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Um ihr Leben zu retten, muss sie die Lüge wahren … Augsburg, Ende des 15. Jahrhunderts: Nachdem die junge Anna ihrer Freundin Ursula zu einem heimlichen Treffen mit ihrem Liebsten verholfen hat, wird sie der Kuppelei beschuldigt und aus ihrer Heimatstadt vertrieben. Jahre später kehrt sie zurück mit neuen Fähigkeiten: Als Seelschwester gelobt sie mit ihrer im Exil erlernte Heilkunst den Armen zu helfen. Doch dann wird sie auf einmal krank und das Essen fällt ihr schwer– rasch verbreitet sich das Gerücht, sie sei eine Hungermärtyrerin, die sich nur von der heiligen Hostie ernährt. Ehe sie es sich versieht, beginnen zahlreiche Gläubige nach Augsburg zu pilgern, um den Segen der Hungerheiligen zu erlangen. Anna hat die Wahl: Den ungewollten Betrug aufrechtzuerhalten – oder den geballten Zorn der Kirche auf sich zu ziehen … Ein faszinierender Historienroman über einen realen Betrugsfall in der Augsburger Geschichte – für Fans von Sabine Ebert!
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Seitenzahl: 705
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Augsburg, Ende des 15. Jahrhunderts: Nachdem die junge Anna ihrer Freundin Ursula zu einem heimlichen Treffen mit ihrem Liebsten verholfen hat, wird sie der Kuppelei beschuldigt und aus ihrer Heimatstadt vertrieben. Jahre später kehrt sie zurück mit neuen Fähigkeiten: Als Seelschwester gelobt sie mit ihrer im Exil erlernte Heilkunst den Armen zu helfen. Doch dann wird sie auf einmal krank und das Essen fällt ihr schwer– rasch verbreitet sich das Gerücht, sie sei eine Hungermärtyrerin, die sich nur von der heiligen Hostie ernährt. Ehe sie es sich versieht, beginnen zahlreiche Gläubige nach Augsburg zu pilgern, um den Segen der Hungerheiligen zu erlangen. Anna hat die Wahl: Den ungewollten Betrug aufrechtzuerhalten – oder den geballten Zorn der Kirche auf sich zu ziehen …
eBook-Neuausgabe August 2025
Dieses Buch erschien bereits 2008 unter dem Titel »Das Heiligenspiel« bei Knaur
Copyright © der Originalausgabe 2008 Knaur VerlagEin Unternehmen der Droemerschen VerlagsanstaltTh. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München
Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (lj)
ISBN 978-3-98507-706-9
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Ursula Niehaus
Historischer Roman
Für Andreas
Schneidend fuhr Barbara der Schmerz durch den Leib, und sie schrie auf, erschrocken und voller Pein. Sie ließ ihr Bündel in den Staub der Straße fallen und krümmte sich. War es denn schon so weit? Oder war etwas mit dem Kind nicht recht? Barbara wusste es nicht zu sagen, denn es würde ihre erste Niederkunft werden.
Mit einem Satz war Michael bei ihr und ergriff stützend den Arm seiner jungen Frau. Hilfesuchend klammerte sich Barbara an seine Schultern.
Michaels schmales Gesicht zeigte Sorge. Barbara würde doch nicht jetzt niederkommen! Hier auf der Straße, fernab der Stadt und ganz ohne die Hilfe einer Wehmutter! Wer sollte denn dem Kleinen auf die Welt helfen? Ihm fehlte in diesen Dingen jegliche Erfahrung. Wohl hatte er einmal geholfen, einen Wurf Zicklein zur Welt zu bringen, aber ob man das vergleichen konnte?
»Ist es so weit?«, fragte er bange, die hohe Stirn in Falten gelegt.
»Ich weiß es nicht. Es schmerzt so arg«, jammerte Barbara. Erschöpft wischte sie sich den Schweiß von der Stirn. Die Luft war drückend, als hätte jemand sie vollständig aufgesogen und vergessen, wieder auszuatmen.
Michael hielt seine Frau und strich ihr sanft über den Rücken, bis die Wehe nachließ.
»Wir müssen weitergehen. Bis zur Stadt sind es kaum mehr als zwei Stunden«, drängte er.
Gehorsam bückte seine Frau sich nach ihrem Bündel, so gut es mit ihrem unförmigen Bauch ging. Rasch hob Michael es auf und lud es sich zu seinem eigenen auf die Schulter. Barbara machte ein paar Schritte vorwärts, doch dann griff sie sich erneut an den Leib. »Ich kann nicht!«
Michael blickte zum Himmel auf. Dunkle Wolken hatten sich vor die Sonne geschoben, ohne jedoch erholsame Abkühlung zu bringen. Seit Wochen schon lag eine alles versengende Hitze über dem Land. Sie würden sich beeilen müssen, wenn sie die Stadt vor dem Unwetter erreichen wollten. Behutsam zog Michael seine junge Frau vorwärts. »Wir hätten in Memmingen bleiben sollen«, jammerte Barbara und verzog unwillig das Gesicht. Sie wäre gerne länger bei Schwager und Schwägerin geblieben und dort, in aller Annehmlichkeit, die der wohlhabende Haushalt bot, von den Mägden umsorgt, niedergekommen. Doch ohne im Geringsten Rücksicht auf ihren Zustand zu nehmen, hatte ihr Mann zum Aufbruch gedrängt.
Michael vernahm den vorwurfsvollen Unterton wohl. Doch er hatte guten Grund, rechtzeitig zum Tag der heiligen Afra nach Augsburg heimzukehren. Die einzige Märtyrerin Augsburgs wurde als Stadtheilige hoch verehrt und ihr Gedenktag stets mit zahlreichen Feierlichkeiten begangen.
Viele Spielleute würden in die Stadt kommen, da stand zu erwarten, dass der eine oder andere Michael um eine neue Saite, um eine Reparatur oder gar um ein ganz neues Instrument ersuchte. Das versprach gute Geschäfte, denn Michael war Lautenmacher. Sie konnten das Geld dringlich brauchen, dachte er, gerade jetzt, wo sie im Begriff standen, eine Familie zu werden.
Kleine Staubwirbel umtanzten sie, und die dunklen Wolken kamen schneller näher, als Michael erwartet hatte. Weit und breit war kein Dorf und kein Weiler in Sicht. Donner grummelte in der Ferne, und wieder krümmte Barbara sich zusammen. Die Schmerzen kamen in immer rascherer Folge, kaum vermochte Barbara dazwischen ein paar Schritte zu gehen.
»Ein Stück noch, bitte«, flehte Michael seine Frau an. Gute hundert Schritt entfernt hatte er neben dem Weg die Reste eines verfallenen Schuppens ausgemacht.
Doch im Näherkommen musste er erkennen, dass das Dach der Hütte eingefallen war, wenn auch die Wände sie vor dem ärgsten Wind beschützen würden.
Endlich, als schon die ersten, münzgroßen Tropfen in den Staub schlugen, zog er seine Frau in den Windschatten des Schuppens. Hastig befreite er ein Stück des Bodens von Schindeln und geborstenen Brettern. Dann öffnete er sein Bündel, zog seine Joppe hervor und breitete sie aus, um seiner Frau ein Lager zu bereiten. Erschöpft ließ Barbara sich zu Boden sinken. »Dem Herrn sei es geklagt, dass ich in so einem Stall niederkommen soll!«, seufzte sie und verdrehte die Augen.
Michael schwieg betreten. Er bedauerte, es ihr nicht behaglicher machen zu können. So eine Geburt war sicherlich eine unangenehme Sache, und die Schmerzen mussten Barbara gar sehr peinigen.
In Windeseile hatte der Himmel sich verdunkelt wie beinahe zur Nachtzeit, und gleißende Blitze zuckten über ihn hinweg. Barbara stöhnte und krümmte sich zusammen. Die nächste Wehe ließ sie laut schreien. Hilflos, zerrissen vor Mitleid, war Michael dazu verurteilt, die Pein seiner Frau mit anzusehen, ohne sie lindern zu können.
Die Wehen kamen schneller, immer schneller, und verschmolzen zu einer einzigen Woge aus Schmerz. Dann öffnete sich der Himmel, und dichter Regen prasselte auf die beiden herab, durchweichte ihre Kleider und Haare, vermischte sich mit dem Schweiß auf Barbaras Gesicht. Barbara schrie.
Warum musste es ausgerechnet jetzt so weit sein? Nicht einen Tag früher oder später? Eine qualvolle Angst ergriff Michael. Wenn Barbara nun sterben würde? Sie und das Kind? Seine Frau war jung und kräftig, doch das waren viele andere auch, die das Kindbett nicht überlebten. Es war gar nicht so selten ...
Michael sank auf die Knie und begann laut zu beten. »Lieber Gott, wenn du ein Leben forderst, so nimm das meine, nicht das meiner Frau und meines unschuldigen Kindes«, flehte er. Einen nach dem anderen bat er alle Heiligen, die ihm einfielen, um Beistand, immer wieder unterbrochen vom Donner und den Schreien seiner Frau.
Grell schlug der Blitz in die Spitze einer Tanne, nur wenige Schritte entfernt, und tauchte den Stall für einen kurzen Moment in gleißendes Licht. Der Donner ließ den Boden erzittern, und Michael fuhr zusammen. Barbara bäumte sich auf, und mit einem letzten, durchdringenden Schrei presste sie ein winziges Wesen in das Leben hinaus.
