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Jürgen Großes neues Buch hat ein einziges Thema: die Versuchung, die von sublimen geistigen Genres auf Unberufene ausgeht. Warum erwecken Literatur, Wissenschaft, Metaphysik – vielleicht freie, doch oft brotlose Künste – soviel imitatorischen Ehrgeiz? Woher wachsen diesen Künsten ihre zahlreichen Doppelgänger zu, auf die bereits Ausdrücke wie „Szeneliteratur“, „Winkelverlag“ oder „Philosophiebetrieb“ deuten? Gibt es Genres kreativer Ehrlichkeit, die zumindest eine Selbsttäuschung der darin Tätigen ausschließen? Oder sind schon solche Fragen falsch gestellt, weil gerade die gelungenen Geisteskreationen sich nicht mehr durch irgendeine Authentizität beglaubigen müssen? Der Berliner Ideenhistoriker und mehrfach ausgezeichnete Essayist stellt sich seinem Thema mit furchtloser Neugier, doch immer formbewusst: Die kreative Klasse versammelt Hunderte von Bonmots, Aphorismen, Kurzessays. Sie sind gewonnen aus fast zwanzig Jahren intimer Beobachtung nicht nur bundesdeutschen Geisteslebens. In drei Kapiteln – „Poetica“, „Scientia“ und „Metaphysica“ – verdichtet Große seine Recherchen zu eindringlichen, manchmal verstörenden Reflexionen. Ein Buch über Schriftsteller und Schriftsteller-Darsteller, ein Buch über den Mangel an Büchern und die Fülle des Gedruckten. Zudem eine beißende Satire auf progressiven Kitsch, reaktionären Schwulst und eine schier allmächtige kulturelle Mittelklasse.
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Seitenzahl: 165
Veröffentlichungsjahr: 2022
Impressum
Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN: 978-3-95894-224-0 (Print) //
978-3-95894-225-7 (E-Book)
© Copyright: Omnino Verlag, Berlin/2022
Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.
Poetica
Scientia
Metaphysica
„Seit einigen Jahrzehnten ist eine Sorte ungeschliffener Intellektueller aufgetaucht, die bei aller Behendigkeit im Denken von einer gewissen Schwerfälligkeit im Fühlen sind. Diese Leute haben unverzüglich die Universität, die Philosophie und die Literatur erobert. Man verdankt ihnen sowohl die abstrakte Sprache, die den Geist zerstört, indem sie den Geschmack verdirbt, als auch die vulgäre Sprache, die sich auf dem Weg über die Gymnasien prompt auf die bürgerliche Schicht ausgebreitet hat. Das Volk schließt sich wie immer an.“
Robert Poulet, Wider die Jugend (1963)
Ein gutes Vorwort: letzte Gelegenheit,den schlechten Leser zu vertreiben.
Wer im bürgerlichen Leben gescheitert und vomphilosophischen Denken enttäuscht ist, findet inder Poesie unbefristetes Asyl.
Poesie: eine Flucht, die den Flüchtigen für immeran das bindet, was er floh.
Kameradschaft zwischen Dichtern zu erwarten,weil ein launischer Gott sie allesamt von dersozialen Normalität ausgesperrt hat – das wäregenauso, wie an eine gemeinsame Sprache derTiere zu glauben, weil der Mensch sie allesamtim zoologischen Garten eingesperrt hat.
Unter hundert Philosophen findet sich ein Denker,unter tausend Schriftstellern ein Dichter.
Mit der Klarheit oder mit der Verschwommenheitdarf es nur der Autor übertreiben, der um seinPublikum nicht mehr bangen muß.
Am besten schreibt der gewissenlose Routinier– der frei ist von moralischen Absichten undmerkantilem Ehrgeiz.
Ein Schriftsteller, dessen Liebling die Spracheist, gibt ebensoviel Anlaß zur Besorgnis wie einKritiker, der die Schriftsteller seine Lieblinge nennt.
Der zeitgenössische Leser muß die Persönlichkeiteines Autors einzigartig finden, um dessen Buchlesen zu wollen, und auch der zeitgenössische
Autor muß seine Persönlichkeit einzigartig finden,um für einen solchen Leser sein Buch schreibenzu können.
