Verlag: Suhrkamp Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Die Hauptstadt E-Book

Robert Menasse  

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E-Book-Beschreibung Die Hauptstadt - Robert Menasse

In seinem großen europäischen Roman spannt Robert Menasse einen weiten Bogen zwischen den Zeiten, den Nationen, dem Unausweichlichen und der Ironie des Schicksals, zwischen kleinlicher Bürokratie und großen Gefühlen. Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Sie soll das Image der Kommission aufpolieren. Aber wie? Sie beauftragt den Referenten Martin Susman, eine Idee zu entwickeln. Die Idee nimmt Gestalt an – die Gestalt eines Gespensts aus der Geschichte, das für Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. David de Vriend dämmert in einem Altenheim gegenüber dem Brüsseler Friedhof seinem Tod entgegen. Als Kind ist er von einem Deportationszug gesprungen, der seine Eltern in den Tod führte. Nun soll er bezeugen, was er im Begriff ist zu vergessen. Auch Kommissar Brunfaut steht vor einer schwierigen Aufgabe. Er muss aus politischen Gründen einen Mordfall auf sich beruhen lassen - »zu den Akten legen« wäre zu viel gesagt, denn die sind unauffindbar.

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E-Book-Leseprobe Die Hauptstadt - Robert Menasse

In Brüssel laufen die Fäden zusammen – und ein Schwein durch die Straßen.

Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Sie soll das Image der EU-Kommission aufpolieren. Aber wie? Sie beauftragt den Referenten Martin Susman, eine Idee zu entwickeln. Die Idee nimmt Gestalt an – die Gestalt eines Gespensts aus der Geschichte, das für Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. David de Vriend dämmert in einem Altenheim gegenüber dem Brüsseler Friedhof seinem Tod entgegen. Als Kind ist er von einem Deportationszug gesprungen, der seine Eltern in den Tod führte. Nun soll er bezeugen, was er im Begriff ist zu vergessen. Auch Kommissar Brunfaut steht vor einer schwierigen Aufgabe. Er muss aus politischen Gründen einen Mordfall auf sich beruhen lassen; »zu den Akten legen« wäre zu viel gesagt, denn die sind unauffindbar. Und Alois Erhart, Emeritus für Volkswirtschaft, soll in einem Think-Tank der Kommission vor den Denkbeauftragten aller Länder Worte sprechen, die seine letzten sein könnten.

Und was macht Brüssel? Es sucht einen Namen – für das Schwein, das durch die Straßen läuft. Und David de Vriend bekommt ein Begräbnis, das stillschweigend zum Begräbnis einer ganzen Epoche wird: der Epoche der Scham.

ROBERT MENASSE, geboren 1954 in Wien, lebt dort als Romancier und Essayist.

ZULETZT ERSCHIENEN:

Die Vertreibung aus der Hölle. Roman

Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung. Frankfurter Poetikvorlesungen

Ich kann jeder sagen. Erzählungen vom Ende der Nachkriegsordnung

Der europäische Landbote. Die Wut der Bürger und der Friede Europas

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2017

Der vorliegende Text folgt der 2. Auflage der Erstausgabe, 2017.

© Suhrkamp Verlag Berlin 2017

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

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Prolog

Da läuft ein Schwein! David de Vriend sah es, als er ein Fenster des Wohnzimmers öffnete, um noch ein letztes Mal den Blick über den Platz schweifen zu lassen, bevor er diese Wohnung für immer verließ. Er war kein sentimentaler Mensch. Er hatte sechzig Jahre hier gewohnt, sechzig Jahre lang auf diesen Platz geschaut, und jetzt schloss er damit ab. Das war alles. Das war sein Lieblingssatz – wann immer er etwas erzählen, berichten, bezeugen sollte, sagte er zwei oder drei Sätze und dann: »Das war alles.« Dieser Satz war für ihn die einzig legitime Zusammenfassung von jedem Moment oder Abschnitt seines Lebens. Die Umzugsfirma hatte die paar Habseligkeiten abgeholt, die er an die neue Adresse mitnahm. Habseligkeiten – ein merkwürdiges Wort, das aber keine Wirkung auf ihn hatte. Dann sind die Männer von der Entrümpelungsfirma gekommen, um alles Übrige wegzuschaffen, nicht nur was nicht niet- und nagelfest war, sondern auch die Nieten und Nägel, sie rissen heraus, zerlegten, transportierten ab, bis die Wohnung »besenrein« war, wie man das nannte. De Vriend hatte sich einen Kaffee gemacht, solange der Herd noch da war und seine Espressomaschine da stand, den Männern zugeschaut, darauf achtend, ihnen nicht im Weg zu stehen, noch lange hatte er die leere Kaffeetasse in der Hand gehalten, sie schließlich in einen Müllsack fallen lassen. Dann waren die Männer fort, die Wohnung leer. Besenrein. Das war alles. Noch ein letzter Blick aus dem Fenster. Es gab da unten nichts, was er nicht kannte, und nun musste er ausziehen, weil eine andere Zeit gekommen war – und jetzt sah er … tatsächlich: Da unten war ein Schwein! Mitten in Brüssel, in Sainte-Catherine. Es musste von der Rue de la Braie gekommen sein, lief den Bauzaun vor dem Haus entlang, de Vriend beugte sich aus dem Fenster und sah, wie das Schwein nun rechts an der Ecke zur Rue du Vieux Marché aux Grains, einigen Passanten ausweichend, beinahe vor ein Taxi lief.

Kai-Uwe Frigge, von der Notbremsung nach vorn geworfen, fiel in den Sitz zurück. Er verzog das Gesicht. Er kam zu spät. Er war genervt. Was war jetzt wieder los? Er war nicht wirklich zu spät, es war nur so, dass er bei einem Treffen immer Wert darauf legte, zehn Minuten vor der vereinbarten Zeit da zu sein, vor allem an Regentagen, um sich auf der Toilette noch schnell wieder in Ordnung zu bringen, das regennasse Haar, die beschlagene Brille, bevor die Person kam, mit der er verabredet war –

Ein Schwein! Haben Sie das gesehen, Monsieur?, rief der Taxifahrer. Springt mir fast vor den Wagen! Er beugte sich weit über das Lenkrad: Da! Da! Sehen Sie es?

Jetzt sah es Kai-Uwe Frigge. Er wischte mit dem Handrücken über die Scheibe, das Schwein lief seitlich weg, schmutzig rosa glänzte der nasse Leib des Tiers im Licht der Laternen.

Wir sind da, Monsieur! Näher kann ich nicht ranfahren. Also so was! Läuft mir ein Schwein fast in den Wagen! Schwein gehabt, kann ich da nur sagen!

Fenia Xenopoulou saß im Restaurant Menelas am ersten Tisch neben dem großen Fenster mit Blick über den Platz. Sie ärgerte sich, dass sie viel zu früh gekommen war. Das war nicht souverän, wenn sie schon wartend dasaß, wenn er kam. Sie war nervös. Sie hatte befürchtet, dass es wegen des Regens einen Stau geben würde, sie hatte zu viel Wegzeit einkalkuliert. Nun saß sie bereits beim zweiten Ouzo. Der Kellner umschwirrte sie wie eine lästige Wespe. Sie starrte das Glas an und befahl sich, es nicht anzurühren. Der Kellner brachte eine Karaffe mit frischem Wasser. Dann brachte er einen kleinen Teller mit Oliven – und sagte: Ein Schwein!

