Verlag: Sternensand Verlag Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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E-Book-Beschreibung Die Greifen-Saga - C. M. Spoerri

Drei Jahre sind vergangen, seit Mica und ihr Bruder voneinander getrennt worden sind. Drei Jahre können viel verändern - oder aufzeigen, was im Leben gleich bleibt. Mica wird zur Greifenreiterin ausgebildet und versucht, nach vorne zu blicken. Doch dann kommt der Tag, an dem sich hoher Besuch im Zirkel von Chakas ankündigt und den Greifenorden um Hilfe bittet. Die Hauptstadt Merita ist in Gefahr und für Mica beginnt eine Reise, die sie unweigerlich wieder in ihre Vergangenheit führt.

Meinungen über das E-Book Die Greifen-Saga - C. M. Spoerri

E-Book-Leseprobe Die Greifen-Saga - C. M. Spoerri

Inhaltsverzeichnis

Titel

Impressum

Zitat

Landkarte Altra

Karte Region Chakas

Karte Stadt Chakas

Prolog

Kapitel 1 – Mica

Kapitel 2 – Néthan

Kapitel 3 – Faím

Kapitel 4 – Cassiel

Kapitel 5 – Faím

Kapitel 6 – Cassiel

Kapitel 7 – Mica

Kapitel 8 – Mica

Kapitel 9 – Aren

Kapitel 10 – Néthan

Kapitel 11 – Néthan

Kapitel 12 – Cassiel

Kapitel 13 – Faím

Kapitel 14 – Cassiel

Kapitel 15 – Faím

Kapitel 16 – Mica

Kapitel 17 – Mica

Kapitel 18 – Néthan

Kapitel 19 – Mica

Kapitel 20 – Néthan

Kapitel 21 – Faím

Kapitel 22 – Faím

Kapitel 23 – Faím

Kapitel 24 – Néthan

Kapitel 25 – Mica

Kapitel 26 – Mica

Kapitel 27 – Faím

Kapitel 28 – Faím

Kapitel 29 – Mica

Kapitel 30 – Mica

Kapitel 31 – Mica

Kapitel 32 – Mica

Kapitel 33 – Mica

Kapitel 34 – Mica

Kapitel 35 – Faím

Kapitel 36 – Mica

Kapitel 37 – Mica

Kapitel 38 – Cassiel

Kapitel 39 – Mica

Kapitel 40 – Mica

Kapitel 41 – Mica

Kapitel 42 - Mica

Kapitel 43 - Néthan

Epilog - Cilian

Fan-Art

Nessi (Nessi’s Bücher)

Caro Lebkuchen Meow

Babsi (Engel’s Lesehimmel)

Wüstenträume

Bianca Ritter (Bibis Bücherparadies)

Heiko Hille

Doris Schober (Thora’s Bücherecke)

Magdalena Pauzenberger

Beatrice Barby

Glossar

Dank

Über die Autorin

 

C. M. SPOERRI

 

 

Die Greifen-Saga

 

Band 3

Die Stadt des Meeres

 

 

http://cmspoerri.ch

info@cmspoerri.ch

 

1. Auflage, März 2016

© Sternensand-Verlag GmbH, Zürich 2016

Umschlaggestaltung: Tara | fantasiafrogdesigns.wordpress.com

Landkarten: C. M. Spoerri 2016

Lektorat / Korrektorat: Wolma Krefting | bueropia.de

Satz: Sternensand Verlag GmbH

 

 

Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

 

 

 

 

 

Stell Dich Deiner Zukunft.

Stell Dich Deiner Vergangenheit.

Aber vor allem: Stell Dich Dir selbst.

C.

Altra

Region Chakas

Stadt Chakas

Prolog

Schiffe …

Kanonen …

Männer mit Schwertern …

Tote Menschen …

Ein Meer aus Blut …

 

Sie erwachte schweißgebadet und atmete keuchend die feuchte Luft ein, die Merita auch in der Nacht wie eine schwere Decke umgab. Ihr Körper zitterte allerdings trotz der warmen Temperaturen so sehr, als befände sie sich wieder in den Eiswäldern des Nordens von Altra, zwischen Schneestürmen gefangen, die Finger klamm vor Kälte.

Erst als der Schleier der schrecklichen Bilder sich langsam lüftete, begriff sie, dass das Unheil, das eben noch mit beängstigender Kraft über ihre Stadt hereingebrochen war, nicht real war.

Sie befand sich im Zirkel von Merita. Es war mitten in der Nacht und sie hatte schlecht geträumt.

Nein … es konnte kein Traum gewesen sein. Dafür waren die Bilder viel zu lebendig, viel zu deutlich gewesen. Ihre Angst viel zu beklemmend. Sie hatte es schon gespürt, als sie sich zu Bett begeben hatte … als die Unruhe in ihr nicht abklingen wollte … so hatte sie sich schon einmal gefühlt – in einem vergangenen Leben.

»Cíara, was ist los?«, fragte ihr Gemahl, der neben ihr aufgewacht war und eine Hand auf ihre bebende Schulter legte.

»Eine … Vision. Ich hatte eine Vision«, flüsterte sie. Ihre Stimme zitterte ebenso stark wie ihr Körper und sie hatte Mühe, das Grauen daraus zu verbannen, das ihr Herz rasen ließ, obwohl es im Grunde vor Furcht erstarren wollte. »Merita ist in Gefahr. Bald werden sie kommen und uns angreifen. Sie wollen … er will das Auge des Drachen.«

Ihr Gemahl bildete eine magische Lichtkugel, die das Schlafgemach erhellte. Gerade so weit, dass ihre Tochter, die im Raum nebenan schlief, davon nicht erwachte. Die Tür zu ihrem Zimmer war nur angelehnt – Layla mochte es nicht, wenn sie geschlossen war. Sie war ein sehr anhängliches Kind.

»Bist du dir sicher?«, fragte der Mann leise und ließ das Licht etwas höher schweben, sodass sie ihn besser sehen konnte.

Sie nickte und wischte sich mit der Hand über die Augen, ehe sie eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht strich. »Ja … die Zeichen waren eindeutig. Es war eine Vision, die mir die Götter geschickt haben, um uns zu warnen. Gefahr droht. In weniger als drei Monaten wird sie uns erreichen … viele Menschen werden sterben, wenn wir nichts unternehmen.«

Der Mann fuhr über ihr langes Haar und beugte sich vor, um ihre Wange zu küssen, die vor Schweiß feucht glänzte. »Das werden wir verhindern«, murmelte er. »Schreib ganz genau auf, was du gesehen hast, damit wir es morgen mit den Zirkelräten besprechen können.«

Sie nickte und ließ sich von ihm in eine kurze Umarmung ziehen.

Sie würde alles daran setzen, dass ihrer Stadt – ihrem Volk – nichts geschah. Hier war ihre Heimat, hier lebte ihre Familie … sie würde sie beschützen und zu verhindern wissen, dass diese schrecklichen Bilder Wirklichkeit werden konnten.

Womöglich war es an der Zeit, ihren Cousin in Chakas um Hilfe zu bitten.

Kapitel 1 – Mica

›Jahre sind bedeutungslos, denn der Moment zählt.‹

Es war eine Redewendung der Nomaden von Chakas. Ein Spruch, der Mica gerade in diesem Augenblick jedoch vielmehr wie ein schlechter Scherz vorkam als eine ernstzunehmende Weisheit der Alten. Ihre Mutter hatte danach gelebt, es war ihr Lebensmotto gewesen … jetzt war sie tot. Ebenso wie ihr Vater und ihr Bruder …

Jahre bedeuteten viel, sehr viel sogar. Sie bedeuteten Erinnerungen, Reue, verpasste Chancen, Verluste …

Seufzend lehnte sich Mica gegen das Geländer ihres Balkons und fuhr mit der Hand durch das lange Haar, das in einer schwarzen Lockenpracht bis über ihre Schultern fiel. Sie hatte es schon lange nicht mehr geschnitten. Nicht mehr seit …

Abermals seufzte sie und versuchte, die Gedanken an die grünen Augen mit den goldenen Sprenkeln zu verdrängen. Doch es wollte ihr einmal mehr nicht gelingen. Sie suchten sie heim. In jeder Nacht, in der sie wach lag – verfolgten sie bis in ihre Träume … und wenn sie seinen Vater Aren sah, war die Erinnerung an den Dieb so lebendig, als sei er nie weggegangen.

Sie vermisste ihn. Sehr sogar.

Und er hatte einen wichtigen Teil von ihr mitgenommen, als er damals vor drei Jahren ohne Abschied die Stadt verlassen hatte.

Als er einfach mit seinem Onkel wegfuhr und sie alleine ließ. Er besaß etwas, das sie ihm nie hatte geben wollen und das er dennoch vom ersten Moment an, seit sie ihm damals begegnet war, gestohlen hatte: ihr Herz.

Sie schloss die Augen und hielt ihr Gesicht in die frische Brise, die hier in Chakas immer vom Meer her zum Zirkel wehte und einen angenehmen Salzgeruch in ihre Nase trug.

Es roch nach Heimat. Nach Verlässlichkeit und Geborgenheit. Denn der Wind war im Gegensatz zu den Männern in ihrem Leben stets da, verlässlich und tröstend. Ebenso wie das Rauschen der Wellen und das Kreischen der Möwen, das vom Meer her zu ihr in den Zirkel drang.

