Die Stadtärztin - Ursula Niehaus - E-Book

Die Stadtärztin E-Book

Ursula Niehaus

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Beschreibung

Allen Widrigkeiten trotzend kämpft sie für ihr Schicksal: Menschen zu helfen … Ulm, 1531. Schon als junges Mädchen findet Agathe Streicher ihre Berufung: Als ihre Schwester Hella schwer verletzt wird, ist sie fasziniert von dem heilenden Schaffen des Arztes – auch wenn jede Hilfe für Hella zu spät kommt … Obwohl das Studium der Medizin ihr als Frau verboten ist, verbringt Agathe die nächsten Jahre damit, die Lehrbücher ihres Bruders zu stehlen, im örtlichen Siechenhaus Badern und Chirurgen über die Schultern zu schauen und die Beginen heimlich bei der Krankenpflege zu unterstützen – unerhört für eine Tochter guten Hauses, die zu einer sittsamen Ehefrau heranwachsen sollte. Bald ist sie den Ärzten Ulms ein Dorn im Auge – nicht zuletzt ihrem eigenen Bruder. Doch Agathe hat ihr Ziel fest vor Augen: als erste Ärztin des Landes Leben zu retten!  »Ursula Niehaus ist bekannt für ihre starken Frauengestalten und ihre ausgezeichnet recherchierten Geschichten. Auch ihr neuer Roman entfaltet die bekannte Sogwirkung.« Zeitschrift Karfunkel Fans von Silvia Stolzenburg aufgepasst! Ein genauso spannender wie inspirierender Historienroman über den Lebensweg von Agathe Streicher – die erste Ärztin Deutschlands!

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Seitenzahl: 525

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch:

Ulm, 1531. Schon als junges Mädchen findet Agathe Streicher ihre Berufung: Als ihre Schwester Hella schwer verletzt wird, ist sie fasziniert von dem heilenden Schaffen des Arztes – auch wenn jede Hilfe für Hella zu spät kommt … Obwohl das Studium der Medizin ihr als Frau verboten ist, verbringt Agathe die nächsten Jahre damit, die Lehrbücher ihres Bruders zu stehlen, im örtlichen Siechenhaus Badern und Chirurgen über die Schultern zu schauen und die Beginen heimlich bei der Krankenpflege zu unterstützen – unerhört für eine Tochter guten Hauses, die zu einer sittsamen Ehefrau heranwachsen sollte. Bald ist sie den Ärzten Ulms ein Dorn im Auge – nicht zuletzt ihrem eigenen Bruder. Doch Agathe hat ihr Ziel fest vor Augen: als erste Ärztin des Landes Leben zu retten!

Über die Autorin:

Ursula Niehaus, geboren 1965 in Köln, stammt aus einer Buchhändlerfamilie und studierte Wirtschaftswissenschaften. Ihre Begeisterung für Textilien, Kunst und Geschichte setzt sie in historischen Romanen sowie ihrer eigenen Kunst um. So entwickelte sie ihre „Textilen Bilder“, Portraits und Landschaften, die vollständig aus Stoff auf Leinwand collagiert sind. Niehaus lebt mit ihrer Familie in Köln und Ingelheim am Rhein.

Die Website der Autorin: ursula-niehaus.de

Die Autorin bei Facebook: facebook.com/UrsulaNiehausKunst

Die Autorin auf Instagram: @niehausursula

Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre historischen Romane »Die Stadtärztin«, »Die Heilige von Augsburg«, »Die Seidenweberin« und »Die Tochter der Seidenweberin«.

***

eBook-Neuausgabe Juni 2025

Copyright © der Originalausgabe 2014 Knaur Verlag

Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München

Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ma)

ISBN 978-3-98952-972-4

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dotbooks ist ein Verlagslabel der dotbooks GmbH, einem Unternehmen der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt: www.egmont.com/support-children-and-young-people. Danke, dass Sie mit dem Kauf dieses eBooks dazu beitragen!

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Ursula Niehaus

Die Stadtärztin

Historischer Roman

dotbooks.

Widmung

Motto

Erster Teil

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Zweiter Teil

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

Dritter Teil

14. Kapitel

15. Kapitel

Vierter Teil

16. Kapitel

17. Kapitel

Ein Wort zum Schluss

Glossar

Danke

Lesetipps

Widmung

Für Faran

Motto

»Ich bin der Doctor der Artzney

An dem Harn kann ich sehen frey

Was kranckheit ein Menschn thut beladn

Dem kan ich helffen mit Gotts gnadn

Durch ein Syrup oder Recept

Das seiner kranckheit widerstrebt

Daß der Mensch wider werd gesund

Arabo die Artzney erfund.«

Ständebuch, Jost Amman, 1568

Erster Teil

1531-1539

1. Kapitel

Eine einschläfernde Hitze erfüllte das enge Schulzimmer. Träge umkreiste die Fliege das Haupt des Schulmeisters, um sich dann auf seiner fleischigen Nase niederzulassen. Agathe strich sich eine schweißfeuchte Haarsträhne aus dem herzförmigen Gesicht, die sich aus einem ihrer Zöpfe gelöst hatte. Gelangweilt kratzte sie mit dem Fingernagel am Rahmen ihrer Wachstafel. Sie hatte längst ihre Aufgabe erledigt und wartete darauf, dass der Lehrer in seinem Unterricht fortfahren würde.

Dicht gedrängt saß sie mit einem guten Dutzend anderer Kinder in dem engen Raum. Der Junge zu ihrer Rechten in der Bank stieß ihr unablässig den Ellbogen in die Seite, während er unbeholfen seine Buchstaben ritzte, und auf ihrer Linken kitzelte Hellas Zopf ihr die Wange.

Agathe beobachtete, wie die Fliege über die gerötete Gesichtshaut des Lehrers kroch, dem weit geöffneten Mund zu, dem ab und an ein gurgelndes Schnarchen entfuhr. Schließlich entschloss sie sich, eines der Wörter auf ihrer Tafel auszuwischen und noch einmal schöner zu schreiben. Die schmalen Augenbrauen konzentriert über ihren nussfarbenen Augen zusammengezogen, hatte sie gerade den Griffel angesetzt, als ihr der dunkelblonde Schopf ihrer Schwester auf die Schulter sank.

Agathe schreckte zusammen. Die Wachstafel fiel ihr aus der Hand und schlitterte laut scheppernd über den staubigen Dielenboden.

Der Lehrer fuhr auf und sog erschreckt die Luft ein. Sein strafender Blick traf Agathe, doch bevor er sie schelten konnte, packte ihn der Husten. Die Fliege war ihm in den Hals geraten.

Hilflos rang er nach Luft. Tränen traten ihm in die Augen, und sein ohnehin gerötetes Gesicht färbte sich purpurn. Dann krümmte er sich in einem nicht enden wollenden Hustenanfall zusammen. Schließlich entließ er, sichtlich entkräftet, die Schüler für diesen Tag weit vor der Zeit.

Blinzelnd traten die Mädchen in das grelle Sonnenlicht hinaus. Es war kein weiter Weg bis zu ihrem Elternhaus. Die schmale Gasse, an der das schäbige Schulhaus mit dem engen Klassenzimmer lag, mündete direkt auf den Platz vor dem Münster. Diesen mussten sie überqueren und dann noch über den Holzmarkt laufen. Dahinter begann schon die Sattlergasse, in der das Haus der Familie Streicher lag, gleich gegenüber der Greth.

Heute waren viele Menschen auf der Straße, weit mehr als sonst, stellte Agathe fest. Und es waren nicht wie gewohnt freundliche Mägde und Hausweiber, die ihre Einkäufe vom Markt heimtrugen, es waren Männer, grob gekleidet, manche trugen Knüppel in den Händen, andere Hacken.

Agathe spürte, wie Hellas Hand sich ängstlich um die ihre krampfte. Gerade einmal elf Jahre war sie alt, klein und von zierlicher Gestalt, und um sie her waren nur Beine und Rücken. Ihre Schwester war ein Jahr älter und einen halben Kopf größer gewachsen als sie, und doch war es Agathe, die die Führung übernahm. Beruhigend erwiderte sie den Händedruck der Schwester und lächelte ihr zu. Dann warf sie entschlossen ihre weizenblonden Zöpfe über die Schulter zurück und versuchte, einen Weg durch die Menge zu bahnen.

Je näher sie dem Westturm des Münsters kamen, desto dichter wurde das Gedränge, und gerade als Agathe vor sich das hohe Portal erblickte, öffneten sich die Flügeltüren des Gotteshauses. Die Menge drängte nach vorn. Agathe und Hella wurden mitgerissen, und als sich die Menschen johlend in das Innere des Münsters ergossen, wurden auch sie unversehens hineingespült.

Die Männer um sie her stürzten sich sogleich auf die hölzernen Altäre. Grob rissen sie die kunstvoll bemalten Altarflügel herunter und schlugen die Bilder in handliche Stücke.

Die Schwestern blickten entsetzt auf das irre Tun. Sahen zu, wie sich die Männer um die zerschlagenen Bildnisse rauften und sich so viel Holz auf die Schultern luden, wie sie zu tragen vermochten.

»Was machen die da?«, fragte Hella schrill.

Agathe blieb ihr die Antwort schuldig. Fassungslos beobachtete sie, wie die Ersten der Plünderer mit ihrer Beute an ihnen vorbei wieder durch das Portal ins Freie hasteten. Zwei trugen schwer an etwas Großem, Sperrigem. Agathe erkannte die Statue der Heiligen Mutter Gottes, der das Münster geweiht war.

