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Frank wird in die Zentrale seines Konzerns gerufen. 'Big Jim', der Boss seiner Bosse, macht ihm ein "Angebot", das er nicht ablehnen kann. Bald findet sich Frank in 'der Sache' wieder - einem Höllenprojekt. Hätte er ablehnen können? Hätte er ablehnen sollen? Hätte er ablehnen müssen? Zur Unterstützung bekommt er diejenigen zugeteilt, die bereits am Rand stehen. Das Team ist ein zusammengewürfelter Haufen aus Verzichtbaren, vermeintlichen Versagern und angeblichen Saboteuren. Was schiefgehen kann, geht schief. Und als ob das nicht genug ist, funkt Jim dazwischen, wo immer er kann. Wird Frank jemals Herr der Lage sein können? Muss er das überhaupt? Schließlich geht es um Wirkung weit jenseits von Werkzeugen und Technologie. Diese nicht ganz fiktive Geschichte erzählt Franks Weg in eine Welt jenseits seiner Vorstellungskraft.
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Seitenzahl: 389
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Für die, die den Weg gehen: Wenn Geld keine Rolle spielt, wer dann?
Hangover in Heathrow
Zentrale
American Airlines Center
Entkommen
AA80
Terminal 5
Doppelte Diamanten
Begossener Pudel
Koffer-Hoffer
Diamanten sind des Spezialisten bester Freund
Alles nichts, oder?
Stockholm, wir haben ein Problem
Dates und Strukturen
Schlangenaugen
Berichte von gestern
Außer Spesen nichts gewesen
Kein Input - kein Output
Visionär Jim
Kloßbrühe
Novemberregen
Budgetplanung
Verantwortung
Klarheit durch Widerstand
Keeping things, stupid?
Reflexionen
Leise rieselt der Schnee
10.000 Stunden
Kerzen erleuchten den ‘Purple Space’
Märkte wie Weihnachten
Scharf!
Herzklopfen
Klopf, klopf
Leinen los!
Alles auf Anfang
Ein Besserwisser
Vorsätze
Was habt Ihr getan?
Statusreport
The Fast &The Furios
Voll daneben!
Curry meets Wurst
Erstgeborene
Wo liegt das Problem?
Lagebestimmung
Shiny, happy people
So viel Zeit muss sein
It’s so easy!
From Dusk till Dawn
Ein perfekter Fehlschlag
State of the Art
Erschöpft und frustriert
Alles hinwerfen?
Ein altes Ross
Ein junger Löwe
Umdenken
Ohne Fleiß kein Preis
Handbücher
Friendly Fire
Wo gehen wir hin?
Potemkins Dorf
Das Rezept
Powers’ Point
Welches Kochbuch?
Zutaten
Zubereitung
Sahnehäubchen
Showtime!
Konfrontationstherapie
Wahre Magie
Prioritäten
Elmsfeuer
Lass los!
Epilog
Wie alles begann
Franks Ausstattung
Die Begriffslandkarte
Die Wissenschaft
Die Kunst
Je suis Frank
Die EgoBarriere
Der geschützte Raum
Der PurpleSpace
Die Frage
Zusammenwirken
Die fünf Formen des Zusammenwirkens
Co-Working
Co-Operation
Co-Ordination
Co-Creation
Collaboration
Die 3. Stimme
Wozu der Aufwand?
Was ist großartig?
Wann ist es soweit?
Soundtrack
Am Ende ist alles großartig.
Und wenn es nicht großartig ist, dann ist es noch nicht das Ende.
“You son of a b****!” dröhnt es aus der imposanten Holztür.
“Offensichtlich holt sich da gerade jemand einen mächtigen Einlauf ab!”, interpretiert Frank die Situation.
Er ist der Nächste in der Reihe vor der Höhle des Löwen.
“Das kann ja heiter werden…”
Frank kennt immer noch nicht den Grund für seine Reise in die Firmenzentrale nach Dallas, Texas. “Wichtiges Projekt” und “Top Secret” waren die spärlichen Hinweise zur Rechtfertigung seiner Reisebuchung.
Jetzt sitzt er hier allein und ahnungslos vor der Tür des ‘Senior Vice President of Information Technology’. Adrenalin pumpt durch seine Adern und füttert einen immer weiter hochdrehenden Kreislauf. Er spürt das Klopfen seines Herzens als Pochen in seinem Kopf. Mit schwitzigen Händen wundert sich Frank, was zum Teufel er hier tut. Ist es wegen seines letzten Projekts?
“Ja, OK, die Kosten waren etwas über dem Budget, aber es gab Umstände, die es erklären …“, legt er sich die Worte zurecht.
“Alles andere sah doch ‘auf den ersten Blick ganz gut aus’. Hat Jim etwas bemerkt, das mir entgangen ist? Ist das nun die Quittung dafür, dass ich damals eine schnelle Lieferung einer tieferen Analyse vorzog?”
Die Tür öffnet sich und die Realität dringt in Franks Bewusstsein. Ein Kollege mit versteinertem Gesicht schleicht an ihm vorbei. Frank kennt ihn nicht persönlich. Die Bruchstücke, die es durch die Tür geschafft haben, genügten um Franks Fantasie zu befeuern. Er kann sich lebhaft vorstellen, was hinter der Tür abgelaufen sein mag. Für Frank genügt das, um in dem unbekannten Kollegen einen Bruder im Leid zu erahnen.
“Come on!”
Die militärisch ungeduldigen Schallwellen treiben Frank gegen seinen Willen in den Raum. Er betritt das Königreich von Big Jim. Die Wände sind dicht bedeckt mit Bildern schneller Autos. Das Sideboard ist garniert mit einem Baseballschläger.
“Wo ist der Zusammenhang?”
“Come on. Take a seat. Sit down!”
Frank schwitzt noch mehr.
“Bemerkt Jim das Zittern? Oder ist das alles nur Einbildung wegen meiner Überdosis Adrenalin?”
“Straight to the topic. That’s how I like my things. Fresh, raw, with a crispy crust, if you know what I mean.”
Frank weiß es nicht.
Bezieht sich das auf Steaks im Besonderen, Mitarbeiter im Allgemeinen oder auf die schlüpfrigen Dekorationen der schnellen Autos? Bilder schwirren durch seinen Kopf, während Frank nur eine Verbindung zwischen all dem sieht.
“Frischfleisch! Is this were it all ends now?” Steht er gerade im Angesicht seines Schlächters?
“Recently, I met Mike from Nike. Hehe - great, isn’t it?”
Frank hat keine Ahnung - sein Kopf ist leer. “Großartig? WTF!”
“Mike from Nike!” wiederholt Jim unnötig. “Rhyming! Do you get it?!”
“Schüttelreim! Mehr als 5000 Flugmeilen … dafür?!”
“However, … I met him at Admiral’s Lounge, you know. By the way, what is your AA-Status? Well, irrelevant … I am Admiral since my first year here in this company. I like to see things moving. Moving is important. Especially, things moving around me.”
“Grobschlächtiger Business Kasper - super Kombi”, kann Frank sich den Gedanken nicht verkneifen.
“Mike is VP eCommerce at his.”
Frank wundert sich über die Anzahl Firmenanteile, die jemand halten muss, um Nike sein Eigen zu nennen.
“Das passt nicht zu der VP-Position … Never mind …”
“They do have this thing going on. They offer registration to their customers.”
“Hä⁇”
“By knowing their customers, they can offer directly to the person. Straight to the point! You know, that’s how I like it.”
