Die Seidenweberin - Ursula Niehaus - E-Book

Die Seidenweberin E-Book

Ursula Niehaus

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Beschreibung

Sie webt die Fäden ihres Schicksals in ein neues Leben … Köln, Ende des 15. Jahrhunderts: Die verwaiste Fygen entkommt der grausamen Hand ihres Vormunds und fängt eine Lehre bei ihrer Tante an, der Seidenweberin Mettel. Nur stellt sich diese schnell als missgünstige Herrin heraus, die alles daransetzt, der talentierten Fygen Steine in den Weg zu legen. Doch mit den anderen Lehrmädchen als ihre Verbündeten lässt Fygen sich nicht beirren und wächst zu einer mutigen jungen Frau heran – und zu der gefragtesten Weberin Kölns. Auf ihrem steinigen Weg an die Spitze der Seidenzunft muss sie sich nicht nur als Meisterin ihres Handwerks, sondern auch als starke Geschäftsfrau beweisen – und trifft auf den einflussreichen Kaufmann Peter Lützenkirchen, der noch viel mehr in ihr sieht …  »Ein herrlicher historischer Schmöker aus dem mittelalterlichen Köln. Packend!« Bild der Frau Ein farbenprächtiger Historienroman, der auf die Frauenzünfte Kölns zurückblickt – für Fans von Sabine Weiß.

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Seitenzahl: 741

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch:

 

Köln, Ende des 15. Jahrhunderts: Die verwaiste Fygen entkommt der grausamen Hand ihres Vormunds und fängt eine Lehre bei ihrer Tante an, der Seidenweberin Mettel. Nur stellt sich diese schnell als missgünstige Herrin heraus, die alles daransetzt, der talentierten Fygen Steine in den Weg zu legen. Doch mit den anderen Lehrmädchen als ihre Verbündeten lässt Fygen sich nicht beirren und wächst zu einer mutigen jungen Frau heran – und zu der gefragtesten Weberin Kölns. Auf ihrem steinigen Weg an die Spitze der Seidenzunft muss sie sich nicht nur als Meisterin ihres Handwerks, sondern auch als starke Geschäftsfrau beweisen – und trifft auf den einflussreichen Kaufmann Peter Lützenkirchen, der noch viel mehr in ihr sieht …

eBook-Neuausgabe August 2025

Copyright © der Originalausgabe 2007 by Knaur Verlag. Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München

Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock / shutterstock AI sowie eines Ausschnitts eines Gemäldes von Gerrit Berckheyde, St. Aposteln Köln

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (lj)

 

ISBN 978-3-98952-885-7

 

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Ursula Niehaus

Die Seidenweberin

Historischer Roman

 

dotbooks.

Meiner Mutter und meinem Vater in Liebe und Dankbarkeit

Prolog

1458

 

Trübe starrte der beleibte Kaufmann in seinen Bierkrug. Heute konnte ihn selbst das süßliche, blassgoldene Gebräu nicht aufmuntern. Dieses liederliche Weibsbild, seine Schwester! Er hatte kein moralisches Problem damit, dass sie herumhurte und sich dem ersten Besten, der ein seidenes Wams trug, an den Hals warf. Aber dass sie nun ein Balg zur Welt brachte, das keinen Vater hatte, nahm er ihr übel. Als seriöser Kaufmann hatte er schließlich einen Ruf zu verlieren. Noch dazu in dieser kleinen Stadt, wo jeder ihn kannte. Weniger mit Fleiß und Arbeit, dafür aber mit viel Geiz und Verhandlungsgeschick hatte er in den vergangenen Jahren aus dem Geschäft seines Vaters ein richtiggehendes Handelsunternehmen gemacht, das größte der Stadt. Er war jetzt in den Dreißigern und hatte wenig Lust, sich alles, was er aufgebaut hatte, durch die Liederlichkeiten seiner Schwester zunichtemachen zu lassen.

Die Luft im Alten Eber, dem Bierzapf am Markt, wurde immer dicker, und der Lärm der Zechenden schwoll weiter an. Unaufgefordert stellte die Wirtin einen vollen Krug vor Mathys hin und wischte mit einem Zipfel ihrer schmierigen Schürze über das abgeschabte Holz des Schanktisches. Wortlos wies sie mit dem Kinn in Richtung eines Tisches in der Ecke, an dem es besonders hoch herging. »Der ist nicht ganz bei Trost«, sagte sie.

Mathys’ feiste Finger griffen nach dem Krug. Er nahm einen kräftigen Schluck und leckte sich den Schaum von den feuchten, für einen Mann ein wenig zu roten Lippen. »Wer?«, fragte er mehr höflich als wirklich interessiert. »Na, der Dünne da mit der hellblauen Juppe.«

Mathys’ Blick folgte dem ihren und machte durch den Dunst einen jungen Mann aus, auf den ihre Beschreibung passte. »Wieso? Was ist mit dem?«, wollte er wissen.

»Der verliert jetzt schon seit Stunden beim Würfeln. Entweder ist er dumm, oder er hat Geld an den Füßen.«

»Na, nach Geld sieht der mir nicht aus. Kennst du ihn?« Die Wirtin schüttelte nachdrücklich den Kopf, und ihr ausladender Busen wogte energisch auf und ab. »Nee, hab ich noch nie hier gesehen. Muss ein Fremder sein.« Dumm und fremd, ging es Mathys durch den Kopf, eine ideale Kombination. Und am trüben Horizont seiner düsteren Gedanken erschien ein kleiner Lichtstreif. Geduldig beobachtete er von Ferne, wie der Fremde sein Glück herausforderte, Stunde für Stunde. Der junge Mann war groß gewachsen, mit kräftigen Gliedmaßen, doch sah er nicht aus wie einer, der sein Geld mit Arbeit verdiente. Seine Hände waren gepflegt, das Gesicht fein geschnitten, mit hübsch geschwungenen Lippen und blauen Augen. Sein Kinn war vielleicht eine Spur zu weich, doch alles in allem war er ein ansehnlicher Bursche. Seine Schwester würde ihm noch dankbar sein, dachte Mathys.

Der Fremde schien auch kein Händler zu sein, eher ein nichtsnutziger Spross aus adligem Hause. Einer jener Habenichtse, die mit Geschick und Findigkeit anderen auf der Tasche lagen.

Mathys’ Ausdauer wurde belohnt. In den frühen Morgenstunden saß der junge Mann endlich, abgebrannt und des Inhaltes seiner Taschen beraubt, allein an seinem Tisch. Seine Zechkumpanen hatten sich zerstreut. Mathys gab der Wirtin einen Wink, und mit mitleidigem Lächeln stellte sie einen gut gefüllten Krug vor den Fremden hin. Auf seine Frage hin deutete sie auf Mathys, der seinen Krug zum Gruße hob.

Kurz kamen Mathys Bedenken. Nicht über die Rechtschaffenheit seines Planes, sondern weil der Mann ein Spieler war. Doch freilich, einen Ehrenmann brauchte er unter diesen Umständen nicht zu suchen. Also stand er auf, setzte sich ungebeten zu dem Fremden an den Tisch und sprach ihn an: »Nicht gut gelaufen, was?«

»Kann man so sagen.« Der Fremde starrte in seinen Krug.

»Und was habt Ihr jetzt vor?«, erkundigte Mathys sich höflich.

»Mal sehen, was sich so anbietet.«

Mathys hatte sich nicht verschätzt. Der Fremde war völlig mittellos und wusste nicht, wo er die Nacht verbringen sollte.

»Ein Mann wie Ihr sollte nicht arbeiten müssen.« Mathys zielte ins Blaue.

Der Fremde nickte zustimmend.

»Ich hätte Euch ein Geschäft vorzuschlagen«, sagte Mathys und wagte einen Vorstoß.

Erstaunt zog der Fremde die fein geschwungenen Augenbrauen hoch und blickte Mathys zum ersten Mal aufmerksam an.

Dieser, sich nun der vollen Aufmerksamkeit des Fremden sicher, sagte: »Ich bin Kaufmann wie mein Vater vor mir. Nicht unvermögend, versteht sich. Und ich habe eine Schwester. Dieser fällt, im Falle ihrer Verehelichung, die Hälfte des Handelskontors, das mein Vater hinterlassen hat, zu.« Mathys machte eine beredte Pause, um sicherzugehen, dass sein Gegenüber die Worte auch richtig erfasste.

»Und worin besteht das Geschäft?«, wollte der Fremde wissen und blickte Mathys verständnislos an.

»Nun, ich suche einen passenden Gatten für meine Schwester und frage mich, ob Ihr nicht interessiert wärt.«

Konrad, dem Fremden, blieb für einen Moment vor Überraschung der Mund offenstehen, dann verzog er sein Gesicht zu einem spöttischen Grinsen. Er war keineswegs so dumm, wie Mathys vermutet hatte. »Was stimmt denn nicht mit Eurer Schwester?«, fragte er. »Ist sie alt, buckelig oder lahm, dass Ihr sie zu verschachern sucht wie einen krummen Gaul?«

»Ihr braucht sie nicht zu lieben, Ihr sollt sie nur ehelichen«, antwortete Mathys. »Seid Ihr nicht ein Spieler? So seht es doch als Spiel an. Eines, bei dem Ihr nur gewinnen könnt.«

»Wo liegt nun der Haken?«, bohrte Konrad nach.

