Die großen Schlachten - Jan N. Lorenzen - E-Book

Die großen Schlachten E-Book

Jan N. Lorenzen

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Beschreibung

Geschichte wird oft verbunden mit historischen Schlachten: Schlachten, die zu historischen Umbrüchen führten und sich tief in das Bewusstsein eingegraben haben. Doch entspricht das auch den Fakten? Und wie haben seinerzeit die einfachen Menschen Wendepunkte der Geschichte erlebt?

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Lorenzen, Jan N.

Die großen Schlachten

Mythen, Menschen, Schicksale

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Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Copyright © 2006. Campus Verlag GmbH

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E-Book ISBN: 978-3-593-40252-9

|7|Einleitung

Große Schlachten üben seit jeher eine Faszination aus – und das nicht nur auf Historiker. Sie werden als Wendepunkte der Weltgeschichte verstanden, das macht ihre Anziehungskraft aus: Schlachten entscheiden Geschichte. Hätten die Türken 1529 Wien erobert, ganz Europa wäre von ihnen überrollt worden – so lautet eine gängige These. Hätte Napoleon 1813 bei Leipzig nicht eine Niederlage hinnehmen müssen, dann wäre die Koalition, die sich gegen ihn zusammengeschlossen hatte, auseinander gefallen und Napoleon hätte sein Reich stabilisieren können – so lautet eine andere Überlegung.

Offen oder verdeckt gehört die Frage nach dem »Was wäre wenn ...« stets zu den Schilderungen einer Schlacht. Was wäre geschehen, wenn der Kurierreiter bei seinem entscheidenden Ritt abgefangen worden wäre? Was wäre passiert, wenn ein Bataillon nur eine halbe Stunde früher auf dem Schlachtfeld erschienen wäre? Wie wäre es ausgegangen, wenn der Feldherr etwas weniger zögerlich reagiert hätte? Sähe die Welt heute anders aus?

Die Vorstellung, dass Schlachten »entscheidend« sind, verführt dazu, sie aus dem Rückblick militärisch zu analysieren, um die »ausschlaggebenden« Momente zu finden und die vermeintlichen Fehler der Truppenführer zu orten. In letzter Instanz könnte man den Lauf der Weltgeschichte damit auf kleine und kleinste Ereignisse und Zufälligkeiten zurückführen. Doch diese Sichtweise hat ein Deutungsproblem. Im Nachhinein betrachtet können die meisten Schlachten bereits als entschieden angesehen werden, bevor sie überhaupt begonnen wurden: Als die Osmanen im Herbst 1529 vor Wien die Waffen streckten, waren ihre Versorgungslinien überdehnt, der Nachschub funktionierte nicht in ausreichendem Maße. Und selbst wenn das osmanische Heer die Stadt hätte einnehmen können – es wäre vermutlich im selben Herbst wieder abgezogen. Dasselbe gilt für fast alle Schlachten: Auch wenn |8|Napoleon mit seinem Feldherrngenie das Ruder in der Völkerschlacht bei Leipzig noch einmal hätte herumreißen können – die innenpolitischen Probleme in seinem Reich waren so gewaltig, die Koalition gegen ihn war so stark, dass ihm die »entscheidende« Niederlage an einem anderen Ort beigebracht worden wäre.

Doch mit der Feststellung, dass das »Kriegsglück« nur selten von dem Erfolg in einer einzigen Schlacht abhängt, ist das Problem nur beschrieben, nicht gelöst. Die Fragen, die sich stellen, sind geblieben: Was entscheidet eine Schlacht? Und vor allem: Was wird durch eine Schlacht entschieden?

Eine neue Perspektive

Die Antwort auf die Frage, was eine Schlacht entscheidet, fällt relativ leicht: das militärische oder logistische Konzept, die Art der Bewaffnung, die Fähigkeiten der Generäle und der Truppenführung, die Ausbildung und die Motivation der Soldaten. Selbst dem Zufall wird im Chaos einer Schlacht eine bedeutende Rolle zugebilligt.1

Doch was wird durch eine Schlacht entschieden? Ein Krieg? Die Zukunft eines Reiches? Gar das Schicksal eines Volkes? Um diese Frage zu beantworten, muss man weiter ausholen und einen Perspektivenwechsel in der Geschichtswissenschaft beschreiben, der Mitte des 20. Jahrhunderts seinen Ausgang nahm.

Damals begannen die Historiker, sich stärker für längerfristige soziale und wirtschaftliche Entwicklungen zu interessieren, da man darin die Maßstäbe für den Erfolg einer Gesellschaft erkannte: ihre Modernität, die Effektivität ihrer staatlichen Organisation, beides bestimmt gewissermaßen den Erfolg einer Nation – auch im Krieg.

Als klassische Darstellung dieser Betrachtungsweise gilt zum Beispiel Paul Kennedys umfangreiche Studie über Aufstieg und Fall der großen Mächte, in der Kennedy einen direkten Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft und dem Erfolg in kriegerischen Auseinandersetzungen herstellt. Unterblieb in Friedenszeiten die staatliche und wirtschaftliche Modernisierung, war der militärische Niedergang vorgezeichnet. Eine einzelne Schlacht hat nach dieser Vorstellung keine entscheidende Bedeutung mehr, sie kann lediglich als offenkundiger Höhepunkt einer Entwicklung gelten, der tiefere Ursachen zugrunde liegen.2

|9|Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum es heute nicht mehr ausreicht, sich mit Schlachten in einem Sinne zu beschäftigen, wie es die so genannte Offizial- oder Stabsgeschichte tat. Begründet wurde diese Art der Kriegsgeschichtsschreibung in Deutschland wesentlich von Helmuth von Moltke, im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 Chef des preußischen Generalstabes. Wir werden ihm im Kapitel über die Schlacht bei Sedan wieder begegnen.