“WTF‼” behält Frank besser für sich.
“Well, yes …”, setzt Frank an, “how does this match to our indirect, partner-based sales approach we call the foundation of our tremendous success? We pursue this for more than twenty years now.”
“That’s where you came into my mind.”
“Great!”
“I need somebody to make it happen. When I checked around who in our company could make this happen, always your name came up. Obviously this German guy understands how to go digital.”
“Das war es also.”
Frank ist das Opfer seines vergangenen Erfolgs. Er wurde die Karriereleiter bis hier herauf gezerrt, um sichnun im Auge eines Zyklons wiederzufinden - fokussiert von einem notorischen Narrow-Framer.
Die Sache fühlt sich für Frank gerade vollkommen unerreichbar an. Er hat keinerlei Vorstellung davon, was dieser Jim hier gerade von ihm will.
“Listen! You are not on your own in this. I had a quick call with Srivats this morning. He assured me his full support.”
Frank hat schon einmal mit Srivats und seinen Leuten in Bangalore zusammen gearbeitet. Das Projekt war eine Katastrophe. “Na super!” Kann es noch schlimmer werden?
“OK Jim!”, sind die einzigen Worte, die Frank herausbringt. Es kreisen noch so viele Fragen in seinem Kopf und finden keinen Weg heraus.
“And now, let’s celebrate! What a great start into a new era! It will add my name to the hall of fame, for sure”, stellt Jim nun fest während er seinen muskulösen Arm um Franks Schultern legt. Ohne spürbaren Widerstand schiebt Jim ihre Körper durch den wuchtigen Rahmen der imposanten Tür. Jetzt stehen sie beide an der selben Stelle, an der vor wenigen Minuten der Kollege an Frank vorbei schlich.
“The Dallas Mavericks have the Los Angeles Lakers on court today. I heard, you are a big basketball fan. So let’s go!”
Nach einer viel zu schnellen Fahrt in Jims schwer aufgemotzten F350 Super Duty erreichen sie das American Airlines Center.
“How are ya’ll?”, klatscht Jim die Security ab. Ein verführerischer Geruch von ungesundem Essen erreicht Franks Nase. Eine überwältigende Mischung aus Tacos, Pommes, Würstchen und Cheesesteak. Während Frank noch darüber grübelt, was ihm am meisten schmecken wird, steht Jim bereits mit zwei übergroßen Taco-Schalen neben ihm.
“Come on my German friend, let’s say ‘Hello’ to my special buddy Coach Rick.”
Wie ein Schaf trottet Frank auf dem Pfad, den Jim ihm vorzeichnet. Bald erreichen sie Ihre Plätze hinter der Mavericks Bank.
“Hey Rick, how are ya? Hope you kicked assess of your guys after the disaster loss last week. Don’t want to stand dump with no show-up in front of my German guest!”, schwafelt Jim zum Head-Coach der Mavericks.
“Sure Jim. Though, no one can kick assess better than you”, bemerkt Coach Rick während er Jim mit einem müden Lächeln bedenkt.
“Kicking assess seems to be Jim’s special skill.”
Der heißblütige Jim ist temperamentvoller als das Spiel selbst.
“Hey, Coach, take the slowpoke out. He doesn’t get his ass up!”
Jim brüllt die Spieler an, als sei das der entscheidende Beitrag von dem alles abhängt. Frank windet sich dabei mehr als einmal.
“Wenn er das selbe Verhalten im Projekt zeigt, dann überleben wir nicht mal das erste Quartal.”
In der Halbzeitpause besorgen sich Jim und Frank einen Schluck. Zeit für ein Craft Beer und Smalltalk.
“I can’t wait to finally get into eCommerce. Just let me know if things don’t go well. I know how to accelerate projects!”
“Sure Jim!”, bestätigt Frank gehorsam, während er sich bereits fragt, wie er Big Jims Einmischungen abwehren wird.
“I’m leaving for Germany in four weeks anyway. I’ll take a look at what’s already done. Don’t let me down, Frank.”
“Wie zum Teufel stellt er sich das vor?”, fragt Frank sich rhetorisch. Die Gedanken an das bevorstehende Projekt halten ihn gefangen. Er hört nicht einmal die Sirene zu Beginn der zweiten Hälfte.
“How would I ever get out of this nightmare?” Frank erschaudert: “Habe ich das laut gesagt?”
Am Ende feierten die Mavericks einen souveränen Sieg über die Los Angeles Lakers.
Frank fasziniert die Team-Leistung der Mavericks. Obwohl Dirk Nowitzki der Super Star in diesem Team ist, wirkt es sich nicht so, als erhalte er eine bevorzugte Behandlung. Die anderen wirken auch nicht wie zweitklassige Spieler. Ihr Spiel wirkt so unangestrengt und selbstlos! Frank wünscht sich, sein Projekt wird so laufen. “Aber halt. ‘Selbstlos’ ist nicht das richtige Wort. Es wirkt ja genau deswegen so, weil sie so sind, wie sie sind. Das Spiel ist ihre Selbstdarstellung in diesem Moment. Ohne sie selbst wäre da … ja was eigentlich?” Leider hat Frank keine Vorstellung davon, wie man diese mühelose Leichtigkeit erreicht. Und wenn es ihm gelingt, passt das Ergebnis dann zu den Erwartungen seines Senior VP? “Will Jim auch so einen souveränen Sieg? Und wenn ja, über wen?”
Ein kurzer Blick auf die Uhr lässt ihn zusammenfahren. Es ist bereits 19:35. Er muss sich beeilen. Sein Flug geht um 22:10.
Frank mag den ÖPNV aus dem selben Grund aus dem andere ihn hassen. Man kommt mit Menschen in Kontakt.
Allerdings gesteht er sich nicht mehr als 45 Minuten zu. Das muss genügen für den Transfer zum Flughafen DFW. Er muss direkt zum Punkt kommen, wie Jim das jetzt ausdrücken würde - zum Gate D27 in seinem Fall.
Sollte er Jim bitten? Noch einmal 30 Minuten seiner Aura ausgesetzt? “Nee …”
Taxi? Hmm. Es gibt welche, jedoch in sinkender Zahl. Deren Dienste werden zunehmend unvorhersehbar. Kein Tracking, keine verlässlichen Vorhersagen und eine Art russisches Roulette. Manchmal bekommt man einen Chauffeur und meistens einen Fahrer, der nur seinen Job tut, während er sich um nichts sonst bekümmert.
“Alternativen?”, fragt sich Frank rhetorisch. “Während Uber aus juristischen Gründen weitgehend vom deutschen Markt verdrängt wurde und neben China auch Russland wegen ausgebliebenem Erfolg verlassen hat, ist der Dienst in USA immer noch verfügbar.” Frank faszinieren diese augmentierten Dienste. Sie bieten eine visuelle Nachvollziehbarkeit von Daten, die noch vor 10 Jahren undenkbar erschien. Frank ist auch neugierig auf diese Leute, die sich wie Taxifahrer verhalten ohne welche zu sein.
“Welche Geschichten haben sie zu erzählen?”
Taxi-Gespräche, wie er mit den Jahren herausfand, folgen einem unvereinbarten aber weithin akzeptierten Protokoll. Frank vermutet, das habe sich so herausgebildet seit vor ein paar hundert Jahren die ersten Kutschen das Mitfahren gegen Entgelt anboten.