Die Schwangerschaft war bereits zu weit fortgeschritten, als dass dieser Tatbestand zu verbergen wäre. Es war höchste Zeit zu handeln. »Sie trägt das Kind eines anderen«, gestand Mathys widerwillig.

Konrad ließ sich dadurch nicht aus der Fassung bringen. »Und wie groß ist das Vermögen der Dame?«, brachte er die Verhandlungen auf den Punkt.

Ausführlich schilderte Mathys ihm den Umfang seiner Handelsaktivitäten, nannte ihm den momentanen Bestand an Lagerware, die offenen Forderungen und zählte stolz seine guten Handelskontakte auf, die nach Köln, Mainz und Lübeck reichten. »Die Hälfte des Handelskontors also«, schloss er. Es lag nicht in seiner Natur, das schwer verdiente Geld zu verschleudern. Doch diesem Mann hier brauchte er nicht mit einem geringeren Angebot zu kommen, das wusste er.

Konrad nickte bedächtig. Vom Grunde einiger Bierkrüge aus betrachtet, klang der Handel ganz verlockend. Doch er war nicht zu trunken, um Für und Wider dieses Vorschlages abzuwägen. Die Vorteile schienen bei weitem zu überwiegen. Und sollte sich die Situation als absolut unerträglich herausstellen, nun, dann würde er einfach wieder sein Bündel packen und weiterziehen. Das Risiko war gering.

Ein letztes Bier genehmigten sich die künftigen Schwäger auf ihren Handel, dann machten sie sich auf den kurzen Weg zu Mathys’ Haus.

Die mollige Haushälterin war noch auf den Beinen. Voller Freude funkelten ihre braunen Augen, als sie Mathys berichtete, Irma, seine Schwester, wäre niedergekommen, just vor wenigen Stunden, während er im Bierzapf weilte. Die Hebamme hätte sie von einem niedlichen, kleinen Mädchen entbunden, ein allerliebstes Kind sei es, und Irma ginge es den Umständen entsprechend gut.

Früh in den Morgenstunden des folgenden Tages kam der Pfarrer ins Haus. Er war ein altgedienter Mann des Glaubens, der schon allerhand erlebt hatte. Und wenn es ihn wunderte, dass er den Bräutigam nie zuvor in der Stadt gesehen hatte, so ließ er es sich nicht anmerken.

Die Braut war recht schwach. Es fiel ihr sichtlich schwer, sich für die Eheschließung von ihrem Kindbett zu erheben, doch hatte sie der Haushälterin gestattet, sie anzukleiden und ihre langen dunklen Locken zu bürsten, bis sie glänzten. Ihre kohlefarbenen Augen lagen tief und ein wenig fiebrig in dem zarten Gesicht, und ihr sonst so frischer Teint war einer kalten Blässe gewichen.

Konrad sog überrascht die Luft ein, als er seine Gemahlin erblickte. Wenn diese Frau sich von den Strapazen des Kindbettes erholt hätte, dessen war er sicher, würde sie wieder zu einer außergewöhnlichen Schönheit erblühen.

Diskret beschränkte der Pfarrer die Trauungszeremonie auf das absolut Notwendige, und angesichts der Umstände verzichtete man auch auf die üblichen Feierlichkeiten.

Konrad war entzückt von seiner jungen Gattin. Welchem Heiligen hatte er nur dieses Glück zu verdanken?

Doch in der Nacht darauf setzte das Bluten ein. Stärker und immer stärker sog es alle Lebenskraft aus Irmas Körper mit sich hinaus, und die ersten Sonnenstrahlen des folgenden Tages machten Konrad zum Witwer.

Er verspürte ein vages Bedauern um den Tod seiner Gattin. Sie war zu jung und zu hübsch, um schon vom Herrgott heimgeholt zu werden, doch es wäre müßig, mit dem Schicksal zu hadern. Konrad beschloss stattdessen, sich das kleine Wesen genauer anzuschauen, dessen Ankunft auf Erden ihm so unvermittelt zu neuem Wohlstand verholfen hatte.

Erfreut über sein Interesse, brachte Mathys’ Haushälterin das winzige Bündel eilig herbei und schlug stolz, als sei es ihre eigene Tochter, die Tücher zurück, die das Gesichtchen umhüllten. Vorsichtig streckte Konrad den Zeigefinger aus und strich sanft über den zarten dunklen Flaum, der das winzige Köpfchen bedeckte.

Überraschend öffnete das Kind zwei große, bernsteinfarbene Augen und schenkte Konrad ein blubberndes, zahnloses Lächeln, das wie ein Dolch direkt in sein Herz fuhr. Zum ersten und letzten Mal in seinem Leben verliebte sich Konrad van Bellinghoven wahrhaftig.

Teil Ⅰ

1470 - 1471

1. Kapitel

 

Mit dem Ellenbogen drückte Fygen die eiserne Türklinke herab und schob die schwere Tür zum Kontor auf, vorsichtig darauf bedacht, weder den sauren Wein zu verschütten, der gefährlich hoch den Krug füllte, noch den Teller mit Kraut und Speck fallen zu lassen. »Hinaus!«, donnerte es ihr vom anderen Ende des Raumes entgegen.

Vor Schreck machte Fygen einen Satz zurück. Ein Speckstreifen rutschte über den Tellerrand, und das Mädchen konnte ihn gerade noch mit dem Daumen auf dem Teller festhalten. Langsam schob sie sich in den spärlich möblierten Raum hinein. In einem Regal an der Wand waren sorgfältig Geschäftsbücher aufgereiht, alle in speckiges Leder gebunden. An der gegenüberliegenden Wand stand eine geschnitzte, mit schweren Schlössern gesicherte Holztruhe. Staubkörnchen tanzten im Licht, das durch die beiden spitzen Buntglasfenster hereinfiel. In der hinteren Zimmerecke quoll die feiste Gestalt ihres Oheims hinter einem Schreibpult hervor, den runden Kopf tief über das aufgeschlagene Journal gebeugt. Der ganze Raum wirkte verstaubt, und Fygen erinnerte sich, dass Lijse gesagt hatte, hier dürfe sie nie zum Fegen hinein, der Alte hätte wohl Angst, jemand würde seine Juwelen mausen.

Fygen räusperte sich.

»Ich sagte doch ...«

»Onkel Mathys, ich bringe dein Essen«, unterbrach Fygen ihn rasch und versuchte, ihrer Stimme mehr Selbstsicherheit zu geben, als sie wirklich verspürte.

»Hm«, brummte der Kaufmann, hob den Kopf und nickte mit waberndem Kinn in Richtung der Truhe. »Stell es dahin. Und dann verschwinde. Und nimm die Finger von meinem Speck.«

Fygen tat wie ihr geheißen, wandte dem Onkel den Rücken zu, beugte sich über das niedrige Möbel und stellte das Essen ab. Erleichtert, ihre Last loszuwerden, war sie schon fast wieder zur Tür hinaus, als Mathys sie noch einmal zurückrief.

»Komm mal her.« Mit einer herrischen Geste seiner fleischigen Linken winkte er das Mädchen zu sich heran. Misstrauisch trat Fygen näher an das hölzerne Schreibpult. Es reichte fast bis zum Scheitel ihrer langen geflochtenen Zöpfe. Seit sie nach Vaters Tod in den Haushalt des Onkels gekommen war, und das lag schon ein paar Jahre zurück, hatte dieser vielleicht zweimal das Wort an sie gerichtet. Und das sicher nicht auf freundliche Weise, erinnerte Fygen sich. Damals hatte er sie oberflächlich gemustert und befunden: »Knochig, mager, unansehnlich wie ein nasser Spatz. Sie schlägt ihrer Mutter so gar nicht nach.« Und brummend hatte er hinzugefügt: »Nun, das ist vielleicht kein Schaden.« Im Übrigen hatte er das Mädchen ignoriert, was Fygen nur recht sein konnte.

Was konnte er jetzt von ihr wollen? Hatte er vielleicht eines ihrer langen dunklen Haare im Kraut entdeckt? O weh, dann konnte sie sich auf etwas gefasst machen. Zu dumm aber auch, dass ihre widerspenstigen Locken sich immer wieder aus den Bändern mogelten, mit denen Lijse sie morgens zu bändigen suchte.

Auf das Schlimmste gefasst, trat Fygen vor das Pult, die Augen starr auf die Holzplanken gesenkt, um den Oheim nicht noch zusätzlich zu reizen.

»Wie alt bist du jetzt, meine Kleine?«, fragte Mathys freundlich.

Fygen hatte vor Spannung die Luft angehalten, nun entwich diese mit einem Zischen, so dass ihre Antwort mehr wie »pfflf« als zwölf klang. Hatte sie sich verhört?

»Du hast dich ja richtig herausgemacht.« Mathys nickte und ließ wohlwollend seinen Blick über Fygens biegsame Gestalt wandern. Das Mädchen war recht schlank, nicht sehr groß gewachsen, und seine Bewegungen hatten das Eckige der Kindheit noch nicht zur Gänze abgelegt. Von der Sonne gebräunte, olivfarbene Haut spannte sich über zarte Wangenknochen, und bis auf das fast zu vorwitzige Kinn prägten ebenmäßige Züge das ovale Gesicht. Einzig der Mund mit den vollen Lippen war eine Spur zu breit geraten, um als schön zu gelten. Das Auffallendste an Fygens Erscheinung jedoch waren ihre ein wenig schräg stehenden, funkelnden, bernsteinfarbenen Augen, die jede Minute ihre Farbe zu ändern schienen, von warmem Honig bis zu funkensprühendem Phosphor.

