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Die zweite Generation einer Kölner Erfolgsgeschichte – und die Revolution des Handwerks … Anfang des 16. Jahrhunderts. Die junge Lisbeth Lützenkirchen tritt in die Fußstapfen ihrer Mutter: Als Vorstehende der größten Seidenmanufaktur Kölns muss sie sich als Geschäftsfrau beweisen – doch die Seidenzunft ist bevölkert von scharfsinnigen Frauen, die auch vor dunklen Intrigen nicht zurückschrecken … Dabei stehen zahlreiche Weberinnen am Rande des Ruins. Doch während Lisbeth die Reformation ihres Handwerks anstrebt, wird ihr geliebter Mann Mertyn langsam zum Fremden – nur Stephan, der einstige Protegé ihrer Mutter, scheint die Steine in ihrem Weg zu sehen. Inmitten eines Sturms der Gefühle sieht sich Lisbeth mit den oft schmutzigen, manchmal blutigen Geschäften konfrontiert, die sich hinter schillernder Seide verbergen … Ein farbenprächtiger Historienroman, der auf die Frauenzünfte Kölns zurückblickt – für Fans von Sabine Weiß.
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Seitenzahl: 679
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Anfang des 16. Jahrhunderts. Die junge Lisbeth Lützenkirchen tritt in die Fußstapfen ihrer Mutter: Als Vorstehende der größten Seidenmanufaktur Kölns muss sie sich als Geschäftsfrau beweisen – doch die Seidenzunft ist bevölkert von scharfsinnigen Frauen, die auch vor dunklen Intrigen nicht zurückschrecken … Dabei stehen zahlreiche Weberinnen am Rande des Ruins. Doch während Lisbeth die Reformation ihres Handwerks anstrebt, wird ihr geliebter Mann Mertyn langsam zum Fremden – nur Stephan, der einstige Protegé ihrer Mutter, scheint die Steine in ihrem Weg zu sehen. Inmitten eines Sturms der Gefühle sieht sich Lisbeth mit den oft schmutzigen, manchmal blutigen Geschäften konfrontiert, die sich hinter schillernder Seide verbergen …
eBook-Neuausgabe Oktober 2025
Copyright © der Originalausgabe 2011 Knaur Verlag
Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
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Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung eines Motives von © Kae Hoon Chang / Adobe Stock, mehrerer Bildmotive von © shutterstock sowie eines Ausschnitts eines Gemäldes von Johannes Huibert Prins, St. Maria im Kapitol, Köln
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (cdr)
ISBN 978-3-69076-282-3
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Ursula Niehaus
Historischer Roman
Für Jacobus von Spich
Durch die lintgassen dath ich gon,
Den alten marckt sach ich da ston,
Da vand man laken von mancher wath,
Athlass, schamloth, seyden und samath.
Johann Haselberg,
fahrender Buchhändler aus der Reichenau, 1531
Valencia 1490
Für den alten Wilhelm ging es ans Sterben. Er wusste es, und doch waren seine Züge unbewegt wie gewohnt. Auf seinem eingefallenen Gesicht lag nicht die geringste Furcht davor, bald schon die Missetaten, die er sein Lebtag begangen hatte, vor seinem Schöpfer rechtfertigen zu müssen. Und derer waren es bei Gott genügend gewesen.
Mit einem schwachen Winken bedeutete der alte Kaufmann seinem Sohn, näher zu treten. Die Kerzen flackerten unruhig und warfen fratzenhafte Schattenbildnisse an die getünchten Wände, als der junge Mann an die Bettstatt des Vaters trat.
Aus der Düsternis der Vorhänge löste sich die hagere Gestalt des Advokaten, und auf ein Nicken des Alten hin begann er zu verlesen, was der alte Wilhelm seinem Sohn zu vermachen gedachte.
In Alejandros klaren Zügen spiegelte sich gespannte Wachsamkeit. Unwillkürlich wischte er sich die nachtschwarze Haarsträhne aus dem Gesicht, die ihm hartnäckig in die Stirn fiel, während er ungeduldig der eintönigen Nennung von Gütern und Barschaften zuhörte. Nicht, dass ihn die Aufzählung überrascht hätte. Er hatte eine ziemlich genaue Vorstellung vom Umfang des Vermögens seines Vaters. Es klang wie das ihm vertraute Inventar der Bodega, die er leitete. Doch Alejandro wartete auf etwas anderes.
Sein Blick heftete sich auf das bereits vom Tode gezeichnete Antlitz seines Vaters. Schwach war der Alte geworden, mager und gebrechlich. Aber wenn Alejandro gehofft hatte, der nahe Tod hätte das Gemüt des Alten besänftigt, so sah er sich getäuscht. Das metallische Leuchten der blauen Augen hatte an Kälte kaum verloren.
Die Aufzählung endete, der Advokat rollte das Blatt zusammen, von dem er die Verfügung abgelesen hatte, und trat in bescheidener Höflichkeit einen Schritt zurück, als distanziere sich der erfahrene Mann der Jurisprudenz von dem, was er gerade verlesen hatte.
Alles. Der Alte hatte ihm alles vermacht – das ganze Vermögen, das er in Valencia besaß, dieses komfortable Stadthaus inbegriffen.
Kalt durchzog Alejandro die Enttäuschung, und er presste die Lippen zusammen. Geld verdiente er selbst genug – ausreichend und mit Freuden. Doch was er sich erwünscht, ja, jeden Tag seines Lebens sehnsüchtig herbeigefleht hatte, das hatte er nicht bekommen. Den Namen. Den Namen seines Vaters, der ihn vom Makel seiner Herkunft reinigen würde.
Unbewusst ballte Alejandro die Faust. Dies war die letzte Gelegenheit gewesen. Doch sogar im Angesicht des Todes hatte der Alte sich nicht dazu durchringen können, ihn als seinen Sohn anzuerkennen. Alejandro würde bleiben, was er war: der vermögende, aber illegitime Sohn eines ausländischen Kaufmannes und seiner Mätresse.
Alejandros Züge erstarrten zu einer Maske. Niemand, weder sein Vater noch der Advokat, sollte seine Enttäuschung bemerken.
Seit bald fünfundzwanzig Jahren, seit der alte Wilhelm – er zählte damals schon um die fünfzig Jahre – nach Valencia zurückgekehrt war, um sich für immer hier niederzulassen, hatte Alejandro keinen sehnlicheren Wunsch gehabt, als von seinem Vater anerkannt zu werden und dessen fremdländischen Namen zu tragen, der für seine junge Zunge so schwierig auszusprechen war.
Dabei machte Letzteres eigentlich keinen Unterschied, denn den Namen kannten ohnehin nur wenige. Man sprach den Alten gewöhnlich nur respektvoll mit »Senyor« an, allenfalls mit »Senyor Wilhelm«. Und in den Kreisen der Kaufmannschaft in Valencia, mit der er geselligen Umgang pflegte, war er schlicht »der alte Wilhelm«.
Alejandro wusste, der Alte hätte seine Mutter nie heiraten können, selbst wenn er es gewollt hätte, denn er war bereits verheiratet, an einem Ort fern von hier. Seine Mutter hatte es ihm damals erklärt, als sie in das Haus des Alten gezogen waren. Dieses Haus im Herzen von Valencia, das so weitläufig war und so prächtig, dass es dem Zehnjährigen vorgekommen war wie ein Palast.
Aber Alejandro als seinen leiblichen Sohn anzuerkennen, der er unleugbar war – die auffällig blauen Augen verrieten es jedem Betrachter auf den ersten Blick –, das hätte er gekonnt. Es wäre ein Leichtes gewesen – und was hätte er sich dabei vergeben?
Doch einen Sohn hatte er auch schon. Einen legitimen, geboren von einem ihm rechtmäßig angetrauten Eheweib. Auch das hatte die Mutter Alejandro erzählt. Seither brannte in ihm ein gänzlich unangemessener Hass auf diese andere Familie seines Vaters, geboren aus blankem Neid.
Wann immer der Zorn mit ihrem Sohn durchgehen wollte, hatte die Mutter Alejandro beruhigend die Hand auf die Stirn gelegt und gemurmelt: »Wenn du nur recht fleißig bist und lernst, deine Gefühle im Zaum zu halten, dann wird er eines Tages stolz genug auf dich sein.« Ein »Inschallah« – so Gott will – hatte sie sich stets verkniffen.
Das Räuspern des Advokaten holte Alejandro zurück in das Sterbezimmer. Die Hände um die Papierrolle gefaltet, stand dieser immer noch in respektvollem Abstand neben der Bettstatt, die dünnen Augenbrauen fragend hochgezogen, als erwarte er eine letzte Änderung, eine zusätzliche Anweisung.
Einen unsinnigen Moment lang keimte in Alejandro erneut die Hoffnung. Doch sie zerstob mit der knappen Handbewegung, mit welcher der alte Wilhelm den Advokaten aus dem Raum winkte – nie hatte er eine einmal gegebene Anweisung widerrufen, wieso sollte er auf dem Sterbebett damit beginnen?
Alejandro straffte sich. Heuchelei, dachte er, als der alte Wilhelm erneut die Hand hob. Dennoch senkte er pflichtschuldig das Haupt, wie es von einem gehorsamen Sohn erwartet wurde, damit der Vater ihm seinen Segen erteilen konnte.
Doch mitten in der Bewegung fiel der Kopf des Alten leblos zur Seite, und die segnende Hand sank unverrichteter Dinge auf das Laken zurück – ganz so, als wolle der Herrgott sich gegen diesen letzten Akt der Unaufrichtigkeit des alten Wilhelm verwahren.