Offizial- oder Stabsgeschichte meint die präzise und gewissenhafte Schilderung von Kriegs- und Schlachtenverläufen, ihre Nacherzählung mithilfe von Karten, die strategische und taktische Analyse der Aktionen der beteiligten Truppenverbände und darüber hinaus die Einteilung von Schlachten in Kategorien wie Grabenschlacht, Materialschlacht, Umzingelungsschlacht, Durchbruchsschlacht und Ähnliches. Diese Art der Militärgeschichte umfasst zudem die Lehre von Waffen und Waffensystemen, von Infanterie, Kavallerie und Artillerie, von Muskete und Zündnadelgewehr, von Haubitze und Schrapnell, von Langbogen und Hellebarde, von Ritterrüstungen und Kriegsschiffen.

Populär war diese Form der Geschichtsbetrachtung im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Heute wird sie praktisch nur noch in der Offiziersausbildung an Militärakademien gelehrt. Im wissenschaftlichen Diskurs jedoch ist diese Art der Schlachtenbetrachtung abgelöst worden durch eine Geschichtsschreibung, die sich zunächst darauf konzentrierte, die sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungslinien einer Gesellschaft zu erforschen, um sich dann, mit einem veränderten Konzept, wieder der Schlacht zuzuwenden. Die Fragestellung lautete nun: Warum wird eine einzelne Schlacht, auch wenn ihr aus wissenschaftlicher Sicht keine ausschlaggebende Bedeutung zuzumessen ist, überhaupt als entscheidend wahrgenommen?

Die Antwort auf diese Frage scheint zunächst relativ einfach: Eine Schlacht wird dann als »Entscheidungsschlacht« verstanden, wenn sie ein Kräfteverhältnis deutlich sichtbar macht, das schon zuvor existierte; wenn die eigene Über- oder Unterlegenheit danach nicht mehr infrage gestellt werden kann. In der Wahrnehmung der Zeitgenossen wird eine Schlacht dann zu einer Entscheidungsschlacht, wenn sie einen eindeutigen Sieger und einen offenkundigen Verlierer kennt; Triumph und Niederlage müssen so vollständig sein, dass weitere kriegerische Auseinandersetzungen sinnlos sind.3

Doch so simpel diese Antwort klingt, damit wurde ein völlig neues Forschungsfeld eröffnet: Von nun an galt es, Schlachtengeschichte als |10|die Geschichte ihrer Wahrnehmung zu schreiben. Und dabei kristallisierten sich zwei Ansätze heraus, die beide auf eine sehr interessante Art und Weise miteinander verbunden sind: Im ersten wird das Schlachtfeld als individueller Ort der Erinnerung verstanden, im zweiten geht es um die Frage, wie aus einem persönlichen Erleben eine kollektive Wahrnehmung wird.

Das Schlachtfeld als Ort der individuellen Erinnerung

Bei diesem Ansatz handelt es sich um den Versuch, die Schlacht aus den persönlichen Erinnerungen der einfachen Soldaten und der betroffenen Zivilbevölkerung zu rekonstruieren. Geprägt hat diese Forschungsrichtung Mitte der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts der britische Historiker John Keegan mit seinem Buch Das Antlitz des Krieges.4

Der Perspektivenwechsel ermöglicht der Kriegsgeschichtsschreibung geradezu umwälzende Feststellungen. Die wichtigste Erkenntnis ist, dass der Blick der Soldaten in einem zentralen Punkt nicht mit der Sichtweise des Feldherrn übereinstimmen kann: Während der Feldherr, umgeben von seinen Stabsoffizieren im Hauptquartier, also in relativ stabiler Umgebung, die Geschehnisse der Schlacht betrachtet und seine Befehle gibt, ist die Situation des einfachen Soldaten viel komplexer. Zum einen ist es ihm unmöglich, ein geordnetes Bild der Schlacht zu gewinnen. Auch wenn sein Bataillon vorrückt, kann zur selben Zeit – ohne dass er es erfährt – die Schlacht an anderer Stelle verloren gehen. Zum anderen aber ist seine Umgebung bedeutend unsicherer:

»Weite Strecken des Kampfes mag er als leicht besorgter Zuschauer verbringen, weil ihm eine Laune des Schicksals einen verhältnismäßig gefahrlosen Ausblick auf andere Kämpfende einräumt, und dann sieht er vielleicht plötzlich nur noch die Erdklumpen, auf die er sich schutzsuchend geworfen hat. [...] Nacheinander kann er Langeweile, Jubel, Panik, Wut, Kummer, Bestürzung und auch jene sublime Emotion empfinden, die wir Mut nennen.«5

Was John Keegan in diesen Sätzen beschreibt, gilt für die Mehrzahl der Soldaten, die an einer Schlacht beteiligt sind. Aus ihren Berichten wird deutlich, dass kaum ein Erlebnis sich im Leben dieser Menschen so stark ins Gedächtnis einprägte wie die Schlacht; selten stellte sich die Frage nach Überleben oder Sterben so unmittelbar. Die stete Todesdrohung |11|wurde zur kollektiven Fundamentalerfahrung aller Beteiligter. Und aus diesem Erleben ergibt sich ein Konflikt mit der üblichen Betrachtungsweise einer Schlacht und dem Wertesystem des Feldherrn: »Gewinnen« oder »verlieren« sind für den einfachen Soldaten sekundäre Kategorien. Primär geht es für ihn nur um eines: ums eigene Überleben. Diese fundamentale Erfahrung einzufangen, das Antlitz der Schlacht aus der Perspektive der einfachen Soldaten und der betroffenen Zivilbevölkerung darzustellen, ist das Ziel des vorliegenden Buches.

