schweigen, das kaum von dem Gurgeln des Flusses unterbrochen wurde, der sich an den Ufern brach, und dem Windhauche, der über die Dschungel strich.
»Aber, wo hast du nur jenes Weib gesehen?« fragte endlich Kammamurri. »Wo nur, die Dschungel hat doch nur Tiger zu Einwohnern.«
»In der Dschungel hab ich sie gesehen,« sagte Tremal-Naik mit hohler Stimme. »Es war eines Abends, o, ich werde ihn nie vergessen, diesen Abend, Kammamurri! Ich suchte Schlangen an den Ufern eines Baches, als zwanzig Schritte vor mir, inmitten eines Mussendagebüsches mit den blutigen Blättern, eine Vision erschien, ein schönes Weib, strahlend, stolz. Sie hatte schwarze, lebhafte Augen, blendend weiße Zähne, bräunliche Haut, und von den dunkelkastanienbraunen Haaren, die über die Schultern wogten, kam ein lieblicher Geruch, der die Sinne bestrickte. Sie blickte mich an, stieß einen langen, gequälten Seufzer aus und entschwand dann meinen Blicken. Ich war unfähig, mich von der Stelle zu bewegen und verharrte dort mit vorgestreckten Armen, aufs höchste verwundert. Bevor ich mich recht besinnen konnte und mich anschickte, sie aufzusuchen, war die Nacht über die Dschungel hereingebrochen, und ich sah nichts mehr.«
Tremal-Naik schwieg. Kammamurri bemerkte ein so heftiges Zittern an ihm, daß man glauben konnte, er habe das Fieber.
»Jene Erscheinung wurde mir verhängnisvoll,« fuhr Tremal-Naik fort. »Seit jenem Abend ist ein seltsamer Wechsel mit mir vor sich gegangen. Mir ist's, als wenn mich jene Erscheinung verhext hätte: Bin ich in der Dschungel, so sehe ich sie vor meinen Augen umhertanzen, bin ich auf dem Fluß, so schwimmt sie vor dem Bug meines Bootes, schlafe ich, so erscheint sie mir im Traume. Es scheint, als wäre ich verrückt.«
»Du jagst mir Furcht ein, Herr,« sagte Kammamurri, indem er einen ängstlichen Blick umherschweifen ließ. »Wer war jenes schöne Geschöpf?«
»Ich weiß nicht, Kammamurri. Aber schön war sie, ach bezaubernd schön,« rief Tremal-Naik leidenschaftlich.
»Vielleicht ein Geist?«
»Vielleicht.«
»Vielleicht eine Gottheit?«
»Wer kann es sagen?«
»Und du hast sie nie wieder gesehen?«
»Doch, ich sah sie wieder, oft – oftmals. Am Abend danach, zur selben Stunde, ohne zu wissen wie, befand ich mich wieder an den Ufern des Baches. Als der Mond hinter den dunkeln Wäldern des Nordens aufstieg, erschien jenes holde Geschöpf wieder in dem Mussendagebüsch. Wer bist du? fragte ich sie. – Ada, antwortete sie mir. Dann verschwand sie und stieß wieder denselben Seufzer aus. Mir war's, als wenn sie in die Erde versänke.«
»Ada?« fragte Kammamurri. »Was ist das für ein Name?«
»Indisch ist er nicht.«
»Und sagte sie weiter kein Wort?«
»Nein.«
»Das ist seltsam, ich wäre nicht zurückgekehrt.«
»Und ich ging doch wieder hin. Es war eine unwiderstehliche Gewalt, so mächtig, daß sie mich wider meinen Willen an jenen Ort hinzog. Oftmals versuchte ich zu fliehen, aber mir fehlte die Kraft dazu. Ich sagte dir ja, ich komme mir wie verhext vor.«
»Und was empfandest du in ihrer Gegenwart?
