Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Für ihre große Liebe bricht sie alle Konventionen Nottingham, 1658: Jung, schön und aus gutem Hause. Cathryn Jordan weiß genau, dass sie für viele Männer Englands eine gute Partie wäre – doch ihr Herz hat sie schon längst an den gutaussehenden, verarmten Lord Cassian von Arden verloren. Als ihr Vater sie zwingen will, den vermögenden, aber viel älteren Sir Baldwin heiraten, zögert Cathryn nicht lange: Zusammen mit Cassian ergreift sie bei Nacht und Nebel die Flucht. Ohne Geld und Verbindungen, aber voll Hoffnung und Entschlossenheit wollen die beiden sich in London ein neues Leben aufbauen. Doch als Cassian plötzlich schwer erkrankt, muss Cathryn um sein Überleben kämpfen. Da steht plötzlich ihr ehemaliger Verlobter, Sir Baldwin, vor ihr … Ein fesselnder historischer Liebesroman für alle Fans von Elizabeth Chadwick und Margaret Mallory.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 464
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Nottingham, 1658: Jung, schön und aus gutem Hause. Cathryn Jordan weiß genau, dass sie für viele Männer Englands eine gute Partie wäre – doch ihr Herz hat sie schon längst an den gutaussehenden, verarmten Lord Cassian von Arden verloren. Als ihr Vater sie zwingen will, den vermögenden, aber viel älteren Sir Baldwin heiraten, zögert Cathryn nicht lange: Zusammen mit Cassian ergreift sie bei Nacht und Nebel die Flucht. Ohne Geld und Verbindungen, aber voll Hoffnung und Entschlossenheit wollen die beiden sich in London ein neues Leben aufbauen. Doch als Cassian plötzlich schwer erkrankt, muss Cathryn um sein Überleben kämpfen. Da steht plötzlich ihr ehemaliger Verlobter, Sir Baldwin, vor ihr …
eBook-Neuausgabe Oktober 2025
Ein eBook des venusbooks Verlags. venusbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, München.
Dieses Buch erschien bereits 2005 unter dem Titel »Entscheidung des Herzens« bei Lübbe, Bergisch Gladbach.
Copyright © der Originalausgabe 2005 by Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG, Bergisch Gladbach
Copyright © der Neuausgabe 2025 venusbooks Verlag. venusbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, München.
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: A&K Buchcover, Duisburg, unter Verwendung eines Bildmotives von depositphotos/faestock, depositphotos/TTstudio, depositphotos/RobertWay
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (ah)
ISBN 978-3-69076-808-5
***
Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit gemäß § 31 des Urheberrechtsgesetzes ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des venusbooks-Verlags
***
Besuchen Sie uns im Internet:
www.venusbooks.de
www.facebook.com/venusbooks
www.instagram.com/venusbooks
Laura Thorne
Roman
Grafschaft in der Nähe von Nottingham im Jahr 1658
Ein leiser Wind strich durch den Schlossgarten und ließ die Blätter der Bäume ein raschelndes Lied singen.
Die hohen Tannen ragten stolz und kühn zum schwarzblauen Himmel hinauf, als wollten sie die Sterne küssen. Der Vollmond übergoss den prächtigen Garten mit flüssigem Silber.
Es herrschte Stille. Das Schloss selbst lag verlassen und ruhig. Nur eine leichte Gardine bauschte sich an einem offenen Fenster. Von weit her drang das Gebell eines Hundes.
Cathryn schritt leichtfüßig über die mit Kies bestreuten Wege. An einem kleinen weißen Marmorbrunnen blieb sie stehen und lauschte in die samtige Nacht. Von der nahen Kirche schlug es die achte Stunde.
Cathryn lächelte und wandte sich zum Schloss. Der großzügige, mehrgeschossige Bau lag fast vollständig im Dunkeln. Nur die Freitreppe, die in die Halle führte, war von Fackeln beleuchtet. Weit und breit war kein Mensch zu sehen.
Cathryns Eltern, Lord und Lady Jourdan, waren auf ein Fest in die benachbarte Grafschaft gefahren und würden nicht vor dem Mittag des nächsten Tages zurück sein. Die Dienerschaft hatte frei. Nur Margarete, die Kinderfrau der Jourdans, war sicherlich noch irgendwo im Haus und sorgte dafür, dass Cathryns kleiner Bruder Jonathan pünktlich im Bett lag.
Cathryn hörte das leise Quietschen des Gartentores. Ihr Atem beschleunigte sich. Sie presste eine Hand auf ihre Brust, spürte den rasenden Schlag ihres Herzens. Ein Zittern durchlief ihren gesamten Körper, als sie feste Schritte auf dem Kiesweg hörte, die sich rasch näherten.
Sie schloss die Augen und seufzte so tief, dass es fast wie ein Stöhnen klang.
»Guten Abend, meine Schöne«, hörte sie eine dunkle Männerstimme sagen.
Sie öffnete die Augen und ein strahlendes Lächeln breitete sich über ihr Gesicht.
»Du bist da«, flüsterte sie und betrachtete den Mann, der vor ihr stand. Er war groß, überragte sie beinahe um Haupteslänge. Das dunkelbraune Haar war vielleicht ein wenig zu lang, sodass ihm eine vorwitzige Strähne in die Stirn fiel. Die braunen Augen hatten die Farbe von frisch gefallenen Kastanien. Die Nase, etwas zu groß für das schmale Gesicht, und der Mund mit den weichen vollen Lippen verliehen ihm das Aussehen eines Abenteurers. Wild wirkte er, wild und doch zugleich zärtlich. Stark wie ein Baum, mit Schultern so breit, als könnten sie die Last der ganzen Welt tragen.
Er trug ein weißes Hemd, das nicht bis zum Hals geschlossen war und das Cathryn eine Ahnung seiner starken Brustmuskeln gab.
»Du bist da«, flüsterte sie noch einmal. Sie legte ihre Hände in seine. Als er sie zu seinem Mund führte und seinen heißen Atem über ihren Puls streichen ließ, durchlief sie ein Zittern.
»Habe ich dir weh getan?«, fragte der Mann besorgt.
Cathryn schüttelte den Kopf. »Oh, nein, das hast du nicht. Ich liebe den kraftvollen Griff deiner Hände.«
Der Mann lächelte. »Ich habe immer Angst, dich zu zerbrechen. Du bist so zart.«
Cathryn lachte. »Das täuscht. Ich bin vielleicht nicht besonders groß, doch an Stärke fehlt es mir nicht.«
Der Mann strich mit der Hand über ihr Haar, das in weichen braunen Locken bis zu ihren Schulterblättern reichte. Cathryns grüne Augen glänzten im Dunkel der Nacht, unergründlich wie ein Bergsee in den Highlands. Die Flügel ihrer kleinen Nase zitterten leicht und ihr Mund, rot und prall wie eine reife Kirsche, verzog sich zu einem verlegenen Lächeln. Sie entzog dem Mann ihre Hände und strich über ihr weißes Kleid, dessen Mieder ihre weißen, zarten Brüste eng umschloss und das in lockeren Falten von der Taille an bis auf ihre kleinen Füße floss.
Sie war wirklich nicht groß, und ihr Körper war von zartem Bau. Die Blässe ihrer Haut und die ovale Form ihres Gesichtes unterstrichen diesen Eindruck von Zerbrechlichkeit. Doch das Feuer in ihren Augen erzählte von ihrem Temperament.
»Lass uns ein wenig durch den Garten spazieren«, sagte sie.
Der Mann nickte zwar, doch gab er zu bedenken: »Was ist, wenn uns jemand sieht?«
»Es wird uns niemand sehen. Meine Eltern kommen erst morgen Mittag zurück. Nur meine Brüder und Margarete sind da. Du brauchst dir also keine Sorgen zu machen, schließlich bist du Davids bester Freund und Jonathan bewundert dich, seit er laufen kann. Und Margarete würde niemals etwas sagen, das dich in Gefahr bringen könnte. Sie mag dich, das weißt du. Sie hat dich schon immer gemocht. Auch dein Schicksal hat daran nichts ändern können.«
»Ja, wir haben alles verloren, außer unserem Titel.«
Er lachte dunkel und keineswegs fröhlich. »Ich bin wohl der ärmste Lord im ganzen Königreich England und der Clan, dem ich vorstehe, ist wohl der erbärmlichste. Und mit Sicherheit der einzige, dessen Lord sich bei einem nicht adligen Gutsbesitzer während der Ernte als Schnitter betätigen muss, um nicht den Hungertod zu sterben.«
»Steht es wirklich so schlecht, Cassian?«
»Ich hatte gehofft, dass der Tod meines Vaters dem Elend ein Ende bereiten würde. Ja, ich war so töricht zu glauben, dass es noch Mitgefühl unter den Menschen gibt.