Doch bei der Lektüre von Augenzeugenberichten ist Vorsicht geboten. Schilderungen von Beteiligten sind nur selten frei von Zwängen und Wünschen, von Rechtfertigungsversuchen oder Verharmlosungen; immer ist der Ruf des Verfassers abhängig vom Inhalt seiner Beschreibungen. Soldatenberichte sind deshalb stets, wie alle Memoiren und autobiografischen Aufzeichnungen, Teil der Selbstinszenierung – besonders wenn sie dazu dienen, im Erinnerungsaustausch zwischen Veteranen die eigene Leistung und den persönlichen Mut aufzubauschen oder wenn sie Kindern oder Enkeln von den eigenen Erlebnissen berichten sollen. Vom Urteil seines sozialen Umfeldes kann ein Verfasser sich niemals gänzlich frei machen. Bereits im Moment des Erlebens, erneut beim Sortieren der Erinnerungen und schließlich beim Wiedergeben wird das Erlebte im Sinne dieser sozialen Gruppe gedeutet – oder ihr entgegengestellt.

Damit ist angedeutet, was im Mittelpunkt des zweiten modernen Ansatzes der Geschichtswissenschaft im Umgang mit historischen Schlachten steht: Es geht um die Frage, wie aus der persönlichen Wahrnehmung des einfachen Soldaten die kollektive Wahrnehmung einer sozialen Gruppe werden kann. Die Schlüsselbegriffe dieses Forschungsansatzes sind »Gedächtniskultur« und »Erinnerungsort«.

Das Schlachtfeld als Erinnerungsort

Seit der Etablierung der Geschichtsschreibung als Wissenschaft im 19. Jahrhundert galt es als wichtigstes Paradigma, den Mythos von der Realität zu trennen und, nach einer berühmten Forderung Leopold von Rankes, Geschichte so zu erzählen, »wie es eigentlich gewesen«. Quellen sollen in diesem Sinne sorgfältig überprüft, Thesen aufmerksam abgewogen, Werturteile weitgehend vermieden werden. |12|Wirklich gelungen ist dies nie. Objektivität ist das hehre Ziel, das aber nie erreicht werden kann. Jede Generation hat ihre Geschichte neu geschrieben und gedeutet – auch die Schlachten unterlagen der Mode und dem Zeitgeist.

Der mit den Begriffen »Erinnerungsort« und »Gedächtniskultur« operierende neue Forschungsweg geht von völlig anderen Voraussetzungen aus. Er versucht nicht mehr, Mythos und Realität zu scheiden; aus der Einsicht, dass dies nicht gelingen kann, entstand der Ansatz, beides miteinander zu verbinden und den Mythos dabei als Teil der Realität zu betrachten. Den Durchbruch erlangte diese Forschungssicht durch das siebenbändige Werk Les lieux de mémoire (Orte der Erinnerung), herausgegeben vom französischen Historiker Pierre Nora.6 Pierre Nora und seine Mitstreiter versuchen nicht mehr, die Geschichte Frankreichs als eine »Gesamtheit von Realitäten« zu beschreiben; sie definieren Frankreich vielmehr als eine Realität, »die selbst symbolisch ist«. Dieser metaphysischen Überhöhung, die sich an bestimmten Orten und in eigenen Mythen manifestiert, gelte es nachzuspüren.7

Für historische Schlachten ist dieser Ansatz in besonderem Maße gültig. Ein Schlachtfeld bedeutet viel mehr als nur den Ort, an dem eine Schlacht mehr oder weniger zufällig stattfand; es ist auch mehr als ein Ort der unmittelbaren, der persönlichen Erinnerung der Beteiligten. Denn mit dem Ereignis selbst setzt auch der Kampf um die Deutungshoheit darüber ein. Durch Ansprachen, Staatsakte oder Denkmäler wird die Erinnerung an eine Schlacht in kulturelle Formen gebracht. Mit Gedenktagen wird das Ereignis politisch interpretiert und instrumentalisiert. Besonders gilt dies für Schlachten, die mit den Attributen »groß« oder »entscheidend« beschrieben, die als »schicksalhaft« empfunden oder als »Wendepunkte« angesehen werden. Eine Schlacht kann für eine ganze Nation oder eine bestimmte soziale Gruppe zu einem »Erinnerungsort« mit legendenhaften Dimensionen werden. Und um diesen »Erinnerungsort« herum bildet sich das, was Historiker als »Gedächtniskultur« bezeichnen.

Im vorliegenden Buch wird deshalb die Perspektive »von unten« zwar beibehalten, jedoch auch die mythologische Grundstruktur der jeweiligen Schlachten in die Betrachtung mit einbezogen. Es muss bewusst bleiben, dass die Augenzeugenberichte – auch wenn sie noch so zeitnah zum Ereignis abgefasst wurden – nicht ohne den Rückgriff auf die Erinnerungskultur der jeweiligen sozialen Gruppe entstanden sind. Teilweise gilt dies sogar kapitelübergreifend. Der bayerische Soldat |13|Florian Kühnhauser, auf dessen Bericht das Kapitel über den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 wesentlich beruht, zieht in die Schlacht von Sedan mit der Erwartung, eine »Völkerschlacht« wie anno 1813 zu erleben. Sein Erleben der Schlacht in Frankreich zur Kenntnis zu nehmen, ohne den Mythos der Völkerschlacht zu kennen, und die mythologische Überhöhung der Schlacht bei Sedan zu schildern, ohne darauf einzugehen, dass sie auf die Symbolik der Völkerschlacht zurückgreift, wäre also kaum möglich.

Sieg und Niederlage in der Erinnerungskultur

Die Entscheidung, die Schlachten sowohl aus der Sicht der einfachen Soldaten als auch unter Beachtung ihrer jeweiligen Symbolik darzustellen, bringt eine weitere Schwierigkeit mit sich. Denn zu einem Kampf gehören Sieg und Niederlage. Beides eignet sich gleichermaßen zur sinnbildlichen Überhöhung – doch unter völlig unterschiedlichen Vorzeichen für die Sieger beziehungsweise die Besiegten.