Mica mochte diese Morgenstunden, wenn ein neuer Tag anbrach, der den vorangehenden zur Vergangenheit werden ließ.

Oh, sie hatte versucht, im Moment zu leben, wie ihre Mutter. Im Hier und Jetzt. Ja, sie hatte sich angestrengt, die Vergangenheit ruhen zu lassen, über die Verluste hinwegzukommen, nach vorne zu blicken, wie es ihr alle rieten. Sie hatte versucht, das, was sie verloren hatte, als etwas zu sehen, das sie stärker machte. Aus Verlust Kraft zu schöpfen. Sie hatte versucht, glücklich zu sein. Sie wollte es so sehr … und doch war es ihr nicht gelungen. Ihre Vergangenheit saß wie eine Biene in ihrem Nacken, bei der geringsten falschen Bewegung dazu bereit, zuzustechen. Und dieser Stich wäre sehr, sehr schmerzhaft.

Obwohl sich seit ihrem Leben als Kanalratte so viel verändert hatte, war zur selben Zeit so viel gleich geblieben. Aus Neuem war Alltag geworden, aus Aufregendem Gewohnheit, aus Schmerz Wehmut.

Sie fuhr mit dem Zeigefinger über den schwarzen Ring mit den Feuerrunen an ihrer rechten Hand. Er fühlte sich warm und tröstend an. Die Magie war das einzig Fassbare in ihrem Leben. Das Einzige, das sich nicht falsch anfühlte.

Als sich eine Hand sanft auf ihre nackte Schulter legte, erschrak sie und zuckte unwillkürlich zusammen. Sie hatte ihn nicht kommen hören. Wie auch. Er war der größte Schurke, den es gab und nur ein Elf hätte seine Schritte wahrnehmen können.

»Kommst du nicht wieder ins Bett?«, erklang seine angenehm tiefe Stimme.

Sie drehte sich um und rang sich ein Lächeln ab, als sie ihn musterte. Auch er war älter geworden, aber das hatte seinem Aussehen keinerlei Abbruch getan. Im Gegenteil. Hatte sie ihn schon männlich empfunden, als sie ihn zum ersten Mal sah, so hatten die drei Jahre sein Erscheinungsbild nur noch verfeinert und zur Perfektion geschliffen.

Wie immer war sein charismatisches Gesicht bartlos, aber morgens zierten kurze, dunkle Stoppeln sein Kinn, was seinem Aussehen etwas Verwegenes verlieh. Er trug einen leichten Lendenschurz, sodass sie den Rest seines muskulösen Körpers bewundern konnte, der über und über mit Narben gezeichnet war. Er hatte ein abenteuerliches Leben gehabt, ehe er in den Zirkel von Chakas zurückgekehrt war. Einmal hatte er begonnen, ihr aufzuzählen, woher die alten Verletzungen alle stammten, aber sie war noch vor Nummer zwanzig auf seiner Brust eingeschlafen.

Sein dunkelbraunes Haar fiel ihm offen bis fast zur Taille. Sie mochte es, wenn es sie streichelte und wie ein Vorhang über sie fiel. Dann konnte sie die Zeit und alle Melancholie vergessen und zumindest für einen Moment im Hier und Jetzt leben.

Er sah sie mit diesem funkelnden Blick an, den sie inzwischen schätzen gelernt hatte. Zwar hing ihr Herz immer noch an dem Dieb, mit dem sie viel zu wenig Zeit verbracht hatte, aber im Hier und Jetzt gab es ihn nicht. Womöglich in der Zukunft, aber das würden weitere Jahre zeigen.

Er beugte sich zu ihr herunter und küsste sie auf den Mund. Seine Lippen waren so weich und leidenschaftlich wie seine Hände, die ihren Körper mit sanfter Bestimmtheit an sich zogen.

»Mica«, raunte er, als er den Kuss beendet hatte und seine dunklen Augen blitzten wie immer, wenn er ihren Namen flüsterte. Er sprach ihn so schön aus wie sonst niemand. »Du wirkst im Morgenlicht wie eine Göttin.«

Mica verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. »Du hörst wohl nie auf mit deinen dämlichen Sprüchen, was?«, fragte sie scherzend. »Wann begreifst du endlich, dass ich darauf nicht anspringe, Néthan?«

Der Schurke lachte leise und gab ihr einen weiteren Kuss, dieses Mal auf die Wange. »Solange du nicht darauf anspringst, habe ich einen guten Grund, dich zu umgarnen«, meinte er augenzwinkernd. »Du entscheidest also selbst, wann du genug von mir hast.«

Auch wenn Mica wusste, dass er es im Scherz sagte, so taten ihr seine Worte dennoch gut. Sie hatte Néthan nie etwas vorgemacht. Er wusste, dass ihr Herz Cassiel gehörte – und immer gehören würde.

Ein Dieb war im Stehlen einfach besser als ein Schurke.

Dennoch hatte sie sich irgendwann von Néthan verführen lassen. Wie ihre erste Nacht mit ihm gewesen war, konnte sie im Nachhinein nicht mehr genau wiedergeben. Sie wusste nur noch, dass sie ziemlich betrunken gewesen war – ebenso wie er.

Es war passiert, nachdem sie beide als vollwertige Mitglieder in den Greifenorden aufgenommen worden waren. Vor eineinhalb Jahren, nachdem Wüstenträne und sie ihre Magie miteinander verbunden hatten.

Cilian war mehr als beeindruckt von Micas Fortschritten. Aber nicht nur sie hatte in ihrer dreijährigen Ausbildung im Zirkel viel dazugelernt, auch Wüstenträne hatte sich prächtig gemacht. Sie war zu einem stattlichen Greif herangewachsen und schon bald hatte Mica kleinere Ausflüge auf ihrem Rücken unternehmen können. Ausflüge über das Meer …

»Schmachtest du wieder deinem Dieb hinterher?«, fragte Néthan, während er zärtlich in ihr Ohrläppchen biss.

Sie drückte ihn etwas von sich weg, da sein Atem sie im Ohr kitzelte, und sah ihn stirnrunzelnd an. Auch wenn er sich Mühe gab, sein Grinsen echt wirken zu lassen, so konnte Mica dennoch tief in seinen dunklen Augen einen leisen Schmerz erkennen.

Ja, Néthan liebte sie – wie ein Mann eine Frau nur lieben konnte. Manchmal fühlte sie sich deswegen schlecht und geißelte sich mit Schuldgefühlen. Dennoch … sie konnte nichts dagegen tun, dass sie seine Gefühle nicht zu erwidern vermochte. Und Néthan hatte sich damit abgefunden.

Oft hatte Mica daran gedacht, sich von dem Schurken zu trennen, aber dafür war sie einerseits zu feige und andererseits zu egoistisch.

Sie wollte ihm nicht wehtun und … er tat ihr gut. Sie mochte ihn inzwischen sehr – was sie nicht immer hatte behaupten können. Zu Beginn, als sie ihn kennenlernte, hatte sie ihn verachtet. Bestenfalls war sie von seinen anzüglichen Sprüchen und seinem überquellenden Selbstbewusstsein verwirrt, wenn nicht eher genervt gewesen.

Aber in den vergangenen Jahren hatte sie seine Ehrlichkeit und vor allem seine direkte Art zu schätzen gelernt. Vielleicht sogar zu lieben. Wenn auch nicht auf dieselbe Weise, wie sie Cassiel liebte.

Dennoch mochte sie es, wenn er bei ihr war. Und Néthan hatte ihr immer wieder das Gefühl gegeben, dass auch sie gut für ihn war. Er konnte ruhiger schlafen, war ausgeglichener und besser gelaunt, wenn sie neben ihm im Bett lag. Sie bildeten eine Art Symbiose – jeder war für den anderen das, was er ansonsten vermisst hätte.

Aber Mica vermied es, Néthan zu viel von Cassiel oder den Dieben zu erzählen. Zu groß waren die verwirrenden Gefühle, die sie empfunden hätte, wenn sie es dennoch getan hätte. Sie wusste, dass Néthan sich immer noch erhoffte, bei den Dieben etwas über seine Vergangenheit herauszufinden, auch wenn er es in den letzten Monaten nicht mehr täglich erwähnte.

Doch es stand nicht in ihrer Macht, ihn in die Gilde zu lassen oder sie ihm gar zu zeigen. Und selbst wenn, sie hätte es wahrscheinlich nicht getan. Schon deshalb nicht, weil es für sie selbst bedeutet hätte, dass sie womöglich Neuigkeiten über Cassiel erfuhr, die sie nicht hören wollte.

Sie hatte Aren angewiesen, er solle ihr nichts über seinen Sohn erzählen, solange dieser nicht leibhaftig wieder vor ihr stand, damit sie ihm ins Gesicht sagen konnte, was sie von ihm hielt. Das hatte der Meisterdieb akzeptiert und Mica hatte es bisher genügt zu wissen, dass Cassiel noch nicht zurück war, da Aren dieses Thema seither nie angesprochen hatte, wenn er sie ab und an im Zirkel besuchte.

