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Sie gehören also zu den Schönen, Klugen und Erfolgreichen, zu den strahlenden Gewinnern, die schon fast alles erreicht haben. Dann wartet hier das letzte große Abenteuer unserer Zeit auf Sie, das ultimative Wagnis für erfolgsverwöhnte Champions: das Scheitern. Selbstverständlich werden Sie sich auch hier nicht mit kläglichem Dilettantismus zufriedengeben, sondern – wie man es von Ihnen kennt – nach Perfektion und Höchstleistung streben. "Die Kunst des perfekten Scheiterns" ist der ideale Begleiter für diese neue Herausforderung. Das kompakte Standardwerk vermittelt in 52 Lektionen das gesamte nötige Fachwissen, um groß angelegte Projekte effizient und verlässlich in den Sand zu setzen. Lernen Sie, wie Sie sich zuverlässig selbst überschätzen, zielsicher auf glorreich schlechte Ideen setzen und die besten strategischen Fehlentscheidungen treffen, und es wird Ihnen nie wieder schwerfallen, sich vom lästigen Erfolgsdruck zu lösen. Ganz egal, ob es darum geht, die unfähigsten Mitarbeiter ins Team zu holen, sich um ein paar Tausenderpotenzen zu verkalkulieren oder die neuesten technologischen Entwicklungen zu verschlafen – mit diesem unentbehrlichen Handbuch wird es Ihnen leichtfallen, den Olymp des Scheiterns zu erklimmen und die gesamte Konkurrenz in den Schatten zu stellen.
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Christian Rieck
Christian Rieck
52 todsichere Wege zum Misserfolg
Originalausgabe
1. Auflage 2024
© 2024 by Yes Publishing – Pascale Breitenstein & Oliver Kuhn GbR
Türkenstraße 89, 80799 München
Alle Rechte vorbehalten.
Redaktion: Rainer Weber
Umschlaggestaltung: Marija Džafo
Umschlagabbildung: revo9/stock.adobe.com
Layout und Satz: Daniel Förster
eBook: ePUBoo.com
ISBN Print 978-3-96905-313-3
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-96905-314-0
ISBN E-Book (PDF) 978-3-96905-315-7
Entropie: Drum hüte dich vor der Vollendung!
Die hier beschriebenen Techniken sind geeignet, zu Fehlern zu führen, die nicht nur Vermögen, sondern auch Leib und Leben in Gefahr bringen. Das gilt nicht nur für Sie selbst, sondern auch für Ihre Umgebung. Wer Ironie nicht versteht, führe dieses Buch daher bitte umgehend dem Papiermüll zu und wende die beschriebenen Techniken keinesfalls an! Meist, aber nicht immer, ist das Gegenteil dessen sinnvoll, was in diesem Buch steht. Eine Garantie kann somit weder für das Scheitern noch für dessen Ausbleiben übernommen werden.
Die Beispiele lehnen sich zwar meist an reale Ereignisse an, sind aber in jedem Einzelfall verfremdet und manchmal überspitzt, sodass kein Rückschluss auf die ursprünglich beteiligten Personen möglich ist. Ich verlasse mich in meiner Darstellung auf fiktive Personen und Ereignisse, deren Wesen nichts mehr mit der Realität zu tun haben. Falls Sie sich dennoch wiederzuerkennen glauben, sagt das mehr über Sie als über die Absicht des Autors.
Das Scheitern sei mit Ihnen!