Wie bitte? Fenia blickte auf, sah, dass der Kellner gebannt auf den Platz hinausschaute, und nun sah sie es: Das Schwein lief auf das Restaurant zu, in einem lächerlichen Galopp, diese kurzen vor und zurück schwingenden Beinchen unter dem runden schweren Körper. Sie dachte zuerst, das sei ein Hund, eines von diesen abstoßenden Biestern, die von Witwen gemästet werden, aber – nein, es war tatsächlich ein Schwein! Fast wie aus einem Bilderbuch, sie sah den Rüssel, die Ohren als Linien, als Konturen, so zeichnet man für Kinder ein Schwein, aber dieses schien aus einem Horrorkinderbuch entsprungen. Es war kein Wildschwein, es war ein verdrecktes, aber eindeutig rosa Hausschwein, das etwas Irres hatte, etwas Bedrohliches. Am Fenster lief das Regenwasser herunter, verschwommen sah Fenia Xenopoulou, wie das Schwein plötzlich vor einigen Passanten abbremste, die Beinchen durchgestreckt, es rutschte, warf sich zur Seite, knickte ein, gewann wieder Boden und galoppierte zurück, nun in Richtung Hotel Atlas. In diesem Moment verließ Ryszard Oswiecki das Hotel. Schon beim Verlassen des Lifts, während er das Hotelfoyer durchquerte, hatte er sich die Kapuze seiner Jacke über den Kopf gezogen, nun trat er hinaus in den Regen, eilig, aber nicht zu schnell, er wollte nicht auffallen. Der Regen war ein Glück: Kapuze, eiliger Schritt, das war unter diesen Gegebenheiten völlig normal und unauffällig. Niemand sollte später aussagen können, er habe einen Mann flüchten sehen, etwa so alt, schätzungsweise so groß, und die Farbe der Jacke – natürlich, die wisse er auch noch … Rasch wandte er sich nach rechts, da hörte er aufgeregte Rufe, einen Schrei und ein seltsam quietschendes Keuchen. Er hielt kurz inne, schaute zurück. Jetzt bemerkte er das Schwein. Er konnte nicht glauben, was er sah. Da stand ein Schwein zwischen zwei dieser schmiedeeisernen Pfosten, die den Vorplatz des Hotels säumten, es stand da mit gesenktem Kopf, in der Haltung eines Stiers, bevor er zum Angriff übergeht, es hatte etwas Lächerliches, zugleich doch Bedrohliches. Es war völlig rätselhaft: Woher kam dieses Schwein, wieso stand es da? Ryszard Oswiecki hatte den Eindruck, dass alles Leben auf diesem Platz, zumindest soweit er ihn nun überblickte, erstarrt und eingefroren war, die kleinen Augen des Tiers reflektierten schimmernd das Neonlicht der Hotelfassade – da begann Ryszard Oswiecki zu laufen! Er lief nach rechts weg, blickte nochmals zurück, das Schwein riss schnaufend den Schädel hoch, machte ein paar kleine Schritte rückwärts, drehte sich um und rannte quer über den Platz, hinüber zu der Baumreihe vor dem Flämischen Kulturzentrum De Markten. Die Passanten, die die Szene beobachtet hatten, sahen dem Schwein nach und nicht dem Mann mit der Kapuze – und jetzt sah Martin Susman das Tier. Er wohnte in dem Haus neben dem Hotel Atlas, öffnete just in diesem Moment das Fenster, um zu lüften, und traute seinen Augen nicht: Das sah aus wie ein Schwein! Er hatte gerade über sein Leben nachgedacht, über die Zufälle, die dazu geführt hatten, dass er, ein Kind österreichischer Bauern, nun in Brüssel lebte und arbeitete, er war in einer Stimmung, in der ihm alles verrückt und fremd erschien, aber ein frei laufendes Schwein da unten auf dem Platz, das war allzu verrückt, das konnte nur ein Streich seiner Phantasie sein, eine Projektion seiner Erinnerungen! Er schaute, aber er sah das Schwein nicht mehr.

Das Schwein lief auf die Kirche Sainte-Catherine zu, querte die Rue Sainte-Catherine, hielt sich links, den Touristen ausweichend, die aus der Kirche kamen, lief an der Kirche vorbei zum Quai aux Briques, die Touristen lachten, sie hielten wohl das gestresste, fast schon kollabierende Tier für Folklore, für irgendein lokales Phänomen. Manche würden später im Reiseführer suchen, ob es dazu eine Erklärung gab. Werden nicht im spanischen Pamplona an irgendeinem Feiertag Stiere durch die Straßen der Stadt getrieben? Vielleicht macht man das in Brüssel mit Schweinen? Wenn man das Unbegreifliche dort erlebt, wo man gar nicht erwartet, alles zu verstehen – wie heiter ist dann das Leben.

In diesem Moment bog Gouda Mustafa um die Ecke und stieß fast mit dem Schwein zusammen. Fast? Hatte es ihn nicht doch berührt, sein Bein gestreift? Ein Schwein? Gouda Mustafa sprang in Panik zur Seite, verlor das Gleichgewicht und fiel. Nun lag er in einer Pfütze, wälzte sich herum, was die Sache noch schlimmer machte, aber es war nicht der Dreck der Gosse, es war die Berührung, wenn es denn überhaupt eine gewesen war, mit dem unreinen Tier, durch die er sich beschmutzt fühlte.

Da sah er eine Hand, die sich zu ihm hinunterstreckte, er sah das Gesicht eines älteren Herrn, ein trauriges, besorgtes Gesicht, regennass, der alte Mann schien zu weinen. Das war Professor Alois Erhart. Gouda Mustafa verstand nicht, was er sagte, er verstand nur das Wort »okay«.

Okay! Okay!, sagte Gouda Mustafa.

Professor Erhart redete weiter, auf Englisch, er sagte, dass auch er heute schon gestürzt sei, aber er war so konfus, dass er »failed« sagte statt »fell«. Gouda Mustafa verstand ihn nicht, sagte noch einmal: Okay!

Da kam schon das Blaulicht. Die Rettung. Polizei. Der ganze Platz rotierte, flackerte, zuckte im Blaulicht. Die Einsatzfahrzeuge rasten heulend zum Hotel Atlas. Der Himmel über Brüssel tat seine Schuldigkeit: Es regnete. Jetzt schien es blau blitzende Tropfen zu regnen. Dazu nun ein starker Windstoß – der manchem Passanten den Regenschirm hochriss und umstülpte. 

Erstes Kapitel

Zusammenhänge müssen nicht wirklich bestehen, aber ohne sie würde alles zerfallen.

Wer hat den Senf erfunden? Das ist kein guter Anfang für einen Roman. Andererseits: Es kann keinen guten Anfang geben, weil es, ob gut oder weniger gut, gar keinen Anfang gibt. Denn jeder denkbare erste Satz ist bereits ein Ende – auch wenn es danach weitergeht. Er steht am Ende von Abertausenden von Seiten, die nie geschrieben wurden: der Vorgeschichte.

Eigentlich müsste man, wenn man einen Roman zu lesen beginnt, gleich nach dem ersten Satz zurückblättern können. Das war der Traum von Martin Susman, das hatte er eigentlich werden wollen: ein Vorgeschichtenerzähler. Er hatte ein Archäologiestudium abgebrochen und dann erst – egal, das tut hier nichts zur Sache, es gehört zur Vorgeschichte, die jeder Romananfang ausblenden muss, weil es sonst am Ende nie zu einem Anfang kommt.

Martin Susman saß am Schreibtisch, den Laptop hatte er zur Seite geschoben, und drückte aus zwei verschiedenen Tuben Senf auf einen Teller, einen scharfen englischen und einen süßen deutschen, und fragte sich, wer den Senf erfunden hat. Wer ist auf diese schrullige Idee gekommen, eine Paste zu produzieren, die den Eigengeschmack einer Speise völlig überdeckt, ohne selbst gut zu schmecken? Und wie war es möglich, dass sich dies als Massenartikel durchsetzen konnte? Es ist, dachte er, ein Produkt wie Coca-Cola. Ein Produkt, das niemandem fehlen würde, wenn es nicht da wäre. Martin Susman hatte auf dem Heimweg in der Delhaize-Filiale auf dem Boulevard Anspach zwei Flaschen Wein, einen Bund gelbe Tulpen, eine Bratwurst und dazu ganz selbstverständlich auch Senf gekauft, gleich zwei Tuben, weil er sich zwischen süß und scharf nicht entscheiden konnte.

Die Bratwurst hüpfte und zischte nun in der Pfanne, die Flamme war zu stark aufgedreht, das Fett verbrannte, die Wurst verkohlte, aber Martin schenkte dem keine Beachtung. Er saß da und starrte den etwas helleren gelblichen und daneben den dunkelbraunen Senfkringel auf dem weißen Teller an, Miniatur-Skulpturen von Hundekot. Das Anstarren von Senf auf einem Teller, während in der Pfanne eine Wurst verbrennt, ist in der Fachliteratur noch nicht als eindeutiges und typisches Symptom für eine Depression beschrieben worden – dennoch können wir es als solches interpretieren.

Der Senf auf dem Teller. Das offene Fenster, der Regenvorhang. Die modrige Luft, der Gestank von verkohlendem Fleisch, das Knistern des platzenden Darms und brennenden Fetts, die Kotskulpturen auf dem Porzellanteller – da hörte Martin Susman den Schuss.

Er erschrak nicht. Es hatte sich angehört, als wäre in der Nachbarwohnung eine Champagnerflasche geöffnet worden. Hinter der eigentümlich dünnen Wand befand sich allerdings keine Wohnung, sondern ein Hotelzimmer. Nebenan war das Hotel Atlas – was für ein euphemistischer Name für dieses schmächtige Haus, in dem vor allem gebeugte, Trolley-Koffer hinter sich herziehende Lobbyisten abstiegen. Immer wieder hörte Martin Susman, ohne dass es ihn weiter kümmerte, durch die Wand Dinge, die er nicht unbedingt hören wollte. Reality-TV oder, wer weiß, bloß Reality, Schnarchen oder Stöhnen.

Der Regen wurde stärker. Martin hatte den Wunsch, das Haus zu verlassen. Er war auf Brüssel gut vorbereitet. Er hatte bei seinem Abschiedsfest in Wien bemüht sinnige Geschenke als Ausstattung für Brüssel bekommen, darunter neun Regenschirme, vom klassischen britischen »Long« über den deutschen »Knirps« bis zum italienischen »Mini« in drei Benetton-Farben, dazu noch zwei Regenponchos für Radfahrer.

Er saß reglos vor seinem Teller und starrte den Senf an. Dass er später der Polizei genau sagen konnte, zu welcher Uhrzeit der Schuss gefallen war, verdankte sich der Tatsache, dass ihn das vermeintliche Knallen eines Champagnerkorkens dazu animiert hatte, selbst eine Flasche Wein zu öffnen. Er schob das Trinken jeden Tag möglichst weit hinaus, er trank auf keinen Fall vor 19 Uhr. Er sah auf die Uhr: Es war 19 Uhr 35. Er ging zum Kühlschrank, holte den Wein heraus, drehte die Herdflamme ab, kippte die Wurst in den Mülleimer, stellte die Pfanne in den Abwasch, öffnete den Wasserhahn. Das Wasser zischte auf der heißen Pfanne. Schau nicht schon wieder ins Narrenkastl!, hatte seine Mutter gezischt, wenn er vor einem Buch gesessen und mit verlorenem Blick vor sich hin gestarrt hatte, statt im Stall beim Füttern der Schweine und beim Ausmisten mitzuhelfen.