1499 bis 1500
»Verdammt! Schon wieder Valencia!« Fygen Lützenkirchen entfuhr ein undamenhafter Fluch, und sie hieb die Faust auf das aufgeschlagene Journal, das vor ihr auf dem Pult lag. Der rüde Ton, der bisweilen im Umgang mit Händlern, Fuhr- und Schauerleuten vonnöten war, hatte bereits während des Dreivierteljahres, in dem sie nun als Faktor für die Große Ravensburger Handelsgesellschaft arbeitete, auf ihren Sprachgebrauch abgefärbt.
Dieses für eine Frau ungewöhnliche Amt, das ihr Mann einst innegehabt hatte, war Fygen nach seinem Tod von den Regierern der Handelsgesellschaft, jenen drei Herren, denen die oberste Führung der Geschäfte oblag, angetragen worden. Peter Lützenkirchen, Seidenhändler und Englandfahrer, hatte bei dem Versuch, eine alte Begine aus dem brennenden Annenkonvent zu retten, sein Leben gelassen. Im letzten Moment noch war es ihm gelungen, die alte Frau ins Freie zu stoßen, bevor ihn ein herabfallender Balken traf.
Fygen seufzte wie stets, wenn sie an den Brand im Annenkonvent dachte. Nicht genug, dass sie ihren geliebten Mann verloren hatte – es war zudem der Auftakt zu einer Reihe von Katastrophen gewesen, an deren Ende sie ihre Weberei hatte aufgeben müssen. Danach war Fygen in tiefe Traurigkeit und Mutlosigkeit versunken, denn sie hatte ihr Handwerk geliebt und sich nicht vorstellen können, je etwas anderes zu tun.
Doch dann hatte Hans Hinderofen, Hauptbuchhalter der Ravensburger Handelsgesellschaft, sie gebeten, Peters Amt als Faktor der Oberdeutschen in Köln fortzuführen.
Fygen hatte ihre Lektion gründlich gelernt. Wenn sich eine Tür schloss, so öffnete sich eine andere. Und heute betrieb sie ihre Faktorei mit der gleichen Leidenschaft, mit der sie sich einst der Bereitung von Seidenstoffen gewidmet hatte.
Stephan Ime Hofe deutete ihr Seufzen falsch. Er schüttelte den dunklen Schopf und presste die Lippen aufeinander. »Ich verstehe das nicht! Es ist gerade so, als ob es da unten in Aragonien jemand auf uns abgesehen hat!«
Fygen blickte ihrem Lehrling in das hübsche Gesicht. Der uneheliche Sohn von Mertyn war erwachsen geworden. Sein Anblick erinnerte sie an den Tag, an dem Katryn ihr voller Verzweiflung geklagt hatte, ihr Gatte hätte eines ihrer Lehrmädchen geschwängert. Die Freundin hätte damals nichts lieber getan, als die unkeusche Dirne mitsamt ihrem Balg vor die Tür zu setzen, und nur Fygens unermüdlichem Zureden war es zu verdanken, dass Katryn das Kind an Sohnes statt angenommen hatte.
Das Weitere hatte der liebenswerte Knabe selbst erledigt. Mit seinen strahlenden, dunklen Augen und dem schalkhaften Lächeln hatte er bald das Herz seiner Stiefmutter erobert, und dass er äußerlich nach seinem Vater geriet und damit seinem Halbbruder, der auch den Namen Mertyn trug, glich, hatte Katryn schnell seine Herkunft vergessen lassen. Zudem war Stephan fröhlicher und umgänglicher als sein ernsthafterer Bruder, mit dem er sich nicht sehr gut verstand.
Fygen vermutete, dass Stephan seinem Bruder insgeheim dessen eheliche Geburt neidete, obschon jener Stephan seine Illegitimität nie hatte spüren lassen. Und so war es wohl das Beste gewesen, dass Stephan sein Elternhaus verlassen hatte und zu ihr in die Wolkenburg gezogen war, damit er das Kaufmannshandwerk erlerne.
Fygen hatte diese Entscheidung nicht bereut. Stephan war zwar erst seit einem guten halben Jahr bei ihr, doch Fygen konnte sich keinen fleißigeren und verständigeren Gehilfen wünschen. Es war nicht seine Schuld, dass er seiner Dienstherrin die betrübliche Mitteilung hatte machen müssen, dass die Rohseide aus Valencia, die soeben via Antwerpen in Köln eingetroffen war, durchweg feucht war und nicht dem Anspruch an Kaufmannsgut gerecht wurde.
Stephan wusste, wie dringlich Fygen auf ebendiese Lieferung gewartet hatte, und als die Nachricht von ihrem Eintreffen kam, war er sogleich in das Kaufhaus auf dem Malzbüchel geeilt. Von außerhalb eingeführte Seide musste dort zunächst zur Erhebung der Akzise auf der städtischen Krautwaage gewogen und der Zoll von einem Denar auf einhundert entrichtet werden. Erst nachdem er die Akzise bezahlt hatte, hatte Stephan in Gegenwart des städtischen Zinsmeisters die Packen öffnen dürfen.
Beinahe entschuldigend hob er die breiten Schultern, als er eine Handvoll der ungesponnenen Seidenstränge, die er als Probe aus dem Lagerhaus mitgebracht hatte, auf Fygens Pult legte. Die weißliche Rohseide war von Schimmel grün überhaucht, und ein fauliger Geruch stieg von ihr auf.
Fygen rümpfte die Nase. Es bedurfte nicht der Erfahrung von Jahren, die Fygen im Umgang mit Seide besaß – schließlich war sie eine der erfolgreichsten Seidenweberinnen der Stadt gewesen und hatte erst vor Jahresfrist ihren Betrieb ihrer Tochter Lisbeth übergeben –, um zu erkennen, dass diese Seide schlicht unverkäuflich war.
Dennoch nahm sie eine der feuchten Strähnen, drehte sie zwischen den Fingern und hielt sie gegen das schwindende Licht, das durch ein Fenster zum Hof in ihr Kontor drang. Vom Grunde her war die Qualität der Seide gut. Sehr gut sogar.
Üblicherweise bezog man in Köln Seide aus Venedig, die aus der Levante und den Mittelmeerländern stammte, jedoch nach ihrem Verschiffungsort Venezianische Seide genannt wurde. Sie erreichte Köln entweder auf dem Landweg über Frankfurt und dann zu Schiff den Rhein hinab, oder sie wurde auf Galeeren verladen, welche die flandrischen Häfen anliefen, und von Antwerpen oder Brügge aus mit Fuhrwerken in die Stadt gebracht.
Als die beste galt Talayer-Seide, benannt nach der Landschaft Talisch an der Westküste des Kaspischen Meeres. Kaum geringer war die Qualität der Seide, die in Messina auf Sizilien gewonnen wurde.
Kurz nach Beginn von Fygens Tätigkeit als Faktor für die Große Ravensburger Handelsgesellschaft war in der Wolkenburg ein Schreiben eingetroffen, in dem Hinderofen ihr – auf Ravensburger Papier mit dem Ochsenkopf als Wasserzeichen – den Vorschlag unterbreitet hatte, einen Versuch mit Seide aus Valencia zu machen. Dem Vernehmen nach wäre diese von ganz besonderer Qualität.
Bisher war sie in Köln nicht erhältlich, und Fygen hatte sogleich erkannt, welche Gewinne sich gerade hier, in der Stadt mit dem bedeutendsten Seidengewerbe in deutschen Landen, mit dieser ausgezeichneten Seide erzielen ließen. Und es stimmte! Seide dieser Qualität würde man ihr aus den Händen reißen. Wenn sie denn trocken wäre, grollte Fygen innerlich und unterdrückte einen weiteren Fluch. Dies war nun schon die dritte Lieferung aus Valencia, die nicht den gewünschten Erfolg zeitigte!
Die Seide der ersten Lieferung, die Köln erreichte, war gerade einmal von mittlerer Qualität gewesen. Fygen hatte sie den kölnischen Seidenweberinnen nicht als Seide aus Valencia präsentieren mögen, damit der gute Ruf, in dem diese stand, keinen Schaden nahm, und sie stattdessen auf dem Bamasmarkt in Antwerpen unter Preis losgeschlagen. Denn sie glaubte fest daran, dass es sich hier um einen Fehler handeln müsse und man ihr falsche Ware gesendet habe.
In einem Brief an den Gelieger, die Hauptniederlassung der Gesellschaft in Valencia, hatte Fygen diesen höflich, aber bestimmt angemahnt. Sicher läge eine Verwechslung vor. Man möge ihr doch bitte das Gewünschte senden: Seide aus Valencia.
Die zweite Lieferung – zu Fygens Verärgerung von gleicher Qualität wie die vorherige – begleitete ein Schreiben des Inhaltes, dass es sich, wie schon in der ersten Sendung, um »Seda de la tierra y del regno di Valencia« – Seide aus der Stadt und der Region Valencia – handle, ganz so, wie sie es wünsche. Wenn sie mit der Qualität nicht zufrieden sei, so möge sie andere Seide bestellen.
Doch so schnell hatte Fygen sich nicht entmutigen lassen. Voller Zorn hatte sie erneut zweieinhalbtausend Pfund geordert, diesmal mit der klaren Anweisung, man möge ihr die beste aller in Valencia lieferbaren Seide senden.
Wie gut sie daran getan hatte, am Glauben an die Qualität der Seide aus Valencia festzuhalten, erkannte Fygen nun, als sie die richtige Seide in Händen hielt. Sie war viel feiner als alles, was sie je an Rohseide gesehen hatte.