»Das weiß ich nicht, aber das Herz schlug mir zum Zerspringen.«
»Und siehst du jenes Geschöpf jetzt immer noch?«
»Nein, Kammamurri. Zehn Abende sah ich sie hintereinander, immer zur selben Stunde ließ sie sich sehen. Sie betrachtete mich dann schweigsam und verschwand wieder, ohne Geräusch. Einmal machte ich ihr ein Zeichen, aber sie antwortete nicht. Ein andermal öffnete ich die Lippen, um zu sprechen, da legte sie einen Finger an den Mund und hieß mich schweigen.«
»Und du folgtest ihr nie?«
»Nie, Kammamurri, weil jenes Weib mir Furcht einflößte. Vierzehn Tage sind es jetzt, als sie mir ganz in roter Seide gekleidet erschien und mich länger als sonst betrachtete. Am nächsten Abend erwartete ich sie vergebens, umsonst rief ich sie, ich sah sie nicht wieder.«
»Ein seltsames Abenteuer,« murmelte Kammamurri.
»Es ist vielmehr schrecklich,« sagte Tremal-Naik mit dumpfer Stimme. »Nirgends habe ich mehr Ruhe. Ich bin nicht mehr der Mensch, der ich früher war. Das Fieber fühle ich in mir und einen wilden, unwiderstehlichen Trieb, die Vision wiederzusehen, die mich verzauberte.«
»Alsdann liebst du jene Erscheinung?«
»Ich liebe sie. Aber ich weiß nicht recht, was dieses Wort bedeuten soll.«
In diesem Augenblicke hallten in großer Entfernung aus der Richtung der ungeheuren südlichen Sümpfe einige scharfe Töne wieder. Der Maharatt schnellte empor und wurde aschfarbig.
»Das Ramsinga,«2 stieß er erschreckt hervor.
»Was ängstigt dich?« fragte Tremal-Naik.
»Hörst du nicht das Ramsinga?«
»Nun, was hat es zu bedeuten?«
»Ein Unglück zeigt es an, Herr!«
»Narrheiten, Kammamurri.«
»Ich habe nie das Ramsinga der Dschungel gehört, nur in jener Nacht, in der der arme Tamul ermordet wurde.«
Bei dieser Erinnerung durchfurchte eine tiefe Spalte die Stirn des Schlangenjägers.
»Laß dir nicht bange sein,« sagte er, indem er sich zwang, ruhig zu scheinen. »Alle Indier verstehen das Ramsinga zu blasen. Du weißt, daß sich manchmal Jäger erkühnen, Fuß auf das Land der Tiger und Schlangen zu setzen.«
Kaum hatte er zu reden aufgehört, als man das lärmende Gebell eines Hundes hörte, kurz darauf ein kräftiges Brüllen. Kammamurri befand sich in höchster Aufregung.
»Ach, Herr,« rief er, »auch Hund und Tiger zeigen ein Unglück an.«
»Darma! Punthy!« rief Tremal-Naik.
Ein prächtiger Königstiger von hoher Statur, kräftiger Form und orangefarbigem, schwarzgesprenkeltem Fell, kam aus der Hütte hervor und betrachtete seinen Herrn mit blitzenden Augen. Hinter ihm erschien kurz darauf ein großer, schwarzer Hund mit langem Schwanz und spitzen Ohren. Am Hals hatte er einen großen, mit Stacheln besetzten Eisenring.
»Darma! Punthy!« wiederholte Tremal-Naik.
Der Tiger ließ ein leises Knurren hören und mit einem Satz von fünfzehn Fuß war er zu Füßen seines Herrn.
»Was hast du, Darma?« fragte dieser, indem er den kräftigen Rücken des Tieres streichelte. »Du bist unruhig.«
Der Hund, anstatt zu seinem Herrn zu eilen, verharrte an der Hütte, streckte den Kopf nach Süden, sog die Luft ein und schlug kräftig an.
»Ob Hurti und Aghur verunglückt sind?« murmelte der Schlangenjäger unruhig.
»Ich befürchte es, Herr,« sagte Kammamurri und spähte erregt in die Dschungel.
»Um diese Stunde müßten sie hier sein und bis jetzt gaben sie kein Lebenszeichen.«
»Hast du tagsüber kein Geräusch gehört?«
»Doch, gegen Mittag, dann nicht wieder.«
»Woher kam es?«
»Von Süden, Herr!«
»Hast du je verdächtige Menschen in der Dschungel umherstreichen sehen?«
»Nein, aber Hurti behauptet, eines Abends Schatten an den Ufern der Insel Raimangal gesehen zu haben, und Aghur hörte seltsame Geräusche, die von der heiligen Banane kamen.«
»Wie, von der Banane« fragte Tremal-Naik.
