Sommer 1990 - Marko Martin - E-Book

Sommer 1990 E-Book

Marko Martin

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Beschreibung

Ovid Preis 2025 Reiner-Kunze-Preis 2025 »Authentisch und frei von ostalgischen Verklärungen.« taz Sommer 1990. Der Abiturient Marko Martin kehrt aus dem Westen zurück in seine sächsische Heimat. Er erzählt von der Aufbruchsstimmung, dem Drang nach Freiheit aber auch vom Verdrängen. Eine vierwöchige Spurensuche in einem Land, das nicht mehr DDR und noch nicht BRD ist. Ein Buch, in dem die Wurzeln der Fragen sichtbar werden, die uns heute beschäftigen. Mit Neunzehn kehrt ein Schüler zurück nach Hause in einen Staat, der schon keiner mehr ist. Marko Martin fährt durch seine Heimat, die ihm fremd, gar verhasst war. Sein Tagebuch dieser Wochen ist ein Zeugnis aus der Phase, als noch keine Ostalgie die einstige Diktatur der Kleinbürger zu einem Hort der Zonenkinder verklärt hatte. Marko Martin erinnert, ohne hinterherzutrauern und versucht, dem Geruch der Freiheit und Menschlichkeit nachzuspüren, der in jenem Sommer durch das Land wehte. »Heinrich Heine hätte an Marko Martin seine Freude!«  Reiner Kunze

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Seitenzahl: 280

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Dies ist der Umschlag des Buches »Sommer 1990« von Marko Martin

Marko Martin

Sommer 1990

Überarbeitete Neuausgabe

Mit einer aktuellen Nachbemerkung des Autors

Tropen Sachbuch

Impressum

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe zum Zeitpunkt des Erwerbs.

Tropen

www.tropen.de

J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH

Rotebühlstraße 77, 70178 Stuttgart

Fragen zur Produktsicherheit: [email protected]

Die Originalausgabe erschien 2004 bei der Deutschen Verlags-Anstalt

© 2004 by Deutsche Verlags-Anstalt, München

© 2025 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte inklusive der Nutzung des Werkes für Text und Data Mining i.S.v. § 44b UrhG vorbehalten

Cover: Zero-Media.net, München unter Verwendung einer Abbildung von © Ben de Biel | Oranienburgerstr. 1992

Gesetzt von Dörlemann Satz, Lemförde

Gedruckt und gebunden von C. H.Beck, Nördlingen

ISBN 978-3-608-50287-9

E-Book ISBN 978-3-608-12492-7

2. August | Ankunft frühmorgens in Berlin. Die massigen Grenzanlagen und Zollblöcke liegen menschenleer und verwaist im Sonnenlicht. Reibungslose Fahrt von einer Gegenwart in die andere. Selbst der Himmel vorher über Bitterfeld in hellem Blau, rotbehauchte Wolkenfetzen von Rauchschwaden zerteilt, während davor auf der Autobahn unzählige Trabants vorbeituckern, die plötzlich wie aufgesetzt wirken angesichts der bundesdeutschen Wagen, die elegant und schnell ein neues Land in Besitz zu nehmen scheinen. Die Gesichter hinter den Lenkrädern volkseigen erschaffener Produkte seltsam zerknirscht an diesem Sommermorgen, selbst wenn der volle Gepäckträger eine Urlaubsreise verrät. Die Sieger und die Verlierer. Das Wissen um eigene Mitschuld, die Unkenntnis anderer Lebensformen. Gesichtsgeografie beim Sekundenblick in den deutsch-deutschen Automobilverkehr. Die fragwürdige Lust an Wortverfestigungen, an Realitätsbenennung angesichts von Stummheit, die vor sich selbst auf der Flucht ist. (Sätze allerdings, die wahrscheinlich über den Beobachter mehr sagen als über das, was sich die Sprache Objekte zu nennen angewöhnt hat. Denn die anderen sind wir selbst, und in ihren Blicken erkennen wir uns ebenso.) Ich komme vom Bodensee und fahre durch mein früheres Land. Die äußere Zäsuren verkörpernde Steinmasse liegt brach, als wäre es seit ewig so. Das wird die Suche nicht erleichtern.

S-Bahn-Fahrt durch Westberlin. Der Himmel über der Stadt – natürlich. Ein Stück davon fällt selbst in die dunklen Bahnschächte hinunter, frühmorgens, sieben Uhr, wenn die meisten Sitzplätze noch frei bleiben und schwarz aufgesprühte Zeichen auf dem abgewetzten grünen Lederpolster freigeben. Entziffern kann ich sie nicht. Die Straßen füllen sich langsam, Auto hinter Auto, und das bei diesem Sonnenschein, der durchs Fenster spiegelt in das Café unweit vom Bahnhof Zoo.

Ein Journalist einer großen Wochenzeitschrift schrieb bei einem Besuch Berlins, dass ihm das Lebenstempo des Westteils genauso merkwürdig verlangsamt vorkäme wie die unbegreifliche, noch unfassbare Hektik im Osten der Stadt. Der Morgen wird zum Vormittag, ich sehe kaum mehr Leute auf der Straße; wie es sich für eine große Wochenzeitung gehört, scheint der Berichterstatter recht behalten zu haben. Es fehlen die Schwarzhändler, die ein knappes halbes Jahr zuvor der Stadt eine Stimmung von Vorläufigkeit gaben, das Gefühl des Verbotenen, Ungewissen, wenn schmutzige Hände aus schmutzigen Hosentaschen eine Menge ebenso verschmutzter und zerfledderter Geldscheine mit verschwörerischer Miene herauszogen, die amtlichen Endgültigkeiten mit privatkapitalistischer Anarchie unterlaufend. Jetzt wird selbst das Chaos System.

