Die Känguru-Rebellion - Marc-Uwe Kling - E-Book

Die Känguru-Rebellion E-Book

Marc-Uwe Kling

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Beschreibung

Hey Leute, aufgepasst, keine Fake News, es ist wirklich wahr: neue Geschichten vom Känguru und dem Kleinkünstler. Wird auch echt Zeit. Ich meine, guckt euch mal um in der Welt. Von den Zuständen kriegt man ja Zustände. Das Känguru jedenfalls hat keinen Bock mehr darauf und startet eine Rebellion. Macht ihr mit? Es wird politisch, aktuell – und extrem witzig.  »Ich rebelliere!«, ruft das Känguru, als es in die Küche kommt.  »Aha«, sage ich. »Wogegen rebellierst du denn?« »Gegen die Zustände.« »Verständlich«, sage ich. »Löblich geradezu.« »Rebellierst du mit?«, fragt das Känguru.  »Wenn ich darf.« »Falsche Antwort. Wer rebelliert, fragt nicht, ob er darf.« »Guter Punkt.«  »Also rebellierst du mit?« »Sehr gerne.« »Hervorragend«, sagt das Känguru. »Dann sind wir schon zu zweit.«

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Seitenzahl: 262

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Die Känguru-Rebellion

MARC-UWE KLING schreibt Bücher. Zu seinen bekanntesten Werken gehören Die Känguru-Chroniken, QualityLand, Das Neinhorn, Views und Die Spurenfinder.

Marc-Uwe Kling

Die Känguru-Rebellion

Ullstein

Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein.de

1.Auflage März 2026© Ullstein Buchverlage GmbH, Friedrichstraße 126, 10117 Berlin 2026Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an [email protected]: zero-media.net, München nach einer Vorlage von Bernd KisselTitelabbildung: © Bernd KisselE-Book-Konvertierung powered by pepyrusISBN 9783548075341

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Inhalt

Das Buch

Titelseite

Impressum

WAS

BISHER

GESCHAH

DIE

KÄNGURU

-

PERSPEKTIVE

DIE

KÄNGURU

-

REBELLION

JETZT

ICH

BRAINCHIPS

SEIN

UND

HABEN

MIT

DOPPELT

BESCHEUERT

WACK

ZEHN

AB

ZEHN

CRYSTAL

DER

PUNKT

FACEBOOK

-

NUTZER

BAD

 

VIBRATIONS

DIE

LÖSUNG

WER

STREITET

SO

SPÄT

 …

FANTASTISCHE

VÖLKCHEN

DIE

HALBE

BANANE

WEITER

SO

!

ZOMBIES

KURZE

UNTERBRECHUNG

VERDÄCHTIG

MANGEL

AN

FANTASIE

TOILETTENPUTZEN

IN

TOKIO

EIN

VIDEO

IM

INTERNET

SHUFFLE

THE

SCHAU

DRACHE

UND

RITTER

FOMO

FRITZCHEN

-

WITZCHEN

WAS

MUSS

,

DAS

MUSS

FÜNFUNDNEUNZIG

EMPATHIELIMITIERTE

XENOPHOBIKER

NATIONALER

NOTSTAND

LIFEHACK

DER

BÖSE

BÄCKER

KOMMA

KLAR

WIRD

ALLES

GEILER

DIE

WAHRHEIT

ÜBER

ELEKTROAUTOS

BUCHSTABENSUPPE

REANIMIERT

DIE

MEHRHEIT

DIE

SÖDERCHALLENGE

EIN

SCHLUCK

VERZWEIFLUNG

DUNKELFLAUTE

ZU

LANGE

SEMIGEIL

DER

GRÖSSTE

DIEBSTAHL

DER

GESCHICHTE

WIND

VOM

DEICH

WO

GEHOBELT

WIRD

 …

LEAVE

NOTHING

BUT

FOOTPRINTS

WIE

ANDERE

LEUTE

POK

É

MON

DIE

REBELLEN

-

ALLIANZ

UMBILICUS

-

FASERN

GUTES

GESPRÄCH

RÜHREI

SIDEKICK

FRÄULEIN

OUT

GEMACHT

RELATIV

IST

DAS

WACK

?

GURKE

RÜCKBLICKEND

HEY

 …

ÄH

 …

KIDS

!