Doktor Martin Susman saß da, vor sich einen Teller mit Senf, schenkte sich ein Glas Wein ein, dann noch eins, das Fenster war offen, ab und zu stand er auf, stellte sich an das Fenster, sah kurz hinaus, dann setzte er sich wieder an den Tisch. Beim dritten Glas wischte Blaulicht durch das Fenster über die Wände seines Zimmers. Rhythmisch blinkten die Tulpen bläulich in der Vase auf dem Kamin. Das Telefon läutete. Er hob nicht ab. Es sollte noch ein paar Mal läuten. Martin Susman sah auf dem Display, wer der Anrufer war. Er hob nicht ab.

Vorgeschichte. Sie ist so bedeutsam und zugleich unscheinbar flackernd wie das ewige Licht in der Kirche von Sainte-Catherine, am anderen Ende des Platzes Vieux Marché aux Grains, an dem Martin Susman wohnte.

Einige wenige Passanten waren vor dem Regen in die Kirche geflüchtet, sie standen unschlüssig herum oder wanderten durch das Kirchenschiff, die Touristen blätterten in ihren Reiseführern und folgten dem Stationenweg der Sehenswürdigkeiten: »Schwarze Madonna, 14. Jahrhundert«, »Porträt der heiligen Katherina«, »Typisch flämische Kanzel, wahrscheinlich aus Mechelen«, »Grabsteine von Gilles-Lambert Godecharle« …

Ab und zu ein Blitz.

Der Mann, der alleine in einer Kirchenbank saß, schien zu beten. Die Ellenbogen aufgestützt, das Kinn auf die verschränkten Hände gelegt, der Rücken rund. Er trug eine schwarze Jacke mit Kapuze, die Kapuze hatte er über den Kopf gezogen, und wäre auf dem Rücken seiner Jacke nicht »Guinness« gestanden, man hätte ihn auf den ersten Blick für einen Mönch in einer Kutte halten können.

Die Jacke mit der Kapuze war wohl dem Brüsseler Regen geschuldet, aber der Eindruck, den er damit machte, verriet doch auch etwas Grundsätzliches über diesen Mann. Er war auf seine Art tatsächlich ein Mönch: Er hielt das Mönchische oder was er sich darunter vorstellte, Askese, Meditation und Exerzitien, für die Rettung in einem Leben, das unausgesetzt von Chaos und Zerstreuung bedroht war. Das war für ihn nicht an einen Orden oder ein Kloster, nicht an Weltabgewandtheit gebunden: Jeder Mann konnte, ja musste, egal was sein Beruf oder seine Funktion war, in seinem Feld ein Mönch sein, der auf seine Aufgabe konzentrierte Knecht eines höheren Willens.

Er liebte es, den gefolterten Mann am Kreuz zu betrachten und an den Tod zu denken. Das war für ihn jedes Mal eine Reinigung der Gefühle, Bündelung des Denkens und Stärkung seiner Energie.

Das war Mateusz Oswiecki. Sein Taufname, der auch in seinem Pass stand, war allerdings Ryszard. Zu Mateusz ist Oswiecki erst als Schüler im Seminar der Lubranski-Akademie in Poznań geworden, wo jeder »erleuchtete Zögling« einen von elf Apostel-Namen als Beinamen erhielt. Er war wiedergetauft und gesalbt worden zu »Matthäus, der Zöllner«. Obwohl er aus dem Seminar ausschied, behielt er den Namen bei, als seinen Nom de guerre. Die Grenzen, an denen er seinen Pass zeigen musste, passierte er als Ryszard. Geheimdienstlich war er, auf Grund der Aussagen einiger ehemaliger Kontaktpersonen, als »Matek« bekannt, die Koseform von Mateusz. So ließ er sich von Mitstreitern nennen. Als Mateusz erfüllte er seine Mission, als Matek wurde er gesucht, als Ryszard schlüpfte er durch die Maschen.

Oswiecki betete nicht. Er formulierte nicht still Sätze, die mit »Herr« begannen und immer nur Wünsche waren, »Gib mir die Kraft –«, dies oder jenes zu tun, »Segne –« dies oder jenes … Man hatte sich nichts zu wünschen von einem absoluten Geist, der schwieg. Er betrachtete den ans Kreuz genagelten Mann. Die Erfahrung, die dieser Mensch beispielhaft für die Menschheit gemacht und am Ende auch ausgesprochen hatte, war die des völligen Verlassen-Seins im Moment der Konfrontation mit dem Absoluten: wenn die Hülle aufgeritzt, aufgeschlagen, aufgeschnitten, durchstochen und aufgerissen wird, wenn die Schmerzensschreie des Lebens in ein Wimmern und endlich in das Schweigen übergehen. Nur im Schweigen ist das Leben dem allmächtigen Geist nahe, der in einer unfassbaren Laune das Gegenteil seines Seins aus sich selbst entlassen hat: die Zeit. Der Mensch kann vom Zeitpunkt seiner Geburt zurück und zurück und weiter zurück denken, ewig, ewig zurück, er wird zu keinem Anfang kommen und mit seinem läppischen Begriff von Zeit nur eines begreifen: Er ist, bevor er war, ewig nicht gewesen. Und er kann vorausdenken, vom Moment seines Todes an in alle Zukunft, er wird zu keinem Ende kommen, nur zu dieser Einsicht: Er wird ewig nicht mehr sein. Und das Zwischenspiel zwischen Ewigkeit und Ewigkeit ist die Zeit – das Lärmen, das Stimmengewirr, das Maschinengestampfe, das Dröhnen von Motoren, das Knallen und Krachen der Waffen, das Schmerzensgeschrei und die verzweifelten Lustschreie, die Choräle der wütenden und der freudig betrogenen Massen, das Donnergrollen und Angstkeuchen im mikroskopischen Terrarium der Erde.

Mateusz Oswiecki betrachtete den gefolterten Mann.

Er hatte die Hände nicht gefaltet. Er drückte mit verschränkten Händen die Fingernägel in die Handrücken, bis die Knöchel krachten und die Haut brannte. Er spürte einen Schmerz, der älter war als er selbst. Er konnte diesen Schmerz jederzeit händeringend abrufen. Sein Großvater Ryszard war Anfang 1940 in den Untergrund gegangen, um unter General Stefan Rowecki im polnischen Widerstand gegen die Deutschen zu kämpfen. Er wurde schon im April desselben Jahres verraten, verhaftet, gefoltert und schließlich in Lublin als Partisan öffentlich erschossen. Damals war die Großmutter im achten Monat schwanger, das Kind kam im Mai 1940 in Kielce zur Welt und erhielt den Namen seines Vaters. Es wurde, um etwaiger Sippenhaftung zu entgehen, nach Poznań zur Familie eines Großonkels gebracht, der die deutsche Volksliste unterschrieben hatte. Dort wuchs er auf und erlebte mit sechzehn Jahren den Aufstand. Der junge Gymnasiast schloss sich der Gruppe von Major Franczak an, um im antikommunistischen Widerstand zu kämpfen. Er wurde bei Sabotageaktionen, später bei Entführungen von Spitzeln der Sicherheitspolizei eingesetzt – und im Jahr 1964 von einem Kameraden für 6000 Zloty verraten. Er wurde in einer konspirativen Wohnung verhaftet und in einem Keller der SB zu Tode gefoltert. Damals war seine Braut Marija bereits schwanger, das Kind kam im Februar 1965 im Dorf Kozice Gorne zur Welt und wurde auf den Namen seines Großvaters und seines Vaters getauft. Wieder ein Sohn, der seinen Vater nicht kennenlernen konnte. Die Mutter erzählte wenig. Einmal: »Wir trafen uns in den Feldern oder im Wald. Zu unseren Rendezvous kam er mit einer Pistole und mit Granaten.«

Ein ewig schweigender Großvater. Ein ewig schweigender Vater. Die Polen, das war Mateks Lehre, hatten immer für die Freiheit Europas gekämpft, jeder, der in den Kampf eintrat, war im Schweigen aufgewachsen und kämpfte, bis er ins Schweigen einging.