Der Platz, an dem die S-Bahn in Richtung Friedrichstraße vorbeifährt, liegt begradigt und eingeebnet im Sonnenlicht. Vergessen die Nächte, in denen eine Bahn quietschend die Brücke über der Spree überquerte, zwei Stadthälften, zwei getrennte Leben. Der einzige Gewinn: Die Gewissheit über das zurückgelassene Land, die Mauer im Rücken. Daran zu leiden, dass alles erstarrt ist. Doch nichts bleibt, wie es war. Die Durchgangsboxen im Bahnhof Friedrichstraße sind verschwunden. Ich laufe die Treppen hinauf und hinunter, nirgends Spuren. Die gelblichen Kacheln an den Wänden vermelden nichts, die Leute mit ihren Aldi-Beuteln eilen hastig vorbei. Zehntelsekunden, in denen du begreifst: dieses Wegfallen als deinen Fall, im doppelten Wortsinn. Siehst, der Schmerz und Zorn findet keine Bezugspunkte mehr, läuft leer. Die Proportionalität zur Erleichterung mag sich noch nicht herstellen. Leere, die bleibt. Wenn du jetzt auf die Straße trittst, ist das dein Land, war das dein Land, ist das kein Land mehr. Bist du jemals weggegangen? Schreie in den Zimmern der Macht, Patrouillen auf den Bahnsteigen, Uniformierte im Abteil, Hunde schnüffeln unterm Zug – ist dir das passiert? Wann soll das gewesen sein? Du bist wieder da, wo du nie bleiben, kommst von dort, wohin du immer gehen wolltest. Abschied und Ankunft, vorbei. Einfach da sein, ratlos dastehen vor dem Bahnhof, das Gedränge der Menschen, die Blumenverkäuferin vor grauer Fassade mit längst abgeblätterten Plakaten und Aufrufen. Was willst du denn noch. Hier. Die Eile der Kellnerinnen, die Schlager der 50er Jahre in den Cafés. Small talk auf DDR-deutsch. Wo bist du? Und doch müsstest du froh sein: Solschenizyn, Heinrich Böll, George Orwell in den Buchläden. Fremdes vor vertrauter Kulisse. Die Kulisse aber bildeten Mauern, Soldaten, Absperrungen. Erinnerte Gegenwart. Meine Vergangenheit. Zwischenzeit. Und jetzt – etwas aufholen, etwas neu beginnen. Was beginnen?

Viel Freundlichkeit im Haus der Demokratie, Friedrichstraße in Ostberlin. Zwischen Telefonaten, dem Surren der Kopierer (und natürlich scheint die Sonne wieder durch die geöffneten Fenster), Papierstapeln und sich jagenden Rundschreiben dennoch Ruhe und Gelassenheit. Ich finde Quartier für die Tage in Ostberlin. Und die Menschen hier in diesen Zimmern waren es, die im Herbst ihren Fuß auf das nasskalte Pflaster setzten, um zu demonstrieren, die Macht des Faktischen zu bezwingen. Dieser Sonnentag meldet nichts davon, macht müde. Was suche ich zu finden?

Ausstellung im Museum für deutsche Geschichte. Die Entwicklung der DDR in kommunistischer Verkleisterung, danach ein Raum für die deutschen Opfer der stalinistischen Repression. Eine alte Museumsführerin spricht mich unvermittelt an. »Schauen Sie sich das genau an, junger Mann, und lassen Sie sich nicht täuschen. Wir haben jetzt alle eine große Chance. Erzählen Sie das drüben, wir haben die Einheit erkämpft. Bei euch gibt es Fachleute, die denken können. Wir brauchen Hilfe in diesem Land, und wir sind dankbar, schreiben Sie das! Lassen Sie sich nicht verwirren.« Die Frau hat Tränen in den Augen. Nein, vom eigenen Schicksal wolle sie nichts erzählen, das sei unwichtig. »Und lassen Sie sich nicht täuschen!« Im Hof des Museums steht ein Mauerstück, dreiteilig, dicker Beton, bemalt die eine Seite, grau und abschüssig die andere. Mit weißen Turnschuhen laufe ich darüber im Sonnenschein. Warum bin ich nicht froh, brülle dieses Glück heraus, schon nach einem Jahr wiederzukommen, die SED-Abzeichen und die Politbürofotografien, längst vergangene Historie, als ein jeansbekleideter Besucher zu betrachten? Der Mann mit dem Anzug, dem man seine Stasi-Vergangenheit ansieht, vertritt mir am Eingang der Volkskammer den Weg, als ich eintreten will. Er blickt weg, als ich ihn über seine Arbeit frage. Aber die Theorie des Marxismus-Leninismus sei absolut richtig. Auf einmal werden seine Augen starr, kurzer Moment.

Die Leute auf den Straßen. Über was soll ich berichten? Wer ist der, der berichtet? Tageseindrücke: Der Sieg über den Kommunismus scheint heiteren Charakters zu sein. Sowjetische Soldaten mit gebräuntem nacktem Oberkörper verkaufen am Checkpoint Charlie ihre Uniformmützen, daneben Mauerstücke, bunt gesprenkelt und zweifelhafter Herkunft, Feilschen um Stalinbände und Gorbatschow-Poster.

Junge Amerikaner öffnen zischend rote Coca-Büchsen.