Cassiel fuhr mit seinem Onkel irgendwo auf dem Meer herum und versuchte, vor seinen Problemen davonzusegeln. Doch die Lektion, dass man das nicht konnte, würde er alleine lernen müssen. Da konnte Mica ihm nicht helfen – er hatte außerdem keine Hilfe gewollt. Sonst hätte er sich von ihr verabschiedet. Alles, was ihr von ihm geblieben war, war der Dolch, den er ihr geschenkt hatte. Sie benutzte ihn jedoch nur im Training. Ansonsten hielt sie die Klinge in einer Kommode in ihrem Zimmer verwahrt.

Nicht einmal Cilian, dem Zirkelrat von Chakas, hatte sie erzählt, dass Cassiel auf See war. Er wusste nur, dass sie nicht mehr mit dem Dieb zusammen war seit jenem Abend vor drei Jahren. Wo Cassiel sich aufhielt und was er tat, das hatte sie ihm nie verraten. Und auch Aren hatte sie gebeten, nicht mit Cilian über seinen Sohn zu sprechen. Sie hätte das Mitleid in den azurblauen Augen des Zirkelrates nicht ausgehalten, wenn er gewusst hätte, dass Cassiel ihretwegen sogar die Stadt verlassen hatte. Es reichte ihr schon, dass Néthan Bescheid wusste.

Und dennoch … trotz allem hoffte sie jeden Morgen aufs Neue, am Horizont, hinter den Klippen, die den Hafen umgaben, die Segel zu entdecken, die ihr Cassiel zurückbringen würden. Doch jeder Sonnenaufgang wurde vom nächsten als Heuchler enttarnt und zeigte ihr auf, dass sie einfach nur einfältig war, wenn sie auf einen Mann wartete, der sie verlassen hatte.

»Sprichst du nicht mehr mit mir?« Néthan strich ihr sachte mit dem Finger über die Stirn und wischte dabei ein paar Locken zur Seite, die ihr widerspenstig in die Augen fallen wollten.

»Lass uns nicht von ihm sprechen«, meinte Mica ausweichend und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn mit einem kurzen Kuss abzulenken. »Heute will mir Cilian zeigen, wie ich mit Wüstenträne zusammen einen Feuerregen wirken kann. Was wirst du trainieren?«

Néthan lächelte und zog sie wieder fester an sich. »Ich werde mit Meteor weiter an unseren Flugkünsten arbeiten. Er ist ein widerspenstiges Ding – erinnert mich manchmal sehr an dich.« Er lächelte sie anzüglich an. »Vor allem, wenn ich auf ihm reite.«

Mica hatte sich inzwischen an seine saloppen Sprüche gewöhnt und lächelte nur noch halbherzig darüber, ganz zu schweigen davon, dass sie rot geworden wäre. Sie wusste, dass er nicht anders konnte, als in der Gegenwart von Frauen solche Floskeln auszusprechen. Es war für ihn eine Art Schutz, da er dadurch selbst derjenige war, der andere provozierte und verwirrte – und sich somit weniger angreifbar machte.

»Du willst mich wohl noch eine Weile umgarnen, wie?«, griff sie seine Bemerkung von vorhin auf.

»Wenn du es erlaubst? Sehr gerne.« Er schenkte ihr ein hintergründiges Grinsen. »Komm, wir haben noch eine Stunde, ehe wir zum Training müssen. Die will genutzt sein.«

Mica verdrehte leicht die Augen, ließ sich aber ohne große Gegenwehr von ihm zurück ins Schlafzimmer ziehen. Seit einem halben Jahr hatten sie gemeinsame Gemächer, die aus einem großen Schlafraum, einem Aufenthaltsraum und einem Badezimmer bestanden. Néthan hatte Cilian dazu überreden können, ihnen dies zu erlauben. Der Zirkelrat war zwar im ersten Moment nicht einverstanden gewesen, aber schließlich hatte er vor Néthans Überredungskünsten kapitulieren müssen.

Vor allem, seit Cilian Néthan zu einem der beiden Hauptmänner seines Greifenordens ernannt hatte, schien der Zirkelrat dem ehemaligen Schurken gegenüber aufgeschlossener zu sein. Das hatte wahrscheinlich auch damit zu tun, dass Meteor, Néthans Greif, ein Königsgreif war. Cilian schien allein die Tatsache, dass Néthan sich mit einem solch edlen Tier verbunden hatte, für einen Wink der Götter zu halten, dass er noch Großes leisten würde. In dieser Hinsicht war Cilian fast abergläubischer als Mica.

Doch der Zirkelrat hatte allen Grund dazu, Néthan zu vertrauen. Der Schurke machte seine Sache äußerst gut. Er war der geborene Anführer und die anderen Greifenreiter liebten ihn und seine strenge, aber vor allem gerechte Art. Alle behandelten ihn mit großem Respekt, was auch Mica zugutekam. Zwar war sie immer noch die Außenseiterin, die durch einen dummen Zufall zu einem Königsgreif gekommen war, aber in Néthans Gegenwart getraute sich niemand, sie dies spüren zu lassen.

Ein weiterer Grund, warum Mica die Beziehung zu ihm aufrechterhielt: Er machte ihr Leben um vieles einfacher.

Kapitel 2 – Néthan

Während Néthan sich ankleidete, sah er schmunzelnd zu Mica hinüber, die sich genüsslich in den weichen Leinendecken räkelte. Wie er es liebte, wenn sie das tat. Sie erschien ihm dann wie eine Katze, die um Aufmerksamkeit buhlte. Auch wenn dies nicht in ihrer Absicht lag. Letzteres war jedoch nur ein weiterer Grund, dass er sich von ihr angezogen fühlte wie eine Motte von den zerstörerischen Flammen.

Vor etwas mehr als einem halben Jahr hatte er es geschafft, sie endlich davon zu überzeugen, dass es nichts brachte, diesem Rüpel von einem Dieb nachzutrauern, der sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion, ohne Erklärungen oder ein Wort des Abschieds, verlassen hatte. Sie hatte etwas Besseres verdient als diesen wankelmütigen Cassiel. Jemanden, dem sie wirklich am Herzen lag und der sie nicht verließ, wenn er sich mit seinem Leben überfordert fühlte. Néthan gab sich alle Mühe, dieser Jemand zu sein. Ob es ihm gelang, konnte nur Mica alleine entscheiden.

Sie hatte sich zunächst mit Händen und Füßen gegen seine Avancen gewehrt, bis ihr eines Tages nichts anderes übrig geblieben war, als ihnen nachzugeben. Néthan konnte sehr hartnäckig sein, wenn er wollte – und noch viel sturer als Mica.

Er erinnerte sich noch genau an die Nacht, als sie sich ihm hingegeben hatte. Er hätte jede einzelne Sekunde wiedergeben können. Jede Regung ihres Gesichtes hatte sich in sein Gehirn eingebrannt, während er sie zum ersten Mal verführte. Diese Ungläubigkeit und Lust, die ihm aus ihren Augen entgegengeschlagen waren, hatten ihn für das lange Warten mehr als entschädigt. Wie hatte er es genossen, ihr zu zeigen, dass Männer nicht nur Schmerzen zufügen konnten, wie sie es aus ihrem früheren Leben gekannt hatte. Dass Schreie nicht nur vor Qual, sondern auch vor Leidenschaft einen Raum erfüllen konnten.

Er schüttelte lächelnd den Kopf bei der Erinnerung, was dieses unschuldige Mädchen mit ihm angestellt hatte. Sie hatte sein Herz im Sturm erobert, wie er es nie für möglich gehalten hätte. Schließlich war er es immer gewesen, der mit den Gefühlen der Frauen spielte – nicht umgekehrt. Aber bei Mica machte er gerne eine Ausnahme. Sie war etwas Besonderes, auch wenn er nicht genau benennen konnte, was sie so besonders für ihn machte.

In den letzten Jahren, seit Aren ihm die Kopfschmerzen genommen hatte, war seine Vergangenheit wieder wie in Watte gepackt. Wohl mit einer der Gründe, warum es ihm plötzlich nicht mehr allzu dringend erschien, mehr darüber herauszufinden, was in den ersten zehn Jahren seines Lebens passiert war und welchen Zusammenhang es mit der Diebesgilde gab. Obwohl Steinwind, sein treuer Freund, sich nie wirklich damit hatte abfinden wollen. Er hatte Néthan immer wieder daran erinnert, dass der Grund, warum sie in die Stadt gekommen waren, weder der Greifenorden noch Mica waren. Es war die Tatsache gewesen, dass Néthan mit seinen inneren Dämonen hatte Frieden schließen wollen. Doch wenn ihn keine Kopfschmerzen plagten, erschien es ihm nicht wirklich sinnvoll, diese Dämonen erneut zu erwecken.

Néthan hatte schließlich auf Steinwinds Drängen ein paar Mal probiert, Mica über die Ratten von Chakas auszuhorchen, biss aber jedes Mal auf Granit. Sie schwieg eisern, was dieses Thema anging, sodass er es aufgegeben hatte, jemals etwas von ihr zu erfahren. Vielleicht würde sie ihm die Gilde zeigen – irgendwann. Doch dazu brauchte sie wohl mehr Zeit als Cilian.