Jede Taxifahrt in dieser Welt beginnt in etwa so:
1. Ziel?
2. Direkt oder schnell?
3. Gepäck?
Manchmal wird auch der Preis zum Bestandteil der Verhandlungen. Festpreis oder nach Taxameter?
Der Rest des Gesprächs variiert. Es kommt auf die Landeskultur, den Fahrer, die Passagiere und andere Umstände der gegebenen Situation an. “Die Beschaffenheit des Fahrgastraumes hat mehr damit zu tun als die meisten Menschen denken.” reflektiert Frank vor sich hin.
“Während in Kutschen der Vergangenheit Kutscher und Fahrgast voneinander getrennt reisten, teilen sich heute alle Insassen den Raum und schauen in eine Richtung. Wenn man einander gegenüber sitzt, bestehen höhere Chancen für ein Gespräch.” Das kennt Frank von den Tischplätzen der Großraum-Abteile in europäischen Zügen.
“Wenn alle in die selbe Richtung schauen, dann braucht es einen Anlass, um miteinander zu sprechen. Wenn Fahrer und Fahrgast durch ein Fenster oder eine Kabinentür voneinander getrennt werden, dann endet die Kommunikation meist, nachdem der formale Inhalt abgearbeitet wurde”, reflektiert er weiter ohne sich zu wundern, warum er gerade jetzt auf solche Gedanken kommt. Immerhin drängt die Zeit und er sollte sich eigentlich darauf konzentrieren, zum Flughafen zu kommen.
“Sobald die harten Fakten ausgetauscht sind, entsteht diese Stille. Der Kabinendruck steigt. Aus irgendeinem Grund wagt dann keiner zu sprechen”, schweifen seine Gedanken weiter umher.
Frank hat eine Geheimwaffe um dieses Unbehagen zu überwinden und Dinge herauszufinden, die er sonst niemals erfahren würde.
“Wo haben Sie zu sprechen gelernt?”
Er fragt das, wenn er etwas Ungewöhnliches bemerkt. Das kann ein Akzent sein, die Erscheinung oder ein anderes Detail, das vom Stereotyp des Normalen abweicht. Wer auch immer diese Normalität festlegt.
Frank scheint nicht der einzige mit dieser Verhaltensherausforderung zu sein. In Europa gibt es einen Dienst gegen diese unangenehmen ‘Auto-Stille-Situationen’. Der nennt sich folgerichtig ‘blablacar’. Die Leistung des Unternehmens besteht in der Verknüpfung von persönlichen Interessen und Kommunikations-Stilen mit Zielorten und Zeitfenstern. Preis und Verfügbarkeit als altbekannte, veränderliche Parameter werden erweitert um eine Art “weiche Parameter” - neben vorausgesetzten festen Standards wie Sicherheit und gepflegtem Auftreten.
“Jetzt wird’s aber Zeit!” blablacar ist in den USA nicht verfügbar und im übrigen mehr auf Langstreckenfahrten ausgerichtet. “Also, was tun?”
Frank greift zum Telefon und prüft die Verfügbarkeit eines Uber. Glücklicherweise ist da eines in all diesem NBA-Trubel hier draußen. Seine deutsche Seele schnürt ihm die Kehle zu … nur noch 147 Minuten bis Abflug.
Andererseits: er fühlt er sich vorbereitet. Komme was wolle.
Eine durchdringende Hupe reißt Frank aus seinen Gedanken. Er schaut sich um und erblickt einen Straßenkreuzer ganz ähnlich dem Caddy von Boss Hogg in ‘Ein Duke kommt selten allein’ - nur in leuchtendem Rot, aber mit genau so einem paar Hörnern auf der Haube. Schräg, vor allem für ein Taxi.
“Frank?”, ruft ein Typ mit Cowboyhut vom Fahrersitz aus.
“Irgendwie habe ich den schon einmal gesehen …“, denkt sich Frank und fragt ihn ungläubig. “Yes sir. Are You my lift?”
“Yo, sure enough”, antwortet der Typ mit einem verschmitzten Grinsen.
Frank bemerkt einen vertrauten deutschen Akzent.
“Wir schaffen das schon rechtzeitig. Zum Flughafen wollen um die Zeit nur wenige. Da ist wenig Verkehr auf dem Highway. Die Security geht zu dieser Zeit auch fix.”
Frank staunt. Mit einem deutschsprachigen Uberfahrer hat er hier nicht gerechnet.
“Ich heiße übrigens Conny. Alles klar?”
Plötzlich dämmert es Frank. Sein Fahrer war Besetzung in einer ‘not-too-much-scripted’ Reality TV-Sendung. Vor ein paar Jahren wanderte er aus. Conny erkannte damals in der Sendung seine Gelegenheit um weg zu kommen. Er war auch nach der Ausstrahlung eine Art Berühmtheit in Deutschland. Einerseits wegen seiner Art mit den Dingen umzugehen, aber wohl vor allem wegen seiner direkten Hamburger Redeweise. Er wurde für Werbung engagiert, Spin offs und solche Sachen.
“Aehm…”, bringt Frank den Ball wieder zurück in dieses merkwürdige Spiel für zwei Spieler.
Vor ein paar Minuten standen sich noch zwei Mannschaften gegenüber. Jetzt sitzen hier zwei Menschen nebeneinander. Sie steuern einen Ort an, der für jeden von ihnen etwas anderes bedeutet. Ganz so, als spielten sie auf einen Korb und bekämen beide Punkte, wenn sie den Ball versenken. Macht sie das schon zu einem Team?
“Ähem…”, wiederholt sich Frank während er mit seinen Händen einen Kreis innerhalb des Autos beschreibt, “ist das hier nicht ein bisschen übertrieben für eine Fahrt zum Flughafen?”
“Deutsche Effizienz!”, kommentiert Conny abfällig kurz. “Wie habe ich das vermisst.”
“Was sonst?”, erwidert Frank ohne eine überzeugende Antwort zu erwarten.
“Die Ubergebühr ist nur für den Spaß.”
“Hä? Nur zum Spaß?”, entfährt es Frank.
“Ich mache das nicht, um Geld zu verdienen. Uber ist für mich eine Möglichkeit, mit Leuten in Kontakt zu kommen. Ich bekomme einen Teil meiner Kosten ersetzt, während ich Betty hier ausführe.”
Conny streichelt liebevoll über das Lenkrad seines DeVille-Cabrios.
“Diese Begegnungen, die Kontakte zu interessanten Leuten aus aller Herren Länder, die erleichtern mir den Unterhalt für meine Betty. Das ist doch ein guter Deal für alle! Jeder gibt, was er kann und nimmt, was er braucht. Es wäre nicht das selbe, wenn Schatzi und ich hier allein cruisen würden”, erläutert Conny seine Beweggründe, bevor er grundsätzlich wird.
“Jeder, der ein Uber ruft, hat irgendeinen Hilfsbedarf. Indem ich Betty und mich in ihren Dienst stelle, leiste auch ich meinen Beitrag zu einer besseren Welt.”
“Schon wieder diese Selbstlosigkeit. Will mir das Schicksal etwas mitteilen? Was ist hier die Lektion?”
Frank erreicht Terminal D rechtzeitig. Es gibt noch so viel zu fragen. Doch er will er seinen Zeitplan nicht weiter gefährden. Er bezahlt seinen Fährmann und betritt die zombiehafte Realität internationaler Flughäfen. 110 Minuten bis zum Start. Nur noch Gepäck aufgeben.