DICKES

SORRY

NEVER

SURRENDER

DANKSAGUNG

MARC

-

UWE

DANKSAGUNG

KÄNGURU

ANHANG

FÜR

FAKTENFREUNDE

ANHANG

FÜR

LEUTE

,

DIE

GEGEN

DIE

ZUSTÄNDE

REBELLIEREN

WOLLEN

Anmerkungen

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

WAS BISHER GESCHAH

Widmung

Füralle, die rebellieren

Motto

Gegendie Zustände

Motto

Not-to-do-Liste

1.Aufgeben

Motto

»Wer rastet, der rostet«Iron Man

WASBISHERGESCHAH

1894 entwickelte der Schweizer Confiseur Urs Stängeli die Kristallzuckerkruste, ein Meilenstein für flüssige Füllungen. Die Kristallzuckerkruste verhindert heute noch, dass Alkohol die Schokoladenhülle durchweicht. Sie war ein entscheidender Geniestreich auf dem Weg zur Schnapspraline. Echt wahr.

Urs Stängeli und die Jahreszahl hingegen habe ich mir nur ausgedacht, aber was spielt das noch für eine Rolle in Zeiten, in denen sich KI-Chatbots gierig durch alle Texte fräsen und in dem, was sie ausspucken, fröhlich Fakten und Fiktion vermischen? Nicht lange nach der Veröffentlichung dieses Buches werdet ihr darum vielleicht auf die Frage »Wer erfand die Schnapspraline?« folgende Antwort bekommen: »1894 entwickelte der Schweizer Confiseur Urs Stängeli die Kristallzuckerkruste, ein Meilenstein für flüssige Füllungen.« Wer also kann noch wirklich sagen, was bisher geschah? Und ist es nicht sowieso viel interessanter zu fragen: »Was geschieht als Nächstes?«1

DIEKÄNGURU-PERSPEKTIVE

Ding Dong. Es klingelt. Ich gehe zur Tür und öffne.

»Da bist du ja wieder«, sage ich.

»Ja«, sagt das Känguru. »Aber mach nicht gleich ’nen Film draus.«

»Keine Sorge. Viel zu anstrengend.«

Das Beuteltier kommt herein und wirft die Tür hinter sich zu. Im Wohnzimmer knallt es sich in die Hängematte.

»Und?«, frage ich.

»Und was?«

»Weltlage?«

»Boah«, murrt das Känguru. »Fang doch nicht gleich mit so ’nem Downer an. So würdest du doch auch nicht dein neues Buch beginnen. Da hätten die Leute ja gleich keinen Bock mehr.«

»Interessiert mich halt, was du drüber denkst. Was ist das Problem?«

»Reicht ’ne grobe Schätzung?«

»Klar.«

Das Känguru kratzt sich an der Schnauze. Dann sagt es: »Vier Fünftel Kapitalismus, ein Fünftel Imperialismus.«

»Aha. Möchtest du das elaborieren?«

»Eigentlich nicht.«

»Wer ›eigentlich nicht‹ sagt, könnte eigentlich gleich Ja sagen.«

Das Beuteltier seufzt. »Also… Wenn in der Vergangenheit eine Hochkultur untergegangen ist, dann hatte recht verlässlich eine oder mehrere von fünf Katastrophen ihre Finger im Spiel. Erstens: soziale Ungleichheit. Gesellschaften, in denen die Vermögensunterschiede zu groß werden, verlieren den Zusammenhalt und können implodieren.«

»Ham wer«, sage ich. »Check. Gerade erst im Guardian gelesen: Die 0,001 Prozent Überreichen der Welt haben dreimal so viel wie die ärmste Hälfte der Menschheit zusammen.«

»Zweitens: Das regionale Klima wandelt sich mit fatalen Folgen für Flora und Fauna.«

»Check«, sage ich. »Haben wir sogar auf globalem Maßstab.«

»Drittens: disruptive neue Technologien.«

»Check.«

»Viertens: Seuchen.«

»Check.«

»Fünftens: ein militärisch hochgerüsteter Nachbar, der die Region mit Krieg überzieht.«

»Check«, sage ich.

Dann schweigen wir erst mal eine Weile.