Manche Bücher will man lieber ein zweites Malschreiben als ein zweites Mal lesen.
So lange mit Perlen um sich werfen,bis einem die Säue ausgehen …
Wer ist ein Autor? Die Antwort auf diese Fragemacht kaum neugierig, da diese Frage nur vonLeuten gestellt wird, die sich für Autoren halten.
Furcht vor der Blamage ersetzt,was an Sicherheit des Stils fehlt.
Man schreibt für die, die einen verstehen.Also nicht für sich selbst.
Macht über die sichtbare Welt übt einzig der Autoraus, der dort nie in Erscheinung tritt.
Die einzige Rechtfertigung einer Schriftsteller-existenz ist journalistisch: am Abend nicht wissenkönnen, worüber man am nächsten Tag schreibenwird.
Berühmt zu werden heißt, sich bei den Leutenunbeliebt zu machen, die einen imitieren.
Schlechte Prosa: Der Verfasser spielt eine Rolleaußerhalb seiner Texte, er spürt seine Ermäch-tigung, Befugnis, Kompetenz, spricht aus eigensgeöffneten Himmeln herab in eigens geöffnete
Ohren. Nun also sein Auftritt als Text, vor erwar-tungsfrohen Augen. Wie sollte er da nicht insStottern kommen …
Zweierlei Schaudern: beim Anblick eines leer-geräumten, beim Anblick eines wohlgefülltenBücherregals.
Schöngeistig heiße die Literatur, bei deren Lektüreman an alles andere als an ‚die Literatur‘ denkt!
Wer seinen Worten trauen will,muß seinen Wortschatz verkleinern.
„Warum schreiben Sie?“ – „Weil ich wedersprechen will noch schweigen kann.“
Eine Literaturwissenschaft, die keine Sekundär-literatur erzeugt, darf man als unproduktiveWissenschaft schmähen.
Die literarische Linke verlangt es nach Zimt-sternen, die literarische Rechte hält sichan Lebkuchen. Die literarische Mitte feiertWeihnachten mit Thomas Mann.
Lübecker Marzipan: der konfektionierte Beweis,daß man von Goethe nur die Langeweilenachahmen kann.
Robert Walser liest man in jenen Jahren,da man noch etwas für möglich halten will –und in den Jahren danach, da man versäumteMöglichkeiten schätzen lernt.
Goethe würde nicht einmal dann Popularitätdrohen, wenn man an Die Wahlverwandtschaftendas Etikett „Nur für Erwachsene!“ klebte.
Der Dichter-Dissident im Exil gilt seinen Lands-leuten als verachtenswürdig, seinen Kollegenals erbarmenswürdig und seinen Gastgebern alsförderwürdig.
Tief und leicht schürft der Kritiker, der den ‚Gehalt‘eines Dichtwerks ans Licht fördert.
Realität ist ein Lehm, den der Dichter nur knetensollte, wenn er ihn hernach auch brennen kann.
Manche Sprachen gewähren dem Ausdrucksolche Freiheit, daß die von ihrer AusdruckskraftGeängstigten in eine Fremdsprache fliehen.
Bosheit ist schwach und anlaßgebunden, Bösartig-keit heftig und planvoll. Die eine taugt zur Sentenz,die andere zum Essay.
Der Verfasser des zeitgenössischen Romans beweistuns entweder, daß er ein Thema erkannt hat, oderdaß er es darzustellen weiß.
Um das Leben so unerträglich zu finden,daß man es nicht mehr leben will, genügt es bereits,daß man das Leben unerträglich interessant finde.
Ein Berufsliterat erregt keinen Anstoß, solangedie Literatur nicht sein Leben sichern kann.
Qualität wird geduldet, Quantität verehrt.
Der kleinere Verstand gebärdet sich gernals die größere Leidenschaft.
Sprachen von lakonischer Poesie, die für Stilleund Schweigen nur ein Wort haben …
Die Schriftkultur steht in ihrer Dämmerung, wenndie Literatur ein Gegenstand der Pflege gewordenist und der junge Literat ein Anlaß zur Hoffnung.