Endlich traute Fygen sich, den Kopf zu heben, und sah direkt in die schmalen, wässrigen Augen ihres Oheims, die zwischen den wulstigen Wangen zu versinken drohten. Unsicher sah sie zu, wie er seine massige Gestalt um das Pult herum auf sie zu bewegte. Auf seinen feucht glänzenden roten Lippen lag ein freundliches Lächeln.

»Immer noch ein wenig knochig, aber doch schon die Rundungen an den rechten Stellen«, sagte er gedehnt. Sein Blick saugte sich an dem rechteckigen, mit schmaler Litze besetzten Ausschnitt ihres Mieders fest, das gerade die Ansätze einer jugendlichen Brust erahnen ließ. Fygen spürte seine klebrigen Blicke wie Egel auf der Haut.

Mathys streckte seinen kurzen Arm aus und pflückte ihr eine Schleife aus dem Haar. Als sich die Locken befreit um ihr Kinn ringelten, trat ein Glitzern in seine blassen Augen, und seine Stimme war ein wenig atemlos, als er sagte: »Du ähnelst deiner Mutter, weißt du das?« Er legte einen dicken Finger unter ihr Kinn und schob sein Gesicht direkt vor ihres. Fygen konnte seinen unangenehm fauligen Atem riechen und versuchte, den Kopf abzuwenden.

»Sie war eine richtige Schönheit«, fuhr ihr Onkel fort und ließ seinen Finger langsam von ihrem Kinn den schlanken Hals hinabwandern.

Fygen versuchte, einen Schritt zurückzuweichen, doch das Schreibpult in ihrem Rücken hinderte sie daran. Mathys legte seinen freien Arm um ihre mageren Schultern und murmelte dicht an ihrem Ohr: »So wie du einmal eine Schönheit sein wirst.« Sein Finger hatte den Ansatz ihrer Brust erreicht, und Fygen spürte ein flaues Gefühl im Magen. Starr sah sie zu, wie sich seine Hand mit den tiefen Grübchen im Fett unangenehm fest um ihre Brust schloss, und stöhnte mehr vor Überraschung, denn vor Schmerz auf. Mathys schoss das Blut ins Gesicht. Grob presste er Fygens schmalen Körper mit seinem Leib gegen das Pult und vergrub seinen Mund in ihren Haaren. Das üble Gefühl in Fygens Magen verdichtete sich zu einem festen, kleinen Knoten, als er mit der Rechten ihre Gesäßbacken packte und erregt seinen Unterleib an ihr rieb.

Fygen versuchte sich loszumachen und stemmte beide Hände gegen seine Brust. »Lass mich los. Onkel, lass mich los«, flüsterte sie, denn sein schwerer Körper hielt sie an das Pult gepresst und nahm ihr den Atem. Deutlich sah sie, wie kleine, feine Schweißperlchen auf seine Stirn traten, und hörte ihn mit rauher Stimme in ihren Haaren murmeln: »Du bist wie meine Schwester. Meine schöne, brünstige kleine Schwester.« Mit einem Ruck riss er die Schnürung an ihrem Mieder auf und beugte seinen Kopf über Fygens Brust. Bartstoppeln zerkratzten ihre Haut, der Knoten in ihrem Magen löste sich langsam zu Brei auf und stieg als Übelkeit in ihr hoch. Wieder versuchte Fygen, Mathys von sich zu schieben, doch seine Arme hielten sie fester, als es von einem so unförmigen Mann zu erwarten wäre. Behende schob er sie zu der schweren Truhe und fegte achtlos mit einer Handbewegung Teller und Krug beiseite. Der Krug zerbarst mit unangenehmem Scheppern auf dem Boden, und als Mathys Fygens weiten Rock anhob, färbte sich das Kraut langsam rot.

Mathys hielt sie mit einer Hand gepackt, leckte sich atemlos die Lippen, während die andere Hand am Latz seiner Hose nestelte. Das schmale Beinkleid ließ seinen fetten Körper grotesk ausschauen, und die Übelkeit stieg weiter in Fygen auf, höher und höher stieg sie, und nur noch am Rande ihres Bewusstseins hörte sie sein Keuchen: »Komm, stell dich nicht so an, du kleines Luder. Deiner Mutter kam es doch auch nicht so genau drauf an. Du bist doch auch eine kleine Hure. Meine kleine Hure.«

Mit einem abscheulichen Würgen brach es aus ihr heraus. Der ganze Ekel, der in Fygen aufgestiegen war, erbrach sich übelriechend über Mathys’ grünes, pelzverbrämtes Wams.

Angewidert stieß er sie von sich, holte aus und schlug ihr mit aller Kraft ins Gesicht. »Du gottverdammte Hure!«, schrie er.

Der Schlag schleuderte Fygen durch den Raum, im gleichen Moment, als sich die Tür öffnete und Lijses dralle Figur im Türrahmen erschien. Der erfahrene Blick aus den runden braunen Augen der Wirtschafterin erfasste die Situation sofort. Er glitt über Fygens aufgelöstes Haar, ihr zerrissenes Mieder und die verdorbene Mahlzeit auf den Bodendielen. Dann nahm Lijse den säuerlichen Geruch nach Erbrochenem wahr, und als sie das beschmutzte Wams ihres Brotherrn sah, musste sie sich das Lachen verkneifen. Für heute war es noch einmal gut gegangen, dachte Lijse, doch wer weiß, wie es das nächste Mal ausgehen wird? Aber darum würde sie sich später kümmern.

Äußerlich ruhig, bückte Lijse sich und half dem Mädchen auf, das sich wie ein Bündel schmutzige Kleider zu ihren Füßen zusammengerollt hatte. Nur das Rot auf ihren runden Wangen war eine Spur dunkler als üblich, und wer sie kannte, wusste, das sie innerlich vor Zorn bebte. Lijse maß Mathys mit einem warnenden Blick. Mit sicherem Griff packte sie das Mädchen, das sich hilfesuchend an sie drängte, und schob es ohne ein Wort aus dem Kontor.

Als sich die schwere Tür hinter ihnen geschlossen hatte, hielt Lijse inne und lauschte. Bis auf Fygens leises Wimmern war es ruhig im Haus. Nur durch die angelehnte Tür der hinteren Stube drang gedämpft das Geschwätz der beiden Mägde, die dort am Herd ihr Mittagessen verzehrten. Mit einer Geste bedeutete Lijse Fygen, ruhig zu sein, und führte sie den dunklen Flur entlang, an der Stube vorbei zum Stiegenhaus. Ihre hölzernen Trappen klapperten leise auf den Dielen, als sie die schmale Treppe ins Obergeschoss hinaufgingen. Hier oben über dem Hinterhaus lag Fygens kleine, karg möblierte Kammer, die zwar eng war, die sie aber mit niemandem zu teilen brauchte.

Mit sanftem Druck hieß Lijse Fygen, sich auf das kurze Bett mit den dicken Rückenpolstern zu setzen, und verließ den Raum, um kurz darauf mit einer Waschschüssel und sauberem Leinen zurückzukehren. Behutsam zog sie Fygen das zerrissene Mieder aus. Das Kleidungsstück war aus gebleichtem, aber sehr solidem Leinen gefertigt, und so war es nur in den Nähten gerissen, der Stoff aber hatte zum Glück gehalten. Es wäre ein Leichtes, das wieder zu flicken.

Lijse legte das Mieder beiseite, streifte Fygen den graublauen Rock über den Kopf und hängte ihn sorgfältig an einen der beiden Haken an der Wand. Der andere Haken war für das »gute« Kleid reserviert, das Fygen am Sonntag und an Feiertagen trug.

Dann tauchte Lijse das Tuch ins Wasser und tupfte vorsichtig Fygens Gesicht sauber. Wie zerbrechlich sie aussah. Ihre Haut war fahl, beinahe grünlich, und die sonst so unternehmungslustig funkelnden Augen, die so verblüffend ihre Gefühle widerspiegelten, waren zu einem müden Zimtgelb verblasst. Die Flut dunkelbrauner Locken hing ihr wirr um den Kopf, und ein paar feuchte Strähnen kringelten sich an ihrer Schläfe. Wie ein nasses Vögelchen, kam es Lijse in den Sinn.

Fygens Lippe war unter der Wucht des Schlages aufgesprungen, doch der Riss hatte bereits aufgehört zu bluten, und die Lippe begann kräftig anzuschwellen. Behutsam tupfte Lijse den Rest des getrockneten Blutes fort.

Fygen reagierte nicht. Obwohl Lijse sicher war, dass ihre Bemühungen für das Kind schmerzhaft waren, zuckte Fygen nicht ein Mal zusammen. Ihre ganze Reaktion schien sich in einer Gänsehaut zu erschöpfen, die den schmalen Körper überzog. Und das, obwohl sich hier unter dem Dach die sommerliche Hitze staute.

Sanft drückte die Haushälterin Fygen in ihr Kissen zurück, hob ihre Beine auf das Bett und breitete die dicke, mit Gänsedaunen gefüllte Decke über sie.