Dazu zwei Beispiele: Während Wien nach dem Abzug des osmanischen Heeres 1529 als Bollwerk des christlichen Europa gegen die muslimische Gefahr galt, wurde es für die osmanischen Seite zu einem Ort des Verlangens und der Sehnsucht, zur legendären Stadt des »goldenen Apfels«. Und während man den 2. September, den Tag der Schlacht bei Sedan 1870, in Deutschland zum »Sedantag«, zum inoffiziellen Feiertag der Konstituierung des deutschen Kaiserreichs machte, hieß es auf französischer Seite bald, es habe des Schocks von Sedan bedurft, um Frankreich aus seiner Agonie zu reißen. In beiden Ländern erhielt der Tag damit identitätsstiftende Wirkung – allerdings in völlig unterschiedlichen Deutungsmustern.

Doch nicht immer wird eine Schlacht für beide Kampfparteien gleichermaßen zum Symbol: Ein »entscheidender Sieg« für die einen ist nicht notwendigerweise eine »vernichtende Niederlage« für die anderen. Das markanteste Beispiel hierfür ist die Völkerschlacht bei Leipzig: Nur in Deutschland konnte sie zu einem Erinnerungsort werden; nur hier nahm man sie als »Entscheidungsschlacht« innerhalb der so genannten Befreiungskriege gegen Napoleon wahr. In Frankreich dagegen ist die Völkerschlacht ohne jegliche Relevanz für die Gedächtniskultur: Nicht einmal der Begriff »Völkerschlacht« ist bekannt; als »Schlacht bei Leipzig« ist sie eine unter vielen. Die napoleonische Niederlage |14|ist für das französische Erinnern mit einem anderen, späteren Ereignis verbunden: der Schlacht bei Waterloo.

Deutlich zeigt sich also, wie wenig die Vergabe des Attributs »entscheidend« mit der vermeintlichen Realität zu tun hat. Sie ist vielmehr abhängig von Wahrnehmung und Perspektive. Und wie sich im speziellen Fall der Völkerschlacht noch zeigen wird, bezieht sich das Beiwort »entscheidend« zuweilen nur vorgeblich auf den Gegner. Seine eigentliche Bedeutung, seine identifikatorische Wirkung strahlt vielmehr nach innen aus: Die Völkerschlacht war konstitutiv und damit »entscheidend« für die deutsche Nationalbewegung. Ähnlich, allerdings bedeutend komplexer, ist die Lage im Falle Wiens und des Sieges gegen die Türken 1529. Doch darauf wird in dem entsprechenden Kapitel einzugehen sein.

Das Beispiel Sedans weist auf ein weiteres Paradoxon hin, das der gängigen Vorstellung widerspricht, eine gewonnene Schlacht könne das Schicksal einer Nation auf Jahrzehnte beeinflussen. Anhand des deutschen Sieges und der französischen Niederlage 1870/71 hat der deutsche Soziologe Wolfgang Schivelbusch darauf hingewiesen, dass der Erfolg im Krieg die Notwendigkeit von Reformen in Deutschland verdeckte, während die Niederlage in Frankreich neue Kräfte freisetzte und zu einem Modernisierungsschub führte. Offenkundig, schreibt Schivelbusch, sei die Orientierung der Verlierer am Erfolgsmodell der Sieger – eine Beobachtung, die ebenfalls zu diskutieren sein wird.8

Die ausgewählten Schlachten

Vier Schlachten werden im vorliegenden Band vorgestellt: Die Belagerung Wiens durch die Türken 1529, die Erstürmung Magdeburgs im Dreißigjährigen Krieg 1631, die Völkerschlacht bei Leipzig 1813 und die Schlacht bei Sedan 1870. Der Begriff der Schlacht ist dabei bewusst weit gefasst. Er bezeichnet nicht nur das klassische Gefecht von Armeen auf einem überschaubaren Schlachtfeld (Leipzig 1813 und Sedan 1870), sondern umfasst auch eine mehrwöchige Belagerung (Wien 1529) und die Erstürmung und Zerstörung einer Stadt (Magdeburg 1631). Wichtig für die Auswahl war zunächst, dass alle Schlachten den Charakter eines »Erinnerungsortes« haben. Sie alle entwickelten im Laufe der Geschichte einen eigenen Mythos, eine eigene Mythologie, der zum Teil bis heute nachwirkt.

|15|Ein weiteres Kriterium war die Verfügbarkeit von Quellen, die es ermöglichen, der gewünschten Perspektive »von unten« gerecht zu werden.

Drittes Kriterium für die Auswahl war, dass die Schlachten hinsichtlich medizinischer Versorgung, Waffentechnik und der sozialen Situation der Beteiligten für die jeweilige Zeit als exemplarisch gelten können, sodass über die konkrete Erfahrung hinaus verallgemeinernde Aussagen getroffen werden können.

Dieses Buch ist entstanden als Begleitband zur Fernsehreihe Die großen Schlachten im Auftrag des Mitteldeutschen Rundfunks, des Westdeutschen Rundfunks, des Hessischen Rundfunks und des Saarländischen Rundfunks. In seiner Detailfülle und in seinem methodischen Ansatz geht es jedoch weit über die Fernsehreihe hinaus.

|17|1529

Die Belagerung Wiens

|19|Vom 24. September bis zum 16. Oktober 1529 belagerte ein gewaltiges osmanisches Heer die Stadt Wien. Süleyman der Prächtige, der türkische Sultan, war ausgezogen, um den »goldenen Apfel der Deutschen«, wie die Osmanen Wien nannten, zu erobern. Die Situation der Verteidiger schien aussichtslos: Fast die gesamte Bürgerschaft war aus der Stadt geflohen. Nur etwa 17000 Söldner hielten sich in Wien innerhalb der Stadtmauern auf, um sie gegen 150000 Angreifer zu verteidigen. Als sich das osmanische Heer näherte, mussten die Verteidiger Wiens mit ansehen, wie sich in den Siedlungen vor den Toren der Stadt ein Blutbad abspielte.