Die Zutaten für perfektes Scheitern
1. Überschätzen Sie sich mindestens um den Faktor 10
2. Überlassen Sie auch anderen die Ehre des Misserfolgs
3. Stellen Sie Ihre Ansichten und Ideen keinesfalls zur Diskussion
4. Verraten Sie Ihre Idee ausschließlich demjenigen, der sie sofort ohne Sie umsetzen kann
5. Ideen oder Konstruktionen zu testen ist ein Zeichen von Schwäche
6. Setzen Sie exakte und möglichst unrealistische Ziele
7. Versuchen Sie, möglichst viele Ziele gleichzeitig zu erreichen
8. Ignorieren Sie das Spiel, das wirklich gespielt wird
9. Ignorieren Sie die sozialen Strukturen
10. Werden Sie ein ehrlicher Politiker
11. Wittern Sie überall eine Verschwörung
12. Ihre Vermutungen sind immer unumstößliche Wahrheiten
13. Sie können die Zukunft exakt vorhersagen
14. Hüten Sie sich vor glaubwürdigen Erklärungen
15. Suchen Sie nach Methoden, die schon in der Vergangenheit nicht funktioniert haben
16. Nutzen Sie das Potenzial inkonsistenter Ansichten
17. Beenden Sie nie eine Arbeit
18. Stellen Sie Planen über Machen
19. Ergehen Sie sich in Perfektionismus
20. Mit 100 Prozent Sicherheit zum Misserfolg
21. Mit Grenzwerten zum Misserfolg
22. Nutzen Sie die Macht der winzigen Fehler
23. Das Pareto-Prinzip
24. Die 80/20-Regel der Beziehungen
25. Nehmen Sie auf jeden Fall nur das Worst-Case- oder das Best-Case-Szenario an
26. Werfen Sie regelmäßig alles über den Haufen
27. Seien Sie immer gut informiert, wenn es um Unwesentliches geht
28. Treffen Sie weitreichende Entscheidungen nur dann, wenn Sie emotional aufgewühlt sind
29. Führen Sie harte Gehaltsverhandlungen
30. Entwickeln Sie geschäftlich bloß nichts weiter
31. Suchen Sie sich einen Berater, der Sie in den Abgrund reißt
32. Lernen Sie nichts dazu
33. Arbeiten Sie möglichst viel operativ
34. Misskommunizieren Sie mit Emails
35. Misskommunizieren Sie mit Präsentationen
36. Kümmern Sie sich nicht um die Besonderheiten anderer Länder
37. Setzen Sie sich gegen Kundenbeschwerden konsequent zur Wehr
38. Übernehmen Sie keinesfalls Verantwortung für Ihre Fehler
39. Wenn Sie Chef sind, haben Sie es geschafft!
40. Werden Sie ein richtiger Unsympath
41. Nutzen Sie die Kraft des Groupthink
42. Einfach mal keine Ahnung haben
43. Treten Sie bei Ahnungslosigkeit in eine darauf spezialisierte Partei ein
44. Verlassen Sie Ihren Kompetenzbereich
45. Leben Sie in Ihren Träumen
46. Erlernen Sie destruktiven Pessimismus
47. Glauben Sie immer der Werbung
48. Nutzen Sie das Potenzial der kleinen Betrügereien
49. Betreiben Sie Raubbau an Körper und Geist
50. Nutzen Sie die Macht von Social Media
51. Bereuen Sie nichts!
52. Finden Sie Ihren eigenen Weg des Scheiterns!
Neulich hatte ich eine Begegnung mit einer wahren Meisterin des Scheiterns. Sie war in dieser Disziplin so unglaublich virtuos, dass sie innerhalb weniger Sekunden (ich übertreibe nicht) ein Projekt zum Scheitern brachte, das alle Zutaten hatte, ein großer Erfolg zu werden.
Ich durfte mich nur wenige Stunden mit ihr austauschen, bevor unsere Kommunikation final gescheitert ist, aber sie hat mir in dieser kurzen Zeit einen so tiefen Einblick in ihre Techniken gegeben, dass es mir ein Bedürfnis war, sie aufzuschreiben und der Allgemeinheit zugänglich zu machen.
Weil sie in ihrer Kunst so virtuos war, hatte sie die Sorge, ich könne ihre Ideen klauen. Das habe ich dann tatsächlich auch getan, aber anders als von ihr gedacht. Ich wollte nicht ihre guten Ideen, denn von denen habe ich selbst genug. Die schlechten Ideen waren es, hinter denen ich her war.