Seine Mutter fuhr mit ihm zu den Priestern, suchte Fürsprecher, kaufte Empfehlungsschreiben, sie vertraute auf den Schutz, den die Kirche gewähren konnte. Schließlich brachte sie ihn bei den Schulbrüdern in Poznań unter. Dort erfuhr er selbst die Verletzlichkeit des menschlichen Körpers: Das Blut ist ein Schmier- und Gleitmittel beim Eindringen in die Hülle, die Haut nur feuchtes Pergament, auf das ein Messer Landkarten zeichnet, der Mund und der Schreihals ein schwarzes Loch, das gestopft wird, bis der letzte Laut abstirbt und es stumm nur noch aufsaugt, was Leben spenden sollte. Und dort bekam er auch eine völlig neue Vorstellung von »Untergrund«. Als die Zöglinge ihre apostolischen Schutznamen erhielten, wurden sie in die Katakomben des gewaltig herrlichen Doms von Poznań geführt, in die geheimen unterirdischen Gewölbe und Grabkammern, über Steintreppen, die im Licht der Fackeln schimmerten und blitzten, hinunter in den tiefsten Untergrund, durch einen letzten rohen Stollen in eine Kammer, die sich als versunkene Kapelle des Todes und des ewigen Lebens erwies: ein Tonnengewölbe, im 10. christlichen Jahrhundert hundert Fuß unter der blutgetränkten Erde Polens in den Stein hineingetrieben. An der Stirnseite dieses Raums befand sich ein monumentales Kreuz mit einer erschreckend naturalistischen Christusgestalt, dahinter Reliefs von Engeln, die aus dem Stein hervortraten oder in ihn hinein- und durch ihn hindurchzugehen schienen, schrecklich lebendig im Flackern der Flammen. Davor eine Madonna – wie sie der junge Ryszard noch nie gesehen hatte, in keiner Kirche, auf keiner Abbildung in seinen Büchern: Sie war völlig vermummt! Die Madonna trug einen Umhang, den sie so über Stirn, Nase und Mund geschlagen hatte, dass durch einen schmalen Spalt in all dem Tuch nur ihre Augen zu sehen waren, Augenhöhlen so tief und so tot, wie sie es nach tausend Jahren der Tränen nur sein konnten. Dies alles, wie auch der Altar, gemeißelt und geformt aus dem Stein und dem Tonmergel der hier durchbrochenen geologischen Schicht. Bänke aus kaltem Gestein, auf denen, mit dem Rücken zu Ryszard und den anderen eintretenden Zöglingen, elf Mönche in schwarzen Kutten saßen, die gesenkten Köpfe von ihren Kapuzen bedeckt.

Die Zöglinge wurden durch den Mittelgang zwischen den betenden Mönchen nach vorne zu Christus geführt, wo sie sich bekreuzigten und dann angewiesen wurden, sich umzudrehen. Ryszard schaute zurück, und nun sah er: Unter den Kapuzen schimmerten Totenschädel, die Rosenkränze in den Händen der Mönche hingen an Fingerknochen – diese Mönche waren Skelette.

Man ist Gott unter der Erde näher als auf den Gipfeln der Berge.

Mateusz Oswiecki schlug die Fingerkuppen mehrmals gegen die Stirn. Er fühlte sich schwer vom Fleisch und modrig. Und in seiner Bauchhöhle, links etwas unterhalb des Nabels, spürte er ein Brennen. Er wusste: Da brennt der Tod. Er machte ihm keine Angst. Er nahm ihm die Angst.

Diese Skelette in Kutten waren die Gebeine von Missionsbischof Jordanes und den Mitgliedern des Gründungskollegiums des Bistums Posen. Seit fast tausend Jahren verharrten sie hier im ewig schweigenden Gebet. Vor diesen elf Skeletten wurde jedem Zögling einer von elf Apostel-Namen zugesprochen. Elf? Kein Judas? Doch. Aber einem Schüler den Namen Petrus', des ersten Stellvertreters Gottes auf Erden, zu geben, wäre eine Anmaßung gewesen. Wer auserwählt ist, wird auch als Johannes oder Paulus zum Petrus.

Mateusz Oswiecki presste die Handflächen an seine Ohren. So viele Stimmen in seinem Kopf. Er schloss die Augen. Zu viele Bilder. Das war nicht Erinnerung, nicht Vorgeschichte. Das war jetzt da, jetzt, so wie er da saß vor dem Gekreuzigten. Und wie das Brennen im Bauch. Er hatte keine Angst, nur das klamme Gefühl, wie man es vor einer großen Prüfung hat, vor einer schweren Aufgabe. Eine Prüfung, die man nur ein einziges Mal ablegen kann, ist die schwerste. Er öffnete die Augen wieder, sah auf und blickte auf das Wundmal in der Seite des Erlösten.

Im Grunde beneidete Mateusz Oswiecki seine Opfer. Sie hatten es hinter sich.

Er stand auf, trat aus dem Stein der Kirche, blickte kurz hinüber zum Blaulicht, das vor dem Hotel Atlas tanzte, und ging langsam mit gesenktem Kopf, die Kapuze tief in die Stirn gezogen, durch den Regen zur Metro-Station Sainte-Catherine.

Als Alois Erhart zum Hotel Atlas zurückkam, wurde ihm zunächst der Zutritt verwehrt. Zumindest interpretierte er die Hand, die ein Polizist ihm vor dem Hoteleingang entgegenstreckte, als Aufforderung, stehen zu bleiben. Was der Polizist sagte, verstand er nicht. Er konnte nicht gut Französisch.

Er hatte schon von weitem das rotierende Blaulicht der Polizei und des Rettungswagens gesehen – und an einen Selbstmörder gedacht. Langsam war er auf das Hotel zugegangen, und sofort war wieder dieses Gefühl da gewesen, das ihn schon zu Mittag erfasst hatte: als würde sich das Nichts, in das jeder Mensch früher oder später stürzt, plötzlich, wie eine Ankündigung oder gar Aufforderung, in Brustkorb und Bauchhöhle ausbreiten. Klamm und atemlos hatte er es gespürt: dieses Wunder, dass sich in der begrenzten Hülle des Körpers eine wachsende Leere unendlich ausdehnen kann. Die Seele als schwarzes Loch, das alle Erfahrungen, die er ein ganzes Leben lang gemacht hatte, aufsaugte und verschwinden ließ, bis sich nur noch das Nichts ausdehnte, absolute Leere, ganz schwarz, aber ohne die Milde einer sternlosen Nacht.

Nun stand er da, vor den Stufen zum Eingang des Hotels, mit schmerzenden Knochen und vor Müdigkeit brennenden Muskeln, hinter ihm einige wenige Schaulustige, und sagte auf Englisch: Er sei Gast in diesem Hotel, habe hier ein Zimmer – was nichts am ausgestreckten Arm änderte. Die Situation kam ihm so surreal vor, dass er sich nicht gewundert hätte, wenn er nun verhaftet worden wäre. Aber er war nicht nur der alte Mann, dessen Körper ihm unwiderruflich den Dienst zu versagen begann, er war auch der Professor Emeritus DDr. Erhart, der ein halbes Leben Autorität dargestellt hatte. Tourist, sagte er bestimmt, er sei Tourist. Hier! In diesem Hotel. Und er wünsche in sein Zimmer zu gehen. Darauf begleitete der Beamte ihn in die Lobby und führte ihn zu einem fast zwei Meter großen Mann, etwa Mitte fünfzig, in einem viel zu engen grauen Anzug, der ihn aufforderte, sich auszuweisen.

Warum stand der Professor mit gesenktem Kopf da? Er sah den prallen Gasbauch dieses riesigen Mannes – und empfand plötzlich Mitleid. Es gibt Menschen, die in ihrer massigen physischen Präsenz ewig stark scheinen, immer fit, nie kränkelnd, bis sie plötzlich wie vom Blitz getroffen daliegen, tot in einem Alter, von dem man sagt: Das ist doch kein Alter. Immer stolz auf ihre Konstitution, hielten sie sich für unsterblich, solange sie ihren Körper vor anderen aufbauen, anderen entgegenschieben konnten. Diese Menschen wurden nie mit der Frage konfrontiert, welche Entscheidung sie treffen würden, wenn sie alt und chronisch krank wären, in absehbarer Zeit ein Pflegefall. Dieser Mann war im Innersten verfault und morsch, er würde demnächst fallen, er wusste es nur nicht.

Professor Erhart reichte ihm den Pass.

Wann er angekommen sei? Parlez-vous français? No? English? Wann er das Hotel verlassen habe. Ob er zwischen neunzehn und zwanzig Uhr im Hotel gewesen sei?

Warum diese Fragen?

Mordkommission. Ein Mann sei in einem Zimmer dieses Hotels erschossen worden.

Sein rechter Unterarm schmerzte. Professor Erhart dachte, dass es vielleicht schon auffällig wurde, wie er immer wieder über den Arm strich, ihn drückte, knetete.

Er holte seine Digitalkamera aus der Seitentasche seiner Regenjacke, schaltete sie ein. Er konnte zeigen, wo er gewesen war: Auf jedem Foto stand, wann er es aufgenommen hatte.

Der Mann lächelte. Sah die Fotos durch. Nachmittag im Europa-Viertel, Schuman-Platz. Das Berlaymont-, das Justus-Lipsius-Gebäude. Das Straßenschild »Rue Joseph II«. Warum dieses Straßenschild?

Ich bin Österreicher!

Ach ja.

Die Skulptur »Der Traum Europa« in der Rue de la Loi. Die Bronzefigur eines blinden (oder schlafwandelnden?) Mannes, der von einem Sockel aus einen Schritt ins Leere macht. Was die Touristen alles fotografieren! Da. Neunzehn Uhr fünfzehn: Grand Place. Mehrere Fotos dort bis neunzehn Uhr achtundzwanzig. Dann das letzte Foto: zwanzig Uhr vier, Sainte-Catherine, das Kirchenschiff. Der Mann drückte weiter, da war wieder das erste Foto. Er drückte zurück. Der Christus, der Altar, davor in einer Bank ein Mann, auf dessen Rücken »Guinness« stand.

Er grinste und gab ihm den Fotoapparat zurück.