“Warte mal. Wo ist eigentlich mein Gepäck?” Neben all diesem ‘Walk and Talk’ rund um den Basketball Court vergaß er seine Sachen in Jims Pickup. “Mist!”
“Und nun?” Wäre es eine gute Idee, Jim anzurufen und zu erzählen, was für einen Idioten er gerade beauftragt hat? Einige, schier endlose Sekunden später findet er keinen anderen Ausweg, als Jim mit den Fakten zu konfrontieren.
“Hello, … Jim? … Well, ahem …, It’s so …”, versucht Frank das Thema einzuleiten.
“You forgot your baggage”, kommt Jim zum Punkt.
“Ahhh, … yes”, muss Frank zugeben.
“Don’t worry! I already noticed. - Got your papers? - Got your phone? -That’s all you need. I take care of all the rest.”
“Thanks so much Jim!”
“Catch your flight, enjoy your time, and the rest is up to me. You are under my wings now, my German Wunderkind. You are my man. Never forget!”
“Ohh, that’s all?”, bleibt Frank alleine zurück.
Er hat seine Durchsage gemacht und aufgelegt. Für Jim ist die Sache längst erledigt.
“Sometimes it is nice to have such a powerful support - straight to the need. Sometimes, not always …”
Die Sicherheitskontrollen verlaufen schnell wie erwartet. 80 lange Minuten verbleiben bis Frank in den Wolken verschwinden und der Sonne entgegen fliegen wird. Der Einstieg soll in ein paar Minuten beginnen. Das Personal bereitet sich vor. Sie vergleichen Listen und sprechen zu irgendjemandem über Handfunkgeräte. Es gibt bereits eine lange Schlange vor dem Ausgang. “Noch genug Zeit für ein weiteres Craft Beer”, entscheidet Frank beim Anblick der kleinen Bar neben dem Ausgang.
Das Bier tut seine Wirkung. Schon beim ersten Schluck verknüpft sich dieser Moment mit dem letzten Bier in der Halbzeitpause. In Franks Kopf kommt alles zusammen.
“So wichtig wie es für Jim ist und so viel Hilfe er angeboten hat …”
Frank fürchtet sich davor, die Erwartungen zu enttäuschen.
Nach einem pünktlichen Abflug rundet Frank die übliche Pasta mit einem weiteren Bier und einem zusätzlichen Whiskey ab. Dann fällt er in einen unruhigen Schlaf.
Er hört jemanden in sein Notebook tippen. Weitere Tastaturen ergänzen den Mix. Der Rhythmus der Tastaturen wird schneller. Frank sieht bleiche Gesichter in das blaue Licht der Bildschirme starren. Niemand spricht während der Takt der Tastaturen schneller wird. Stimmen aus den Bordlautsprechern vermischen sich mit dem rhythmischen Klackern:
“Howdy, Jim speaking!”, tönt es in diesem Ton, der freudig klingen soll, aber ausdrückt: ‘jetzt seid ihr dran!’
“Go faster guys! You need more progress. Is that all you can do?”
“PULLT! PULLT! PULLT IHR MADEN!”
“Wie zum Teufel kommt Jim in das Flugzeug? Warum schreit er wie Ahab auf der Jagd nach dem Wal?”
Plötzlich fängt ein Laptop Feuer, Fluggäste schreien und Panik breitet sich aus.
“Go faster!”, treibt Jim weiter an.
Einige Menschen drängen in die Gänge während andere weiter in ihre Tastaturen hämmern.
Jemand rüttelt Frank an seiner rechten Schulter. “Sir! Sir! Everything OK with you?”
Durch halb geöffnete Augen blickt Frank in das mitfühlende Lächeln seines Sitznachbarn.
“Seems you had a pretty bad nightmare. When you screamed ‘Run! Escape from this hell!’ I better woke you up. Here’s breakfast, I kept for you. We will prepare for landing in a couple of minutes”.
Frank krächzt ein “Thank you”, während er beginnt die Situation zu erfassen. Hat er die ganze Sache mit Jim nur geträumt? Was ist wirklich?
“Was ist Realität überhaupt?” Sein Geist hängt im Dunst. Alles ist gerade so nebelig wie die Wolken da draußen.
Während er auf einem lauen Bissen Rührei herumkaut, bemüht sich Frank die Erinnerungen an die letzten 24 Stunden zusammenzusetzen. Er bekommt keinen Griff dran.
Ein kleines blaues Tütchen erscheint in seinem Blickfeld. Sein Hirn beginnt, die Buchstaben zusammenzusetzen:
ALKASELTZER
“I guess you need a little side to your breakfast.” Der Sitznachbar grinst wissend.
Frank reißt die Verpackung auf und lässt die kleine Brausetablette in das Wasserglas gleiten.
“My job is soon going to dissolve like this …“, erinnerte ihn sein Hirn an ‘die Sache’.
“Merkwürdig. Dieses Projekt ist so speziell, es funktioniert sogar ohne Namen.” Das hat Frank bisher noch nicht erlebt. Normalerweise denkt sich immer irgendeiner so eine doppeldeutige Abkürzung aus. Damit ist dann schon mit drei bis fünf Zeichen alles gesagt. ETA 12:00 - Wenn wir liefern ist es “High Noon” wäre so eine Doppeldeutigkeit. “Nur einer verlässt den Ort lebend” wäre die damit gemeinte und vollkommen übertriebene Sinnaufladung aus der Führungsetage. Wohingegen es auf Franks Ebene bedeuten würde: “Electronic Transfer Agent v.12.0” ein unspektakuläres Skript, um Daten von einem Ort zum anderen zu bringen.
Frank leert das Glas in zwei Zügen. Es erscheinen die Worte “Wohlwollen, selbstlos” im Strudel seines Kopfes.
Erschöpfung lässt sie entschwinden und ihn ein weiteres Mal einnicken.
Ein kurzer Stoß reißt Frank aus dem kuscheligen Nichts. Sie sind gelandet.
Die Kabinenbesatzung spult ihre üblichen Ansagen ab: “Welcome to London Heathrow. Please remain seated until we reach our parking position and the ‘fasten seatbelt’-signs go off.”
Ein hämmernder Beat dröhnt durch Franks Kopf.
Hangover in Heathrow!
Im Überlebensmodus durchquert Frank Gate 3, erhält sein Ticket für den Anschlussflug und trifft im Terminal 5 ein.
Das Security Team schenkt dem verkaterten Kerl ein mitleidiges Lächeln.
Wie in Zeitlupe streift Frank durch den Hauptgang des Terminals; vorbei an Duty Free Shops und Boutiquen. Ein Schild mit grünem Kreis und einer Meerjungfrau lenkt den Autopiloten.
Die Hammerschläge in Franks Kopf vermischen sich mit seiner inneren Stimme zur ‘Bittersweet Symphony’. Die Melodie treibt ihn über die industriell geebneten Wege, vorbei an den Übergängen in andere Welten.
Die Stimme skandiert “Kaffee! Kaffee!”.
Als Frank sich nähert, bemerkt er eine lange Schlange am Schalter. Er ist ohnehin kein Fan des Rösters aus Seattle. Er wendet sich ab und die Stimme schreit immer lauter:
“KAFFEE, KAFFEE, KAFFEE!”
Sein Kopf droht zu explodieren. Er streift umher … vollkommen neben sich.
Wortfetzen mischen sich unter die Symphonie. “I need somebody to make it happen … Don’t let me down, Frank… You are my man.”
Die Schlinge unbeantworteter Fragen zieht sich immer enger.
“Wie kann ich das alles angehen?”