»Es wird Zeit, zu gehen. Du holst dir sonst den Tod«, mahnte Michael sanft. Zärtlich strich er Barbara eine feuchte Strähne aus dem erhitzten Gesicht. Allen Mut hatte er zusammennehmen müssen, um mit seinem Messer die Nabelschnur zu durchtrennen. Obschon seine schlanken Finger es gewohnt waren, feines Handwerk zu verrichten, hatte er sich kaum getraut, den Säugling hochzuheben. Es würde für ihn immer ein unerklärliches Wunder bleiben, wie vollkommen so ein kleiner Mensch die Welt betrat. Es war alles vorhanden, zehn Zehen, zehn Finger ... nur eben klitzeklein. Michael hatte sie heimlich nachgezählt.
Und so gut er es vermochte, hatte er den kleinen Körper abgewischt und ihn zum Schutz gegen den Regen in einen von Barbaras Unterröcken gehüllt. »Es wird etwas dauern, bis du da hineingewachsen bist«, flüsterte er seiner Tochter zu, als er sie Barbara in den Arm legte.
Eine Weile hatte Michael seine Frau ruhen lassen, doch nun drängte er sie aufzustehen. Der Regen hielt unvermindert an, war zu einem grauen Vorhang zusammengewachsen, doch das Gewitter hatte sich verzogen. Das Laufen fiel Barbara schwer, jeder Schritt war schmerzhaft, und nur mühsam kamen sie voran. Zu allem Ungemach hatte der Regen den staubigen Weg binnen kurzem in eine schlammige Rinne verwandelt, und mit jedem Schritt versanken sie knöcheltief im Matsch.
Endlich, bereits in Sichtweite der Stadt, erreichten sie die verwitterte Holzbrücke, die über die Wertach führte. Der Fluss, angeschwollen durch den plötzlichen Regen, vermochte das Wasser kaum zu fassen. In einigen Fuß Tiefe rauschte er in schäumenden Strudeln dahin, als sie die schlüpfrigen Planken betraten.
»Wir werden sie Ursula nennen«, sagte Michael unvermittelt. Es war der Name der Heiligen, den er als letzten im Munde geführt hatte, bevor das Kind auf die Welt gekommen war. Hätte er gewusst, welches Ungemach gerade diese Heilige für seine Tochter bereithielt, so wäre er nie auf den Gedanken verfallen.
Barbara blickte auf das winzige Bündel in ihren Armen, aus dem nur ein ungewöhnlich dichter und dunkler Haarschopf hervorlugte. »Nein, das geht nicht!«, entgegnete sie entsetzt. »Heute ist der Tag der heiligen Anna, der Mutter Mariens. Wir sollten sie Anna nennen.« Jäh hob sie den Kopf und warf ihrem Mann einen tadelnden Blick zu.
Die heftige Bewegung ließ Barbara auf den glitschigen Bohlen straucheln. Sie schwankte und taumelte gegen das Geländer der Brücke. Das morsche Holz brach und stürzte in die Tiefe.
Barbara drohte ebenfalls zu fallen. In jähem Schrecken riss sie die Arme hoch, mühte sich, das Gleichgewicht zu halten, und das hilflose Bündel fiel in die reißenden Fluten.
Voller Entsetzen sah Michael, wie das Kind einen Wimpernschlag lang auf dem Wasser trudelte und dann in den Fluten versank. Noch im selben Moment ließ er seine Last fallen und sprang hinter seiner Tochter her. Sofort erfasste ihn die Strömung und riss ihn mit sich. Sein Kopf verschwand in den Fluten.
Eine Ewigkeit schien es zu dauern, dann tauchte er ein gutes Stück flussabwärts prustend und schluckend wieder an die Oberfläche. Doch nur für einen Moment. Wie wild schlugen seine Arme auf das Wasser. Er rang nach Luft und versank sogleich wieder.
Barbara stand wie festgewurzelt auf der Brücke. Unfähig, Mann und Kind zu Hilfe zu eilen, starrte sie auf das schlammgraue Wasser unter ihr.
Da! Abermals kämpfte Michael sich an die Oberfläche. Mit beiden Händen hielt er das greinende Bündel, reckte es hoch über das Wasser. Den Heiligen sei Dank!
Verzweifelt versuchte Michael das Ufer zu erreichen, doch seine Füße fanden keinen Grund. Wieder ging er unter, und die Strömung riss ihn unerbittlich mit sich fort, weiter und weiter.
Michael spürte, wie ihn die Kräfte verließen. Mit aller Gewalt bäumte er sich auf und schaffte es, das Bündel hoch über seinen Kopf zu heben. Voller Verzweiflung warf er das Kind mit einer letzten Kraftanstrengung ans Ufer. Durch einen Schleier von Wasser sah er, wie seine Tochter auf der schlammigen Böschung auftraf. Dann schlossen sich die Fluten der Wertach ein letztes Mal über dem Lautenmacher.
Fertig! Anna band sich die Schürze ab, knotete die Bändel zusammen und hängte sie an den Haken an der grob getünchten Stubenwand. Hastig spritzte sie sich eine Handvoll Wasser in das erhitzte Gesicht, trocknete sich ab und machte sich gutgelaunt daran, die tiefschwarzen Zöpfe, die ihr beinahe bis zur Taille reichten, neu zu flechten. Dabei summte sie fröhlich vor sich hin. Dass es reichlich unmelodisch klang, störte das Mädchen nicht. Wohl aber ließ das Summen ihre Mutter argwöhnisch von ihrer Flickarbeit aufblicken.
Barbara Laminit richtete sich auf ihrem niedrigen Schemel auf und ließ das Wäschestück in den Schoß sinken. Skeptisch beäugte sie ihre fünfzehnjährige Tochter aus blassblauen Augen, unter denen sich bereits weiche Tränensäcke bildeten.
»Wo willst du hin?«
Anna mühte sich, die zu knapp bemessenen Schleifenbänder um die Enden ihrer Zöpfe zu binden. Sie blieb ihrer Mutter eine Antwort schuldig, doch ihr Summen verstummte.
»Du solltest doch den Hof fegen.«
»Schon geschehen«, antwortete Anna leichthin.
»Du könntest mir wirklich ein wenig mehr zur Hand gehen! Sieh nur, selbst deine kleine Schwester mit ihren neun Jahren ist fleißiger als du!« Barbara strich sich eine rotblonde Strähne, die bereits vor der Zeit mit Grau durchzogen war, zurück unter die Haube.
Anna warf der Schwester einen verächtlichen Blick zu, und die Winkel ihres Mundes kräuselten sich spöttisch. Veronika saß in einer Ecke der Stube auf dem Dielenboden und hatte den blonden Kopf über ein Gewirr von Garnrollen gesenkt. Sie gab vor, diese zu sortieren, wobei sie mehr damit herumspielte und alles durcheinanderbrachte denn ordnete, fand Anna.
Doch es kam wohl auf den Blickwinkel an. Sie selbst war seit dem Morgengrauen auf den Beinen, hatte die Ziege gemolken, die Stube gefegt, die Wäsche zum Lüften aufgehängt, gekocht, abgewaschen, die Strohsäcke aufgeschüttelt und schließlich den Hof gefegt. Mit einem Seufzer strich sie ihr ausgeblichenes, ehedem blaues Kleid glatt. Gleichgültig, wie viel Mühe sie sich gab, sie konnte ihrer Mutter einfach nichts recht machen.
»Setz dich her zu mir und hilf mir bei der Flickarbeit«, forderte Barbara sie auf und drückte stöhnend ihre rechte Hand auf den Rücken.
Anna verzog das Gesicht. Sie wusste genau, was nun folgen würde.
Barbara machte eine leidende Miene, legte die Stirn in Falten und zog ihre Mundwinkel noch tiefer nach unten als gewöhnlich. »Den Heiligen sei es geklagt, dass ich so mühsam unser Brot verdienen muss«, jammerte sie. »Es ist schon eine rechte Schande, dass ich als Witwe eines rechtschaffenen Handwerkers für fremde Leute die Flickarbeit verrichte.«
Durch den frühen Tod ihres Mannes war Barbara gezwungen, Näharbeiten anzunehmen, denn die Unterstützung, die sie aus der Zunftkasse erhielt, und das, was ihr der Schwager aus Memmingen ab und an zukommen ließ, reichten bei weitem nicht aus, um die kleine Familie zu ernähren und zu kleiden. Sie zahlte zwar der Afra Koler nur eine geringe Miete für das enge, einstöckige Haus gegenüber der Heilig-Kreuz-Kirche, doch auch die galt es erst einmal zu verdienen.
Unwillig verzog Anna das Gesicht, so dass sich ihre kräftigen Augenbrauen auf der Stirn beinahe berührten. Die Arbeit mit Nadel und Faden war ihr reichlich verhasst, und überdies fehlte ihr dazu das nötige Geschick. Ihre Nähte waren zwar stabil und haltbar, doch ihre Stiche waren nicht so fein, wie es die hochgestellte Kundschaft erwartete. Das wusste ihre Mutter nur zu gut, aber sie schien es mit hartnäckiger Regelmäßigkeit immer wieder zu vergessen.
»Du solltest lieber heute Abend mit mir in die Kirche gehen und um Vergebung für deine Sünden beten, anstatt dich in der Stadt herumzutreiben«, fuhr Barbara fort zu lamentieren.