Nicht, dass Sie jetzt gedanklich falsch abbiegen. Die Meisterin hatte nicht nur schlechte Ideen. Im Gegenteil, sie hatte überwiegend gute. Aber wie es sich für gekonntes Scheitern gehört, baute sie mit diesen guten Ideen und Ansätzen zunächst ein ansehnliches Gebäude auf, bevor sie ein Feuerwerk abträglicher Methoden zündete und die gesamte Energie der guten Ideen mit einem großen Knall in Schall und Rauch verwandelte. Ein solches Schauspiel kann jeden Beobachter nur in ungläubige Ehrfurcht und Bewunderung versetzen.
Meine Bewunderung ging so weit, dass auch ich unverzüglich bei meinem nächsten Projekt gescheitert bin. Denn ich wollte eigentlich ein Buch schreiben mit dem Titel Siegen, wenn andere scheitern. Aber die Meisterin hat mich erleuchtet: Scheitern ist das neue Siegen. Um der Bedeutung dieses Sachverhalts Rechnung zu tragen, habe ich, in Anlehnung an das englische fail (versagen, scheitern), einen neuen Begriff für diejenigen geprägt, die perfekt scheitern: Failisten. Wie Sie sehen werden, ist der »Failismus« eine eigene Kunstform, die Ihr gesamtes Leben verändern wird.
Sie mögen sich fragen, wieso sich jemand dazu entschließt, scheitern zu wollen. Natürlich deshalb, weil Erfolg profan ist. Erfolg ist überall. Werfen Sie einen Blick auf Instagram und Sie werden feststellen, dass niemand scheitert. Gehen Sie zu einem Klassentreffen und Sie werden sehen, dass alle erfolgreich sind. Sehen wir der Realität ins Auge: Erfolg zu haben ist gewöhnlich. Wer Erfolg hat, schwimmt nicht nur mit der Masse mit, sondern muss am Ende auch noch Steuern zahlen. Der wahre Individualist scheitert, und zwar fulminant.
Neben all den Investmentbankern, Managern und Künstlern sticht nur der Loser hervor, der immer noch versucht, einen Tamagotchi von 1990 am Leben zu halten, den er selbst erfunden und gebaut, aber nie vermarktet hat.
Scheitern ist eine Kunst, die man ebenso erlernen muss wie das Spielen eines Dudelsacks oder das Vergraben von Uranstäben. Natürlich gibt es Naturtalente, aber in seiner unausgereiften Form bleibt das Resultat doch immer amateurhaft. Leider gibt es keinerlei Lehr- oder gar Studiengänge zu dem Thema, und auch die Literatur zum Scheitern ist erstaunlich dünn. Des Weiteren darf man Scheitern nicht mit Sich-mies-Fühlen verwechseln.
Denn auch ein Gewinner kann unglücklich sein. Nur unglücklich zu sein ist noch nicht fulminant, nicht endgültig genug und außerdem nicht sozial anerkannt. Wer unglücklich ist, weil er einen Kratzer im Porsche hat, hinter dessen Rücken wird auf dem Klassentreffen nur gelacht. Nicht gelacht wird über den wahren Loser, der jede wichtige Lebensentscheidung falsch getroffen hat und dem es gelungen ist, ohne Widrigkeiten von außen sein Leben in strahlender Gesundheit und mit schönem Antlitz komplett zu verpatzen.
Damit auch Ihnen das gelingt, lege ich hiermit das erste umfassende Werk zum perfekten Scheitern vor. Um über die Lehren der eingangs erwähnten Meisterin hinauszugehen, habe ich mich in die geheimen Zirkel der wahren Loser eingeschleust und in akribischer Kleinarbeit ihre Methoden analysiert. Ich habe für Sie die Geheimnisse dieser Ausnahmeerscheinungen systematisch zusammengetragen und in 52 einfachen Lektionen kapitelweise aufbereitet. Abgerundet habe ich es durch umfangreiche eigene Experimente, in denen ich die Prinzipien auf perfekten Misserfolg hin praktisch erprobt habe, weshalb ich Ihnen versichern kann, dass sie wirklich funktionieren.
Das Ergebnis dieser umfangreichen Recherchearbeit liegt nun in Ihren Händen und es ist an Ihnen, die Methoden für sich selbst möglichst verlustbringend einzusetzen.