“Wie soll ich das jemals schaffen?”
“Wie liefere ich etwas Vorzeigbares in nur 4 Wochen?”
“Werde ich am Ende des Quartals noch meinen Job haben?”
“Warum nur ich?”
Wie aus dem Nichts steht er vor einem Coffee Shop: ‘Giraffe’.
Ein Barista grüßt: “Hello Sir, what can I do for you?”
“Coffee please, no milk, no sugar. Thanks!”
Ein weiterer Strom von Fragen löst sich in seinem Hirn und fließt solange bis der Duft von frisch gebrühtem Kaffee auf seine Nase trifft. Die Kreditkartenzahlung verläuft reibungslos und Frank sucht nach einem Platz. Fasziniert von der übergroßen Giraffen-Skulptur stößt er an einen Tisch. Wie in Zeitlupe sieht er eine große Welle Kaffee seine Tasse verlassen. Seine Augen folgen der Woge bis sie bei zwei smaragdgrün leuchtenden Augen einrasten.
“Wow, I’ve never seen such lightning green eyes”.
Der Augenkontakt fühlt sich wie eine Ewigkeit an. In Wirklichkeit war es eine Sache von Millisekunden bevor er und die blonde Dame auf den braunen Fleck auf der weißen Bluse starren.
“Oh my god! I’m so sorry!”, brabbelt Frank und schaut sich nervös um, “Let me go and fix this mess!”
Der Hammer in seinem Kopf treibt ihn zu den Tüchern am Tresen.
”#Laeuft!” denkt Frank, während er eine handvoll Servietten ergreift.
Als er sich umdreht, um zum Tisch zurückzukehren ist die mysteriöse Dame verschwunden. Der einzige Beweis ihrer Existenz ist eine handbeschriebene Visitenkarte:
“Moin Frank!”, reißt ihn die nasal schnarrende Stimme des Pförtners aus seinen Gedanken um das Projekt ohne Namen. Der Herr mit den grauen Haaren, dem gepflegten Henriquatre und der Hornbrille lächelt wie immer freundlich und setzt damit einen Kontrapunkt zur kühlen Atmosphäre des Eingangsbereiches mit grauen Wänden und weißen Ledermöbeln. Mit einem mürrischen “Moin Heinz!” passiert Frank den Empfangstresen und verzichtet heute auf den üblichen kurzen Plausch.
Der seit Tagen anhaltende Regen drückt seine Stimmung. Am meisten ärgert Frank, dass sein Koffer noch nicht aus Dallas angekommen ist. Ohne seine lässigen grünen Nike Cortez Sneaker mit dem weißem Swoosh fehlt ihm einfach was. Frank hatte sich die Schuhe vor Kurzem im Onlineshop mit seinen Lieblingsfarben konfiguriert und mit seinen Initialen individualisiert. In der Welt der Sportartikel ist man schon bei der Produktion von Losgrösse 1 angekommen. Das wirkt sich positiv auf die Marge des Produkts aus. Auch sonst kauft Frank mittlerweile so gut wie alles online. Nur für Lebensmittel setzt er noch auf den Gang über den Markt, sowie den Bäckern und Metzgern seines Vertrauens. Er möchte einfach nicht auf ein kurzes Gespräch mit den ‘Originalen’ verzichten. Die Atmosphäre ist nicht mit der beim rationalisierten Einkauf über eine Shopseite zu vergleichen. Wie ein Onlinebusiness aussieht ist Frank klar. Wie man Direktvertrieb über das Internet realisiert, davon hat er bisher keine Ahnung. Wie Jims Erwartungen konkret aussehen, ist ihm ebenfalls unklar. Einen Anruf erspart sich Frank noch. Seinen ersten Arschtritt wird er sich schließlich noch früh genug abholen.
Seit seiner Rückkehr wühlt sich Frank durch verschiedene eCommerce Frameworks und recherchiert wie andere ein B2B Business über das Internet realisieren. In seiner Branche setzen noch alle auf den klassischen Vertrieb. Der Erste in diesem Bereich zu sein bereitet ihm Unbehagen. Braucht das jemand? Wer braucht das? Und welches Problem wird damit gelöst?
Auch am Ende dieses Tages schwirrt ihm der Kopf. Unmengen an Informationen und Daten kreisen umher. Es fehlt eine Struktur, in die sich all das Gelesene einordnen lässt.
“Moin Frank! Na, immer noch traurig wegen deiner schicken Schühchen?”
Wo nimmt dieser Typ nur seine gute Laune her? Franks Stimmung ist auf dem absoluten Nullpunkt angekommen. Wie kommt er gerade jetzt auf seine Nike Treter?
“Schon recht Heinz, streu nur schön Salz in die Wunde.”
“Komm mal her, Frank.”
Mürrisch stoppt Frank seinen Marsch zum Spender des braunen Lebenselixiers und lehnt sich über den Empfangstresen.
“Ist das deiner hier?”, deutet Heinz auf einen mit Versandaufklebern gepflasterten Koffer hinter dem Empfang. Zum ersten Mal seit seiner Rückkehr aus Texas huscht Frank ein Lächeln über das Gesicht.
“Jo, sicher ist er das. Mensch Heinz, endlich habe ich meine Lieblingssneaker zurück.”
“Na siehst du. Ich bewahre ihn noch bis heute Abend hier auf und dann nimmst du ihn mit.”
Im Büro angekommen, wirft sich Frank beschwingt in den Sessel und macht sich ans Telefonat mit Srivats, dem Leiter des indischen IT Teams. Frank muss nicht lange erklären um was es geht. Jim hatte ihn bereits ins Bild gesetzt. Srivats sagt Frank auch sofort die volle Unterstützung zu. Zwei seiner besten Leute, Rajesh und Shalini, könne er für das Projekt haben. Das war nicht anders zu erwarten. Jim ist der Meister in extrinsischer Motivation. Vorauseilender Gehorsam ist da erfahrungsgemäß die beste Medizin. Yes, Jim. Sure, Jim. As you like it Jim. Das hat sich über die Jahre bewährt, um sich Leute wie Jim vom Hals zu halten.
Srivats und sein Team sind Könner im Coding von Websites. Mit eCommerce haben sie bisher nichts am Hut. Der Relaunch der Website des Unternehmens ist immer noch in vollem Gang. Es bleibt abzuwarten, wie viel Zeit die Kollegen aus Bangalore für Franks Projekt erübrigen können.
Jemand aus dem Vertrieb brauche ich noch. Die sind schließlich dem Kunden am nächsten.
Mit dem Leiter des deutschen Vertriebs hatte Frank bisher nichts zu tun. Deshalb schreibt er eine Email. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten.
Frank,
bin gerade viel zu busy. Vereinbare bitte einen Termin mit meiner Assistentin Maja.
BR, Jan
Nach einigem Hin und Her mit Maja, kann Frank einen Termin zum Mittagessen in fünf Wochen heraushandeln. Das war nicht gerade nach Franks Vorstellung von #läuft!
Mindestens fünf Team-Mitglieder möchte Frank, um bis zum Besuch von Jim etwas Vorzeigbares vorzuweisen. Am Nachmittag konnte Frank eine halbe Stunde beim Bereichsleiter IT Deutschland ergattern. Den hatte er direkt nach seiner Rückkehr informiert. Seit seinem letzten Projekt hat er beim Chef seines Chefs beste Karten. Der Auftrag von Jim hat vermutlich sein Übriges getan.