»Hast auch du etwas gehört?«
»Vielleicht.«
»Was tun wir, Herr?«
»Warten wir!«
»Aber können sie – –«
»Still,« sagte Tremal-Naik, indem er ihm den Arm so kräftig drückte, daß das Blut stockte.
»Was hast du gehört?« flüsterte der Maharatt zähneklappernd.
»Still, dort unten; ist's nicht so, als ob sich der Bambus der Dschungel bewege?«
»Du hast recht, Herr.«
Punthy ließ zum dritten Male sein wütendes Gebell hören. Kurz darauf folgten die scharfen Töne des Ramsinga. Tremal-Naik riß eine lange, mit Silber ausgelegte Pistole aus seinem Gürtel und spannte den Hahn.
In diesem Augenblick schoß aus dem Bambus ein halb nackter Indier von hoher Gestalt hervor. Er war nur mit einem Beil bewaffnet und lief Hals über Kopf der Hütte zu.
»Aghur!« riefen Tremal-Naik und der Maharatt wie aus einem Munde.
Punthy warf sich ihm kläglich bellend entgegen.
»Herr! – Herr!« röchelte der Indier.
Wie ein Blitz kam er zur Hütte, taumelte wie vom Schlag getroffen, rollte die Augen, stieß einen erstickten Schrei wie Todesröcheln aus und fiel ins Gras wie ein vom Sturm gefällter Baum.
Tremal-Naik hatte sich über ihn gestürzt. Ein Ausruf der Überraschung entfloh ihm.
Der Indier schien im Sterben zu liegen. Auf den Lippen stand ihm blutiger Schaum. Das ganze Gesicht war zerfetzt und mit Blut besudelt. Die Augen waren verdreht und weit aufgerissen, die Brust keuchte und stieß rauhe Seufzer aus.
»Aghur!« fragte Tremal-Naik. »Was ist dir zugestoßen? Wo ist Hurti?«
Aghurs Antlitz verzerrte sich bei diesem Namen.
»Herr – – He – – rr!« stammelte er zitternd.
»Sprich!«
»Ich ersticke – – bin – gelaufen – – ach, Herr!«
»Ob er vergiftet ist?« flüsterte Kammamurri.
»Nein,« sagte Tremal-Naik. »Der arme Kerl ist wie ein Pferd galoppiert und außer Atem. In kurzer Zeit ist er wiederhergestellt.«
Tatsächlich kam Aghur schnell zu sich und atmete freier.
»Sag, Aghur,« fragte Tremal-Naik, »warum kehrst du allein zurück? Was ist deinem Gefährten zugestoßen?«
»Ach, Herr!« stotterte der Indier schaudernd. »Wenn ihr den Ärmsten gesehen hättet, – wie er auf der Erde lag, – erstarrt, die Augen aus den Höhlen.«
»Ist Hurti tot?« rief Tremal-Naik.
»Ja, zu Füßen der heiligen Banane haben sie ihn ermordet.«
»Aber wer hat ihn denn getötet? Sag an, daß ich ihn räche!«
»Ich weiß es nicht, Herr! Wir waren aufgebrochen, um einen großen Tiger zu jagen. Sechs Meilen von hier spürten wir die Bestie auf. Von Hurtis Karabiner verwundet, floh sie nach Süden. Vier Stunden folgten wir der Fährte. Gegenüber der Insel Raimangal, dicht am Ufer, fanden wir die Spur wieder. Aber es gelang uns nicht, den Tiger zu töten, da er sich, von uns verfolgt, ins Wasser warf. Bei der heiligen Banane erreichte er das Dickicht. Ich wollte zurück, aber Hurti weigerte sich. Er meinte, der Tiger sei verwundet und so eine leichte Beute. Wir durchschwammen den Fluß und kamen auf die Insel Raimangal. Hier trennten wir uns, um die Gegend auszuspionieren.«
Der Indier hielt inne und klapperte mit den Zähnen vor Schrecken, sein Gesicht wurde leichenblaß.
