Die Liebe, später - Gisa Klönne - E-Book

Die Liebe, später E-Book

Gisa Klönne

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Beschreibung

Seit über zwanzig Jahren sind Kora und Anselm glücklich verheiratet. Lange Zeit war das kinderlose Paar gut aufeinander eingespielt: sie, die erfolgreiche Journalistin, er, der Biologe, der Woche für Woche in die Hauptstadt pendelte. Doch nach einer Herz-OP findet Kora nicht mehr in ihre frühere Form zurück. Ihr Beruf, ihre Ehe, ihr Lebensentwurf – alles steht plötzlich infrage. Als ein Bekannter sie um Hilfe bittet, stürzt sich Kora in einen ungewöhnlichen Rechercheauftrag. Anselm wiederum hat die Rente eingereicht. Er will die verbleibende Zeit mit Kora genießen und einen lang gehegten Traum umsetzen: einen Libellenteich im Garten.  Der sorgfältig zwischen Nähe und Distanz austarierte Ehealltag gerät aus dem Takt. Kora flüchtet – und begibt sich auf eine Reise zu Menschen und Orten, die sie als junge Frau geprägt haben. Wer ist sie einmal gewesen? Was hält das Leben noch für sie bereit? Und wie kann sie wieder mit Anselm glücklich sein?

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Seitenzahl: 375

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Gisa Klönne

Die Liebe, später

Roman

 

 

 

Über dieses Buch

SEIT ZWANZIG JAHREN SIND SIE EIN PAAR.

WAS, WENN SICH PLÖTZLICH ALLE GEWISSHEITEN VERSCHIEBEN?

Eigentlich sind Kora und Anselm glücklich verheiratet: sie, die erfolgreiche Journalistin, er, der Biologe, der Woche für Woche in die Hauptstadt pendelt. Doch nach einer Herz-OP findet Kora nicht mehr zurück in ihr Leben. Ihr Beruf, ihr Alltag, ihre Ehe – alles steht plötzlich infrage. Anselm wiederum hat die Rente eingereicht. Er will die verbleibende Zeit mit Kora genießen und einen alten Traum umsetzen: einen Libellenteich im Garten.

Der sorgfältig zwischen Nähe und Distanz austarierte Alltag gerät aus dem Takt. Kora flüchtet – und begibt sich auf eine Reise zu Menschen und Orten, die sie als junge Frau geprägt haben. Wer ist sie einmal gewesen? Was hält das Leben noch für sie bereit? Und kann sie wieder mit Anselm glücklich sein?

Einfühlsam, lebensklug und mit großem literarischen Gespür erzählt Gisa Klönne von einer Liebe auf dem Prüfstand.

Vita

Gisa Klönne, geboren 1964, lebt als Schriftstellerin, Schreibcoach und Yogalehrerin in Köln. Bekannt wurde sie mit ihren Kriminalromanen um die eigenwillige Kommissarin Judith Krieger. Die Reihe wurde in mehrere Sprachen übersetzt und unter anderem mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet. Ihr autobiografisch inspirierter Familienroman «Das Lied der Stare nach dem Frost» war ein SPIEGEL-Bestseller. Klönnes Bücher erreichten eine Gesamtauflage von über einer halben Million. Zuletzt erschien bei Rowohlt von ihr der Familienroman «Für diesen Sommer».

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Januar 2026

Copyright © 2026 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

Covergestaltung Lübbeke Naumann Thoben, Köln

Coverabbildung «Im Gartenatelier» (Detail) von Edward B. Gordon; mit freundlicher Genehmigung des Künstlers, www.gordon.de

ISBN 978-3-644-02477-9

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Für Michael

Tief stehendes Licht

Warum lügst du deinen Mann an? Die Frage im Schlaf aus den Tiefen. Sein Atem. Ihr Atem. Ihr flattriger Herzschlag. Das fahlgraue Licht der Straßenlaterne kriecht durch die Gardinen. Anselm bewegt sich neben ihr, murmelt Traumworte, beruhigt sich. Kora liegt still, mit weit geöffneten Augen. Sie hat sich danach gesehnt, genau so wieder hier zu liegen, hat sich ausgemalt, wie das sein wird: der leise Luftzug von draußen, ihr Bett, die vertrauten Schatten der Möbel und Bilder, die sie im Laufe der Jahre ausgesucht haben, Anselms Wärme, sein Körper dicht bei ihr, sein Atem.