Der Bereichsleiter empfiehlt ihm Lina, eine Entwicklerin, die schon eine ganze Weile im Unternehmen ist. Erstaunlicherweise hatte Frank bisher nie mit ihr zu tun. In der Kaffeeküche meint man, Lina sei eine schwierige Kollegin. In ihrem letzten Projekt sei ihr alles egal gewesen und die Teammitglieder lassen kein gutes Haar an ihr.
“Na das kann ja heiter werden. Vielleicht war der Bereichsleiter deshalb so kooperativ? War das Projekt ohne Namen vielleicht das gefundene Fressen um den Abgang einer Troublemakerin vorzubereiten? Aber was wäre die Alternative?”
Frank muss nehmen was er kriegen kann, um zumindest den Hauch einer Chance auf das Überleben zu haben. Vier Namen stehen auf der Besatzungs-Liste. Mehr ist vorerst nicht drin. Nun ist es an der Zeit, das Projektziel zu schärfen.
Frank macht, was er immer in solchen Situationen macht. Er sucht sich den Fachmann. In seiner Firma gibt es für das Abarbeiten von Projekten ein etabliertes Vorgehen. Zunächst bestimmen Spezialisten, was zu tun ist: Lasten- und Pflichtenheft. Dann kommen die Techniker und setzen die Spezifikation um. Danach geht es in die Produktion und von dort werden die Kunden beliefert, die beim Vertrieb geordert haben. Das ist die Grundlage ihres Erfolgs. So sind sie groß geworden und erfolgreich geblieben.
Das hier ist anders. Normalerweise weiß Frank genau, was zu tun ist. Die Produkte, die er sein Team umsetzen lässt sind Weiterentwicklungen aus den Vorgängerversionen. Immer besser, immer schneller, immer günstiger in der Herstellung.
Frank hat keine Ahnung, wie er mit Jims Auftrag umgehen soll. So etwas hat er noch nicht gemacht. Er braucht Hilfe von anderen Spezialisten als denjenigen, die er sonst um sich hat. Auf der Intranet-Seite des Unternehmens findet er eine Beschreibung dessen, was das hier sein könnte. Er wendet sich an die dort aufgeführte Spezialistin für Design Thinking.
Constanze ist 29 Jahre alt, hat Wirtschaftsingenieurwesen studiert und ist promoviert. Das beeindruckt ihn. Was genau daran, kann er nicht sagen. Sie ist jung, gut ausgebildet und mit nachgewiesener Kompetenz. Kann da noch etwas schiefgehen? Für Frank sieht das wie eine sichere Sache aus.
Er selbst ist Ingenieur für automatisierte Verfahrenstechnik. Da wird sich schnell eine gemeinsame Sprache finden lassen. Die Worte gehen ihm flugs von der Hand, während er um einen ersten Termin bittet.
Hallo Conny,
ich habe da diesen Auftrag von Jim. Wir sollen eine Lösung finden, wie wir unsere Kunden direkt ansprechen können.
Wann können wir uns treffen?
Frank
Die Antwort kommt prompt.
Hallo Frank,
ich weiß, wir haben diese Policy. Wir sollen uns mit dem Vornamen anreden wie die Amerikaner. Da kann ich mitgehen.
'Conny' bin ich deshalb noch lange nicht für Dich.
Sorry, Frank.
Mein Kalender ist gepflegt. Bitte stell mir einen Termin ein.
Constanze
Dr. Ing. - Design Thinking Specialist
Umpf! Weit entfernt von #läuft!
Erstaunlich wie ungerührt sie auf die Erwähnung von Big Jim reagiert. Ist sie vielleicht noch nicht lang genug im Unternehmen? grübelt Frank während er ein Zeitfenster sucht, in dem beide noch nicht belegt sind. Der erste freie Termin ist in zweieinhalb Wochen. Na super! Was mache ich bis dahin?
Die folgenden Tage verschwinden in einer Anomalie der Lebenswirklichkeit, die im Deutschen mit dem Begriff ‘Regeltätigkeit’ bezeichnet wird. Es handelt sich dabei um einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum, der vor allem wegen seiner Raumzeitlosigkeit schwer zu erkennen ist. Diese sogenannte ‘Regeltätigkeit’ besteht darin, die Berichtswege zum stets nachrichtenhungrigen oberen Ende der Karriereleiter mit Aktivitätsbeweisen der eigenen Untergebenen zu pflastern. PowerPoint, Outlook und Excel weisen den Weg. Am Ausgang dieses Wurmlochs wartet der Besprechungsraum ‘Oder’ auf Constanze und Frank.
“Hallo!”, begrüßt Frank die junge Kollegin zwei Wochen nach ihrem Erstkontakt. “Unser Start war nicht so glücklich. Vielleicht können wir daraus etwas machen. Das könnte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft werden.”
“Könnte es”, antwortet Constanze knapp, “Muss es das?”
Frank reagiert sichtlich irritiert.
“Bin ich hier um Freunde zu finden oder zum Arbeiten?”
“Nun ja”, bemüht sich Frank die Situation abzumildern. “Es hilft schon, wenn man auf der persönlichen Ebene miteinander klarkommt.”
“Freundlichkeit ist ein Zeichen von Schwäche, pflegte mein Professor zu sagen.”
Frank stöhnt leise auf.
“Wie auch immer, lass uns zum Punkt kommen!” Constanze klappt ihr Tablet auf und schaut Frank erwartungsvoll an.
“Also …”, ringt Frank mit der Sache, “Jim hat mich beauftragt einen direkten Zugang zu unseren Kunden zu schaffen. Er will sie in Zukunft direkt ansprechen können.”
“OK. Wieviele Kunden haben wir?”
“So etwa 30 Aktive.”
“Dann soll er sie zum Essen einladen. Warum beschäftigen wir uns damit?”
“Naja. Also irgendwie glaube ich, dass ‘Kunden’ nicht genau das ist, was er meint.”
“Was meint er dann?”
“Ich glaube, er will eher neue Kunden erreichen.”
“Für Glauben gibt es Religionen. Was will er denn nun?”
“Also, ich denke, er will diejenigen direkt ansprechen, die unsere Produkte kaufen.”
“Und was führt dich zu dieser Schlußfolgerung, Frank?”
“Wieso ‘Schlußfolgerung’?”
“‘Also’ ist eine Verbindung zwischen Voraussetzung und logischem Schluss daraus.”
Das wird anstrengend!, denkt er, während er mit den Schultern zuckt.
“Ich weiß es nicht. Jim hat es nicht so genau gesagt. Und ich habe es nicht gefragt.”
“Und nun stehen wir mit leeren Händen da”, schlußfolgert Constanze messerscharf.
“Ja so ist es wohl.”
“Wohl?”
“Wohl?”
“Wie ist es denn genau?”, verstärkt Constanze die unangenehme Situation.
“Ich kann es nicht sagen. Ich habe keine Ahnung wie es ist und ich habe keine Ahnung wie es sein soll”, gibt Frank kleinlaut zu.
“Irgendetwas soll anders werden. Mehr habe ich bisher nicht verstanden.”
“Gut!” Die Miene von Constanze hellt sich auf.
“Gut?”
“Ja. Gut! Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung. Sagt man doch so.”
“Tja …”, pflichtet Frank bei, “aber was ist jetzt gut daran?”
“Wir laufen nicht einfach so los und machen, was wir immer machen.”
“Oh!” Bei Frank kommt ein Erkenntnisprozess in Gang.
“Wir wissen, dass wir nichts wissen.”