»Die Nacht senkte sich herab,« fuhr der Indier mit hohler Stimme fort. »Unter dem Gestrüpp begann es zu dunkeln, es herrschte ein geheimnisvolles, beängstigendes Schweigen. Plötzlich ertönte der schrille Ton des Ramsinga. Ich sah mich um, da gewahrte ich einen Schatten, der sich halb versteckt unter einem Strauche vor mir hielt.«
»Ein Schatten!« rief Tremal-Naik. »Ein Schatten, sagtest du?«
»Ja, Herr, ein Schatten.«
»Wer war das? Sag, Aghur, sprich!«
»Ein Weib schien es mir! Ja, ich bin sicher, daß es ein Weib war.«
»Schön?«
»Es war zu dunkel, um klar zu sehen.«
Tremal-Naik fuhr mit der Hand über die Stirn.
»Ein Schatten!« wiederholte er mehrmals. »Ein Schatten dort unten? – Fahr fort, Aghur!«
»Jener Schatten starrte mich einige Augenblicke an, dann erhob er einen Arm gegen mich, wie um mich einzuladen, den Ort sofort zu verlassen. Überrascht und erschreckt gehorchte ich. Kaum hatte ich hundert Schritte getan, als ein herzzerreißender Schrei an meine Ohren schlug. Diesen Schrei erkannte ich sofort, es war Hurti!«
»Und der Schatten?« fragte Tremal-Naik im Banne höchster Erregung.
»Ich sah mich nicht einmal um. Ich weiß nicht, ob er dort blieb. Mit dem Karabiner in der Hand, stürzte ich quer durch die Dschungel und kam zur großen Banane. Am Fuße derselben lag der arme Hurti auf dem Rücken. Ich rief ihn, aber er antwortete nicht. Ich befühlte ihn, er war noch warm, aber sein Herz schlug nicht mehr.«
»Bist du dessen sicher?«
»Ganz sicher, Herr!«
»Wo war er verwundet?«
»Ich sah keine einzige Wunde an seinem Körper.«
»Und erblicktest du niemand?«
»Niemand, auch kein Geräusch war zu hören. Ich hatte Furcht, warf mich in den Fluß, durchquerte ihn und verlor dabei den Karabiner. So gewann ich unsere Dschungel wieder. Ich glaube, sechs Meilen bin ich gelaufen, ohne Atem zu holen, so groß war meine Furcht. Armer Hurti!«
Ein tiefes Schweigen folgte der traurigen Erzählung des Indiers. Tremal-Naik war plötzlich still geworden. Den Kopf auf die Brust gebeugt, die Stirn gerunzelt, die Arme verschränkt, so schritt er erregt am Fenster auf und nieder. Kammamurri, sprachlos vor Schrecken, war ganz in sich versunken. Sogar der Hund lag schweigsam neben Darma.
Da rissen die schrillen Töne des Ramsinga den Schlangenjäger aus seinem Nachdenken. Er erhob den Kopf wie ein Schlachtroß, das das Signal zum Angriff hört, warf einen Blick auf die einsame Dschungel, auf der jetzt ein dichter, mit giftigen Ausdünstungen geschwängerter Nebel lag, wandte sich um und fragte barsch, indem er sich Aghur näherte:
»Hast du nie das Ramsinga gehört?«
»Doch, Herr!« antwortete der Indier, »aber nur ein einziges Mal – vor sechs Monaten, in der Nacht, in der Tamul verschwand!«
»Glaubst auch du wie Kammamurri, daß es ein Unglück verkünde?«
»Ja, Herr!«
»Weißt du, wer es bläst?«
»Ich habe es nie gewußt!«
»Glaubst du, daß der Bläser Beziehungen mit jenen geheimnisvollen Einwohnern Raimangals habe?«
»Ich glaube es.«
»Was hältst du von diesen Menschen?«
»Sind es denn Menschen?«
»Daß es die Seelen Toter seien, glaube ich nicht!«
»Dann werden es Seeräuber sein,« meinte Aghur.