Im Haus der Demokratie hatte Freya Klier mir die Adressen von Lotte und Wolfgang Templin gegeben, zwei der Bürgerrechtler, die man im Frühjahr 1988 im Zuge der Verhaftungs- und Ausbürgerungswelle nach der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration aus dem Land getrieben hatte. Die harmlosen Ausläufer hatte ich als Lehrling im sächsischen Wittgensdorf erlebt: Jetzt werden sie alle verhaftet, die Feinde des Volkes, brüllte der Lehrmeister. Die eigene Angst und Wut. Abends dann im Radio, »Kulturzeit« auf RIAS 1, andere Stimmen: Jürgen Fuchs Erich Loest Günter Kunert. Ich habe vor dem Radio gesessen, schmutzig die Hände, die man nie richtig sauber bekam vom öligen Eisenstaub in der Lehrwerkstatt, wenn man den ganzen Tag hinter der Drehmaschine stehen musste. Habe mir gewünscht, bei diesen Stimmen zu sein, in Sicherheit, fort, weit fort aus diesem Land.

Und nun stehe ich in Turnschuhen in einem Zimmer von Demokratie Jetzt und erfahre, dass die Templins gerade im Urlaub sind, doch man versteht sofort: Du brauchst ’ne Übernachtung? Kein Problem – die und die Straßenbahn, dort und dort aussteigen, zwei Querstraßen, Hausnummer, Wohnungsschlüssel, die Sekretärin kann den Weg noch genauer beschreiben. B. ist in Eile.

In der vorherigen Nacht ist von den Bonner Altparteien der Wahlmodus entschieden worden, der den Bürgerbewegungen den Garaus machen soll, sie außerhalb des Parlaments halten will. Was Honecker und die Stasi im Herbst nicht schafften, ganz demokratisch und leger wird’s in Bonn vollbracht, die SPD darf dabei natürlich nicht fehlen. Einzelne Bürgerrechtler wie Konrad Weiß erwägen eine Verfassungsklage. Ich frage B., ob es nicht gelingen könnte, noch einmal Tausende zu mobilisieren, noch einmal gemeinsam auf die Straße zu gehen. Er lächelt müde, zupft an seinem Vollbart: »Weißt du, Deutschland im Sommer ist nicht mehr das, was wir im Herbst hatten. Das ist für immer vorbei. Die neuen Sieger sind längst klar, das Schlachten geht jetzt ganz diplomatisch – da braucht man keine Gummiknüppel mehr. Und die, die wir nach vierzig Jahren endlich wegdemonstrieren wollten, machen nun ganz tüchtig auf linke Opposition. Wer fragt da noch nach uns?«

Wir verabreden, dass er gegen Abend in der Wohnung vorbeikommt, dann wäre mehr Zeit zu reden. Er verabschiedet sich, geht den Gang entlang, eine Treppe höher, wo die Zimmer der Grünen Partei und des Neuen Forums liegen. Die Sekretärin fragt, wo ich früher in der DDR gewohnt habe. Zufälligerweise kennt sie den Ort, die Disco dort, den Saal mit Holzparkett und Stuckverzierungen, ein verkommenes, früher repräsentatives Bürgerhaus.

»Weeß ick noch jut: Entweder gab’s ’ne Prügelei und die Bullen sind jekommen oder ’s ging schön jemütlich draußen uff die Wiese, hinter die Bäume bei der alten Sporthalle. Hat ja keen jestört. Isset später immer noch so jewesen?«

Ja, so war’s. Fäuste, Blut, Brüste, Sperma. Hass und Liebe kaum. Zerknirschtheit, die nach Auswegen suchte, an beliebigen Freitagabenden auf den Dörfern eines vergangenen Landes. Alltägliche Geschichten.

Mit der U-Bahn noch weiter in den Ostteil der Stadt. Ostberlin: Als verstecke sich die Stadt hinter den Dingen, die sie vorzeigt, die so leicht zu konstatieren sind: Wässriges Softeis in klobigen hölzernen Waffeln, doppelt so teuer wie eine vergleichbare Masse italienischen Eises am Ku’damm, defekte Rolltreppen, Fußgängerampeln ohne gelbe Selbstbedienungsschalter, Essen, das lauwarm serviert wird. Und immer wieder, an jeder Ecke: »›Bild‹ kämpft für Sie. Robbi darf bleiben.« Die früheren Transparente, die herrisch zum Kampf für bessere Leistungen und für den Einheits-Frieden des Staates aufriefen, sind verschwunden; Robbi, der Hund, hat ihre Stelle eingenommen.

»Die westliche Banalität entspricht der östlichen Brutalität«, schreibt Fritz J. Raddatz. Für kurze Zeit trugen die Tage ein menschliches Gesicht; junge Menschen in Jeans und Kutten, mit Kerzen in den Händen, die sie den Bütteln der Macht vor die blankgeputzten Stiefel stellten in sorgfältiger Geste. Ich habe es nur im Fernsehen gesehen. Ich hätte sie rufen wollen, doch wie wäre das möglich gewesen? Für einen, der sich vielleicht nur davongestohlen hat vor der Zeit?

Die Tage jetzt scheinen wieder eine Hundeschnauze zu haben, zum Glück nicht mehr bissig, es sabbert nur noch. »Für uns ist die ausgehandelte Wahlregelung durchaus vertretbar«, sagt Hertha Däubler-Gmelin vor der »Tagesschau«-Kamera. Sie soll eine Achtundsechzigerin gewesen sein, vielleicht gab es auch davon Fernsehbilder, früher, von denen ich noch weniger weiß. Vielleicht aber hat man diese Aufzeichnungen in den Archiven der öffentlich-rechtlichen Anstalten auch vernichtet, so wie es der DDR-Innenminister mit den Stasi-Akten vorhat. Ein Anfang ist schon gemacht: Seine eigene Akte sei aus unerfindlichen Gründen bereits verschwunden, sagen die Stasi-Auflöser von der Bürgerbewegung.