“Das kenne ich doch irgendwoher …”
“Jetzt müssen wir nur herausfinden, was wir wissen können und was wir wissen sollten.”
“Wo ist der Unterschied?”, fragt Frank - mehr sich als sie.
“Was wir wissen können ist das, was bereits jemand herausgefunden hat. Mit Glück wurde das sogar aufgeschrieben. OK, genauer: mit viel Glück wurde es aufgeschrieben. Das meiste Wissen, was man haben könnte, wird nicht aufgeschrieben. Und das meiste vom aufgeschriebenen Rest wird nicht gut verzeichnet, sodass man keinen Zugang dazu findet, selbst wenn man es dürfte. Das allerwenigste dessen, was wir wissen könnten, steht uns also zur Verfügung.”
“Puh!”, schüttelt sich Frank, “das sind ja trübe Aussichten.”
“Ja und nein”, muntert Constanze ihn auf. “Wir können es herausfinden. Um gezielt zu suchen, müssen wir zunächst herausfinden, wonach wir suchen sollten.”
“Und was könnte das sein?”
“Im Design Thinking geht es darum, herauszufinden, für wen wir arbeiten.”
“Ha! Das ist leicht. Ich habe von Jim den Auftrag erhalten.”
“Bullshit!”, unterbricht Constanze.
“Bullshit?”
“Wir stellen ein Produkt her, was wir über den Vertrieb und unsere Kunden an jemanden absetzen, den man gemeinhin als ‘Verbraucher’ bezeichnet. Es gibt da draußen also Menschen, die etwas mit unseren Produkten machen. Wissen wir, was die Leute machen? Und was noch viel wichtiger ist: wissen wir, was die Leute brauchen?”
“Nein!”, stellt Frank überzeugt fest.
“Also müssen wir zunächst herausfinden, was die Leute brauchen, damit sie mit unseren Produkten Nutzen erzielen können.”
“Das bekomme ich hin. Ich werde herausfinden, was die Leute brauchen.”
“Das ist gut”, leitet Constanze das Ende des Termins ein, “Beim nächsten Mal wünsche ich mir deutlich mehr Greifbares. Zahlen Daten Fakten - ZDF! Daten sind unser Rohstoff. Das ist der Abfall, den wir pressen und schleifen bis Brillanten daraus werden.”
Frank fühlt sich vorgeführt wie ein Schuljunge. Aber sie hat Recht. Vor lauter Aktionismus im Würgegriff von Big Jim hat er die eigentliche Aufgabe vollkommen aus dem Blick verloren. Verloren? Ehrlicherweise muss Frank zugeben, noch nie eine Ahnung davon gehabt zu haben, was diese Sache eigentlich sein soll.
“Vielen Dank!”, beendet Frank das Treffen. Für heute ist er bedient. Er packt seine Sachen und macht sich auf den Weg nach Hause.
Ping - die Aufzugtür öffnet sich im Empfangsbereich.
“Wie siehst du denn aus?”, wundert sich Heinz. Frank ist immer noch damit beschäftigt, das Erlebte zu verarbeiten.
“Was für ein Tag!”, leitet Frank die Erklärung ein, “Ich hatte gerade einen Termin mit einer unserer ‘High Potentials’. Darauf war ich überhaupt nicht vorbereitet. Die hat mich ordentlich durch die Mangel gedreht. Ich stand am Ende mit nichts da. ZDF wollte sie von mir. Ich soll ihr das nächste Mal Zahlen, Daten, Fakten bringen.”
“Die Dummen kennen die Fakten, die Klugen die Zusammenhänge”, liefert Heinz ihm das Dressing zu seinem Kopfsalat.
Frank fühlt eine weit entfernte Nützlichkeit in diesem Kommentar. Worin sich das ausdrücken wird, ist ihm noch vollkommen schleierhaft.
“Ja, so ist es wohl. Danke dir”, lässt ihn sein Unterbewusstsein sagen, während er weiterhin gedankenversunken dem Ausgang entgegen läuft.
“Vielleicht solltest du heute lieber die Bahn nehmen”, ruft ihm Heinz noch hinterher.
“Ja, werde ich”, antwortet Frank, während er seinen Autoschlüssel hervorkramt.
Der zähe Feierabendverkehr lässt ihm genug Gelegenheit, das Erlebte Revue passieren zu lassen. Ohne seinen Stop-and-Go-Assistenten wäre er wohl eine Gefahr für die Verkehrsteilnehmer in seinem Umfeld.
Ping - Der Aufzug kommt im zehnten Stock an. Frank schlurft an seinen Arbeitsplatz. Nach dem üblichen Zwischenstopp an der Kaffeemaschine spult er seine Morgenroutine ab.
Laptop aufklappen, Mailclient starten und Emailschecken. Wenn es gut läuft, kommt er heute zu etwas. Wenn nicht, bleibt er den ganzen Tag genau dort, wo miese Tage ihren Anfang nehmen:
Posteingang
Unter den zahlreichen Emails erkennt Frank sofort die Nachricht von Jim.
Hi Frank,
Arrival in Germany tomorrow. Can't wait to see first results.
See you for the project review at 10.00am. Room Elbe.
Jim
Mist! Den Besuch von Big Jim hat sich Frank nur allzu bereitwillig durch die Alltagsgeschäfte aus seinem Bewusstsein verdrängen lassen. Panik kommt in ihm auf. Was soll er Jim eigentlich zeigen? Das spärlich zusammengesetzte Team? Seine Recherchen zum Thema eCommerce? Oder die Erkenntnisse aus dem Termin mit Constanze? ‘Wir wissen jetzt, dass wir nichts wissen.’ Super! Das wird Jim sicher gefallen. Mit viel Glück kommt er mit einem kräftigen Arschtritt aus der Nummer. Wahrscheinlicher ist, dass Jim sein ‘German Wunderkind’ ordentlich durchden Fleischwolf dreht und von beiden Seiten grillt. Seinen Kaffee bekommt Frank in ein paar Wochen vom Automaten im Jobcenter.
Also Powerpoint auf und zeigen, dass Frank nicht untätig war. Erstmal ein paar Folien zum Thema eCommerce. Jim soll sehen, dass das Thema nicht einfach ist und bisher niemand in der Branche so etwas gemacht hat. Im Anschluss eine Folie zur Teamzusammenstellung. Dass der liebe Herr Sales Director bisher nicht mitspielt, lässt Frank lieber unerwähnt. Man muss den deutschen Standort nicht schlecht dastehen lassen.
Aber wie bringt man Jim Design Thinking bei? Vielleicht sollte man ihm erstmal die Methode erklären. Das findet er bestimmt gut. Jim ist hoffentlich nachsichtig, dass das Team etwas mehr Zeit zum Verständnis des Kunden braucht. Die Uhr an Franks Laptop zeigt 20:30 Uhr. Hat er wirklich den ganzen Nachmittag mit der Folie zum Design Thinking Prozess verbraten? Frank quält sich ein weiteres Mal durch den ganzen Foliensatz und korrigiert Formatierungen. Jim soll auf den ersten Blick erkennen, dass sich sein Wunderkind Mühe gibt.
Um 22:00 Uhr verläßt Frank das Büro. Zu Hause lässt er sich auf die Couch in seinem Wohnzimmer fallen.
Sein Blick wandert zum Smartphone. ‘6:30’ steht da.
Na super, mal wieder nicht ins Bett geschafft. Spitzenvorbereitung auf einen wichtigen Tag!