»Zerschlagt die Götzenbilder!«, tönte der Ruf durch das Kirchenschiff.

Agathe schluckte. Der Mob plünderte das Münster – ihr schönes Münster, auf das die Bürger Ulms so stolz waren.

Viele wohlhabende Familien hatten im Münster Altäre gestiftet, um Vorsorge zu treffen für den Tag, an dem sie vor dem Jüngsten Gericht zu erscheinen hätten. Manche wie die Besserers, die Neitharts oder die Roths hatten gar ganze Kapellen errichten lassen.

Für viel Geld hatten sie die Altäre mit sakralen Kunstwerken geschmückt, sie mit dem dazugehörenden Messgeschirr, silbernen und mit Edelsteinen besetzten Kelchen und aufwendig bestickten Textilien ausgestattet und von eigens dafür angestellten Geistlichen Messen für das Seelenheil ihrer Verstorbenen lesen lassen. Auch die Schwestern hatten es nicht versäumt, sonntags mit der Mutter frische Blumen auf den Altar ihrer Familie zu stellen.

In weiser Voraussicht hatte der Rat der Stadt bereits vor Wochen wertvolle Monstranzen und AltÄrgeräte ins Steuerhaus bringen lassen, und auch viele Stifter hatten ihre Kunstwerke nach Hause geholt. Sogar die Orgel hatte man mit Pferden hinausgezogen, doch es war beileibe noch genug geblieben, um Opfer des Wütens zu werden. Durch all die einstige Pracht brandete nun rohe Gewalt.

Wie konnten diese Menschen es nur über das Herz bringen, all diese wunderschönen Dinge zu zerschlagen?, fragte Agathe sich. Und warum gebot ihnen niemand Einhalt? Sie vermutete, dass es mit der Reform der Kirche zu tun hatte, über die man vor einem halben Jahr abgestimmt hatte und zu der sich die Stadt nun bekannte.

Augustin hatte ihr davon erzählt, als man vor zwei Tagen ihren eigenen Familienaltar aus dem Münster nach Hause gebracht hatte. Die prunkvollen Altäre dienten nur der selbstgefälligen Zurschaustellung des Reichtums der Stifter, hatte er wichtig erklärt, und es sei falsch, die Götzenbilder anzubeten. Denn nur Gott allein gebühre die Verehrung der Gläubigen.

Augustin musste es wissen. Schließlich ging ihr Bruder schon auf die Lateinschule und lernte dort die rechte Auslegung der Heiligen Schrift.

Agathe hatte trotzdem nicht verstanden, was plötzlich daran falsch war, zur Mutter Gottes zu beten. Und warum man all die schönen Bilder zerschlug, verstand sie auch nicht. Empörung stieg in ihr auf. Das durften sie nicht! Die Mutter Gottes wäre sicher höchst erzürnt darüber, zu sehen, was mit ihrer Kirche geschah.

Auch am Bild des Choraltars machte sich ein Mann zu schaffen. Doch er war dabei sehr umsichtig, so dass es Agathe nicht so vorkam, als wolle er ihm Schaden zufügen. Behutsam klappte er die Flügel des Altaraufsatzes zu und wuchtete sich das schwere hölzerne Bildwerk auf die Schulter. Dann suchte er sich einen Weg zwischen den Rasenden hindurch zu einem Seitenportal.

Agathe warf Hella einen fragenden Blick zu. Die Schwester nickte. Es war nicht nötig, ein Wort zu wechseln, sie verstanden sich auch ohnedies. Agathe wies auf die Statue einer gütig lächelnden Madonna, die den Wütenden bisher entgangen war. Die Mädchen mussten sich recken, doch es gelang ihnen, das Bildnis von seinem Sockel zu heben.

Es war weit schwerer, als Agathe erwartet hatte, und für einen Moment schwankte die Muttergottes bedrohlich. Doch dann bekam Agathe den Saum des hölzernen Gewandes zu fassen, und Hella packte das Haupt der Statue, gleich unter dem Heiligenschein.

Gebückt unter ihrer Last und immer wieder wachsam hinter sich blickend, wählten Agathe und Hella denselben Weg, auf dem der Mann mit dem Altarbildnis das Münster verlassen hatte. Keiner schien von den Schwestern Notiz zu nehmen. Zu sehr war der Mob mit seinem zerstörerischen Werk beschäftigt. Unbehelligt erreichten sie das Freie, und Agathe blickte sich suchend um. Wo wäre die Muttergottes in Sicherheit?

Ihr Blick fiel auf die angelehnte Tür eines verlassenen Schuppens, der einst zur Dombauhütte gehört hatte, damals, als man noch die Baupläne von Matthäus Böblinger umzusetzen versuchte, der den schönsten und höchsten Turm in deutschen Landen für das Münster entworfen hatte.

Dann jedoch, kurz nachdem Kaiser Maximilian I. bei seinem Besuch den Turm erklommen hatte, der bereits bis auf eine Höhe von über siebzig Fuß angewachsen war, hatten sich während der Messe Steine aus dem Turmgewölbe gelöst und waren herabgestürzt. Schweren Herzens hatten sich die Ulmer von ihren ehrgeizigen Plänen verabschieden müssen. Der Turmbau wurde mit einem Notdach über dem Viereckkranz beendet, und wo ehedem von früh bis spät rege Emsigkeit geherrscht hatte, wurde nunmehr recht verhalten gearbeitet.

So fanden die Mädchen, als Agathe die Tür mit dem Fuß aufstieß, nur einen Stapel Bauholz und ein paar leere Rupfensäcke in dem Schuppen. Ächzend unter ihrer Last, trugen sie die Muttergottes hinein und ließen sie im hintersten Winkel vorsichtig zu Boden gleiten.

»Autsch!« Scharf sog Hella die Luft ein und hob den Daumen an den Mund.

»Warte, lass mich schauen!«, sagte Agathe und zog Hella zur Tür des Schuppens.

Widerwillig hielt Hella der Schwester die Hand hin. Ein Holzsplitter hatte sich ihr in die Haut gebohrt.

»Das habe ich gleich.« Mit spitzen Fingern zog Agathe den winzigen Span heraus.

Wieder sog Hella die Luft ein, doch Agathe überging den Schmerzenslaut. »Nun spuck drauf!«, befahl sie, und die Ältere gehorchte.

Während Hella an ihrem Daumen sog, griff Agathe zwei der Säcke und breitete sie über die Statue. Sorgsam steckte sie die Enden fest und betrachtete zufrieden ihr Werk. Hier wäre die Madonna vor den Plünderern sicher. Niemand würde vermuten, welche Kostbarkeit sich unter dem schmutzigen Sackleinen verbarg.

Agathe ließ Hella keine Zeit, zu verschnaufen. »Wir müssen zurück!«, drängte sie. »Vielleicht gelingt es uns, noch eine Statue in Sicherheit zu bringen, bevor sie alle kaputt schlagen.«

Hella nickte zustimmend, und eilig kehrten die Mädchen durch das Seitenportal ins Münster zurück. Immer mehr Menschen hatten sich in das Gotteshaus gedrängt und reckten die Köpfe auf der Suche nach Verwertbarem. Doch was sich zum Feuern der Ofen eignete, war schnell davongetragen, und so entlud sich die Enttäuschung derer, die leer ausgegangen waren, an anderen Kostbarkeiten.

»Zerschlagt die Götzenbilder!«, klang es wütend von überall her, hallte bedrohlich von den Deckengewölben wider. »Zerschlagt die Götzenbilder!«

Mit Knüppeln und Stecken drosch der Mob wahllos auf alles ein, was Bildnisse von Heiligen trug. Leinwände wurden zerfetzt, Stückwerk fiel in Scherben. Einzig vor dem schlanken Sakramentshaus an der Ecke zum Seitenschiff, das von einer gut bewaffneten Schar uniformierter Stadtwachen mit gezogenen Schwertern bewacht wurde, kam die Raserei zum Erliegen.

Die sinnlose Gewalt machte Agathe Angst. Es hatte keinen Sinn, ein weiteres Bildnis zu retten. Sie mussten so schnell wie möglich fort von hier. Bemüht, den Rasenden auszuweichen, strebten die Schwestern dem Hauptportal zu, doch die Menge machte ein Fortkommen schier unmöglich.

Unter den anfeuernden Rufen der Umstehenden stießen zwei Männer die Statue von Johannes dem Täufer von ihrem Sockel. Agathe konnte gerade noch dem tönernen Arm des Heiligen ausweichen, bevor er auf dem Boden aufschlug. Johannes zerbarst in viele Scherben, und als ginge auch von den heil gebliebenen Stücken noch Gefahr für ihr Seelenheil aus, droschen andere mit ihren Knüppeln die Fragmente gänzlich zu Staub.

Hella blieb wie angewachsen stehen. Mit angstgeweiteten Augen starrte sie auf die Trümmer.

»Komm fort von hier!«, drängte Agathe und schlüpfte behende zwischen den Tobenden hindurch dem rettenden Portal zu.

Doch bereits nach wenigen Schritten merkte sie, dass Hella ihr nicht gefolgt war. Sie hielt inne und wandte den Kopf. »Los! Beeil dich!«, rief sie. Dann sah sie, wie neben der Schwester die Figur des heiligen Georg zu schwanken begann.

»Hella, pass auf!«, schrie sie gellend.

Doch die Schwester reagierte nicht. Agathe kam es vor, als dehnten sich die Sekunden zu Ewigkeiten, während die Statue herabstürzte. »Hella!«, rief sie abermals, dann hielt sie die Luft an.