Für welche Sünden, fragte sich Anna und biss sich auf die Lippen, um ihnen eine frische Farbe zu verleihen. Die einzige Sünde, die sie je begangen hatte, war wohl die, dass sie auf der Welt war. Zumindest in den Augen ihrer Mutter. Barbara hatte es ihr zwar noch nie ins Gesicht gesagt, aber Anna wusste, dass die Mutter ihr die Schuld am Tod des Vaters gab, und damit an ihrer misslichen finanziellen Situation.
»Du wirst schon sehen, was du von deinem Herumtreiben hast. Schlimm genug, dass du schiech bist wie eine räudige Katze. Und jetzt muss ich mit ansehen, wie du auch noch deinen Ruf ruinierst. So wirst du nie einen Mann abbekommen, der dich ernährt«, beendete Barbara ihre Predigt und warf das Flickzeug in einen der geflochtenen Wäschekörbe, die neben ihr auf den rauhen Bodenplanken standen.
Tränen schossen Anna in die Augen, und abermals biss sie sich auf die Lippen. Diesmal jedoch aus Betroffenheit. Rasch wandte sie den Kopf ab und tat, als hätte sie Barbaras letzte Bemerkung nicht gehört. Ihre Mutter sollte nicht merken, wie sehr ihre Worte Anna verletzten.
Es stimmte ja, niemand würde auf die Idee kommen, Anna als hübsch zu bezeichnen. Dafür sah sie einfach zu ungewöhnlich aus mit ihren etwas zu dicht beieinanderstehenden, dunklen Augen, dem gelblichen Teint und ihren schwarzen Haaren. Doch wenn sie lächelte, überzog ein warmes Strahlen ihr schmales Gesicht, das diese Mängel vergessen machte, und ein fröhliches Grübchen im Kinn ließ ihre Züge freundlich und warmherzig erscheinen.
Ohne ein Wort des Abschieds drehte Anna sich um und eilte zur Tür hinaus.
»Bei allen Heiligen, es wird ein schlimmes Ende nehmen mit dir!«, rief Barbara ihr düster nach.
Anna zog eine Grimasse und wischte sich eine Träne aus den dichten Wimpern. Es war so ungerecht! Nur weil ihre Mutter keinen Spaß hatte, durfte sie auch keinen haben! Überall sah Barbara nur Gefahren lauern, vor allem für den ach so guten Ruf ... Wie gut ist denn der Ruf der Tochter einer armen Handwerkerwitwe, fragte sie sich. Wohl kaum so gut, dass die wohlhabenden Männer der Stadt Schlange standen, um sie um ihre Hand zu bitten!
Dabei hatte Anna ja gar nichts Unredliches vor. Sie wollte sich nur mit Ursula treffen, ihrer neuen Freundin, und das tun, was Mädchen halt so tun: schwatzen und kichern. Ursula hatte sie eingeladen, sie zu Hause zu besuchen, zum ersten Mal. Was für ein Kleid Ursula heute wohl trug? Sie war immer so kostbar gekleidet, nie hatte Anna die Freundin zweimal im selben Kleid gesehen.
Fiel es da nicht schwer, sich morgens zu entscheiden, welches sie anziehen sollte, wenn all die Kleider so schön waren, fragte sie sich. Anna selbst besaß nur zwei Kleider: eines für jeden Tag und eines für die Feiertage. Und beide waren bereits recht abgetragen, geflickt, und die Säume waren mehrfach herausgelassen.
Mit fliegenden Röcken lief Anna die Heilig-Kreuz-Gasse hinab, vorbei an Perlach und Rathaus. Der Nachmittag war bereits fortgeschritten, die Sonne stand schon tief und hatte ihre Kraft für den Tag verbraucht. Ihr rötliches Licht warf lange Schatten über den Platz, und die Augsburger Händler hatten ihre Stände für den Tag abgebaut.
Erst als Anna den Holzmarkt erreicht hatte, verlangsamte sie ihren Schritt und hielt, ein wenig außer Atem, vor der Tür eines der dreistöckigen Patrizierhäuser inne. Sie holte Luft, dann betätigte sie den eisernen Klopfer. Anna war sehr gespannt, zu sehen, wie Ursula lebte. Niemals zuvor hatte sie mehr von einem dieser vornehmen Häuser gesehen als den Hintereingang, wenn sie Flickwäsche entgegennahm oder ablieferte. Ob Ursula wohl eine eigene Kammer hatte?
Mit einem Ruck wurde die schwere Tür aufgerissen. Ursula Gossembrot hatte schon auf sie gewartet. Die Freundin begrüßte Anna mit einem Stirnrunzeln. »Du bist spät!«
»Entschuldige«, antwortete Anna zerknirscht. »Meine Mutter ...« Bewundernd betrachtete sie ihre Freundin. Ursula war noch hübscher gekleidet, als Anna erwartet hatte. Ihr Kleid hatte eine tiefe Taille und lange Ärmel. Es war burgunderfarben und schimmerte matt. Ob es aus Seide war? Am liebsten hätte Anna die Hand ausgestreckt, um den Stoff zu befühlen. Das tiefe Dekolleté war mit einem zarten, blassrosa Einsatz verhüllt. Ein schmaler Reif hielt Ursulas weizenfarbene Haare aus dem ebenmäßigen Gesicht.
»Ist nicht schlimm«, wischte Ursula Annas Entschuldigung beiseite. »Wir werden baden gehen!« Sie bedachte Anna mit einem Lächeln, das diese nicht zu deuten vermochte.
Anna war verblüfft und ein wenig enttäuscht. Sie hätte gerne das Haus der Gossembrots gesehen. »Aber ich kann nicht schwimmen«, wandte sie ein. Was hatte Ursula nun schon wieder im Sinn? Wollte sie etwa zum Lechufer hinabsteigen und sich wie die Bauernlümmel in die Fluten stürzen und nass spritzen lassen? Das konnte sie nicht ernst meinen. So etwas geziemte sich in gar keinem Fall für die Tochter eines angesehenen Handelsherren.
Zudem hatte Anna eine abgrundtiefe Angst vor dem Wasser. Wenn sie nur an den Fluss dachte, stellten sich bereits die feinen Härchen in ihrem Nacken auf. Sie konnte nicht verstehen, warum man freiwillig sein Leben aufs Spiel setzen sollte, nur um ein wenig Abkühlung zu erhaschen.
»Na, in einem Zuber wirst du ja wohl kaum ersaufen«, entgegnete Ursula mit einem spöttischen Lachen. Resolut fasste sie die Freundin beim Arm und zog sie mit sich fort. Beschwingt richtete Ursula ihren Schritt in östliche Richtung, wo die Lecharme wie Adern durch die Stadt schnitten. Hier hatten die Handwerker, allen voran Färber und Gerber, die für ihre Gewerbe großer Mengen Wassers bedurften, ihre Werkstätten. Aber auch Badehäuser mit mehr oder weniger zweifelhaftem Ruf hatten sich hier angesiedelt.
Anna war nie in einer Badestube gewesen, und der Gedanke, eine derart verruchte Stätte aufzusuchen, erschreckte sie beinahe mehr als die Vorstellung, im Fluss baden zu müssen. Was, wenn jemand sie dort erkannte und ihrer Mutter davon berichtete?
Doch zugleich verspürte Anna auch ein wenig Stolz. Stolz darauf, dass die Freundin sie wie eine Gleichgestellte behandelte. Ursula entstammte schließlich einer äußerst wohlhabenden Patrizierfamilie. Den Gossembrots gehörte sogar ein ganzes Dorf, Dorf Pfersee, und Ursulas Onkel Sigmund, so hieß es, war der reichste Mann der Stadt.
Anna schob ihre Bedenken beiseite. Wenn schon Ursula keine Sorge um ihren Ruf hatte ... Ohnehin würde niemand sie an solch einem Ort erkennen.
Auf der schmalen Brücke, die über den Mittleren Lech führte, blieb Ursula abrupt stehen. Ernst wandte sie Anna ihr rundliches Gesicht zu und fasste die Freundin scharf ins Auge. »Wir sind gleich da. Kannst du ein Geheimnis bewahren?«, fragte sie mit gedämpfter Stimme.
Anna nickte überrascht.
»Gut. Ich möchte nämlich in der Badestube jemanden treffen. Jemand ganz Besonderen.« Ihr Blick glitt forschend über Annas Gesicht, doch sie las nur Aufmerksamkeit in den dunklen Augen der Freundin. »Einen Mann«, fuhr sie flüsternd fort.
Anna sog scharf die Luft ein. Ungläubig blickte sie Ursula an.
Mit dramatischer Geste hob diese die Arme. »Wir lieben uns! Doch mein Vater hat andere Heiratspläne für mich. Aber ich muss ihn sehen. Ich muss einfach! Wirst du mir helfen?«, flehte sie.
Ein wenig beunruhigte es Anna, in diese Angelegenheit hineingezogen zu werden. Doch ihre Freude über Ursulas Vertrauen, dass diese mit ihr gar solch intime Geheimnisse teilte, besiegte ihre Bedenken. Wieder nickte sie.