Und jetzt, was ist jetzt, Kora?

Sie rückt näher zu ihm, schmiegt sich an seine Seite. Er ist hier. Sie ist hier. Sie hat keine Schmerzen mehr und auch keine Angst, dass sie stirbt, ohne es auch nur zu merken, sobald sie die Augen schließt. Sie ist wieder zu Hause, ihre Unruhe und diese seltsame Frage sind nicht von Bedeutung.

Sie atmen. Sie hört ihren eigenen Herzschlag in ihrem Ohr und – wie ein fernes, dunkleres Echo – auch seinen. Vorsichtig streckt sie den Arm aus und legt die Hand auf seinen Brustkorb. Anselm scheint kurz zu lauschen, wird weicher, seine Hand findet ihre, sein Atem vertieft sich. Er schnarcht jetzt. Kora zieht ihre Hand wieder fort und rüttelt an seiner Schulter. Anselm seufzt und rollt sich nach einem weiteren Stups auf die von ihr abgewandte Seite. Alles vertraut. Alles seit Jahren eingespielt, ihr Wochenend-Nachtballett ist das.

Gerade mal vier. Sie würde gern wieder einschlafen oder einfach nur weiter so daliegen mit Anselm und das genießen. Das festhalten. Ihn festhalten, sie beide, dieses Leben, das sie sich aufgebaut haben und jetzt noch einmal neu gestalten dürfen. Oder ihn wach rütteln, sofort. Wach auf, bitte, wir müssen reden. Ich muss dir sagen, dass ich –

Dass sie fahren will, muss sie ihm sagen. Es tut gut, das nach all ihrem Zögern nun doch entschieden zu haben. Und während sie Zentimeter für Zentimeter zur Bettkante rückt und sich im Zeitlupentempo aufsetzt, um Anselm nicht zu wecken, fühlt sie sich beinahe ein wenig wie die junge Reporterin Kora, die für eine gute Geschichte, ohne zu zögern, vor dem Ende der Nacht aus dem Bett schlich. Egal wessen Bett, egal, wer darin lag und nichts davon merkte. Ein letzter Check, ob auch alles gepackt ist, dann Tür zu und raus, den Blick auf andere Welten gerichtet. Ihre Autos waren damals klapprig und langsam, oft nur geborgt, der Tank selten voll. In ihrem Rucksack steckten neben Wechselkleidung, Tampons und Zahnbürste auch die Spiegelreflexkamera, Filmrollen und der lederne Beutel mit dem Münzgeld zum Telefonieren. Die elektrische Reiseschreibmaschine trug sie extra. Sie war schwer wie ein Fels, daran erinnert sie sich, geflucht hat sie über sie und gelacht und sie trotzdem immer und überall mit sich herumgeschleppt. Ihre Finger, die über die Tasten gehüpft sind, dieses Klackern und Sirren, ihre fliegenden Worte und Träume, der Sinn in allem und diese Hoffnung. Immer ist da ihre Hoffnung gewesen, selbst dann, wenn es ganz finster aussah.