Dieser zweite Schrei riss Hella endlich aus ihrer Starre, und sie fuhr zurück. Das Haupt des Heiligen verfehlte sie nur um eine Handbreit.

Agathe atmete seufzend aus, und mit lautem Knall schlug die Statue auf dem steinernen Kirchenboden auf.

Tonscherben spritzten umher, und der noch unversehrte Kopf des Drachen wurde emporgeschleudert. Das aufgerissene Maul des Untiers traf Hella an der Schläfe. Ohne einen Laut sackte das Mädchen zu Boden.

»Hella!« Agathes Schrei schnitt durch das Lärmen. Sie eilte zu ihrer Schwester und warf sich neben ihr auf die Knie. »Hella!«

Doch die Schwester reagierte nicht. Wie leblos lag sie da. Aus einer schmalen Wunde an der Stirn rann Blut über ihr bleiches Gesicht.

Mit einem Mal wurde es still um sie herum. Einer nach dem andern hielten die Männer in ihrem Rasen inne und senkten die Stecken. Betretenes Schweigen umhüllte sie.

Agathe spürte, wie jemand sie am Arm fasste, fortzog, auf die Beine stellte. Ein anderer beugte sich vor und hob Hella auf seine Arme.

»Wie heißt du, Kind? Wo wohnst du?«

Die Fragen drangen nicht bis zu Agathe vor. Der Mann schüttelte sie leicht. »Sag mir, wo du wohnst! Wer sind deine Eltern?«

Agathe war unfähig, zu sprechen, vor ihren Augen tanzten dunkle Pünktchen. Mit aller Kraft nahm sie sich zusammen. Sie musste Hella nach Hause bringen! Unsicher einen Fuß vor den anderen setzend, führte sie die Männer aus dem Münster hinaus, an den Händlern am Holzmarkt vorbei in die Sattlergasse.

Helene Streicher öffnete selbst die Tür, und obschon die aufgelöste Erscheinung ihrer jüngsten Tochter – Agathes staubbedecktes Kleid, ihr wirres Haar – und die groben Menschen in ihrer Begleitung sie ahnen ließen, dass etwas Schlimmes geschehen sein musste, bewahrte sie die Haltung, die man von einer Frau ihres Standes erwartete. Einzig die zarte blaue Ader an ihrer Schläfe pochte heftig. Solange sie ein Unglück nicht zur Kenntnis nähme, träfe es vielleicht nicht ein.

Dann jedoch trat ein Mann vor, der auf seinen starken Armen ihre mittlere Tochter trug, totenbleich und ohne Bewusstsein, und dem Unglück ließ sich nicht länger die Tür weisen. Helene erbleichte. Einen winzigen Moment stand sie wie versteinert da, die fein geschwungenen Lippen fest aufeinandergepresst, dann entfuhr ihrer Kehle ein spitzer Schrei.

Jos, der Hausknecht, kam herbeigeeilt. Behutsam nahm er Hella aus den Armen des Mannes entgegen und trug das Kind die zwei Treppen hinauf in die Schlafkammer der Mädchen. Helene folgte ihm, und benommen taumelte Agathe hinterher. Jos legte Hella auf ihre Bettstatt. Alsdann lief er los, den Wundarzt zu holen.

Als das Klappen der Haustür verriet, dass die Männer, die Hella heimgebracht hatten, den Hausflur verlassen hatten, stürzte auch Katharina, die bereits erwachsene Streicher-Tochter, herbei. In der Eile verrutschte ihr dichter Schleier und offenbarte ein großes Stück rosafarbenen Narbengewebes. Es überzog gut die Hälfte von Katharinas Gesicht, von ihrem linken Ohr, von dem nur ein kleiner Fetzen übriggeblieben war, die Wange hinab über Auge und Nase bis hin zu ihrem Mundwinkel, der seither in starrem Lächeln verweilte.

Seit jenem unglückseligen Fastnachtsmorgen trug Katharina den Schleier auch im Haus, um wenigstens einen Teil ihres entstellten Gesichtes zu verbergen. Sie hob die Hand, um ihn zurechtzurücken, doch beim Anblick ihrer verletzten Schwester schlug sie unwillkürlich das Kreuzzeichen.

»Hella! Kind! Wach auf!« Helene beugte sich zu ihrer Tochter hinab und schüttelte sie leicht an der Schulter.

Hella reagierte nicht. Still lag sie da, die Augen geschlossen, als schliefe sie. Aus der Wunde an ihrer Stirn sickerte ein feiner Faden dunkelroten Bluts in das Kissen.

»Der Drachenkopf hat Hella getroffen«, stieß Agathe, die hinter ihrer Mutter in die Kammer getreten war, tonlos hervor. »Sie zerschlagen die Altäre im Münster!«

Sachte legte Helene die Hand auf Hellas Brust. Das Herz schlug. Kaum spürbar hob und senkte sich der Brustkorb. Hella lebte!

Wortlos verließ Helene die Kammer, um kurz darauf mit einer Kanne kalten Brunnenwassers zurückzukehren. Agathe sah, wie die Hand ihrer Mutter zitterte. Kaum vermochte sie, den Krug zu halten, während sie vorsichtig das Gesicht ihrer Tochter mit Wasser besprengte.

Angespannt beobachtete Agathe die Züge der Schwester und wartete auf eine Regung. »Hella, wach auf!«, flehte sie leise.

Wieder und wieder tauchte Helene die Hand in den Krug, doch es schien vergebens. Hella zeigte keinerlei Reaktion. Schließlich hielt sie mutlos inne.

Agathe indes mochte so schnell nicht aufgeben. Trotzig schob sie das Kinn vor. Hella musste aufwachen! Sie musste einfach! Beherzt nahm sie der Mutter den Krug aus der Hand und schüttete einen Schwall Wasser in das Gesicht der Schwester. Hella regte sich nicht.

Agathe schüttete mehr Wasser in Hellas Gesicht. Da! Jetzt vermeinte sie, ein leichtes Flirren der blassen Wimpern zu erkennen. In einem Schwung leerte Agathe den ganzen Inhalt des Kruges über den Kopf ihrer Schwester.

Hella schlug die Augen auf, um sie sogleich wieder zu schließen. »Mein Kopf!«, klagte sie. »Es ist so hell ...«

Mit einem Schluchzen der Erleichterung warf Agathe sich über die Schwester und schloss sie in die Arme, doch Hellas Stöhnen ließ sie zurückfahren.

Helene zog Agathe beiseite und ließ sich selbst auf der Kante des Bettes nieder. Zärtlich tupfte sie mit einem Zipfel des Lakens das Wasser von Hellas blassen Zügen. Das Blut aus der Wunde an Hellas Stirn färbte das Tuch rot.

Eiliges Poltern ertönte auf der Stiege, und einen Moment darauf schob Jos einen schlaksigen Burschen in die Kammer, der einen großen Holzkasten unter dem Arm trug. »Hier ist der Wundarzt«, stieß er schnaufend hervor.

»Merk, Hans Jacob«, nannte der junge Mann ein wenig atemlos seinen Namen und verbeugte sich linkisch. Er hatte lange Arme und Beine, und es schien, als hätte der übrige Körper es nicht vermocht, mit ihrem Wachstum Schritt zu halten.

Agathe bemerkte den prüfenden Blick, mit dem ihre Mutter ihn musterte. Merk war recht jung für einen Wundarzt. Gerade einmal zwanzig Jahre mochte er zählen, und es konnte nicht viel Zeit vergangen sein, seit er sein Meisterstück gemacht hatte. Dennoch bedeutete Helene dem Wundarzt mit einer Handbewegung, an das Bett ihrer Tochter zu treten.

Merk setzte den Holzkasten auf dem Boden ab und beugte sich über Hella. Behutsam schob er den Zopf des Mädchens beiseite und beschaute die Wunde an ihrer Stirn.

»Dürfte ich wohl um das Ei eines Huhns bitten?«, fragte er, den Blick schüchtern zu Boden gerichtet, beugte sich zu seinem Kasten hinab und begann, mit beiden Händen darin zu kramen.

Während Jos eilte, das Ei zu holen, beobachtete Agathe, wie Merk eine tönerne Schale aus dem Kasten hervorholte, ein paar Stoffstreifen, ein kleines verschlossenes Glasgefäß, einen hölzernen Spatel und etwas, das aussah wie ein Rührbesen, nur dass er viel kleiner war als der, welcher in der Küche des Streicherschen Hauses zum Einsatz kam.

Merk legte die Dinge auf dem Kasten neben der Bettstatt ab, nahm den Stopfen von dem Glas und schüttete vorsichtig ein wenig des erdfarbenen Pulvers in die Schale.

»Was ist das?«, fragte Agathe, die ihre Neugier nicht zu zügeln vermochte.

»Pscht!«

Es war Katharina, die Agathe zur Ordnung ermahnte, nicht die Mutter. Nach dem Tod ihres Mannes war Helene in tiefe Traurigkeit versunken, und einzig der Glaube vermochte ihr Trost zu spenden. Nach wie vor versorgte sie den Haushalt, doch den aufreibenden Anforderungen der Kindererziehung – Agathe war zu der Zeit zwei Jahre alt, Hella drei und Augustin fünf – war sie nicht gewachsen gewesen. Wie selbstverständlich hatte die damals elfjährige Katharina, von jeher ein ernstes und besonnenes Kind, diese Aufgabe übernommen.