Der Rat des Wasserzirkels war Néthan gegenüber erstaunlich offen und vor allem freundlich geworden. Obgleich er deutlich gemacht hatte, dass er ihm noch nicht vollkommen vertraute und demnach keinen Kontakt zu den Dieben herstellen wollte. Wäre Mica nicht gewesen, hätte Néthan dem Zirkelrat wohl mit mehr Entschlossenheit Druck gemacht, aber so hatte er sich mit halbherzigen Versprechungen hinhalten lassen.

Doch lange würde er das nicht mehr tun. Er war es trotz allem leid, nur die Hälfte seines Lebens zu kennen. Auch wenn diese Hälfte gar nicht so schlecht war und, seit Mica in sein Leben getreten war, noch um einiges interessanter und vor allem erfüllender wurde.

Vielleicht würde er es mal bei Aren probieren, der ganz augenscheinlich selbst ein Dieb war, da konnten ihm Mica und Cilian noch so das Gegenteil weismachen wollen. Womöglich war Aren aufgeschlossener als die beiden. Aber diesen Plan hatte Néthan immer wieder vor sich hergeschoben, da er neben der Neugierde, was ihn in der Diebesgilde erwarten würde, auch ein weiteres Gefühl empfand: Angst. Auch wenn er es sich selbst nur schwer eingestehen wollte, er hatte zum ersten Mal im Leben etwas zu verlieren. Und dieses Etwas räkelte sich gerade in den zerwühlten Laken.

»Kätzchen, du solltest langsam zusehen, dass du auf die Beine kommst«, meinte er mit vielsagendem Blick zum Bett, wo Mica sich soeben gähnend wieder in ihr Kissen kuschelte.

Ein Murren antwortete ihm, gefolgt von einem anklagenden Augenaufschlag. »Wer ist denn bitteschön Schuld daran, dass ich wieder hier gelandet bin?«, fragte sie mit gespieltem Ärger in der Stimme.

Néthan schlenderte betont gelassen auf sie zu, während er den Gurt seiner ledernen Hose festzog, die er immer im Training trug. Vor ihr blieb er stehen und blickte amüsiert auf sie herunter. »Wärst du nicht solch eine Augenweide, hätte ich mich nicht genötigt gefühlt, dich nochmals so richtig zu … umgarnen.«

Er schenkte ihr ein sündiges Lächeln, das ihre Wangen noch vor einem Jahr in einem bezaubernden Rot hätten erglühen lassen.

Jetzt aber verdrehte sie bloß die Augen und seufzte theatralisch. »An dem Tag, an dem dir keine Antwort mehr einfällt, wird das Meer aufhören zu rauschen.«

Sein Lächeln wurde breiter. »Mag sein, aber solange ich den Tag mit dir gemeinsam erleben darf, sehe ich ihm gerne entgegen.«

Abermals folgte ein Seufzen, dann richtete Mica sich auf. Das Laken rutschte dabei nach unten und Néthan musste sich mit aller Macht zusammenreißen, um sich nicht zu ihr hinunterzubeugen und ihre wohlgeformten Brüste zu küssen. Stattdessen räusperte er sich und versuchte, einen neutralen Gesichtsausdruck aufzusetzen. Ein leidenschaftliches Funkeln seiner Augen konnte er dennoch nicht verhindern.

»Zieh dich bitte an, sonst sehe ich mich gezwungen, dich abermals davon zu überzeugen, wie gerne ich dich … umgarne.« Es gelang ihm sogar, in ihre Augen zu sehen dabei, obwohl ihr nackter Körper ihn förmlich anbettelte, ihm die gebührende Beachtung zu schenken.

Mica verzog ihre Lippen zu einem Grinsen. »Wenn ich so darüber nachdenke, bin ich noch nicht wirklich überzeugt«, meinte sie mit einem unschuldigen Wimpernklimpern.

Néthans Hand zuckte vor Verlangen, nach ihrem Körper zu greifen und sie an sich zu ziehen. Diese Frau brachte ihn wirklich noch um den Verstand.

Er atmete tief durch und wandte sich ab, damit es ihm einfacher fiel, die Vernunft walten zu lassen. »Ich warte in der Arena auf dich.«

Er ballte seine Finger zu Fäusten und gab sich einen Ruck, das Zimmer zu verlassen, ehe er ihre Antwort hören konnte, die ihn womöglich von seinem Vorhaben, pünktlich zum Training zu erscheinen, abgebracht hätte.

Auch ohne sich nach ihr umzudrehen, wusste er, dass auf ihrem hübschen Gesicht gerade ein triumphierendes Lächeln erschien, das sie seinem Rücken schenkte.

Im Wohnzimmer griff er beiläufig nach einem Apfel, der ihm als Frühstück genügen musste. Die Diener des Zirkels waren aufmerksam und stellten täglich frisches Obst auf den Salontisch, um den mit rotem Samt bezogene Sessel standen.

Während Néthan die Gänge entlangeilte und in den Apfel biss, versuchte er, Meteor mit seinem Geist aufzuspüren. Der Königsgreif stammte aus Cilians Zucht und war ein Nachkomme von Mondsichel, dem Greif des Zirkelrats. Ebenso wie dieser hatte er schwarzes Löwenfell und seine Federn glänzten in einem geheimnisvollen Anthrazit. Seinen Namen hatte er erhalten, weil er es liebte, im Sturzflug dem Boden entgegenzusausen, um sich im letzten Moment wieder in die Lüfte zu erheben. Er mutete dann wie ein schwarzer Komet an und Néthan liebte es seinerseits, ihm dabei zuzusehen. Auch wenn er nicht so dumm war, sich bei diesem waghalsigen Flugmanöver auf den Rücken des Königsgreifen zu setzen.

Sie hatten viel gemeinsam, Meteor und er. Nicht nur die Vorliebe für halsbrecherische Unterfangen. Meteor hatte auch eine Schwäche für Wüstenträne, Micas Greif. Wenngleich er sie wohl eher als kleine Schwester ansah denn als Paarungsmöglichkeit. Trotzdem war er der einzige Greif, der Wüstenträne in seiner Nähe duldete und nicht anfauchte, wenn sie wieder einmal ihre Launen hatte.

Micas Greif war störrisch und eigensinnig – und widersetzte sich nur allzu gerne den Regeln, die Cilian für alle aufgestellt hatte. Wenn die anderen Greifenreiter fliegen übten, blieb Wüstenträne wie ein bockiger Esel am Boden stehen. Wenn sie am Boden Magie trainierten, flatterte sie mit den Flügeln und hob in die Luft ab. Mica war wahrlich nicht zu beneiden, denn sie hatte alle Hände voll damit zu tun, Wüstenträne Manieren beizubringen. Doch es gelang ihr ein ums andere Mal.

Néthan mochte es, Mica und ihrem Greif zuzusehen, wie sie miteinander umgingen. Sie waren ein Herz und eine Seele und schienen manchmal, als seien sie zu einem großen Ganzen verschmolzen, wenn sie gemeinsam durch die Luft pflügten. Cilian hatte mehr als einmal betont, dass er noch nie eine solche Beziehung zwischen einem Greif und einem Reiter erlebt hatte, wie Mica und Wüstenträne sie führten. Womöglich lag das daran, dass die beiden sich noch ähnlicher waren als Néthan und Meteor. Es war, als wäre Mica das menschliche Abbild des Greifen, den der Schurke hierher gebracht hatte.

Wüstenträne mied Néthan immer noch. Sie schien ihm nicht verzeihen zu können, was damals in der Wüste passiert war. Néthan hatte sich damit abgefunden und drängte sie nicht dazu, ihn zu mögen. Solange sie ihn akzeptierte und nicht attackierte, war es ihm einerlei, ob der Greif ihn mochte oder nicht. Hauptsache, Mica mochte ihn.

Er schmunzelte, als er jetzt Meteors Präsenz in seinen Gedanken wahrnahm. Der Greif schickte ihm Bilder von seinem Frühstück, das aus zwei toten Kaninchen bestand, die er genüsslich mit seinen Pranken zerfetzte, ehe er sie herunterschlang. Néthan sandte ihm seinerseits ein Bild von seinem halb gegessenen Apfel, was Meteor augenblicklich erschaudern ließ. Der Königsgreif hasste Früchte.

Néthan unterdrückte ein Lachen und beschleunigte seine Schritte, um möglichst rasch in der Arena zu sein, wo sein Greif auf ihn warten würde.

War es für den Schurken früher noch ein Rätsel gewesen, wie sich ein Mensch mit einem Greif unterhalten konnte, so gehörte es nun ebenso zu seinem Leben wie das Atmen, und er spürte immer eine unausfüllbare Leere, wenn Meteor nicht in seiner Nähe war. Als Cilian ihm den Greif vorstellte, hatte Néthan zunächst großen Respekt vor diesem majestätischen Tier gehabt. Nur zu gut konnte er sich daran erinnern, was der scharfe Schnabel einer solchen Kreatur bei einem Menschen ausrichten konnte. Ganz zu schweigen von den vier mächtigen Löwenpranken.

Inzwischen war ihm der Greif aber so vertraut wie seine rechte Hand und er liebte es, mit ihm zusammen zu fliegen. Auch wenn sie ihre Flugkünste noch verbessern konnten. Doch je länger er mit Meteor übte, desto sicherer wurde er. Bald würde er selbst Greifenreiter ausbilden können, das hatte Cilian ihm erst vor ein paar Tagen prophezeit.