»Die Leute viel tausend jämmerlich ermordet, erschlagen und weg geführt, und das zum erbärmlichsten. Die Kinder aus der Mütter Leib geschnitten, weg geworfen oder auf die Spieße gesteckt. Die Jungfrauen, deren Körper man viel auf den Straßen liegen sieht, bis in den Tod genötigt«, so beschreibt ein Augenzeuge das Vorgehen der osmanischen Soldaten: »Der Allmächtige möge ihrer Seelen gnädig und barmherzig sein und solche Morde an den grausamen Bluthunden nicht ungerächt lassen.«1

Die Grausamkeiten der Türken gegenüber der Zivilbevölkerung – den Verteidigern Wiens war sie ein Vorzeichen dessen, was auch ihnen widerfahren würde, sollte die Stadt fallen. Drei Wochen lang stand Wien am Rande einer Katastrophe. Mehrmals versuchte Süleyman, die Stadt zu stürmen. Doch schließlich kapitulierte das osmanische Heer angesichts der widrigen Witterungsbedingungen. Völlig demoralisiert begann es, sich am 16. Oktober zurückzuziehen. Wien war gerettet. Noch im Rückmarsch plünderten osmanische Soldaten das gesamte Umland, brannten Dörfer nieder und verschleppten ihre Einwohner in die Sklaverei.

|20|Das osmanische Heer, das 1529 Wien belagerte, war nach heutigen Schätzungen etwa 150000 Mann stark. Die Stadt Wien hatte dagegen nur etwa 20000 Einwohner.

Das Bollwerk des Christentums

Die Nachricht von der Rettung Wiens verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Zahlreiche Flugblätter und Flugschriften verkündeten sie in ganz |21|Europa. Der religiösen Tendenz der Zeit entsprechend, verstand man den Einbruch der Türken ins Abendland als Strafe für die Selbstsucht und Hartherzigkeit der Menschen.2 Einige Darstellungen verbanden dies mit apokalyptischen Vorstellungen; die »Türkenplage« wurde auf eine Stufe gestellt mit Krankheiten wie der Pest oder mit erntevernichtenden Naturkatastrophen wie einer Heuschreckenplage. In den großen Zentren des Buchdrucks wurden diese Berichte unmittelbar nach dem Ende der Belagerung veröffentlicht und in – für damalige Verhältnisse – hoher Auflage verbreitet.

Von Beginn an ist »Wien 1529« damit einer eindeutigen Interpretation unterworfen gewesen. Seit ihrer erfolgreichen Verteidigung galt die Stadt als Europas Bollwerk gegen die »türkische Gefahr« und damit als Bastion gegen die Ausbreitung des Islam. Die Belagerung wurde zur Metapher für osmanische Grausamkeit und muslimische Aggression gegenüber dem Westen. Noch heute gilt Wien als der Ort, an dem diesen Schrecken Einhalt geboten wurde. Bis in die Gegenwart ist die Übereinkunft selbstverständlich, dass eine Niederlage gegen die (muslimischen) Osmanen eine Katastrophe für das (christliche) Europa gewesen wäre. Und noch heute scheint Wien der Ort, an dem sich Europas Schicksal entschied.3 In seinem zum Klassiker erkorenen Buch Kampf der Kulturen schreibt Samuel P. Huntington: »Die Beziehungen zwischen dem Islam und dem Christentum sind häufig stürmisch gewesen. Sie betrachten sich gegenseitig als den Anderen.« Unter Anspielung auf die Wiener Türkenbelagerung führt er aus: »Der Islam ist die einzige Kultur, die das Überleben des Westens hat fraglich erscheinen lassen.«4 Wien ist insofern Teil eines größeren Mythos: des Kampfes des Abendlandes gegen das Morgenland.

Eine Beschäftigung mit der Belagerung Wiens ist darum auch eine Suche nach dem Ursprung dieses Mythos – und man stellt schnell fest, dass Wien nicht der einzige Ort ist, dem in diesem Zusammenhang mythische Funktion zukommt. In Spanien etwa manifestierte sich dieser »Kampf der Kulturen« in der Reconquista, mit der 1492 die arabische Herrschaft über die iberische Halbinsel beendet wurde und in der Seeschlacht bei Lepanto, in der am 7. Oktober 1571 die osmanische Vorherrschaft über das Mittelmeer gebrochen wurde.

Auch in Südosteuropa gab es zwei Schlachten zwischen Christen und Muslimen, die eine große symbolische Wirkung entwickelt haben. Beide haben mit der enormen Expansion des Osmanischen Reiches im 14. und 15. Jahrhundert zu tun. Die erste fand auf serbischem Boden statt: Im Jahre 1389 wurde ein serbisches Heer auf dem Kosovo Polje, |22|dem Amselfeld, von einer osmanischen Armee derart vernichtend geschlagen, dass dies gleichbedeutend war mit dem Ende des serbischen Königreiches und die jahrhundertelange türkische Herrschaft auf dem Balkan einleitete. Noch heute entfaltet die Erinnerung an diese Schlacht in Serbien identitätsstiftende Wirkung: Die Feier ihres 600. Jahrestags am 28. Juni 1989 stand im Zeichen eines wiedererstarkenden serbischen Nationalismus und Hegemonialstrebens; und im Jugoslawien-Krieg der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts war das »Amselfeld« der zentrale Mythos, mit dem der serbische Anspruch auf das mehrheitlich von Albanern bewohnte Kosovo begründet wurde.5