Doch ich habe mich getäuscht. Sir Humbert hat sich restlos an unserem Besitz bedient. Selbst die Mitgift meiner Mutter ist vollständig an ihn übergegangen. Das Einzige, das mir noch geblieben ist, ist das alte Gutshaus in der Nähe der Wälder von Nottingham. Doch auch das werde ich nicht mehr lange halten können. Der Regen tropft durch das kaputte Dach, die Wände zeigen Risse, die Fenster sind schon lange zerbrochen und mussten zum Schutz gegen die nächtliche Kühle mit Ölpapier verhängt werden.«
»Es tut mir so leid. Wenn ich dir nur helfen könnte!«
Cassian lächelte. »Du hilfst mir doch! Deine Liebe ist es, die mich nicht verzagen lässt. Ich hatte mich schon aufgegeben, aber dann kamst du und gabst meinem Leben wieder einen Sinn. Ich werde mir alles, was mir gehört, zurückholen. Das habe ich mir geschworen. Ich möchte deiner würdig sein und dich eines Tages zum Altar führen. Eine hoch geachtete Lady von Arden sollst du werden, eine Lady, der es an nichts fehlt. Ich werde dich in Samt und Seide hüllen, dich mit Perlen und Gold schmücken. Du sollst in den weichsten Kissen schlafen und auf purpurroten Teppichen laufen. Ich werde es schaffen, Cathryn. Eines Tages habe ich alles zurück, was mein Vater verloren hat.«
Cathryn seufzte. »Ach, wenn es doch schon so weit wäre!«
»Habe nur Geduld, meine Liebste. Nur noch ein wenig. Oliver Cromwell hat zwar den König ermorden lassen und ein fragwürdiges Parlament eingerichtet, doch wird dies nicht für die Ewigkeit sein. Schon bald wird es kein Parlament mehr geben. Es kriselt an allen Ecken und Enden. Cromwells Demokratie, die ihren Namen nicht verdient, kann nur noch mit Waffengewalt gehalten werden. Die Monarchie wird wieder auferstehen. Wenn es eine Gerechtigkeit in diesem Land gibt, so wird mir der König dann helfen, meine Ländereien zurückzubekommen.«
»Der verdammte Bürgerkrieg ist schuld an allem. Wenn ihr doch keine Katholiken wärt! Warum nur hat dein Vater im Krieg auf Seiten von König Karl I. gekämpft?«
Cassian zuckte hilflos mit den Achseln. »Es ist nicht meine Schuld«, sagte er. »Ursprünglich stammen die Lords von Arden aus den Highlands. Sie haben vor etwa zweihundert Jahren, während der Rosenkriege, Schottland verlassen und sich in der Nähe Nottinghams angesiedelt. Doch ihrem Glauben sind sie treu geblieben. Niemand hat sich je daran gestört. Erst als auf dem Kontinent der Dreißigjährige Krieg ausbrach, entbrannte auch auf unserer Insel ein erbitterter Streit um Gott. Katholiken kämpften plötzlich gegen Puritaner. Mein Vater hat auf der Seite König Karls gekämpft, weil es seine Lehenspflicht war. Und wie du weißt, sind alle Anhänger des Königs vom Rumpfparlament enteignet worden. Mehr als die Hälfte unseres Besitzes wurde eingezogen. Sir Humbert war es, der öffentlich behauptet und unter Eid geschworen hat, wir wären König Karl I. noch über dessen Tod hinaus treu ergeben und versuchten, unsere Manors zu einer katholischen Insel inmitten der Puritaner zu machen. Das war eine Lüge, doch schenkte man in diesen Zeiten einem puritanischen Sir eindeutig mehr Glauben als einem katholischen Lord.«
Cassian ballte die Fäuste. »Eines Tages werde ich mit Sir Baldwin Humbert abrechnen! Eines Tages wird er mir alles, was er den Ardens durch Lügen und Betrügen genommen hat, wiedergeben müssen.«
»Ich weiß«, seufzte Cathryn. »Vielen ist es ergangen wie deiner Familie.«
»Und den Rest hat dann ein Brand besorgt. Ich verstehe bis heute nicht, wie es in einer regnerischen, feuchten Nacht zu einem so verheerenden Flammenunglück kommen konnte. Einem Brand, der alles, was wir noch besessen haben, bis auf den letzten Schemel vernichtet hat. Man sagte damals, es wäre nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. Einige unserer Feldpächter wollen Sir Baldwin Humbert in der Nähe unseres Schlosses gesehen haben. Aber beweisen konnte ihm niemand etwas. Noch nicht einmal, als er die Ländereien der Ardens für einen Apfel und ein Ei gekauft hat.«
Wut glitzerte in seinen Augen. Sein Kinn wirkte kantig und hart, der Mund war zu einem schmalen Strich zusammengezogen.
»Und dann der Tod meines Vaters! Er war gerade vier Wochen unter der Erde, und schon kam Sir Baldwin und hielt mir Schuldscheine mit dem Siegel der Ardens unter die Nase, die ich zu begleichen hatte! Was, Cathryn, blieb mir anderes übrig, als ihm auch noch das Schloss zu verkaufen und selbst in das alte, verfallene Jagdpächterhaus zu ziehen?«
»Ich weiß, Liebster«, flüsterte Cathryn. »Und es tut mir so leid, dass ich dir nicht helfen kann.«
Ihre Hand strich über seinen Arm. Sie spürte das Spiel seiner harten Muskeln und war überwältigt von seiner Männlichkeit und Stärke. Cassians Geruch drang in ihre Nase. Die Mischung aus Sauberkeit und den milden Spuren körperlicher Arbeit im Wald, die sich mit dem Geruch von Erde, Sandelholz und Tannengrün verbanden, ergaben ein Aroma, dem Cathryn nicht widerstehen konnte. Tief sog sie den Geruch ein, berauschte sich daran und vergaß alles um sich herum.
Sie nahm sein Gesicht in ihre kleinen Hände und sah ihm tief in die Augen. »Alles wird gut, Cassian«, flüsterte sie.
Er beugte sich zu ihr herunter und fuhr mit dem Daumen über die Linien ihres Mundes.
»Du bist schön wie eine Waldfee«, sagte er und strich ihr sanft über die Lider, damit sie die Augen schloss.
Einen Moment lang betrachtete er sie hingerissen. Er spürte das sachte Zittern ihres Körpers, berührte wieder in unendlicher Zärtlichkeit ihre Lippen, die sich leicht öffneten. Sie bot ihm ihren Mund entgegen.
Seine Finger strichen schmetterlingsleicht über ihr Gesicht, zeichneten ihre Brauen nach, den Schwung der kleinen Nase, fuhren kaum spürbar über ihre rosigen Wangen.
»Küss mich!«, flüstere sie. »Bitte küss mich endlich.«
Cassian ließ sich nicht lange bitten. Seine Lippen legten sich sanft auf ihre. Sie spürte ihre Wärme, war überrascht von ihrer Weichheit. Mit der Zunge bahnte er sich seinen Weg, erkundete ihren Mund. Ihr Atem vermischte sich, schien ein einziger zu werden. Sie presste ihren Leib gegen seinen, spürte seinen Herzschlag. Ihre Arme lagen auf seinen Schultern und ihre Nägel gruben sich leicht in sein Fleisch.
»Oh, wenn du wüsstest, wie sehr ich dich begehre«, stammelte Cassian, als sie sich endlich voneinander gelöst hatten.
Die Nacht war noch immer lau und weich. Die Hitze des Tages steckte noch in den Mauern der Häuser ringsum, selbst der Kies auf den gestreuten Wegen strömte Wärme aus. Der Duft der in voller Blüte stehenden Gewächse verbreitete ein so starkes Aroma, dass Cathryn allein davon fast schwindelig wurde.
Ja, es war ein Schwindel, der Cathryn und Cassian erfasste, ein Rauschzustand, in dem aus den hohen, finsteren Tannen Gewächse wurden, in denen Elfen ihr Zuhause hatten. Das Brünnlein, in dessen Nähe sie sich noch immer befanden, schien ihnen zuzurufen: »Es ist die Nacht der Nächte! Die Nacht, in der alle Wünsche wahr werden!«
Und die Blätter in den Bäumen wisperten: »Liebt euch, küsst euch, werdet eins!«
War es diese laue Sommernacht, die Cathryn und Cassian alles andere vergessen ließen? War es die Gelegenheit, die Abwesenheit der Eltern, die sie über die Maßen kühn sein ließ und alle Tugend aus den Gedanken trieb? Oder war es die Macht einer reinen, großen und tiefen Liebe, der sie sich nicht entziehen konnten?