Um eine literarische Mode zu begründen, bedarfes nicht der Vorherrschaft eines Stils. Es genügt dieVorherrschaft des Verbs oder des Adjektivs.
Jener Pechvogel oder Glückspilz von Autor, dessentränenfeuchte Texte niemand liest, weil man sichob seiner blühenden Gesundheit lieber gleich anden Mann hält …
Einen unsicheren Geschmack findet man beiAlleskönnern häufiger als bei Nichtskönnern.
Die Fadheit eines Autors kann so vollkommensein, daß jeder Versuch, sie nachzuahmen, aus derLiteratur hinausführt.
Ein vollendeter Stil bleibt folgenlos.
Die Realitäten, mit deren Kenntnis sich derengagierte Kritiker beglaubigt, sind seltenliterarische Realitäten.
Ästhetiker stören den Kunstbetrieb nur dann,wenn sie die Sirene des Arbeitstages statt desFeierabends sein wollen.
Das authentische Sujet zeitgenössischer Literaturist die Unzufriedenheit zeitgenössischer Literatenmit ihren Lesern.
Von den himmlischen Dingen darf einzigschreiben, wer kein irdisches Publikum damitbeeindrucken will.
Ästhetische und spirituelle Vollkommenheitbezeugen sich auf die gleiche Weise:Das Lob der Gelehrtheit wird daran zuschanden,der Spott der Gemeinheit prallt davon ab.
Die Unverfrorenheit desjenigen, der meint,Literatur könne man lehren, steht der Unver-frorenheit desjenigen, der über Literatur belehrtzu werden wünscht, um nichts nach.
Der Ekel, den das zu Homerlektüre, Klavierspielund Malstunden verdammte Bürgerkind gegendie Kunst entwickelt, bewahrt es vor dem Elend,das ein Leben für die Kunst bedeutet.
Wo ein progressives Gemeinwesen der Literaturwohlwill und wohltut, kreist diese um zweiThemen: die Liebesnöte der mittleren Klasseund die Altersängste des mittleren Talents.
Stille Größe ist die diskrete Formder Ruhmredigkeit.
Eine Literatur, die den Leser bessern will,hat ihre unmündigen Leser verdient.
Schwachköpfe bilden eine Generation,und Schlauköpfe schreiben über sie Bücher.
Die zweitrangigen Autoren schämen sich vorFremden für ihr Land, die erstrangigen erfahrenerst in der Fremde, aus welchem Land sie kommen.
Der nervöse Drang, über alles ein Urteil zu fällen,beruhigt sich in einem dauerhaften Vorurteil.
Den guten Schriftsteller erschrecken, denmittelmäßigen erfreuen und den schlechtenernähren seine Leser.
‚Mein erstes Buch‘: Nirgends ist der Journalistoffenkundiger nicht mehr denn ein Journalist,als wo er mehr denn ein Journalist sein will.
‚Das Verlagshaus mit der jahrhundertealtenFamilientradition‘ kompromittiert sich mitseinen Bestsellern einer einzigen Saison.
Berufsangabe ‚Schriftsteller und Publizist‘.Übersetzen wir es so: Ein Schriftsteller ist einAutor, der nicht immer publiziert.
Der Verfasser eines Buches, das sich kritisieren läßt,wird niemals so populär sein wie der Kritiker, dereine ganze Population solcher Verfasser überschaut.
Wahrer Stolz weiß, daß der Erfolgnur eine Herablassung ist.
Die besten und die schlechtesten Bücher sind jene,über die man rasch hinweglesen muß, um nichtdarin zu versinken.
Den Kritiker, dessen gestreckter Zeigefinger bisin die Antike reicht, verstört nichts heftiger als einmoderner Dichter, der lügen kann wie ein Grieche.
Ehrgeiz der Couragierten: von denen gelesenzu werden, die sie verspottet, von jenen gelobtzu werden, die sie verachtet.
Wie viele hat nicht die Furcht vor einem eigenenLeben zur Hoffnung auf eine eigene Sprachegeführt!