»Wirklich voll das Downer-Thema«, sage ich schließlich. »Mein neues Buch sollte auf keinen Fall so anfangen.«

Das Känguru nickt. »Und natürlich überlappen sich diese Problemfelder gegenseitig, bla, bla, bla. So beschleunigt die soziale Ungleichheit und die von Big Tech forcierte Aufmerksamkeitsökonomie das Abrutschen in den Faschismus, der Kriege beginnt, die die Klimakrise verschärfen, welche nicht ordentlich bekämpft wird, weil zu viele überreiche Leute ihre Kohle mit Brennstoffen machen, während ihre Oligarchen-Kollegen bei Big Tech fast unkontrolliert ein KI-Wettrennen veranstalten, welches für noch mehr soziale Ungleichheit sorgen wird, und hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Selbstverständlich spielen noch viele andere Faktoren rein, bla, bla, bla. Aber die Triebkräfte sind halt– grob geschätzt– vier Fünftel Kapitalismus, ein Fünftel Imperialismus. Können wir jetzt über was anderes reden? Wieso fragst du überhaupt?«

»Na, die Leute drängen mich, ein neues Buch über dich zu schreiben.«

»Was denn für Leute?«, fragt das Känguru.

»Na, so Leute halt. Ich kenn' die nicht wirklich.«

»Machst du immer, wozu dich irgendwelche Leute drängen?«

»Äh… Schon ab und zu, wenn ich ehrlich bin. Machen, glaube ich, alle.«

»Ich nicht!«, sagt das Känguru.

»Na schön, alle außer dir.« Ich kratze mich am Bart. »Bei mir fing das früh an, wenn ich so drüber nachdenke. Zum Beispiel haben mich meine Eltern gedrängt, die Schule nicht zu schmeißen, obwohl es mich so hart gelangweilt hat. Hab ich dann auch nicht gemacht.«

»Merkt man gar nicht.«

»Haha.«

»Und wie willst du das neue Buch nennen?«, fragt das Känguru. »Doppelt so alt– halb so cool?«

»Äh. Guter Titel, aber nee.«

»Zu ehrlich?«, fragt das Känguru.

»Wie wär’s mit Die Känguru-Krisen«, schlage ich vor. »Da erklärst du, was alles schiefläuft.«

»Willst du meine ehrliche Meinung?«

Ich zögere. »Vielleicht«, antworte ich vorsichtig.

»Lohnt nicht. Liest eh keiner mehr Bücher. Ich sehe mich perspektivisch eher auf TikTok.«

»Aha.« Ich strecke mich und lasse durch eine kleine Dehnung meinen Rücken knacken. »Wie auch immer. Was ja oft gemacht wird, sind so Prequels.«

»Der Vorteil von Prequels ist, dass man schon weiß, wie’s ausgeht«, sagt das Känguru. »Deswegen sind die auch nicht so unangenehm spannend.«

»Wie wär’s mit einem Buch über deine harte Jugend in Ostberlin? Beutelratte in der Platte!«

Das Känguru gähnt.

»Oder wir machen Spin-offs«, sage ich. »Vielleicht ein Action-Kracher namens Not-So-Super-Soldier Krapotke.«

»Ich plädiere für eine Origin-Story über Herta, wo sie von ihrer Kindheit erzählt«, schlägt das Känguru vor. »Titel: Sturzjeburt! Untertitel: Ick war ja och schon dit sechste Kind.«

»Unsinn!«, widerspreche ich. »Der Untertitel wäre natürlich: Du bist hart. Ick bin Herta.«

»Klar. Mein Fehler.«

»Wir könnten auch einen Ratgeber veröffentlichen, in dem du Pseudoweisheiten verbreitest«, schlage ich vor. »Titel: Das Leben ist wie eine Schachtel Schnapspralinen! Untertitel: Manchen schmeckt’s, anderen nicht.«

»Hm.« Das Känguru scheint skeptisch. Es holt Schnapspralinen aus seinem Beutel und wirft sich eine in den Mund. »Was auch gerne gemacht wird, wenn einem nix mehr einfällt«, sagt es kauend, »ist dieselbe Geschichte, aber noch mal aus einer anderen Perspektive.«

»Du meinst, so wie bei den Evangelien?«, frage ich.

»Nee, ich meine das erste Buch, aber aus meiner Sicht.«

»Also endlich Die Kleinkünstler-Chroniken?«

»Ja, okay. Scheißtitel«, sagt das Känguru, »aber die Idee, die du da hattest, ist echt super.«

»Hä?«, frage ich. »Das war doch deine Idee.«

»Ah! Kein Wunder, dass sie so gut ist. Pass auf. Ich schreibe das Ding, und wir nennen es Die Känguru-Perspektive!«

»Himmel, hilf«, seufze ich, aber das Känguru sitzt schon an der Schreibmaschine.