Zurzeit begnügte sich Néthan damit, das Bodentraining zu übernehmen – und den Reitern den Umgang mit Magie, Schwert und Dolch beizubringen. Er hatte schon immer eine außerordentliche Begabung in der Feuermagie gehabt und war von Cilians Vater, dem ehemaligen Zirkelleiter von Chakas, jahrelang in Kampfmagie unterrichtet worden. Nun kam hinzu, dass Meteor Néthans ohnehin beeindruckende magische Kräfte um ein Vielfaches verstärkte. Womöglich so sehr, dass er sich irgendwann verjüngen könnte, wie alle mächtigen Magier es zu tun vermochten. Doch noch wollte er nicht so weit in die Zukunft denken. Zunächst würde er seine Probleme im Hier und Jetzt lösen müssen – oder noch ein wenig weiter vor sich herschieben, solange sie ihm nicht allzu dringend erschienen.

Als er bei den Stallungen der Greife ankam und weiter zur Arena schritt, merkte er sofort, dass etwas anders war. Was, das wurde ihm bewusst, als er die Arena betrat. Es waren keine Soldaten hier wie sonst immer. Auch Cilian fehlte, der sonst immer ein Auge auf das Training hatte.

Die Greifenreiter waren schon fast alle da und hatten mit ihren Aufwärmübungen begonnen, um sich für das Schwerkampftraining, das sie immer zuerst angingen, bereit zu machen. Ein Greifenreiter musste nicht nur mit Magie, sondern auch mit einer Klinge umgehen können, sollten ihn seine Kräfte unerwarteterweise verlassen oder seinem Greif etwas zustoßen.

Meteor kam mit seinem raubtierartigen Gang auf Néthan zu und stupste ihn mit dem Schnabel an. Als dieser ihn kraulte, war ein leises Gurren zu hören, das so gar nicht zu diesem majestätischen Tier passen wollte und eher an das Glucksen einer Taube erinnerte.

Während Néthan Meteor begrüßte, sah er sich aufmerksam um und bemerkte einen Greifenreiter, der eilig auf ihn zurannte. Er hörte auf den Namen Varl und war noch ziemlich jung, kaum siebzehn Jahre alt. Cilian hatte ihn Néthans Truppe zugeteilt, da er ein herausragendes Talent in Magie besaß.

Als Varl jetzt vor dem Schurken anhielt, wirkte er nervös und strich sich fahrig mit der Hand durch das kurze, schwarze Haar. »Da seid Ihr ja, Hauptmann«, sagte er mit leichter Schnappatmung.

Meteor zog sich ein wenig zurück, da er es nicht mochte, wenn andere Menschen in seine Nähe kamen. Er war in dieser Hinsicht fast noch misstrauischer als Wüstenträne.

Néthan verschränkte die Arme vor der Brust und sah den Greifenreiter mit zusammengezogenen Augenbrauen an. »Was gibt’s?«

»Cilian.« Varl holte tief Luft, da er sich offenbar seine Worte zuerst zurechtlegen wollte. »Er hat mich beauftragt, Euch sofort zu ihm zu schicken, wenn Ihr hier auftaucht. Er hatte keine Zeit, Euch einen Boten zu senden, da er in dringenden Angelegenheiten in den Versammlungsraum musste.«

Néthans Augenbrauen schoben sich noch ein Stück weiter zusammen. »Was für Angelegenheiten?«

Varl zuckte verlegen mit den Schultern. »Ich weiß es nicht genau. Aber es geht das Gerücht, dass hoher Besuch heute Morgen im Zirkel angekommen ist. Womöglich hat es damit etwas zu tun …«

»Hm.« Néthan legte den Kopf schief.

Hoher Besuch? Wer mochte das wohl sein? Nun ja, er würde es wohl oder übel gleich herausfinden.

Er schenkte Varl ein schiefes Lächeln, das den jungen Mann etwas entspannter werden ließ. »Dann gehe ich mal besser dorthin.«

Noch ehe der junge Greifenreiter etwas erwidern konnte, machte Néthan auf dem Absatz kehrt und sandte Meteor ein entschuldigendes Bild vom Versammlungsraum der Zirkelräte. Der Greif schien sich jedoch nicht darüber aufzuregen, sondern erhob sich mit einem leisen Krächzen in die Lüfte, um einen morgendlichen Ausflug zu unternehmen.

Néthan sah ihm mit einem Anflug von Neid hinterher, ehe er die Arena verließ. Er hätte sich tausendmal lieber auf Meteors Rücken geschwungen, als seine Pflichten als Hauptmann wahrzunehmen. Aber Pflicht war nun mal Pflicht, und wenn er irgendwann seine Vergangenheit ergründen wollte, sollte er zusehen, dass er Cilian gänzlich auf seine Seite bekam.

Kapitel 3 – Faím

»Ich sag’s dir nicht noch einmal!« Faíms Geduld war langsam am Ende und er sah den Matrosen, der nur ein Jahr jünger als er selbst war, mit zusammengezogenen Augenbrauen an. »In die Wanten mit dir! Los!«

Der Matrose murrte etwas, beugte sich dann aber Faíms Befehl und begann, die Seile hochzuklettern.

»Na, wollen sie wieder mal nicht so, wie du willst?«, erklang eine dunkle Stimme hinter ihm.

Faím musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass der Kapitän persönlich hinter ihn getreten war. Er tat es dennoch, um Sarton in die Augen zu blicken.

In den letzten drei Jahren hatte das harte Leben auf See alles, was aus Faím jemals einen schwächlichen Jungen gemacht hatte, hinfortgespült wie die Flut das Treibgut am Strand. Geblieben war ein ansehnlicher, junger Mann, der bald das achtzehnte Lebensjahr erreichen würde.

Er war ebenso groß wie Sarton und konnte ihm jetzt mühelos auf gleicher Höhe in die Augen blicken. Sein Körper war zwar immer noch schlank, aber anstelle der schmächtigen Statur besaß er nun wohldefinierte Muskeln, die sich von der täglichen Arbeit an Bord gebildet hatten. Die schwarzen Locken trug er meist zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, der ihm knapp über die Schultern fiel.

Nur seine Augen waren dieselben geblieben, und wenn man genau hinsah, konnte man in dem dunklen Braun einen Hauch von Wehmut erkennen. Jedoch nur, wenn Faím abgelenkt war und seine ansonsten gut verborgenen Gefühle an die Oberfläche drangen.

Jetzt knurrte er eine leise Verwünschung, die dem Matrosen galt, der auf seinen Befehl hin bereits in beachtlicher Höhe über ihren Köpfen balancierte, und strich sich über die schweißnasse Stirn.

Die Sonne brannte wieder einmal unerbittlich auf die Smaragdwind herunter und machte die schwüle Hitze schier unerträglich. Der laue Wind bot nur wenig Abkühlung. Es war Zeit, dass sie bald in andere Gewässer kamen, in denen diese Flaute endlich zu Ende wäre. Sie zerrte nicht nur Faím an den Nerven.

»Nichts, was sich mit etwas Magie nicht wieder einrenken ließe«, meinte der junge Mann mit einem schiefen Lächeln.

Sartons Augen verdunkelten sich noch mehr, wenn das bei dem Schwarz seiner Iris überhaupt möglich war. »Spiel nicht leichtfertig mit ihren Kräften«, raunte er so leise, dass nur Faím ihn verstehen konnte, und hob mahnend eine Augenbraue.

»Aye. Tu ich nicht.« Um Faíms Mund bildete sich ein missbilligender Zug. »Wenn die Männer nicht auf mich hören wollen, müssen sie eben fühlen.«

Er mochte es nicht, wenn Sarton seine Vorgehensweise infrage stellte. Auch wenn der Rest der Mannschaft es wohl kaum gehört hatte, da der Kapitän darauf achtete, seinen Männern nicht zu viel von der Meerjungfrau und ihren Kräften zu verraten.

Sartons Blick blieb dunkel, obgleich seine Gesichtszüge sich wieder etwas entspannten. »Bei Aquor, du klingst schon fast wie mein Neffe«, meinte er mit schiefem Grinsen.

Unwillkürlich suchten Faíms Augen den Horizont nach den weißen Segeln ab, die ihnen folgten. Dort, auf dem zweiten Schiff, hatte Sartons Quartiermeister Lenco das Sagen. An seiner Seite war Cassiel, der dieselben Aufgaben übernommen hatte wie Faím auf der Smaragdwind.

Seit sie zwei Schiffe besaßen, ging die Suche nach den Schätzen auf dem Meeresgrund zügig voran. So zügig, dass sie nun endlich auf dem Weg in den Süden waren. Weit in den Süden, nach Seoul, wo sie in wenigen Tagen eintreffen würden – vielleicht früher, wenn die Winde ihnen letztlich gewogen wären.

»Ich bin aber nicht wie Euer Neffe«, murmelte Faím, während sein Blick von den weißen Segeln weiter über das Meer glitt.

Irgendwo dort unter der Wasseroberfläche schwamm sie. Chandra. Sein Ein und Alles. Seit er sich damals mit ihr verbunden hatte, hatten sie eine Beziehung zueinander aufgebaut, wie er es nie für möglich gehalten hätte. Wahrscheinlich liebte er sie sogar. Auf jeden Fall gehörte ihr sein Herz und es schmerzte ihn, wenn er nicht ihre Nähe spürte.