Jedermann publiziert, und der originelle Geist,der auffallen will, muß schweigen. Doch auffallenwill ein origineller Geist ja nie.
Die ästhetische Entrümpelung eines Buchladensvon heute würden nur ein paar verstaubteEckensteher überstehen.
Kein Weg zur Poesie ohne ein Leben im Elend!Und doch kann der Poet seine Würde darin finden,daß er sein eigenes Elend weder größer noch kleinerals das der Welt zeichnet.
Durchweg prägnant zu sprechen ist vielleichtnur dem vergönnt, der eine unaussprechlicheBeleidigung im Herzen birgt.
Um Autor eines Hauptstadtromans zu werden,genügt es nicht, ein Publikum von Idiotenvorzufinden – man muß sie auch als Idiotendarstellen.
Die Tagesberühmtheit setzt die Frage, was sie mitihrem Buch gewollt habe, niemals in Verlegenheit.
Heute beginnen intellektuelle Lebensläufe mitdem Hochloben und vollenden sich im Herunter-loben. Weder Mitgelaufenes noch Totgeborenesist vor solchem Lob sicher.
Ein gesunder Mensch schreibt nur, wenn ersich krank fühlt; sein Werk verzeichnet treulichalle Übelkeiten des Verfassers und nichts sonst.Der Ehrgeiz drängt über solche Verzeichnissehinaus; daher die Krankenluft um Werke,deren Autoren immer schreiben.
Der Schriftsteller ist ein Gesprächsverweigerer;es genügt ihm, wenn man von ihm spricht.
Das erste Bekenntnisbuch schreibt man unterTränen, die nachfolgenden kosten nur Schweiß.
Die vernichtende Kritik muß zweierlei leisten: dasBuch zusammenfassen und die Zusammenfassungals lesenswerter denn das Buch erscheinen lassen.
Die Postkarte ist das schwierigste Genre der Prosa.Um eine vollzuschreiben, genügen weder Leiden-schaft noch Brillanz. Zu seinem Glück findet derSchreiber auf der Vorderseite ein Thema für dieRückseite.
In einer Hinsicht bleibt der Kritiker lebens-länglich auf der Stufe des Jünglings, ja des Knabenstehen: Er spricht Dingen Wert ab oder zu,deren Sein er stets schon vorfindet; er findet wieein Halbwüchsiger die ganze Welt fix und fertigvor – mit Ausnahme seiner selbst; daher dieVernichtungswut als sein ursprünglicher Impuls.
Den Ruf eines Schriftstellers können nur dieanekdotischen Schwätzer zerstören, die sein Lebenund sein Werk miteinander vergleichbar machen,ja, die oftmals erst den Blick der Nachwelt aufbeider ganze Dürftigkeit lenken.
Weniger der Reichtum an Banalitäten als derRestgeruch von Macht ist es, was an Politiker-memoiren verdrießt. Wer das Sagen hatte, sollteaufs Schreiben verzichten können.
Romanschreiber verschiedenen Geschmacksmögen einander geringschätzen, Romanleserverschiedenen Geschmacks müssen einanderverachten.
Eine geistige Mode beherrscht eine Zeit erst dann,wenn alle Unzeitgemäßen ihr anhängen.
Am liebsten verreißt man die besonders guten oderdie besonders schlechten Bücher, also jene, die manauch selbst hätte schreiben können.
Ein Kritiker muß, um schreiben zu können,mehr Illusionen über sich selbst haben alsein Romancier – Illusionen über ‚das Werk‘,das er mit seiner Kritik schafft, Illusionen überderen Gehalt an Ideen, Illusionen über die Rolle,die sie in der Welt spielen werden. Ein Komödiantist der Kritiker aber auch wegen der Ausflüchte,die er gegen seine eigene Unlust vorbringt. Wozuschreiben, wenn von Anbeginn feststeht, worüberman schreiben wird? Der Kritiker: ein Komödiantder gelungenen Überraschung durch sich selbst.
Ironie ist das, was sich weder mit Ernstnoch mit Späßen aus der Welt schaffen läßt.