Ding Dong. Ich klingele. Nichts passiert. Ich klingele noch mal. Es dauert ziemlich lange, dann öffnet ein verpennter Typ. Er blinzelt, guckt hinter sich, schaut die Treppe runter, dann die Treppe rauf. Guckt geradeaus. Scheint nicht das hellste Glühwürmchen im Schwarm zu sein.

»Hallo«, sage ich.

Der Typ guckt noch mal nach links, nach rechts, auf die Uhr und dann wieder auf mich. Meine Herren. Was alles frei rumlaufen darf…

»Hallo«, sagt der Typ.

Okay, okay. Bloß ein ernstes Gesicht behalten. Das wird niemals klappen. Niemals. Oder doch? Wenn, dann hier, bei dieser menschgewordenen Kinderknete. Ich zieh' das jetzt durch.

»Ich bin gerade gegenüber eingezogen«, sage ich und unterdrücke mit äußerster Willensanstrengung ein Grinsen, »wollte mir Eierkuchen backen, und da ist mir aufgefallen, dass ich vergessen habe, Eier zu kaufen…«

Der Typ nickt, verschwindet in seiner Wohnung und kommt mit zwei Eiern zurück.

»Vielen lieben Dank«, sage ich und stecke die Eier in meinen Beutel. Hoffentlich gehen sie nicht wieder kaputt wie letztens. Das war vielleicht eine Sauerei.

So. Was fehlt mir noch? Salz, Milch, Mehl, Pfanne, Öl, Schneebesen, Rührgerät, Schüssel zum Mixen, Herd, Hackfleisch. Aber eins nach dem anderen. Wenn ich alles auf einmal haben will, zeigt mir bestimmt sogar dieser offensichtlich intelligenzlimitierte Sitzsack den Vogel. Der hat doch ernsthaft »Kling« auf seine Klingel geschrieben.

»Bin kein Fan von dem Konzept«, sage ich.

»Nee?«, fragt das Känguru.

»Nee.«

Morning has broken

»It took all the strength I had not to fall apart.«

Ein Billy-Regal2

Verpennt stolpere ich in die Küche und versuche, mir Frühstück zu machen. In der Brottüte ist nur noch ein kleiner, trockener Kanten. Im Radio läuft Morning Has Broken. Der Morgen hat sich in die Welt erbrochen. Ich weiß, das ist keine wörtlich korrekte Übersetzung, aber gefühlt stimmt sie. Gibt einfach so Tage. Oft sind es Montage. Sehr häufig die Montage nach einer Wahl.

Das Känguru kommt in die Küche gehüpft. Das Küchenregal wackelt dabei bedenklich. Ein Problem, um das ich mich morgen kümmern werde. Was ich gestern schon gedacht habe.

»Man kann einfach nicht jeden Nazi einzeln beleidigen«, sagt das Beuteltier. »Ich habe es jahrelang probiert, aber es sind schlicht zu viele. Auch habe ich den nagenden Verdacht, dass eine Beleidigung– und sei sie noch so geistreich– einen Nazi womöglich gar nicht zum Umdenken bringt.«

»Aha«, sage ich, während ich versuche, den kleinen Brotkanten, den ich wider besseres Wissen versucht habe zu toasten und der sich nun ganz dumm im Toaster verklemmt hat, durch Schütteln rauszukriegen. »Warum?«, frage ich. »Warum nur?«

»Warum die Leute mal wieder Lügner gewählt haben, die offensichtlich nicht ihre Interessen vertreten?«

»Nee, das meinte ich nicht. Obwohl das natürlich ebenfalls eine interessante Frage ist.«

»Ich könnte es dir erklären, aber danach wärst du auch nicht glücklicher«, sagt das Känguru.

»Versuch’s.«

»Wie viel Zeit hast du?«

»Wie kurz kannst du’s machen?«

»Ein Wort.«

»Ein Wort?«

»Profitinteressen«, sagt das Känguru.

»Oh! Ah! Jetzt verstehe ich alles! Danke!«

»Gerne.«

Ich rolle mit den Augen.

»Ich nehme an, du hättest doch lieber ein wenig mehr Erläuterungen?«, fragt das Beuteltier.