Sie schaltet kein Licht ein, streift nur den Bademantel über und schleicht die Treppe hinunter. Der Geruch von geschmortem Fisch und Wein hängt noch in der Luft. Sie haben Gäste gehabt gestern Abend, Burkhard und Ilona, seit Langem einmal wieder. Sie hat ein paar Dinge zusammengesucht und in den kleinen Koffer gesteckt, nur für alle Fälle, während Anselm gekocht hat, und den Koffer in ihr Arbeitszimmer getragen. Später bei Tisch hat sie ein paar launige Anekdoten aus ihrer Reha zum Besten gegeben und entschieden, dass sie den Koffer ebenso unauffällig wieder auspacken wird. Die Männer haben sich zum Lauftraining verabredet, nun, da Anselm nicht mehr Woche für Woche nach Berlin muss. Sie haben angestoßen auf ihre Gesundheit und Anselms Ruhestand, die neue Freiheit und seine Pläne. Es ist Anselm sehr ernst damit, im Flur stehen seine neuen Laufschuhe, im Wohnzimmer stapeln sich Gartenkataloge und entomologische Fachzeitschriften. Und du, Kora, hat Ilona gefragt. Ich bin noch nicht in Rente gegangen, hat sie erwidert und gelacht und ein paar Allgemeinplätze von sich gegeben – natürlich sei sie bald wieder im Radio zu hören, sie nehme nach der OP und der Reha einfach noch eine Auszeit –, und dann hat sie das Thema gewechselt, und Ilona hat nicht weiter nachgefragt. Vielleicht, weil sie verstanden hat, dass das besser so ist, wahrscheinlicher aber, weil sie gar nichts gemerkt hat.

Sonntag ist heute, nein, Samstag, sie verliert die Zeit aus dem Blick, seit sie beide daheim sind, das ist nicht gut. Wenn sie heute schon fährt, hat sie vor Gabriellas Fest noch Zeit für sich in München. Sogar einen Abstecher zu Felix Mochinger könnte sie vorab noch machen. Felix, ihr Wanderfreund, der einfach nicht akzeptieren will, dass sie nichts für ihn tun kann.

Kora brüht Tee auf, gießt sich ein, löscht das Licht wieder. Auf dem Fest wird sie unweigerlich einstige Verbündete und Weggefährten treffen und Fragen beantworten müssen. Wenn sie kneift, bliebe ihr das erspart. Aber Kneifen war nie ihre Art, und wenn sie jetzt damit anfängt und ausgerechnet Gabriella im Stich lässt, könnte sie sich das verzeihen?

Sie trinkt ihren Tee in kleinen Schlucken am Fenster, den Blick auf den Garten gerichtet. März also. Aber kalt ist es trotzdem, und der neue Tag lässt sich Zeit, nicht mal ein Hauch von Dämmerung ist zu sehen. Nach und nach kann sie trotzdem die Konturen der Bäume und Sträucher erkennen, vielleicht nur, weil sie weiß, dass sie da sind.

Im Garten flammt das Kunstlicht des Bewegungsmelders auf und erfasst eine Katze. Geduckt verharrt sie für einen Augenblick und verschwindet mit einem Satz in die Büsche. Grau. Mager. Einsam. Eine Streunerin wohl.

Woher, Kora, willst du das wissen?

Es nieselt. An den kahlen Ästen reihen sich Wassertropfen wie Perlen. Kora versucht zu erkennen, ob die Katze noch da ist, doch die bleibt verschwunden, als hätte es sie nicht gegeben. Dann erlischt das Licht wieder, und der Garten ist nichts als eine Ahnung.

Es ist so still im Haus, dass sie beinahe sicher ist, durch das geschlossene Fenster den Nieselregen zu hören. Ist die Stille dieselbe, wenn sie alleine im Haus ist? Hat sie je darauf geachtet, solange sie Woche für Woche von Montag bis Freitag allein hier in Köln war und Anselm für seinen Job als Ministeriumsreferent in Berlin?

Schön ist das gewesen, Anselm für das Wochenende im Haus zu erwarten, sofern sie nicht selbst unterwegs war. Das Haus wieder ordentlich, sie selbst geduscht und zurechtgemacht, nicht zu viel, nur ein bisschen, auf dem Herd ein einfaches leichtes Essen, der Tisch gedeckt, die Kerzen bereit, der Wein gekühlt oder atmend. Nie hat sie mit dem Essen begonnen, bevor Anselm die Haustür aufschloss. Als würde das Unglück bringen oder ihn am Heimkehren hindern.

Anselm wiederum hielt sie bereits ab Freitagvormittag mit Textnachrichten auf dem Laufenden: welchen Zug er geplant, dann auch wirklich erwischt oder doch noch verpasst hatte. Wie viel Verspätung der Zug aufnahm bis nach Köln, zehn Minuten nur, nein, jetzt schon zwanzig, Mist, fast eine Stunde …

Du musst mir das nicht so genau schreiben, hat sie gesagt. Aber er hielt daran fest, weil er sich auf sie freue. Oder fürchtete er, sie durch eine unangekündigte Heimkehr zu überrumpeln?