»Gut«, sagte Ursula und nestelte eine Münze aus dem bestickten Beutel, den sie am Gürtel trug. »Dort drüben, das Haus mit der blauen Tür ist es.« Mit ausgestrecktem Arm wies sie linker Hand in die Gasse hinein. »Geh zu Bader Hugel und verlange einen separaten Raum für uns. Und sag ihm, er soll etwas Gutes auftischen und einen annehmbaren Wein.«
Anna konnte hören, dass Ursulas Stimme das Befehlen gewohnt war. Abermals nickte sie.
Ursula reichte ihr das Geldstück und schob sie in die Gasse hinein. »Lass dir das Wechselgeld vorzählen«, rief sie Anna nach. »Ich komme gleich.«
Rasch hatte Anna die blaue Tür erreicht, hinter der sich das Badehaus befand, und drückte sie auf. Gewissenhaft wiederholte sie dem Bader, was Ursula ihr aufgetragen hatte, und reichte ihm die Münze. Dieser schob sie in einen Vorraum und hieß sie warten. Er werde gleich das Notwendige veranlassen.
Unsicher schaute Anna sich in dem kahlen Raum um. Die Wände waren in den Ecken mit schwärzlichem Schimmel überzogen, und die Tünche warf an manchen Stellen Blasen. Feuchte Dampfschwaden krochen unter der Tür hindurch herein, und Anna setzte sich auf eine der beiden hölzernen Bänke, über denen an Haken vereinzelt Kleidungsstücke hingen. Es war noch recht früh am Tag für den Besuch der Badehäuser. Später am Abend würden sich die Stuben füllen, würden fröhliche Stimmen und Gelächter bis weit in die Nacht in die Gassen hinausschallen.
Es dauerte eine Weile, bis der Bader wieder erschien und verkündete, alles sei gerichtet. Mit seinem muskulösen Arm wies er auf eine Tür, die seitlich aus dem Vorraum hinausführte.
Unschlüssig blieb Anna auf ihrer Bank sitzen. Doch sie musste nicht lange warten. Kurz darauf kam Ursula zu ihr herein. Sie hatte sich ein dunkles Tuch über das Haar gelegt, das auch ihr Gesicht weitgehend verhüllte. Rasch entkleidete Ursula sich und schlüpfte in ein leichtes, leinenes Badehemd, das ihre schlanke Gestalt verhüllte.
In dem Moment trat ein weiterer Badbesucher ein. Der großgewachsene Mann hatte sich trotz des sommerlichen Wetters in einen weiten Mantel gehüllt und das Kragenstück hochgeschlagen, als wolle auch er nicht erkannt werden. Er blickte sich suchend um. Dann, als er Ursulas ansichtig wurde, klappte er den Kragen um und lächelte fröhlich. Neugierig betrachtete Anna ihn unter halbgesenkten Lidern hervor. Er schien gerade einmal zwanzig Jahre zu zählen, doch sein dunkelblondes Haar wich bereits am Ansatz zurück.
Anna erkannte den Jüngling. Überrascht schlug sie die Hand vor den Mund. Es war Ulrich Rehlinger, Spross der zweitvermögendsten Familie Augsburgs, gleich nach den Gossembrots. Sie war ihm einmal im Haus seiner Eltern begegnet, als sie dort ausgebesserte Wäsche abgeliefert hatte, denn die Rehlingers gehörten zu den Kunden ihrer Mutter. Ein fragender Blick aus hellgrauen Augen traf Anna, und unfähig zu sprechen wies sie auf die Tür, die der Bader ihr gezeigt hatte. Ulrich nickte und verschwand in der Badestube.
Ursula raffte ihre Kleider zusammen und lächelte Anna an: »Es macht dir doch nichts aus, uns ein wenig allein zu lassen?« Dann verschwand auch sie durch die bezeichnete Tür.
Anna musste sich zwingen, nicht darüber nachzudenken, was nun dort in der Badestube geschehen würde. Ursula und Ulrich würden tafeln, sicherlich, und miteinander sprechen. Dabei saßen sie, nur mit ihren Badehemden bekleidet, in derselben Wanne.
Und dann? Anna wusste nicht viel über diese Dinge, doch sie beunruhigten sie. Angestrengt versuchte sie, ihre Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Aber boshaft schlichen sie sich immer wieder zu den Geschehnissen in der Stube nebenan. Würde Ulrich auch so ein lächerliches Hemdchen tragen? Doch wohl nicht. Und wenn nicht, war er dann ganz nackt? Seine Hose konnte er ja wohl schlecht im Wasser anbehalten. Sicher war nichts Unschickliches daran, beruhigte Anna sich ein ums andere Mal.
Sie vermochte nicht zu sagen, wie lange sie gewartet hatte, als Ursulas leise Stimme sie rief: »Was ist, magst du hereinkommen?«
Züchtig senkte Anna den Blick, als sie die Badestube betrat. Doch diese Vorsicht war unnötig. Ulrich Rehlinger war fort. Anna hatte ihn nicht herauskommen sehen. Es musste wohl noch einen zweiten Ausgang aus der Badestube geben.
Ursula war aus dem Zuber gestiegen. Das nasse Hemd offenbarte mehr von ihrem wohlgeformten Körper, als es verhüllte. Ursula war zwar im gleichen Alter wie Anna, doch deutlich besser genährt. Bei ihr saß schon alles dort, wo es hingehörte, stellte Anna fest. Deutlich zeichneten sich die jugendlich schwellenden Brüste ab. Unterhalb von Ursulas mädchenhaft schlanker Taille wölbten sich ausladende Hüften und gingen über in stramme, beinahe schon üppige Schenkel.
Ursula nahm ein trockenes Badehemd von einem Haken und warf es Anna zu. »Komm in die Wanne, was zierst du dich, bist du schüchtern?«, rief sie munter und stieg wieder in den Zuber. Entspannt ließ sie sich ins Wasser zurückgleiten und räkelte sich wohlig.
Ihr Gesicht war ein wenig erhitzt, wohl von der Wärme der Wasserdämpfe, ihr Dekolleté leicht gerötet, und feucht ringelten sich die Flechten ihrer Haare über die Schultern.
Verschämt wandte Anna sich ab, zog ihr Kleid aus und sah an ihrem eigenen mageren Leib hinab. Nur schwach wölbte sich ihre junge Brust, dafür aber trat das Becken über den dünnen Beinen umso knochiger hervor. Anna beeilte sich, das Badehemd überzustreifen, und stieg zu der Freundin in den Zuber. Das Wasser war angenehm lau.
»Möchtest du essen?«, fragte Ursula und wies auf einen niedrigen Tisch, den man neben die Wanne gerückt hatte.
Anna erkannte die Reste einer üppigen Mahlzeit: abgenagte Knochen, Käserinde, ein abgebrochenes Stück Brot. Doch es lagen immer noch genügend Speisen appetitlich auf einer Platte bereit, und Anna fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Hungrig angelte sie nach einem knusprig gebratenen Hühnerbein und begann genussvoll daran zu nagen. Ursula griff nach einem Krug, schenkte für Anna einen Becher voll des tiefroten Weines ein und füllte ihren eigenen Becher ebenfalls. Anna nahm einen großzügigen Schluck. Sie spürte, wie der Wein sie wärmte und ihr sogleich zu Kopfe stieg. An einen so schweren Tropfen war sie nicht gewöhnt. Kaum dass sie überhaupt einmal Wein trank, und wenn, dann nur einen sauren, mit reichlich Wasser verdünnt.
Anna fühlte sich mit einem Mal ganz leicht und begann das Bad zu genießen. Das Wasser streichelte sanft ihre Haut, und das Hemd umspielte ihre Schenkel. Wohlig lehnte sie sich zurück. Das Baden hatte durchaus seine Vorzüge, fand sie.
Mit einem unergründlichen Lächeln griff Ursula nach einem Schwamm, tauchte ihn kurz in das Wasser und begann sachte, Anna damit über die Arme zu fahren. Anna stutzte für einen Moment, doch dann ließ sie es geschehen. Wie ein Streicheln fühlte sich das an. Weich und warm. Ursula fuhr ihr über die Schultern, den Hals, den Ansatz der Brust. Dann streckte sie ihre Linke aus und löste behutsam die Schnürung am Ausschnitt von Annas Hemd.
Wie Schmetterlingsflügel fühlten sich ihre Finger auf Annas Haut an, als sie ihr sanft das Hemd von den Schultern streifte. Wieder tauchte Ursula den Schwamm ein und drückte ihn sachte über Annas Brustansatz aus. Das warme Wasser floss über ihre Brust. Anna schloss die Augen. Sie spürte, wie sich die zarten Knospen unter den Tropfen, die über ihren Busen perlten, aufrichteten. Ein Kribbeln schien von ihrer Brust auszugehen, das sich erst sachte, dann immer stärker bis tief in ihren Leib ausdehnte.
Ursula ließ den Schwamm fallen und streichelte nunmehr mit den Spitzen ihrer Finger sanft über Annas Brust, umfasste sie vorsichtig mit der ganzen Hand. Ein Seufzer entrang sich Annas Lippen, als das Kribbeln ihren Unterleib erreichte. Sie war unfähig, sich zu rühren.
Eine winzige Stimme meldete sich in ihrem Hinterkopf, sagte, es sei nicht rechtens, was sie da taten. Doch Anna hieß sie schweigen und gab sich überwältigt der Zärtlichkeit von Ursulas Berührung hin.
Ursulas Rechte hatte immer noch Annas Brust umfangen, und während sie sanft mit Zeigefinger und Daumen die Brustwarze der Freundin rieb, tauchte ihre Linke in das Wasser und streifte wie zufällig Annas Knöchel und Wade. Vorsichtig ließ sie die Hand unter Annas Hemd gleiten, höher und immer höher.