Der zweite Erinnerungsort, der bereits als Teil der unmittelbaren Vorgeschichte der Wiener Türkenbelagerung angesehen werden muss, liegt in Ungarn. Im Jahre 1526 hatte ein osmanisches Heer die Ungarn bei Mohács, einem kleinen Ort knapp 200 Kilometer südlich vom heutigen Budapest, vernichtend geschlagen. Das siegreiche türkische Heer besetzte anschließend die ungarische Königsresidenz. Als selbstständige politische Kraft verschwand das Land für fast 400 Jahre von der politischen Landkarte. In Ungarn wird die Niederlage von Mohács deshalb bis heute als »nationale Katastrophe« angesehen, die »schicksalhafte demographische, ethnische, wirtschaftliche und soziale Folgen« für Ungarn und das »Ungarntum« gehabt habe.6

Doch Mohács war weit mehr als eine Zäsur innerhalb der ungarischen Geschichte. Seit der Schlacht auf dem Amselfeld hatte Ungarn den Sperrriegel gegen die türkische Expansion gebildet – Papst Pius II. bezeichnete Ungarn damals als »Vormauer und Schild der Christenheit« –, nun ging diese Funktion auf Österreich und die Stadt Wien über. Wäre Wien gefallen, dann hätte sich die Verteidigungslinie weiter verschoben. Eine andere Stadt, ein anderer Ort weiter westlich, vielleicht Linz in Österreich, vielleicht Prag in Böhmen, wäre zum neuen »Schutzwall gegen die Türken« erklärt worden.

Der Sehnsuchtsort der Osmanen

Dieser im Kern defensive Prozess, bei dem die Funktion des »christlichen Schutzwalles gegen die Türken« vom serbischen Königreich über Ungarn auf Wien überging, entspricht einem osmanischen Mythos, der die gegenteilige, die offensive Entwicklung beschreibt: Es ist das Bild des »roten« oder »goldenen Apfels«. Seit der Antike galt der Apfel vor allem in der |23|christlichen Kultur als Symbol der Herrschaft. Im Falle des »goldenen Apfels« wurde dieses Bild in das osmanische Denken übernommen und zum Ausdruck von Expansionswillen und Weltherrschaftsanspruch.

Ihren konkreten Ursprung hat die Legende in der Zeit, als das christliche Konstantinopel von den Osmanen belagert wurde. Es gab dort ein Reiterstandbild, das Justinian I. zeigte. In der einen Hand hielt er einen goldenen Reichsapfel. Das Standbild trug dazu die Inschrift: »Ich besitze die Welt, so lange diese Kugel in meiner Hand.« Konstantinopel wurde auf diese Weise zur ersten Stadt des »goldenen Apfels«.

Als ein Gewittersturm 1317 das Kreuz des Reichsapfels herabfegte und die goldene Frucht in der Folge allmählich zerfiel, deutete man dies als ein Zeichen für das Ende des Reiches. Nachdem Konstantinopel 1453 schließlich von Sultan Mehmed II. erobert und die Hagia Sophia, die bisherige Reichs- und Krönungskirche der byzantinischen Kaiser, in eine Moschee verwandelt worden war, nahmen die Osmanen die Metaphorik des goldenen Apfels auf und übertrugen sie auf weitere symbolische Orte der Christenheit – unter anderem auf Stuhlweißenburg, die Krönungsstadt der ungarischen Könige, und auf Ofen, Teil des heutigen Budapest. Als beide Städte erobert waren, erhielten Wien und Rom den Titel einer Apfelstadt; hätten die Türken Wien überwältigt, dann wäre die Bezeichnung vermutlich einer anderen Stadt verliehen worden.

Der »goldene Apfel« – das war ein Ort der Sehnsucht und des Verlangens, stets leuchtend in unerreichbarer Ferne. Aus dieser Vorstellung entwickelte sich nach der abgebrochenen Belagerung Wiens 1529 ein Brauch: Jedes Mal, wenn ein Sultan nach seiner Schwertumgürtung in der Eyüp-Moschee in Istanbul – in ihrer Bedeutung vergleichbar mit der Krönung europäischer Herrscher – zu seinem Palast ritt, hielt er vor der Kaserne der Janitscharen an. Ein Oberst reichte ihm einen vollen Becher, den der Sultan austrank und anschließend mit Goldstücken füllte. Dabei rief er: »Beim goldenen Apfel sehen wir uns wieder!«7 So wie der westliche Mythos vom Bollwerk eine christliche Komponente enthielt, so war auch der osmanische Expansionswillen im Symbol des goldenen Apfels in hohem Maße religiös aufgeladen.

Die Vorgeschichte der ersten Wiener Türkenbelagerung

Diese beiden Mythen haben den Blick auf die Ursachen des Konfliktes, der schließlich zur ersten Wiener Türkenbelagerung im Jahre |24|1529 führte, jedoch eher verdeckt. Um die Hintergründe zu verstehen, muss man zunächst einen Blick auf die politische Landkarte des zeitgenössischen Europa werfen. Im 16. Jahrhundert entstanden die großen Imperien der Neuzeit. Kleinere politische Einheiten waren, wenn nicht zum Untergang, so doch zur Bedeutungslosigkeit verurteilt. Die meisten wurden zur Beute eines der neuen Großreiche, von denen das erste das Osmanische Reich war – ein gigantisches Gebilde mit einem Kerngebiet und einer Pufferzone aus Vasallenstaaten vom Balkan bis in den Nahen Osten und Nordafrika, die vom Sultan in Istanbul zentralistisch regiert wurden.