Doch zu ihrem Ärger hatte man diesmal die Ballen so schlampig verpackt, dass auf der langen Reise nach Norden Feuchtigkeit durch die Verpackung gedrungen war. Und jetzt im Winter bei der feuchtkalten Witterung würde man die Seide auch nicht trocknen können, dachte sie. Doch dafür war es ohnehin zu spät, der Schimmel hatte längst Besitz von der gesamten Ware ergriffen.
Fygen schnaubte leise. Sie hatte nicht übel Lust, Stephan, der abwartend neben ihrem Pult stand, Anweisung zu geben, die ganze Lieferung heute noch im Rhein versenken zu lassen. Verkaufen konnte und durfte sie die Seide so nicht. Aus gutem Grund verbot die Zunftordnung, Seide zu veräußern, die durch die Aufnahme von Wasser an Gewicht gewonnen hatte, damit der Käufer nicht übervorteilt wurde.
Mit diesem stinkenden Unrat konnte sie bestenfalls ihren Ruf als Kauffrau ruinieren, schlimmstenfalls würde sie eine Bestrafung des Rates auf sich ziehen. Ohnehin würde niemand dafür die üblichen zweihundertfünfzig Gulden pro Zentner zahlen.
Der Gedanke ließ Fygen sich auf ihre Pflichten als Lehrherrin besinnen, und sie wandte sich wieder Stephan zu: »Das Wertvollste, was du als Kaufmann hast, ist dein Ruf, dein guter Name! Er ist beinahe wichtiger noch als dein Kapital. Vergiss das nie: Ehrlichkeit und Verlässlichkeit, darauf kommt es an!«, schärfte sie ihm ein. Mit einem Wink entließ sie ihren Lehrjungen, und als dieser die Tür hinter sich geschlossen hatte, fügte sie für sich hinzu: »Das scheint sich aber bis Valencia noch nicht herumgesprochen zu haben!«
Es schien wirklich so, als habe sich dort etwas gegen sie verschworen. Dabei lag ihr gerade diese Unternehmung sehr am Herzen. Wobei es weniger der mögliche Gewinn war, der sie reizte, als vielmehr, den Beweis anzutreten, dass sie als Frau es ebenso gut vermochte, Handelsgeschäfte zu führen, wie ihre männlichen Kollegen.
Denn Fygen wusste, dass einige der geschätzten kölnischen Kaufleute das sehr einträgliche und daher begehrte Faktorenamt für die Ravensburger gerne für sich beansprucht hätten. Man nannte die Kompanie nicht umsonst die »Große Ravensburger Handelsgesellschaft« – sie war neben den Vöhlin, den Welsern und den Fuggern eine der bedeutenden Oberdeutschen Unternehmungen.
Wenn es Fygen gelänge, den kölnischen Seidmacherinnen als Erste eine Rohseide von derartiger Feinheit anzubieten, würde dies die missgünstigen Neidhammel zum Schweigen bringen, die behaupteten, eine Faktorei könne man unmöglich in die unerfahrenen Hände einer Frau legen. Das war auch der Grund, weshalb sie sich in der Angelegenheit nicht an die Zentrale in Ravensburg wenden und sich dort über die nachlässige Führung der Geschäfte in Valencia beschweren mochte. Mit dem Problem musste sie schon selbst fertig werden, und das bedeutete leider, dass sie für die faulige Ware auch noch würde zahlen müssen.
Jedem Kaufmann, der ihr eine solch verdorbene Lieferung hätte zukommen lassen, hätte sie rundheraus die Bezahlung verweigert. Doch innerhalb der Gesellschaft war das anders. Waren, die zwischen der Zentrale, den Geliegern und den Faktoreien, den kleineren Vertretungen, hin und her flossen, wurden intern verrechnet. So würde ihre Faktorei ganz automatisch mit dem Preis der Seide belastet.
Außerdem hatte sie die Kosten für die Fracht zu tragen, dazu die Akzise, die sie für die Einfuhr an die Stadt gezahlt hatte. Kurz überschlug Fygen den Verlust. Was da zusammenkam, war nicht unerheblich, vom entgangenen Gewinn ganz zu schweigen. Gewöhnlich erzielte sie mit einem Zentner Seide um die zweihundertfünfzig Gulden. Demnach hätte sie für die zweieinhalbtausend Pfund sechstausendzweihundertfünfzig Gulden erhalten, für diese feine Qualität sicher mehr.
Fygen griff nach der Feder, die sie bei Stephans Eintreten achtlos auf das Journal hatte fallen lassen. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, welchen Betrag sie denn nun in ihrem Journal vermerken sollte: den, welchen sie tatsächlich verloren hatte, oder den, der ihr entgangen war?
Fygen entschloss sich, zur Sicherheit beide Werte zu notieren. Sorgfältig setzte sie das Datum hinter den Eintrag: 24. Dezember im Jahre des Herrn 1499. Dies würde der letzte Eintrag in das Geschäftsbuch des Jahres 1499 sein. Das Jahr war zu Ende. Und mit ihm das Jahrhundert.
Mit dem Tag der Geburt des Herrn würde morgen ein neues Jahr beginnen. Und wie wohl jedermann an diesem Tag, so fragte auch Fygen sich, was das kommende Jahr für sie bereithielt. Es war nicht schön, das Geschäftsjahr mit dem Eintrag eines Verlustes zu beenden, dachte sie ein wenig beklommen. Hatte sie sich vielleicht zu sehr in die Sache mit Valencia verrannt? Sich zu große Dinge vorgenommen? Vielleicht wäre es besser, die ganze Idee einfach fallenzulassen?
Von Sankt Cäcilia her schlug die Glocke und gemahnte Fygen daran, die Arbeit zu beenden. Es war an der Zeit, in ihre Kammer hinaufzusteigen und sich umzukleiden, wollte sie ihre Gäste nicht im Hemd empfangen. Es waren zwar nur Fygens drei Töchter mit ihren Familien und wenige enge Freunde geladen, um nach dem Kirchgang bei ihr das neue Jahr zu begrüßen. Dennoch geziemte es sich nicht für die Gastgeberin, als Letzte zu erscheinen.
In Fygens Schlafgemach wartete die hagere Hilda bereits darauf, ihr mit dem Ankleiden behilflich zu sein. Die wortkarge Haushälterin war in die Jahre gekommen, und die Leitung des Haushaltes war ihr zunehmend beschwerlich geworden. Doch Fygen hatte es nicht übers Herz gebracht, ihr die Aufgabe aus den Händen zu nehmen. Stattdessen hatte sie Hilda mit Regina eine verständige junge Gehilfin zur Seite gestellt.
Einige Aufgaben jedoch würde Hilda sich erst nehmen lassen, wenn sie dereinst auf dem Totenbett läge, und dazu zählte auch das Ankleiden ihrer Herrin. Mit geübtem Griff streifte sie Fygen das Unterkleid aus schilfgrünem Seidentaft über den Kopf und glättete die Falten des weit fallenden Rockteiles. Dann ließ sie das Oberkleid aus schwerem besticktem Fluvel darübergleiten, jenem samtigen Gewebe, dessen Flor zwischen Dunkelgrün und Nachtschwarz changierte, je nachdem, wie das Licht darauffiel.
Fygen streckte die Arme durch die weiten Armausschnitte, die beinahe bis zur Taille reichten, und während Hilda das Kleid auf dem Rücken zurechtzog und sich daranmachte, die Verschnürungen zu binden, warf Fygen einen kritischen Blick in den Spiegel, welcher der Bettstatt gegenüber an der Wand ihrer Kammer hing.
Vor einem halben Jahr hatte sich der Tag ihrer Geburt zum vierzigsten Mal gejährt, doch die Jahre waren gnädig mit ihr umgegangen. Ihre Haut hatte eine frische, gesunde Farbe, und – Gott sei es gedankt – sie besaß noch alle Zähne. Haarfeine Linien hatten sich in die Haut um ihren eine Spur zu breiten Mund gegraben, und die winzigen Fältchen, die sich in den Augenwinkeln kräuselten, mochten weniger vom Gram denn vom Lachen herrühren.
Natürlich hatte sie in der Taille ein wenig an Umfang zugenommen, aber das war verzeihlich. Schließlich war sie eine erwachsene Frau und kein junges Mädchen mehr. Dafür fand sich in der dunklen, noch immer üppigen Flut brauner Locken nur vereinzelt ein silberner Faden.
Fygen warf ihrem Spiegelbild einen beinahe koketten Blick zu. Nein, mit ihrem Aussehen durfte sie wirklich nicht unzufrieden sein. So manch eine weit Jüngere würde sie darum beneiden. Zufrieden stieg sie die geschwungene Treppe hinab, um ihre Gäste zu begrüßen.
Ein paar Stunden hatte das vielgängige Festmahl gedauert, doch nun endlich war man gesättigt und zerstreute sich im großen Saal im Obergeschoss der Wolkenburg, ein jeder einen mit gutem Rheinwein gefüllten Becher in der Hand. Die Wolkenburg, die Peter einst als Wohnhaus für die Familie erworben hatte, war, auch wenn der Name es vermuten ließ, keine Burg, sondern einer jener großen Höfe, die innerhalb des Stadtgebietes lagen. Das Wort »Burg« im Namen verdankte das Haus seinen trutzigen Eckwarten, die »Wolken« ihrer Nähe zur städtischen Wollküche, in der die Rohwolle gewaschen und vom Fett befreit wurde, denn an kalten Tagen hüllten Wasserdämpfe die ganze Umgebung in dichte Nebelwolken.