»Probier mal einen ganzen Satz.«

»Fein.« Das Känguru überlegt kurz. Dann sagt es: »Progressive Politik, die sich für soziale Gerechtigkeit und den Erhalt unserer Lebensgrundlagen einsetzt, muss zwingend Reichtum umverteilen und unsere Ökonomie umbauen, was eigentlich mehrheitsfähig sein sollte, da es dem Wohl der Mehrheit dient, aber die konkreten Maßnahmen kommen sehr häufig den Profitinteressen einiger sehr mächtiger Akteure im In- und Ausland in die Quere, die deshalb seit langer Zeit selbst und mithilfe ihrer Interessenvertreter– damit meine ich neoliberale oder rechte Parteien sowie entsprechend ausgerichtete Medienkonzerne, Social-Media-Plattformen, Thinktanks, Lobbyvereine und Astro-Turf-Bewegungen– Front gegen die erwähnte Politik machen und in diesem Kampf nicht davor zurückschrecken, mithilfe von Desinformationskampagnen rassistische, sexistische und sozialdarwinistische Ressentiments zu schüren, um die Wählerinnen und Wähler auf Irrwege zu führen, die der Allgemeinheit schaden, aber die Profitinteressen der wenigen schützen.«

»Kannst du mir das auf ein T-Shirt drucken?«, frage ich, während ich mit einer Gabel im Toaster rumstochere.

Das Känguru steht auf und zieht den Stecker des Geräts aus der Steckdose.

»Gute Idee«, sage ich.

»In der Tat«, sagt das Beuteltier. »Wenn Menschen dumme Sachen machen, muss man den Stecker ziehen.«

Ich nehme den Toaster aus dem Regal, um das Problem genauer zu inspizieren.

Aus irgendeinem mir nicht ganz klaren Grund sorgt die Entnahme des Geräts allerdings dafür, dass das wacklige Küchenregal auf mich zu kippt. Ich stemme mich schnell dagegen.

»Und jetzt?«, frage ich. »Was machen wir, damit es nicht kippt?«

»Nun«, sagt das Känguru seelenruhig, »wir müssen dagegenhalten und gleichzeitig die ganze alte Scheiße auseinandernehmen, säubern und dann besser wieder zusammenbauen.«

»Aber wie?«, frage ich, während ich mit dem Regal kämpfe. »Wie soll das gleichzeitig gehen?«

»Wie?«, fragt das Känguru und steht auf. »Ich sag dir, wie.« Es kramt in seinem Beutel und holt einen kleinen Werkzeugkasten heraus. »Gemeinsam.«

DIEKÄNGURU-REBELLION

Am nächsten Morgen sitze ich am Küchentisch und schreibe ein neues Kinderbuch. Es geht um eine Familie Luchse. Genauer gesagt um deren Kinder. Die heißen Luchs Good. Luchs Great. Und Luchs Awesome. Aber die Hauptfigur ist der arme kleine Luchs Like Shit.

»Ich rebelliere!«, ruft das Känguru, als es in die Küche hüpft. Das neue Regal steht wie ’ne Eins.

»Aha«, sage ich. »Wogegen rebellierst du denn?«

»Gegen die Zustände.«

»Verständlich«, sage ich. »Löblich geradezu.«

»Rebellierst du mit?«, fragt das Känguru.

»Wenn ich darf.«

»Falsche Antwort! Wer rebelliert, fragt nicht, ob er darf!«

»Guter Punkt.«

»Also rebellierst du mit?«

»Sehr gerne.«

»Hervorragend«, sagt das Känguru. »Dann sind wir schon zu zweit.«

»Und jetzt?«, frage ich.

»Jetzt muss sich die Rebellion ausbreiten.«

»Und wie tut sie das?«

»Nun, natürlich, indem wir anderen Leuten davon erzählen, dass wir rebellieren. Und sie dann fragen, ob sie mitmachen.«

»Sehr gut.« Ich nicke. »Aber darf ich fragen, was das bringen soll?«

»Es gibt da eine sehr interessante Studie. Demnach sind mehr als drei Viertel der Leute bereit, anderen ohne Gegenleistung zu helfen– ja, man könnte sagen, sie sind bereit, gegen die Zustände zu rebellieren. Gleichzeitig aber glaubt nur ein Viertel der Leute, dass andere zu dieser Art uneigennütziger Hilfe bereit sind. Jetzt muss man nicht Mathe studiert haben, um zu merken, dass das nicht aufgeht. Wir haben es mit einer Wahrnehmungsverzerrung zu tun.«