Agathe bedachte die große Schwester mit einem unwilligen Blick. Der junge Wundarzt indes lächelte ihr schüchtern zu. »Das ist Galens Stopfpulver«, erklärte er. »Es schließt die Wunde.«

Kurz darauf kehrte Jos mit dem Ei zurück. Merk zerschlug es und ließ das Eiklar zu dem Pulver in die Schale gleiten. Dann griff er nach dem Rührgerät und begann, es mit dem Pulver aufzuschlagen, bis es schaumig und fest wurde.

Abermals kramte er in seinem Kasten und förderte einen zerknitterten Lappen zutage, auf dem Agathe unschwer die Flecken von bereits getrocknetem Blut erkennen konnte.

Nun endlich wandte Merk sich seiner jungen Patientin zu, und Agathe schlich noch näher heran, um besser sehen zu können.

Merk drehte Hellas Kopf, bis die Wunde nach oben wies. Nach einem kurzen Moment des Zögerns drückte er mit der rechten Hand den Lappen auf die Wunde und hielt ihn fest.

»Au!« Hella schrie auf.

Mit der Linken langte der Wundarzt nach der Schale mit dem verrührten Eiweiß. Er nahm das Tuch von der Wunde und ergriff den Spatel. Doch bereits, als er ihn in die Eiermasse tauchte, überschwemmte frisches Blut den Rand der Wunde, und er musste erneut den Lappen auf die Blutung pressen.

Agathe sah, wie der Blick des Wundarztes hilflos von dem Lappen zur Schale ging, von dort zum Spatel und zurück. Offensichtlich fehlte ihm eine dritte Hand, erkannte sie und streckte unversehens ihre eigene nach dem Lappen aus.

Merk nickte ihr dankbar zu. Rasch löste er seine Hand von dem Lappen und presste ihre darauf.

Erneut entfuhr Hella ein Schmerzenslaut, doch tapfer widerstand Agathe dem Drang, ihre Hand zurückzuziehen.

Mit der freien Rechten ergriff Merk nun den Spatel und häufte etwas von der Eiweißmasse darauf. »Jetzt zieh den Lappen weg«, wies er sie an, und Agathe tat wie geheißen. Sogleich trat wieder etwas frisches Blut aus der Wunde hervor, doch der Moment genügte Merk, die Masse auf die Wunde zu streichen.

Fast im selben Augenblick hörte die Wunde auf zu bluten, stellte Agathe beeindruckt fest und sah zu, wie der Arzt einen der Stoffstreifen auf der Wunde platzierte. Die übrigen wand er als Verband um den ganzen Kopf und steckte schließlich das Ende des letzten Streifens gewissenhaft fest.

Mit dem blutverschmierten Lappen wischte Merk den letzten Rest der Eimasse aus der Schale. Sodann räumte er seine Utensilien in den Kasten und hob ihn sich ungelenk auf die Schulter.

»Man wird dir in der Küche deinen Lohn auszahlen«, beschied ihm Helene.

Der Wundarzt verbeugte sich höflich und stakste, von Jos begleitet, aus der Kammer.

»Tut es sehr weh?«, fragte Agathe Hella voller Mitgefühl und wischte ihr mit dem feuchten Zipfel des Lakens die Spuren geronnenen Blutes aus dem Gesicht.

Hella wimmerte anstelle einer Antwort.

Agathe legte das Tuch beiseite und ergriff die Hand der Schwester. Prüfend blickte sie ihr in das Gesicht. Hella wirkte benommen, und ihr linkes Auge, das auf der Seite, auf welcher die Wunde war, kam Agathe merkwürdig vor. Die Pupille war größer als auf der rechten Seite. Bisher war es Agathe nie aufgefallen, dass Hella zwei verschieden große Augen hatte. Ob das von der Verletzung herrührte? »Nun wirst du bald wieder gesund«, flüsterte sie zärtlich.

Hella blieb bei Bewusstsein, doch die Kopfschmerzen wollten nicht weichen. Ihr war schwindelig, und sie konnte sich nur mit Mühe von ihrer Bettstatt erheben. Man verdunkelte das Fenster, und den Rest des Tages über wechselten sich Agathe und ihre große Schwester Katharina darin ab, Hella kühlende Tücher auf das Haupt zu legen.

Bis spät in die Nacht hinein saß Agathe an Hellas Bett, und erst als ihr die gleichmäßigen Atemzüge der Schwester verrieten, dass Hella eingeschlafen war, begab sie sich selbst zu Bett.

Am darauffolgenden Tag waren Hellas Schmerzen noch ärger. Agathe mochte nicht von ihrer Seite weichen, und obschon sie den Unterricht liebte, war sie am Morgen nur mit Mühe dazu zu bewegen, in die Schule zu gehen.

Als sie nach dem Unterricht endlich in die Kammer stürzte, die sie mit Hella teilte, fand sie Katharina auf den Knien betend am Bett ihrer Schwester.

Das allein war kein Grund zur Sorge, denn Katharina pflegte ständig zu beten. Und wenn sie nicht betete, dann las sie in dem kostbaren Septembertestament, das Onkel Hieronymus, der Bruder ihres verstorbenen Vaters, ihnen mitgebracht hatte. Eineinhalb Gulden hatte er dafür bezahlt, und es war Agathe strengstens untersagt, es anzufassen.

Doch Hella lag da wie tot. Bleich, bewegungslos und mit geschlossenen Lidern.

Agathe stockte der Atem, und Tränen stiegen ihr in die Augen. »Ist sie ...« Ihre Stimme brach, und ein mächtiger Kloß in ihrer Kehle hinderte sie daran, weiterzusprechen.

Katharina unterbrach ihr Gebet, schüttelte den Kopf und richtete sich auf. Hella war nicht tot, doch sie hatte erneut das Bewusstsein verloren. Eine gnädige Ohnmacht hatte sie von ihren Schmerzen befreit.

»Mutter hat Jos schon zu Doktor Stammler geschickt«, flüsterte die Zwanzigjährige und griff nach dem feuchten Tuch, das von Hellas Stirn gerutscht war.

Noch während sie den Lappen in eine Schüssel kalten Wassers tauchte, öffnete sich die Tür, und selbstbewussten Schrittes trat ein Mann in die Kammer, gefolgt von Helene, Jos und ihrem Bruder Augustin.

Das war nicht Doktor Stammler, stellte Agathe fest und krauste die Stirn. Sie mochte Doktor Stammler. Und das nicht nur, weil er einmal für sie ein Stück Süßholz aus der leeren Hand hervorgezaubert hatte. Heute wusste sie, dass es ein Trick gewesen war, doch das nahm sie Stammler nicht übel. Im Gegenteil. Er hatte ihr eine Freude machen wollen, damals, als das mit Katharina passiert war, und sie bewunderte den Arzt dafür umso mehr. Wie klug und wissend musste er sein, dass er vermochte, Kranke zu heilen und den Menschen ihr Leben zu retten.

Doktor Stammler sei zu einem anderen Patienten gerufen worden, deshalb habe man ihn weiter zu Doktor Neiffer geschickt, erklärte Jos halblaut seiner Dienstherrin und zuckte bedauernd die massigen Schultern.

Dieser Doktor Neiffer war also auch Arzt, verstand Agathe. Ein richtiger studierter Arzt wie Doktor Stammler, obwohl er außer dem Alter – beide mochten um die vierzig Jahre zählen – wenig mit dem gemütlichen, ein wenig zur Korpulenz neigenden Stammler gemein zu haben schien.

Eingehend musterte sie die elegante Erscheinung des Arztes, dessen dunkle Schaube trotz der sommerlichen Hitze ein Kragen aus fuchsfarbenem Fell zierte. Er war schlank und hochgewachsen, und seine Züge wurden gerahmt von dunklen, sorgfältig gelegten Locken. Dass man ihn nur für die zweite Wahl gehalten hatte, quittierte er mit einem herablassenden Heben der Brauen.

Katharina beeilte sich, ihm an Hellas Bettstatt Platz zu machen, doch Agathe blieb ungerührt am Kopfende stehen. Neiffer presste die Lippen zusammen und machte eine lässige Handbewegung in ihre Richtung, gerade so, als verscheuche er eine Fliege. Agathe ignorierte den stummen Befehl. Trotzig schlang sie die Hände fest um einen der hölzernen Bettpfosten.

Ein hochmütiger Zug legte sich um die Lippen des Doktors, und er schüttelte missbilligend den Kopf, bevor er sich endlich seiner Patientin zuwandte. Prüfend heftete er seinen Blick auf den Verband, den der Wundarzt Hella angelegt hatte.

Agathe hätte gern gewusst, ob die Wunde schon dabei war, zu verheilen. Gespannt rückte sie noch ein Stück näher heran. Doch wenn sie erwartet hatte, dass Neiffer die Verbände öffnen und Hellas Stirnwunde betrachten würde, so wurde sie enttäuscht. Der Doktor nickte nur kurz zur Bestätigung, dass es mit dem Verband seine Richtigkeit hätte.

»Wieso nimmt er den Verband nicht ab?«, fragte Agathe leise ihren Bruder, der Neiffer voller Bewunderung anstarrte.

»Das ist Sache des Wundarztes«, flüsterte dieser zurück, und sein geringschätziger Tonfall ließ deutlich erkennen, was er von diesem Berufsstand hielt.

»Aber wie kann er ...«

»Sei still!«, befahl der Vierzehnjährige und legte unwillig den Finger auf die Lippen.