Fygen trat grübelnd ans Fenster. Der Gedanke an Valencia ließ ihr keine Ruhe. Die Wärme, die dem großen Kamin entströmte, hatte sie erhitzt, und so öffnete sie den mit buntem Glas gefüllten Fensterrahmen. Nicht jeder schien diesen Abend feierlich zu begehen, stellte sie fest. Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße mühte sich ein betagtes Weib damit ab, ein schweres Bündel in einen Verschlag zu schaffen, der zugleich als Laden und Wohnstatt diente. Vielleicht hielt die Alte immer noch daran fest, das neue Jahr mit dem Osterfest, der Auferstehung Christi zu beginnen, anstatt mit der Geburt des Herrn, wie es jeder anständige Christenmensch tat.
Sei es drum! Die alte Krämerin schien ohnehin ein wenig seltsam zu sein, dachte Fygen und schloss das Fenster, als Katryn zu ihr trat.
»Was grübelst du?«, fragte die Freundin. »Lässt dir die Arbeit wieder keine Ruhe? Warum lässt du heute nicht Geschäft Geschäft sein und genießt wie alle anderen das Fest?«
Schon seit früher Jugend, seit den Tagen, in denen sie gemeinsam den Schikanen ihrer Lehrherrin Mettel getrotzt hatten, verband sie eine innige Freundschaft, und wie ehedem hatte Katryn auf den ersten Blick bemerkt, dass Fygen etwas auf der Seele lastete.
Fygen blickte die Freundin mit einem warmen Lächeln an. Katryn war nur um wenige Jahre älter als sie, doch der Tod ihres geliebten Mannes hatte sie rascher altern lassen. Wobei es weniger der Tod selbst war, dachte Fygen, als vielmehr die grausigen Umstände von Mertyns Erkrankung, die ihn langsam dem Wahn hatten verfallen lassen, bevor er starb. Peter, der mit Mertyn zu reisen pflegte, hatte ihr gegenüber damals die Vermutung geäußert, dass dieser sich das Leiden in England eingefangen hatte, im allzu freizügigen Umgang mit den Hübschlerinnen. Fygen hoffte inständig, dass niemand etwas Vergleichbares Katryn gegenüber erwähnt hatte.
Unauslöschlich hatte der Kummer violette Schatten unter Katryns nussbraune Augen gezeichnet, und ihre spinnwebzarte Haube ließ erkennen, dass ihr Haar darunter beinahe vollständig ergraut war.
Ja, vielleicht hatte Katryn recht, dachte Fygen. Warum tue ich mir das eigentlich an? Aus finanzieller Notwendigkeit heraus sicher nicht. Peter hat mich mehr als wohlversorgt zurückgelassen. Weil ich keine Lust verspüre, mich auf mein Altenteil zurückzuziehen und meine Enkelkinder auf dem Schoß zu wiegen, gab Fygen sich selbst die Antwort. Dafür fühle ich mich einfach noch nicht alt genug.
Bevor sie noch ein Wort erwidern konnte, tat es einen dumpfen Schlag, gefolgt von einem markerschütternden Schrei. Kostbares Glas zerbarst gleich neben ihnen auf den hölzernen Bodendielen, und roter Wein spritzte auf.
Fygen und Katryn fuhren erschrocken herum. Wieder einmal war es geschehen: Die ungeschickte Maren war über ihre krummen Füße gefallen und der Länge nach hingeschlagen.
Unter lautem Wehklagen gelang es Maren, sich auf den Rücken zu wälzen. Wie ein dicker Käfer lag die füllige Magd da, zur Gänze durchweicht von dem Wein, den Hilda ihr den Gästen zu kredenzen aufgetragen hatte, und ruderte hilflos mit ihren fleischigen Armen und Beinen in der Luft.
Fygen presste die Hand auf den Mund und unterdrückte mit Mühe ein Lachen, obwohl sie den Verlust der Gläser bedauerte. Sie konnte sich nicht erinnern, wie viele Male sie Maren im vergangenen Vierteljahrhundert geraten hatte, achtsamer zu sein und beim Gehen die Füße zu heben. Unwillkürlich vermeinte sie Peters Stimme zu hören. Er hatte Maren als die einzige ihm bekannte Katastrophe bezeichnet, die den Schaden, den sie anrichtete, hernach auch selbständig beseitigte. In panischer Eile hatte er stets die Flucht ergriffen, wenn Maren mit Besen oder Staublappen bewehrt in seine Nähe kam.
Peter. Dies war nun bereits das zweite Neujahrsfest ohne ihn, dachte Fygen wehmütig. Die Vorstellung, nie wieder seine Arme um ihre Schultern zu spüren, nie wieder sein verschmitztes Lächeln zu sehen, das Blitzen seiner unverschämt blauen Augen, schmerzte Fygen noch sehr. Oft kamen ihr seine Worte in den Sinn, gerade in Situationen wie dieser.
Unbewusst biss Fygen sich auf die Unterlippe. Die Neujahrsnacht war wohl dazu angetan, der Menschen zu gedenken, die von uns gegangen sind, dachte sie, und mit ihrem Kummer stand Fygen ja nicht allein. Ihre Töchter, vor allem Lisbeth, die Jüngste, die der Liebling ihres Vaters gewesen war, vermissten Peter ebenso.
Auch Lijse fehlte ihnen. Fygens betagte Kinderfrau hatte den Sommer nicht überlebt. Eines klaren Junimorgens war die gütige alte Frau, die Fygen mehr eine Mutter gewesen war als ihre leibliche, nicht zum Morgenmahl erschienen. Voller düsterer Ahnung war Fygen, die Lijses Fehlen als Erste bemerkt hatte, in deren Kammer hinaufgestiegen und hatte ihre einstige Kinderfrau friedvoll auf ihrer Bettstatt liegend vorgefunden. Im Schlafe hatte der Herrgott sie von dieser Welt abberufen, anscheinend, ohne ihr dabei Pein zu bereiten, stellte Fygen fest, ganz so, als wolle er ihr im Tode die Güte vergelten, mit der sie zu Lebzeiten ihre Schützlinge bedacht hatte. Denn in den Mundwinkeln der alten Frau hatte sich noch im Tode der Anflug eines Lächelns gekräuselt.
Abwesend beobachtete Fygen, wie Eckert und ein junger Hausknecht Maren auf die Beine hievten, doch dann schüttelte sie den Kopf, um die Düsternis zu vertreiben, die von ihr Besitz zu ergreifen drohte. Der Beginn eines neuen Jahres war ein Grund zu feiern, aber nicht, sich in trüben Erinnerungen zu ergehen.
Ihr Blick streifte den schütteren Haarschopf von Hans Her. Der Gemahl ihrer ältesten Tochter Sophie stand mit seiner Frau und deren jüngerer Schwester Agnes beisammen. Fygens Miene hellte sich merklich auf. Hans kam ihr gerade zupass. Mit einem Lächeln entschuldigte Fygen sich bei Katryn und steuerte auf ihren Eidam zu. Doch ehe sie ihn erreicht hatte, prallte etwas unsanft gegen ihre Hüfte.
Wie ein Kobold sauste die vierjährige Sophie zwischen den Erwachsenen hindurch, gefolgt von ihrem um ein Jahr jüngeren Bruder Lazarus. Wild flogen ihr die dunklen Kringellöckchen um den Kopf. Im Rennen wandte die Kleine sich um. »’tschuldigung, Großmutter«, rief sie, um sogleich mit Wucht gegen Sophie zu prallen, ihre Tante und Patin.
Zum zweiten Mal an diesem Abend schwappte Wein auf die glänzend polierten Bodendielen.
»Sophie!«, rief Agnes tadelnd ihre Tochter zur Ordnung, »’tschuldigung, Tante Fya!«, rief Sophie und war schon weitergesaust.
Lächelnd blickte Fygen ihrer Enkeltochter hinterher. Sie hatte diesen unbändigen Wirbelwind ganz besonders in ihr Herz geschlossen. Als Sophie angefangen hatte zu sprechen, hatte ihre kleine Zunge sich zunächst geweigert, Sophies Namen auszusprechen, und so war aus der älteren Sophie schließlich für alle Tante Fya geworden. Mit einem leisen Anflug von Bosheit befand Fygen, dass der Name recht gut zu ihrer schlaffen, energielosen Ältesten passte. Äußerlich harmonierte der zur Fülle neigende Hans Her mit Tante Fya. Der untersetzte Kaufmann wirkte behäbig und stets ein wenig unbeholfen, doch der äußere Schein trog. Hans war Geselle der Großen Ravensburger Handelsgesellschaft und führte als solcher die Rechnung des Gelieger in Antwerpen, einer der bedeutenden Hauptniederlassungen der Gesellschaft. Wenn es einen Menschen in Köln gab, der über die Interna der Gesellschaft Bescheid wusste, dann er ...
»Hans, darf ich Euch einen Moment sprechen?« Mit diesen Worten legte Fygen ihm die Hand auf den Arm und führte ihn ein Stück beiseite.
»Ihr immer mit euren Geschäften!«, maulte Tante Fya ihnen halbherzig nach. Einerseits missfiel es ihr sehr, dass die Arbeit ihres Gatten seine häufige Abwesenheit von Köln bedingte, andererseits enthob es sie auch den Erfordernissen einer aufwendigen Haushaltsführung, was ihrer Bequemlichkeit sehr entgegenkam.
»Hattet Ihr je Schwierigkeiten mit Valencia?« Fygen kam sogleich auf den Kern ihres Problems zu sprechen.