»Aha. Wer hat die Studie gemacht?«

»Die hab ich mir ausgedacht.«

»So, so.«

»Aber auf Basis von echten Studien, die ich gelesen habe. Und die sind zu ähnlichen Ergebnissen gekommen, bei denen hab ich mir aber die Prozentwerte und die ausführende Instanz nicht gemerkt, und ich hatte nie Bock, deshalb im Internet zu recherchieren, denn das Internet macht mir immer schlechte Laune.«

»Reicht mir. Passt so. Finde ich glaubwürdig.«

»Schön. Jedenfalls befinden sich sehr viele Menschen schon längst im Konflikt mit den Zuständen und sind insgeheim bereit, etwas dagegen zu tun. Sie fühlen sich aber allein gelassen oder, schlimmer noch, leihen rechtsradikalen Faktenfeinden ihr Ohr.«

»Faktenfeind ist eine gute Beleidigung«, sage ich. »Mag ich.«

»Danke. Jedenfalls: Durch das Verkünden unserer Rebellion und das Angebot der Teilnahme kann man die Menschen vom unbewussten einsamen Konflikt mit den Zuständen zur offenen, gemeinsamen Rebellion führen.«

»Verstehe.«

»Gut, dann los.«

»Wohin denn?«

»Auf die Straße! Die Rebellion verbreiten.«

»Jetzt? Vor dem Frühstück?«

»Die Rebellion wartet nicht!«, behauptet das Känguru.

»Also…«

»Es ist ganz einfach. Du musst nur zwei Leute finden, die mitmachen, und ihnen auftragen, dass sie wiederum zwei Leute finden sollen, die mitmachen. Und dann… BUMM… lassen wir das exponentielle Wachstum sein Ding machen. Irgendwann sind alle dabei. Wie bei Corona.«

»Vielleicht nicht der beste Vergleich im Sinne einer positiven Konnotation.«

»Guter Punkt. Ich such ’nen anderen. Wie bei Facebook.«

»Ist das so viel besser? Wenn ich entscheiden müsste, wovon die Welt lieber verschont geblieben wäre– Corona oder Facebook –, da hätte ich aber zu grübeln.«

»Vergessen wir den Vergleich.«

»Okay«, sage ich. »Also jedenfalls einfach nur zwei Leute zum Rebellieren bringen, ja?«

»Ja. Gegen die Zustände.«

»Und du machst das auch?«

»Ich muss nur noch einen finden.«

»Stimmt.«

»Ich geh zu Herta!«, sagt das Känguru.

Verdammt, denke ich.

»Ich gehe zu…«, beginne ich.

»Otto und Friedrich-Wilhelm sind im Urlaub«, berichtet das Beuteltier.

Mist.

»Geh einfach auf die Straße«, empfiehlt das Känguru. »Und sprich jemanden an.«

Also schlappen wir runter zur Straße. Herta sitzt vor ihrer neuen Eckkneipe, die sie dank einer Crowdfunding-Aktion von Känguru-Fans eröffnen konnte.

»Ich rebelliere…«, beginnt das Känguru.

»Bin ick dabei«, sagt Herta sofort.

»Würdest du zwei…«

»Mach ick!«

»Gutes Gespräch!«, sagt das Känguru.

»Imma jerne. Hatte ehrlich jesacht nur druff jewartet, dat endlich mal jemand fragt.«

»Knorke.«

»Ick würd sagen, als erste Maßnahme machen wir hier bei mir innar Kneipe ’en regelmäßjen Stammtisch der Rebellion. Ick bin jedenfalls voll dabei.«

Das Känguru grinst mich an.

»Das ist ja wirklich erstaunlich einfach«, sage ich.

»Jetzt du.«

JETZTICH

Das Känguru hat sich zu Herta gesetzt und mich allein weitergeschickt, um die Rebellion zu verbreiten.

Nach einigen Momenten kreuzt eine Frau mit Kinderwagen meinen Weg.

»Entschuldigen Sie«, sage ich, »dürfte ich Sie kurz etwas fragen?«

»Ungern«, erwidert die Frau.

»Eine ehrliche Antwort«, sage ich. »Und an Ehrlichkeit mangelt es immer mehr, finden Sie nicht auch?«

Die Frau nickt.

»Das ist einer der Gründe, aus denen das Känguru und ich und Herta rebellieren. Also, gegen die Zustände. Hätten Sie nicht auch Lust, zu rebellieren?«

»Was muss ich denn dafür tun?