Fygen schien das alles gar nicht wahrzunehmen, ganz so, als hätte sie sich in eine andere Welt zurückgezogen. Lijse war diese Reaktion unheimlich. Sie hätte erwartet, dass Fygen sich lautstark über ihren Onkel beschwert, ihn ein dreckiges Schwein oder Schlimmeres genannt hätte. Auch einer von Fygens Zornesausbrüchen, die so typisch für das kleine verwöhnte Balg gewesen waren, als es vor Jahren in Lijses Obhut kam, und die ihr früher den letzten Nerv geraubt hatten, hätte sie nicht überrascht. Aber diese abwesende Art gefiel Lijse ganz und gar nicht. Müde rieb sie sich über das mollige Gesicht und seufzte tief. Ein letztes Mal tauchte sie den Lappen in die Schüssel und legte ihn dem Mädchen mit einer zärtlichen Geste auf die Wange, die langsam anfing, sich von brennendem Rot in bläuliches Violett zu färben. Dann verließ sie leise die Kammer.

2. Kapitel

 

Fygen fühlte sich elend, und trotz des warmen Sommerwetters fror sie erbärmlich. Von der brennenden Wange spürte sie nichts, auch nichts davon, dass ihre Lippe langsam anschwoll. Unbewusst hatte sie nach dem Schlag mit der Zunge geprüft, ob noch alle Zähne fest in ihrem Kiefer saßen. Ebenso mechanisch drückte sie nun den feuchten Lappen an ihr Gesicht. Für das, was ihr Onkel um ein Haar mit ihr angestellt hätte, empfand Fygen nur Verachtung. Es traf sie weitaus weniger als seine harten Worte über ihre Mutter, seine eigene Schwester. »Eine Hure wie deine Mutter!«, hallte es in Fygen wider. Fygen verstand das ganz und gar nicht. Wieso zog er die Erinnerung an ihre Mutter in den Schmutz? Um sie, Fygen, zu verletzen?

Ihre Mutter war wenige Tage nach ihrer Geburt gestorben, und obwohl Fygen nicht viel über ihre Mutter wusste, hielt sie ihr Andenken doch in großen Ehren.

Irma musste eine schöne Frau gewesen sein, die ihrer Tochter den frischen Teint und die aufrechte Haltung vererbt hatte. Doch außerdem verdankte Fygen ihrer Mutter vor allem ihr rebellisches, unabhängiges Wesen, wie Lijse ihr schon unzählige Male vorgehalten hatte.

Ihr Vater hatte nicht oft von seiner Frau gesprochen, und Fygen vermutete, dass ihr Tod ihn sehr bekümmert hatte. Auch ihren Onkel hatte Fygen fast nie von seiner Schwester sprechen hören und hatte sich nicht vorstellen können, dass er es in solch unflätiger Weise tun könnte. Ihr Vater hätte sich ein solches Verhalten seitens seines Schwagers sicher auf das schärfste verbeten.

Ein Kloß schien in ihrer Kehle zu wachsen, als sie an ihren Vater dachte. Mit seinem Tod war auch für Fygen das Leben zu Ende gegangen.

Sie war noch sehr klein gewesen, damals. Gerade einmal sieben Jahre alt. Oft war sie zu ihm ins Kontor gekommen. Ein Kontor, das nichts gemein hatte mit dem kahlen, abweisenden Raum, in dem ihr Onkel seine Geschäfte tätigte. In Vaters Kontor herrschte eine Art Durcheinander, die den ganzen Raum warm und heimelig wirken ließ. Überall stapelten sich Papiere, auf den Fenstersimsen lagen unbrauchbare Federkiele, und das Schreibpult bog sich unter einem Stapel aufgeschlagener Geschäftsbücher. Doch ganz gleich, wie beschäftigt ihr Vater gewesen war, immer hatte er sich über ihre Besuche gefreut.

»Da ist ja mein kleiner Spatz«, hatte er gerufen und sie aufgefangen und herumgewirbelt, wenn sie sich in seine Arme stürzte. Er hatte ihr die schweren, gebundenen Journale gezeigt und lachend gesagt, sie müsse noch viel lernen, wenn aus ihr einmal eine tüchtige Kauffrau werden solle. Dann hatte er sich oft Zeit genommen, ihr das Rechnen und Buchstabieren beizubringen.

Und dann war jener verwünschte Herbst gekommen, den Fygen am liebsten für immer vergessen würde. Doch sosehr er sich auch bemühte, nichts konnte diese Erinnerung verblassen machen.

Eines Abends hatte ihr Vater viel früher als gewohnt sein Kontor verlassen, nachlässig seine hüftlange, taillierte Schecke übergeworfen, den Beutel am Gürtel befestigt und war ohne ein Wort des Abschiedes aus dem Haus gestürmt, dem Bierzapf am Marktplatz zu. Erst tags darauf hatten sie ihn nach Haus gebracht.

 

Fygen stieg aus dem Bett, wickelte die Decke um ihre Schultern und trat an das schmale vergitterte Fenster, durch das im Winter ein eisiger Wind hereinwehte, weil es keine gläsernen Scheiben besaß. Wenn sie sich auf die Zehenspitzen stellte, konnte sie über den hochgeklappten Holzladen hinweg den gewaltigen Zollturm der Stadt Zons sehen. Und wenn sie sich noch ein wenig weiter reckte, blitzte dahinter ein schmaler Streifen silbrigen Wassers im Sonnenschein auf: der Rhein. Mit bloßen Füßen stieg Fygen auf die schlichte gezimmerte Truhe, in der sie ihre Leibwäsche aufbewahrte. Doch auch so konnte sie das Haus, in dem sie mit ihrem Vater gelebt hatte, von hier aus nicht sehen. Es lag weiter im Westen der kleinen Stadt, auf der dem Fluss abgewandten Seite. Es war ein schönes Haus: das Erdgeschoss aus Stein gemauert, die Fachwerkbalken darüber schwarz geteert und das Werk dazwischen ordentlich weiß gekalkt.

Und in dem schönen Haus wohnen nun andere Leute, dachte Fygen bitter und schlang die Arme um ihre Schultern. Sie fror immer noch erbärmlich. Rasch kroch sie wieder in ihr Bett zurück, zog unter der Decke die Beine an und rollte sich zusammen, während ihre Gedanken zurückwanderten. Zurück zu jenem verhängnisvollen Tag, der ihr Leben so einschneidend, so unwiderruflich verändert hatte.

In diesem Jahr, man schrieb 1465, war der Sommer schon früh zu Ende gegangen und einem kühlen, aber trockenen Herbst gewichen. Fygen spielte allein auf der Straße vor dem Haus mit ihren tönernen, bunt glasierten Murmeln. Es war ruhig in der Gasse, obwohl es mitten am Vormittag war. Anders als auf der lebhaften Rheinstraße, die sich vom Rheintor im Zollturm an der östlichen Stadtmauer entlangzog und auf direktem Weg an Schloss und Zwinger vorbei zum mächtigen, doppelten Südtor führte. Dort fuhren Pferdefuhrwerke, schleppten Knechte große Bündel auf dem Rücken, wurden schwere Karren entlanggezerrt und hasteten Menschen vorbei, um ihre Besorgungen zu erledigen. Denn Zons war Zollstadt, und jedes Schiff, das die Stadt auf dem Wasserwege passieren wollte, musste entsprechend seiner Waren Maut entrichten. Manches Schiff wurde hier entladen, und die Waren wurden auf dem Landweg weitertransportiert. Und so herrschte ein reges Treiben, nicht nur auf der Straße, sondern auch auf dem großen Platz vor dem Rheintor.

Fygen hatte sich in den Staub gehockt und fegte ein Stück Lehm neben der Treppe von Sand und Dreck frei, damit die glänzenden roten und blauen Murmeln besser rollen konnten. Ab und an kamen die beiden Gehilfen des Steinmetzes mit ihren Schubkarren vorbei, auf die sie Steine geladen hatten, denn der Sattler, der ein Stück die Straße hinauf wohnte, wollte seine Werkstatt vergrößern. Einmal kam eine Frau an Fygen vorüber, eingehüllt in ein wollenes Umschlagtuch, die Haube tief in die Augen gezogen, und Fygen sah zu, wie sie im Haus des Mützenstrickers auf der anderen Straßenseite verschwand.

Vom Rhein herauf wehte ein böiger Wind und wirbelte immer wieder Staubwolken auf, die Fygen in die Augen stachen. Und so bemerkte sie denn auch die beiden Männer, die eine schwere, unhandliche Last die Straße heraufschleppten, erst, als sie fast vor ihrem Haus angelangt waren. Erstaunt stellte Fygen fest, dass es ihr Vater war, den sie trugen. Einer der beiden hatte Vater unter den Armen gepackt. Der kostbar bestickte Saum von Vaters Schecke, die Fygen immer so bewundert hatte, schleifte im Staub. Der andere schleppte Vaters Beine, die so, wie sie in ihren engen Hosen in die Luft ragten, dünn und kraftlos erschienen. Beide keuchten unter ihrer Last, und der kleine, untersetzte Mann mit schütterem Haarwuchs, der Vaters Beine hielt, sprach Fygen an: »He, Kleine, lauf geschwind und sag im Haus Bescheid!«

»Wo hast du denn seine Trippe gelassen?«, wollte Fygen wissen und deutete auf den unbeschuhten Fuß ihres Vaters. Es überraschte sie heute selbst, dass dies die erste Frage war, die ihr damals in den Sinn kam.