Wie gefesselt ließ Anna es geschehen. Ursula liebkoste die Innenseite von Annas Schenkel und wanderte dann hinauf, weiter hinauf, dorthin, wo Anna noch nie berührt worden war. Kurz verweilten die Finger in der weichen Beuge zwischen Bein und Leib, dann strichen sie zärtlich über Annas Scham. Tief sog Anna die Luft ein. Eine seltsame Anspannung hatte von ihr Besitz ergriffen und drängte sie, die Beine zu öffnen, sich näher an diese Liebkosung zu schmiegen. Sie fühlte, wie Ursulas Finger zwischen ihre Beine glitten, sie an ihrer geheimsten Stelle berührten und sich dann sachte, ganz sachte in sie hineindrängten.
Mit einem Mal stieg von dort, aus den verborgenen Tiefen ihres Leibes, eine Woge auf, die sie mit sich fortzureißen drohte. Und Anna ließ sich davontragen, gab sich ganz den Gefühlen hin, die sie überschwemmten.
Plötzlich waren die Liebkosungen zu Ende. Durch die weichen Wolken der Empfindungen, die Anna umschlossen, drang Lärm, laute Stimmen und das Stampfen von schweren Schuhen.
Das Wasser schwappte, und nur vage begriff Anna, dass die Freundin aus dem Zuber sprang. Ihr nasses Hemd fiel auf den Boden. Ursula raffte hastig ihre Kleidungsstücke zusammen, und ehe Anna begriff, was sie vorhatte, verschwand die Freundin hinter einer Stoffbahn, die an der Schmalseite der Stube von der Decke herabhing.
Da wurde auch schon die Tür zur Badestube aufgerissen, und Bader Hugel trat herein, begleitet von drei weiteren Männern. Anna raffte ihr offenes Badehemd über der Brust zusammen und starrte die Männer entsetzt an.
Der älteste unter ihnen, ein rotgesichtiger Mann von gedrungener Statur, war in die schmalen Beinkleider und den pelzverbrämten Kurzmantel der wohlhabenden Kaufleute gekleidet.
Die beiden jüngeren dagegen, zwei kräftige Kerle, schienen Knechte zu sein. Sie hielten sich im Hintergrund, während Bader Hugel mit ausgestrecktem Finger auf Anna wies. »Das ist sie. Die ganze Zeit hat sie vor der Stube gewartet, während sich zweie hier herinnen vergnügt haben. Ein junges Weibsbild und ein Kerl. Ich hab ihnen die Speisen aufgetragen.« Der Finger des Baders zeigte nun auf die Reste des Mahls.
»Und verabschiedet haben sie sich hinten hinaus.« Wieder stach der Finger von Bader Hugel durch die Luft, diesmal in Richtung des Vorhanges, hinter dem Ursula verschwunden war.
»So ist sie eine Kupplerin!« Zufrieden strich sich der Kaufmann über den Bart, als würde ihm die Erkenntnis Freude bereiten.
»Das mag schon so sein, Herr Gossembrot. Sie hat mit großer Münze bezahlt.«
Gossembrot! Erschreckt starrte Anna den Kaufmann an. So war Ursulas Vater ihnen doch auf die Schliche gekommen.
»Kein Zweifel, eine Kupplerin. Vielleicht eine Metze oder gar Schlimmeres«, wiederholte Gossembrot.
»Aber ich bin keine Kupplerin«, rief Anna bestürzt. Doch weder Gossembrot noch Bader Hugel achteten auf ihren Einwand.
»Ergreift die Kupplerin«, befahl Gossembrot, und die beiden Knechte traten vor.
Ohne zu zaudern, packten sie das Mädchen und zogen es aus der Wanne. Wasser rann an ihrem Leib herab und troff aus ihren schwarzen Zöpfen.
Schützend verschränkte Anna die Arme vor der Brust über dem allzu durchsichtigen Stoff. Was sollte sie tun? Würden sie sie gehen lassen, wenn sie alles gestünde? Doch das konnte sie nicht. Sie hatte der Freundin ihr Wort gegeben. Fest presste Anna die Lippen zusammen, damit nicht ein Wort darüberschlüpfte.
Doch Gossembrot schien nicht daran interessiert zu sein, etwas von ihr zu erfahren. Seltsam genug, er stellte keinerlei Fragen.
Nass und nur halb bekleidet, wie sie war, schleppten die Knechte sie zum Badehaus hinaus und die Gasse hinab. Es dämmerte bereits, und zum Glück waren nur wenige Menschen unterwegs.
Auf dem Weg zum Fronhof begegnete ihnen eine Gruppe junger Handwerksgesellen, die sie johlend und pfeifend grüßten und ihr zotige Bemerkungen zuriefen. Anna fühlte, wie sich ihre gierigen Blicke durch das nasse Hemd bohrten. Ein Schauder überlief ihren Körper, und sie begann am ganzen Leib zu zittern.
Wenig später, als der Büttel Anna in eine Zelle stieß, wusste sie nicht, ob sie sich darüber freuen sollte, dass sie nun vor den anzüglichen Blicken geschützt war, oder ob sie laut schreien sollte vor Angst.
Nur noch wenig trübes Licht sickerte durch zwei vergitterte Löcher in die niedrige Zelle hinein, die sie mit acht anderen Frauen teilen musste, allesamt zerlumpt aussehende Kreaturen, von denen die wenigsten noch alle Zähne besaßen. Es war schmutzig in der Zelle, Kot und Unrat klebten im dünnen Stroh auf dem Boden, und aus einer Ecke drang entsetzlich beißender Gestank.
»Hallo, Kleine«, begrüßte eine der Gefangenen Anna, eine ältere, ausgemergelte Frau mit wirren Haaren. »Was hast du denn ausgefressen?«
Eine andere warf einen schrägen Blick auf Annas schmale Gestalt. »Wohl die Finger in anderer Leute Speisekammer gehabt, was?«, argwöhnte sie.
Anna blickte die Frau an und erschrak. Soweit sie in dem schwindenden Licht erkennen konnte, fehlte ihrem verwüsteten Gesicht die Nase. Man hatte sie ihr abgeschnitten, wohl für ein anderes Vergehen, das bereits eine Weile zurückliegen musste, so vernarbt sah die Haut aus.
»Nein, sicher nicht. Schau sie dir doch an. Nass und im Badehemd«, widersprach ihr die Alte und lachte meckernd. »Nein, nein, die hat was anderes angestellt«, krächzte sie. »Ich gehe jede Wette ein, dass sie eine Badehure ist, die ihre Kunden um ein paar Münzen erleichtert hat.« Und an Anna gewandt, prophezeite sie: »Das heißt, Hand abhacken!« Die Alte verdeutlichte dies mit einem Schlag ihrer Handkante auf ihr eigenes Handgelenk.
Entsetzt riss Anna die Augen auf und wich vor der Alten zurück.
»Keine Hure!«, mischte sich eine dritte Frau ein. Sie kniff Anna mit schmutzigen Fingern in die Wange und musterte sie abschätzend, wie man einen Gaul auf dem Markt betrachtet. Die Frau war deutlich jünger als die beiden anderen, und ihr tief ausgeschnittenes Kleid ließ weit mehr von ihrem üppigen Busen sehen, als schicklich war. »Keine Hure«, wiederholte sie. »Viel zu hässlich. Wer soll denn dafür zahlen?« Selbstgefällig strich sie sich über die runden Hüften und lachte obszön.
Die Alte fiel mit ihrem Ziegenlachen ein, und die Verwüstete raunte Anna zu: »Du hast Glück! Allzu lange wirst du hier nicht eingesperrt bleiben. Morgen schon ist Gerichtstag. Ich dagegen bin seit über zwei Wochen in diesem gastlichen Haus.«
»Ach, ich dachte, es gefällt dir hier?«, stichelte die Alte. »Regelmäßig Wasser und Brot, keine Arbeit ...«
Anna wandte sich ab. Einen seltsamen Humor legten ihre Zellengenossinnen an den Tag. Ihr war alles andere als zum Lachen zumute. Immer noch ein wenig benommen ließ sie sich auf den Boden niedersinken und lehnte sich mit dem Rücken an die verschmierte Wand.
Ein paar andere Zellengenossinnen hatten sich gleichfalls auf dem Stroh ausgestreckt und schienen zu schlafen. Anna wusste nicht zu sagen, ob ihr Zittern von der Angst herrührte oder von der Kälte, die vom Boden aufstieg. Bis hinunter in die Zellen hinter den dicken Mauern war die sommerliche Wärme nicht vorgedrungen, und nur mit ihrem nassen Hemd bekleidet, fror sie jämmerlich.
Was würden sie mit ihr tun, fragte Anna sich bang. Mehr als eine Tracht Prügel und ein paar Ohrfeigen hatte sie von Barbara nie bekommen. Sie hatte schon einige Male zufällig gesehen, wie Verbrecher auf dem Perlach ausgepeitscht worden waren und Schlimmeres. Jedes Mal hatte sie voller Entsetzen das Weite gesucht.