War es das Aroma des blühenden Gartens, welches ihre Sinne weckte und sie blind und taub machte für alles, was diese laue Nacht der Liebe stören konnte? Es war, als hätte Eros, der mächtigste aller Götter, Amor selbst in die Zweige der Bäume im Schlossgarten gesetzt und ihm befohlen, alle Pfeile, die er im Köcher trug, auf die beiden abzuschießen und nicht inne zu halten, bis auch der letzte Pfeil sein Ziel getroffen hatte.
»Küss mich!«, bat Cathryn. »Küss mich, und höre niemals wieder auf damit!«
Wieder fand Cassian ihre Lippen, wieder legten sie sich mit einer Sanftheit auf ihre, die sie schaudern ließ. Doch dann erwachte das Begehren. Die Sinne, die schon lange die Oberhand über den Verstand und die Gottesfurcht gewonnen hatten, drängten nach Befriedigung.
Der zweite Kuss war wild und süß zugleich. Cassian kostete von Cathryn, nein, er nahm ihren Mund in Besitz. Mit einer Hand griff er in ihr Haar und zog ihren Kopf behutsam nach hinten, die andere Hand hielt ihren Rücken, presste ihren Leib gegen seinen. Atemberaubend war dieser Kuss. Atemberaubend, wild und so fordernd, dass Cathryn sich ihm ganz und gar überließ. Sie hielt die Augen geschlossen, schmeckte Cassians Atem, berauschte sich daran, als wäre es der köstlichste Wein.
Dann ließ er sie los, nahm ihre Hand und führte sie ein paar Schritte unter das grüne Blätterdach einer alten Platane.
Er legte ihr seine schweren, starken Hände auf die Schultern und sah ihr in die Augen. Sein Blick war zwingend, ein Ausweichen unmöglich.
»Ich liebe dich, Cathryn«, sagte er ernst. »Ich liebe dich mehr als alles andere. Du bist das Einzige, das ich besitzen möchte.«
Cathryn erschauerte, wollte etwas entgegnen, doch Cassian verschloss ihr mit dem Finger die Lippen.
»Ich war noch nicht fertig. Lass mich ausreden. Du gehörst mir nicht, Cathryn, und ich habe Angst, dass auch du eines Tages verschwindest wie alles, woran mein Herz je hing. Deshalb bitte ich dich: Zeig dich mir einmal in deiner ganzen Schönheit. Lass mich dich ein einziges Mal nur betrachten, und schenke mir eine Erinnerung, die für den Rest meines Lebens reichen muss.«
Cathryn lächelte. Es war ein verlegenes Lächeln. »Ich verschwinde nicht, Cassian. Du wirst immer wissen, wo ich bin.«
Cassian schüttelte den Kopf. Sein Blick hatte noch immer etwas Bezwingendes. »Du weißt, was ich meine, Cathryn.«
Seine Stimme sagte ihr, dass es wenig Sinn hatte, sich seinem Wunsch entgegenzustellen. Und, bei Gott, quälte sie nicht dieselbe Sehnsucht? Konnte es wirklich Sünde sein, sich dem Mann zu zeigen, zu schenken, den man liebte?
»Du darfst mich aber nicht berühren«, bat sie leise.
Cassian nickte. »Ich werde niemals etwas tun, das du nicht auch möchtest.«
Mit zitternden Händen löste sie die Schnüre ihres Mieders.
Cassian hatte sich mit dem Rücken an die alte Platane gelehnt, die das silberne Mondlicht durch ihre Blätter strahlen ließ. Obwohl seine Haltung entspannt wirkte, verriet das schnelle Heben und Senken seines Brustkorbes seine innere Erregung. Seine Augen aber blickten voll ruhiger Zärtlichkeit und Liebe auf Cathryn.
Sie streifte das Mieder über ihre Schultern, die wie Seide schimmerten und schob es bis zu den Hüften hinunter.
Cassians Blicke glitten über ihren Leib. Cathryn begann zu zittern, doch es war nicht die Kühle der anbrechenden Nacht, die sie frösteln ließ. Im Gegenteil – ihr war heiß. Das Blut lief in warmen Wellen durch ihren Körper und färbte ihre Wangen rosig. Sie wagte nicht, ihn anzusehen. Ihre Nacktheit machte sie verlegen und befangen.
»Sieh mich an!«, sagte er leise.
Langsam hob sie den Kopf, um seinem Wunsch zu entsprechen. Sie sah seine Blicke über ihren Körper gleiten. Warme, begehrliche, bewundernde Blicke. Sie fühlte sie auf der Haut wie ein Streicheln, ein brennendes Streicheln, das sie zum Glühen brachte. Er betrachtete sie so eingehend, wie man eine Kostbarkeit betrachtet. Sein Atem ging ein wenig schneller.
Cathryn spürte eine seltsame Erregung, spürte, wie ein heftiges Kribbeln sich in ihrem Bauch ausbreitete und wie sich ihre Brustspitzen zusammenzogen und steif und fest wurden.
Sie wollte den Blick erneut zu Boden senken, doch Cassians Stimme hinderte sie daran. »Sieh mich an!«, sagte er. »Es gibt nichts, wofür du dich schämen musst.«
Und wieder glitten seine Blicke über ihren Körper und hinterließen eine brennende Spur.
»Ich möchte dich ganz sehen!«, sagte er nun.
Cathryn gehorchte. Doch sie gehorchte nicht allein seinem Wunsch, nein, sie gehorchte dem eigenen Begehren, gehorchte der Lust, die in ihrem Körper glühte wie eine brennende Fackel.
Sie schob das Kleid über ihre Hüften, sodass es zu Boden fiel und sich um ihre Füße wellte wie eine Meereswoge.
Wieder spürte sie seine Blicke und ihr Zittern wurde stärker. Sie fühlte sich mehr als nackt. Klein fühlte sie sich, zerbrechlich gegenüber seiner angezogenen Männlichkeit. Verletzlich war sie, als hätte sie keine Haut, die sie schützte.
Hilflos den brennenden Blicken und der eigenen Begierde ausgesetzt.
»Dreh dich, damit ich dich ganz sehen kann«, forderte er sie auf, noch in derselben Haltung am Stamm der alten Platane lehnend.
Langsam drehte sich Cathryn um, fühlte seine Blicke über ihren Rücken, den Po und die Schenkel gleiten.
»Cassian«, sagte sie leise.
Ihre Stimme zitterte ein wenig.
»Es ist alles gut«, flüsterte Cassian rau. »Ich will dich nicht quälen. Zieh dich wieder an, wenn du magst. Doch ich würde mich gern an deiner Schönheit satt sehen.«
Er lachte dunkel. »Obwohl ich nicht glaube, dass ich mich daran jemals satt sehen kann.«
Langsam drehte sich Cathryn, bis sie ihm Angesicht zu Angesicht gegenüberstand.
»Du bist wunderschön«, sagte Cassian. Seine Worte waren ein einziges Seufzen. »Bei Gott, ich hätte niemals geglaubt, dass ein Mensch so schön sein kann.«
Er streckte eine Hand nach ihr aus, doch er hielt sich an sein Versprechen und berührte Cathryn nicht. Sie war es, die auf ihn zukam. So, als hätte sie keinen eigenen Willen, traten ihre Füße zu ihm, bis seine Hand ihre Schulter berührte. Alle Scham war von ihr abgefallen. Cathryn fühlte sich schön, fühlte sich ganz als Frau. Sie genoss nun ihre Nacktheit, sah die eigene Schönheit in Cassians Augen wie in einem Spiegel.
Mit einem Finger nur strich er über ihre Schulter, fuhr über ihren Oberarm bis in die Beuge des Ellenbogens.
Sie spürte, wie ein Zittern ihren ganzen Körper durchlief, sein Finger eine unlöschbare Schrift auf ihre Haut schrieb.
Sie sah ihn an, als wolle sie ihn um Hilfe bitten. Seine Augen verrieten ihr seine grenzenlose Liebe, aber auch sein grenzenloses Begehren. Und auch sie begehrte ihn. Mit der ganzen Kraft ihrer Sinne begehrte sie diesen Mann, sehnte sich nach seiner Stärke, nach seiner Männlichkeit. Ihre Hände wollten seine Muskeln spüren, den Schlag seines Herzens. Sie bog ihren Körper durch, bog ihm ihre Brüste entgegen. Als er die Spitzen berührte, stöhnte Cathryn leise auf und schloss die Augen.
»Ich tue nichts, was du nicht willst«, sagte Cassian noch einmal.
»Tue, was du willst«, erwiderte sie zitternd. »Mach mit mir, was du willst.«
Seine Hände umschlossen ihre Brüste, die sich wie neugeborene Küken in seine rauen, warmen Handflächen schmiegten. Mit den Daumen rieb er leicht über Cathryns Brustwarzen, die unter der Berührung noch fester wurden und an reife Himbeeren erinnerten.