»Der braucht keine Schuhe mehr, der geht nirgendwo mehr hin«, antwortete der andere Mann, ein stämmiger Bursche mit grobflächigem Gesicht. Fygen kannte ihn, es war der Gehilfe des Burggrafen vom Stadttor am Rheinufer. Entsetzt sprang sie auf, die Murmeln kullerten achtlos in den Staub. Erst jetzt sah sie die unnatürliche Blässe auf dem Gesicht ihres Vaters und das verkrustete Blut, das von seinem Hinterkopf in den Kragen gelaufen war.

Ihr Vater war tot.

Fygen konnte das nicht verstehen. Ihr hübscher, schmucker Vater sollte plötzlich tot sein? Die greise Veronika war tot, aber die war sehr alt geworden und hatte lange siech gelegen. Es war sicher nicht schlimm, dass der Herrgott sie zu sich geholt hatte. Das neue Kind von Edda war auch tot. Aber es war ja auch noch kein richtiger Mensch gewesen, nur ein kleines schreiendes Bündel, das einfach blau im Gesichtchen wurde und starb. Aber Fygens fröhlicher, starker Vater?

Als das Mädchen sich nicht rührte, stapften die beiden Männer an ihr vorbei die steinerne Treppe zur Eingangstür hinauf. Wie fast alle Häuser der Stadt war auch Fygens Elternhaus nur über eine Treppe begehbar, denn die Bewohner suchten sich gegen das jährliche Hochwasser zu schützen.

Wie betäubt folgte Fygen ihnen ins Haus hinein und sah schweigend zu, wie sie ihre leblose Last auf dem großen Tisch in der vorderen Stube abluden. Immer noch stumm stand sie dabei, als die Männer des Burggrafen sich den Schweiß abwischten und Dörte, die ihrem Vater den Haushalt führte, ihnen einen Krug dünnes Bier reichte.

Fygen hörte die Männer sprechen und trat näher, um zu hören, was sie zu sagen hatten.

Sie berichteten, sie hätten Vater außerhalb der Ostmauer am Ufer gefunden, gleich neben dem Treidelpfad. Im Staub habe er gelegen, auf dem Gesicht. Und der Hinterkopf sei eingeschlagen gewesen. Ein richtiges Loch sei da, ob sie es sehen wollten? Sie bräuchten nur seinen Kopf etwas zu drehen. Da müsse jemand ziemlich fest zugeschlagen haben. Aber es wäre müßig, herausfinden zu wollen, wer. Der Leichnam sei bereits kalt und der Schuldige bestimmt schon über alle Berge. Der Nachtwächter hatte nichts Verdächtiges bemerkt, den hätten sie schon gefragt. Das Stadttor war um neun Uhr, als er seine Runde machte, fest verschlossen, und auch die Wachen im Rheintor hatten in der Nacht nichts Auffälliges bemerkt. Da könne man halt nichts machen.

Wieso denn der van Bellinghoven nach Toresschluss nicht in der Stadt gewesen wäre? Das zieme sich nicht für einen ehrbaren Kaufmann.

Darauf wusste Dörte keine Antwort zu geben, doch das verwunderte Fygen nicht. Sie fand Dörte ohnehin ziemlich dumm. Aber das lag wohl an Dörtes Kuhaugen, aus denen sie in die Welt schaute, als sähe sie diese jeden Tag aufs Neue zum ersten Mal. Auch ihr einfältiger Gesichtsausdruck trug nicht dazu bei, sie fähiger erscheinen zu lassen. Doch alles in allem führte sie Vaters Haushalt zu seiner Zufriedenheit und gab selten Anlass zur Beschwerde. Da draußen triebe sich doch allerlei Diebesvolk herum, wie schließlich jedermann wisse, erklärten die Männer des Burggrafen, und das käme nun davon.

Fygen verstand nicht, was wovon kommt, aber sie mochte auch nicht nachfragen. Und vor allem wollte sie das Loch in Vaters Kopf nicht sehen.

 

Gott weiß, woher sie diesmal wusste, dass im Hause Bellinghoven etwas geschehen war, doch die beiden Männer waren noch nicht zur Tür hinaus, als schon die Frau des Goldschmieds erschien, eine unangenehm neugierige Person, wie Fygen fand. Alles an ihr war spitz. Ihre Nase, ihr Busen und ihre hohe kreischende Stimme.

Sie übernahm sofort das Regiment im Bellinghovenschen Haus. Zunächst schickte sie Fygen los, sie solle sich eilen und zum Pfarrer laufen. »Sag ihm, Konrad van Bellinghoven ist gestorben. Wir brauchen feines Bahrtuch und« – hier zögerte sie ein wenig, dann entschied sie – »sechs Kerzen. Und er soll den Kirchendiener schicken.«

Fygen starrte der Frau des Goldschmieds überrascht in das spitze Gesicht. Es erinnerte sie an die Schnauze einer Spitzmaus, auch der Schnurrbart fehlte nicht. Fygen war es nicht gewohnt, so herumkommandiert zu werden. Erst recht nicht von dieser Spitzmaus. Trotzig verschränkte sie ihre schmächtigen Arme vor der Brust und bedachte die Frau des Goldschmieds mit einem düsteren, safranfarbenen Blick.

»Na, was ist? Worauf wartest du?«, herrschte die Frau sie an, und widerstrebend verließ Fygen nun doch die Stube und machte sich auf den Weg zum Pfarrhaus.

Bis Sankt Martinus war es nicht weit, und neben dem trutzigen Kirchenbau erschien das Pfarrhaus richtiggehend winzig. Wie schutzsuchend duckte es sich unter eine große Ulme, die ihre Äste über das strohgedeckte Dach breitete. Der Pfarrer saß am Tisch und löffelte Gerstenbrei aus einer hölzernen Schüssel in sich hinein, als Fygen eintrat. Unwillig hob er den Kopf und schaute sie aus blutunterlaufenen Augen an. Müde hingen die schweren Tränensäcke in seinem teigigen Gesicht, und Fygen schien es, als wäre der Herr Pfarrer gerade erst aus den Federn gestiegen. Selbst sie hatte schon gehört, dass der Pfarrer hochgeistigen Getränken sehr zugetan war.

»Nun?«, fragte er schroff und zog die Augenbrauen hoch, was seinem langen Gesicht etwas Pferdeartiges verlieh.

Fygen versuchte zu wiederholen, was ihr die Spitzmaus aufgetragen hatte. Doch als sie den Mund öffnete, kam nur ein leises ersticktes Krächzen hervor.

»Kind, sag, was du zu sagen hast«, brummte der Pfarrer ungeduldig.

Fygen unternahm einen zweiten Versuch: »Der van Bellinghoven ...«

»... ist dein Vater, ja. Was ist mit ihm?«

»Tot«, hauchte das Mädchen. »Tot.«

Die Hand mit dem Löffel verharrte in der Luft, und die Augenbrauen des Pfarrers verschwanden fast unter seinem unordentlichen Haarschopf.

»Tot?«, fragte er ungläubig und schüttelte den Kopf. Dann erst besann er sich und machte pflichtschuldigst ein schlampiges Kreuzzeichen.

»Der war gestern Nacht doch noch putzmunter. Wir haben den einen oder anderen Krug ...« Abrupt verstummte er, denn ihm fiel ein, dass diese Ausführungen sicher nicht für die Ohren eines kleinen Mädchens geeignet waren. Was mochte dem van Bellinghoven zugestoßen sein? Erneut schüttelte er den Kopf, diesmal aber, um den Dunstschleier zu vertreiben, der seinen Geist vernebelte.

»Was ist mit ihm geschehen?«, wollte er wissen, und sein alkoholgeschwängerter Atem wehte in Fygens Richtung.

»Sie haben ihn totgeschlagen«, flüsterte Fygen mit erstickter Stimme und blickte zu Boden. Am liebsten hätte sie auf dem Absatz kehrtgemacht und wäre nach Hause gelaufen. Doch der Herr Pfarrer war schließlich der Herr Pfarrer, und man musste ihm mit dem gehörigen Respekt begegnen, auch wenn er noch so übel roch.

Der Konrad war in furchtbar schlechter Stimmung, gestern Abend, erinnerte der Pfarrer sich. Wütend war er in die Schankstube gestürmt und hatte jedem, der es wissen wollte, und auch allen, die es nicht wissen wollten, erzählt, dass er von einem unredlichen kölnischen Kaufmann übervorteilt worden war. Alles, aber auch wirklich alles hätte er verloren. Arm wie eine Kirchenmaus sei er nun, und wenn er Pech hätte, müsse er sogar in den Schuldturm. Und schuld daran sei nur dieser betrügerische Kerl.

Der Pfarrer wagte nicht, sich den genauen Wortlaut von Konrads Beschimpfungen in Erinnerung zu rufen, mit denen er den Kaufmann bedacht hatte, denn das hätte sicher Nachteile für sein eigenes Seelenheil. Und man musste jederzeit damit rechnen, dem Schöpfer leibhaftig gegenüberzutreten, wie sich ja wieder einmal gezeigt hatte.

Wie auch immer, Konrad hatte jedenfalls seinem Ärger gehörig Luft gemacht und keinen Zweifel daran gelassen, dass er den Missetäter, und sei er auch noch so reich und mächtig, vor den Rat der Stadt Köln bringen werde, vor dem dieser sich dann zu rechtfertigen habe.

Hatte diese Drohung dafür gesorgt, dass der van Bellinghoven nun an die Pforten des Himmelreiches klopfte? Und das, ohne sein Gewissen erleichtert und die heiligen Sakramente erhalten zu haben, der arme Teufel! Der Pfarrer verspürte echtes Mitleid mit der armen Seele des Verstorbenen und machte noch ein Kreuzzeichen für Konrad, deutlich eifriger diesmal. Und gleich ein weiteres hinterher, dafür dass ihm selbst ein solches Schicksal erspart bliebe.