»Mit Valencia? Nein. Nicht, soweit ich mich erinnern kann. Im Gegenteil. Der Gelieger dort steht in gutem Rufe. Wir bekommen laufend Anis, Kümmel, Datteln und Mandeln von dort. Erst in der vergangenen Woche erhielt ich eine Lieferung von mehreren Ballen Reis, der in den Sümpfen um die Stadt herumgezogen wird, und wie stets war die Sendung beizeiten und einwandfrei. Warum fragt Ihr? Gibt es Anlass zur Klage?«
»Ihr habt Schwierigkeiten?« Andreas Imhoff, Agnes’ Mann, schien die letzten Worte seines Schwagers aufgeschnappt zu haben und mischte sich ungefragt in das Gespräch. Seine Worte klangen herablassend, gerade so, als habe er nichts anderes erwartet. Doch das mochte daran liegen, dass Andreas mich um bald zwei Haupteslängen überragt, dachte Fygen und entschuldigte ihn damit.
Sie blickte Hans an und schüttelte unmerklich den Kopf. »Nein, ganz und gar nicht«, erwiderte sie kühl. Andreas brauchte nicht um ihre Probleme zu wissen. Es fehlte gerade noch, dass er oder einer der anderen Seidenhändler davon erfuhren und sich hinter ihrem Rücken darüber das Maul zerrissen oder – was noch schlimmer wäre – ihre Idee aufgriffen und versuchten, ihr zuvorzukommen.
Imhoff, selbst Faktor der Memminger Vöhlin-Gesellschaft in Köln, wusste genau, wie die Dinge zu sein hatten. Schließlich hatte er ja bereits in jungen Jahren das Faktorenamt übernommen. »Im Umgang mit dem Handelsvolk bedarf es gewisser Klugheit und Härte«, tat er Hans und Fygen ungefragt kund, gleich so, als hätten sie es nicht gewusst. »Das muss für Euch als Frau ...«
Fygen verzog das Gesicht, als hätte sie auf etwas Saures gebissen, und Andreas ließ den Satz unvollendet, doch sein beredter Blick sagte genau, was er von Frauen in ihrem Gewerbe hielt.
»Wenn ich Euch mit meinem Rat behilflich sein kann«, fuhr er gleichwohl fort und schob selbstgefällig eine braune Locke aus der glatten Stirn, »so lasst es mich wissen.« Welch eine unerträgliche Arroganz dieser Mann besaß, dachte Fygen. Zornesröte färbte ihr die Wangen, doch bevor sie etwas Grobes erwidern konnte, hatte Hans bereits seinen Schwager am Ärmel gefasst und beiseite gezogen. »Was denkt Ihr? Wird die Entdeckung des Seeweges nach Indien durch Vasco da Gama sich auf den Gewürzhandel in Venedig auswirken?« Er versuchte seinen Schwager abzulenken und schenkte ihm einen schläfrigen Blick aus blassgrauen Augen.
»Im Leben nicht!«, entgegnete Imhoff entschieden. »Der Pfeffer kam schon immer über Venedig, und so wird es bis in alle Zeit bleiben. Bloß weil so ein dahergelaufener ... oder vielmehr dahergeschwommener« – Andreas unterbrach sich, um über seine eigene geistreiche Bemerkung zu lachen – »Portugiese ein paar dreckige Inseln entdeckt hat, wird sich daran nichts ändern. Meine Familie in Nürnberg hat bereits vor fünfzig Jahren Anteile am Fondaco dei Tedeschi erworben.«
Fygen wandte sich ab. Mehr noch als über ihren anmaßenden Eidam ärgerte sie sich über ihre eigene Empfindlichkeit. Den halb gefüllten Weinbecher in der Hand, strebte sie der Tür zu. Etwas frische Luft würde ihr jetzt guttun. Entschlossen stieg sie die breite Wendeltreppe hinab und querte den Flur im Erdgeschoss. Am steinernen Lavacrum hielt sie inne und tauchte die Hand in den kalten Wasserstrahl, den die beiden gehauenen Köpfe aus ihren geöffneten Mündern stetig in das Becken spien. Kurz benetzte sie sich die erhitzten Wangen, bevor sie in den Hof hinaustrat.
Das war die Gelegenheit, auf die Rudolf gewartet hatte.
Eine bessere würde es nicht geben. Den ganzen Abend über verspürte der Wirt des Goldenen Krützchens eine angespannte Unruhe. Ja, eigentlich hatte diese ihn schon befallen, als er in den frühen Morgenstunden erwacht war. Bereits am frühen Nachmittag, weit früher als gewohnt, hatte er seine Schürze abgebunden und zum Trocknen über den Tresen gehängt. Dann hatte er – ausschließlich der Reinlichkeit halber – die Badestube auf dem Berlich aufgesucht.
Zweimal atmete Rudolf tief durch, dann straffte er die Schultern und folgte der Gastgeberin federnden Schrittes die Treppe hinab.
Eisklare Abendluft umfing Fygen, als sie in den Hof hinaustrat, und schärfte ihr die Sinne. Hans Her hatte keinerlei Schwierigkeiten mit Valencia zu beklagen, rekapitulierte sie. Es schien wohl nur ihr höchsteigenes Problem zu sein. Vielleicht hatte Stephan doch recht? Etwas stimmte ganz und gar nicht in Valencia!
Schritte auf dem Pflaster störten Fygen in ihren Überlegungen, und erst als das bleckende Licht der Fackeln, die den Hof erhellten, auf sein ernstes Gesicht fiel, erkannte sie Rudolf. Abwesend lächelte sie ihrem Freund aus Jugendtagen zu.
»Fygen, ich weiß, dass Peters Tod dir schwer war«, hob er an. Seine Stimme klang belegt. »Doch seither ist mehr als ein Jahr vergangen, und ich glaube, heute ist der rechte Zeitpunkt.«
»Wofür?«, fragte Fygen zerstreut. Ihre Gedanken weilten noch in Valencia.
»Du weißt, dass ich dich liebe, dich immer geliebt habe. Seit dem Tag, an dem ich dich zum ersten Mal sah!«
Es dauerte einen Moment, bis Fygen den Sinn von Rudolfs Worten erfasst hatte. Entgeistert starrte sie in sein blasses Gesicht, auf das das Mondlicht dunkle Schatten zeichnete. Rudolf liebte sie immer noch! Nach all den Jahren.
Er hatte seine hoffnungslose Liebe tief in sich verschlossen gehalten. Hatte mit angesehen, wie sie Peter geheiratet hatte, wie ihre Kinder zur Welt gekommen und erwachsen geworden waren. Und dann, nach Peters Tod, hatte er mit Respekt ein Trauerjahr abgewartet. Und nun ...
Ehe Fygen sich versah, hatte Rudolf vor ihr das Knie gebeugt. »Getreulich möchte ich dir heute Herz und Hand antragen. Von Geld und Vermögen will ich dir nicht sprechen. Du weißt, ich bin nur ein bescheidener Wirt, und der einzige Schatz, den ich dir zu bieten habe, ist meine Liebe und Treue. Willigst du diesmal ein, mein Weib zu werden?«, fragte er feierlich und wirkte so würdevoll, wie es ein kniender Mann eben vermochte.
Sein Weib! Unfähig zu einer Entgegnung, blickte Fygen auf Rudolfs braunen Haarschopf hinab, den inzwischen erste Silberfäden durchzogen. Sein Antrag war für sie gänzlich überraschend gekommen. Nie hatte sie in Erwägung gezogen, sich neu zu vermählen. Ja, sie konnte sich gar nicht vorstellen, je wieder für einen Mann das zu empfinden, was sie für Peter empfunden hatte. Mit seinem Tod war etwas in ihr für immer gegangen.
Rudolf spürte Fygens Zögern, und es schien, als hätte er auch ihre Gedanken gelesen. »Auch wenn du mich nicht so liebst, wie du Peter geliebt hast, so soll es mir genügen, wenn ich nur mit dir zusammen sein darf. Ich werde dir immer ein guter Ehemann sein, das verspreche ich dir ...« Beinahe flehentlich klangen seine Worte, und Fygen gab es einen Stich, als sie sah, mit welcher Hoffnung er sie anblickte. Die Liebe und Treue eines so guten und aufrichtigen Mannes war mehr, als sich die meisten Frauen vom Ehestand erhoffen konnten.
Rudolf war Fygen der beste und treueste Freund. Er stand ihrem Herzen so nahe wie nur wenige, und sie liebte ihn. Doch es war die Liebe, die eine Schwester für den Bruder empfand. Sie würde Rudolf nie so lieben können, wie er es verdient hätte – es wäre nicht aufrichtig, ihn zu heiraten. Leicht berührte Fygen ihn an der Schulter und schüttelte den Kopf. Es fiel ihr schwer, ihm zu antworten, denn sie wusste, wie weh sie ihm damit tat. »Nein, Rudolf«, sagte sie leise, »ich kann dich nicht heiraten. Lass es zwischen uns, wie es ist.« In dem Moment, als Fygen die Worte aussprach, war ihr, als löste sich in ihrem Innern ein Knoten. Als hätte es dieses Anstoßes bedurft, wusste sie plötzlich in aller Klarheit, was sie zu tun hatte. »Ich fahre nach Valencia.« Wie selbstverständlich kamen ihr die Worte über die Lippen, so als wären sie schon die ganze Zeit über dort gewesen, als hätte ihre Zunge sie nur noch aussprechen müssen.