»Und welches Interesse können sie haben, meine Leute zu morden?«
»Wer weiß, vielleicht, um uns abzuschrecken und von sich fern zu halten!«
»Wo vermutest du ihre Hütten?«
»Das kann ich nicht sagen. Aber ich glaube, daß sie jede Nacht unter dem düsteren Schatten der heiligen Banane zusammenkommen.«
»Gut,« sagte Tremal-Naik, »Kammamurri, nimm die Ruder!«
»Was willst du tun, Herr?« fragte der Maharatt.
»Mich zur Banane begeben!«
»O, tu das nicht, Herr!« schrien die beiden Indier gleichzeitig. »Sie werden dich morden, wie sie den armen Hurti ermordet haben!«
Tremal-Naik betrachtete sie mit flammenden Augen.
»Der Schlangenjäger zitterte nie in seinem Leben, noch wird er heute abend zittern. Zum Boot, Kammamurri!« rief er, mit einem Ton in der Stimme, der keinen Widerspruch zuließ.
»Aber Herr!«
»Hast du vielleicht Furcht?« fragte Tremal-Naik verächtlich.
»Ich bin Maharatt!« sagte der Indier verwegen.
»Dann geh! Diese Nacht werde ich erfahren, wer jene geheimnisvollen Wesen sind, die mir den Krieg erklären, und wer die ist, die mich verhexte!«
Kammamurri ergriff ein paar Ruder und wandte sich zum Ufer. Tremal-Naik ging in die Hütte und nahm einen langen Karabiner mit verziertem Lauf vom Nagel. Er versah sich mit einer großen Flasche Pulver und befestigte am Gürtel ein langes Messer.
»Aghur, du bleibst hier!« sagte er, sich zur Tür wendend. – »Wenn wir in zwei Tagen nicht zurück sind, folgst du uns mit dem Tiger oder Punthy nach Raimangal.«
»Ach, Herr, du tust unrecht, nach jener verwünschten Insel zu gehen.«
»Tremal-Naik läßt sich nicht morden, Aghur!«
»Nimm Darma mit, er könnte dir nützlich sein.«
»Er würde nur meine Gegenwart verraten, und ich will ungesehen und ungestört dort landen. Leb wohl, Aghur!«
Er warf den Karabiner über die Schulter und folgte Kammamurri, der ihn neben einem kleinen Gonga, einem plumpen, aus einem Baumstumpf gefertigten Schiff, erwartete.
»Fahren wir!« sagte er.
Sie sprangen ins Boot und fuhren langsam rudernd, schweigsam davon.
Tiefe Finsternis lag auf den Sunderbunds und dem Mangalstrome. Ein düsteres, geheimnisvolles Schweigen herrschte überall, kaum von dem Gemurmel des gelben Wassers unterbrochen, das herabhängende Äste streifte und die Blätter der Lotusblume bespülte.
Tremal-Naik lag am Hinterschiff der Barke. Schweigend hielt er die Flinte in der Hand. Gespannten Auges prüfte er die beiden Ufer, wo sich fortwährend rauhes Knurren und lautes Gezisch hören ließ. Kammamurri, der die Ruder führte, hielt fast jeden Augenblick inne und fragte den Schlangenjäger, ob er nichts gehört noch gesehen hätte.
Schon eine halbe Stunde waren sie gerudert, als das Schweigen vom Ramsinga unterbrochen wurde. Es kam vom rechten Ufer, so nah, als wenn derjenige, der es blies, nur hundert Schritte entfernt wäre.
»Halt!« murmelte Tremal-Naik.
Kaum war ihm das Wort entschlüpft, als ein anderes Ramsinga dem ersten antwortete, aber in größerer Entfernung. Es spielte eine schwermütige Melodie, während die andere lustig und lebhaft war.
Warum spielten diese beiden Instrumente so verschieden? War es vielleicht ein Signal? Kammamurri befürchtete es.
»Herr!« sagte er. »Wir sind entdeckt! Ob wir umkehren?«
»Tremal-Naik kehrt nie um! Beeile dich und laß die Ramsinga nach ihrem Vergnügen spielen!«
Der Maharatt griff wieder zu den Rudern. Das Gonga flog vorwärts und kam bald an eine Stelle, wo sich der Fluß verengte.