Als Alois Erhart in sein Zimmer kam, ging er zum Fenster, er sah durch die Scheibe hinaus auf den Regen, strich sich durch das nasse Haar, hörte in sich hinein. Er hörte nichts. Als er gegen Mittag angekommen war, hatte er gleich das Fenster geöffnet, sich schließlich weit hinausgelehnt, um einen besseren Überblick über den Platz zu bekommen, zu weit hatte er sich hinausgebeugt, fast hätte er das Gleichgewicht verloren, er hatte keinen Boden mehr unter den Füßen, sah schon den Asphalt auf sich zukommen, das ging so schnell, er stieß sich zurück, fiel vor dem Fenster zu Boden, wobei er mit dem rechten Unterarm am Heizkörper anschlug, saß in einer lächerlichen Verrenkung auf dem Fußboden – und hatte das Gefühl, als befände er sich im freien Fall, den er doch gerade noch vermieden hatte, ein Gefühl, das man vielleicht spürt in der Sekunde vor dem Tod. Dann hatte er sich hochgezogen, auf das Bett gesetzt, keuchend, und plötzlich war diese Euphorie da: Er war frei. Noch. Er konnte souverän entscheiden. Und er würde die Entscheidung treffen. Jetzt noch nicht. Aber rechtzeitig. Selbstmörder – blöder Begriff! Selbstbestimmter, freier Mensch! Er wusste, dass er musste – und plötzlich wusste er auch, dass er konnte. Der Tod, das war ihm nun klar, war so banal und nichtig und unvermeidlich wie der Punkt »Allfälliges« am Ende einer Tagesordnung. Das war der Moment, wo nichts mehr kam. Das Sterben musste er überspringen. Springen.

Er wollte nicht so sterben wie seine Frau. So hilflos am Ende, darauf angewiesen, dass er ihr –

Er nahm die Fernbedienung, schaltete den Fernsehapparat ein. Zog das Hemd aus, sah, dass er einen Bluterguss am rechten Arm hatte. Er drückte auf die Fernbedienung: weiter! Er zog die Hose aus, weiter! Die Socken, weiter! Die Unterhose, weiter! Da landete er beim Sender Arte. Hier begann gerade ein Spielfilm, ein Klassiker: »Verdammt in alle Ewigkeit«. Es war Jahrzehnte her, dass er diesen Film gesehen hatte. Er legte sich auf das Bett. Eine Stimme sagte: »Dieser Film wird Ihnen präsentiert von parship.de, der führenden Partneragentur.«

Es war kein Zufall, dass Fenia Xenopoulou just in dem Moment, als der Rettungswagen auf den Platz einbog und die Sirene zu hören war, an Rettung gedacht hatte. Sie hatte seit Tagen an nichts anderes gedacht, es war ihr geradezu zur fixen Idee geworden, und darum dachte sie es auch jetzt: Rettung! Er muss mich retten!

Sie saß beim Abendessen im Restaurant Menelas, das sich genau gegenüber vom Hotel Atlas befand, zusammen mit Kai-Uwe Frigge, den sie, seit einer kurzen Affäre vor zwei Jahren, privat Fridsch nannte, wobei kokett offenblieb, ob sie seinen Namen zu »Fritz« verballhornte, weil er ein Deutscher war, oder ob sie auf »Fridge«, den Kühlschrank, anspielte, weil er in seiner sachlich korrekten Art so kalt wirkte. Frigge, ein schlaksiger, wendiger Mann Mitte vierzig, aus Hamburg stammend, seit zehn Jahren in Brüssel, hatte bei den Grabenkämpfen, Intrigen und Tauschgeschäften, die der Konstituierung eines neuen Kabinetts der Europäischen Kommission naturgemäß vorangehen, Glück gehabt (oder sich eben nicht auf sein Glück verlassen) und einen beeindruckenden Karrieresprung gemacht: Nun war er Kabinettschef in der Generaldirektion für Handel, damit der einflussreiche Büroleiter von einem der mächtigsten Kommissare der Union.

Dass sich die beiden in dieser Stadt voll von erstklassigen Restaurants ausgerechnet bei einem Griechen trafen, der sich dann als eher mittelmäßig erwies, war nicht der Wunsch von Fenia Xenopoulou gewesen, sie hatte kein Heimweh und keine Sehnsucht nach dem Geschmack und den Aromen der heimatlichen Küche. Kai-Uwe Frigge hatte das vorgeschlagen: Er wollte seiner griechischen Kollegin ein Zeichen von Solidarität geben, jetzt, da nach dem Beinahe-Staatsbankrott Griechenlands und dem vierten sündteuren EU-Rettungspaket, »die Griechen« bei den Kollegen und in der Öffentlichkeit völlig unten durch waren. Er war sich eines Pluspunkts sicher, als er per Mail »Menelas? Am Vieux Marché aux Grains, Sainte-Catherine, angeblich sehr guter Grieche!« als Treffpunkt vorschlug, und sie hatte »Okay« geantwortet. Ihr war das egal gewesen. Sie lebte und arbeitete schon zu lange in Brüssel, um sich noch mit Patriotismus zu beschäftigen. Was sie wollte, war: Rettung. Ihre eigene.

Den Fonds, der den Bankrott Griechenlands verhindern sollte, Rettungsschirm zu nennen, war schon unfreiwillig komisch, sagte Frigge. Na ja, Metaphern sind bei uns im Haus Glückssache!

Es belustigte Fenia Xenopoulou nicht im Geringsten, sie verstand gar nicht, was er meinte, aber sie lachte strahlend. Es wirkte maskenhaft, und sie war sich nicht sicher, ob man es merkte, das Gekünstelte, oder ob es noch funktionierte, worauf sie sich früher immer hatte verlassen können: dass der meisterhafte Einsatz von Gesichtsmuskeln, Timing, blendend weißen Zähnen und einem warmen Blick ein Bild unwiderstehlicher Natürlichkeit ergaben. Man muss auch für das Artifizielle ein natürliches Talent haben, aber Fenia war auf Grund ihres Karriereknicks – in ihrem Alter! Sie wurde vierzig! – so verstört, dass sie sich selbst ihres natürlichen Talents, nämlich wissentlich zu gefallen, nicht mehr sicher war. Der Selbstzweifel, so empfand sie es, überzog wie eine Schuppenflechte ihre Erscheinung.

Kai-Uwe hatte nur einen Bauernsalat bestellt, Fenias erster Impuls war es zu sagen: Den nehme ich auch. Aber dann hörte sie sich Giouvetsi bestellen! Es war lauwarm und triefte vor Fett. Warum hatte sie sich nicht mehr unter Kontrolle? Sie begann aus dem Leim zu gehen. Sie musste aufpassen. Der Kellner schenkte Wein nach. Sie sah das Weinglas an und dachte: noch einmal achtzig Kalorien. Sie nippte am Wasser, nahm all ihre Kraft zusammen und sah Kai-Uwe an, sie versuchte, das Wasserglas mit beiden Händen an ihre Unterlippe drückend, komplizenhaft und zugleich verführerisch zu schauen. Innerlich fluchte sie. Was war mit ihr los?

Rettungsschirm!, sagte Kai-Uwe. Auf Deutsch kann man solche Neologismen bilden, und sie müssen nur dreimal in der Frankfurter Allgemeinen gestanden haben, und schon kommen sie jedem Gebildeten völlig normal vor. Und dann ist das nicht mehr wegzubringen. Die Chefin sagt das in jede Kamera. Die Übersetzer sind ganz schön ins Schwitzen gekommen. Das Englische und das Französische kennen den Rettungsring und den Regenschirm. Aber was, wurden wir gefragt, ist bitte ein »Rettungsschirm«? Die Franzosen übersetzten ihn zunächst mit »parachute«. Dann kam Protest aus dem Élysée-Palast: Ein Fallschirm verhindere keinen Absturz, er verlangsame ihn nur, das sei das falsche Signal, die Deutschen mögen bitte –

Wenn er eine Olive aß, den Kern auf den Teller legte, dann kam es Fenia so vor, als würde er nur den Geschmack der Olive zu sich nehmen, die Kalorien aber in die Küche zurückschicken.

Da begann das Jaulen der Sirene, dann das Blaulicht, blau blau blau blau …

Fridsch?

Ja?

Du musst – sie wollte es schon aussprechen: mich retten. Aber das war unmöglich. Sie korrigierte sich: mir helfen! Nein, sie musste kompetent, nicht hilfsbedürftig auftreten.

Ja? Er schaute durch das Fenster des Restaurants hinüber zum Hotel Atlas. Er sah, wie eine Tragbahre aus dem Rettungswagen gezogen wurde, wie Männer damit ins Hotel hineinliefen. So nahe das Menelas dem Hotel auch war, die Distanz war doch zu groß, als dass er an den Tod gedacht hätte. Es war für ihn bloß eine Choreographie, Menschen bewegten sich zu Licht und Ton.

Du musst – hatte sie schon gesagt, nun wollte sie die Worte ungesagt machen, aber das ging nicht mehr – … verstehen … aber das tust du ja! Ich weiß es, du verstehst, dass ich –

Ja? Er sah sie an.

Die Sirenen der Polizeiautos.