»Tue alles, was du willst«, wiederholte sie.
»Nein, das geht nicht«, antwortete er heiser. »Deine Tugend gehört dem Mann, der dich heiratet.«
Sie öffnete die Augen und sah ihn an. »Dich, Cassian, werde ich eines Tages heiraten. Es gibt keinen Mann, den ich mehr liebe. Ohne dich bin ich nur halb. Du gehörst zu mir. Das war schon immer so, das ist so, und das wird auch immer so bleiben. Niemand kann mich von dir trennen. Meine Seele und mein Herz gehören dir schon lange. Also nimm auch meinen Körper. Ich möchte ihn dir schenken. Du sollst ihn besitzen. Jetzt und immer.«
»Willst du das wirklich, Cathryn?«
Sie nickte. »Es ist ein Versprechen. Das Versprechen unserer Liebe, geschrieben in der Sprache unserer Körper, unterzeichnet mit meiner Jungfräulichkeit.«
Ihre letzten Worte waren noch nicht ganz verklungen, da lagen seine Lippen bereits auf ihren. Mit seinen starken Händen presste er sie an sich. Sie lag an seiner Brust, von seinem Körper geschützt wie ein Vogeljunges, ihren Kopf zu seinem erhoben.
Seine Hände strichen über ihren Leib, dann breitete er seinen Mantel auf dem Boden aus und zog sie hinab. Er bettete sie so vorsichtig darauf, als hätte er Furcht, eine zu heftige Bewegung könne sie verletzen oder den Zauber dieser rauschhaften Nacht brechen.
Seine Lippen glitten über ihren Hals. Cathryn bog den Kopf zurück, hielt sich an seinen Schultern fest. Einen Augenblick hielten sie inne, lagen Körper an Körper, Herz an Herz. Lagen wie zwei verlorene Kinder, die nichts hatten als sich selbst und ihre Liebe.
Dann streichelten seine Hände ihre zitternden Brüste, fuhren über ihren Bauch, massierten mit sanftem Druck ihren Venushügel. Wie von selbst öffneten sich ihre Schenkel.
»Sieh mich an!«, bat er noch einmal, die Hand auf ihrer Scham liegend.
Sie tat es.
»Willst du wirklich, dass ich dich heute hier zu meiner Frau mache?«
»Ja, ich will es. Tue es! Lass mich nicht länger warten!«
Seine Lippen verschlossen ihren Mund, während seine Hand den Weg zu den Blütenblättern ihres Schoßes fand. Sanft kreisten seine Finger über ihre Scham, öffneten ihre Lippen und liebkosten das Innere. Ihr Stöhnen erstickte in seinem Mund. Sie presste sich an ihn, von Schauern gejagt. Seine Finger glitten über ihre Scham wie über die Saiten einer Laute, entlockten ihr immer neue Klänge der Lust.
Sie sang unter seinen Händen, sang das Lied des Verlangens. Als seine Finger die Knospe ihrer Lust fanden und langsam darüberstrichen, zuerst mit aller Sanftheit, dann etwas fester, schließlich behutsam darauf vibrierend, wurden ihre Töne heller und höher. Ihre Schenkel spreizten sich noch weiter, ihr heißer Unterleib bog sich seinen Händen, seinen Berührungen entgegen.
Doch plötzlich ließ er von ihr ab.
»Zeig dich mir ganz! Zeig dich mir so, wie sich eine Frau dem Mann, von dem sie so geliebt wird wie du von mir, zeigen sollte.«
Sie verstand nicht, streckte ihre Hände verlangend nach ihm aus, wollte ihn zu sich herunterziehen, begehrte seine Hände auf ihrem Leib, zitternd vor Verlangen nach neuen Zärtlichkeiten, schmachtend nach seiner Haut, nach seiner Wärme.
»Ich möchte dich ganz sehen, möchte die Tür zu deiner Lust betrachten.«
»Nein«, stöhnte Cathryn, die endlich verstanden hatte. »Nein, ich komme um vor Scham.«
Sie schlug die Hände vor das Gesicht, doch er antwortete leise und mit denselben Worten wie schon zuvor. »Du brauchst dich nicht zu schämen. Ich bin dein Mann. Es gibt keine Scham zwischen uns.«
Dann spreizte er mit seinen Fingern ihre Schamlippen und spürte, wie Cathryns Leib sich aufbäumte.
Der Wind, heimlicher Verbündeter der Liebenden, strich kühlend über ihren glühenden Schoß.
Und plötzlich fiel auch der letzte Rest Scham von ihr ab. Sie selbst hatte sich noch nie so gesehen. Bis zu diesem Augenblick hätte sie es für Sünde gehalten.
Doch es war keine Sünde, konnte keine Sünde sein, dem Mann, den sie so sehr liebte, alles von sich zu zeigen.
Er spürte ihre Feuchtigkeit. »Zeig mir deine Lust«, forderte er, und sie antwortete mit einem dunklen Laut, der tief aus ihrer Kehle drang.
Er erkundete ihren Schoß, nahm ihre Schamlippen zwischen zwei Finger und massierte sie behutsam und mit quälender Langsamkeit. Als er erneut die Quelle der weiblichen Lust fand, wand sie sich unter seinen Liebkosungen, bog sich seinen streichelnden Händen entgegen, verging vor Verlangen.
»Nimm mich!«, stöhnte sie. »Oh, Gott, mach mit mir, was du willst!«
Während er mit einer Hand ihr Begehren anfachte, sie bis an den Rand des Erträglichen trieb, dorthin, wo das Gefühl den Verstand besiegte und die Macht übernahm, knöpfte er sich mit der anderen Hand das Hemd auf, streifte es ab und öffnete seine Hose.
Ganz behutsam drang er in sie ein, spürte, wie sie sich ein bisschen verkrampfte. »Es ist alles gut, meine Liebste. Alles ist gut. Ich liebe dich, und du bist wunderschön.«
Er war so vorsichtig, so sanft trotz seiner Stärke, dass sie sich schließlich entspannte.
Sanft drang er in sie ein und begann sich vorsichtig zu bewegen. Er sah ihr dabei ins Gesicht und hielt einen Moment lang inne, als er den Schmerz bemerkte, der mit dem Verlust der Jungfräulichkeit einherging, dann wurden seine Stöße allmählich schneller und heftiger. Er füllte sie ganz aus, drang in ihr Innerstes. Ihr Schoß passte sich seinem Rhythmus an, ihr Stöhnen wurde lauter, wuchs sich zu einem Schrei aus, als sie endlich den Gipfel der Lust erklommen hatte.
Später, als sie neben ihm lag, den Kopf an seine Schulter gebettet und er ihr sanft über das Haar strich, fragte er: »Bereust du es, dich mir geschenkt zu haben?«
Sie schüttelte heftig den Kopf. »Nein. Ich gehöre dir. Von heute bis in alle Ewigkeit.«
Sie hob den Kopf und sah ihm in die Augen. »Wir können uns nicht gegen die Liebe wehren, nicht wahr? Sie ist stärker als wir.«
Er nickte und strich beruhigend über ihr Haar.
»Ja«, bestätigte er. » Wir haben gerade erfahren, dass das Leben der Liebe, einer so starken und großen Liebe wie der unseren, nicht so leicht entkommen kann. Sie ist die mächtigste Sache der Welt. Stärker gar als der Tod.«
»Stärker als der Tod«, wiederholte sie leise.
Sie war eine Frau. Sie war Cassians Frau. Sein Weib in guten und in schlechten Tagen. Bald schon, sobald Cassian seinen Besitz wiedererlangt hatte, würden sie es aller Welt vor dem Altar verkünden. Lord und Lady von Arden.
Cathryn lachte glücklich vor sich hin. Sie lag noch im Bett, obwohl der Morgen die ersten Sonnenstrahlen schon lange in ihr Zimmer geschickt hatte.
Das Fenster war weit geöffnet und von draußen drangen die Geräusche eines ganz normalen Tages zu ihr herein. Sie hörte den Gärtner, der mit einer Harke den Kies glättete. Sie hörte das Lachen der Wäscherinnen, die auf der Wiese die ausgelegte Wäsche bleichen ließen. Sie hörte das Klappern von Töpfen und Pfannen aus der Schlossküche und einen rumpelnd in den Hof fahrenden Wagen.
Zwei Knechte stritten sich lauthals, bis Margarete kam und sie mit strengen Worten zur Ordnung rief. Auf dem Schlosshof hörte sie, dass ihre Brüder sich wieder einmal im Fechten übten. Die helle Stimme Jonathans, der mit seinen zehn Jahren gerade mal den Degen halten konnte, drang bis in ihr Zimmer.