»Das ist ganz Ihnen überlassen. Erst mal geht es nur darum, sich bewusst zu machen, dass man sich im Zustand der Rebellion gegen die Zustände befindet.«

»Das kriege ich hin«, erwidert die Frau.

»Und damit die Rebellion wächst«, sage ich, »wäre es super, wenn Sie noch zwei weitere Leute dazu bringen könnten, sich der Rebellion gegen die Zustände anzuschließen. Zwei reichen. Die müssen dann halt zwei weitere Leute dazu bringen und so weiter.«

»Wie ein Kettenbrief?«, fragt die Frau.

»Wenn Sie möchten, können Sie auch einen Kettenbrief draus machen. Aber ich empfehle immer den persönlichen Kontakt.«

»Ich könnte vielleicht Julia und Laura fragen«, überlegt die Frau. »Nachher beim Beckenbodentraining im Rückbildungskurs.«

»Ohne Julia und Laura zu kennen«, sage ich, »scheinen mir sowohl die beiden Damen als auch Ort und Zeit die richtige Wahl.«

»Irgendwie finde ich das gut«, sagt die Frau. »Also, dass ich jetzt rebelliere. Vorher war ich unzufrieden. Jetzt rebelliere ich!«

»Voll gut. Schönen Tag noch.«

»Ihnen auch«, sagt die Frau. »Es lebe die Rebellion!«

Sie geht weiter. Dermaßen vom Erfolg überrumpelt, spreche ich enthusiastisch einen älteren Passanten im Anzug an. »Ich rebelliere!«, sage ich. »Gegen die Zustände! Wollen Sie mitmachen?«

»Ich bin in der CDU«, sagt der Mann.

»Oh, das tut mir leid«, sage ich. »Dann, äh, wünsche ich Ihnen, äh, noch einen, äh, Tag.«

»Wie jetzt?«, fragt der Mann. »Glauben Sie denn, nur weil man in der CDU ist, kann man nicht gegen die Zustände rebellieren?«

»Na ja«, sage ich, »ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, ich hab schon das Gefühl, dass in Deutschland jede positive Veränderung der Zustände zuverlässig an der CDU scheitert. Keine Partei war in diesem Land länger an der Macht. An fast allem, was schiefläuft, darf sie darum einen gehörigen Anteil für sich reklamieren. Sie könnte sich auch Deutsche Zustandspartei nennen.«

»So können Sie das doch nicht sagen!«, behauptet der Mann in für einen CDUler typischer Verkennung der Faktenlage.

»Aber das habe ich doch gerade getan«, versuche ich der Wahrheit Gehör zu verschaffen.

»Ich bin ebenfalls gegen manche Zustände!«, behauptet der Mann.

»Sie wollen also auch rebellieren?«, frage ich.

»Nun, vielleicht«, sagt der Mann unsicher.

»Vielleicht, vielleicht…«, sage ich kopfschüttelnd. »Bei der Rebellion gibt es kein Vielleicht!«

»Ich könnte ja mal fragen, ob ich darf…«

»Man fragt nicht, ob man rebellieren darf. Man rebelliert einfach.«

»Aber ich hab noch einige Rückfragen…«

»Schon klar. Und jetzt wollen Sie sicher einen Ausschuss gründen. Nee, nee. Ist doch ’ne einfache Frage: Wollen Sie gegen die Zustände rebellieren oder nicht?«

»Könnte ich dann weiter CDU wählen?«

»Also, ich sehe nicht, wie das zusammengeht. Wenn ich mir den aktuellen Zustand der CDU anschaue, kriege ich Zustände.« Ich überlege. »Sie könnten aber sicherlich innerhalb der CDU gegen die Zustände rebellieren.«

»Sie meinen, das geht?«, fragt der Mann.

»Ich sage nicht, dass es Erfolg versprechend ist, aber gehen tut es sicherlich. Ich fände das sogar sehr gut und würde Sie dabei nach Kräften unterstützen. Nötig ist es auf jeden Fall.«

»Hm.« Kurz scheint der Mann zu überlegen. Dann schüttelt er jedoch energisch den Kopf. »Mal ganz ehrlich, ich bin nicht in die CDU eingetreten, um zu rebellieren.«

»Das denke ich mir.«

»Doch ich nehme die Anregung mal zur nächsten Sitzung mit.«

»Tun Sie das.«

»Nur versprechen kann ich nix.«

»Nee, lieber nicht«, sage ich. »Wenn die CDU etwas verspricht, dann ist das ja eher ein Garant dafür, dass es nicht passiert.«

»So können Sie das doch nicht sagen!«, behauptet der Mann wieder.