Fenia Xenopoulou hatte zunächst in der Generaldirektion für Wettbewerb gearbeitet. Der Kommissar, ein Spanier, war ahnungslos gewesen. Aber jeder Kommissar ist so gut wie sein Büro, und sie war als ein hervorragender Teil eines perfekt funktionierenden Büros aufgefallen. Sie ließ sich scheiden. Sie hatte weder Zeit noch Lust, jedes zweite oder später jedes dritte oder vierte Wochenende einen Mann in ihrem Brüsseler Apartment sitzen zu haben oder in Athen zu besuchen, der über irgendwelche Intimitäten der Athener Society plauderte und dabei Zigarren paffte wie die Karikatur eines Neureichen. Sie hatte einen Staranwalt geheiratet und warf einen Provinzadvokaten aus der Wohnung! Dann kletterte sie eine Sprosse höher und kam ins Kabinett des Kommissars für Handel. Im Handel erwirbt man Meriten, wenn man Handelsbeschränkungen zertrümmert. Es gab für sie kein Privatleben mehr, keine Fesseln, es gab nur den freien Welthandel. Sie glaubte wirklich, dass die Karriere, die sie vor sich sah, ihr Lohn dafür sein werde, dass sie an einer Verbesserung der Welt Anteil hatte. Fair Trade war für sie eine Tautologie. Trade war doch die Voraussetzung für globale Fairness. Der Kommissar, ein Holländer, hatte Skrupel. Er war so unglaublich korrekt. Fenia arbeitete hart, um auszurechnen, wie viel Gulden seine Skrupel kosteten. Der Mann rechnete tatsächlich immer noch in Gulden! Der Lorbeer, den er erhielt, wenn Fenia ihn überzeugt hatte, war Goldes wert! Nun sollte der nächste Sprung kommen. Sie erwartete, nach den europäischen Wahlen bei der Neukonstituierung der Kommission weiter aufzusteigen. Und tatsächlich: Sie wurde befördert. Sie bekam eine Abteilung. Was war das Problem? Sie empfand diese Beförderung als Rückstufung, als Karriereknick, als Abschiebung: Sie wurde Leiterin der Direktion C (»Kommunikation«) in der Generaldirektion für Kultur!

Kultur!

Sie hatte Wirtschaft studiert, London School of Economics, Postgraduate an der Stanford University, den Concours bestanden, und jetzt saß sie in der Kultur – das war nicht einmal so sinnvoll wie Monopoly-Spielen! Die Kultur war ein bedeutungsloses Ressort, ohne Budget, ohne Gewicht in der Kommission, ohne Einfluss und Macht. Kollegen nannten die Kultur ein Alibi-Ressort – wenn es das wenigstens wäre! Ein Alibi ist wichtig, jede Tat braucht ein Alibi! Aber die Kultur war nicht einmal Augenwischerei, weil es kein Auge gab, das hinschaute, was die Kultur machte. Wenn der Kommissar für Handel oder für Energie, ja sogar wenn die Kommissarin für Fischfang während einer Sitzung der Kommission auf die Toilette musste, wurde die Diskussion unterbrochen und gewartet, bis er oder sie zurückkam. Aber wenn die Kultur-Kommissarin rausmusste, wurde unbeeindruckt weiterverhandelt, ja es fiel gar nicht auf, ob sie am Verhandlungstisch oder auf der Toilette saß.

Fenia Xenopoulou war in einen Aufzug eingestiegen, der zwar hochgefahren, aber dann unbemerkt zwischen zwei Stockwerken stecken geblieben war.

Ich muss raus!, sagte sie. Als sie von der Toilette zurückkam, sah sie, dass er telefonierte. Er hatte nicht gewartet.

Fridsch und Fenia schauten durch das große Fenster hinüber zum Hotel, schweigend wie ein altes Ehepaar, das froh war, dass etwas passierte, worüber man dann ein paar Sätze sagen konnte.

Was ist da los?

Keine Ahnung! Vielleicht hatte einer im Hotel einen Herzinfarkt?, sagte Fridsch.

Aber wegen eines Herzinfarkts kommt doch nicht gleich die Polizei!

Richtig, sagte er. Und nach einer kleinen Pause – hätte er fast gesagt: apropos Herz. Was macht dein Liebesleben? Aber er verkniff sich diese Frage.

Du hast doch etwas auf dem Herzen!, sagte er.

Ja!

Du kannst mir alles erzählen!

Er hörte zu und nickte und nickte, von Zeit zu Zeit sagte er gedehnt »okay«, um ihr zu zeigen, dass er ihr folgte, und schließlich sagte er: Was kann ich für dich tun?

Du musst mich anfordern. Kannst du mich – ja: anfordern? Ich will zurück zum Handel. Oder kannst du mit Queneau reden? Du verstehst dich doch gut mit ihm. Er hört auf dich. Vielleicht kann er etwas tun. Ich muss weg von der Kultur. Ich ersticke dort!

Ja, sagte er. Plötzlich hatte er Angst. Das ist vielleicht ein zu großes Wort. Er spürte eine Beklemmung, die er sich nicht erklären konnte. Er dachte nie über sein Leben nach. Er hatte irgendwann früher über sein Leben nachgedacht – sehr viel früher, damals, als er noch keine Lebenserfahrung gehabt hatte. Es waren Phantasien, Träume gewesen, er hatte Träumen mit Nachdenklichkeit verwechselt. Man konnte nicht sagen, dass er seinen Träumen nachgegangen war. Er war, so wie man zu einem bestimmten Bahnsteig geht, dorthin gegangen, wo die Reise zu einem bestimmten Ziel eben beginnt. Seither befand er sich auf Schienen. Er wusste in seinem Innersten, dass es oft auch bloßes Glück war, wenn man nicht entgleiste. Aber es gab, solange man auf den Schienen war, nichts, worüber man weiter nachdenken musste. Leben. Es funktioniert oder es funktioniert nicht. Wenn es funktioniert, dann wird »es« durch »man« ersetzt. Man funktioniert. Er dachte das alles nicht. Das war ihm einfach klar. Er verwechselte diese Klarheit mit einem sicheren Grund, auf dem er ging, ohne bei jedem einzelnen Schritt nachdenken zu müssen. Aber da war jetzt ein leichtes Schwanken auf diesem Grund. Warum? Er fragte sich das nicht. Er spürte nur diese leichte Beklemmung. Jetzt muss ich kurz auf die Toilette!

Er wusch sich die Hände, betrachtete sich im Spiegel. Er war sich nicht fremd. Nicht fremd ist allerdings auch nicht vertraut. Er nahm aus seinem Portemonnaie eine Viagra-Tablette. Er hatte immer eine bei sich. Er zerbiss sie, nahm einen Schluck Wasser, dann wusch er sich noch einmal die Hände.

Er wusste, dass Fenia, genauso wie er, morgen sehr früh rausmusste. Dass sie also bald ins Bett mussten. Sie mussten funktionieren.

Sie nahmen ein Taxi nach Ixelles, zu seinem Apartment. Er täuschte Begehren vor, sie täuschte einen Orgasmus vor. Die Chemie stimmte. Durch das Fenster blinkte blau das Licht der Leuchtreklame von der Bar Le Cerf Bleu, auf der anderen Straßenseite. Kai-Uwe Frigge stand noch einmal auf und zog den Vorhang zu.

Stand da ein Mann am Fenster? Der schwarze Rächer. Das Phantom. Der Schattenmann. Es sah aus wie eine Comicfigur, die an die Wand des verlassenen Hauses gemalt worden war: Alle Fenster dieses Hauses schräg gegenüber vom Hotel Atlas, an der Ecke zur Rue de la Braie, waren dunkel, die Auslage des Geschäftslokals war mit Brettern vernagelt, auf den Brettern flatterten die Fetzen halb heruntergerissener Plakate. Daneben an der Hauswand Graffiti, hingesprayte Wörter, unlesbar – Ornamente, Geheimschrift, Symbole? Vor dem Haus ein Bauzaun, darauf ein Schild der Abbruchfirma De Meuter. Natürlich wusste Kommissar Brunfaut, dass diese schwarze Gestalt, eingerahmt von einem Fenstergeviert in der ersten Etage des toten Hauses, kein Graffito war. Aber sie machte diesen Eindruck. An allen Ecken und Enden dieser Stadt waren ja Häuserwände und Brandmauern bis hinauf zu den Dachfirsten mit Comicbildern bemalt, mit Kopien und Variationen der Zeichnungen von Hergé oder Morris, den Tieren von Bonom oder Werken von den Jungen, die sich für die Nachfolger dieser Künstler hielten. Wenn Brüssel ein offenes Buch war, dann war es ein Comicband.

Kommissar Brunfaut war aus dem Hotel Atlas herausgekommen, um den Kollegen im Einsatzfahrzeug die Anweisung zu geben, die Nachbarhäuser abzuklappern und nachzufragen, ob jemand vielleicht zufällig zur fraglichen Zeit aus dem Fenster geschaut und etwas gesehen hatte.

Das Jahr fängt ja gut an, Kommissar!

Jeder Tag fängt ja gut an, sagte Brunfaut. Der Regen hatte nachgelassen, der Kommissar stand breitbeinig da, zog den Hosenbund hoch und ließ, während er mit den Männern redete, den Blick über die Fassaden der gegenüberliegenden Häuser wandern. Und da sah er sie: die fenstergerahmte Schattenfigur.