Die Empfindsamkeit dieses Autors steigerte sichbis zur Eitelkeit, seine Eitelkeit bis zur Verblendung,und er begann, an eine barmherzige Öffentlichkeitzu glauben.
Wer mit seinem Herzblut schreibt, solltevon Zeit zu Zeit wenigstens die Feder wechseln.
Der Nachruhm ist oft genau das,was nach dem Ruhm kommt.
Keinen Tag ohne eine Sentenz:Wer kurz atmet, muß es häufig tun.
Der Autor, dem es vor sich selbst graut,hat seinen ersten Leser gefunden.
Anders als in den Gelehrtenschulen reüssierenin den Dichterschulen oft die Sitzenbleiber.
So sehr man sich in Pose werfen muß, wenn maneinen Brief schreibt, so arglos möchte man seindürfen, wenn man einen liest.
Der verkannte Dichter kennt nur diesen Schmerz:Seine Zeit hat nicht erkannt, daß bei ihmausschließlich das Ewige zählt.
Wie entgeht man dem Nachahmer, dem Affenunseres Rufs? Indem man ihn seinerseits nachahmt,auf daß er sich schnell als unser Vorbild zubekennen wagt!
Ironie ist das Hüsteln, Sarkasmus das Nieseneines erkälteten Geistes.
‚Die Widersprüche der Welt‘ sollten das Ergebnis,nicht der Ehrgeiz einer literarischen Darstellungsein.
Ohne eine Prise Bitterkeit bliebe der Stolz salzlos:Chamfort.
Wieviel Lebenszeit verliert man beim Schreiben?Eine Lebensbeschreibung macht den Verlustmeßbar.
Das öffentliche Meinen läßt Dummheit regnen,doch nur das öffentlich-rechtliche Medium kannsie kondensieren.
Von mäßigen Schreibern kann man nie zuweniglesen, denn ihr Schreiben ist ohne Maß.
Auch Preisredner haben ihre schwachen Momente,in denen sie glauben, was sie reden; daraus entstehtder Preisgesang.
Man merkt es diesem Zeit-Kritiker an, daß ernur Zivildienst geleistet hat: kein Wille zumPartisanenkampf, kein Mut zur Totalverweigerung.
Sobald man sich nicht mehr sicher sein kann,ob ein Buch seinen Leser finden wird, muß manvermuten, daß es sich um Literatur handelt; gehtman für das Buch auf Reisen, ist jeder Zweifeldaran ausgeschlossen.
Der korrumpierte Literat will dem Publikumimponieren, der authentische nur der Kritik.
Durch Lob stellt man sich höher als durch Tadel.
Das Faktum einer progressiven Literaturkritikerzeugt die Fiktion einer progressiven Literatur.
Zeitgemäß ist jene Jugendlichkeit, der die Jugend-lichkeit einer anderen Zeit unverständlich bleibt.
Schlechte Literatur löst all jene Probleme,an denen sich die Philosophie vergeblich abmüht.
Mißlungene Aperçus sind wie metaphysischeAxiome: entweder trivial oder falsch.
Nur die Greise aller Epochen könnten einanderverstehen, niemals die Jünglinge.
Der Literaturkritiker, der Aufsehen erregen will,muß den Literaturfreund spielen.
Enthusiasmus ist das Recht der Jungenund die Rettung der Dummen.
Die durch Gesprächsrunden gereichte Erotik-Schriftstellerin ist das selbstbewußte Objekt,das vom Versagen aller seiner Benutzer berichtet.
Kurz und ungenau sein: Erfolgsformel derautokratischen Verfassung wie der literarischenMehrheitsbeschaffung.
Die Krebserkrankung des Prominenten,mit der dieser ‚offen umgeht‘, ist der Tumor,der in die literarische Öffentlichkeit wuchert.
Originell dürfen all jene Klassiker heißen, derenNachahmung zur Lächerlichkeit verdammt.
Der Erfolgsautor ist jemand,der sich seine Leser ausgesucht hat.
Freizeitliteraten arbeiten am professionellsten.
Das Themenheft der Lyrikzeitschrift ist oft daseinzige Grabmal, das eine Literaturepoche ihrenDichtern gönnt.