Aus einer Ecke drang ein durchdringendes Jammern an ihr Ohr, unterbrochen von lauten Schluchzern, und Anna schauderte. Ganz klein kauerte sie sich zusammen und schlang die Arme um die Knie. Das ist Unsinn, versuchte sie sich selbst Mut zuzureden. Sie gehörte nicht hierher in die Zelle zu dem Gesindel. Sie würde einzig diese Nacht in diesem stinkenden Loch überstehen müssen, und morgen früh würde ihre Mutter sie abholen.
Sicher würde sich alles aufklären. Sie bräuchte nur zu sagen, dass sie keine Kupplerin war – das war schließlich die Wahrheit. Und dann würde man sie schon gehen lassen. Sie war keines von diesen schrecklichen Weibern. Das musste doch auch ein Richter erkennen ...
Inzwischen hatten sich auch die letzten Frauen für die Nacht zur Ruhe gelegt. Doch das laute Schluchzen ihrer Mitgefangenen ließ sie keinen Schlaf finden.
»Ruhe jetzt! Hör auf zu jaulen! «, schnauzte die Alte in Richtung der Zellenecke, aus der das Jammern kam. Doch das unglückliche Wesen, das dort kauerte, hörte nicht auf, zu heulen und zu weinen.
»Ruhe!«, empörte sich jetzt auch eine andere Stimme in der Dunkelheit. »Was winselst du jetzt. Spar es dir bis morgen, dann hast du Grund dazu.«
Doch die Worte ließen die Unglückliche nur noch lauter heulen.
Undeutlich nahm Anna wahr, wie eine der Gestalten aufstand und einen unförmigen Gegenstand hochhob. Ein klatschendes Geräusch ertönte, und mit einem letzten lauten Aufschrei erstarb das Jammern. Der Gestank nach Fäkalien wurde unerträglich, und Anna hielt sich einen Zipfel ihres Hemdes vor die Nase. Eine ihrer Mitgefangenen musste den Eimer, den sie als Latrine verwendeten, über der Weinenden ausgegossen haben. Anna würgte und erbrach die Reste des Hühnerbeines gegen die Zellenwand.
Nur wenige Schaulustige hatten sich auf dem Perlach eingefunden, um die Verurteilung und vor allem die Bestrafung des gefährlichen Gesindels und der übel beleumundeten Frauen mit anzusehen, welche die Sicherheit und Ruhe der Stadt bedrohten. Der eine oder andere war stehengeblieben, um sich das Schauspiel nicht entgehen zu lassen, obwohl die Straftaten, die heute zur Aburteilung anstanden, nicht besonders spektakulär waren. Überwiegend Diebereien, ein paar Tätlichkeiten, Liederlichkeiten, Steuerbetrug. Kein Kindesmord, kein Hochverrat, keine Ketzerei. Es lohnte kaum der Aufmerksamkeit.
Das schien auch der Burggraf zu meinen, der, flankiert von seinen Beisitzern, gelangweilt hinter seinem Tisch saß und zügig einen Fall nach dem anderen abhandelte, als gelte es, noch vor dem Mittagsläuten ein Ende zu finden.
Um ihn herum sperrte eine Schar Wachleute ein großzügiges Geviert ab. In dieses hatte man die Gefangenen getrieben und sie geheißen, hintereinander Aufstellung zu nehmen, bis sie an der Reihe wären.
Zitternd vor Angst und Übermüdung, kam Anna vor der Alten zu stehen, die sich gut mit dem Strafregister auszukennen schien. Kaum getraute sie sich den Mund zu öffnen, so sehr schlugen ihre Zähne aufeinander. Verstohlen beugte sie sich zu der Alten. »Bitte, was steht auf Kuppelei?«, fragte sie leise.
Erstaunt zog die Alte ihre ergrauten Augenbrauen hoch. »Du eine Kupplerin?«, fragte sie gedehnt.
Bange wartete Anna auf die Antwort. Ihre Finger krampften sich in den Stoff ihres Feiertagskleides. Am Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, hatte Barbara, die kleine Veronika an der Hand, es ihr gebracht, damit Anna nicht im Badehemd vor ihren Richtern erscheinen musste. Mit leidvoll verzogenem Gesicht hatte sie das Kleidungsstück durch die Stäbe hindurchgezwängt und gejammert: »Wie kannst du mir nur so etwas antun? Diese Schande. Der Himmel ist mein Zeuge, dass ich versucht habe, dir Gottesfurcht beizubringen. Aber ich habe ja immer gewusst, es nimmt ein schlimmes Ende mit dir.«
Veronika, die offensichtlich nicht verstanden hatte, was geschehen war, hatte mit schreckgeweiteten Augen auf ihre Schwester und deren Mitgefangene gestarrt und laut gefragt: »Hat Anna wieder etwas falsch gemacht?«
»Ja, mein Kind. Anna hat wieder etwas falsch gemacht«, hatte ihre Mutter seufzend geantwortet.
»Kannst du mir denn gar nicht helfen?«, hatte Anna sie angefleht. So sehr hatte sie sich ein Wort des Trostes von ihrer Mutter gewünscht, die Versicherung, dass alles gut werden würde, das Versprechen, sich bei einer ihrer einflussreichen Kundinnen für sie zu verwenden und sie so schnell wie möglich aus dem abscheulichen Kerker zu holen. Doch Barbara hatte nur den Kopf geschüttelt und gemurmelt: »Das ist wohl Gottes Strafe für deine Sünden!« Dann hatte sie sich einfach abgewandt und war gegangen, hatte Anna allein mit ihrer Angst zurückgelassen.
Bevor jedoch die Alte antworten konnte, wurde Anna von den Knechten des Stadtvogtes fortgerissen und vor den Tisch des bischöflichen Burggrafen geschleppt.
Der Burggraf warf ihr einen uninteressierten Blick zu, dann verkündete er: »Anna Laminit, du bist angeklagt und überführt der Kuppelei und anderer Bübereien. Bezeugt durch den werten Herrn Gossembrot. Du wirst mit Ruten ausgeschafft.« Und gelangweilt leierte er herunter: »Es ist dir untersagt, dich weniger als zwei Tagesreisen von der Stadt entfernt aufzuhalten.«
Anna stockte der Atem. »Aber ich bin unschuldig. Es ist ein Missverständnis ...«, versuchte sie zu erklären. Doch der Burggraf winkte sie nachlässig beiseite und wandte sich schon dem nächsten Fall zu. Ihr schenkte er keine Beachtung mehr.
»Bitte«, flehte Anna und blieb vor dem Richtertisch stehen. Er konnte sie doch nicht einfach so verurteilen, ohne den Fall geprüft zu haben. Er musste sie doch anhören. Es war ein Missverständnis, sie konnte doch alles erklären!
Hilflos hob sie ihre Hände. »Bitte, Ihr müsst mir glauben, ich bin keine Kupplerin!«, beteuerte sie verzweifelt.
Georg Ott versah das Amt des Stadtvogtes nun schon eine ganze Zeit lang. Er wusste, der Burggraf duldete keine Widerrede auf sein Urteil. Vor allem nicht von dem gemeinen Gesindel. Wenn dieses junge Ding hier noch weiter zeterte, würde es seine Strafe nur verschlimmern.
Er gab seinen Männern einen kurzen Wink. Rasch schafften diese das Mädchen beiseite, fort von dem Tisch des gestrengen Richters, und banden ihre Hände mit grobem Strick an einen Karren, an dem schon zwei andere Frauen festgeknüpft waren.
Wortlos ließ Anna es geschehen. Das konnte doch nicht wahr sein! Sie würden sie nicht wirklich aus der Stadt jagen. Verständnislos schüttelte sie den Kopf. Erst die Nacht in diesem schrecklichen Kerker und nun diese willkürliche Verurteilung. Anna fühlte sich, als wäre sie in einem schrecklichen Alptraum gefangen.
Dann erschien das rotgeäderte Gesicht des alten Gossembrot vor ihren Augen, seine zufriedene Miene. Sie hatte Gossembrots Interessen zuwidergehandelt. Unwissentlich zwar, doch ein so mächtiger und einflussreicher Mann ließ sich das nicht gefallen. Ein Wort von ihm hatte genügt, und eine so unbedeutende Person wie sie wurde kurzerhand davongejagt.
Ursulas Vater hatte dafür gesorgt, dass Anna künftig keine Gelegenheit mehr bekäme, ihm in die Quere zu kommen. Doch warum war er mit solcher Härte vorgegangen, fragte Anna sich. Es war das erste und einzige Mal gewesen, dass sie Ursula bei ihren Eskapaden gedeckt hatte.
Hätte er es nicht bei einer Ermahnung belassen und Ursula einfach den Umgang mit ihr verbieten können? Aber dann hätte man natürlich zugeben müssen, dass Ursula ein Verhältnis ... Wieso war er eigentlich sofort zur Stelle gewesen? Und Ursula? Hätte sie sich nicht für Anna verwenden können? Wieso war sie so schnell verschwunden? Hatte sie damit gerechnet, entdeckt zu werden? Hatte Ursula vielleicht schon öfter von ihrem, Annas, Namen Gebrauch gemacht und vorgegeben, in ihrer Begleitung zu sein, um sich dann mit Ulrich Rehlinger zu treffen?
Ein böser Verdacht keimte in Anna auf. Hatte Ursula sich deshalb mit ihr angefreundet, weil sie so unbedeutend war? Eine Mitwisserin, die man im Zweifelsfall einfach opfern konnte? An Freundinnen aus ihren Kreisen hatte es Ursula sicher nicht gemangelt ...