Da stand tatsächlich ein Mann am Fenster. Eines Abbruchhauses. Der Kommissar schaute hinauf, fixierte ihn. Der Mann bewegte sich nicht. War das wirklich ein Mensch? Oder eine Puppe? Warum sollte dort hinter dem Fenster eine Puppe stehen? Oder war das ein Schatten, dessen Kontur ihn täuschte? Oder doch ein Graffito? Der Kommissar grinste. Nicht wirklich natürlich. Innerlich. Nein, da stand ein Mann! Schaute er herunter? Sah er, dass der Kommissar zu ihm hinaufschaute? Was hatte er gesehen?

Los!, sagte Kommissar Brunfaut. An die Arbeit! Du nimmst dieses Haus, du das dort! Und du –

Die Bruchbude auch? Die steht doch leer!

Ja, die auch – schau einmal da hinauf!

In diesem Moment war der Schattenmann verschwunden.

Er trat vom Fenster zurück. Wo hatte er seine Zigaretten? Vielleicht im Mantel. Der Mantel lag auf dem Küchenstuhl, dem einzigen Möbel, das es in dieser Wohnung noch gab. David de Vriend ging in die Küche, nahm den Mantel. Was wollte er? Den Mantel. Warum? Unschlüssig stand er da, schaute den Mantel an. Es war Zeit zu gehen. Ja. Hier war nichts mehr. Zu tun. Die Wohnung war vollständig ausgeräumt. Er schaute auf einen rechteckigen Fleck an der Wand. Da hatte ein Bild gehangen. »Wald bei Boortmeerbeek«, ein idyllisches Landschaftsbild. Daran konnte er sich noch erinnern: wie er es hier aufgehängt hatte. Dann hatte er es ein Leben lang vor Augen gehabt, bis er es gar nicht mehr gesehen hatte. Und jetzt: eine Leerstelle. Nur noch zu sehen, dass da etwas gewesen ist, was nicht mehr da war. Lebensgeschichte: ein leerer Umriss auf einer Tapete, die auch schon über eine Vorgeschichte geklebt worden war. Darunter war die Kontur des Schranks zu sehen, der hier gestanden hatte. Was hatte er darin aufbewahrt? Was sich in einem Leben ansammelt. Der Dreck dahinter! Der kommt dann zum Vorschein. Verklumpter Staub, Schlieren von fettigem, rußigem, schimmelndem Schmutz. Du kannst dein ganzes Leben lang putzen, ja putze nur dein Leben, am Ende aber, wenn ausgeräumt wird, bleibt ein Dreck über! Hinter jeder Fläche, die du putzt, hinter jeder Fassade, die du polierst. Wenn du jung bist, glaub nicht, dass da noch nichts verrottet, verschimmelt und verfault wäre, wenn dein Leben plötzlich weggeräumt wird. Du bist jung und glaubst, dass du noch nichts oder zu wenig gehabt hast vom Leben? Aber der Dreck dahinter ist immer der Dreck eines ganzen Lebens. Es bleibt nur der Dreck, weil du Dreck bist und im Dreck landest. Wenn du aber alt wirst: Glück gehabt. Aber du hast dich getäuscht, auch wenn du dein ganzes geschenktes Leben lang geputzt hast – am Ende wird ausgeräumt, und was sieht man? Dreck. Er ist hinter allem, unter allem, er ist die Grundlage von allem, was du geputzt hast. Ein sauberes Leben. Das hast du gehabt. Bis der Dreck zum Vorschein kommt. Dort war die Spüle gewesen. Ununterbrochen hatte er abgewaschen. Einen Geschirrspüler hatte er nie besessen. Jeden Teller, jede Tasse hatte er nach Gebrauch sofort abgewaschen. Wenn er alleine einen Kaffee getrunken hatte, und er war ja alleine, fast immer ist er alleine gewesen, dann hatte er den Kaffee im Stehen getrunken, gleich neben der Spüle, damit er die Tasse sofort waschen konnte, den letzten Schluck vom Kaffee nehmen und den Wasserhahn aufdrehen, das war immer eins gewesen, ausspülen, abtrocknen und glänzend wischen und die Tasse zurückstellen, damit alles sauber ist, das ist ihm immer wichtig gewesen, ein sauberes Leben, und dann: Was sieht man jetzt, da, wo die Spüle gewesen ist? Moder, Schimmelpilz, Schlieren, Dreck. Sogar im Dunkeln oder Halbdunkeln sah man den Dreck. Es war nichts mehr da, alles ausgeräumt, aber das war noch da, das war zu sehen: die Dreckschlieren hinter dem geputzten Leben.

Er warf den Mantel wieder über den Stuhl. Er wollte – was? Er sah sich um. Warum ging er nicht? Er sollte gehen. Davonlaufen. Das war nicht mehr die Wohnung, in der er gelebt hatte. Das waren nur noch die Räume, in denen es ein Vorleben gegeben hatte. Noch ein Rundgang. Wozu? Leere Räume anstarren? Er ging ins Schlafzimmer. Wo das Bett gestanden hatte, war der Holzboden heller, das Rechteck, das sich da abzeichnete, sah im Halbdunkel aus wie eine große Falltür. Er ging daran vorbei zum Fenster, warum ging er nicht darüber hinweg, warum machte er in diesem leeren Zimmer einen Bogen, als hätte er Angst, dass dieses Rechteck sich wirklich öffnen und ihn verschlingen könnte? Er hatte keine Angst. Hier hatte immer das Bett gestanden, er ging von der Tür zum Fenster, so wie er ein Leben lang um das Bett herum zum Fenster gegangen war. Er sah hinaus: fast in Griffweite die Feuerstiege des Nachbargebäudes, einer Schule. Einmal im Jahr gab es einen Probealarm, es heulte eine Sirene und die Schüler übten, rasch und geordnet die Feuerleiter hinunterzusteigen. Wie oft David de Vriend an diesem Fenster gestanden und zugeschaut hatte. Die Flucht. Eine Übung. In Griffweite – das sagt sich so. Die Stiege war in Griffweite gewesen, als er hier eingezogen war. Sie ist damals für ihn auch ein Argument gewesen, diese Wohnung zu nehmen. Die Wohnung hat eine sehr gute Lage, hatte der Verkäufer gesagt, und de Vriend hatte aus diesem Fenster auf die Feuerstiege geschaut und zugestimmt: Ja, die Lage ist gut! Er hatte gedacht, dass er, wenn es sein musste, aus diesem Fenster mit einem Satz auf der Feuerstiege wäre und verschwinden konnte, während vorn an der Wohnungstür noch geklopft würde. Das hatte er sich zugetraut, kein Zweifel, das hätte er geschafft. Aber heute – wäre nicht daran zu denken. Nun war die Stiege außer Griffweite, unerreichbar. Seit einem halben Jahrhundert waren die Kinder, die hier die Flucht übten, immer gleich alt geblieben, immer Kinder, nur er war älter geworden, zu alt schließlich, schwach und gebrechlich, und aus der Übung gekommen. Er sah aus dem Fenster und sah – keine Griffweite mehr. Ihm fiel ein, dass er rauchen wollte. Er sollte endlich gehen, verschwinden – er ging durch den Flur, aber nicht in die Küche, wo sein Mantel mit den Zigaretten war, sondern ins Wohnzimmer. Unschlüssig blieb er stehen, sah sich suchend um. Ein leerer Raum. Er wollte – was wollte er hier noch? Er ging zum Fenster, ja: noch einmal diesen Blick haben, über den Platz, an dem er ein ganzes geschenktes Leben verbracht und versucht hatte, seinen »Platz im Leben« zu finden.

Er schaute hinunter auf das Blaulicht. Er dachte nichts. Er fror. Er wusste warum. Er dachte nicht einmal, dass er es wusste und dass dies keinen weiteren Gedanken wert war. Es steckte in ihm, altes Wissen. Das musste sich nicht im Kopf formulieren. Er sah unbeweglich hinunter auf die Polizeiautos, sein Herz zog sich zusammen, dehnte sich wieder aus, ein Achselzucken der Seele.

Als er noch Lehrer war, hatte er dies den Schülern bei ihren Aufsätzen immer austreiben wollen: die Blablabla-Komma-dachte-er-Sätze.

Es war ihnen nicht auszutreiben. Kinder, sie glaubten wirklich, dass Menschen, wenn sie alleine sind, ununterbrochen Dachte-er- oder Dachte-sie-Sätze im Kopf haben. Und dann stießen diese Dachte-er- und Dachte-sie-Köpfe zusammen und produzierten Sagte-er- und Sagte-sie-Sätze. Die Wahrheit ist, dass es bis in die Köpfe hinein so unglaublich still ist unter dem gottlosen Firmament. Unser Geschwätz ist nur das Echo dieser Stille. Kalt zog sich sein Herz zusammen, dehnte sich aus. Zog sich zusammen, dehnte sich aus. Er atmete ein, er atmete aus. Wie das blaue Licht pulsierte!

Da hörte er die Klingel. Dann das Schlagen einer Faust an die Wohnungstür. Er ging in die Küche, zog den Mantel an.

Zweites Kapitel

Ideen stören, was es ohne sie gar nicht gäbe.

Eine Depression muss man sich leisten können. Martin Susman konnte überleben: Er arbeitete auf der »Arche Noah«. Er war Beamter der Europäischen Kommission, Generaldirektion »Kultur und Bildung«, zugeteilt der Direktion C »Kommunikation«, und leitete die Abteilung EAC-C-2 »Programm und Maßnahmen Kultur«.