Das kleine Mädchen vor ihm trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen, und ihm fiel ein, dass es ja seiner Pflicht als Hirte seiner Gemeinde oblag, für eine angemessene Totenwache zu sorgen.

»Was brauchst du?«, fragte er Fygen. Seine Stimme war weitaus freundlicher geworden und ließ deutlich Mitleid erkennen.

»Bahrtuch, sechs Kerzen, Kirchendiener«, zählte Fygen an den Fingern auf.

»Schicke ich euch gleich hinüber. Du kannst jetzt gehen. Friede mit dir, meine Tochter«, sagte er und schlug ein letztes Kreuzzeichen, diesmal über Fygens Scheitel.

Als sie nach Hause zurückkehrte, hatten Dörte und die Spitzmaus Vater bereits gewaschen und ihm seine besten Kleider angezogen: Zweifarbige Beinlinge aus weichem, dehnbarem Stoff, ein Bein rostfarben, das andere dunkelblau, waren an einem zimtgelben Wams mit blauer, kostbarer Zierstepperei befestigt. Die hellgrüne Schecke war leider verdorben und konnte auf die Schnelle nicht gereinigt werden. So fiel die Wahl auf eine hüftlange, stark taillierte taubenblaue Jacke ohne Ärmel, deren Armausschnitte mit feinem Pelz verbrämt waren. Darunter kamen die langen, mit einer Muffe versehenen Ärmel des Wamses gut zur Geltung. Von der fürchterlichen Verletzung, die Vaters Leben ein so jähes Ende bereitet hatte, konnte Fygen zum Glück nichts mehr erkennen. Die Frauen hatten sein Haar gewaschen und über die Wunde gebreitet. Vaters Gesicht hatte sich wächsern gefärbt, und die Augen unter den blassen Wimpern waren geschlossen. Fremd und abweisend sah er aus. Sehr ernst, fand Fygen, und sie weigerte sich, ihren Vater so in Erinnerung zu behalten. Für sie würde er immer der fröhliche, lachende Held ihrer Kindertage bleiben. Angestrengt schaute sie in sein Gesicht und suchte nach seinen vertrauten Zügen. Fast meinte sie in einem Mundwinkel den Ansatz zu seinem Lächeln zu sehen, das sich schnell auf seinem Gesicht ausbreiten konnte. So sehr wünschte sie es sich herbei, doch so lange Fygen auch schaute, Vaters Gesicht blieb ruhig und unbewegt.

Der Kirchendiener, ein großer, magerer Mann, kam und brachte das schlichte, leinene Bahrtuch. Es war in der Pfarre gegen Gebühr auszuleihen und nach Gebrauch zurückzugeben. Mit dieser Bestimmung versuchte die Kirche, Prunksucht und Hoffahrt ihrer Schäflein in Grenzen zu halten. Denn in der Vergangenheit hatten wohlhabende Bürger übertrieben und mit Perlen und Goldfäden überaus reich bestickte Tücher verwendet. Einer suchte so den anderen an Prunk zu übertreffen, um seinen Reichtum noch im Tode zur Schau zu stellen.

Dieses Bahrtuch nun war aus gebleichtem und steif gestärktem Leinen und nur am Rande mit Lochstickerei verziert. Dörte und der Kirchendiener mühten sich, Vaters steifen Leib anzuheben, damit die Frau des Goldschmieds das Bahrtuch über dem großen Tisch ausbreiten konnte. Sorgfältig strich sie die Falten aus dem Leinen und zog die Säume glatt. Wie frisch gefallener Schnee, dachte Fygen, und als Dörte und der Kirchendiener den Leichnam vorsichtig ablegten, erwartete sie fast, dass er tief einsinken würde.

Er bot ein friedliches Bild, bis zu dem Moment, als der Kirchendiener versuchte, Vaters Hände in demütiger Haltung auf seiner Brust zu falten. Da schien plötzlich Leben in den toten Körper zu kommen, und Fygen erschrak zutiefst. Als wolle er sich der frommen Geste widersetzen, rutschten Vaters Arme immer wieder zur Seite, denn die Leichenstarre hatte bereits eingesetzt.

Als seine Arme zum dritten Mal in grotesker Weise über den Rand des Tisches hinabfielen, wurde Fygen übel, und sie beeilte sich, die Stube zu verlassen.

Dörte folgte ihr, und die Spitzmaus schickte den Kirchendiener los, die nächsten Freunde und Verwandten über Vaters Tod zu unterrichten, wie es der Brauch war.

Fygen half Dörte, die hölzernen, rot bemalten Kerzenständer abzustauben und die sechs Kerzen, jede zu mindestens einem Pfund Gewicht, darauf zu befestigen. Dann trugen sie die Kerzenständer vor das Haus, um sie dort aufzustellen, als Zeichen, dass in diesem Haus ein Toter zu beklagen war. Der böige Herbstwind ließ die Kerzen wild flackern, als sie vor die Tür traten, und Fygen musste die Flammen mit der Hand schützen, damit sie nicht verloschen. Die Spitzmaus trat zu ihnen und stellte neben den Kerzen ein schlichtes hölzernes Kreuz auf. Nun war alles bereit für die Totenwache. Mehr konnten sie nicht tun.

Bald schon trafen die ersten Nachbarn und Vaters Freunde ein. Manch einer ließ die Arbeit ruhen, als er die Nachricht vom plötzlichen Tod des Freundes erhalten hatte, und machte sich auf den Weg in das Trauerhaus. War doch der Tod eines Freundes oder Angehörigen zugleich Mahnung für die eigene Sterblichkeit. Sie kamen, um sich zu besinnen, um Abschied zu nehmen und nicht zuletzt der Geselligkeit willen. Und so standen denn bald nicht wenige Männer in der guten Stube. Die Lichter zu Füßen des Verstorbenen spiegelten sich matt in der dunklen Holztäfelung der Stubenwände und tauchten den niedrigen Raum in eine feierliche Stimmung, noch verstärkt durch das Flackern der Kerzen vor dem Haus, deren unruhiges Licht durch die langsam aufsteigende Dämmerung ins Haus fiel.

Für die Männer war es eine Ehrensache, in Schweigen und stillem Gebet die Totenwache bei dem aufgebahrten Leichnam zu halten. Ihre Frauen gesellten sich derweil zu Dörte und der Spitzmaus, die im Hofzimmer alle Hände voll zu tun hatten, die Gäste zu bewirten. Hier ging es weitaus fröhlicher zu als in der guten Stube. Der Kaminofen, der wegen der in diesem Jahr schon sehr früh einsetzenden Kälte bereits befeuert wurde, verbreitete eine wohlige Wärme, und die Frauen sprachen gehörig dem guten Nahewein zu. Genussvoll verspeisten sie die reichlich mitgebrachten Speisen und frönten ihrer liebsten Beschäftigung: dem Klatsch und Tratsch.

Ein um das andere Mal musste Dörte in den Keller hinabsteigen, um die Krüge neu zu füllen, und während sich die Wangen und Nasenspitzen der Damen unter den sittsamen Hauben langsam zu röten begannen, wurde die Stimmung ausgelassener und die Rede offener.

Von Fygen nahm kaum einer Notiz. Dörte hatte ihr das blaue Festtagskleid übergestreift. Es war aus feinster Wolle in einem kräftigen Indigoblau, das ihre honigfarbenen Augen zum Strahlen brachte. Sogar lange weite Schleppenärmel hatte es, wie die eleganten Kleider der feinen Damen. Vater hatte den Stoff eigens für sie mitgebracht, als er das letzte Mal in Geschäften unterwegs war. Als sie ihm vor Freude um den Hals gefallen war, hatte er nur gelacht und gesagt, sie solle daraus ein neues Kleid schneidern lassen, aber wehe, sie würde damit den jungen Kerlen gefallen, er sei schließlich mächtig eifersüchtig auf seine Prinzessin. Trotz des warmen Wolltuches fror Fygen arg, und sie kauerte sich auf der Ofenbank in eine Ecke. Ein Gesprächsfetzen wehte herüber, und ohne es zu wollen, schnappte Fygen die Worte auf, gesprochen von einer naiven, fast kindlich jungen Stimme: »Es heißt, er habe alles verloren. Sein ganzes Vermögen.«

Und eine andere, unangenehm hohe Stimme sagte bissig: »Na, das Begräbnis sieht aber nicht danach aus. Hast du gesehen? Sechs Kerzen haben sie aufgestellt, ich meine, vier hätten auch gereicht.«

Eine dritte, viel tiefere, sonore Stimme ließ sich vernehmen: »Mit seinem Vermögen war es ohnehin nicht so weit her. Und wenn er nun alles verloren hat, dann ist das ja wohl seine eigene Schuld.« Die Sprecherin musste deutlich älter und wohl auch korpulenter sein.

»Wieso denn das?«, fragte die Naive. »Ich denke, er wurde von einem reichen Kaufmann übervorteilt.«

»Na, was geht er auch so riskante Geschäfte ein«, brummte die Alte. »Aber leichtsinnig war er immer schon.«

»Ich möchte nicht wissen, was er nachts da draußen am Fluss zu suchen hatte«, mischte sich die Bissige wieder böse ein.