An der Haltestelle gegenüber dem Gebäude der vormaligen DDR-offiziellen Nachrichtenagentur ADN steige ich in die Straßenbahn, die hinaus nach Weißensee fährt. Altberliner Mietshaus, Hausnummer 7 in einer kopfsteinbepflasterten Querstraße. Durch das Hoftor, rechts hinein in den Hausflur, zweiter Stock. Neben der Klingel steht mit Bleistift auf Holz B.s Name geschrieben. Ich schließe die Tür auf. Im Halbdunkel der Flur, die geöffnete Badtür. Links die Küche, der Tisch mit Werkzeugen aller Art überhäuft, der Kühlschrank leer. Bei jedem Schritt knarrt das rissige Linoleum und gibt das einzige Geräusch ab in diesem Zimmer. Staubschichten auf den Schränken, fast blind die Fensterscheiben hinter grauen Gardinen. Ein kümmerliches Gewächs dämmert auf dem von toten Fliegen übersäten Fensterbrett wasserlos vor sich hin. Als hätte dieses Zimmer nicht nur die letzten Monate, sondern ganze Jahre verschlafen, ganz so, als ob es hier beschlossen wurde auf ewig: Die Leblosigkeit und Stummheit der Dinge, die von nichts künden, schon gar nicht von den schönen, kurzen Tagen eines längst vergangenen Herbstes.

Unterwegs irgendwo Reiserucksack, Schuhe und Socken fallen lassend, sehe ich mir das Wohnzimmer an. Wohnt hier überhaupt jemand? Der Regulator an der Wand ist irgendwann kurz vor 8 Uhr – morgens oder abends? – stehen geblieben, das Alter der Tapete kann man ungefähr nach der Helligkeit jener Stellen schätzen, an denen bis vor kurzem Bilder gehangen haben müssen, weiße Vierecke. Gegenüber dem grünen Kachelofen neben der Tür sind zwei Betten aufgestellt, mit kunterbunter Blümchendecke darüber. Der Blick läuft gleich der Drehung einer Kamera weiter nach links, der Wand entlang. Niedrige Schrankwandteile, alte Bücher, die wenigen neueren Exemplare zumeist elektrotechnischen Inhalts. Der Fernseher defekt, vorn hängt das kaputte Kabel heraus, aber da ist auch schon die Tür zum Balkon, auf dem eine verrostete Nähmaschine steht, eingerahmt von den herabhängenden Ästen und Zweigen eines Baumes, der vor dem Haus wurzelt. Entlang der Fensterfront wieder Blumentöpfe mit trockener Erde und verkrüppelten kleinen Pflänzchen. Links von der Tür ein altes Sofa, dicker purpurroter Plüsch, massig und verstaubt. Brandflecke darauf wie auf der grünen Fransendecke auf dem Tisch mit den gedrechselten Holzbeinen. Weiße Häufchen von Ascheresten auf dem Tisch und um den silbernen Aschenbecher, der mit einem Aufkleber abgedeckt ist – Neues Forum, eingerahmt von den geschwungenen Linien eines Regenbogens. Die Revolution und die Stille. Beides aus früherer Zeit.

Ich gehe ins Bad, dusche mir die Hitze des Tages vom Körper. Auf dem Klodeckel neben dem Waschbecken prangt ein anderes Bildchen – Wir sind ein Volk. Darunter, in unfreiwilliger Ironie: »Verantwortlich für den Inhalt: Bundesgeschäftsstelle der CDU, Bonn.«

Ich schalte das Flurlicht an, blättere in dem Buch, das auf der Kommode unter dem Spiegel liegt: Ein dicker Wälzer mit rotem Pappumschlag und Goldschrift: »Berliner Schriftsteller erzählen«.

Das Buch hatte man den Delegierten einer SED-Bezirkskonferenz mit folgender Widmung überreicht: »Wenn wir Berliner Schriftsteller euch gerade heute dieses als Beitrag zur Vorbereitung des IX. Parteitages der SED entstandene Buch in die Hand geben, so soll das vor allen Dingen ein aufrichtiges Dankeschön sein für die Unterstützung und das Verständnis, das uns immer vom großen Kollektiv der Partei zuteil wurde. Wir Berliner Schriftsteller wissen, dass von uns auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten wichtige Arbeit zu leisten ist. Wie alle arbeitenden Menschen unserer Hauptstadt wollen wir gute Ergebnisse erreichen. Mit sozialistischem Gruß: …«

Wer schreibt denn hier. Nicht nur die Kants und Görlichs, auch andere, die später fortgehen mussten: Karl-Heinz Jakobs, der die Tage und Ereignisse nach Biermanns Ausbürgerung präzis festgehalten hat, Sarah Kirsch, der sie »Dich Aas kriegen wir auch noch« an den Briefkasten schrieben, bis sie sich in die S-Bahn setzte, in die andere Halbstadt, in das andere Leben. Gabriele Eckart, die von der Stasi vor ihrer eigenen Haustür zusammengeschlagen wurde. Aber auch die anderen, die Dagebliebenen: Fries, Strittmatter und Volker Braun, der Anfang der siebziger Jahre seinen kurz zuvor aus dem Gefängnis entlassenen Freund Siegmar Faust eindringlich davor warnte, jemals Versprechen der Staatssicherheit auf den Leim zu gehen und der dann nach Fausts zweiter Verhaftung versuchte, ihn zu besuchen, in Cottbus in der Kellerzelle, dreiunddreißig Monate Isolierhaft wegen »staatsfeindlicher Hetze«. Aber da ist auch Stephan Hermlins Name zu lesen, der heute noch zu seinen Stalin-Oden steht. Bei einer Lesung am Bodensee sagte er, ohne den geringsten Zweifel: »Der Name war vielleicht falsch, aber die Utopie stimmt – auch wenn sie diesen Namen trug.« Auf meine Frage nach den Opfern, den Ermordeten, kam die Antwort, dass in Hitlers Konzentrationslagern viel mehr Kommunisten umgebracht wurden. Er schmauchte an seiner Tabakspfeife. Dann schwieg er wieder, hart und unerbittlich das Gesicht.