Intern nannten die Mitarbeiter ihr Ressort nur die »Arche Noah« oder kurz »die Arche«. Warum? Eine Arche hat kein Ziel. Sie schlingert über die Strömungen, schaukelt auf den Wogen, trotzt den Stürmen und will nur eines: sich selbst und das, was sie an Bord führt, retten.

Es hatte nicht lange gedauert, bis Martin Susman dies begriffen hatte. Er war zunächst so glücklich und stolz darauf gewesen, dass er diesen Job ergattern konnte, zumal er nicht als »END« (Expert National Détaché) von einer österreichischen Partei oder Behörde nach Brüssel geschickt worden war, sondern sich direkt bei der Kommission beworben und den Concours bestanden hatte – er war also wirklich ein europäischer Beamter, ohne nationale Verpflichtung! Und dann musste er feststellen, dass das Ressort »Bildung und Kultur« innerhalb der Europäischen Kommission kein Ansehen hatte und nur milde belächelt wurde. Im Apparat sagte man einfach »die Kultur«, wenn man von dieser Generaldirektion sprach, die »Bildung« wurde unterschlagen, obwohl im Bildungsbereich bemerkenswerte Erfolge erzielt worden waren, etwa die Entwicklung und Durchsetzung des Erasmus-Programms. Und wenn »die Kultur« gesagt wurde, dann hatte das einen Unterton, es klang so, als würden Wall-Street-Broker »Numismatik« sagen, das Hobby eines verschrobenen Verwandten. Aber auch in der Öffentlichkeit, soweit sie sich überhaupt interessierte, war das Image der »europäischen Kultur« schlecht. Martin Susman war erst kurz im Amt gewesen, und er las noch die heimischen Zeitungen – ein typischer Anfängerfehler –, als Empörung in Österreich ausbrach, weil, wie in den Blättern zu lesen war, den Österreichern mit der Kultur »gedroht« wurde: Jeder Mitgliedstaat der EU hatte das Anrecht auf einen Kommissar-Posten, die Regierung nominierte eine Person, und der Kommissionspräsident wies ihr ein Ressort zu. Als nach den damaligen Europawahlen die Ressorts neu besetzt wurden, kam das Gerücht auf, dass der von Österreich nominierte Kommissar »die Kultur« bekommen solle. Die österreichische Koalitionsregierung zerstritt sich, weil die Partei des designierten Kommissars eine Intrige des Koalitionspartners witterte, man protestierte, die österreichischen Zeitungen machten Stimmung und sie konnten sich auf die Entrüstungsbereitschaft ihrer Leser verlassen: »Uns droht die Kultur!« Oder: »Österreich soll mit Kultur abgespeist werden!«

Das scheint als Reaktion sehr erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sich dieses Land als »Kulturnation« – nun, vielleicht nicht »begriff«, aber doch gerne bezeichnete. Allerdings entsprach diese Reaktion dem Image und der Bedeutung, die »die Kultur« im europäischen Machtgefüge eben hatte. Image und Bedeutung hingen von der Höhe des Budgets, das ein Ressort verteilen konnte, und vom Einfluss auf politische und wirtschaftliche Eliten ab. Und mit beidem war es im Falle der »Kultur« schlecht bestellt. Schließlich bekam der österreichische Kommissar doch nicht das Kultur-Ressort, sondern die »Regionalpolitik«, was zu Jubel in der Kulturnation führte: »Wir«, so meldeten die österreichischen Blätter nun, »haben ein Budget von 337 Milliarden!«

Die »Kultur« bekam Griechenland. Das schien durchaus stimmig, wenn man an die griechische Antike als Fundament der europäischen Kultur denkt, oder aber auf sinnige Weise zynisch, wenn man den Demokratieabbau in Europa in Beziehung zur Sklavenhaltergesellschaft der griechischen Antike setzen wollte – dabei war es ganz simpel: Griechenland war wegen seiner nun schon endlosen Finanz- und Budgetkrise unten durch, deshalb wehrlos, und musste nehmen, was es bekam. Das geringgeschätzte Ressort. Es war keine Aufgabe, es war eine Strafe: Wer mit Geld nicht umgehen kann, der bekommt auch besser kein Geld in die Hand, bekommt also das Ressort ohne Budget. Die griechische Kommissarin, eine engagierte Frau, kämpfte um ein starkes Team, dem sie vertrauen und das ihr in der Kommission doch etwas politisches Gewicht geben konnte. Es gelang ihr, einige Landsleute anzufordern, die im Apparat der Kommission bereits über Erfahrung verfügten, gut vernetzt mit anderen Generaldirektionen waren und einen exzellenten Ruf hatten, um mit ihnen die Schlüsselpositionen ihrer Generaldirektion zu besetzen. So war Fenia Xenopoulou vom »Handel« abgezogen und zur Leiterin jener Direktion in der »Arche« befördert worden, in der Martin Susman arbeitete.

Fenia hatte diese Beförderung nicht ablehnen können. Wer im Apparat der Europäischen Kommission Karriere machen wollte, musste Mobilité beweisen. Wer die Bereitschaft dazu nicht demonstrierte und ein Angebot, den Aufgabenbereich zu wechseln, ausschlug, war weg vom Fenster. Also war sie in die Arche übersiedelt, mit dem Plan, hier erst recht ihre Mobilité unter Beweis zu stellen: indem sie sofort daranging, den nächsten Wechsel anzustreben, unter besonderer Berücksichtigung der Visibilité. Dies war für den Aufstieg im Apparat ebenso entscheidend: sichtbar zu sein, so zu arbeiten, dass man immer wieder auffiel.

Fenia wusste, was Elend war. Sie hatte es kennengelernt. Sie hatte diese glühende Energie, die oft jenen Menschen eigen ist, denen die Misere ihrer Herkunft ewig in der Seele brennt und die nie Abstand dazu finden können, so weit sie auch kommen, weil sie ihre Seele ja immer mitnehmen. Von der ersten Lebenschance an hatte sie immer wieder bewiesen, dass sie bereit war zuzugreifen. Wenn man ihr eine Tür zeigte und sagte: Wenn du den Schlüssel findest, dann kommst du durch diese Tür ins Freie – dann suchte sie akribisch den Schlüssel, sie war auch bereit, an allen möglichen Schlüsseln sehr lange geduldig zu feilen, damit endlich einer passte, aber irgendwann kam der Moment, wo sie eine Axt nahm und die Tür zertrümmerte. Die Axt wurde schließlich zu ihrem Universalschlüssel.

Martin Susman konnte Fenia nicht ausstehen. Das Arbeitsklima war seit ihrem Eintritt in die Arche schlechter geworden. Es war deutlich, dass sie die Arbeit verachtete, die hier geleistet werden musste, zugleich machte sie unerträglichen Druck, sie deutlicher in die Auslage zu stellen.

Fenia Xenopoulou schlief gut. Für sie war Schlaf ein Teil der Körperbeherrschung, der Selbstdisziplin. Sie dockte sich an den Schlaf an wie an ein Ladegerät. Sie zog Arme und Beine an, machte den Rücken rund, drückte das Kinn gegen die Brust. Und schon lud sie Kraft für den Kampf des nächsten Tages auf. Nur wenn sie schlief, hatte sie keine Träume.

Habe ich geschnarcht?, hatte Fridsch sie in der Früh gefragt.

Nein. Ich habe gut geschlafen!

Wie ein Kind.

Ja.

Nein, eigentlich wie ein Embryo.

Embryo?

Ja. Wie du dagelegen bist. Hat mich an Fotos von Embryos erinnert! Willst du Kaffee?

Nein danke! Ich muss gleich los! Sie wollte ihn zum Abschied küssen und sagen »Denk an mich!«, aber sie tat es nicht, nickte nur und sagte: Ich muss …

Martin Susman hatte auf dem Weg zum Büro die neuesten Informationen erhalten. Er fuhr, wann immer das Wetter es erlaubte, das hieß: wenn es nicht regnete, mit dem Rad zur Arbeit. Dadurch hatte er etwas Bewegung, aber das war nicht der Hauptgrund. Die Metro machte ihn traurig. Die müden, grauen Gesichter schon am frühen Morgen. Die aufgesetzte Bereitschaft der Menschen mit ihren Trolleys und Aktenkoffern, immer dynamisch und kompetent und wettbewerbsfähig zu wirken, schlecht sitzende Masken, unter denen die wahren Gesichter verfaulten. Die Blicke ins Leere, wenn die Bettler mit den Akkordeons zustiegen, eine Nummer spielten und mit einem Joghurt-Becher um ein paar Münzen baten. Was waren das für Lieder? Martin hätte es nicht sagen können, vielleicht Schlager aus den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, Vorkriegszeit. Aussteigen. Die mechanisch sich bewegenden Menschenströme, die über Rolltreppen stapften, die außer Betrieb waren, sich weiterschoben durch die mit Sperrholz verschalten, verdreckten Korridore der ewigen Baustellen des Untergrunds, vorbei an den Pizzaschnitten- und Kebab-Verschlägen, dem Geruch von Körperausscheidungen und Verwesung, schließlich der Windkanal des Aufstiegs zur Straße, hinauf in ein Tageslicht, das nicht mehr vordringt in die trübe Seele. Martin fuhr lieber mit dem Rad. Er war sehr bald Mitglied der EU-Cycling-Group geworden. Diese Gruppe stellte jedem EU