»Hey«, rief er mit trotzigem Unterton. »Du hast geschummelt. Du hast getan, als würdest du von links kommen und jetzt kommst du von rechts.«
Sie hörte ihren älteren Bruder David lachen: »In einem echten Kampf sind nicht alle Gegner fair. Du musst damit rechnen, getäuscht zu werden. Und genau das will ich dir gerade beibringen.«
Cathryn hatte all das schon hundert Mal gehört und doch war es heute anders. Die Sonne schien heller, der Wind wehte sanfter, die Gerüche drangen schmeichelnder in ihre Nase. Alles hatte sich verändert. Sie sah die Welt mit anderen Augen, hörte mit neuen Ohren, schmeckte mit doppelter Zunge.
Sie war kein Mädchen mehr. Sie war eine Frau. Stolz erfüllte sie. Großer Stolz und ein Glück, dass sie kaum fassen konnte. Sie liebte und sie wurde geliebt!
»Cassian, ach, Cassian«, flüsterte sie vor sich hin. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und zu ihm gerannt. Auf die Felder hinaus, auf denen er als Schnitter arbeitete. Auf Felder, die einst ihm gehört hatten und nun zum Besitz Sir Baldwin Humberts zählten.
Es war ein Unglück. Ein großes Unglück für sie beide, doch daran wollte sie nicht denken. Sie war zu glücklich. Die Liebe, dachte sie, reicht aus. Sie brauchte so wenig. Ein bisschen Brot, ein wenig Wasser, einen geschützten Platz zum Schlafen. Sie würde alles ertragen können, Hauptsache, sie war mit Cassian zusammen. Er war die Essenz ihres Lebens. Alles andere nur Beiwerk. War sie bei ihm, brauchte sie nichts sonst. Erst, wenn er weg war, erwachten ihre normalen Bedürfnisse, spürte sie Hunger und Durst, Kälte und Müdigkeit.
Doch heute war sie einfach nur glücklich. So glücklich wie noch nie zuvor. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie ihn vor sich sehen. Ihre Finger fühlten noch seine Haut, ihr Mund schmeckte seinen Atem, in ihrer Nase lag sein Geruch.
Oh, sie war so glücklich. Cathryn wälzte sich im Bett herum, wusste nicht, was sie tun sollte, um dieses Glück aushalten zu können.
Es klopfte an der Tür. Sehr energisch wurde die Klinke gedrückt und Margarete stand im Zimmer. In der Hand trug sie ein Tablett mit Mandelmilch und weißem Brot.
»Raus aus den Federn, Lady Cathryn«, bestimmte sie und stellte das Tablett auf einer kleinen Anrichte ab.
»Ihr stehlt dem Herrgott ja den Tag!«
Cathryn lachte. »Ach, Margarete, sei nicht so brummig. Setze dich lieber zu mir ans Bett und rede mit mir. Erzähl mir den neuesten Klatsch.«
»Ich habe Besseres zu tun. Und auch Ihr solltest Euch sputen. Die Lordschaft wird bald zurück sein und ich glaube nicht, dass Lady Elizabeth Eure Nachlässigkeit duldet.«
Cathryn seufzte. Dann sprang sie aus dem Bett, umarmte Margarete und machte sich mit einem Bärenhunger über ihr Frühstück her.
Sie war gerade aus dem Bad gestiegen und bürstete ihr Haar, als sie die Kutsche ihrer Eltern in den Schlosshof fahren und vor dem Portal halten hörte.
Sie warf die Bürste in eine silberne Schale und rannte, die Röcke mit beiden Händen gerafft, die Treppe hinunter.
»Mama!«, rief sie und stürzte Lady Elizabeth direkt in die Arme.
Die Mutter lächelte. »Wann wirst du endlich erwachsen, Cathryn?«, fragte sie mit leisem Tadel, doch in ihren Blicken las Cathryn Stolz und Milde.
Sie sah ihrer Mutter in die Augen. »Ich bin erwachsen. Du wirst es nicht glauben. Seit gestern Nacht bin ich erwachsen.«
Noch bevor ihre Mutter nachfragen konnte, mischte sich Lord Arthur Jourdan, ein stattlicher Mann um die Fünfzig, in das Gespräch.
»Wir haben etwas mit dir zu besprechen. In einer Viertelstunde erwarten wir dich in unseren Gemächern.«
Streng klangen seine Worte, streng war sein Blick, doch Cathryn wusste nur zu gut, dass sich hinter dieser Strenge ein großes Herz verbarg.
Lady Elizabeth saß kerzengerade in ihrem Lehnstuhl. Sie hatte ein Glas mit Minzwasser vor sich stehen, an dem sie hin und wieder nippte.
Auch Lord Arthur saß nicht so entspannt wie sonst seiner Frau gegenüber. Sein Gesicht war ernst.
»Setze dich«, sagte er, als Cathryn das Gemach betrat.
»Was ist los?«, fragte das Mädchen und betrachtete die ernsten Mienen ihrer Eltern. »Habe ich etwas verbrochen?«
Wie auf Befehl schüttelten beide die Köpfe.
»Du wirst bald 18 Jahre alt, Cathryn. Bist eine erwachsene Frau, kein Kind mehr.«
Cathryn nickte. »Ich weiß, Vater, weiß es besser als du denkst.«
Lord Arthur ließ sich durch ihren Einwurf nicht beirren. Er sah sie an, dann seufzte er und fuhr fort. »Es wird Zeit, dass du heiratest.«
»Ja?«
Wieder seufzte Lord Arthur, wechselte mit seiner Frau einen Blick und legte seine Hand auf Elizabeths Arm.
»Sir Baldwin Humbert hat gestern um deine Hand angehalten. Wir haben beschlossen, seinen Antrag anzunehmen. Cathryn, in einem Monat wirst du seine Frau werden!«
»Niemals!«
Cathryn war so brüsk aufgestanden, dass der Stuhl hinter ihr umkippte und polternd zu Boden fiel.
»Niemals werde ich Sir Baldwin heiraten. Eher schließe ich einen Pakt mit dem Teufel.«
Elizabeth tätschelte ihrer Tochter den Arm. »Beruhige dich, Kind. Es gibt Schlimmeres auf der Welt als eine Ehe mit Baldwin Humbert.«
Doch Cathryn wollte sich nicht beruhigen. Wütend stampfte sie mit dem Fuß auf den Boden wie ein kleines Kind. »Ich werde mich nicht beruhigen und ich werde Baldwin Humbert nicht heiraten!«, rief sie.
»Schluss jetzt!«
Die Stimme Lord Arthurs ertönte wie ein Donnerhall. Cathryn zuckte zusammen.
»Du tust, was wir dir sagen. Die Ländereien Humberts grenzen nun an unseren Besitz.«
»Die Arden-Ländereien wolltest du sagen«, warf Cathryn ein. »Die Felder und Wälder, die Humbert den Ardens geraubt hat.«
Lord Arthur zuckte mit den Achseln. »Nicht alles auf der Welt ist gerecht. Das Land hat schwere Zeiten hinter sich. Jetzt jedenfalls ist Sir Humbert unser Nachbar. Heiratest du ihn, so sind alle Grenzstreitigkeiten beendet. Eure Nachkommen werden die größten Grundbesitzer in der ganzen Nottinghamer Gegend sein.«
»Du willst mich mit diesem Scheusal verheiraten, nur damit er uns nicht weiter die Tiere von der Weide stiehlt? Du willst deine einzige Tochter gegen ein paar Schafe und Kühe eintauschen?«
»Rede nicht so!«, bat Elizabeth. »Du weißt genau, dass wir dich lieben und dein Glück im Auge haben. Sir Baldwin ist reich. Es wird dir an nichts mangeln. Und er ist mächtig, hat sogar einen Sitz im Parlament von Nottingham. Wir können es uns nicht leisten, noch länger in Feindschaft mit ihm zu leben.«
»Ihr wollt mich mit einem Halunken verheiraten!«
Cathryn bückte sich nach dem umgestoßenen Stuhl, ließ sich auf ihn fallen und schüttelte den Kopf. »Ich kann es nicht glauben. Meine Eltern, die behaupten, mich zu lieben, wollen mich mit dem größten Halunken der ganzen Gegend vermählen.«
»Du bist eine Lady, Cathryn, keine Krämerstochter. Es geht nicht um Gefühle und Zuneigungen. In unserem Stand wird Besitz mit Besitz verheiratet. Sir Baldwin ist Puritaner. Und die Puritaner haben nun einmal unter Cromwell das Sagen.«
»Puritaner, pah! Baldwin ist ein Heuchler, nicht mehr und nicht weniger. Seine Reden sind zwar mit Bibelsprüchen durchsetzt, doch glaubt er sie selbst nicht. Seine Seele wird erbaut und geängstigt von den Gedanken an Gott, sagt er. Ich aber bestreite, dass er überhaupt eine Seele hat. Tag für Tag läuft er in schwarzer Kleidung umher. Nicht das kleinste Schmuckstück ziert ihn. Er hasst Tanz, hat sogar den Maibaum verboten. Auf seinen Manors gibt es nicht einmal an hohen Festtagen Hahnenkämpfe oder Stierhetzen. Gaukler und fahrende Schauspieler lässt er mit Knüppeln von seinem Hof jagen. Niemals geht er in ein Theater, hält sich von allen Festen fern. Er verachtet die Frauen und hält Schönheit für ein Teufelswerk. Nicht einmal weltliche Musik duldet er in seinem Haus. Kirchenlieder müssen die Mägde singen. Tun sie es nicht, so nennt er sie »Hurenstücke« und treibt sie mit Schlägen aus dem Haus.«
»Sir Baldwin Humbert ist ein einflussreicher, gottesfürchtiger Mann. Mag sein, dass er in einigen Dingen ein wenig streng ist, doch hat Strenge noch niemals jemandem geschadet.«
Lord Arthur griff nach einer kleinen Karaffe und goss sich ein Glas Portwein ein. In einem einzigen Zug trank er das Glas aus.