Wenn der Kritiker träumt,beginnt der Leser zu gähnen.
Kolportage: Ein Leben erklärt das Werk.Klassik: Das Werk erklärt ein Leben.
Von allem Unglück, das den Dichter drückt,ist jenes Unglück, das er seiner Dichterberufungzuschreibt, das banalste.
Aphorismen entstehen dort, wo man die Unter-scheidung zwischen guten und schlechtenAphorismen nicht kennt.
Das Publikum muß seine Denker und Dichterimmer ein wenig mißhandeln, damit dieseglaubwürdig klingen, wenn sie die Meinungendes Publikums verkünden.
Einen Vorzug hat folienverpackte Literatur gewiß:hier ist kein Geruch von Verwesung.
Die professionelle Kritik schult den Geschmacknicht, sie verwaltet ihn.
Vom Poeten möchte das Publikum hören,wie es fühlen, vom Philosophen, wie es denken,vom Prominenten, wie es leben soll.
Mit Wörtern spielen will nur,wer sich noch nie von ihnen bedrängt fand.
Die Unbrauchbaren der Literatur von heute,diese Brauchbaren einer Literatur von gestern,würden gar zu gern als die Unzeitgemäßen gelten.
Unglück ist ein seelisches Gewächs, das seine Blütenur auf dem literarischen Markt entfaltet.
Den Journalisten, der noch niemanden in Verrufbrachte, finden seine Kollegen unfehlbar lächerlich.
Wo die Maßstäbe schwanken, bietet die Bestseller-liste das einzig verläßliche Inventar des Entbehr-lichen.
Dieser Romancier stattet seine Figuren mit sovielen Illusionen aus, daß sie dem Realitätssinnihres Schöpfers applaudieren müßten.
Zu Klassikern ernannte Werke verlieren dadurchnicht an Wert, sie verlieren höchstens an Lesern.
Die Welt kann über einen Menschen erst urteilen,wenn er gestorben ist, die Wissenschaft kannüber einen Autor nur urteilen, wenn sie ihnermordet hat.
Wenn der Schriftsteller es wagt, eine Kritikan ihm zu kritisieren, schreit der Kritiker aufwie angesichts eines entweihten Lasters.
Die meisten der roten Tücher,auf die der politische Publizist losstürmt,hat niemand geschwenkt.
Ein Buch ist dann vollkommen, wenn die Kritik,um nicht albern zu wirken, sich auf ein Referatseines Inhalts beschränken muß.
Der richtige Beifall kommt immervon der falschen Seite.
Lobpreis und Verdammung: Sprachen einer Macht,die weder erschaffen noch vernichten kann.
Was den Kritiker vom Autor trennt, ist wenigerdessen Werk als der Versuch des Kritikers, es zwecksfreier Sicht auf den Autor aus dem Weg zu räumen.
Wenn der Einfältige das Vorzügliche loben odertadeln will, verkündet er, es sei ‚ambivalent‘.
Wohlmeinende Interpreten stürzen sich auf denAutor, der einfach spricht und keine Miene macht,daran etwas zu ändern.
Auf dem Haupt des Strebers erweckt der Lorbeerweniger Mißgunst als auf dem Haupt des Begabten.
Überschwengliches Lob macht aus einemMenschen eine Marionette, vernichtender Tadeleine Mumie.
Der nachgeborene Interpret beurteilt ein Buchnach dessen Titel, der zeitgenössische nach dessenRücktitel.
Ein ursprüngliches Gefühl zeigt sich nur in einerkultivierten Sprache.
Eine Elite von Mittelmäßigen ruht nicht eher,als bis sie den Ruhm einiger Großer von gesternden Massen von heute erträglich gemacht hat.
Menschliche Würde: Dem Protestkünstler zufolgebeweist der Arme sie, wenn er vor Hunger inOhnmacht fällt, und der Reiche, wenn er nachder Orgie seinen Weltekel erbricht.
Bei der Lektüre des einheimischen Klassikerskämpfen Langeweile und Höflichkeit, bei derLektüre des ausländischen Klassikers Langeweileund Schuldgefühl miteinander.