Die Freundschaft von Ursula, auf die Anna so stolz gewesen war, war wohl nichts als reine Berechnung gewesen. Ursula hatte sie nur ausgenutzt. Die Enttäuschung traf Anna wie ein Faustschlag.
Wie konnte sie nur so naiv sein, schalt Anna sich. Unwillkürlich machte sie eine heftige Handbewegung. Die Fesseln schnitten schmerzhaft in die Haut ihrer Handgelenke und machten Anna grausam ihre Lage bewusst.
Die Rechtsprechung schritt weiter fort, und noch drei andere Verurteilte, zwei Frauen, darunter auch die Frau ohne Nase, und ein junger Bursche wurden nach und nach gleichfalls zum Karren geschleppt und festgebunden.
Die Sonne war inzwischen höher gestiegen und brannte auf sie herab, doch es war noch nicht Mittag, als Ott sich auf den Karren setzte und seine Knechte eine braune Stute davor anschirrten. Die Knechte griffen nach Rutenbündeln, die auf dem Karren bereitlagen, der Stadtvogt schnalzte mit der Zunge, und der Karren setzte sich ruckartig in Bewegung. Anna strauchelte. Beinahe wäre sie gefallen und in den Staub gestürzt. Sie konnte sich gerade noch auf den Beinen halten, dann hörte sie das Pfeifen der Ruten und spürte den ersten Schlag auf ihrem Rücken. Die Männer des Stadtvogtes trieben sie mit Schlägen vor sich her.
Der Schmerz zuckte Anna durch die Schulterblätter, und ein kurzer Schrei drang ihr über die Lippen. Sie wollte stehenbleiben und mit den Händen ihren Rücken schützen, doch sie wurde unaufhaltsam weitergezerrt. Der junge Bursche neben ihr stöhnte unter einem besonders kräftigen Schlag, und eine der anderen Frauen schrie.
Wieder traf die Gerte Anna, quer über das Gesäß diesmal. Ihr Rock hielt das Schlimmste ab, doch der nächste Hieb traf sie empfindlich im Nacken. Die Haut platzte auf, Tränen schossen ihr in die Augen, und sie spürte, wie Blut aus der Wunde lief und ihr Kleid nässte.
Ott ließ die Stute im Schritt gehen, nicht zu schnell, damit die Festgebundenen nicht stürzten, aber auch nicht zu langsam, damit sie nicht zu viele Schläge abbekamen. Ott war kein grausamer Mann. Er ging seinen Pflichten gewissenhaft nach, aber ohne persönlichen Groll gegen die Verurteilten zu hegen oder sich an ihrem Leid zu ergötzen.
Anna biss die Zähne zusammen und zog den Kopf ein. Sie versuchte, so dicht wie möglich bei dem Karren zu bleiben und nicht zurückzufallen, um möglichst wenig Hiebe abzubekommen.
Es ging den Perlachberg hinab, und als der Karren den Sternmarkt erreichte, wurde er vom Johlen und Lachen der Marktbesucher empfangen. Die Schaulustigen bildeten eine Gasse, und manch einer hatte fauliges Obst oder Verdorbenes zur Hand, mit dem er, zur Freude der Umstehenden, die kläglichen Gestalten bewarf. Ein stinkender Fischkopf traf Anna am Rücken und hinterließ einen schmierigen, übelriechenden Fleck auf dem Stoff.
Ohne innezuhalten, ging es weiter auf das Barfüßertor zu. Die Männer schlugen ruhig und regelmäßig zu, verteilten ihre Hiebe gleichmäßig auf die elenden Gestalten, die nun ausnahmslos weinend und wehklagend vor ihnen hertrotteten, unfähig, ihren Peinigern zu entkommen.
Der traurige Zug hatte gerade Sankt Jacob hinter sich gelassen, als die Frau ohne Nase schwer gegen Anna fiel und dann neben ihr zu Boden stürzte. Nur mühsam hielt Anna ihr Gleichgewicht. Ein paar Extraschläge trafen die Frau, als sie vom Karren durch den Staub geschleift wurde. Sie heulte laut auf, dann griffen die Knechte zu und rissen sie wieder auf die Beine. Durch einen Schleier von Schmerz und Tränen nahm Anna wahr, dass sie den Holzmarkt rechter Hand passiert hatten und am Lauterlech entlang auf das Jacobertor zusteuerten.
In der Jacobervorstadt stürzte sich eine Horde zerlumpt aussehender Gassenjungen auf die Jämmerlichen und begleitete sie mit Hohn und Spott. Wieder und wieder bückten sich die Bengel, hoben Kiesel auf und bewarfen sie mitleidslos, bis einer der Jungen sein Ziel verfehlte. Sein Geschoss traf einen von Otts Männern am Ohr.
Wütend rief der Knecht dem Knaben einen Fluch zu und drohte ihm mit erhobener Rute Prügel an. Die Gassenjungen wurden der Belustigung überdrüssig, und sehr zur Erleichterung der Verurteilten verzogen sie sich, um an anderer Stelle ihr Vergnügen zu suchen und Unfug zu treiben. Die Ruten zu schwingen war anstrengend. Die Knechte spürten bereits ihre Arme und Schultern, und so wurden die Schläge deutlich weniger, als der Karren endlich das Jacobertor passiert hatte und in östlicher Richtung aus der Stadt hinausrollte. Nur hin und wieder hoben die Männer nachlässig die Ruten. Dafür hatte Ott das Tempo erhöht. Beinahe im Laufschritt zerrte er die Geprügelten hinter sich her, an den Bleichwiesen der Lechaue vorbei, auf denen die Weber ihre Stoffbahnen ausgebreitet hatten, hinein in das breite Tal, das der Lech in die Landschaft gegraben hatte. Als sie den Fluss überschritten, und damit die Grenze zum Herzogtum Bayern, versuchte Anna, im Laufen den Kopf zu wenden und zurückzuschauen. Ein scharfes Brennen fuhr durch ihre Wunde am Hals, doch der Anblick der Türme in der Blattermauer, welche die Jacobervorstadt nach Osten hin schützte, schmerzte sie beinahe mehr als der Riss in ihrer Haut. Sie schienen ihr ein trauriges Lebwohl nachzuwinken, und Anna schluckte trocken. Ein dicker Kloß hatte sich in ihre Kehle gezwängt. Ihr Hals war wie zugeschnürt, und sie rang nach Luft. Bittere Tränen liefen ihr über die schmalen Wangen und ließen die blühenden Leinfelder auf ihrem Weg zu einem einzigen blauen Brei verschmelzen.
Bald führte die staubige Straße sie durch unwirtliches, karstiges Gelände, die Friedberger Au. Es ging an flachen, riedbewachsenen Mooren und Talsümpfen vorbei und über breite Kies- und Sandbänke, die der Lech auf seinen Wegen zurückgelassen hatte. Der Pfad wand sich durch tote Flussarme und kreuzte brackige, stinkende Altwässer. Schwärme von Mücken tanzten über dem Wasser, und Vögel stoben auf, als das Rumpeln der Karrenräder die Ruhe des Nachmittags zerriss.
Bei Friedberg begann das Hügelland auf dem Lechrain. Ohne anzuhalten, passierten sie die kleine Stadt und ließen sie bald hinter sich. Dichter Wald schob sich bis an den Ort heran, und nur mühsam fraß sich die Straße durch das unendliche Grün.
Eine gute Weile ließ der Stadtvogt seine Stute noch ausschreiten, schließlich wollte er das Gesindel, eben aus Augsburg vertrieben, nicht den Friedberger Bürgern zumuten. Erst als die Sonne bereits weit im Westen stand, brachte er endlich den Karren zum Stehen, irgendwo mitten im Wald, fernab jeder menschlichen Siedlung. Die Gefangenen prallten gegen die Rückseite des Gefährtes, so plötzlich hatte der Stadtvogt haltgemacht.
Auf Otts Befehl hin schnitten seine Männer die Stricke durch, mit denen sie die Vertriebenen Stunden zuvor an den Karren gebunden hatten. Benommen taumelte Anna ein paar Schritte weiter, fort von dem Karren, den der Stadtvogt mühsam auf der schmalen Straße wendete, und ließ sich ein Stück abseits des Weges ins Gras fallen.
Ihre Hände waren eiskalt, die Finger wie abgestorben. Sie hauchte ein paarmal in die hohlen Hände und versuchte, die Finger zu bewegen. Deutlich waren die blutunterlaufenen Striemen zu sehen, welche die Seile auf der Haut hinterlassen hatten.
Als das Blut in die Gliedmaßen zurückkehrte, durchlief sie ein dumpfer Schmerz und vermischte sich mit den Schmerzen in ihrem Rücken, den Beinen und Füßen zu einer großen Pein. Ihr ganzer Körper fühlte sich an wie eine einzige Wunde. Verzweifelt und zu Tode erschöpft, ließ Anna den Kopf auf die Knie sinken und ihren Tränen freien Lauf.
Anna wusste nicht, wann sie eingeschlafen war. Als sie erwachte, war ihr Kleid durchweicht vom Tau, der im frühen Morgenlicht auf dem Gras glitzerte. Die Haut auf ihrem Rücken brannte unter dem feuchten Tuch, und als Anna sich aufsetzte und streckte, fühlten sich ihre geschundenen Glieder steif und unbeweglich an. Doch der große, übermächtige Schmerz, der sie überwältigt hatte, war über Nacht vergangen.