Auch Chandra hatte ihm ihre Zuneigung des Öfteren schon gezeigt. Mit einem flüchtigen Kuss, einer sanften Berührung. Jedoch nie mehr. Aber Faím wusste, dass sie ihn mochte – so seltsam ihr Verhältnis für andere auch anmuten musste. Schließlich war er dazu verdammt, sie früher oder später zu töten und er ließ sie nur am Leben, um ihre Kräfte für Sarton nutzen zu können – und weil er es nicht übers Herz brachte, sie umzubringen.

Noch nicht.

Er brauchte sie. Sie gab ihm Selbstvertrauen und er ihr im Gegenzug das Versprechen, irgendwann das Ei für sie zu öffnen. Irgendwann … das konnte heute oder morgen sein. Oder erst in zehn Jahren. Aber Faím hatte gelernt, im Moment zu leben. Im Hier und Jetzt – wie seine Schwester es ihm immer gesagt hatte.

Und im Hier und Jetzt zählte für ihn vor allem, dass er Kräfte besaß, die den Verstand eines Menschen überstiegen. Er konnte anderen Befehle erteilen, sie regelrecht manipulieren und ihre Gedanken waren für ihn ein offenes Buch, wenn er die Magie der Meerjungfrau dazu nutze, sie zu lesen.

Es war wie an dem ersten Abend, als Chandra sich mit ihm verbunden hatte. Nur, dass er diese Kräfte jetzt beherrschen und gezielt einsetzen konnte, da die Meerjungfrau sie ihm bereitwillig lieh.

Sarton hatte ihm einmal erzählt, dass er mit der Zeit sogar dem Meer würde Befehle erteilen können. Ab und an gelang es Faím bereits, die Wellen etwas höher werden zu lassen. Leider wirkten seine Kräfte jedoch nicht auf die Winde, die ihnen seit Tagen fehlten.

Doch selbst wenn er Chandras Kräfte nicht einsetzte, hatte die Mannschaft genügend Respekt vor ihm und akzeptierte ihn trotz seiner jungen Jahre als neuen Quartiermeister der Smaragdwind. Das alles hatte er nur der Meerjungfrau zu verdanken. Sie bereicherte sein Leben um so vieles.

»Wo ist sie?«, riss Sarton ihn aus seinen Gedanken. Er war Faíms Blick gefolgt und starrte jetzt ebenfalls über die Reling auf die Wasseroberfläche.

»Etwa hundert Schritt südlich von uns.« Faím konnte im Gegensatz zu früher jetzt genau sagen, wo Chandra sich aufhielt. Wieso, wusste er nicht genau, er spürte es einfach, auch wenn er sie nicht sah.

»Sag ihr, sie soll auf der Backbordseite schwimmen. Bertran hat vorhin erwähnt, dass irgendwo in diesen Gewässern ein gesunkenes Handelsschiff liegt. Sie soll danach Ausschau halten und dir Bescheid geben, sobald sie es entdeckt hat.«

Faím nickte und schickte Chandra in seinen Gedanken den Befehl weiter. Er wartete nicht auf ihre Antwort, sondern wandte sich wieder Sarton zu. »Haben wir nicht schon genug Gold?«, wollte er wissen.

»Ein wenig zusätzliche … Bestechung wird nicht schaden«, lächelte der Kapitän mit schmalem Mund. »Wir wissen noch nicht, wie sie auf uns reagieren werden. Es ist schließlich nicht ihr Kampf, in den wir sie verwickeln wollen.«

Faím nickte. Er wusste, dass man sich von den Bewohnern von Seoul, dem Land, das südlich von Altra lag, erzählte, dass sie ein wildes Volk ohne Kultur waren. Aber ihr Ruf als Kämpfer hatte sich bis weit über das Meer verbreitet. Sie selbst nannten sich Sonnenkrieger, aber allgemein bekannt waren sie als die Barbaren von Seoul. Die meisten Seeleute und Händler mieden seit Jahren den Kontakt mit ihnen. Es war nie gewiss, ob sie einem als Freund oder Feind begegneten. Das schien ganz von ihren Launen abzuhängen.

Nun ja, Sarton war nicht wie die meisten Seeleute. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, die Barbaren von Seoul, zusammen mit ihren Kriegsschiffen, anzuheuern. Das hatte er Faím vor wenigen Monaten erklärt. Bis zu dem Zeitpunkt hatte keiner gewusst, wohin die Reise führen sollte. Sie waren drei Jahre lang kreuz und quer über das Meer gesegelt, auf der Suche nach längst verborgenen Schätzen, die Bertran, der Wassermagier, der sie seit Chakas begleitete, für sie ausfindig machte.

Hatte Faím damals als Junge noch davon geträumt, irgendwann die Welt zu bereisen, so war ihm inzwischen längst die Freude an diesem Herumgefahre vergangen. Das Abenteuer der Meere, das Leben an Bord eines Schiffes war jetzt sein Alltag, der zermürbend sein konnte. Und dennoch hielt ihn etwas auf See – ein innerer Instinkt, der ihm zuflüsterte, dass er hier richtig war. Richtiger als jemals irgendwo sonst in seinem Leben.

Sie waren in all den Monaten, die sie nun auf Reisen waren, nie wieder in die Nähe von Chakas gekommen, was Faím mehr als recht war. Auch wenn die Meerjungfrau ihm den Schmerz über den Tod seiner Schwester genommen hatte, so hatte er sie doch nicht ganz vergessen. Er konnte sich zwar nicht mehr an ihren Namen erinnern, dafür aber an andere Dinge. Bilder, wie sie ausgesehen hatte. Erinnerungen an ihre Stimme, Sprichwörter, die sie ihm beigebracht hatte, Geschichten, die sie ihm erzählt hatte, wenn er nicht hatte schlafen können.

Bei den Gedanken daran spürte er eine Leere in sich, dort, wo eigentlich die Trauer und der Schmerz über ihren Tod hätten sein müssen. Doch es machte die Erinnerungen an sie auch erträglicher und nach und nach schien die Zeit tatsächlich seine Wunden zu heilen. So wie Kart es ihm vor zwei Jahren prophezeit hatte …

Kart … der Schmerz, wenn er an den Schiffsjungen dachte, war ihm nicht von Chandra genommen worden und daher nur allzu präsent in seinem Herzen. Er vermisste den freundlichen Jungen mit dem blonden Haar und den blauen Augen schrecklich, der ihn von Anfang an als Freund behandelt hatte.

Es war vor einem halben Jahr passiert, als sie mit der Smaragdwind und der Schwarzen Möwe, wie das zweite Schiff hieß, in einen wilden Sturm geraten waren. Nicht einmal Chandra hatte ihnen helfen können und so waren mehrere gute Matrosen über Bord gespült worden. Darunter auch Kart.

Faím erinnerte sich in aller Deutlichkeit an die letzten Sekunden, in denen er den Schiffsjungen gesehen hatte. Es waren die schlimmsten Sekunden seines Lebens gewesen, als er versucht hatte, Kart eine Rettungsleine zuzuwerfen. Dabei hatte er immer wieder Chandras Namen geschrien, bis seine Kehle wund war. Doch die Meerjungfrau war nicht da gewesen. Sie hatte Kart nicht retten können und der blonde Schopf war irgendwann in den tosenden Wellen untergegangen. Der letzte Blick aus Karts weit aufgerissenen Augen würde ihn wohl sein Leben lang verfolgen.

Nach diesem Unglück hatte Faím eine Woche lang nicht mit Chandra gesprochen. Er hatte sie gehasst und verflucht, weil sie in dem Moment, in dem er sie gebraucht hätte, nicht zur Stelle gewesen war.

Chandra hatte alles stumm über sich ergehen lassen. Bis heute wusste Faím nicht, warum sie nicht in der Nähe des Schiffes gewesen war. Womöglich würde er das auch nie erfahren, denn sie hatte ihm nie erzählt, was sie in einer der schwärzesten Stunden in Faíms Leben getan hatte. Er vermutete jedoch, dass sie dem Totengott nicht hatte begegnen wollen, der in dem Unwetter damals allgegenwärtig gewesen war. Sie fürchtete den Tod, das hatte sie ihm einmal verraten. Denn ein Tod ohne ihre Seele würde sie für alle Zeiten in dem Reich des Totengottes rastlos wandeln lassen. Sie könnte nie zur Ruhe kommen.

Irgendwann war er es leid gewesen, ihr böse zu sein und hatte sein Herz wieder für sie geöffnet. Sie hatte es still angenommen und sie waren zur Tagesordnung übergegangen – was bedeutete, dass sie weiter nach versunkenen Schiffen Ausschau hielten und die Beute an Bord der Smaragdwind schafften.

»Wann verratet Ihr uns endlich, wofür Ihr die Barbaren von Seoul braucht?«, fragte Faím den Kapitän nicht zum ersten Mal, um sich von den schwarzen Gedanken an Kart abzulenken.

»Wenn wir ihre Zusicherung haben, dass sie uns unterstützen werden«, war wie immer die knappe Antwort.