Für einen Moment blieb Rudolfs Gesicht unbewegt. Dann weiteten sich seine Augen ungläubig, und das Weiße darin erschien Fygen unnatürlich groß. Rudolfs Mund öffnete sich wie zu einer Entgegnung, doch dann, ohne dass er vermocht hätte, ein Wort hervorzubringen, presste er die Lippen zu einem Strich zusammen. Er senkte den Kopf, seine Schultern krümmten sich, und er schien zu erstarren.
Das Mitgefühl mit dem Freund machte Fygen die Kehle eng. Sie spürte seinen Schmerz so scharfkantig, als wäre er ihr eigener, doch sie wusste um die Richtigkeit ihrer Entscheidung.
Einen unendlichen Moment lang währte Rudolfs Starre. Dann endlich erhob er sich mit hölzerner Beherrschtheit, klopfte den Staub von den Knien, wandte sich ab und schritt mit der unbewussten Sicherheit eines Schlafwandelnden dem Haus zu.
Lisbeth strich sich erschöpft eine dunkle Locke zurück unter den zarten Taft ihrer Haube. Wenn es nach ihr ginge, so wäre sie bereits vor Stunden zu Bett gegangen, anstatt auf das neue Jahr zu warten. Es würde auch beginnen, wenn sie dabei schlief. Die Werkstatt verlangte ihr derzeit viel ab, denn bis zur Fastenmesse in Frankfurt war es nicht mehr allzu weit. Verstohlen hielt Lisbeth die Hand vor den Mund und unterdrückte ein Gähnen, als ihre Schwiegermutter zu ihr trat.
»Lisbeth Ime Hofe ...«, hob Katryn an und blickte ihr in die braunen Augen.
Lisbeth legte abwartend den Kopf schief und krauste die flache Spitze ihrer Stupsnase, die ihrem anziehenden Gesicht mit den hohen Wangenknochen einen etwas spitzbübischen Ausdruck verlieh. Es war ungewöhnlich, dass Mertyns Mutter sie so förmlich ansprach.
»Ich habe dich beobachtet und mir genau angesehen, wie du deinen Betrieb führst«, sagte Katryn ernsthaft. »Du hast dir inzwischen einen sehr guten Ruf als Seidmacherin erarbeitet, und deine Gewebe sind stets von guter Qualität.«
»Danke, Mutter«, sagte Lisbeth erfreut. Das Lob zauberte eine verlegene Röte auf ihre Wangen.
»Darüber hinaus ist es dir gelungen, alle Kunden deiner Mutter zu behalten, nachdem du ihren Betrieb übernommen hast«, fuhr Katryn fort. »Eine ganz außerordentliche Leistung, wenn man bedenkt, welch vortreffliche Seidmacherin Fygen war.«
Lisbeth setzte an, sich abermals zu bedanken, doch mit einem knappen Wink hieß Katryn sie schweigen. »Ich habe beschlossen, mich aus dem Geschäft zurückzuziehen, und werde dir daher ebenfalls meinen Betrieb übergeben.« Verblüfft starrte Lisbeth sie an. Ihre Müdigkeit war verflogen. Katryn konnte das nicht ernsthaft in Erwägung ziehen. Sie sollte zu ihrem eigenen Betrieb und dem ihrer Mutter nun auch noch den ihrer Schwiegermutter übernehmen? Wie sollte sie denn das bewerkstelligen? Ihr eigener Betrieb war mit den vier Lehrtöchtern, drei ausgelernten Lohnweberinnen und fünf Hilfskräften bereits sehr umfangreich. Doch die Weberei der »Frau Zur Roten Tür«, wie man Katryn nach ihrem Haus und dessen zinnoberrotem Tor nannte, war die größte der ganzen Stadt.
Katryn schien zu ahnen, was in Lisbeth vorging. »Du schaffst das schon, da bin ich ganz sicher«, sagte sie mit einem aufmunternden Lächeln. »Und ich höre ja nicht über Nacht auf ...«
Aus den Augenwinkeln sah Lisbeth Rudolf wieder in den Saal treten. Sie mochte den gutmütigen Gastwirt, und sie wusste, er verehrte ihre Mutter seit langem. Mit einem Schmunzeln hatte sie vorhin bemerkt, dass er ihrer Mutter aus dem Saal hinaus gefolgt war, und geahnt, was er im Sinn haben mochte.
Doch der versteinerten Miene nach zu urteilen, mit der Rudolf nun in den Saal zurückkehrte, schien das gründlich misslungen zu sein. Geradewegs, ohne den Blick abschweifen zu lassen, hielt er auf Maren zu, die einen weiteren Versuch unternahm, den Gästen Getränke zu reichen, nun allerdings aus tönernen Bechern.
Wie betäubt griff Rudolf nach einem Becher und stürzte den Wein hinunter. Als sich die Magd von ihm ab- und anderen Gästen zuwenden wollte, packte er sie mit der freien Hand am Rock und hielt sie fest. Unsanft stellte er den leeren Becher zurück auf Marens Tablett, ergriff einen gefüllten und leerte auch diesen in einem Zug.
Lisbeth zwang sich, ihren Blick von Rudolf abzuwenden und sich wieder auf das Gespräch mit Katryn zu konzentrieren. »Warum willst du die Weberei aufgeben?«, fragte sie die Schwiegermutter.
»Einfach weil es mir reicht. Ich habe in meinem Leben genug gearbeitet. Die Geschäfte ermüden mich, und ich besitze ohnehin weit mehr, als ich zum Leben benötige.«
»Und was wirst du stattdessen tun? Ich dachte immer, du liebst das Seidenmachen.«
»Ja«, entgegnete Katryn mit einem feinen Lächeln. »Und genau das ist der Grund, warum ich aufhöre, mein Kind. Seit Jahren habe ich nicht mehr selbst am Webstuhl gesessen, und dafür werde ich jetzt endlich wieder Zeit finden: Zu weben, und zwar Stoffe für meinen eigenen Bedarf. Und vielleicht bekomme ich ja eines Tages doch noch Enkelkinder, die ich verzärteln darf.«
Ein Schatten huschte über Lisbeths Züge, und sie wandte das Gesicht ab. Mit ihrer letzten Bemerkung hatte Katryn an einen schmerzlichen Punkt ihrer Schwiegertochter gerührt. Mehr als drei Jahre waren sie und Mertyn nun verheiratet, doch zu Lisbeths Kummer hatten sie bislang keinen Nachwuchs bekommen. Zu Beginn ihrer Ehe hatte es sie nicht gestört, dass sich der Kindersegen nicht sogleich einstellen mochte. Sie und Mertyn waren sich gegenseitig genug gewesen.
Dann jedoch, als ihre Freundinnen nach und nach ihre ersten Kinder zur Welt brachten, ja, als sich bei ihrer Freundin Clairgin bereits das zweite ankündigte, hatte Lisbeth angefangen, sich zu sorgen, sich bange zu fragen, ob sie je ihr eigenes Kind in den Armen halten würde.
Zum zweiten Mal an diesem Abend ließ ein dumpfer Schlag die Gesellschaft auffahren, das Krachen eines Körpers, der schwer auf die Bodendielen traf. Marens erschreckte Schreie gellten durch den Saal. Doch diesmal hatte es nicht sie ereilt, sondern Rudolf. Er hatte im Wein das Vergessen gesucht und sich hastig bis zur Besinnungslosigkeit betrunken. Reglos wie ein Sack Mehl, Arme und Beine von sich gestreckt, lag er da, während Maren kreischend das Weite suchte.
»Sie fährt nach Valencia!«, lallte Rudolf undeutlich. Dann sackte sein Kopf zur Seite, und er verlor das Bewusstsein. Ganz so, als würde nun auch der Rest der Welt aus den Fugen geraten, krachten draußen vor der Wolkenburg die ersten Schüsse aus Handbüchsen. Auch wenn der Rat der Stadt diesen Brauch jedes Jahr aufs Neue zu unterbinden suchte, so ließen sich doch ein paar verwegene Handwerksburschen nicht daran hindern, mit angemessenem Lärm das neue Jahr zu begrüßen.
»E glöcksillig Neujohr!«, erscholl es von überall her. »E glöcksillig Neujohr!«, und leise murmelte Lisbeth die übliche Erwiderung: »Göv Gott, et wör wohr!«
»Ich würde mich in Grund und Boden schämen, so etwas JL zum Verkauf anzubieten!«, raunte Lisbeth ihrer Freundin Clairgin zu.
Seit jenem lang vergangenen Tag, an dem Clairgin zu ihnen in die Wolkenburg gekommen war, um bei Fygen das Seidenhandwerk zu lernen, verband die beiden Frauen eine enge Freundschaft.
Clairgin van Breitbach stammte aus Xanten. Allein und auf sich gestellt, ohne einen einzigen Verwandten in der Stadt zu haben, war sie, damals zwölfjährig, nach Köln gekommen. Rasch hatte sie sich an die gleichaltrige Lisbeth angeschlossen, und bis auf den heutigen Tag fühlte Lisbeth sich mit Clairgin enger verbunden als mit ihren Schwestern, denn mit ihr teilte sie ihre Liebe für das Seidmachen.
Sosehr sich die beiden Frauen im Äußeren unterscheiden mochten – die dunkle Lisbeth mit ihrem frischen Teint und den wilden Locken, die ihr meist unter der Haube hervorzurutschen drohten, und die blasse, stets adrette Clairgin mit den wasserblauen Augen, der auch jetzt das ordentlich gescheitelte, glatte Blondhaar nicht weiter unter der weißen Haube hervorlugte, als es die Schicklichkeit gebot – so verschieden waren sie auch dem Wesen nach. Mit ihrer stillen, ausgleichenden Art war Clairgin stets der ruhige Gegenpol zu der lebhaften Lisbeth gewesen.