»Stell dir vor, wie schrecklich. Einfach hinterrücks erschlagen«, ließ sich die Naive vernehmen.

»Ja, wer sich mit den Reichen und Mächtigen anlegt ...«, unkte die Alte und hinterließ eine böse Andeutung im Raum.

Hatte Fygen zunächst wie unbeteiligt zugehört, so dämmerte ihr allmählich, dass es ihr Vater war, über den die Stimmen ihr Urteil fällten. Sie konnte nicht erkennen, wer die Frauen waren, deren Stimmen sie gehört hatte, aber die Worte brannten sich durch den Nebel, der seit einiger Zeit ihren Kopf füllte, in ihr Bewusstsein hinein. Ihr Vater war nicht eines natürlichen Todes gestorben. Aber außerhalb der Stadt trieb sich allerhand Gesindel herum. Es kam ab und an vor, dass ein reicher Mann von liederlichem Pack erschlagen und beraubt wurde. Was fiel dieser Alten ein, ihren Vater als leichtsinnig zu bezeichnen!

Fygen überkam eine unbändige Wut. Auf die Alte, die ihren Vater als leichtsinnig bezeichnete, auf diesen Kaufmann, von dem sie insgeheim überzeugt war, dass er die Schuld am Tode ihres Vaters trug. Und – völlig unsinnig – auf ihren Vater, weil er sich einfach hatte umbringen lassen und sie allein zurückließ. Die Wut fing ganz tief in ihr an, stieg langsam auf und wurde mächtiger und immer mächtiger, bis sie alles mit sich fortriss, alle Vernunft, alle Besinnung und wie eine rote Woge aus Fygen herausbrach.

Sie schämte sich noch heute, wenn sie daran dachte, wie sie sich vor den versammelten Frauen in der hinteren Stube auf den Boden geworfen und mit beiden Fäusten wild auf die Holzplanken gehämmert hatte. Lautstark hatte sie nach ihrem geliebten Vater geschrien, aber alles Weinen und Brüllen hatte nichts genützt. Ihr Vater war nicht wieder lebendig geworden.

 

Fygen spürte ein Echo dieser alten Wut auch jetzt wieder in sich aufsteigen. Es war ungerecht, so ungerecht! Wie konnte ihr Vater sie nur alleine zurücklassen? Wie konnte er zulassen, dass ihr Onkel so über ihre Mutter sprach? Und wie konnte Onkel Mathys es wagen, Hand an sie zu legen?

Fygen fühlte, wie der Zorn in ihr mächtiger wurde. Er stieg auf und raste ihr heiß durch die Adern. Warum nur? Warum ließ er das zu? Auf einmal war ihr unglaublich warm. Mit einem Ruck setzte Fygen sich auf und schleuderte das Federbett von sich. Tränen strömten ihr über das Gesicht, und dann fing sie an zu schreien. Es war ihr völlig gleich, wenn sie sich später auch für diesen Wutanfall würde schämen müssen. Sie schrie den ganzen aufgestauten Groll aus sich heraus.

Sie tobte und brüllte, bis sie schließlich erschöpft und kraftlos auf ihr Bett sank. Endlich versiegte der Tränenstrom, und sie drückte das aufgequollene Gesicht in die Kissen. Der fremde und doch so vertraute Geruch von Korianderwasser, das Lijse regelmäßig gegen Flöhe versprühte, hüllte sie behutsam ein, und unmerklich glitt sie hinüber in einen tiefen, fast ohnmächtigen Schlaf.

3. Kapitel

 

Lijse hatte Fygens Wutausbruch mit Erleichterung zur Kenntnis genommen, denn das Schweigen des Kindes hatte ihr schon Sorgen bereitet. Eine frisch gestärkte weiße Schürze vor das Kleid gebunden, gab sie ein gut kölnisch Pfund Mehl, ein wenig weiche Butter, ein paar Löffel Honig und eine Prise Salz auf den blank gescheuerten Tisch in der hinteren Stube, die als Küche, zugleich aber auch als Wohn- und Aufenthaltsraum für Lijse und das Gesinde diente. Sorgsam rollte sie die Ärmel ihres Kleides bis über die Grübchen in ihren rundlichen Ellenbogen auf und tauchte die Hände in den weichen Haufen. Während sie die Zutaten mechanisch zu einem festen Teig knetete, dachte sie beruhigt, dass das Kind wohl keinen ernstlichen Schaden genommen hatte und langsam wieder zu sich kam. Es würde das böse Erlebnis mit dem elenden geilen Bock, der ihr Oheim war, überwinden. Stellvertretend für ihren Dienstherrn bekam der Teig ein paar feste Hiebe. Noch ein paar Tage, und die Angelegenheit wäre für Fygen vergessen.

Aber was war mit Mathys? Würde er die nächste Gelegenheit nutzen, um Fygen wieder nachzustellen? Wer weiß zu sagen, wie die Sache dann ausgehen würde. Besser, es gab erst gar kein nächstes Mal. Das Mädchen musste aus dem Haus, und zwar so schnell wie möglich. Und weit weg. Lijse hatte auch schon eine Idee, wohin. Es würde nur nicht ganz einfach werden, diese Idee in die Tat umzusetzen. Lijse seufzte tief. Es würde ihr schwerfallen, Fygen gehen zu lassen, denn das Mädchen war ihr ans Herz gewachsen wie eine leibliche Tochter. Nie würde sie vergessen, wie das kleine verstörte Kind vor nunmehr fünf Jahren zu ihr gekommen war.

Zwei Tage lang hatten sie van Bellinghoven aufgebahrt, wie es sich gehörte. Dann trugen sie ihn an einem leuchtend sonnigen Oktobervormittag zu Grabe.

Mathys hatte dringende Geschäfte vorgeschützt und ließ sich entschuldigen. Das Verhältnis zwischen ihm und seinem Schwager war nie besonders herzlich gewesen, was beileibe nicht Konrad anzulasten war. Lijse fand es empörend, dass der einzige Verwandte, den der Verstorbene in der Stadt hatte, sich weigerte, diese Pflicht zu erfüllen, und nahm an Mathys’ Stelle am Trauerzug teil.

Die Sonnenstrahlen brachten die Blätter an den Bäumen am Kirchhof zum Strahlen. In zahllosen Gelbtönen schienen sie wie Boote auf dem tiefblauen Himmel zu schwimmen und dem van Bellinghoven einen schönen Abschied von dieser Welt zu bescheren. Ihre Pracht wetteiferte mit den farbenfrohen Kleidern der zahlreichen Trauergäste. Die halbe Stadt war auf den Beinen, da jeder Konrad van Bellinghoven kannte. Und wer ihn nicht kannte, der kam trotzdem, denn die Beerdigung eines wohlhabenden Bürgers war immer eine sehenswerte Angelegenheit. Wie lange wurden die Glocken geläutet? Wie viele Kerzen dem Sarg vorangetragen? Wie viele Geistliche begleiteten den Trauerzug? All das war von äußerster Wichtigkeit und wurde ausgiebig besprochen, gab es doch Aufschluss über Rang, Ansehen und Vermögen des lieben Verstorbenen. Es war ein ansehnlicher Zug, der den Leichenträgern zum Kirchhof folgte. Und zwischen all dieser Prachtentfaltung und Eitelkeit lief ein einsames kleines Mädchen in blauem Kleid. Mit Ausnahme von Dörte, die jedoch mehr den Verlust ihrer Stellung betrauerte als den Toten selbst, schien Fygen die Einzige zu sein, die wirklich trauerte. Sie ging hinter dem Sarg, mit ernstem Gesichtchen tapfer bemüht, ihren Tränen Einhalt zu gebieten. Nur ab und an schmuggelte sich ein hartnäckiger Schluchzer nach oben, und Lijse empfand Respekt für die Kleine, die diesen Gang allein durchzustehen hatte.

Einer Eingebung folgend, drängte sie sich durch die Menge, bis sie zu dem Mädchen gelangte. Ohne ein Wort ergriff sie Fygens kleine kalte Hand und hielt sie fest in der ihren. Der Blick, den Fygen ihr aus zimtfarbenen Augen zuwarf, traf sie bis ins Mark. Dankbarkeit las sie darin, Einsamkeit, aber auch Stolz und die Bereitschaft, dem Leben ins Gesicht zu schauen.

In schweigendem Einvernehmen brachten sie gemeinsam die Trauerfeier in Sankt Martinus und die anschließende Beerdigung auf dem Friedhof direkt neben der Kirche hinter sich. Nur als sich der reich mit Schnitzereien und Zierrat geschmückte Sarg in die dunkle Erde senkte, entrang sich Fygens Kehle ein lautes Schluchzen, und sie drohte zusammenzubrechen. Sanft drückte Lijse ihr kleines Gesichtchen an ihren ausladenden Busen und strich ihr zärtlich über die dunklen Locken.

Lijse schluckte trocken, um der Rührung Herr zu werden, die sie bei der Erinnerung ergriffen hatte. Energisch knetete sie den Inhalt eines flachen Holzschälchens unter den Teig, in dem sie vorab ein wenig bröckelige Hefe mit lauwarmer Milch vermengt hatte. Dann erst erlaubte sie ihren Gedanken, wieder zurückzuschweifen.