Faím runzelte die Stirn. Er wusste inzwischen nur zu gut, dass es nichts brachte, weitere Fragen zu stellen, da Sarton zu den abergläubischsten Seeleuten gehörte, die es gab. Ob das damit zu tun hatte, dass er selbst einmal mit einer Tochter Aquors verbunden gewesen war, oder einfach, weil er allem und jedem gegenüber mit Misstrauen begegnete, konnte er nicht ergründen.

Auf jeden Fall erzählte Sarton seine Pläne immer erst dann, wenn sie dabei waren, in die Tat umgesetzt zu werden. Womöglich befürchtete er, dass die Götter sich ansonsten gegen ihn stellen würden, sollten sie zu früh davon Kenntnis bekommen. Nun ja, das war nicht einmal abwegig, da er eine ihrer Töchter auf dem Gewissen hatte.

Sartons Miene blieb verschlossen, während er weitersprach: »Keine Sorge, Kleiner, in ein paar Tagen sind wir dort und du wirst alles erfahren – zumindest das, was du wissen sollst.«

Faím grunzte, da es ihm gegen den Strich ging, wenn der Kapitän ihn immer noch mit ›Kleiner‹ ansprach, obwohl er inzwischen zu einem Mann herangereift war. Aber er behielt seinen Einwand für sich und nickte bloß.

»In einem Tag sollten wir auf einer Insel ankommen, die wenige Tagesreisen vor Seoul liegt«, fuhr Sarton fort. »Dort werden wir unsere Wasservorräte aufstocken. Es gibt auf der Insel einen See, der auch ›Kristallsee‹ genannt wird.«

»Kristallsee?« Faím hob fragend die Augenbrauen. »Etwa, weil es dort Kristalle gibt?«

Sarton grinste verschlagen. Er mochte es, ihm Geschichten zu erzählen und Dinge beizubringen. Manchmal glaubte Faím, dass der Kapitän in ihm einen Sohn sah, den er nie gehabt hatte.

»Nein, es gibt keine Kristalle darin«, sagte Sarton jetzt. »Aber seine Oberfläche glitzert wie reine Magie und man erzählt sich, dass ein Bad darin einen um Jahre jünger werden lässt. Daher würde ich dir nicht raten, darin schwimmen zu gehen. Sonst würdest du als Kleinkind rauskommen.« Er lachte leise über seinen Witz und zwinkerte Faím zu.

»Ich kann ohnehin nicht schwimmen«, meinte dieser schulterzuckend. »Und ich werde es bestimmt nicht in einem verwunschenen See ausprobieren.«

»Mal sehen, wie lange du dich zurückhalten kannst.« Sartons Grinsen wurde noch breiter. »Man erzählt sich nämlich außerdem, der See würde von einem wunderschönen Mädchen bewacht. Einer richtigen Nymphe. Ich selbst habe sie leider noch nie zu Gesicht bekommen, aber wer weiß, vielleicht schenkt sie dir ihre Gunst.« Wieder zwinkert er vielsagend.

Faím wich seinem Blick aus und starrte stattdessen auf die Wellen. Er wusste, dass Sarton ihn gerne damit aufzog, dass er noch nie bei einer Frau gelegen hatte. Aber seit er mit Chandra diese innige Verbindung fühlte, hatte er auch nie das Bedürfnis danach verspürt, einer anderen Frau näherzukommen.

Der Kapitän machte stets Scherze darüber, dass ein Fischschwanz nun mal nicht dasselbe wie ein menschlicher Frauenschoß sei, aber Faím hatte gelernt, mit diesen Sprüchen umzugehen und sie vor allem zu ignorieren. So wie auch jetzt.

»Du brauchst endlich eine richtige Frau.« Sarton lehnte sich neben ihn an die Reling und sah Faím mit seinem dunklen Blick durchdringend an. »Du und Cass – ihr seid beide wie besessen von Weibern, die ihr nicht bekommen könnt. Ich habe mit Lenco schon gewettet, wer von euch beiden zuerst sein Gelübde bricht.«

»Meinetwegen könnt Ihr so viel wetten, wie Ihr wollt.« Faím war wirklich nicht in der Stimmung dafür, mit Sarton über sein fehlendes Liebesleben zu sprechen.

Der Kapitän schüttelte verständnislos den Kopf, ehe er sich ohne ein weiteres Wort von der Reling abstieß, um zum Puppdeck zu gehen und dem Steuermann Anweisungen zu geben.

Faím sah dem dunkelblonden Mann stirnrunzelnd hinterher.

Ob Sarton mit seiner Meerjungfrau wohl eine ähnlich tiefe Beziehung geführt hatte wie er mit Chandra? Und falls ja … wie hatte er es dann bloß geschafft, sie zu töten?

Kapitel 4 – Cassiel

»Na, etwas gefunden?« Cassiel hob die Augenbrauen, während er mit verschränkten Armen an dem Geländer der Kommandobrücke lehnte und Lenco entgegensah, der mit großen Schritten auf ihn zukam.

Er hätte gar nicht erst fragen müssen, denn im Gesicht des Möchtegern-Kapitäns war auch ohne Luftmagie deutlich zu lesen, dass der Tauchgang keinen Erfolg gezeigt hatte. Wahrscheinlich war jemand anders schneller gewesen und hatte die Ladung des Wracks bereits an sich genommen. Aber es machte Cassiel nun mal Spaß, den Hünen mit dem rauen Akzent zu ärgern.

Zur Antwort kam wie erwartet ein missbilligendes Murren, dann schritt Lenco an ihm vorbei zum Steuer.

Cassiel sah ihm amüsiert hinterher und leckte sich über die trockenen Lippen. Der Tag hätte nicht heißer sein können. Es war Stunden her, seit er etwas getrunken hatte, da das Wasser seit zwei Tagen rationiert war. Es wurde wirklich Zeit, dass sie zu dieser verfluchten Insel gelangten und die schwindenden Vorräte auffüllen konnten.

Wie immer trug Cassiel trotz der Hitze ein langärmliges Hemd, lange Hosen und seinen Handschuh sowie das Halstuch. Die Mannschaft hatte sich daran gewöhnt, dass er nie oberkörperfrei herumlief wie alle anderen, und aufgehört, ihn mit neugierigen Blicken zu begaffen. Die hatte er ihnen aber auch schnell ausgetrieben, nachdem er ein paar Mal seinen Dolch hatte aufblitzen lassen. Er besaß den Ruf einer Ratte von Chakas, was ihm hier auf dem Schiff zugutekam. Keiner wollte sich mit einem Dieb anlegen, der sich in den Kanälen unter der Stadt jahrelang hatte behaupten können und womöglich an jeder Ecke einen Verbündeten kannte.

Sein schwarzes Haar hatte er zurückgebunden, sodass es ihm schwer in den Nacken fiel. Er überlegte seit zwei Wochen allen Ernstes, es abzuschneiden, da es ihn immer mehr störte. Doch irgendwie gehörte es zu ihm wie seine Vergangenheit und er konnte sich nicht dazu überwinden, es zu kürzen. Zu lebendig waren die Erinnerungen, wie sie damals mit ihren Händen hindurchgefahren war. Wenn er es abschnitt, wäre auch ein Teil von ihr weg.

Doch in dieser Hitze wäre ein kürzerer Haarschnitt eindeutig von Vorteil gewesen.

Glücklicherweise lag das Puppdeck im Schatten der Segel und hinderte die glühenden Sonnenstrahlen somit daran, noch heißer auf sie herunterzubrennen.

Lenco übernahm das Steuer und bedeutete dem Matrosen, der bis anhin dort gestanden hatte, mit einem Kopfnicken, dass seine Aufgabe für heute erledigt wäre. Den Hünen schien es auf unerklärbare Art zu beruhigen, wenn er das harte Holz des Steuers unter seinen Händen fühlte. Dann war er eins mit dem Schiff und seine Gesichtszüge wurden ein wenig entspannter.

Cassiel mochte den brummigen Kerl auf eine ganz eigene Weise. Lenco hatte damals immer mit Adleraugen auf ihn aufgepasst, als er noch ein kleiner Junge gewesen war und mit seinem Onkel zur See hatte fahren dürfen. Trotz seiner knurrigen Art hatte Lenco ihm mehr als einmal einen Streich durchgehen lassen. Ohne den Quartiermeister von Sarton wäre Cassiel wohl noch viel öfter von seinem Onkel bestraft worden.

Er war ein aufmüpfiger Junge gewesen, der keine Gelegenheit ausgelassen hatte, andere zu ärgern. Sarton war wahrscheinlich jedes Mal froh gewesen, wenn er ihn im Hafen von Chakas wieder bei Aren abliefern konnte. Er mochte zwar seinen Neffen, aber er hatte ihm auch oft zu verstehen gegeben, dass er mit Cassiels unberechenbarem Temperament manchmal überfordert war.

Jetzt stieß sich Cassiel vom Geländer ab und trat neben Lenco ans Steuerrad, um sich ein wenig mit ihm zu unterhalten. Der Quartiermeister von Sarton war noch nie ein gesprächiger Mann gewesen, aber das störte Cassiel nicht. Im Gegenteil, er mochte es, wenn Antworten nicht allzu blumig ausfielen.