Unter Sultan Süleyman dem Prächtigen erreichte das Osmanische Reich seine größte Ausdehnung. Die Motive seines Hegemonialstrebens sind unter Historikern stark umstritten. Vielen Forschern, die sich mit der Wiener Türkenbelagerung beschäftigen, ist diese Frage mit dem Hinweis auf die religiöse Komponente bereits ausreichend beantwortet: Die Ausdehnung des Osmanischen Reiches erscheint ihnen als natürliche Folge des religiösen Sendungsbewusstseins der Herrscher in |25|Istanbul, die zugleich auch Kalifen, also religiöse Führer des Islam, waren und ihre Eroberungen offiziell als Feldzüge »zur Bekehrung Ungläubiger« deklarierten.8 Dem entgegen stehen Historiker, die diese religiöse Komponente als vorgeschobene offizielle Begründung begreifen, mit denen die Truppen motiviert und auf ein Ziel eingeschworen werden sollten – das Machtstreben erhielt auf diese Weise eine höhere, göttliche Rechtfertigung.9

|24|Süleyman der Prächtige

Süleyman II., genannt »der Prächtige«, ist der berühmteste Sultan des Osmanischen Reiches. Er wurde am 27. April 1495 als Sohn Selims I. in Trabzon geboren. Nachdem sein Vater das Osmanische Reich Richtung Osten und Süden durch Eroberungskämpfe vergrößert hatte, konzentrierte sich Süleyman auf den Vorstoß nach Mitteleuropa und die innere Organisation des Staates. Beides tat er mit großem Erfolg. Unter seiner Herrschaft entstanden zahlreiche Gesetze, die die Lücken in |25|den Bestimmungen der Scharia, dem islamischen Recht, ausfüllten. In der Türkei wird er deshalb noch heute als »kanuni« (Gesetzgeber) verehrt.

Süleyman I., genannt der Prächtige, osmanischer Sultan von 1520–1566. Unter ihm erreichte das Osmanische Reich seine größte Ausdehnung.

1521 eroberte Süleyman Belgrad. Im Anschluss griff er die Insel Rhodos an, die nach sechsmonatiger Belagerung am 25. Dezember 1522 kapitulierte und ins Osmanische Reich eingegliedert wurde. Im April 1526 zog Süleyman mit 100000 Mann und 300 Kanonen gegen Ungarn. In der Schlacht bei Mohács errang er am 29. August den Sieg und vernichtete damit das ungarische Königreich. Drei Jahre später führte er den Feldzug gegen Wien an, scheiterte dort jedoch. Die türkische Flotte beherrschte zur selben Zeit den größten Teil des Mittelmeers. 1533 wurde Koron erobert und 1534 Tunis unterworfen.

Die osmanischen Eroberungen im westlichen Mittelmeer wie auf dem Balkan blieben allerdings zu Süleymans Lebzeiten hart umkämpft. 1566 – Süleyman war schon über 70 Jahre alt – brach er zu einem abermaligen Heereszug gegen Ungarn auf. Während der Belagerung von Szigetvár starb Süleyman am 5. September 1566.

Das zweite Großreich, das Anfang des 16. Jahrhunderts seine Blütezeit erlebte, war das Reich Karls V., eines Habsburgers. Es umfasste unter anderem die Niederlande, Spanien, Österreich, Deutschland, große Teile Italiens und Kolonien in der Neuen Welt – ein Reich, »in dem die Sonne niemals unterging«. Da Karl V. in diesem riesigen Gebiet nicht überall präsent sein konnte, hatte er seinem Bruder Ferdinand die Herrschaft über Deutschland und die österreichischen Erblande übertragen. Ebenso wie bei Süleyman ist auch bei Karl V. die Frage nach der Motivation umstritten; und auch in diesem Fall gibt es keine eindeutige Antwort. Viele Historiker verstehen Karls Handeln als simples politisches Hegemonialstreben, andere sehen es religiös inspiriert, entwachsen der starken Tradition der katholischen Könige, in Kreuzzügen gegen die »Ungläubigen« zu Felde zu ziehen. Für beide Positionen gibt es Belege, sodass diese Frage letztlich unbeantwortet bleibt.10

|26|Karl V. regierte von 1519 bis 1556 ein Reich, in dem »die Sonne niemals unterging«.

Das Reich der Habsburger und das Osmanische Reich wetteiferten zu Beginn des 16. Jahrhunderts um die Vorherrschaft. Hauptaustragungsort dieser Rivalität war das Mittelmeer: Wer das Meer beherrschte, kontrollierte die wichtigsten Handelsrouten; das Meer stellte den Schlüssel zu Macht und vor allem zu Reichtum dar. Vor diesem Hintergrund war der Balkan – soweit damit nicht die Sicherung der Verkehrswege im östlichen Mittelmeer erreicht werden sollte – von relativ geringem strategischem Interesse. In den zwanziger Jahren des 16. Jahrhunderts jedoch bot sich Süleyman eine besonders günstige Gelegenheit, gerade |27|hier anzugreifen. Er hatte sein Vorgehen mit Franz I. von Frankreich, dem Rivalen Karls V. in Mitteleuropa, abgesprochen: Die so genannte Allianz von Halbmond und Lilien zielte darauf, Habsburg von zwei Seiten zu attackieren. Der Angriff Franz’ I. erfolgte 1526 in Italien; der dadurch ausgelöste Krieg sollte bis 1529 – dem Jahr der Wiener Türkenbelagerung – dauern. Der Angriff Süleymans gegen Habsburg vollzog sich zeitgleich in Ungarn. Durch Heirat war Habsburg mit dem ungarischen Königshaus verbunden. Doch dieses Königtum war schwach, die Niederlage schließlich unabwendbar. Bei der Schlacht von Mohács starb zudem der ungarische Monarch.