Ein lauwarmer, schwüler, mit verpesteten Ausdünstungen gefüllter Windstoß kam zu den beiden Indiern herüber.
Vor ihnen, etwa drei- bis vierhundert Schritte, erschienen unzählige Flämmchen, die launisch auf der schwarzen Wasseroberfläche umherirrten. Einige, wie von geheimnisvoller Kraft angezogen, tanzten vor dem Bug des Gonga und entfernten sich plötzlich mit fantastischer Schnelligkeit.
»Hier sind wir am schwimmenden Friedhof,« sagte Tremal-Naik. »In zehn Minuten werden wir die Banane erreichen.«
»Werden wir mit dem Gonga hindurch können?« fragte Kammamurri.
»Mit etwas Geduld wird es uns schon gelingen.«
»Es ist unrecht, Herr, die Toten zu beschädigen!«
»Brahma und Wischnu werden uns vergeben. Vorwärts, Kammamurri!«
Mit einigen Ruderschlägen kam das Gonga an der Flußenge vorüber und erreichte eine Art Becken. Die langen Äste der riesigen Tamarinden verflochten sich und bildeten so ein dichtes, grünes Gewölbe.
Da schwammen auch mehrere Leichen, die die Kanäle des Ganges bis zum Mangal getrieben hatten.
»Vorwärts!« sagte der Schlangenjäger.
Eben wollte Kammamurri die Ruder wieder ergreifen, als sich das grüne Gewölbe öffnete, das den schwimmenden Friedhof3 bedeckte, um einem Schwarm seltsamer Wesen mit schwarzen Flügeln, langen Stelzen und spitzen, kräftigen Schnäbeln Durchgang zu verschaffen.
»Was ist das?« rief Kammamurri überrascht.
»Marabus!« sagte Tremal-Naik.
In der Tat fielen ungefähr hundert dieser Vögel flügelschlagend auf die Leichen nieder.
»Vorwärts, Kammamurri!« wiederholte Tremal-Naik.
Das Gonga trieb vorwärts. Nach einer guten halben Stunde war der Friedhof durchkreuzt und das Boot befand sich in einem großen, geräumigen Becken, das von einer spitzen Landzunge in zwei Arme geteilt wurde. Auf dieser Landzunge erhob sich ein gewaltiger, einzelstehender Baum.
»Die Banane!« sagte Tremal-Naik.
Kammamurri zitterte bei diesem Namen.
»Herr!« murmelte er mit zusammengepreßten Zähnen.
»Fürchte dich nicht, Maharatt! Leg die Ruder nieder und laß das Gonga allein der Insel zusteuern! Vielleicht ist jemand in der Nähe.«
Der Maharatt gehorchte. Er legte sich auf den Boden des Gonga. Tremal-Naik tat desgleichen und bewaffnete sich vorsichtshalber mit dem Karabiner.
Das Boot, von der starken Strömung erfaßt, trieb, sich langsam wendend, gegen die nördliche Spitze der Insel Raimangal, dem Sitz der geheimnisvollen Wesen, die den armen Hurti ermordet hatten.
Tiefes Schweigen herrschte an jenem Orte. Auch das Ramsinga schwieg, sogar der Fluß war ruhiger.
Tremal-Naik erhob zeitweise vorsichtig den Kopf. Aufmerksam spähte er nach dem Ufer, da er dem Schweigen nicht traute. Das Gonga war kaum hundert Schritte von der Banane und scheuerte schon leicht den Grund. Die beiden Indier bewegten sich nicht.
Es vergingen zehn Minuten ängstlicher Spannung, dann wagte es Tremal-Naik, sich zu erheben. Das erste, was ihm in die Augen fiel, war eine schwarze, verschwommene Masse, die sich ungefähr zwanzig Meter vom Ufer im Grase befand.
»Kammamurri!« murmelte er. »Erheb dich und lade die beiden Pistolen!«
Der Maharatt ließ sich dies nicht zweimal sagen.
»Was siehst du, Herr?« fragte er leise.