Clairgin war nicht augenfällig schön, doch ihr ovales Gesicht mit den gleichmäßigen Zügen war in einer zurückhaltenden Weise anziehend, und dass Lisbeth die Auffälligere von beiden war, tat der Freundschaft keinen Abbruch. Im gleichen Jahr hatten sie ihre Prüfung vor dem Seidamt abgelegt, und Lisbeth hatte Mertyn noch im selben Jahr geheiratet, Clairgin ihren Mathias im Jahr darauf.
Hätte man die beiden jungen Frauen je gefragt, was sie so zueinander hinzog, so wären sie wohl zu dem Schluss gekommen, dass es neben der Seidenweberei genau jene Gegensätze sein mochten, die sie aneinander schätzten.
»Bitte?«, fragte Clairgin. Sie hatte Lisbeths Flüstern nicht verstanden.
»Ich würde mich in Grund und Boden schämen, so etwas zum Verkauf anzubieten!«, wiederholte Lisbeth ihre Worte nun etwas lauter.
»Tut sie auch«, gab Clairgin zurück und deutete mit dem Kinn auf Irma van Neyll.
Mit gesenktem Kopf, das Gesicht von der Farbe eines Puters und die Hände verlegen in den Stoff ihrer Schürze gekrallt, stand die stämmige Seidmacherin vor den Versammelten.
Grade einmal eine Woche war es her, dass man aus Frankfurt zurückgekehrt war, und kaum, dass man sich wieder eingerichtet und – so man noch welche hatte – die unverkaufte Ware zurück in die Lager getragen hatte, hatten die Zunftvorsitzenden, die beiden Damen und die beiden Herren vom Seidamt, das gemeine Amt einberufen, die allgemeine Meisterversammlung.
Wie in jedem Jahr war die Zunft der kölnischen Seidmacherinnen nahezu geschlossen zur Messe gereist, bot doch die Fastenmesse in Frankfurt die besten Möglichkeiten, ihre Waren an den Mann zu bringen. Zwar verkaufte man einen Großteil der Seide gleich in Köln, wo nicht nur der Bischofshof in seinem Glanz nach dem edlen Tuch verlangte, sondern wo durch den wachsenden Wohlstand der Stadt seidene Stoffe nicht mehr nur für die Allerreichsten erschwinglich waren. Dennoch war der Bedarf auch dieser prachtvollen Stadt nicht groß genug, all die Seide aufzunehmen, welche die regsamen Seidenweberinnen des kölnischen Seidamtes herzustellen vermochten.
In Frankfurt kamen alle zusammen, die im großen Stil zu kaufen und zu verkaufen trachteten. Händler der Hanse aus Nord und Ost, Kaufleute aus Flandern und London und nicht zuletzt die Vertreter der großen Oberdeutschen Handelshäuser, die ihre verzweigten Netze bis in den Mittelmeerraum spannten. Und die Geschäfte gingen gut, denn kölnische Seide hatte einen ganz ausgezeichneten Ruf in der bekannten Welt.
Dieser Ruf, von dem ihr aller Wohl abhing, war es, der die Seidmacherinnen heute hatte zusammenkommen lassen. Denn eine von ihnen hatte diesen Ruf in Gefahr gebracht. Nicht alle achtunddreißig eingetragenen Meisterinnen, Hauptfrauen der Seidmacherzunft, waren erschienen. Doch jene, die ihr Gewerbe tatsächlich betrieben und nicht nur dem Papier nach Seidmacherin waren, wie Lisbeths Schwestern Agnes und Sophie, hatten sich eingefunden. Bald dreißig Meisterinnen waren es daher, die sich um den langen Tisch im großen Saal des Hauses von Johann Kyndorp drängten, auf den nun zwei Knechte ballenweise Seide luden. Da die Zunft immer noch eines eigenen Zunfthauses ermangelte, war man im Haus des amtierenden Zunftmeisters zusammengekommen.
Prüfend befühlten einige der Frauen die Stoffe, die sich auf dem Tisch stapelten, und ihre Mienen drückten höchstes Missfallen aus. Die Gewebe waren an vielen Stellen fehlerhaft, dort, wo Garn neu angesetzt worden war, hatten sich dicke Knoten gebildet, und die Ränder der Stoffe waren lappig und wellten sich. Das Urteil war längst gefallen.
Man war sich einig – diese Seide verdiente den Namen nicht.
Brigitta van Berchem war klein gewachsen, doch niemandem würde je der Fehler unterlaufen, die drahtige Amtsmeisterin mit den markanten Gesichtszügen zu übersehen. Ihre Nase sprang spitz hervor, und tiefe Furchen zogen sich von den Mundwinkeln herab zu einem scharfkantigen Kinn. Und so wandten sich auch jetzt die Blicke aller Anwesenden der energischen Person in den Dreißigern zu, die soeben, flankiert von ihrer Schwester Gunda, nach vorn trat.
Lisbeth stieß Clairgin mit dem Ellbogen an und deutete verstohlen mit dem Kinn auf die Schwestern. »Die Berchem wie gewohnt mit ihrem Schatten«, flüsterte sie.
Clairgin kicherte leise.
Die Nichten von Bürgermeister Johann van Berchem traten immer gemeinsam in Erscheinung. Gunda war das um wenig größere, breitere und um nur weniges jüngere Abbild von Brigitta, doch ihre Gesichtszüge waren etwas weicher. Und sie war immer dort, wo auch Brigitta war, in diesem Fall vor den versammelten Mitgliedern des Seidamtes, obwohl sie gar nicht dem Zunftvorstand angehörte.
Brigitta van Berchem warf einen wachen Blick aus dunklen Augen in die Runde, und das Tuscheln erstarb, als sie Irma eine Schere in die Hand gab. Schweigend, teilweise mit strafender Miene, starrten die Frauen auf die Schuldige, und während zwei von ihren Lehrmädchen den ersten Ballen abwickelten, setzte Irma die Schere an, die Lippen fest zusammengekniffen. Mit einem grässlichen Geräusch fuhren die Klingen in den Stoff, schnitten ihn entzwei, Elle für Elle. Das Werk von Wochen, ja, Monaten ging in Fetzen, glitt über die Tischkante hinab und kringelte sich wie welkes Laub auf den Bodendielen.
Es fiel keine böse Bemerkung, keine Häme troff auf Irma herab. Aber andererseits verspürte auch keine der Anwesenden Mitleid mit der Seidenweberin. Wer so schlechte Seide zu verkaufen suchte, gefährdete den Ruf aller und hatte Strafe verdient.
Ruchbar war die Sache bereits in Frankfurt geworden, als ein rotbezopfter flämischer Händler an Clairgins Stand in den Römerhallen getreten war. Kurz hatte er Clairgins Seide betrachtet, befühlt und dann mit Posaunenstimme ausgerufen: »Ja, das ist kölnische Seide! Nicht solch ein Gelumpe wie dort drüben!« Mit ausgestrecktem Arm hatte der Flame auf den Verkaufsstand von Irma van Neyll gewiesen.
Lisbeth, die ihren Stand gleich neben dem von Clairgin hatte, ein paar andere Seidmacherinnen und darüber hinaus leider auch einige Käufer waren Zeuge dieses Zwischenfalls geworden.
Clairgin hatte die Sache nicht zum Nachteil gereicht, denn das überschwängliche Lob des Seidenhändlers hatte andere Käufer an ihren Stand gelockt und ihr gute Umsätze eingetragen.
Später am Tag, als sich ihnen die Gelegenheit bot, hatten Lisbeth und Clairgin Irmas Seide unauffällig in Augenschein genommen. Sie konnten dem Flamen nur zustimmen: Die Qualität war gänzlich unbefriedigend.
Gleich nach ihrer Rückkehr waren die Damen und Herren vom Seidamt dann ihrer Pflicht nachgekommen und hatten, ganz so, wie es der Zunftbrief vorsah, Irmas Betrieb besichtigt und die von ihr hergestellte Seide näher untersucht. Alles, was nicht den Anforderungen genügt hatte, und das war das meiste, war beschlagnahmt worden, und zur Strafe musste Irma es nun vor den Augen des versammelten Seidamtes eigenhändig zerschneiden.
»Ich bin sicher, Irma wird künftig viel Sorgfalt auf ihre Weberei verwenden«, bemerkte Clairgin, als sich die Versammlung auflöste und sie mit Lisbeth das Haus des Seidenhändlers Kyndorp verließ. Es dunkelte bereits, doch der Abend war milde, und das Versprechen des nahen Frühlings lag schon in der Luft.
»Was sagst du?«, fragte Lisbeth abwesend.
»Ich meine, diese Blamage wirkt mehr als die Geldstrafe, die Irma an die Zunft zu zahlen hat.«
Lisbeth nickte beiläufig. Ihre Gedanken weilten längst nicht mehr bei der säumigen Seidmacherin. Prüfend blickte sie zum Himmel. Eben stieg der volle Mond über die Dächer am Alter Markt. Wenn sie sich beeilte, wäre sie zu Hause, bevor es gänzlich finster wurde. Mertyn würde ihr Fehlen ohnehin nicht auffallen, er pflegte bis spät im Kontor über seinen Büchern zu sitzen.
Flüchtig verabschiedete sie sich von Clairgin, zog ihren Umhang über den Schultern zusammen und wandte sich zum Gehen. Doch zur Verwunderung der Freundin schlug sie nicht den Weg nach Sankt Alban ein, wo die Ime Hofe und andere wohlhabende Seidmacher ihre Häuser hatten, sondern wandte sich nach Norden.