Das Scheitern sei mit Ihnen!
Christian Rieck
Nicht jedes Scheitern ist zugleich perfektes Scheitern. Einfach Pech haben kann jeder; perfektes Scheitern hingegen ist eine hohe Kunst, denn es gehören mehrere Faktoren dazu, die nicht leicht zu kombinieren sind:
Sie müssen das Potenzial für Erfolg haben.
Sie müssen es durch eigenes Zutun vermasseln.
Das Vermasseln darf nicht vorsätzlich erfolgen, sondern Sie müssen im festen Glauben handeln, das Richtige zu tun (idealerweise ohne Selbstbetrug).
Die meisten scheitern schon vor Punkt 1 und kommen damit gar nicht erst in den Bereich des wahren Scheiterns. Dann gibt es die Pechvögel, denen ihr Erfolg ohne jegliche eigene Schuld um die Ohren fliegt und die somit nicht in, sondern an Stufe 2 scheitern. Erst die wahren Könner erreichen schlafwandlerisch die Stufe 3. Das sind diejenigen, die ein Unternehmen wie SAP gründen könnten, aber aus einem Sicherheitsgefühl heraus lieber in einer kleinen Position bei IBM bleiben und von außen zusehen, wie ihre ehemaligen Kollegen Milliardäre werden. Besser noch, die sich anfangs in Sicherheit wiegen, weil das neue Unternehmen natürlich zunächst mit Schwierigkeiten konfrontiert wird, bevor es – ohne sie – richtig abhebt.
Wenn Sie mit einer Rotweinflasche in der Hand die Kellertreppe herunterpurzeln und sich dabei die Wirbelsäule brechen, dann zählt das nicht als perfektes Scheitern, es sei denn, Sie waren auf dem Weg, ein erfolgreicher Weinhändler zu werden, und haben Ihr Geld lieber in Marketing investiert als in die Renovierung der Kellertreppe. Ein unbestritten perfektes Scheitern ist es hingegen, wenn jemand ein berühmter Yogalehrer wird, der jahrzehntelang so eindringlich praktiziert, dass ihm eines Tages bei einem seiner Kurse durch Einnehmen einer besonders raffinierten Asana drei Rippen nacheinander brechen, sodass er ab da nur noch im Liegen unterrichten könnte, wenn er noch Schüler hätte.
Es zählt natürlich auch, aus reiner Ängstlichkeit 10 Prozent der Anteile an einem Start-up für 800 Dollar zu verkaufen, das sich später zum teuersten Unternehmen der Welt entwickelt, wodurch die 800-Dollar-Anteile heute auf einen Wert von etwa 200 Milliarden US-Dollar angewachsen wären.
Ein Grenzfall hingegen ist es, 1000 Bitcoin (dies sind derzeit nur etwa 50 Millionen US-Dollar) auf dem Konto eines Treuhänders liegen zu haben, der sich aber widerrechtlich weigert, das Passwort herauszugeben. Man kann das nur dann als echtes Scheitern verbuchen, wenn man den Treuhänder vorher selbst ausgesucht und seine zwielichtige Vergangenheit übersehen hat. Ein noch besserer Misserfolg wäre es dann allerdings, das Passwort genau dann zu erhalten, wenn ein Bitcoin nichts mehr wert ist.
Doch eine solche Meisterschaft zu erlangen, ist nicht einfach.
Glücklicherweise sind die Techniken dazu wenigstens teilweise erlernbar, und dafür gibt es nun dieses 52-Punkte-Programm. Sie ziehen den größten Misserfolg aus diesem Buch, indem Sie die Lektionen zunächst einmal vollständig durchlesen und dann systematisch nacheinander erlernen, indem Sie sie praktisch anwenden. Es ist Ihnen freigestellt, ob Sie das bevorzugt im Berufs- oder Privatleben tun, aber die maximale Wirkung ergibt sich bei einem geschickt geführten Mehrfrontenkrieg in allen Lebensbereichen gleichzeitig.
Sehen wir uns nun die Techniken des Scheiterns nacheinander an.