Anna blickte um sich und stellte fest, dass sie allein war. Wann waren die anderen Sträflinge fortgegangen? Waren sie weiter der Straße gefolgt oder zurück in Richtung Friedberg gegangen, fragte sie sich. Doch im Grunde war es ihr gleichgültig. Ihre Gesellschaft hatte Anna ohnehin weit mehr Angst denn Zuversicht eingeflößt.
Mühsam kam sie auf die Beine und machte ein paar zaghafte Schritte. Wohin sollte sie sich wenden? Zwei Tagesreisen, hallten die Worte des Burggrafen in ihr wider. Zurück nach Friedberg konnte sie also nicht gehen. Seufzend machte Anna sich auf den Weg, der sie weiterführen würde. Fort von zu Hause, der Stadt, in der sie aufgewachsen war, in der sie jede Gasse kannte. Fort von ihrer Schwester und ihrer Mutter.
Der Gedanke an Barbara ließ Bitterkeit in ihr aufsteigen. Ihre Mutter hatte recht behalten. Es hatte ein schlimmes Ende mit ihr genommen. Verzagt ließ Anna die Schultern hängen. Wo sollte sie nun hin? Sie hatte ihre Heimatstadt noch nie verlassen, kannte keinen, der woanders wohnte.
Doch, ihr Onkel, der Bruder ihres verstorbenen Vaters, lebte in Memmingen, fiel ihr ein. Aber in welcher Richtung lag Memmingen? Anna glaubte sich zu erinnern, dass es südlich von Augsburg sein müsse. Sicher war sie sich dessen jedoch nicht. War es weit bis dort? Weit genug? Und was würden die Verwandten sagen, wenn sie, eine Verurteilte und aus der Stadt Vertriebene, bei ihnen auftauchte? Würden sie ihr Unterschlupf gewähren?
Eine Zeitlang folgte Anna der Straße. Kein Mensch, kein Fahrzeug begegnete ihr, nur die Stimmen des Waldes drangen an ihr Ohr und machten ihr Angst. Anna war ein Kind der Stadt. Das Rumpeln von Karren, das Rufen von Menschen waren ihr vertraut, aber hier war jeder Laut fremd. Hier konnte jedes Geräusch Gefahr bedeuten. Immer wieder blieb sie stehen und blickte hinter sich.
Die Morgensonne ging vor ihr über den Spitzen der Bäume auf, ein wenig rechts von dort, wohin die Straße sie führte. Dort musste Osten sein. Der Weg führte sie also nach Nordosten. Lange Zeit verlief die Straße geradeaus, dann in Windungen einen Hügel hinauf und wieder hinab, aber sie behielt ihre nordöstliche Richtung bei. Doch Anna wollte nach Süden. Mit jedem Schritt fühlte sie sich unbehaglicher, brachte er sie doch weiter fort von ihrem Ziel. Und rechts und links des Weges war nur undurchdringliches Dickicht.
Die Sonne stand schon hoch, als Anna plötzlich innehielt. Rechter Hand zweigte ein schmaler Pfad vom Weg ab. Kaum wahrnehmbar schlängelte er sich zwischen dichtem Unterholz hindurch. Anna zögerte. Die Fahrstraße würde sie zwangsläufig in die nächste Ortschaft führen. Wohin dieser Weg sie bringen würde, war völlig ungewiss. Es konnte sein, dass er im Nichts endete, so wenig begangen sah er aus. Doch er führte in die richtige Richtung. Zunächst jedenfalls.
Es könnte sicherlich nicht schaden, ihm zu folgen, entschied Anna und überwand ihre Angst vor dem, was sich in dem undurchdringlichen Wald verbergen mochte. Wenn der Pfad bald endete, würde sie umkehren. Verlieren würde sie dadurch nichts.
Der Pfad endete nicht so bald. Oft überwuchert und von umgestürzten Bäumen versperrt, blieb er doch deutlich erkennbar. Und zu Annas Freude führte er in südliche Richtung, wie sie an den Sonnenstrahlen, die vereinzelt durch das dichte Blätterdach fielen, erkennen konnte.
Mit lautem Grummeln machte sich Annas Magen bemerkbar. Sie hatte auf ihrem Weg ein paarmal aus einem der Bachläufe, die den Wald hier und da durchschnitten, Wasser getrunken, doch nun begann der Hunger sie zu plagen. Und mit dem Hunger erwachte in Anna eine weitere Angst. Was, wenn sie bis zum Abend keine Ortschaft erreichte, keinen Menschen traf, den sie um Essen bitten konnte? Hier im Wald würde sie schwerlich etwas Essbares finden, denn von Kräutern und Pilzen verstand sie nichts.
War es doch ein Fehler gewesen, die Fahrstraße zu verlassen? Dieser Weg mochte noch eine Ewigkeit durch den Wald führen.
Anna beschloss, einen Moment zu rasten und dann zur Straße zurückzukehren. Erschöpft setzte sie sich an einer moosbewachsenen Stelle unter einem Baum nieder und lehnte sich an den rauhen Stamm. Doch die Rinde drückte auf die Striemen auf ihrem Rücken, und so legte sie sich vorsichtig auf die Seite und bettete den Kopf auf ein besonders dickes Moospolster. Die mittägliche Wärme und die Müdigkeit ließen sie gegen ihren Willen in einen unruhigen Schlaf fallen.
Anna erwachte von einem gewaltigen Krachen. Um sie herum war Finsternis. Durch das dunkle Blätterdach zuckten Blitze. Schon trafen sie die ersten Tropfen, und es begann zu regnen.
Erschrocken sprang Anna auf die Beine und begann zu laufen. Feuchte Haarsträhnen schlugen ihr ins Gesicht. Immer wieder stolperte sie über Wurzeln und loses Astwerk, und dornige Ranken verfingen sich im Saum ihres Rockes. Sie konnte den Pfad kaum mehr erkennen. Oder hatte sie ihn bereits verloren?
Immer dichter wurde das Geäst, immer lauter der Donner über ihrem Kopf. Regen rann ihr den Hals hinab und sickerte in ihren Ausschnitt.
Hilflos hastete Anna weiter, kämpfte sich durch dichtes Gebüsch. Weiter und weiter. Immer wieder rutschte sie auf glitschigen Blättern aus, verloren ihre Füße den Halt auf schlammigem Untergrund. Sie irrte anscheinend endlos umher, hatte längst jedes Gefühl für Zeit und Raum verloren. Nie würde sie den Weg aus diesem Wald hinausfinden.
Dann plötzlich entdeckte sie im Schein eines Blitzes die Umrisse einer Hütte. Trugbild oder Wirklichkeit? Abrupt blieb Anna stehen und versuchte die Dunkelheit zu durchdringen.
Da, ein gutes Stück vor ihr glaubte sie etwas zu sehen. Atemlos wartete sie auf den nächsten Blitz. Für einen kurzen Augenblick erhellte er eine Hütte. Klein, gedrungen und schief, aber eine Hütte. Ein Zeichen dafür, dass es außer ihr in diesem schier unendlichen Wald noch andere Menschen gab. Oder gegeben hatte, dachte Anna, denn kein Licht drang aus der Hütte ins Freie.
Anna lief in die Richtung, wo das Dunkel die Hütte wieder verschluckt hatte. Mit hastigen Schritten überquerte sie eine kleine Lichtung, dann endlich berührten ihre Finger das rauhe Holz der Balken, aus dem die Hütte gezimmert war. Vorsichtig tastete sie sich an der Wand entlang. Ihre suchenden Hände fanden eine Tür. Behutsam zog Anna sie auf und schlüpfte in den dunklen Raum.
Wärme, Trockenheit und der intensive Geruch nach Stall begrüßten sie. Doch weder Ziege noch Schaf waren zu sehen oder zu hören. Erschöpft ließ Anna sich auf den Boden gleiten, den überraschend sauberes Stroh bedeckte. Wer immer diesen Stall gebaut hatte, Anna war ihm unendlich dankbar. Ein paarmal atmete Anna tief durch, um die Geister, die sie gejagt hatten, zurück in die Dunkelheit zu schicken. Sie kam langsam wieder zu sich, und der dröhnende Pulsschlag in ihren Ohren verstummte allmählich. Anna wischte sich den Regen und die feuchten Strähnen aus dem Gesicht. Eines der Bänder, die ihre Zöpfe gehalten hatten, war auf ihrem Weg durch das Geäst verlorengegangen, und der Zopf hatte sich aufgelöst.
Anna löste auch den anderen Zopf, und in Ermangelung eines Kammes fuhr sie mit ausgestreckten Fingern durch ihre schwarzen Haare. Dann flocht sie sie, so gut es ging, zu einem einzigen Zopf zusammen, der ihr lang und schwer über den Rücken fiel. Gerade hatte sie ihn mit der verbliebenen Schleife zusammengebunden, als sie draußen vor dem Stall Schritte vernahm.
Sofort war die Furcht wieder da. Anna sprang auf und drückte sich an die hintere Wand des Stalls. Kaum wagte sie zu atmen. Die Hütte war also doch bewohnt.
Mit einem Ruck öffnete sich die Tür, und im dürftigen Lichtschein einer Laterne sah Anna, wie jemand eine tropfnasse Ziege und ein ebenso nasses Schaf in den Stall schob. Angespannt hielt sie die Luft an.