Schnell kroch die Dunkelheit aus den Winkeln, und Lisbeth beschleunigte ihren Schritt, denn obschon die Nachtwächter ihre Runden drehten, waren die Straßen zur Nachtzeit nicht immer sicher. Ein ums andere Mal wandte sie forschend den Kopf, doch die Schatten verschluckten die Gestalt, die ihr in einigem Abstand folgte.
Längst hatte Lisbeth den Dom passiert und erreichte Sankt Lyskirchen an der Ecke zur Trankgasse. Sie eilte die Johannisstraße entlang, bis sie endlich den gedrungenen Bau von Sankt Kunibert vor sich sah. Wie ein riesiges schlafendes Tier mutete die Kirche in der Dunkelheit an, und Lisbeth schauderte. Kurz hielt sie inne. Am liebsten wäre sie umgekehrt und unverrichteter Dinge heimgekehrt in die warme Sicherheit ihres Hauses.
Doch dann nahm sie ihren Mut zusammen, holte tief Luft und schalt sich einen Hasenfuß. Wenn sie es heute nicht fertigbrachte, würde ein weiterer Monat vergehen, bis der Mond sich aufs Neue rundete, bis sie es wieder versuchen könnte. Ein langer Monat voller Hoffen, und am Ende würde doch nur wieder schmerzliche Enttäuschung stehen.
Lisbeth straffte die Schultern, dann erklomm sie die wenigen Stufen zum Portal, drückte das Tor auf und trat in das Gotteshaus.
Düsternis umfing sie im Innern der Kirche. Nur hier und dort brannte auf einem Altar ein ewiges Licht. Beherzt nahm Lisbeth ein Wachslicht aus einer Halterung an der Wand. Flackerndes Licht fiel auf die Skulptur des heiligen Quirinus und ließ das Antlitz des Heiligen zu einer Fratze geraten. Lisbeth erschrak, und ohne noch einmal nach rechts oder links zu schauen, strebte sie der schmalen Treppe zu, die zur Krypta hinabführte, die unter dem Chor lag.
Als Lisbeth den ersten Fuß auf die Stiege gesetzt hatte, vermeinte sie Schritte hinter sich zu hören. Sie spürte, wie ihr ein Schauder über den Rücken kroch und eine feine Gänsehaut zurückließ. Abermals hielt sie inne. Warum war sie auch allein hergekommen?
Weil die Schwestern nie den Mut aufgebracht hätten, sie zu begleiten, gab sie sich selbst die Antwort. Ihre Mutter war wohl längst jenseits der Alpen, Clairgin hätte sie nicht fragen mögen, denn die hatte wahrlich andere Sorgen, und Mertyn ... Lisbeth mochte sich seinen spöttischen Kommentar gar nicht vorstellen. Er hätte dieses Unterfangen zumindest als groben Schwachsinn bezeichnet. Aber Mertyn schien die ganze Sache ohnehin nicht so zu schmerzen wie sie.
Nein, das hier war ihre Angelegenheit, und sie musste sie allein durchstehen. Lisbeth nahm allen Mut zusammen, biss sich fest auf die Lippe, und ohne sich umzuwenden, stieg sie hinab.
Modriger Geruch umfing Lisbeth, und sie hob das Licht. Die Stiege hatte sie in ein saalartiges Gewölbe geführt, dessen Decke von einer einzelnen Säule getragen wurde.
Langsam umrundete Lisbeth den Pfeiler. Da war der Brunnenschacht! Lisbeth sank vor dem Pütz auf die Knie und stellte das Licht neben sich auf dem Lehmboden ab. Vorsichtig wagte sie einen Blick in den tiefen Schacht hinein, doch außer finsterer Schwärze konnte sie nichts darin erkennen.
Ehrfürchtig faltete Lisbeth die Hände und sprach ein stummes Gebet zur Mutter Gottes. Dann griff sie entschlossen nach dem Eimer, der neben dem Brunnen stand, und ließ ihn an seinem langen Strick in den Schacht hinab. Hohl und überlaut tönte das Scheppern, mit dem der Eimer an der gemauerten Brunnenwand anstieß, durch das Gewölbe.
Der Eimer klatschte auf die Wasseroberfläche, und behände zog Lisbeth ihn wieder zu sich herauf. Mit hohler Hand schöpfte sie Wasser und trank davon, wieder und wieder. Schließlich ließ sie den Eimer fahren und schlug die Hände vors Gesicht. »Mutter Gottes«, flehte sie leise, »mach, dass ich endlich schwanger werde!«
Das Wasser des Kunibertspütz, so ging die Legende, vermochte das Wunder zu vollbringen, Frauen von ihrer Unfruchtbarkeit zu befreien. Am Grunde des Brunnens, wo es hell und warm war, wie es hieß, hütete die Mutter Gottes die ungeborenen Kinder, spielte mit ihnen und fütterte sie mit Brei. Trank eine Frau in der Vollmondnacht von dem Wasser, so erfuhr die Jungfrau Maria davon, und nach neun Monaten hielt die junge Mutter ihr Kind in den Armen.
Die Vorstellung von den vielen kleinen Kindern im Brunnen ließ Lisbeth die Kehle eng werden. Wenn es doch diesmal gelingen würde, hoffte sie, und ein bitteres Schluchzen ließ ihren Leib erzittern.
Sie fühlte sich so wertlos. Was, wenn nicht die Freuden der Mutterschaft, waren einer Frau Bestimmung und Erfüllung?
Stets gab es ihr einen Stich, wenn sie in die pausbäckigen Gesichter von Agnes’ Kindern blickte. Insbesondere die vierjährige Sophie mit ihrem verschmitzten Lächeln und den dunklen Kringellocken könnte sie ständig an sich drücken und herzen. Wenn sie eine Tochter hätte, würde sie Sophie vielleicht ähneln ...
Lisbeth liefen die Tränen über das Gesicht. Wie oft hatte sie schon die zuständigen Schutzheiligen angerufen, den heiligen Gregor, den heiligen Albert. Und am Tag der heiligen Anna vergaß sie nie, der Mutter Marien eine Kerze anzuzünden. Doch all ihre Gebete hatten bislang keine Folgen gezeitigt.
Was hatte sie denn getan? Welche schwere Sünde hatte sie auf sich geladen, die eine solche Strafe Gottes verdient hätte?
Plötzlich spürte Lisbeth eine Bewegung neben sich. Mit leisem Schrei zuckte sie zusammen und sprang auf. Sie hatte sich allein in der schauerlichen Krypta gewähnt.
Neben ihr stand eine Gestalt, gerade einmal einen Schritt entfernt. Ihr Gesicht verbarg sich in den Schatten des Umhangs, den sie sich über das Haupt gezogen hatte. Lisbeth war starr vor Schreck, unfähig, sich zu bewegen oder um Hilfe zu rufen.
Jetzt trat die Gestalt nah zu ihr, streckte die Hand nach ihr aus.
»Seht, Lisbeth, ich bin es«, flüsterte eine sanfte Stimme. Die Gestalt streifte den Umhang vom Kopf, und erst jetzt, als das Licht Clairgins Züge der Düsterheit der Krypta entriss, erkannte Lisbeth ihre Freundin. Aufschluchzend ließ sie den Kopf an deren Brust sinken und weinte bitterlich.
Clairgin legte sachte den Arm um Lisbeths Schultern. Es war für sie ein Leichtes gewesen, den Grund für Lisbeths nächtlichen Besuch in Sankt Kunibert zu erraten. »Sei nicht so verzweifelt«, suchte sie die Freundin zu trösten. »Du bekommst sicher noch Kinder. Du bist ja gerade einmal zwanzig. Das ist doch kein Grund für solch einen Kummer.«
»Was verstehst du denn davon? Du hast zwei wundervolle Töchter!«, fuhr Lisbeth auf.
»Da hast du recht. Davon verstehe ich nichts«, sagte Clairgin leise. »Aber vom Kummer verstehe ich eine ganze Menge.«
Lisbeth schwieg betroffen. Von Kummer verstand Clairgin wirklich eine Menge. Denn Clairgin war bereits Witwe. Erst vor Jahresfrist hatte sie Mathias zu Grabe getragen – vielmehr: Sie hätte ihn gerne beerdigt, um ein Grab zu haben, an dem sie ihn hätte betrauern können, doch die Fluten des Rheines hatten ihn behalten.
Mathias war Weinhändler gewesen, und auf einer seiner Reisen den Rhein hinauf war er bei Bingen ertrunken, just, als Clairgin mit ihrer zweiten Tochter in Umständen war. Seither musste die junge Witwe den Widrigkeiten des Lebens allein entgegentreten, denn außer einem unfreundlichen Schwager hatte sie keine Verwandten in Köln.
Lisbeth trocknete ihre Tränen. Die Freundin hatte recht. Sie brauchte ihr gar nicht zu sagen, welches Glück sie hatte. Sie hatte einen Beruf, der ihr Freude bereitete und ein nicht geringes Einkommen verschaffte, ein hübsches Haus in Sankt Alban und einen Mann, den sie liebte. Gut, in letzter Zeit hatte Mertyn wenig Zeit für seine junge Frau erübrigen können. Er arbeitete viel und interessierte sich darüber hinaus für die Belange der Stadt.
Doch nein, sie durfte nicht unzufrieden sein.
»Der heilige Kunibert wird es schon richten. Warte es ab«, tröstete Clairgin. »Und nun komm, wir sollten sehen, dass wir nach Hause kommen.«