Ihnen muss klar sein, dass Sie allen anderen intellektuell so weit überlegen sind wie ein Supercomputer einem Taschenrechner oder wie ein Ozeandampfer einem Schlauchboot. Ohne ausgeprägte Selbstüberschätzung, am besten um mindestens eine Zehnerpotenz, wird Scheitern unnötig erschwert. Selbstverständlich sind noch mehr Zehnerpotenzen hilfreicher, aber das ist etwas für Experten. Beginnen Sie lieber mit realistischen Größenordnungen.
Wenn Sie eine Idee haben, dann ist die so gut, dass eigentlich alle sofort andächtig auf die Knie fallen müssten. Das tun die nur deshalb nicht, weil sie einfach nicht in der Lage sind, Ihre Genialität und Weitsicht zu verstehen. Und wenn Sie eine Entwicklung vorhersagen, dann wird die genau so eintreten, auch wenn immer mehr Beobachtungen dagegensprechen.
Das Schöne an Selbstüberschätzung besteht darin, dass Sie sich hermetisch abriegeln und gar nicht Gefahr laufen, gute Ratschläge anzunehmen oder auch nur an sich heranzulassen.
Aber alle Theorie ist grau, werfen wir einen Blick auf erhellende Beispiele.
Sie sind Vorstand eines altehrwürdigen Kameraherstellers, der derzeit die besten digitalen Spiegelreflexkameras baut. Es steht eine neue Technologie in den Startlöchern, die zwar noch erhebliche Nachteile hat, aber binnen zehn Jahren technisch überlegen sein wird. Das zumindest sagen fast alle Fotografen und Fotoamateure zugleich, die sehnsüchtig darauf warten, dass Sie ebenfalls endlich solche Kameras bauen, auch weil man damit besser Videos aufnehmen kann als mit Ihrer derzeitigen Technik.
Sie aber sind im Besitz der überlegenen Weisheit und erkennen daher als einer der wenigen den Grund, weshalb sich diese neue Technik nie durchsetzen wird: Sie verbraucht mehr Strom, und die derzeitigen Akkus können nur einige Hundert Bilder pro Ladung liefern. Sie sind einer der wenigen auf der Welt, die in ihrer Weitsicht verstehen, dass man keine größeren Akkus bauen kann oder sich gar die Akku-Technologie weiterentwickeln könnte. Deshalb investieren Sie nicht in die neue Kamera-Technologie. Dass Sie damit richtig liegen, sehen Sie auch daran, dass Ihr größter Konkurrent genauso handelt wie Sie; es ist also kein Selbstbetrug nötig.
Erwartungsgemäß scheitern Sie binnen weniger Jahre so perfekt, dass Sie ernsthaft in Erwägung ziehen müssen, den Kameramarkt komplett zu verlassen.
Interessanterweise ist fundierte Branchenkenntnis generell eine exzellente Voraussetzung für perfektes Scheitern. Denn sie begünstigt den Selbstüberschätzungsfaktor, besonders wenn neue Entwicklungen stattfinden. Also dann, wenn es richtig ernst wird und zugleich altes Wissen weniger zählt.
Sie sind dann zum Beispiel Vorstand eines großen deutschen Automobilherstellers und halten eine Beteiligung von 9 Prozent an Tesla, die Sie billig erworben haben, um Tesla durch eine Krise zu helfen. Allerdings verstehen Sie in Ihrer weisen Branchenkenntnis, dass Elektroautos nie wirklich Gewinn machen können, weil sie zu wenig Verschleißteile haben und deshalb zu wenig Reparaturen erfordern würden, was Ihr Geschäftsmodell zunichtemacht. Sie erkennen messerscharf, dass daher ein solches Unternehmen niemals eine Gefahr für Ihres darstellen kann, und verkaufen die Anteile noch vor dem großen Erfolg dieser Marke. Gleichzeitig verbauen Sie sich damit die Möglichkeit, die neue Technologie und das dahinterstehende Geschäftsmodell besser zu erlernen. Selbstverständlich halten Sie den Verkauf selbst dann noch für eine gute Entscheidung, wenn diese 9-Prozent-Beteiligung plötzlich ein Vielfaches ihres Verkaufserlöses wert wäre, nämlich etwa halb so viel wie Ihr gesamter Unternehmenswert, und Sie auf diesem Weg einen Einstieg in den neuen Markt der Elektromobilität gefunden hätten.