Später an dem Tag war der Herr Pfarrer zu ihnen ins Haus gekommen, um mit Mathys zu sprechen. Lijse hatte ihn respektvoll in die gute Stube geführt und sogleich ihren Dienstherrn benachrichtigt. Sodann hatte sie begonnen, in aller Ruhe den Flur zu fegen, was ihr guten Grund lieferte, sich in der Nähe der angelehnten Stubentür aufzuhalten. Zu gespannt war sie, was der Pfarrer mit dem Pferdegesicht Mathys zu sagen hatte.

Und Lijse staunte nicht schlecht, als der Pfarrer ihren Dienstherrn aufforderte, seine Nichte Fygen bei sich aufzunehmen. Er mahnte Mathys geradezu an seine Pflicht zur Nächstenliebe, die er an der kleinen Waise zu erfüllen hätte. Schließlich wäre Fygen sein eigen Fleisch und Blut.

»Na, was das für ein Blut ist, will ich gar nicht so genau wissen«, entgegnete Mathys geringschätzig. Er hatte nicht einmal die Höflichkeit besessen, dem Pfarrer etwas zu trinken anzubieten.

Es war früh am Nachmittag, und der Geistliche war nach der, wie er zufrieden meinte, gelungenen Beerdigung in Hochform. Er hatte die Gemeinde gehörig daran erinnert, auf ihr Seelenheil zu achten, und ihr mächtig ins Gewissen geredet. Hatte er ihr doch heute ein lebendes, nein, eher totes Beispiel dafür geben können, wie schnell es geschehen konnte, dass man vor das Angesicht des Schöpfers treten musste. Danach hatte er sich im Bierzapf den einen oder anderen Krug von seinen Schäflein spendieren lassen.

»Der Herrgott wird es lohnen und dafür über so manch eine Sünde hinwegschauen«, lockte er.

»Das kann aber dauern, und inzwischen habe ich dieses Kind am Hals«, antwortete Mathys schnoddrig.

»Mein Sohn, du versündigst dich«, ermahnte der Pfarrer ihn entsetzt.

»Der Bellinghoven hat schon weitaus mehr bekommen, als ihm zusteht. Den halben Erbteil von meinem Vater hat er bekommen. Und wo ist das ganze Geld jetzt? Hä? Verzockt hat er es. Und ich soll jetzt auch noch auf sein Balg aufpassen. Nein wirklich nicht, Herr Pfarrer. Das kann keiner von mir erwarten.« Mathys schüttelte halsstarrig den Kopf.

»Ganz wie du willst«, antwortete der Pfarrer und zuckte wie hilflos mit den Schultern. »Dann bringe ich sie ins Findelhaus. Aber bestimmt wird sich die ganze Stadt darüber das Maul zerreißen, dass der Mathys Aldenhoven hartherzig ist und zu geizig, um seine arme kleine Nichte aufzunehmen, das hilflose Waisenkind, das beide Eltern so früh verloren hat. Was für ein schlechter Mensch der Mathys ist, werden sie sagen.« Und maliziös lächelnd fügte er hinzu: »Ob das gut ist fürs Geschäft, kann ich allerdings nicht sagen. Ich bin kein Kaufmann.«

Mathys zog ein finsteres Gesicht. Er wusste, wann er verloren hatte.

»Nun, das wäre geklärt. Ich schicke die Kleine dann gleich herüber«, sagte der Pfarrer, erhob sich und bedachte den Kaufmann mit einem strahlenden Lächeln. Dies war wirklich ein erfolgreicher Tag, fand er.

Lijse war seiner Meinung. Sie freute sich auf Irmas Tochter und fand es schlicht empörend, dass Mathys sich geweigert hatte, Fygen in sein Haus aufzunehmen. Wer sonst sollte sich um das Mädchen kümmern? Nicht dass es Lijse an Arbeit gemangelt hätte, doch es würde sicher nicht schaden, wenn ein Kind etwas Leben in den Haushalt des alleinstehenden Mannes brächte.

Lijse nahm einen Topf mit Rosinen vom Regal und mengte großzügig zwei gute Handvoll unter den Teig.

Nun, rückblickend musste sie gestehen, dass es schon recht viel Leben gewesen war, das Fygen mitbrachte. Entsprach sie doch so gar nicht den Vorstellungen, die man von einem gesitteten Mädchen ihres Alters hatte. Fygen war temperamentvoll, und da sie ohne Mutter aufgewachsen war, fehlten ihr fast sämtliche Manieren. Sie war unruhig bei Tisch, konnte nicht einmal während der Mahlzeiten ruhig sitzen bleiben, sondern sprang immer wieder auf, dass ihr Löffel klirrend auf die Tischplatte fiel. Außerdem sprach Fygen ungefragt und unaufgefordert, statt im Beisein von Erwachsenen sittsam mit gesenktem Blick zu schweigen, ganz gleich wer ihr Gegenüber war.

Eine Kostprobe ihres Temperaments gab Fygen bereits, als die Frau des Goldschmieds sie in Mathys’ Haus brachte. »Sag deinem Onkel guten Tag«, ermahnte diese das Mädchen und schob die sich sträubende Fygen in Richtung ihres Oheims.

Der betrachtete seine Nichte nicht mit mehr Zuneigung, als er einem lästigen Insekt entgegengebracht hätte. Statt zu gehorchen und den Onkel höflich zu grüßen, musterte Fygen ihn eingehend. Dann entschied sie: »Dich mag ich nicht«, und wandte sich Lijse zu. »Aber du bist nett. Bei dir will ich bleiben.«

Wenn es noch etwas bedurft hätte, um Lijse für Fygen einzunehmen, dann wäre es dieser ehrliche Satz aus dem Mund des kleinen Mädchens gewesen.

Mathys warf seiner Haushälterin einen Blick zu, der besagte: Hab ich es nicht gesagt? Dreist und unverschämt. Von Bellinghovens habe ich nichts anderes erwartet. Doch Lijse übersah ihn geflissentlich.

Lijse formte den Teig zu einem runden Laib und bestäubte die Oberseite mit ein wenig Mehl. Dann legte sie ihn in einen flachen Korb, bedeckte diesen mit einem sauberen Leinentuch und stellte ihn zum Gehen in die Nähe des schweren, gemauerten Herdes.

Die erste Zeit war nicht leicht gewesen. Für sie nicht, aber auch für Fygen nicht, erinnerte Lijse sich, und ihr kam der peinliche Zwischenfall in den Sinn, der Mathys für eine Weile zum Gespött der Stadt machte. Fygen ruinierte beinahe den Festschmaus, den ihr Onkel für einen wohlhabenden Lübecker Kaufmann ausrichtete, denn Mathys beabsichtigte in den Handel mit Drugwaren einzusteigen und den erfolgreichen Händler für ein Geschäft zu gewinnen. Also hieß er Lijse, bei Tisch mächtig aufzufahren. Einen ganzen Tag hatte sie schwitzend mit der Magd Styna in der dampfenden Küche verbracht, um die erlesensten Speisen vorzubereiten. Es gab Hühnchen mit Senf, sauer eingelegten Kappes, gebratenen Schinken, Kaninchenkeulen mit Pfeffer, verschiedenste Kuchen und Pasteten und viele Leckereien mehr. Schließlich wollte Mathys sich nicht lumpen lassen, sondern im Gegenteil den Lübecker mit seiner Gastfreundschaft beeindrucken.

Fygen saß mit ihrem Onkel, dem Kaufmann und wenigen weiteren Gästen zu Tisch in der guten Stube. Die lange Tafel zierte ein besticktes leinenes Tischtuch, und zur Feier des Tages hatte Lijse die guten Zinnteller und Trinkbecher aus Glas gedeckt. Der Kaufmann, ein überaus beleibter Mann, hatte sein Besteck – ein Messer mit beinernem Griff und einen silbernen Löffel – aus dem Gürtel geholt und an einem Zipfel des Tischtuches blank gewischt. Gerade schnitt er sich herzhaft ein Stück vom Wildschweinbraten ab, der verlockend duftete und auf einem orangegelben Beet aus Rübchen angerichtet war, als Fygen ihn mit klarer, durchdringender Stimme geradeheraus ansprach: »Nicht wahr, du isst nicht so viel, dass der Mathys in den Schuldturm muss? Davor hat er nämlich mächtig Angst, hat er gesagt.« Sie legte den kleinen Kopf schief und schaute dem Kaufmann gespannt in das aufgedunsene Gesicht.

Dem armen Mann blieb vor Erstaunen der Mund offen stehen, und der Bissen Wildschwein, sorgsam auf die Messerspitze aufgespießt, schwebte reglos vor diesem schwarzen Loch, bereit darin auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden.

In die peinliche Stille, die daraufhin folgte, plapperte Fygen unbekümmert weiter: »Doch wenn ich dich so ansehe, glaube ich sogar, dass du so viel essen kannst.«

Mathys war außerstande zu reagieren. Erst lief er rot an, dann grün. Dann endlich war er in der Lage zu sprechen. Er sagte nur ein Wort, und auch das nur im Flüsterton: »Hinaus!«

Lijse, die gerade zwei weitere dampfende Schüsseln auf den Tisch gestellt hatte, eine mit kleinen Lammpasteten, die andere mit gekochter Lende, reagierte blitzschnell. Geistesgegenwärtig packte sie Fygen am Arm und beeilte sich, das Kind so schnell wie möglich aus der Stube zu bugsieren. Zu ihrem eigenen Schutz sperrte sie Fygen für die nächsten zwei Tage in ihrer Kammer ein, damit sie ihrem Onkel nicht unter die Augen käme.