Ich lege das Buch beiseite, gehe ins Wohnzimmer, ziehe mich an, schreibe. Langsam wird es dunkel. Als ich das Licht andrehe und die Jalousien herunterlasse, knarrt das Schloss, die Tür geht auf, und B. kommt herein. Nickelbrille, Vollbart, kurze Hosen, in der Hand einen jener DDR-Stoffbeutel, mit denen die Leute hier einkaufen gehen. Er holt ein paar Bierbüchsen heraus, stellt sie auf den Tisch. »Gefällt dir die Behausung? Kein Nobelappartement, aber hier wohnt ja auch kaum einer. Ich lebe mit meiner Freundin zusammen, ein paar Straßen weiter. Hierher kommen nur die Gäste oder meine Kinder aus Dresden, wenn die mal hier sind. Nur ein Ausweichquartier, aber …«, er lächelt verschmitzt, wir setzen uns an den Tisch, öffnen die Bierdosen, »aber all die Jahre hindurch war es auch ein konspirativer Treffpunkt, hier hat keine Stasi so was vermutet, Prost.« Mit der Dose in der Hand zeigt er dann auf das Sofa: »Guck dir’s an. Hier haben wir gesessen und diskutiert, die gute Freya und das liebe Bärbelchen, die Frau Klier und die Frau Bohley, und die Pfarrer und was weiß ich, wer noch alles. Das musst du dir mal vorstellen: Nach der Arbeit kamen sie angetrudelt, und dann haben wir die ganze Nacht hier gesessen und uns die Birne heiß geredet. Kein Wort drang nach außen, hoffe ich zumindest. Ach Mensch, das warn Zeiten …« Er sieht mich prüfend an. »Nicht dass du denkst, ich heul’ dem ganzen nach. Wir haben verdammt im eigenen Saft geschmort und hatten von dem Land die Schnauze voll – so konnte es nicht weitergehen. Wenn du dich ein bisschen umhörst, wirste aber merken, dass längst nicht alle geschnallt haben, was wir jetzt für eine Chance haben. Viele sind traurig und enttäuscht, dass alles ganz anders gekommen ist als erwartet, aber eigentlich ist es tausendmal besser als alles, was wir vorher hatten. Wir müssten froh sein.«

Ich höre ihm zu, er muss sich nicht erklären, und ich bin kein Besucher mehr, der aus der Ferne kommt. Das ist doch auch mein Land, und ich kenne die Diskussionen, die Vertrautheit, die jemand, der sich nie der Gefahr ausgesetzt sah, nicht verstehen kann in ihrer Kraft, ihrer Wehrlosigkeit. Vielleicht waren es doch die wunderbaren Jahre, als die Sinnfrage durch einen übermächtigen Staat so erbärmlich beantwortet wurde, dass wir uns in Hoffnung und Zorn nie unnütz vorkamen – so viel gab es zu tun, selbst noch für einen außerhalb dieses Staates, mit dem man verkettet war. Doch die Mauer verstellte den Blick zusätzlich: Vorenthaltene Topographie wurde zur Utopie. Jetzt stehen wir da mit leeren Händen, den Traum erreicht und ausgeträumt, die Wunschenergie am Ende. Wir können reisen und reden, aber von dieser Freiheit kaum Gebrauch machen. Hat man uns die Fähigkeit zur Freude genauso ausgetrieben wie den Gedanken, dass eine angstfreie Atmosphäre niemals Selbstzweck sein kann? Wir meinen, unsere Identität verloren zu haben, weil wir urplötzlich unsere alten Gegner los sind, vor denen wir so energisch jede unserer Adern verschließen mussten. Wer hat dieses Land offen und aufrecht zugleich überstehen können?

Unsere Vorstellungen vom Leben mussten notwendigerweise zu kurz greifen, der Versuch der tatsächlichen Befreiung beginnt erst jetzt.

Ich erzähle B. meine Geschichte, die einzelnen Bruchstücke. Er hört zu, reibt sich die Augen hinter der Brille. »Mensch, du könntest ja mein Sohn sein. Meine Tochter aus erster Ehe ist im August über Ungarn fort, und ich wusste nichts davon, hat mich nicht gefährden wollen. Ihr Freund ist hier geblieben, wollte nicht weg. Ich bin bei der Arbeit, und plötzlich werd’ ich in die Meisterstube zum Telefon gerufen. Komisch, ich wusste sofort, was los war. Ich hab’ immer genau gewusst, was ich wollte, das kannste mir glauben, aber da hätte ich heulen können. Meine Kleene is weg, bloß weil die gottverdammten Schweine uns hier wie die letzten Arschlöcher behandeln, und darum is sie weg – wer kann das denn auch ewig aushalten!«

Ich sehe, wie er die Bierdose ansetzt, hastig trinkt, sehe, wie ihm fast die Tränen kommen und dass er kein Schwächling ist, das sieht man ihm auch an. Ich will nicht, dass er sich eine Blöße geben muss, schaue weg.