Falls Sie nicht ganz so groß einsteigen wollen, kennen Sie sich vielleicht im Einzelhandel sehr gut aus und verstehen, dass Apotheken eine altmodische Branche sind, in der sich in Kürze viel ändern wird. Deshalb setzen Sie Ihr gesamtes Vermögen auf die Karte der Online-Apotheken und sehen zu, wie sich der Wert dieser Investition vervielfacht. Was Sie nicht für wichtig halten, ist die Frage, ob die anderen Aktienkäufer die Gewinnmöglichkeiten dieser Unternehmen richtig einschätzen und ob die Preise nicht inzwischen viel zu hoch sind, gemessen an dem, was man damit verdienen kann. Dann sind 90 Prozent des Höchstkurses und damit Ihres Vermögens weg und Sie um ein perfektes Scheitern reicher. Ohne fundierte Branchenkenntnis wäre Ihnen das wahrscheinlich nicht gelungen.
Wegen der unermesslichen Dummheit Ihrer gesamten Umgebung lässt es sich praktisch nicht vermeiden, dass auch andere Personen einen gewissen Beitrag an Ihrem Scheitern haben werden. Meist liegt es zwar nur an deren kompletter Unfähigkeit, Ihnen intellektuell zu folgen und die Genialität Ihrer Gedanken und Ideen zu erkennen, aber auch diesen Beitrag muss man anerkennen.
Dadurch stecken Sie bei jedem Misserfolg in einer gewissen Zwickmühle. Es wäre jetzt kleinlich, darauf zu beharren, dass Sie das gesamte Fiasko ganz allein herbeigeführt haben. Der Ratschlag kann daher nur lauten, den anderen ebenfalls genug Anerkennung zu geben.
Natürlich werden diese anderen so viel Großmut nicht gewohnt sein und bescheiden abwinken; sie könnten gar behaupten, Sie allein wären die Ursache für das Scheitern. Auch wenn es schwerfällt: Weisen Sie das weit von sich. Gehen Sie ruhig so weit, das gesamte Lob des Misserfolgs den anderen zuzuweisen. Fast sicher werden sie sich in Zukunft revanchieren und Sie irgendwann so auflaufen lassen, dass Sie erneut noch viel größere Misserfolge verbuchen können.
Ein paar konkrete Beispiele lassen das Konzept anschaulicher werden:
Sie haben einen Termin mit Ihrer Chefin und lassen den von Ihrer Assistentin in den Terminkalender eintragen, weil der Umgang mit diesem elektronischen Kalender zu aufwendig ist, um Ihre wertvolle Arbeitszeit damit zu belasten (siehe auch Lektion 32, »Lernen Sie nichts dazu«). Sie unterlässt es an dem besagten Tag aber, Sie ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass Sie sich auf das Gespräch vorbereiten müssen, weshalb Sie selbstverständlich völlig unvorbereitet in das Meeting gehen und keinerlei Kenntnisse über die zu besprechenden Sachverhalte haben. Trotz des nur kleinen Beitrags Ihrer Assistentin zu diesem phänomenalen Misserfolg geben Sie ihr full credit. Woher bitte schön hätten Sie wissen sollen, dass Sie sich vorbereiten müssen, wenn sie es Ihnen nicht sagt?
Ein Kandidat, Ihren Misserfolg als Kamerahersteller aus der vorherigen Lektion abspenstig zu machen, könnte der Vorstandskollege für Finanzen sein. Denn der verbucht nun einen katastrophalen Ausfall des Cashflows, sodass sich die Probleme zuerst in seinem Verantwortungsbereich zeigen, obwohl sie eigentlich fast ausschließlich an Ihrer misslungenen Produktplanung liegen.