Doch trotz des Sieges musste sich Süleyman zurückziehen, da er unerwartet im Osten bedroht wurde. Er hinterließ ein Machtvakuum, das zu schweren innerungarischen Zerwürfnissen führte. In bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen reklamierten zwei Kandidaten den ungarischen Thron für sich: Auf der einen Seite stand Johann Zápolya, der Woiwode von Siebenbürgen. Er hatte sich die Unterstützung Süleymans gesichert, indem er sich bereit erklärte, Ungarn in einen tributpflichtigen Vasallenstaat des Osmanischen Reiches zu verwandeln. Sein Gegenspieler war Ferdinand I., der Erzherzog von Österreich.

Im Oktober 1526 gelang es Johann Zápolya, sich in Stuhlweißenburg, dem traditionellen Krönungsort der ungarischen Herrscher, zum König über Ungarn einsetzen zu lassen. Ferdinand I. führte daraufhin |28|einen Feldzug gegen Zápolya, vertrieb ihn aus Buda und ließ sich am 3. November in derselben Kirche wie zuvor Zápolya zum ungarischen König krönen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Süleyman auf diese offene Provokation und Infragestellung seiner Macht reagieren würde.11 Gesandtschaften der Habsburger vermochten den Sultan nicht zu besänftigen: Als Johann Zápolya Süleyman um Hilfe bat, wurde der Krieg unausweichlich. Im Mai 1529 brach Süleyman darum mit seinem gewaltigen Heer aus Istanbul zu einem Feldzug auf, der in erster Linie als Strafexpedition gegen Ferdinand gesehen werden muss und dessen wichtigstes Ziel die Wiederherstellung der Herrschaft über Ungarn war. Da Karl V. sich noch immer im Krieg mit Frankreich befand, musste Ferdinand weitgehend ohne die Hilfe seines Bruders auskommen – eine annähernd hoffnungslose Situation.

|27|Karl V.

Karl V. wurde als ältester Sohn von Philipp I. dem Schönen und Johanna der Wahnsinnigen von Kastilien am 24. Februar 1500 in Gent geboren. Von seinem Vater erbte er 1506 die nördlichen Teile des ehemaligen Herzogtums Burgund; nach dem Tod seines Großvaters Ferdinand 1516 wurde er König von Kastilien, Aragonien, Navarra, Granada, Neapel, Sizilien, Sardinien und Herrscher über die spanischen Kolonien in Amerika. Als 1519 sein Großvater Maximilian I. starb, erbte Karl auch die Habsburgischen Lande in Deutschland. Bereits in jungen Jahren war er damit Herrscher über ein gewaltiges Reich. Seine Regierungszeit war außenpolitisch durch Kriege mit Frankreich und dem Osmanischen Reich und innenpolitisch durch die Auseinandersetzungen um die Reformation geprägt.

|28|Als gewählter, aber noch nicht vom Papst gekrönter Kaiser des Heiligen Römischen Reiches lud Karl 1521 Martin Luther unter Gewährung freien Geleits vor den Reichstag zu Worms. Dort wurde der Reformator in Reichsacht gelegt. Aufgrund seiner Auseinandersetzungen mit dem französischen König Franz I. und wegen der Bedrohung durch die Expansionsbestrebungen des Osmanischen Reiches gelang es Karl aber nicht, entschieden gegen die Reformation vorzugehen. Angesichts der »Türkengefahr« sah er sich gezwungen, 1532 den Nürnberger Religionsfrieden abzuschließen.

Mit der Eröffnung des Konzils von Trient 1545 leitete Karl V. die Gegenreformation ein. Zehn Jahre später musste er nach mehreren militärischen Niederlagen gegen die protestantischen Reichsstände den Augsburger Reichs und Religionsfrieden anerkennen. Ein Jahr später dankte Karl ab und teilte seinen weitläufigen Besitz auf. Sein Sohn Philipp II. erhielt Spanien und Burgund, sein Bruder Ferdinand I. wurde sein Nachfolger im Heiligen Römischen Reich.

Die Reichshilfe

Augenzeugenberichte der Wiener Türkenbelagerung sind spärlich. Die wichtigste Quelle ist die Chronik des Peter Stern von Labach, des österreichischen Kriegssekretärs. Zwar existieren noch weitere zeitgenössische Darstellungen, doch zumeist sind sie im Umfang recht knapp; |29|einige decken sich über weite Passagen bis ins Wort mit dem Bericht Peter Sterns, sodass die Vermutung nahe liegt, es habe ein enger Austausch zwischen den verschiedenen Chronisten der Belagerung stattgefunden.12 Ob es einen direkten Auftrag Ferdinands für das Werk Peter Sterns gab, ist nicht zu belegen, angesichts seiner Stellung als königlicher Kriegssekretär erscheint es aber sehr wahrscheinlich. Insofern ist seine Darstellung nicht als reiner und unverfälschter Augenzeugenbericht zu betrachten. Trotz der Zusicherung, alles in seinem Bericht sei genau so »in der Stadt gesehen und erinnert worden«, spiegelt sein Bericht die Perspektive der Habsburger wider, was bereits in der Darstellung der Vorgeschichte, die viele Elemente des späteren Mythos vorwegnimmt, ersichtlich wird:

Anfänglich, als man zählt nach Christi unseres Heilmachers Geburt das tausend fünfhundert und neunundzwanzigste Jahr, hat sich der grausame Tyrann und Erbfeind des christlichen Glaubens, türkischer Kaiser Sultan Süleyman genannt, zu Konstantinopel mit all seiner Rüstung und Kriegsvolk, zu Ross und Fuß gerüstet und zubereitet, mit dreihundert Büchsen auf Rädern und zweiundzwanzig tausend Kameltier, darauf er Mehl, Futter; und hernach geführt, des Fürnehmens |30|und Willens die Christenheit und zuvor Deutschland zu bezwingen und ihm untertänig zu machen.1

|29|In der Schlacht bei Mohács am 29. August 1529 wird Ungarn von einem osmanischen Heer vernichtend geschlagen.