Hella war noch immer bewusstlos und ließ die Untersuchung über sich ergehen, ohne eine Reaktion zu zeigen. Doch die dauerte nicht lange. Während Agathes wacher Blick jeder seiner Bewegungen folgte, klopfte der Doktor einmal hier, ein anderes Mal drückte er dort. Bereits nach wenigen Augenblicken richtete er sich auf, verschränkte wichtig die Hände hinter dem Rücken und nickte wissend.

Die Blicke aller hefteten sich gespannt auf sein Gesicht, als er tief Luft holte und die Brust vorreckte. »Der Schlag gegen den Schädel hat das Gleichgewicht der Säfte in ihrem Innern durcheinandergebracht und ihr Blut träge werden lassen«, erklärte Neiffer mit sonorer Stimme und blickte unverwandt über die Anwesenden hinweg. »Bringt mir morgen den ersten Urin des Mädchens!«

»Ich glaube, ich werde auch ein Doktor der Medizin«, flüsterte Augustin Agathe leise zu. »Als Arzt bist du ein angesehener Mann und verdienst viel Geld. Krank werden die Menschen immer.«

»Ich werde auch Arzt, wenn ich groß bin!«, wisperte Agathe zurück.

»Du kannst nicht Arzt werden, du bist ein Mädchen!«, widersprach Augustin spöttisch.

»Kann ich wohl!«, entgegnete Agathe und streckte dem Bruder die Zunge heraus.

Der Doktor hatte derweil einen handgroßen Bogen Papier hervorgezogen. Schwungvoll schrieb er einige Wörter nieder und reichte Jos das Rezept. »Am besten, du gehst damit in die Apotheke in der Krongasse. Meister Goll versteht sich darauf, die Medizin so zuzubereiten, wie ich es erwarte.«

Agathe sah, wie die Mutter ein paar Münzen aus dem Beutel an ihrem Gürtel nestelte und dem Doktor reichte. Es waren auch größere darunter. Mit einem gnädigen Nicken nahm Neiffer sie entgegen und verließ ohne ein weiteres Wort die Kammer.

Agathe war hin- und hergerissen. Einerseits widerstrebte es ihr, die Schwester allein zu lassen, andererseits war die Aussicht, Jos zur Apotheke zu begleiten, gar zu verlockend. Agathe liebte den süßlich-herben Duft der Kräuter, und obwohl ihr wegen der seltsamen Dinge, mit denen in der Apotheke gehandelt wurde, immer ein wenig unheimlich zumute war, übten die unzähligen Gläser, Flaschen und Schachteln mit geheimnisvollem Inhalt, die sich auf den Regalen türmten, einen magischen Reiz auf sie aus.

Katharina ließ sich neben Hellas Bett auf den Boden sinken, um ihre Gebete wieder aufzunehmen. Hella wäre nicht allein, und ohnehin würde ihre Besorgung nicht lang dauern, dachte Agathe. Mit fliegenden Zöpfen rannte sie hinter Jos her, der sich gerade anschickte, das Haus zu verlassen.

Zu ihrer Überraschung hielt Jos sich am Ende der Sattlergasse rechts und überquerte den Holzmarkt. »Zur Kronengasse geht es dort entlang«, sagte sie und wies mit ausgestrecktem Finger in die andere Richtung.

Jos schnaubte durch seine großen Nasenlöcher. »Wir kaufen immer bei Meister Heubler!«, sagte er mit Nachdruck und steuerte geradewegs auf die Apotheke bei der Barfüßerkirche zu. »Mein Vater hat schon in der Mohren-Apotheke die Medizin für deinen Vater besorgt. Und für deinen Großvater – Gott habe sie allesamt selig.«

Als Agathe die Tür zur Offizin des Apothekers öffnete, sog sie tief den schweren Duft ein, der ihr entgegenschlug. Wie jedes Mal warf sie einen unbehaglichen Blick zu der hohen Decke des Raumes hinauf, wo an zwei dünnen Seilen der schuppige Körper eines ausgestopften Reptils hing, direkt über dem Rezepturtisch, auf den Jos nun das Rezept des Doktors legte.

Meister Heubler trat aus seinem Laboratorium. Er war ein schmächtiger Mann mit schütterem Haarwuchs, und obschon noch jung an Jahren, hatte er die gebeugte Gestalt eines alten Mannes. Es mochte daran liegen, dass er seine junge Frau mitsamt seinem Sohn in ihrem ersten Kindbett verloren hatte, kurz nachdem er von seinem Schwiegervater Kaspar Kettner die Apotheke übernommen hatte. Es hieß, er habe sie sehr geliebt, was nicht verwunderlich war, denn sie musste eine außergewöhnliche Schönheit gewesen sein, und der Gram darüber, dass all seine Medizin es nicht vermocht hatte, Maria zu retten, habe ihn beinahe um den Verstand gebracht.

»Womit kann ich dienen?«, fragte Meister Heubler mechanisch anstelle einer Begrüßung. Doch er erwartete keine Antwort. »Es ist für Hella, nicht wahr? Ich habe schon von dem Unglück gehört«, fuhr er fort.

Jos nickte, während Heubler das Rezept zur Hand nahm. Der Apotheker blinzelte und hielt es dann weit von sich, um die Worte darauf entziffern zu können. »Pulver Contra Cafum?«, murmelte er erstaunt. »Hm.« In seiner Stimme schwang Verwunderung mit. »Na, der Doktor wird es wissen! Dann Zitronensirup, Sauerampfersirup. Und was heißt das? Ich bin nicht an die Schrift von Doktor Neiffer gewöhnt. Der schickt sie alle in die Krongasse ... Ach ja, Mixtur mit Bibernellwasser soll das heißen.« Heubler nickte bedächtig, dann verschwand er durch eine schmale Tür in sein Laboratorium.

Agathes neugieriger Blick glitt von dem massigen, mit geschnitztem Rankwerk verzierten Rezepturtisch in der Mitte des Raumes, auf dem neben der unverzichtbaren Waage ein steinerner Mörser stand, hin zu den Repositorien, jenen schweren Regalen, welche die gesamte rückseitige Wand der Offizin bedeckten. Während sich im unteren Teil größere Fächer befanden, die sperrige Arzneipflanzen oder solche, die der Apotheker in größeren Mengen vorhielt, beherbergten, stapelten sich auf den oberen Regalböden allerlei Töpfe, Krüge, Kannen und Albarelli. Nur wenige der Gefäße trugen eine Aufschrift, und Agathe wunderte sich, wie Meister Heubler sie alle auseinanderhalten konnte.

Ganz oben, vom Boden aus ohne eine Leiter kaum zu erreichen, fristeten einige hölzerne Behältnisse mit verblichenen Etiketten ihr staubiges Dasein. Ein Teil des Regals war mit einem geschmiedeten Gitter gesichert, und Agathe fragte sich gerade, ob es außerordentlich kostbare oder besonders gefährliche Arzneien waren, die Heubler dort sicher verwahrte, als der Apotheker in den Verkaufsraum zurückkehrte.

Noch im Gehen verschloss er eine kleine bauchige Flasche mit einem Stopfen und reichte sie Jos. »So, alles drin, wie der Doktor es verordnet hat«, sagte er und wischte sich die Hände an seinem dunklen Kittel ab. »Da kann man jetzt nur Gutes wünschen.«

Zurückgekehrt ins Streichersche Haus, gelang es der Mutter mit Hilfe von Jos, Hella aufzurichten und gerade so weit zu sich zu bringen, dass Agathe ihr die dickflüssige Medizin verabreichen konnte. Gehorsam schluckte Hella den Sirup, doch bereits im nächsten Augenblick sank sie zurück in ihr Dämmern.

Agathe ließ sich auf der Bettkante nieder und griff nach der Hand der Schwester. Sie hoffte inständig, dass die Medizin wirken und Hella heilen würde, denn wenn nicht ... Agathe getraute sich nicht, den Gedanken zu Ende zu denken.

Hella war wie ein Teil von ihr. Die Mädchen waren fast gleich alt und hatten miteinander gespielt, seit sie kleine Kinder waren. Wenn Jos sich eine von ihnen im Spaß auf seine breiten Schultern gesetzt hatte, um wiehernd wie ein Pferd durch die Stube zu traben, hatte die andere lautstark gefordert, dass er sie als Nächste reiten lassen sollte.

Das knappe Jahr, das sie trennte, fiel nicht ins Gewicht. Vielmehr war es so, dass eher Agathe sich für Hella verantwortlich fühlte als umgekehrt, obschon sie die Jüngere der Schwestern war.

Alles hatten sie gemeinsam unternommen. Agathe schluckte trocken. Sie konnte und wollte sich das Leben ohne Hella nicht vorstellen. Der Unfall war einzig ihre Schuld, dachte sie bitter. Hätte sie Hella nicht gedrängt, in das Münster zurückzukehren, dann läge sie jetzt nicht hier, sondern wäre gesund und munter. Dann wäre das alles nicht geschehen.

Verzweifelt drückte Agathe die Hand der Schwester. Doch sie nahm keinerlei Gegendruck wahr. Hella hatte das Bewusstsein nicht wiedererlangt. Agathe biss sich auf die Unterlippe, um die Angst zu vertreiben, die sie zu überwältigen drohte. Hella durfte nicht sterben!

Es würde schon alles gut werden. Die Medizin von Doktor Neiffer würde helfen, und bald schon wäre die Schwester wieder auf den Beinen und würde mit ihr zur Schule gehen, als sei nichts geschehen.