»Sieh dorthin!«
»Eh!« stieß der Maharatt hervor, indem er die Augen aufriß. – »Ein Mensch!«
»Still!«
Tremal-Naik erhob den Karabiner und zielte auf jene schwarze, menschenähnliche Masse. Ohne zu feuern, setzte er aber wieder ab.
»Laß uns untersuchen, was es ist, Kammamurri!« sagte er. »Jener Mensch scheint tot zu sein.«
»Und wenn er sich nur verstellt?«
»Um so schlimmer für ihn!«
Die beiden Indier stiegen ans Land und schlichen sich gebückt an jenes Wesen, das kein Lebenszeichen gab. Auf zehn Schritte waren sie herangekommen, als sich ein Marabu erhob und gegen den Fluß flog.
»Ein Toter!« murmelte Tremal-Naik. »Wenn es – –«
Den Satz beendete er nicht. Mit vier Sprüngen war er neben der Leiche. Ein dumpfes Stöhnen entschlüpfte seinen vor Zorn verzerrten Lippen.
»Hurti!« stieß er aus.
In der Tat, jene Leiche war Hurti, der Gefährte Aghurs. Der Unglückliche lag auf dem Rücken. Beine und Arme waren durch die Todeszuckungen runzlig, das Gesicht schrecklich verzerrt, die Augen traten weit aus ihren Höhlen. Die Beine waren gebrochen und mit Blut überströmt, ebenso die Füße. Jedenfalls war er eine Strecke lang geschleift worden, während er vielleicht noch mit dem Tode rang. Aus dem Munde hing ihm die Zunge.
Tremal-Naik richtete den unglücklichen Indier ein wenig auf, um zu sehen, wo er verwundet war. Aber keine einzige Wunde war zu finden. Bei genauer Prüfung sah er jedoch um den Hals herum eine starke Quetschung. Auch am Schädel befand sich eine Verletzung, die von einer großen Kugel oder einem abgerundeten Steine herzurühren schien.
»Erst haben sie ihn betäubt und dann erwürgt,« sagte er mit dumpfer Stimme.
»Armer Hurti,« flüsterte der Maharatt. »Warum mordete man ihn in dieser Weise?«
»Das werden wir erfahren, Kammamurri! Ich schwöre dir, dies Verbrechen läßt Tremal-Naik nicht unbestraft!«
»Herr, ich fürchte, daß die Mörder sehr mächtig sind!«
»Mächtiger als sie wird Tremal-Naik sein. Wohlan, kehre zum Boote zurück!«
»Und Hurti? Sollen wir ihn hier lassen?«
»Morgen früh werde ich ihn in die heiligen Wasser des Ganges werfen!«
»Aber die Tiger werden ihn nachts zerfleischen!«
»Über den Leichnam Hurtis wacht der Schlangenjäger!«
»Wie? Kehrst du nicht zurück?«
»Nein, Kammamurri, ich bleibe hier. Wenn alles erledigt ist, werde ich die Insel verlassen.«
»Aber willst du dich denn morden lassen?«
Ein verächtliches Lächeln zuckte um die Lippen des stolzen Indiers.
»Tremal-Naik ist ein Sohn der Dschungel! Steig ins Boot, Kammamurri!«
»Nie, Herr!«
»Warum?«
»Wenn dir ein Unglück zustieße, wer soll dir helfen? Ich begleite dich und schwöre dir, daß ich dir folgen werde, wohin du gehst.«
»Auch wenn ich die Vision suchen würde?«
»Ja, Herr!«
»So folge mir, kühner Maharatt!«
Tremal-Naik ging zum Ufer, packte das Gonga am Steuerbord, stülpte es mit einem heftigen Rucke um und bohrte es in den Grund.
»Was tust du?« fragte Kammamurri überrascht.
»Niemand darf erfahren, daß wir hier gelandet sind. Und jetzt vorwärts, das Geheimnis zu entschleiern!«
Sie erneuerten das Pulver des Karabiners und der Pistolen, um sicher zu sein, daß kein Schuß versage, und gingen zur Banane, deren ungeheures Geäst stolz von der dichten Finsternis abstach.