»Na ja, als es mir meine Exfrau am Telefon erzählt hat, war’s klar und alles vorbei, aber da war unsere Tochter schon bald über ’ne Woche drüben. Hat von dort versucht zu telefonieren, kam nicht durch, hat aber dann doch irgendwie die Großmutter ihres Freundes erreicht, die hat dann wieder herumtelefoniert, und ich hab’s erst da erfahren. Kannst dir denken, wie mir zumute war. Als wir alle gesehen haben, wie unsere eigenen Kinder abhauen, aus dem Land rausgekotzt werden, da sind wir endlich auf die Straße gegangen, da war Schluss, endgültig. Aber weißt du was, unsere Kinder kommen nicht zurück, wohin auch. Die stehn zwischendrin und haben’s noch gar nicht begriffen, was man mit ihnen gemacht hat. Als sie damals in Ungarn über die Grenze nach Österreich gestürmt sind, weißt du, was die da gesungen haben: Brüder zur Sonne zur Freiheit, das alte Arbeiterlied, dass sie uns allen in der Schule eingebläut haben. Ein Wahnsinn, das. Nun sind sie frei, aber genauso verdammt allein wie wir, die wir hier geblieben sind. Du bist auch einer davon, etwas früher weg, noch legal, was macht das schon. Du gehörst dazu, schreib’ auf, was du siehst und wie’s dir geht. Das is ja nicht bloß für dich, irgendwie haben wir alle was verloren – frag mich nicht, was. Kommst jetzt vom Bodensee, und wir reden über solche Sachen, verstehn jedes Wort – ist das nicht total verrückt? Trauer’ nichts nach, das bringt nichts, aber vergiss nie deine Wut, das alles haben sie uns gemeinsam angetan, vergiss die Wut nicht, die ist fast so wichtig wie die Liebe.« Er lächelt verlegen. »Ich fasel’ da ’rum …«

Ich frage, wie es seiner Tochter geht.

»Sofort nach der Maueröffnung bin ich nach Regensburg gefahren, wo sie als Kellnerin das Geld für ihr Studium erschuftet. Weißt du, was das für ein Gefühl ist? Du hast gedacht, du siehst die eigene Tochter für Jahre nicht wieder, dann aber klappt’s schon ein paar Monate später, du kommst in ’ne total andere Welt, hast kaum Geld in der Tasche und wirst vom eigenen Kind, das selbst nicht genug hat, auch noch freigehalten. Ne verdammte Scheiße is das, du fühlst dich so gedemütigt und kannst nichts machen. Drum regt mich jetzt auch das ganze Gerede von dritten Wegen und neuen Experimenten auf. Solange die Leute nicht begreifen, und das tun bei uns leider Gottes viele immer noch nicht, dass wirtschaftlich – und darauf kommt’s ja an – absolut nichts läuft, wenn niemand nichts gehört. Wer mit vierzig Jahren noch nicht mitgekriegt hat, dass der Mensch nun mal ’n Egoist ist und sich nur dann dreht, wenn er gescheiten Lohn dafür bekommt, na, der hat von der ganzen DDR-Geschichte nischt begriffen. Wenn einer sich ’nen Kopp macht, damit’s den anderen gut geht, muss er eben genug verdienen – sonst funktioniert’s nicht. Aber wenn wir bei all den ganzen Mahnwachen und Friedensgebeten in der Kirche was gelernt haben, dann, dass es ohne Mitgefühl auch nicht geht, das soziale Polster muss für die, die’s nicht ganz so packen, immer noch dick genug sein. Wenn wir richtig aufpassen, stehn wir vielleicht doch nicht ganz so blöde da. Von linkem und rechtem Gespinne hab’ ich jedenfalls die Schnauze gestrichen voll.«

Er zündet sich eine Zigarette an, holt den Aschenbecher zu sich her, schaut auf die Uhr: »Gott, ist das spät, bist du immer noch nicht k. o.?« Aber er wollte mir ja von seiner Tochter erzählen …

»Tja, meine Kleene ist jetzt da unten in Bayern, will nicht dort bleiben, will nicht wieder zurück. Hat noch keinen Freund, arbeitet wie wild, spart, redet wenig darüber. Sie kam mir verändert vor, ist ja auch ’ne Menge passiert. Aber wo sie jetzt wohnt, in dem Kaff bei Regensburg, da regt sich gar nichts. Abends im Wirtshaus Stammtisch, jeden Sonntag früh Kirche, und alle wählen CSU. Dort hätten sie auch den Willy erschlagen.«

»Wen?«

Er war immer weiter in den Sessel gerutscht, ununterbrochen qualmend, jetzt richtet er sich auf, legt die Zigarette an den Rand des Aschenbechers. »Sag bloß, du kennst Willy nicht. Noch nie das Lied von Konstantin Wecker gehört?«

Er steht auf und holt aus der Schrankwand eine Schallplatte heraus. »Bei Amiga in Lizenz gekommen: Lieder von Wecker. War ich froh, als ich die erwischt hab’! Nach der Arbeit wie immer gleich ins Plattengeschäft rein, ich kannte ja die Verkäuferin, die hatte mir das hier schon unterm Tisch zurückgelegt.«

Ich verstehe jedes Wort, das er sagt. Wie man den Lizenz-LP’s hinterherjagte, Verbindungen und Beziehungen knüpfte, sich über jeden neuen »Fang« gemeinsam freute, Musik hörte, darüber diskutierte, redete, bis in die Nacht hinein. Nie wieder habe ich das später so erlebt. Doch auch B. erzählt von einer vergangenen Zeit.