»Wir haben doch ohnehin genug Gold. Warum will der alte Sturkopf überhaupt noch mehr? Will er die Barbaren etwa mit vergoldeten Waffen in den Kampf ziehen lassen?«

Cassiel kannte zwar Sartons Pläne, in Seoul Kämpfer anzuheuern, aber er wusste wie alle anderen nicht, wofür sein Onkel diese benötigte. Doch das würde er bestimmt noch herausfinden.

Er betrachtete Lencos markantes Profil. Der breitschultrige Mann hatte sein dunkles Haar wie immer zu einem Zopf nach hinten gebunden. Auf seiner braungebrannten Stirn glänzten Schweißperlen. In dieser Hitze trug er nur das Nötigste an Kleidung, was in seinem Fall hieß, dass man eine beeindruckende Aussicht auf seine muskelbepackte Brust und seine gewaltigen Oberarme erhielt.

Lenco war eine imposante Erscheinung. Das lag nicht nur an seinem knurrenden Akzent, sondern auch daran, dass er einen Menschen, der ihm auf den Senkel ging, mit einem einzigen Faustschlag ins Reich der Toten befördern konnte.

Jetzt brummte Sartons Quartiermeister etwas, das sowohl ein ›Ja‹ als auch ein ›Nein‹ hätte sein können.

»Hast du endlich in Erfahrung gebracht, wofür er die Kämpfer braucht?«, versuchte Cassiel einen zweiten Anlauf, Lenco zum Sprechen zu bringen.

»Nein«, war die knappe Antwort. Der Hüne warf einen raschen Blick auf Cassiel hinunter, der ihm nur bis zu den Schultern reichte, obwohl er nicht von kleiner Statur war.

»Du vergisst, dass ich das Luftelement und auch ein bisschen Magie in mir trage.« Cassiel verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. »Du hast mich gerade angelogen, das sehe ich dir an.«

»Hör auf damit!«, herrschte Lenco ihn an. »Ich mag es nicht, wenn du in meinem Kopf herumspukst!«

Cassiel schenkte ihm ein mildes Lächeln. »Ich spuke doch nicht in deinem leeren Kopf herum. Ich kann es nur in deinen wunderschönen, braunen Augen sehen, mein Großer.«

Lenco knurrte einen leisen Fluch, was Cassiel auflachen ließ.

Er schüttelte den Kopf und grinste. »Ach, Lenco. Du bist wie immer viel zu angespannt … aber macht nichts, sobald wir bei den Barbaren sind, darfst du dich wieder prügeln. Wie ich von Sarton erfahren habe, lieben es diese Wildlinge ja, ihre Verbündeten – ebenso wie ihre Feinde – zum Zweikampf herauszufordern.«

Für einen kurzen Moment war ein Leuchten in Lencos dunklen Augen zu erkennen, ehe sich seine Miene wieder verschloss und er stur in die Richtung starrte, in die sie segeln wollten. Beim besten Willen konnte Cassiel nicht erkennen, ob es sich bei dem Leuchten um Angst oder Vorfreude gehandelt hatte. Er tippte auf Letzteres und grinste breiter.

Er wusste, dass es dem Hünen zu schaffen machte, dass er in den vergangenen Jahren kein Schiff mehr überfallen durfte und sein Dolch gerade mal zum Kartoffelschälen verwenden konnte. Lenco war für den Kampf geschaffen, fürs Versenken von Schiffen – nicht für deren Bergung. Doch Sarton hatte seine Mannschaft angewiesen, sich aus jeglichen Streitereien herauszuhalten. Er wollte so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf sich und die beiden Schiffe lenken. Und vor allem das schwer erstandene Gold nicht in einem unsinnigen Kampf verlieren.

Cassiel hatte mit eigenen Augen gesehen, dass inzwischen ein Vermögen von schier unschätzbarem Wert auf der Smaragdwind gelagert war. Wenn sie jetzt jemand überfiele, wäre die jahrelange Arbeit umsonst gewesen. Daher hatten sie seit einem Jahr die Schwarze Möwe, ein schnittiges Segelschiff, das mit mehreren Dutzend Kanonen ausgestattet war, als Begleit- und Schutzschiff dabei. Im Falle eines Kampfes wäre es für die Verteidigung des Goldes zuständig.

Sie segelten mit Absicht in wenig befahrenen, friedlichen Gewässern, damit niemand auf die Idee kam, sie anzugreifen. Nur, wenn sie ein neues Wrack ausgemacht hatten, änderte Sarton seine Taktik. Dann ließ er die Smaragdwind im sicheren Gewässer ankern, während er mit der Schwarzen Möwe zum Schiffswrack segelte, um es auf Schätze zu untersuchen.

Insgeheim hoffte Cassiel dann jedes Mal, dass es nicht doch noch zum Kampf käme. Er scheute sich zwar keineswegs vor Auseinandersetzungen, aber die Besatzung war in den letzten Jahren zu einer Art zweiten Familie geworden. Er mochte fast alle Männer, die unter Sarton und Lenco dienten, und ein Kampf würde nur bedeuten, dass einige von ihnen sterben mussten.

Er hasste nichts so sehr wie den Tod – vor allem, wenn es Menschen betraf, an denen ihm etwas lag.

Seine Gedanken wanderten unwillkürlich wieder zu dem Mädchen, das ihn dazu gebracht hatte, Chakas Hals über Kopf zu verlassen.

Wo sie jetzt wohl sein mochte? Lebte sie überhaupt noch? Und wenn ja, war sie immer noch im magischen Zirkel, um dort zur Greifenreiterin ausgebildet zu werden? Hatte sie womöglich inzwischen eine eigene Familie? Kinder? Erinnerte sie sich überhaupt noch an ihn?

Mehr als einmal war er nahe dran gewesen, sich von Sarton zu verabschieden und zu den Ratten von Chakas zurückzukehren. Doch sein schlechtes Gewissen, seine Feigheit und vor allem die Angst vor einer Enttäuschung hatten ihn jedes Mal davon abgehalten, ihn regelrecht mit ihren kalten Klauen zurückgezerrt und stattdessen weiter aufs Meer hinausgetrieben.

Alles, was ihm seine inneren Dämonen gestatteten, war, alle paar Monate einen Brief an seinen Vater Aren zu schicken, der diesen darüber informierte, dass er noch lebte. Zu mehr war er bisher einfach nicht fähig gewesen … selbst wenn er noch so gerne Mica wiedergesehen, sich für sein Verhalten entschuldigt und seine Lippen auf ihre gelegt hätte, um das Vergangene ungeschehen zu machen.

Doch so sehr sich sein Herz auch nach dieser Versöhnung sehnte, so sehr erstarrte sein Körper gleichzeitig in der Furcht, dass er sie für immer verloren haben könnte. Das hätte er nicht überstanden. Nicht noch einmal. Da erschien es ihm das weniger große Übel, in Ungewissheit zu leben, anstatt sich der Realität zu stellen.

Samja hatte recht behalten: Er war kaputt. Viel zu kaputt, um sich mit seiner Vergangenheit oder gar mit Mica auseinanderzusetzen. Der einzige Ort, wo er etwas ausrichten konnte und wo er sich einigermaßen sicher fühlte, war hier auf See. Seit Sarton ihn zum zweiten Quartiermeister ernannt hatte, hatte Cassiel wieder eine Aufgabe gefunden, die ihn ausfüllte und seinem Leben einen Sinn gab. Die Mannschaft der Schwarzen Möwe schien auf ihn zu hören und zeigte ihm gegenüber Respekt. Dazu brauchte er keine Meerjungfrau, die wie bei Faím seine Kräfte verstärkte. Cassiel wurde auch so akzeptiert.

»Denkst du wieder an die Kleine?«, wollte Lenco wissen und riss ihn damit aus seinem Grübeln.

Er hasste es, wenn Lenco den Spieß umdrehte und ihn seinerseits durchschaute. Er hatte niemandem Micas Namen verraten aus Angst, dass jemand sie womöglich kannte und ihm Dinge verriet, die ihn nur noch mehr nach Chakas zurücktreiben und seinen inneren Kampf ins Unerträgliche steigern würden. Ja, er war eindeutig ein feiger, kaputter Mann …

Nur Sarton hatte er sich eines Abends anvertraut – zumindest so weit, dass er wegen eines Mädchens die Stadt verlassen hatte. Die genauen Gründe oder wer sie war, hatte er jedoch nicht genannt. Das ging niemanden etwas an.

Offenbar hatte der Kapitän danach aber mit seinem Quartiermeister ein kleines Schwätzchen gehalten, denn seither wusste es auch Lenco. Immerhin hielten die beiden Männer ansonsten dicht, denn keiner der anderen Seeleute hatte Cassiel auf das Mädchen angesprochen, das er damals in der dunklen Gasse in sein Herz gelassen hatte … in den Teil, der aus seiner Vergangenheit noch übrig gewesen war und den er in Chakas zurückgelassen hatte, weil er sich einredete, nicht gut genug für sie zu sein. Den Teil, den er mit jedem Tag, der verging, mehr vermisste. Jede Körperfaser schrie förmlich danach, dass er zu ihr zurückkehren sollte. Und wenn er auf diese innere Stimme hörte, waren die Schmerzen fast größer, als wenn er abermals am ganzen Leib in Flammen gestanden hätte.