»Die meisten Männer verändern sich, wenn sie sich in eine Frau verlieben. Sie werden sanfter, nachsichtiger und geduldiger. Du bist jung, du bist schön und du hast die Macht, aus Sir Baldwin Humbert einen angenehmen Zeitgenossen zu machen. Nutzte diese Chance, denn er ist sehr verliebt in dich«, erklärte Lady Elizabeth und ließ sich ebenfalls ein Gläschen Portwein einschenken.
»Sir Baldwins Gefühle sind mir vollkommen gleichgültig!«, schrie Cathryn und sprang erneut vom Stuhl hoch. »Und ich kann einfach nicht glauben, dass ihr eure einzige Tochter verschachert wie eine Sklavin auf dem Markt von Genua.«
Sie straffte die Schultern, reckte das Kinn und warf ihre langen Locken über die Schultern. Ihr Blick war über die Maßen hochmütig und trotzig.
»Macht, was Ihr wollt! Aber ich werde niemals Sir Baldwins Weib. Hört ihr? Niemals!«
»Doch, das wirst du. Und wenn ich dich an den Haaren vor den Altar schleifen muss!«, ereiferte sich Arthur Jourdan. »Ich bin dein Vater und es ist deine Pflicht, mir zu gehorchen. Und ich rate dir gut, deine Worte genau zu bedenken.«
»Niemals! Niemals werde ich Sir Baldwins Frau. Eher sterbe ich!«
Cathryn drehte sich um und hastete zur Tür. Dort angekommen, drehte sie sich noch einmal um und sagte mit großem Stolz: »Im Übrigen könnt Ihr mich auch gar nicht an Sir Baldwin verheiraten! Ich bin einem anderen versprochen. Einem, der mich in der letzten Nacht zur Frau gemacht hat!«
»WAS?«
Jetzt war es Lord Arthur, der so abrupt aufgesprungen war, dass der Stuhl hinter ihm umfiel.
»WAS HAST DU DA GESAGT?«
»ICH BIN KEINE JUNGFRAU MEHR!«
Die Worte hallten durch den Raum wie Gewitterdonner.
Lady Elizabeth schrie leise auf und schlug sich die Hand vor den Mund. Ihre Augen waren weit aufgerissen und sahen voller Entsetzen auf Cathryn.
»DU BIST EINE HURE! DU HAST UNS ENTEHRT! ! ! ! !«, brüllte Lord Arthur, hob die Hand zum Schlag, holte aus und versetzte Cathryn eine so starke Ohrfeige, dass sich ihre Wange auf der Stelle knallrot verfärbte.
»Arthur!« Lady Elizabeths Ausruf folgte dem Schlag wie ein Echo.
Cathryn stand wie erstarrt. Ihre Augen sahen voller Überraschung und Wut auf ihren Vater. Dann wandte sie sich abrupt um und stürmte aus dem Zimmer.
Hilflos sah Lord Arthur seiner Tochter hinterher.
»Hast du gehört, was sie gesagt hat?«, fragte er seine Frau.
»HAST DU DAS GEHÖRT?«
»Hör auf zu schreien, Arthur. Die Dienerschaft muss nicht alles hören.«
»Ist das alles, was du dazu zu sagen hast?«
Lady Elizabeth zuckte mit den Achseln. Ein zaghaftes Lächeln stahl sich in ihr Gesicht. »Sie ist deine Tochter, Arthur. Was hast du erwartet? Dass sie sich fügt?«
»Einsicht in die Notwendigkeit habe ich erwartet. Sie muss doch sehen, welche Vorteile die Verbindung mit Sir Baldwin bringt.«
»Sie ist noch jung. Die Liebe, Arthur, geht ihr über alles. Sie hat noch Ideale. Denk daran, wie wir waren. Außerdem würde sie wohl weniger trotzig reagieren, wenn sie die ganze Wahrheit wüsste.«
»Trotzdem! Sie muss gehorchen. Und sie wird Baldwin Humbert heiraten. Da kann sie machen, was sie will. Fügt sie sich nicht, so stecke ich sie in ein Kloster. Es ist mir lieber, David oder Jonathan erben das Land, als ihr für irgendeinen Dahergelaufenen eine Mitgift auszustellen.«
Der Gedanke an seine beiden Söhne entspannten seine Gesichtszüge.
»David als der Älteste ist der Haupterbe. Und Jonathan hat Anspruch auf einen Pflichtteil. So, wie es sich gehört. Wenn Cathryn also nicht will, bitte schön, dann nimmt sie eben den Schleier. So einfach ist das. Sie ist ein Weib und es wäre besser, wenn sie sich beizeiten an den Gehorsam gewöhnt.«
Elizabeth schüttelte den Kopf. »Arthur, sie hat gesagt, dass sie keine Jungfrau mehr ist. Hast du das vergessen? Wenn es stimmt – und ich bin mir dessen sicher –, so wird Sir Baldwin sie ohnehin nicht mehr haben wollen.«
»Papperlapapp. Sie hat gelogen. Natürlich ist sie noch jungfräulich. Sie ist zwar ungestüm, aber nicht dumm. Sie kennt den Wert ihrer Tugend.«
»Da hast du wohl Recht. Sie ist wirklich nicht dumm. Und aus genau diesem Grund glaube ich ihr, dass sie bereits eine Frau ist. Sie liebt den jungen Lord von Arden. Und sie weiß genau, dass es keine Möglichkeit gibt, mit ihm verheiratet zu werden. Deshalb hat sie sich von ihm entehren lassen. Sie will dich damit zwingen, ihr diese Ehe doch zu gestatten.«
»Eine Ehe mit einem Schnitter, ha!« Sir Arthurs Gesicht färbte sich rot.
Elizabeth war aufgestanden und zu ihrem Mann getreten. Sie legte eine Hand auf seine Schulter und sagte: »Cassian von Arden ist ein rechtschaffener Mann. Sein Unglück besteht darin, dass er arm ist.«
»Sein Unglück besteht darin, dass er ein Katholik ist und sein Vater ein Royalist war! Weder Cassian noch zuvor sein Vater haben die Zeichen der Zeit erkannt. Stur haben sie an alten Werten festgehalten, die längst ihre Geltung verloren hatten. Soll ich meine einzige Tochter etwa einem Habenichts geben? Nein, Elizabeth. Ich bleibe bei meiner Entscheidung. Entweder heiratet Cathryn Sir Baldwin oder sie geht in ein Kloster.«
»Du vergisst schon wieder, Arthur, dass sie keine Jungfrau mehr ist«, gab Elizabeth erneut zu bedenken.
»Es gibt Kräuterkundige. Halbe Hexen, die im Wald hausen. Irgendeine von ihnen wird schon ein Mittel kennen, die Jungfräulichkeit vorzutäuschen.«
»Vorausgesetzt, Cathryn ist nicht schwanger.«
»Sie darf Cassian von Arden nicht mehr sehen.« Arthur ballte die Fäuste. »Er soll sich nur nicht wagen, mir unter die Augen zu treten! Er hat meine Tochter entehrt und geschändet, um sie sich auf diese hinterhältige Art und Weise ins Haus zu holen. An meinem Besitz will er sich schadlos halten. Wir, die Lords von Jourdan sollen für den Raub seiner Ländereien mit den unsrigen bezahlen. ABER DAS DULDE ICH NICHT!«
»Reg dich nicht auf, Arthur. Bitte, so beruhige dich doch! Außerdem tust du den Ardens Unrecht. Jahrhunderte lang haben die Jourdans mit ihnen in guter Nachbarschaft und Freundschaft gelebt.«
Elizabeth schenkte ein neues Glas Portwein ein und reichte es ihrem Mann. Er trank mit nur einem einzigen Zug, wischte sich mit dem Ärmel seines reich bestickten Wamses den Mund ab.