Das Schweigen des Beredsamen wirkt erhaben,das Verstummen des Redseligen weckt Erbarmen.
‚Talente aufzubauen‘ bedeutet als erstes,in die typischen Fehler des Talents einzuüben.
Es kann keine noble Kritik geben. Eine nobleKritik wäre eine, die nicht dem Haß, sondern derVerachtung, nicht der Unsicherheit, sondern demÜberdruß entspränge.
Wer an seine ‚persönliche Sprache‘ glaubt,müßte jedes Wort, das er gebraucht,in Anführungszeichen setzen.
Je weniger das Drama noch als populäres Ereignistaugt, desto mehr wird der Roman zum publizisti-schen.
Die Erfolgsschriftsteller sind die Schönheits-königinnen der Literatur.
Ein Publikum, das die Empfehlung der Kritik alsAufforderung zur Lektüre mißversteht, hat schonmanchen Schriftsteller in Bedrängnis gebracht.
Die wissenschaftliche wie die schöngeistigeLiteratur haben zu atmen aufgehört, wo mannur noch von ‚der Literatur‘ spricht.
Was den Germanisten des 21. Jahrhunderts an derdeutschsprachigen Literatur des 19. Jahrhundertsirritiert, ist die Herrschaft der deutschen Sprache.
Manche Leute sprechen über Bücher, weil sieglauben, sie könnten so über deren Autorensprechen.
Der schlichte Ton langweilt bald, wenn er aus demMunde dessen kommt, der keinen anderen Tonbeherrscht.
Nur in den klassischen Epochen und in denländlichen Gegenden ist der Dichter auch Denker.
Der Schweiß bei der Herstellung des Erfolgs riechtnicht wie der Schweiß des Edlen.
Es gibt keinen Berühmten von heute, der seineBerühmtheit heutigen Ruhmesmaßstäbenzuschriebe.
Der Ernst, mit dem manche an ihre Ironie glauben,hat nicht seinesgleichen.
Realistisch dürfte sich nur der Schriftstellernennen, dessen Texte ausschließlich mitteilen,was er von seiner Klasse weiß – und nicht,was er ihr vorwirft oder nachträgt.
Als ‚brillant‘ gilt meist die literarische Aus-schmückung solcher Ideen, deren philosophischeFormulierung ihre Banalität offenbaren würde.
Wer überall Mittelmaß wimmeln sieht, derüberragt es immerhin um einige Millimeter.
Die phantasievollsten Theaterkritiken stammenvon jenen, die dem Schauspiel von der ersten odervon der letzten Reihe aus beiwohnen durften.
Aus dem Roman ist der Mann bereitsverschwunden. Die Frau wird ihm folgen,mit der üblichen Verspätung.
‚Authentisch‘ sollten nur jene Empfindungenheißen, die nicht des Ausdrucks bedürfen.
Die Übersetzung eines Meisterwerks ist diesublimste Rache am Meister und an seinem Werk,vielleicht auch an der Idee eines ‚Meisterwerks‘.
Unter Mitteilungslustigen wirkt der Schweigsameaufdringlich.
Die empfohlenen ‚Garanten literarischer Qualität‘haben eines gemeinsam: sie sind anstrengend, undsie werfen die Frage auf: warum sich anstrengen?
Klassisch ist, was sich imitieren,romantisch, was sich parodieren läßt.
Wo man die Auferstehung der Literatur feiert,ist meist eine kritische Gottheit ans Kreuz genageltworden.
Den Dummkopf erkennt man daran, daß er‚bedeutend‘ für ein einstelliges Prädikat hält.
Der Brauch, Autorennamen auf dem Buchdeckelabzudrucken, erspart weiterhin manch unnötigeLektüre.
Gemurmel des verkannten Dichters im Messe-gewühl: „Wenn ihr wüßtet, wer hier unter euchwandelt!“
An dem Poeten, der sich von der Philosophie‚inspirieren‘ läßt, rächt sich diese dadurch,daß sie seine Sprache aller Poesie beraubt.
Gefeierte Romane haben es verdient,daß man sie liest, um sie gelesen zu haben.
Was bei den weltläufigen Geistern am meisten