So verrann für Agathe der Nachmittag zwischen Hoffen und Bangen, und mit ihm der Abend. Agathe wurde müde, und sie spürte, wie ihr die Augen zufielen. Verzweifelt kämpfte sie gegen den Schlaf an. Das beängstigende Gefühl, dass, wenn sie einnickte, Hella sie verlassen würde, hatte von ihr Besitz ergriffen.

Irgendwann in der Nacht musste sie dennoch eingeschlafen sein, denn plötzlich fuhr sie auf und wusste zunächst nicht, wo sie war und was sie geweckt hatte. Hellas durchdringendes Stöhnen brachte sie schnell zu sich. Der Körper der Schwester krampfte sich unter Schmerzen zusammen. Agathe sprang auf und rief laut um Hilfe.

Schlaftrunken eilten Katharina und Augustin in ihren Nachtgewändern herbei. Nur die Mutter war vollständig angekleidet; vor Sorge um die Tochter hatte Helene es nicht vermocht, sich zu Bett zu begeben, und war unruhig durch das Haus gewandert.

Hellas Stöhnen wurde lauter. Sie ballte die schmalen Hände zu Fäusten, zog die Beine dicht an den Körper, und ihr Gesicht verzerrte sich in schrecklichem Schmerz, die Augen weit aufgerissen. Helene und die Geschwister mussten hilflos mit ansehen, wie Hella mit dem Tod rang.

Doch es währte nicht lang. Ein letztes Mal bäumte Hella sich auf, dann entspannte sich plötzlich der Körper der Schwester. Mit geöffnetem Mund sank ihr Kopf in die Kissen zurück und fiel zur Seite.

Ein ersticktes Schluchzen entfuhr Helene, und sie schlang die Arme um Hellas Schultern. Tränen liefen ihr über das Gesicht und tropften auf das Nachthemd ihrer Tochter.

Agathe machte einen Schritt auf die Mutter zu, doch Katharina fasste sie am Arm und schob die Geschwister aus der Stube, um die Mutter mit Hella allein zu lassen. »Seit Vaters Tod habe ich sie nicht mehr weinen sehen«, sagte sie mit spröder Stimme. Ihre Lippe zitterte, und auch sie konnte die Tränen nicht zurückhalten.

Agathe war wie betäubt. Ihr Verstand weigerte sich, die traurige Wahrheit zu begreifen, dass Hella tatsächlich gestorben war. Es konnte nicht sein! Der Doktor hatte Hella doch eine Medizin gegeben. Sie hätte gesund werden müssen.

Die Hilflosigkeit in ihr, die Ohnmacht, mit der sie das Sterben der Schwester hatte mit ansehen müssen, wandelte sich in Zorn. Einen Zorn, der sich gegen den Arzt richtete. »Warum hat er sie nicht gesund gemacht!«, stieß sie wütend hervor.

»Versündige dich nicht, Agathe«, mahnte Katharina. »Wenn es Gott gefällt, Hella zu sich zu rufen, so ist es nicht an uns, an seinem Ratschluss zu zweifeln«, sagte sie ergeben.

»Ich glaube wirklich, ich werde Arzt«, sagte Augustin voller Bitterkeit. »Du kriegst dein verdammtes Geld, ganz gleich, ob du den Kranken heilen kannst oder nicht. Und wenn der Patient stirbt, ist es Gottes Wille.« Er wandte sich ab, damit die Schwestern nicht sahen, wie er eine Träne aus dem Augenwinkel wischte.

Es waren diese ernüchternden Worte ihres Bruders, die Agathe wirklich bewusst werden ließen, was geschehen war. »Hella!«, schluchzte sie auf und warf sich in die Arme der großen Schwester. »Hella!«

2. Kapitel

Ein kalter Herbstwind fuhr durch die Sattlergasse und bauschte die Röcke unter Agathes Umhang. Die Menschen, die ihr entgegenkamen, schienen es eilig zu haben, ins Warme zu gelangen. Ungestüm hastete eine junge Magd an Agathe vorbei und stieß ihr mit dem ausladenden Weidenkorb, den sie über dem Arm trug, beinahe das Bündel mit ihrem Stickzeug aus der Hand.

Agathe packte das Bündel fester und zog mit der freien Hand ihren Umhang enger zusammen. Sie hatte es nicht eilig, zu Walburga zu kommen, auch wenn die Base vermutlich schon auf sie wartete. Walburga Rockenburger war die jüngste Tochter von Mutters Bruder.

Für das Sticken hatte Agathe sich noch nie erwärmen können. Zwar hatte sie Freude an den bunten Garnen, doch die Gleichförmigkeit der Handarbeit langweilte sie entsetzlich. Noch langweiliger, als gemeinsam mit Walburga zu handarbeiten, war es jedoch, zu Hause zu sticken. Denn dort war sie zusätzlich gezwungen, dabei den salbungsvollen Ergüssen zu lauschen, die ihre Schwester Katharina über ihrem Studium der Heiligen Schrift von sich gab.

Das, worüber Walburga plapperte, war sicher nicht so erbaulich wie die Lehren der Schrift, doch es war weit amüsanter. Denn die Base wusste stets, worüber man in der Stadt sprach: welcher adlige Jüngling welcher Maid die Ehe versprochen hatte, welcher Frau gerade ein Kind geboren worden war, wer siech darniederlag und wen der Herrgott zu sich gerufen hatte oder es in den nächsten Tagen tun würde.

Überdies besaß Walburga die Gabe, mit einer Lebhaftigkeit über all diese Dinge zu berichten, dass Agathe vermeinte, die Menschen leibhaftig vor sich zu sehen, und das, während die Nadel der Base ohne Unterlass durch das Gewebe des Sticktuches glitt und makellose Blumen und Ranken darauf zeichnete.

Kurz vor dem Weinhof versperrte ein breites Fuhrwerk die Gasse und zwang die Passanten, stehen zu bleiben. Unter Schnaufen und Keuchen waren zwei Männer zugange, einen großen Holzbottich von der Ladefläche des Fuhrwerks herunterzuhieven. Ein Dritter, ein glatt rasierter Mann in mittleren Jahren mit tief liegenden Augen und augenscheinlich der Eigentümer des Bottichs, sprang fuchtelnd um sie herum und rief ihnen aus sicherer Entfernung beredte Anweisungen zu. Tiefe Furchen umrahmten seinen auffallend kleinen Mund, und bei jeder Bewegung umflatterte ihn sein dunkler Mantel.

Ein spitzer Ellbogen bohrte sich Agathe unsanft in die Seite. Er gehörte zu einem hageren Mann, der sich, die Umstehenden rüde beiseiteschiebend, zu dem Fuhrwerk vordrängte. Die Fäuste voller Empörung in die Hüften gestemmt, baute er sich vor dem Besitzer des Bottichs auf. »Sebastian Franck! Wie könnt Ihr es wagen, in meine Stadt zu kommen!«, giftete er.

Der Besitzer des Bottichs fuhr herum, dass ihm die schulterlangen Locken um die hohe Stirn flogen. »Sieh an! Martinus Frecht, der Ulmische Apostel!«, sagte er, als er den Hageren erkannte. »Kein Glück ist ungetrübt, keine Rose ohne Dorn!«

Spöttisch fixierte er sein Gegenüber. »Ich wusste gar nicht, dass Ihr Herr von Ulm seid. Ich dachte, Ihr wärt Prediger im Münster. Der Rat muss gar dringlich einen Nachfolger für Sam gesucht haben, dass er Euch gleich die ganze Stadt dafür bot!«

»Papperlapapp! Was habt Ihr hier zu suchen?« Barsch schnitt Frecht ihm das Wort ab.

»Handwerk hat güldenen Boden. Ich bin Seifensieder«, sagte Franck gedehnt, legte die Handflächen aneinander und bedachte Frecht mit einem maliziösen Lächeln. »Die Ulmischen Frauen sind sehr reinlich. Sie kaufen mehr Seife als die in Esslingen.«

»Seifensieder! Pah! Dass ich nicht lache! Ihr seid hier, um Eure ketzerischen Ansichten zu verbreiten!«, geiferte Frecht, das spitze Kinn angriffslustig vorgereckt. »Aber ich schwöre Euch: Solange ich hier Lektor der Schrift bin, wird Euch das nicht gelingen!«

»Lasst Euch Schuhe anpassen, die Euren Füßen gerecht sind. Mich deucht, die von Sam sind deutlich zu groß für Euch«, spottete Franck. »Ihr solltet gehen und ungebildeten Priestern das Lesen und Schreiben beibringen, aber nicht studierten Männern vorschreiben, was sie zu glauben haben!«

Ob dieser Beleidigung sog der Prediger scharf die Luft ein und machte drohend einen Schritt auf den Seifensieder zu. Lauernd umkreisten sie einander wie zwei dunkle Kornkrähen. Die Umstehenden rückten näher, um kein Wort des Disputes zu verpassen.

Heiser vor Erregung und mit ausgestrecktem Arm auf Francks Brust weisend, stieß Frecht hervor: »Wenn Ihr es wagt, hier Euer böses Gedankengut zu säen, werdet Ihr in Ulm nicht lange ein Auskommen haben!«

»Nichts ist bös, solange man es gut verstehen will!«, gab der Seifensieder zurück.

»Seid versichert, dass ich dafür sorgen werde, dass Ihr aus der Stadt gejagt werdet. So wie in Straßburg. Es bedarf nur eines klagenden Wortes von mir an den Rat ...«

»... der mir bereits das Bürgerrecht gewährt hat«, vollendete Franck den Satz des Predigers.

Offenen Mundes, seinen Blick hasserfüllt in den des Seifensieders gebohrt, stand Frecht für einen Moment wortlos da, unfähig, darauf eine Antwort zu geben.