»Das hab’ ich mir immer angehört, wenn’s beschissen ging. Als technischen Experten haben sie mich ja nach Polen rübergeschickt, Anfang der achtziger Jahre. Und was mach’ ich dort, anstatt den Sozialismus aufzubauen? Lerne Arbeiter kennen, die sich wehren, Oppositionelle, die den Durchblick hatten, dass ich Ohrensausen kriegte. Na ja, so hat sich schließlich ’n braver DDR-Bürger mit dem Solidarnonść-Virus infiziert. Ich war total begeistert. Aber die Stasi scheint die Briefe an meine Frau mitgelesen zu haben, denn plötzlich kam der Befehl zur sofortigen Rückkehr ins deutsche Arbeiterparadies. Aber ich hab’ auch hier allen erzählt, was die Arbeiter in Polen sich trauen. Dann kam der Kriegszustand dort, ich flog aus der Partei raus, verlor meinen Posten, und meine Frau ließ sich scheiden. Bisschen viel auf einmal, was? Ich war damals jedenfalls am Durchdrehen, und die blöden Gruppengespräche bei irgendwelchen Psychiatern haben’s auch nicht gebracht. Aber danach bin ich mir über vieles klarer geworden, hab’ mich endgültig von der Truppe entfernt. Nicht dass du denkst, hier will einer den Helden spielen, aber so war’s. Viele von uns haben das ähnlich erlebt. Und das Lied vom Willy gehört, auch das. Ich und die ganzen Freunde – wir haben’s immer wieder gehört. Und jetzt ist meine Kleene dort unten, in Bayern, verrückt.«

Die Nadel des Plattenspielers kratzt. Die Vertrautheit dieses Geräuschs.

Weckers Bayrisch, zornig und laut, wehmütig und still, der Rhythmus der Musik und die Geschichte von Willy, den sie erschlagen haben, als er’s nicht mehr aushielt.

B. kennt den Text auswendig, singt mit: »Ogfanga hat des ja alles 68, woaßt as no: Alle zwoa san ma mitglaffa für die Freiheit und fürn Friedn, mit große Augn, und plärrt habn ma: Bürger lasst das Glotzen sein, kommt herunter, reiht euch ein! – und du warst halt immer oan Dreh weiter wia mir, immer a bisserl wuider und a bisserl ehrlicher.« Seine Augen leuchten hinter den Brillengläsern: »Jetzt pass auf, pass auf, das haben wir alle mitgesungen, die ganzen Jahre durch, als wir hier gesessen haben und so oft dachten, dass die Stasi kommt. Aber wir haben’s gesungen, immer wieder: ›Mia habns eana zoagn wolln, Willy, und du hast ma damals scho gsagt: Freiheit, Wecker, Freiheit hoaßt koa Angst habn, vor neamands, aber san ma doch ehrlich, a bisserl a laus Gfühl habn ma doch damals scho ghabt …‹ Und weißt du, dann sind wir los, im Herbst, vom Neuen Forum, von Demokratie Jetzt, da waren wir so weit, verstehst du. Freiheit heißt keine Angst haben, vor niemand – es waren die schönsten Tage überhaupt. Aber angefangen hat alles in solchen Zimmern wie hier, mit solchen Liedern.«

Er schaltet den Plattenspieler aus. »Lange vorbei. Aber so war’s. Schreib’s ruhig auf, das soll nicht ganz so schnell vergessen werden. Und wenn’s total hoffnungslos ist, dann denk dran, dass die Willys nie aussterben. Die werden beiseite getreten, aber die Kerle sind zäh, die kommen immer wieder, das kannste mir glauben. Und dann hat’s auch Sinn, weiterzumachen, dann biste nie allein.«

B. steht auf und bringt die leeren Bierdosen in die Küche.

Ich schaue auf die Uhr, es ist nach Mitternacht. Er kommt zurück, steckt die Zigarettenschachtel ein. »Meine Freundin wird schon warten. Wenn’s passt, kannste ja in den nächsten Tagen mal bei uns im Haus der Demokratie vorbeischauen, die Wohnung jedenfalls is frei für dich.«

Und das alles war heute passiert, am ersten Tag meiner seltsamen Rückkehr. Die Beobachtungen, die Stimmungen verändern sich schlagartig, Konstanten sind nicht mehr zu haben. Ich versuche zu beschreiben, was ich sehe.

3. August | Mittagessen im Stasi-Komplex der Normannenstraße/Ruschestraße. Pilzgulasch für 3 Mark 50. Die große Fensterreihe des riesigen Saals ist mit protzigen Ornamenten bemalt, sozialistischer Realismus. Ich sehe mir die Gesichter der Essenden an. Die Leute, die an den langen Sprelacarttischen sitzen, ihre Tabletts tragen, lachen oder diesen roten Tomatensaft schlürfen. Ich kenne diese Gesichter. Diese Blicke kenne ich, genau wie die Bewegungen, wenn sie mir den Kopf zudrehen. Ich habe es erlebt, aber das ist vergangen, und an der Revolution hatte ich keinen Anteil. Zurückgekommen in ein fremdes Land, ertappe ich mich dabei, nach den alten Spuren des Mangels und der Eingrenzung zu suchen, wie nach Vertrautem.

Längst vergangen die Zeit, als wir am Brandenburger Tor standen und uns darüber stritten, was besser sei – anderthalb Jahre Haft in der DDR wegen Kriegsdienstverweigerung oder zehn Jahre bezahlter Arbeit in der Braunkohle unter Tage, was in der ČSSR die Strafe für dasselbe Delikt war. Währenddessen posierte eine amerikanische Touristengruppe lachend vor der Absperrung zum Brandenburger Tor, mühte sich um Fotohaltung. »What a horrible wall.« Keep smiling. Vergessen. Vielleicht ist es das.

Der Ort meines Mittagessens kommt mir vor wie die besonders perverse Form eines Abenteuerspielplatzes. Die Mörder und Menschenschinder verjagt. Ich sehe sie in den Bussen und Straßenbahnen eines Landes wieder, das meine Heimat war, das ich so genau kannte, dass ich aus ihm nur noch fortwollte. Abfahren, flüchten. Nur weg. Jetzt komme ich wieder, jetzt könnte etwas Neues beginnen. Die Fixpunkte verschwinden, zum Glück. Wird die Kraft reichen?