Ein Regentanz mit ‘hansgrohe’ muss ihn jetzt wieder in die Spur bringen. Tage wie dieser sind seine Rechtfertigung für den horrenden Betrag damals - es ist schließlich mehr als eine Handbrause.
Auch an diesem Morgen wird Frank mit einem lauten “Moin!” vom Empfang begrüßt.
“Moin Heinz! Drück mir heute bitte die Daumen. Sonst kannst du bald meinen Nachfolger begrüßen.”
“Wird schon schiefgehen, Frank. Und immer dran denken: Was einer Erklärung bedarf, ist eine Erklärung nicht wert.”
Der freundliche Pförtner hat für Frank und seine Kollegen immer eine passende Weisheit parat. Man munkelt Heinz wäre eigentlich Schriftsteller und macht den Job als Pförtner nur, um Material für seine Werke zu sammeln.
“Brauchst Du Deine Sneaker gar nicht?”, erinnert ihn Heinz an die seit Tagen verschobenen Prioritäten.
“Oh, danke Dir!”, erinnert sich Frank an den Koffer, “Heute kann ich die Glückstreter wirklich gebrauchen.”
Sie passen in ihrem schreienden Grün auch ziemlich gut zu dem sandfarbenen Cord-Anzug, den er für solche Gelegenheiten bereithält. Er wirkt seriös und gebildet. Die Sneaker geben dem Outfit den nötigen Verve.
Gestärkt von einer Tasse Kaffee am Automaten, geht Frank nochmal die Präsentation für Jim durch. 20 Folien sollten für eine Stunde Projekt-Review mit Jim locker reichen. Frank wird ihm zeigen, wie aktiv er war. Er hat eine Menge Holz aufzufahren. Da soll noch einer behaupten, er bohre dünne Bretter.
Ein Blick auf die Uhr sagt Frank, dass er sich langsam in Raum Elbe aufmachen sollte.
“Good morning, my German Wunderkind!”
Jim springt aus seinem Sessel auf und stürmt ihm entgegen. Die Druckwelle des amerikanischen Aktionismus ist gerade etwas viel für Frank.
“How are you?!” Mit einem kräftigen Händedruck klärt Jim die Verhältnisse.
“I’m doing alright. How was your trip?”, bemüht sich Frank um ein bisschen Smalltalk.
“My trip was awesome. Got an upgrade to First. These are the moments where I like my AA status. Man, the flight attendant was really a tasty chick.”
Na wenigstens ist er gut gelaunt. Vielleicht verbessert das ja meine Chancen, mit einem blauen Auge davon zu kommen.
“Glad to hear.”
“Should we get started?”
“Sure enough. Can’t wait to see first results!”, tönt Jim.
“OK. Today I want to show you three things:
First, I want to give you an overview of the different eCommerce frameworks.
Second, I will show you the team members for this project.
Third, I will show you the results of a Design Thinking exercise.”
Mit der Agenda will Frank sich in den Präsentationsmodus bringen. Während Frank die verschiedenen eCommerce Frameworks und eine Übersicht über deren Vor- und Nachteile zeigt, rutscht Jim immer unruhiger in seinem Sessel hin und her.
RUMMS! Die Faust knallt auf den Tisch. Alle im Raum schauen erstarrt wie Rehe im Scheinwerferlicht.
“Are you f***ing kidding me?”, brüllt Jim, “I hop on a plane to Germany to see first results and I get a lecture about eCommerce frameworks? I can’t believe it.”
“But Jim, …”, ringt Frank nach Fassung.
“Listen, I want to reach more customers and sell online. NOW! Nike got it. Can’t be that hard.”
“Jim, nobody has ever done it in our industry. Our customers are totally different than Nike’s.”
“Hah, I want us to be the only ones in our industry for a long time. So get your ass up and get it to me.”
“I understand Jim. What do you want to see in the next review?”, versucht Frank die Situation zur Klärung des Auftrags zu nutzen.
“What I want to see? Results man. Get it done. It’s that easy. I’m done for today”, grollt Jim.
“Ok Jim. Next time we’ll have more to show”, versucht sich Frank in Schadensbegrenzung. Er packt seine Sachen und trollt sich. Sein Team bleibt mit versteinerten Gesichtern sitzen.
“Mann! War doch klar, dass das nix wird. Was nehme ich auch dieses Scheißprojekt an?”, brüllt Frank als er sein Büro betritt. Wütend kickt er gegen seinen Rollcontainer. Der fährt mit voller Wucht gegen die Wand und die oberste Schublade springt auf. Stifte prasseln auf den Boden und es regnet einen Satz gesammelter Visitenkarten. Frank bückt sich fluchend um den Haufen einzusammeln. An einer Karte bleibt er hängen: @GRIT_ANDERSON.
Sofort wiederholt sich die Szene im Giraffenkaffee vor seinem geistigen Auge. Ist das ein Zeichen? Kann diese Grit ihm vielleicht aus diesem Höllenprojekt heraushelfen?
Sollte ich sie anrufen? Eigentlich kenne ich sie gar nicht. Bestimmt ist sie noch so sauer wie der Kaffee auf ihrer Bluse. Die Karte hat sie mir wahrscheinlich hingelegt, damit ich den Schaden begleichen kann. ich schreibe ihr besser erst eine Email.
Frank schaut verdutzt auf die Karte.
Komisch! Eine Visitenkarte ohne Emailadresse? Wo gibt es denn sowas? Was hat das ‘@’ vor dem Namen zu bedeuten? Handelt es sich etwa um einen ‘Twitterhandle’? Frank hat sich im Zuge seiner eCommerce-Recherche beim Kurznachrichtendienst angemeldet.
Die Frau mit den magischen grünen Augen geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Seine Neugier ist geweckt. Für einen Moment lässt ihn diese Begegnung sogar seinen Ärger mit Jim vergessen. In weniger als einer Minute findet er das Twitterprofil von Grit Anderson. Ihr pinned Tweet lautet:
Your project is from hell? Your team is in serious trouble?
Get in touch!
Na da folge ich mal. Vielleicht sollte ich sie doch telefonisch kontaktieren?
Frank gibt sich einen Ruck und zückt sein Smartphone. Mit zittrigen Fingern tippt er die Ziffern auf der Visitenkarte ein. Mit jedem Tastendruck schlägt sein Herz ein bisschen schneller. Eine Frau anzurufen, die er nicht wirklich kennt, ist normalerweise nicht sein Ding. Die Umstände ihres ersten Zusammentreffens machen die Sache noch schwerer.
Toooot… Toooot… Toooooot…
“Hallo Frank! Na, möchtest du unser erstes Date wiederholen und mich zu ein Kaffee einladen? Aber diesmal hole besser ich.”
“Aeeeehhhh… Spreche ich mit Grit?”
“Ja klar. Wen hast du erwartet?”
“Woher kennst du meinen Namen? Und woher wusstest du dass ich anrufe?”
Sie lacht am anderen Ende der langen Leitung.
“Nichts leichter als das. Als du die Servietten geholt hast, sah ich deine Börse auf dem Tisch liegen. Da war ein Boardingpass drin. Auf dem stand deine Name, deine Platznummer und dass der Flug in deine Stadt geht. Als mir mein Smartphone gerade eine unbekannte Nummer aus Deutschland angezeigt hat, war die Wahrscheinlichkeit hoch dass es dieser verpeilte junge Mann aus Heathrow ist.”
“Ah. OK. Sehr aufmerksam und gut kombiniert.”