»Das wird Euch noch leidtun!«, zischte er schließlich. In dem Versuch, ein wenig seiner Würde zurückzuerlangen, raffte er die Kanten seiner schwarzen Schaube zusammen und rauschte zutiefst beleidigt davon.

Unwillkürlich wollte Agathe Hella mit dem Ellbogen anstoßen. Mitten in der Bewegung hielt sie jedoch inne. Bald zweieinhalb Jahre waren seit dem Tod der Schwester vergangen, und die Erinnerung an Hella begann zu verblassen, doch immer noch hatte Agathe ab und an das Gefühl, die Schwester stünde neben ihr. Manchmal vermeinte sie sogar, deren Stimme zu hören.

Durch die heftige Bewegung glitt ihr das Stickzeug aus der Hand und rollte auf das Fuhrwerk zu, wo es zu Füßen eines schmächtigen Mannes mit dürrem Bart zu liegen kam. Der Mann beugte sich ungelenk hinab, griff danach und hob es auf. Suchend wandte er den Kopf nach demjenigen, dem es gehören mochte.

In dem Moment ließ ein scharfer Knall die Passanten, die mit Neugier dem Disput gelauscht hatten, zurückfahren. Das Seil, das den schweren Bottich hielt, war geborsten.

»Herrgottsakra!«, fluchte einer der Fuhrwerker, als der Bottich ins Rutschen geriet.

Immer noch hielt der schmächtige Mann Agathes Bündel in den Händen, den Kopf suchend abgewandt.

Mit dumpfem Krachen schlug der Bottich auf das Pflaster. Ein Schrei gellte durch die Gasse, durchdringend und schmerzvoll, und Agathes Bündel fiel erneut in den Schmutz. Abrupt verklang das Schreien, und der Schmächtige sank totengleich zu Boden.

Agathe presste entsetzt die Hand auf den Mund, und die Umstehenden standen starr vor Schreck. Der Mann bot einen schlimmen Anblick: Sein Gesicht hatte alle Farbe verloren, sein rechtes Bein war unnatürlich verdreht, der Fuß unter dem schweren Bottich eingeklemmt.

»Ihr Säckel!«, brüllte der Seifensieder die Fuhrleute an. »Seid ihr festgewachsen? Nun hebt gefälligst den Bottich von dem Mann runter!«

Sofort sprang einer der Beschimpften herbei. Mit dem ganzen Gewicht seines Körpers lehnte er sich gegen den oberen Rand des Bottichs, und es gelang ihm, diesen gerade so weit anzuheben, dass sein Kamerad den Fuß des Schmächtigen darunter hervorziehen konnte.

Dem Verletzten entfuhr ein Stöhnen, doch er blieb ohne Bewusstsein. Dort, wo sich zuvor seine Zehen befunden hatten, war nunmehr ein einziger blutiger Klumpen.

»Kennt einer den Mann?«, fragte der Seifensieder betroffen in die Runde.

»Gruber. Messner von Sankt Michael«, ließ sich eine dürre Alte vernehmen, die das grausige Geschehen aus nächster Nähe mit angesehen hatte.

»Er ist Schneider, oder?«, meldete sich eine andere Frau zu Wort.

Die Alte nickte knapp. »Verdient mit Nähen sein Brot. Bekommt ja jetzt kein Geld mehr fürs Glockenleuten.«

»Wo wohnt er? Hat er eine Familie?«, erkundigte sich der Seifensieder.

Die Alte schüttelte den Kopf. »Wohnt allein da oben. Im alten Messnerhaus. Oben auf dem Michelsberg.«

»Seine Frau ist ihm davongelaufen. Sie hatte wohl Angst, bei ihm zu verhungern.« Die andere Frau zeigte sich gesprächiger.

»Und was machen wir jetzt mit ihm?« Sebastian Franck war sichtlich erschüttert.

»Klause bei der Eich?«, schlug die Alte vor.

»Wie bitte?«

»Am besten, Ihr bringt ihn in das Seelhaus der Regelschwestern beim Hirschbad!«, erklärte die Gesprächige. »Es ist zwar offiziell geschlossen worden, wie die anderen Klöster auch, aber es wohnen immer noch ein paar alte Beginen dort und pflegen Kranke.«

Franck nickte. »Heda, ihr zwei!«, rief er den Fuhrwerkern zu, die sich unter das weit in die Gasse vorkragende Obergeschoss des Seifensiederhauses verzogen hatten. »Für diesen Tag habt ihr genug Leid angerichtet! Nun schafft endlich den Bottich in die Werkstatt, und dann bringt ihr den Unglücklichen hier ins Seelhaus beim Hirschbad!« Aus der abgeschabten Börse, die er unter seiner Schaube am Gürtel trug, nestelte er zwei Kreuzer und reichte sie dem Älteren der beiden.

Umständlich hoben die Männer den Bottich an und wuchteten ihn ächzend durch das Tor, das in der Außenwand des schmalen Hauses gähnte.

Agathe bückte sich und hob ihr Bündel vom Boden auf. Bedrückt klopfte sie den Staub ab, den Blick immer noch auf den bewusstlosen Messner geheftet. Der Mann tat ihr furchtbar leid, sicher hatte er schlimme Schmerzen. Sie fühlte sich mitschuldig an dem Unfall. Der Bottich war zwar nicht aus ihren Händen gerutscht, doch es war ihr Bündel gewesen, das den Mann abgelenkt hatte, so dass er die Gefahr nicht hatte kommen sehen. Wenn sie es nicht hätte fallen lassen ...

Als die Fuhrleute wieder durch das Tor traten, stand Agathe immer noch neben dem Verletzten, das Stickbündel fest an sich gepresst. Zu gern hätte sie dem Mann geholfen, doch sie wusste beim besten Willen nicht, wie sie das anstellen sollte.

Umständlicher als nötig wischten sich die Männer den Schweiß von der Stirn, dann hoben sie den reglosen Körper des Messners auf ihren Karren. Der Seifensieder reichte ihnen Grubers blutverschmierte Holzpantine. Kurz legte er seine Hand auf des Messners Stirn. »Gott stehe dir bei, guter Mann«, murmelte er.

Das Fuhrwerk setzte sich rumpelnd in Bewegung, und unwillkürlich folgte Agathe ihm mit zwei Schritten Abstand. Wenn sie dem Messner schon nicht helfen konnte, so wollte sie doch sehen, wie es ihm in der Klause bei der Eich erginge und ob die Beginen gut für ihn sorgen würden.

Über den Holzmarkt führte sie ihr Weg, am Kirchle vorbei, dann die Hirschgasse entlang. Bei der alten Eiche, kurz vor der Steinernen Brücke, die über die Blau führte, hielt der Wagen an. Die Männer sprangen vom Bock und klopften an ein Tor, dessen grüner Anstrich dringlich der Erneuerung bedurfte.

Und nicht nur das Tor, stellte Agathe fest. Das ganze Anwesen, obschon es von ansehnlicher Größe war, machte einen baufälligen Eindruck. In großen Stücken hatte sich der Putz von der Außenwand des Hauses gelöst, die hölzernen Klappläden vor den Fenstern saßen schief in ihren Angeln, und auf dem Dach fehlte eine gute Anzahl Schindeln.

Es verging eine geraume Weile, dann näherten sich schlurfende Schritte. In dem großen Hoftor öffnete sich eine Schlupftür, und eine Frau von unbestimmbarem Alter, groß und kräftig wie ein Gaul, erschien im Türrahmen. Anders als die adretten Schwestern im Heiliggeist-Spital, deren schwarzer Habit ein blaues Kreuz auf rotem Grund zierte, war sie in ein unförmig weites Gewand aus stabilem, abgetragenem Barchent gehüllt, über das sie eine fleckige Schürze gebunden hatte.

Eine riesige, mit schwarzen Haaren bewachsene Warze verunzierte ihre Wange, und als wären das der Unansehnlichkeiten nicht genug, schien der Schwester zudem der Hals zu fehlen und ihr Kopf mit der eng gebundenen weißen Haube direkt auf den breiten Schultern zu sitzen.

Die Fuhrleute hoben den Messner vom Wagen, und als sie, den noch immer Bewusstlosen zwischen sich tragend, der Begine folgten, trat Agathe mit größter Selbstverständlichkeit hinter ihnen in den Hof und von dort durch einen engen Flur in einen großen, düsteren Saal.

Abgestandener, süßlicher Gestank schlug ihnen entgegen, und in Agathe stieg Ekel auf. Hastig presste sie einen Zipfel ihres Mantels vor ihre Nase, und im ersten Moment wollte sie sich vor dem Gestank ins Freie flüchten, doch etwas hielt sie zurück, zwang sie, weiter in den Raum hineinzugehen.

Der Saal erstreckte sich auf der ganzen Breite des Hauses und maß vielleicht acht Schritt im Geviert. Seine beklemmend niedrige Decke wurde in Abständen von schmucklosen Pfeilern gestützt. Dicht gedrängt, nur wenige Handbreit voneinander entfernt, standen Pritschen darin, kaum dass man zwischen ihnen hindurchgehen konnte.

Eine knöcheltiefe Schicht aus Stroh, die dringend des Wechsels bedurfte, bedeckte die abgetretenen Bodendielen. Blut und Exkremente hatten sie an manchen Stellen bereits zu einer dunklen Masse zusammengeklebt.

Durch die kleinen Fenster fiel nur wenig Licht in den Raum, und im Halbdunkel erkannte Agathe erst jetzt, dass auf den meisten der Pritschen Sieche lagen.