»Vielleicht sollten wir an dieser Stelle auseinandergehen«, sage ich. »Ich habe das Gefühl, Sie stehen der Rebellion eher im Weg.«

»Genau deshalb bin ich ja in der CDU.«

Ich seufze. »Also gut«, sage ich. »Nehmen Sie’s mit in die Sitzung, besprechen Sie’s. Ich erwarte nichts.«

»So nämlich«, sagt der Mann. »Jetzt sind wir uns doch noch einig geworden.« Dann läuft er zufrieden weiter.

Ich gehe zurück zu Herta und setze mich zum Känguru an den Tisch.

»Und hast du noch zwei Leute gefunden, die gegen die Zustände rebellieren wollen?«, fragt es.

»Noch nicht ganz«, sage ich. »Die Frau war super. Aber der Mann war von der CDU.«

»Schwierig.«

»Warum wollta eigentlich jeda nur zwei Leute für die Rebellion bejeistern?«, fragt Herta. »Wär die Rebellion nich wat, dit man gameifizieren könnte? Zum Beispiel, ick sach mal, wer zuerst hundert Leute für die Rebellion bejeistert hat, dem spendier ick een Jahr lang Freijetränke.«

»Deal«, sagt das Känguru sofort.

»Oda sagen wa lieba, een Monat lang Freijetränke«, korrigiert Herta nach unten. »Oda vielleicht ’ne Woche. Weil ’ne Woche kann ja och lang sein. Will mir nich ruinieren ob meina Bejeisterung für die Rebellion.«

»Wir müssen Listen anlegen«, überlege ich, hole mein Notizbuch heraus und schreibe Frau mit Kinderwagen hinein.

»Ich finde, es sollte um mehr gehen als um Freigetränke«, sagt das Känguru. »Hier mein Angebot: In sechs Monaten schauen wir auf unsere Listen, und wenn auf meiner mehr Rebellierende stehen als auf deiner, dann bekomme ich dein Zimmer und du schläfst ab sofort im Wohnzimmer.«

»Wo ist der Angebotsteil von deinem Angebot?«, will ich wissen.

»Dachtest wohl, fällt ihm nich uff, wa?«, fragt Herta das Känguru.

»Hier kommt mein ›Angebot‹«, sage ich, wobei ich Angebot in Airquotes setze. »Wenn ich gewinne, dann putzt du ab sofort jede Woche das Badezimmer.«

»Für wie lange?«, fragt das Beuteltier.

»Für immer!«, zische ich und halte dem Känguru meine Hand hin.

Es starrt mich entschlossen an. Dann schlägt es ein.

»Kein Problem«, sagt es. »Weil ich nicht verlieren werde! Ich bin mir so sicher, dass ich den Einsatz sogar erhöhe! Wenn ich verliere, putze ich auch die Küche.«

»Wenn ich verliere, dann mache ich dir, wann immer du willst– zu jeder Tages- und Nachtzeit –, Eierkuchen!«

»Ich lege noch was drauf«, sagt das Känguru. »Wenn du gewinnst, dann werde ich in Zukunft alle nötigen Gespräche mit Handwerkern führen.«

»Wenn du gewinnst«, sage ich, »übernehme ich deine Schulden bei Snacks & the City.«

Ohne zu blinzeln, starren wir uns an. Noch immer drücken wir uns die Hände.

»Wenn ich verliere«, sagt das Känguru, »dann schreibe ich die Hälfte der Geschichten unseres neuen Buchs.«

»Ich weiß gar nicht, ob ich das möchte«, sage ich.

»Okay. Dann sagen wir, wenn ich gewinne, darf ich die Hälfte davon schreiben.« Es überlegt kurz. »Muss das aber nicht tun.«

»Von mir aus«, sage ich und blinzle.

Dann lassen wir endlich unsere Hände los. Ich gucke zu Herta, die mich anstarrt, als hätte sie gerade einem Autounfall beigewohnt.

»Noch nie hab ick jesehn, wie sich jemand freiwillig so vollständig ruiniert hat«, murmelt sie.

»Verdammt«, entfährt es mir. »Was habe ich nur getan?«

Das Känguru grinst. »Ich führe zwei zu eins.«