»Ich werde noch einmal mit ihr reden«, versprach Elizabeth. »Vielleicht gelingt es mir, sie zur Vernunft zu bringen.«
»Jetzt sei doch vernünftig, Kind!«
Elizabeth wusste nicht, wie oft sie diese Worte schon zu Cathryn gesagt hatte.
»Oh, ich bin vernünftig. Sehr vernünftig sogar. So vernünftig, dass ich mich weigere, den größten Mistkerl ganz Englands zu heiraten.«
Elizabeth räusperte sich. Sie saß Cathryn gegenüber, beugte sich jetzt nach vorn und nahm die Hand ihrer Tochter. »Cathryn, jetzt höre mir mal gut zu. Der Clan der Jourdans ist nicht besonders groß. Um unseren Besitz zu erhalten und zu vergrößern, müssen wir Allianzen eingehen. Schon unsere Mütter und Großmütter haben nicht den heiraten können, den sie liebten, sondern den, der für den Besitz und für den Titel am besten geeignet war. Und auch du wirst dich diesen Anforderungen stellen. Sir Baldwin ist, nun ja, vielleicht nicht unbedingt ein Gentleman wie er im Buche steht, doch er hat durchaus seine Vorzüge.«
»Ich kann nichts an ihm erkennen, das zu seinem Vorteil gereicht«, erwiderte Cathryn ungerührt.
Elizabeth seufzte. Sie sah aus dem Fenster und ihr Blick verlor sich in der Ferne. Ihr Gesicht verdüsterte sich, wurde sorgenvoll. Sie wirkte plötzlich alt.
»Mutter?«, fragte Cathryn besorgt, trat zu ihr und verspürte plötzlich den Anflug eines schlechten Gewissens. Nein, sie wollte ihren Eltern keinen Kummer machen, doch was diese von ihr verlangten, war einfach zu viel.
»Na gut, dann soll es wohl so sein«, erwiderte Elizabeth und sah in Cathryns fragende Augen.
»Wir sind nicht viel reicher als der Lord von Arden«, sagte sie. »Wir wollten es vor dir, David und Jonathan geheim halten, wollten euch nicht mit unseren Sorgen belasten.«
»Was sagst du da?«, fragte Cathryn entsetzt,
Elizabeth zuckte mit den Schultern. »Edelmut wird nicht immer belohnt, mein Kind.«
»Erzähle, Mutter, was ist geschehen?«
»Nun, während des Bürgerkrieges hat dein Vater einigen verfolgten Royalisten Unterschlupf in unserem kleinen Jagdhaus gewährt. Sir Baldwin hat es herausgefunden. Seither erpresst er deinen Vater. Nur Gott allein weiß, wie viel Vieh, wie viel Weideland wir ihm schon abtreten mussten. Gestern nun, auf dem Fest bei den Lawrence, hielt er um deine Hand an. Wirst du seine Frau, so versprach er, lässt er uns in Ruhe. Tust du es nicht, so wird er deinen Vater beim Parlament in Nottingham anzeigen und wir werden über die Hälfte unseres Besitzes verlieren. Schon jetzt hat Sir Baldwin uns alles genommen, was er kriegen konnte. Und dein Vater hat ihm gegeben, was er verlangt hat. Er tat es, um den Namen Jourdan nicht zu beschmutzen. Er tat es, um David das Schicksal Cassian von Ardens zu ersparen. An Jonathan will ich jetzt gar nicht denken. Wenn du nicht seine Frau wirst, weiß Gott, was dann geschieht. Heirate ihn, Cathryn. Ich beschwöre dich, heirate Sir Baldwin Humbert. Du allein hast das Schicksal der Jourdans in den Händen.«
Cathryn war ganz blass geworden. Ihre Hände knüllten den Stoff ihres Kleides. Ihr Blick war in die Ferne gerichtet. Eine Weile herrschte Schweigen zwischen den beiden Frauen. Schließlich sagte Cathryn mit leiser Stimme: »So gern ich uns allen helfen möchte, Mutter, ich kann es nicht. Ich kann und werde Sir Baldwin Humbert niemals heiraten. Nein. Es geht nicht. Wie soll ich nur einen einzigen Tag neben dem Mann leben, der sowohl meinen Liebsten als auch meine Familie in den Ruin getrieben hat? Irgendwer muss ihm Einhalt gebieten. Irgendwer muss seinem Treiben ein Ende machen.«
Sie schluckte. Tränen, die sich nicht zurückhalten ließen, strömten über ihre Wangen.
»Ich weiß, was ich euch schuldig bin, Mutter. Und gerade aus diesem Grunde werde ich ihn nicht heiraten. Der Stolz, der mit unserem Namen verbunden ist, darf nicht noch mehr gebrochen werden. Lieber bitterarm und würdevoll als reich, aber entehrt.«
»Aus dir spricht die Lady, Cathryn«, antwortete Elizabeth und lächelte. »Du bist als Lady erzogen worden, weißt um Stolz, Würde und Ehre. Aber Eltern wollen und können das Glück ihrer Kinder nicht aufs Spiel setzen. Sie sind verantwortlich für sie, müssen ihnen den Weg ebnen. Verzeih deinem Vater und mir, dass wir dich mit Humbert verheiraten müssen.«
Wieder schwiegen die beiden Frauen eine Weile. Diesmal im stillen Einverständnis.
Dann fragte Elizabeth: »Du liebst Cassian von Arden, nicht wahr?«
Cathryn lächelte, dann erwiderte sie: »Nein, Mutter. Es ist mehr als Liebe. Ich gehöre ihm. Alles, was ich besitze, habe ich ihm geschenkt: meinen Körper, mein Herz und meine Seele. Er ist ein Teil von mir, gehört zu mir wie meine Arme oder Beine. Ohne ihn kann und will ich nicht leben. Ich brauche ihn wie die Luft zum Atmen. Ohne ihn bin ich weniger als halb. Doch wenn wir zusammen sind, so sind wir mehr als nur zwei Personen.«
»Ich verstehe dich, Cathryn. Ich verstehe dich sehr gut. Aber wie willst du mit ihm leben? Er hat nichts außer dem, was er auf dem Leibe trägt.«
Cathryn winkte ab. »Das ist mir egal, Mutter. Ich brauche nichts. Nur ihn, Cassian.«
Elizabeth stand auf und ging zum Fenster. Sie sah hinaus in den Garten, betrachtete die blühende Flur, sah einem Vogel nach, der sich mit weit ausgebreiteten Flügeln zum Himmel emporschwang und dessen Schatten wie ein Kreuz auf den Boden fiel.
Ist das ein Zeichen?, fragte sie sich insgeheim. Ist dieses Schattenkreuz ein Zeichen?
Langsam wandte sie sich um und trat in die Zimmermitte zurück. Sie legte Cathryn eine Hand auf die Schulter.
»Er hat dich schon zu seiner Frau gemacht, nicht wahr? Du hast nicht gelogen, als du sagtest, du wärest keine Jungfrau mehr.«
Cathryn nickte. »Ich wusste, dass ihr mir Cassian niemals zum Manne geben würdet. Ihm meine Tugend zu opfern schien mir das Einzige Mittel, um euch von unserer Liebe zu überzeugen.«
Elizabeth seufzte. »Ich verstehe dich, mein Kind. Verstehe dich besser als du vielleicht glaubst. Auch ich empfinde eine so große Liebe für deinen Vater und auch meine Eltern hatten einen anderen Mann für mich vorgesehen.«
Sie lachte leise. »Nun, wir haben sie letztendlich überzeugen können, doch der Gedanke, mich von ihm entehren zu lassen und meinen Eltern damit die Zustimmung zu einer Hochzeit abzutrotzen, nun, der ist mir auch gekommen.«
Cathryn blickte auf, lächelte ihre Mutter an. Dann erhob sie sich und umarmte Elizabeth. »Ich liebe dich, Mutter.«
»Ich liebe dich ebenfalls, mein Kind. Deinen Vater, David, Jonathan und dich. Mehr, als ich es ausdrücken kann.«
Cathryn sank zu ihren Füßen auf den Boden, barg den Kopf in ihrem Schoß und genoss die mütterliche Wärme, genoss die Hand, die über ihr Haar strich.
»Was sollen wir jetzt tun?«, fragte sie nach einer Weile.
Elizabeth fasste Cathryn unter das Kinn und hob ihren Kopf, sodass sie ihrer Tochter in die Augen sehen konnte.