»Legt ihn dorthin!« Die Begine wies auf eines der schmalen Bettgestelle gleich neben der Tür. Es war mit einer dünnen Lage Stroh gepolstert, über das man ein zerschlissenes Laken ausgebreitet hatte.

Die Fuhrleute taten, wie ihnen geheißen, doch sobald sie sich ihrer ohnmächtigen Last entledigt hatten, konnten sie diesen Ort des Elends nicht schnell genug verlassen.

Agathe dagegen blieb neben der Pritsche des Messners stehen, ihr staubiges Stickbündel immer noch in Händen haltend, und starrte auf den Fuß des Messners, der über das Ende der kurzen Bettstatt hinausragte. Frisches Blut tropfte von dem durchweichten Strumpf ins Stroh, wo es zwischen den Halmen versickerte.

Die große Begine trat herbei und schüttelte den Messner an der Schulter. Dieser regte sich nicht. Die Schwester rüttelte fester, doch weiterhin ohne Erfolg. Selbst als sie ihm mit der flachen Hand auf die Wangen schlug, blieben seine Augen geschlossen. Zu tief war die Ohnmacht, die ihn gefangen hielt.

Missgestimmt baute sich die Frau neben Agathe auf und stemmte ihre geröteten Hände in die Hüften.

»Verschwinde!«, knurrte sie mürrisch, ohne die Lippen zu bewegen. Furchen zogen sich von ihren Mundwinkeln bis zum Kinn hinab. »Das ist hier keine Volksbelustigung!«

Trotzig schob Agathe das Kinn vor. »Ich bin seine Tochter!«, behauptete sie und blickte der Frau fest in die Augen.

»Seine Tochter!«, wiederholte die Schwester gedehnt und musterte Agathe unter schweren Lidern hervor. Ihr Blick glitt von Agathes sorgfältig gescheiteltem Blondhaar hinab zu ihren gut genähten, ledernen Schuhen. Ihre Augenbrauen hoben sich zum Rand ihrer Haube.

»Nun dann: Tochter!«, sagte sie. »Du kannst dich gleich nützlich machen. Hol Wasser im Fluss! Auf dem Hof in der Ecke rechts neben dem Tor findest du einen Eimer.«

Aus dem hinteren Teil des Raumes drang ein röchelndes Stöhnen, das Agathe erschaudern ließ. Ohne ein weiteres Wort wandte sich die Begine ab und eilte in die Richtung, aus der das Stöhnen kam.

Agathe trat in den Hof und legte ihr Stickbündel beiseite. In bezeichneter Ecke fand sie den Eimer und eilte damit die wenigen Schritte zur Blau hinunter. Sie füllte ihn und schleppte ihn wie verlangt zur Bettstatt des Messners.

Die Begine nahm ihr den schweren Eimer aus der Hand, als wiege er nichts, und schüttete dem Messner bald die Hälfte des Wassers über das Haupt. Mit einem gellenden Schrei fuhr der Mann auf, und Agathe wich erschrocken zurück. Doch das Schreien währte nicht lange. Bereits wenige Wimpernschläge darauf versank der Gepeinigte wieder in der gnädigen Schwärze seiner Ohnmacht. Schlaff sackte sein Körper zurück auf die Pritsche.

»Ist wohl besser so«, murmelte die Begine. Sie schob den abgewetzten Beinling des Messners bis über das Knie hinauf und fasste den oberen Rand seines von Motten zerfressenen Strumpfes. Gebannt beobachtete Agathe, wie sie ihn mit sicherem Griff über den Schenkel hinab und über den Fuß zog.

Dann jedoch verhakte sich die grobe Wolle des Strumpfes in den gesplitterten Knochen der Zehen, und Agathe schauderte. Dennoch vermochte sie es nicht, den Blick abzuwenden.

Ungerührt fasste die Schwester in den blutigen Knäuel aus Haut und Knochen. Masche für Masche löste sie die Wollfäden von den Splittern, bis sie den Strumpf befreit hatte, und warf ihn achtlos zu dem anderen Unrat auf den Boden.

Agathe schaute dem Messner forschend in das wachsbleiche Gesicht. Auch diese sicherlich schmerzhafte Prozedur hatte ihn nicht aus seiner Ohnmacht erwachen lassen.

Das Stöhnen im hinteren Teil des Raumes schwoll zu einem gepeinigten Schreien und rief eine zweite Begine herbei, eine kleine abgezehrte Frau, in deren Gesicht das Alter bereits tiefe Furchen gegraben hatte. Auch sie trug eine formlose Tracht.

Die große Schwester richtete sich auf und funkelte Agathe herausfordernd an.

»So, Tochter, nun übe dich mal in Fürsorge für deinen Vater. Du kannst die Wunde auswaschen.« Mit dem Fuß schob sie Agathe den halbleeren Eimer hin.

Diese wich unwillkürlich einen Schritt zurück. »Sollte man nicht besser einen Doktor rufen?«, fragte sie mit belegter Stimme.

»Einen Doktor? Kind, was glaubst du?«, rief die Begine und schnalzte mit der Zunge über so viel Unverstand. »Einen Doktor haben wir hier noch nie gesehen. Du glaubst doch nicht, dass die feinen Herren sich hier ihre Schauben schmutzig machen, noch dazu um ein Vergelts Gott!«

»Dann wenigstens einen Wundarzt?« So schnell war Agathe nicht bereit aufzugeben.

Die Begine verzog spöttisch das Gesicht. Gleichwohl griff sie an den Beutel des Messners und wog ihn in der Hand. Verneinend schüttelte sie den Kopf. »Ich glaube auch nicht, dass ... dein Vater ... sich einen Wundarzt leisten kann. Das müssen wir wohl selbst machen. Da drüben findest du Lappen.« Mit ausgestrecktem Arm wies sie zur Decke des Raumes, wo auf einer schlaff gespannten Leine fleckige Lumpen trockneten.

Ihr Blick fing sich an dem feinen blauen Wolltuch von Agathes Kleid, und sie fügte hinzu: »Du solltest dir besser etwas vor dein hübsches Kleid binden, Tochter.« Mit dem Kinn deutete sie auf eine verwaschene Schürze, die an einem Nagel neben der Tür hing. Damit ließ sie Agathe stehen und eilte ihrer Mitschwester zu helfen, die vergeblich versuchte, den schreienden Patienten zu beruhigen.

Agathe zögerte. So etwas hatte sie noch nie getan, und sie kam sich sehr töricht vor. Es war eine Sache gewesen, hierherzukommen und kluge Vorschläge zu machen, doch eine gänzlich andere, selbst Hand anzulegen. Was, wenn sie es falsch machte? Und dem Messner womöglich noch schlimmeren Schaden zufügte?

Agathe spürte, wie Wut in ihr aufstieg und all ihre Bedenken beiseitefegte. Wut auf all die überheblichen Ärzte, die sich nicht um die Armen kümmerten, weil diese sich ihr Honorar nicht leisten konnten. Unwillkürlich ballte sie die Fäuste. Wenn sie die Wunde nicht auswaschen würde, wer weiß, wann die Beginen Zeit dafür fänden?

Entschlossen schlüpfte Agathe aus ihrem Mantel, hängte ihn an den Nagel und band sich die Schürze um. Das fleckige Kleidungsstück war viel zu weit für ihre schlanke Gestalt und fiel ihr bis auf die Füße. Es musste einer Frau gehören, die deutlich größer und fülliger war als sie selbst. Agathe pflückte einen der schmutzigen Lappen von der Leine und wandte sich damit wieder der Pritsche zu.

Der zerschmetterte Fuß des Messners bot einen schauderhaften Anblick. Gestocktes Blut mischte sich mit dem Schmutz und den Exkrementen der Straße, die durch den zerlumpten Strumpf gedrungen waren, zu einer dunkelroten Masse, aus der milchweiß die geborstenen Knochen der Zehen stachen.

Ein flaues Gefühl stieg in Agathe auf und nistete sich in ihrer Magengrube ein. Zögerlich tauchte sie den Lappen in den Eimer, drückte das überschüssige Wasser aus und näherte sich damit vorsichtig der verletzten Gliedmaße.

Auf ihrer Stirn bildeten sich winzige Schweißperlen. Die Flauheit in ihrem Magen wurde stärker und ließ sie mitten in der Bewegung innehalten. Sie vermochte es nicht, mit dem Lappen die Wunde zu berühren. Verzagt ließ sie die Hand sinken. Was war sie doch für ein Hasenfuß!

»Nun stell dich nicht so an!«, schimpfte Agathe stumm mit sich selbst. »Es ist das mindeste, was du für den armen Mann tun kannst!«

Ein paarmal schluckte sie trocken und atmete tief durch, um ihren Widerwillen zu vertreiben, dann endlich gelang es ihr, allen Mut zusammenzufassen. Noch einmal holte sie tief Luft, biss die Zähne fest aufeinander und berührte mit dem Lappen den Fuß.

Zaghaft zunächst, dann immer sicherer, tupfte und wischte sie, spülte den Lappen aus, bis das Wasser im Eimer rot war von Blut, und endlich hatte sie die Wunde vom Schmutz gereinigt.

Mit einem Seufzen ließ sie den Lappen in den Eimer fallen und trat einen Schritt zurück. Dabei prallte sie unversehens gegen die hünenhafte Begine. Agathe hatte gar nicht bemerkt, dass diese hinter ihr stand. Wie lange hatte die Schwester sie schon beobachtet?