Übrigens, so eine Frau, die mit mir die Kantine verließ und im Paternoster ins Erdgeschoss fuhr: Dass ich mich nicht täusche, die Leute hier seien nicht von der Stasi, hier hätte man jetzt das Personal der Reichsbahn eingesetzt. Wo die frühere Belegschaft sei, wisse sie nicht. Lachende Bemerkungen über den unwahrscheinlichen Lauf der Geschichte – nirgends. Niemand scheint richtig verarbeitet zu haben, was mit ihm geschehen ist. Was mit uns allen geschehen ist.

Ich sitze auf Mielkes Sessel. Auf Mielkes Sessel sitze ich. Marko Martin, Schüler, Lehrling, Hilfsarbeiter, seine Angst versteckend in den Warteräumen der Abteilung Inneres, sitzt auf dem Sessel des Genossen Armeegeneral Erich Mielke, der in Moskaus Auftrag im Spanischen Bürgerkrieg heimlich hinter der Front Trotzkisten liquidiert hat. Das Politbüromitglied Erich Mielke, von dem nur mit Vorsicht gesprochen wurde und von dem man nie die Vorstellung eines normalen Menschen hatte, verrichtet nun als verblödeter Greis im Knast seine Notdurft, während hinter Marko Martin nicht mehr der Luftgewehrlauf des Genossen Lehrmeister Nebel liegt, sondern der Bodensee, die weißen Boote darauf, in der Ferne die Berge der Schweiz. Sitzt auf Mielkes Sessel. Greift zum roten Telefon auf dem Tisch. Alles ist wieder möglich, oder wäre es. Die Freude muss sich in Sätzen erst verbal artikulieren, die gefühlsmäßige Aufregung mit Worten hochtreiben. Zu spät. Wie ich nun zum roten Telefon greife, dieses Bild hätte ich sehen müssen, als ich jeden Morgen 5 Uhr früh im Zug nach Wittgensdorf saß. Als der Lehrling nicht wusste, was sie wieder mit ihm anstellen würden. Wenn jetzt ein junger Mann mit einer hübschen Angestellten über die Pläne einer Gedenkstätte in der ehemaligen Stasi-Burg plaudert, ist das schön, weil jetzt geredet und nicht mehr geschlagen und verschwiegen wird und weil ich selbst in Bermudas und T-Shirt im Sonnenschein auf Mielkes Sessel sitze und der Frau zuhöre und mir Notizen mache. Sie erzählt von den Spezialitäten des Hauses Nr. 1 der Stasi-Zentrale in der Normannenstraße. Goldene Panzer auf dem Schreibtisch, die Internationale aus silbernen Spieldosen. Ein DDR-Wappen, in das in altdeutscher Rittermanier ein Schwertknauf gebohrt ist, rote Feudalherren. Eine Landkarte mit eingezeichneter Stoßrichtung nach Braunschweig, geheime Todesschwüre der Stasi-Mitarbeiter, die ihr Leben bedingungslos der Partei opfern sollten. Das erzählt sie mir.

Hier bin ich groß geworden. Die Totalität der Gegenwart. Vergangenheit nur noch in Segmenten abrufbar. Die Unfähigkeit zu vergleichen, Freude und Hoffnung daraus zu schöpfen.

Im Nachbarraum tagte früher die Stasi-Elite. Das Zimmer ist eingerichtet im Stil der 50er Jahre, der Geruch von Agentenfilmen des Kalten Krieges liegt förmlich in der Luft. Holzparkett, die Wände ringsherum mit Holzschränken umstellt, helle Maserung, längliche Lampenschirme an der Decke, hinter verschiedenen Spiegeln in den Schränken orange Veloursvorhänge, neben der Tür ein gerahmtes Farbfoto: Erich Mielke zusammen mit den Fußballspielern des FC Dynamo Berlin, er selbst im Anzug, an schwarzrotgoldener Schnur eine Goldmedaille am Hals. Daneben, einen Blumenstrauß haltend, im blauen Anorak und blöd grinsend, Egon Krenz. Dicht darunter eine Bronzeplastik mit zwei Panzern, die von zwei Seiten auf eine Anhöhe zusteuern, auf der wuchtig das DDR-Emblem prangt, Hammer und Zirkel im Ehrenkranz.

Im Hof des riesigen Gebäudekomplexes, quadratische Unterdrückerarchitektur, sah ich an einem Fenster die aufgesprühten Worte: »Ihr Mörder habt Matthias Domaschk umgebracht!« Ich frage einen Uniformierten, dem ich vorher meinen Ausweis zeigen musste, der zum Besuch der Mielke-Suite berechtigte. »Weeß ich och nich so jenau. Böse Jeschichte. Is die Treppe runterjeflogen und war gleich hin. Is schon Jahre her. Unjeklärt bis heute. Wat weeß ick?«

Leben – angefüllt mit Verrat und Misstrauen. Hinterlassene Leere. Was nun? Ich habe auf Mielkes Sessel gesessen, aber was will das schon bedeuten? Auf dem Schreibtisch davor lag ein Teller mit blauem Rand, der oben im Halbrund mit den Worten bedruckt war: »25 Jahre Ministerium für Staatssicherheit«, während sich in der Mitte eine gewehrhaltende Hand vor grauem Hintergrund reckte. Neben dem Teller Lenins Anweisungen für die Tscheka. Ich blätterte in dem dicken Buch mit dem roten Umschlag und den grauen Seiten. »Niederschlagung eines Aufstandes der linken Sozialrevolutionäre 1920.« Blätterte weiter.