»Ich weiß es wirklich nicht, Cathryn. Vielleicht solltest du tatsächlich erst einmal in ein Kloster gehen. Nur für eine Zeit. Ein Jahr vielleicht. Du weißt, Wunder kommen nicht auf Befehl. Aber ein Jahr ist lang. Viel könnte geschehen. Wir sagen Sir Baldwin, dass du deine Erziehung vervollkommnen musst. Deshalb das Kloster. Für ihn im Grunde, damit sicher ist, dass er eine optimale Ehefrau erhält. So gewinnen wir Zeit.«
»Und Cassian? Ich kann ihn nicht allein lassen. Er braucht mich. Ich bin alles, was er noch hat.«
»Es ist besser, wenn er dich vergisst. Und du ihn. Du kannst nicht seine Ehefrau werden, auch, wenn er dich die körperlichen Freuden gelehrt hat. Vergiss ihn, Cathryn. Du bist nicht geschaffen, das Leben einer Schnittersfrau zu führen.«
Cathryn schüttelte den Kopf. »Ich kann ihn nicht vergessen, selbst, wenn ich es wollte. Ich liebe ihn. Mehr als mein Leben. Und ich würde alles auf mich nehmen, nur um bei ihm sein zu können.«
Elizabeth nickte. »Ich weiß, mein Kind, dass du ihn liebst. Nutze das Jahr im Kloster, um zu prüfen, ob diese Liebe der Zeit standhält. Es kann viel geschehen in einem Jahr. Ich sagte es schon.«
Sie betrachtete ihre Tochter und überlegte dabei. Sie musste schnell handeln, das wusste sie. Jede Stunde, die Cathryn noch länger hierblieb, könnte neues Unheil bringen. Es würde getan werden, was getan werden musste. Wichtig war jetzt nur, dass es schnell geschah. Elizabeth kannte ihre Tochter. Wenn sie Cassian auch nur noch ein einziges Mal sah, dann war alle Mühe vergebens. Und die Rache Sir Baldwins nicht zu vermeiden.
»Margarete wird kommen, um dir beim Packen zu helfen«, erklärte Elizabeth. »Die Kutsche wird in zwei Stunden bereit sein, um dich in das Kloster der Heiligen Katharina zu bringen.«
»Was? So schnell? Ich kann nicht, Mutter. Ich muss mich von Cassian verabschieden. Er muss immer wissen, wo ich bin. Ich habe es ihm versprochen.«
Elizabeth schüttelte den Kopf. »Du kannst ihm eine Nachricht schicken. Für einen persönlichen Abschied bleibt keine Zeit. Im Übrigen denke ich auch nicht, dass dein Vater dir dies gestatten würde. Immerhin ist Cassian von Arden der Mann, der seiner einzigen Tochter vor der Zeit die Tugend geraubt hat.«
In diesem Augenblick klopfte es an der Tür und Lord Arthur betrat das Gemach.
»Nun?«, fragte er. »Hast du es dir überlegt? Wirst du Sir Baldwin freiwillig heiraten? Oder muss ich dich an den Haaren vor den Altar schleifen?«
Cathryn schüttelte den Kopf.
»Beruhige dich, Arthur«, sprach Elizabeth. »Wir haben eine andere Lösung gefunden. Cathryn wird für ein Jahr ins Kloster gehen, um ihrer Erziehung Willen. Noch heute wird sie aufbrechen. Sir Baldwin, da bin ich sicher, hat an dieser Entscheidung nichts auszusetzen. Er braucht eine Frau, mit der er sich schmücken kann, eine Frau mit untadeligen Manieren und bester Erziehung.«
Lord Arthur nickte. »Deine Mutter ist eine überaus kluge Frau«, sagte er, zu Cathryn gewandt. »Ich kann dir nur raten, dir an ihrer Klugheit ein Beispiel zu nehmen. Wenn du nach einem Jahr bereit bist, Sir Baldwin Humbert zu heiraten, kannst du zurückkommen und das Leben einer ehrbaren Lady führen. Hat aber das Klosterleben dich nicht zur Vernunft bringen können, nun, so wirst du den Schleier nehmen und die ewigen Gelübde ablegen. Auf immer! Dies ist mein letztes Wort!«
Auf dem Marktplatz von Nottingham herrschte reges Treiben.
Händler hatten ihre Stände aufgebaut und priesen lauthals ihre Waren an.
»Frische Fische! Leute, kauft frische Fische!«
»Hier gibt es die größten Eier von ganz Nottingham!«
»Junger Mann, ein Haarband für das Fräulein Braut? Ich mache Euch einen guten Preis!«
»Schweinehälften für nur vier Pfund, das Ringelschwänzchen gibt es gratis dazu!«
Mägde feilschten lauthals mit den Krämerinnen, junge Handwerksburschen drängten sich um den Stand eines Waffenschmiedes, der Messer feilbot, Scherenschleifer und Kesselflicker schrien, was das Zeug hielt, Gaukler, Feuerschlucker, Wahrsager, Bader, Zahnzieher und Tänzerinnen sorgten am Rande des Marktplatzes für Unterhaltung.
Der Himmel strahlte im reinsten Blau, die warme Luft verführte die jungen Mädchen leichtere Kleider zu tragen und sich mit bunteren Bändern zu schmücken, der Geruch der zahlreichen Bratküchen ließ jedem das Wasser im Munde zusammenlaufen.
»Jetzt komm schon. Zier dich nicht. Lass uns ein wenig Spaß haben.«
David von Jourdan, Cathryns Bruder, zog Cassian von Arden, der neben ihm stand, ungeduldig am Ärmel. Cassian sah unglücklich aus. Seine Miene passte so gar nicht zu dem fröhlichen Treiben rings um ihn herum.
»Ich habe eigentlich keine Zeit für Kurzweil«, sagte er unentschlossen. »Ich sollte besser auf den Feldern sein und arbeiten. Sir Baldwin ist ein gestrenger Herr, der seinen Bediensteten nicht eine freie Minute lässt.«
»Morgen ist ein Feiertag, Cassian. Morgen ist der Tag des Herrn, Christi Himmelfahrt. Niemand arbeitet heute nach der Mittagsstunde noch. Nicht einmal Baldwins Leute. Eine Sünde wäre es, nähmst du heute noch einmal die Sense zur Hand. Komm, lass uns feiern.«
Er zog noch immer an seinem Ärmel und Cassian ließ sich schließlich von ihm vor eine Herberge führen, auf deren Stufen schon andere junge Männer saßen, die die Schönheit der vorüberkommenden Frauen priesen.
»Oh, Ihr Schönste der Schönen. Leiht mir Euer Ohr, damit ich es mit Galanterien fülle«, schmachtete David eine hübsche, dralle Magd an, die mit einem gefüllten Henkelkorb an ihm vorbeilief.
»Passt auf, dass ich Euch nicht die Ohren mit faulen Eiern fülle«, gab das Mädchen keck zurück. Die jungen Männer lachten und schlugen sich auf die Schenkel.
Schon kam das nächste Mädchen vorüber und musste sich die unernsten Schmeicheleien der Männer gefallen lassen. Doch die weibliche Bevölkerung Nottinghams war nicht auf den Mund gefallen. Der Platz bebte schier vor Gelächter und guter Laune.
»Komm, Cassian«, schrie David aufgeregt, fuchtelte mit den Händen herum und mopste einer Blumenfrau ein einzelnes Veilchen aus einem Sträußchen. »Du bist an der Reihe. Jetzt musst du ein Lied auf die Schönheit der Weiber singen. Wir wollen ihnen huldigen. Los, mach schon!«
Cassian lehnte an der Mauer. Ein zaghaftes Lächeln umspielte seine Mundwinkel, doch mit der Hand winkte er ab. »Ich bin kein guter Possenreißer«, zierte er sich. »Ich verstehe mich nicht auf Schmeicheleien.«
Er dachte an Cathryn, sah in jeder Frau, die vorüberging, immer nur sie. Sie hatte sich ihm in der letzten Nacht geschenkt. Jetzt war sie sein. Für immer. Stolz erfüllte ihn, großer Stolz, denn er wusste genau, was es für ein Mädchen ihres Standes bedeutete, sich einem Mann bereits vor der Hochzeitsnacht zu schenken. Sie liebt mich über alle Maßen, dachte er glücklich. Und ich, ich liebe sie mehr als mein Leben. Cassian und Cathryn. Cathryn und Cassian.
»Ein Lied, nur ein Lied. Oder vermag dich die Schönheit der Weiber nicht zu reizen?«, drängelte David.
»Es gibt nur eine, deren Schönheit das vermag«, antwortete Cassian, doch David ließ nicht locker. »Vergiss Cathryn, vergiss sie für einen einzigen Tag nur. Schau dich um und freue dich an den roten Wangen der Mägde, den prallen Miedern der Ammen und den kräftigen Armen der Wäscherinnen. Sie sind schön, die Frauen. Sieh nur, Cassian. Das Leben ist schön!«