Einmal, während sie auf ihn wartete, hat sie die Zeit vergessen und zu tanzen begonnen. Hat laut die Musik aufgedreht, die Tür zur Veranda geöffnet, Frühlingsluft, die hineinströmte. Und plötzlich Anselm im Türrahmen. Im Jackett noch, die Krawatte in der Hand, sie betrachtend. Ertappt hatte sie sich gefühlt, aber so getan, als ob nichts dabei wäre. Sie hat die Hände nach ihm ausgestreckt, und er warf die Krawatte wie ein Lasso über ihre Schultern und zog sie an sich. Und dann tanzte er mit ihr, konzentriert, mit einem halben Lächeln im Mundwinkel und etwas zu steifen Hüften, tanzte, obwohl sie die Müdigkeit in seinem Gesicht sah, die Berlinschwere. Ein Läufer, kein Tänzer. Am schönsten tanzte er mit den Augen.

*

Als sie während eines spontanen Urlaubs in Dänemark geheiratet haben, war sie siebenunddreißig und Anselm einundvierzig. Eine zweite Ehe für ihn, für sie selbst die erste, gekannt hatten sie sich zu diesem Zeitpunkt erst dreizehn Monate. Zwei nicht mehr ganz junge Menschen, die sich nichtsdestotrotz an diesem goldenen Sommertag sehr jung und sehr wagemutig gefühlt haben, sind sie gewesen – das jedenfalls ist, woran sie sich erinnert.

Sie haben sich an den Händen gefasst und sich Liebe, Treue und Unabhängigkeit versprochen. Abends am Strand haben sie aus Treibholz ein Feuer entzündet, Flaschenbier getrunken und zugeschaut, wie der aufgehende Mond, einer nächtlichen Sonne gleich, aus dem Meer aufstieg.

Ich liebe dich.

Ich dich auch.

Das wird gut werden.

Wird es.

Splitternackt, mitten hinein in die glitzernde Mondspur auf den Wellen sind sie gelaufen. Zuvor hat sie den noch fremden Ehering verstohlen vom Ring- auf den Mittelfinger geschoben, um ihn bloß nicht zu verlieren. Ein schmales Band, unscheinbar silbern, aber aus Weißgold. In guten Zeiten wie in schlechten, so haben sie sich das versprochen.

Und doch blieb das, was da womöglich irgendwann schlecht oder schwer werden könnte, seltsam abstrakt. Ruhestand, Lebensabend, Krank- und Schwachwerden schienen vor allem zum Leben der anderen zu gehören, nicht zu ihnen. Eine theoretische Möglichkeit, für immer in einer fernen Zukunft verhaftet. Selbst jetzt kommt ihr das noch so vor, obwohl es seit ihrer Operation längst Realität ist.

Herzkrank. Herzoperiert. Alten Menschen passiert das oder Neugeborenen mit angeborenen Herzfehlern und natürlich den junkfoodverschlingenden Übergewichtigen mit Diabetes und himmelschreienden Cholesterinwerten – aber doch nicht ihr, so hat sie gedacht. Wie arrogant das gewesen ist. Naiv auch. Das Leben ist keine Wenn-dann-Gleichung, so viel immerhin hat sie inzwischen verstanden. Wo, verdammt, ist die Zeit hin?

*

Sie trinkt den Rest des Tees in ihrem Arbeitszimmer, auf der Fensterbank sitzend, den Blick auf ihren tadellos aufgeräumten, beinahe leeren Schreibtisch vermeidend. Es hilft aber nichts, sie weiß trotzdem, dass in der rechten Schreibtischschublade der Aufhebungsvertrag liegt, den ihr die Personalabteilung des Senders geschickt hat, direkt über den Formularen des Krankengeldantrags. Auch die rote Kontrolllampe des Druckers blinkt noch immer, blinkt, seitdem sie aus der Reha zurück ist. Weil die schwarze Tintenpatrone leer ist, nur deshalb. Weil sie ihren Drucker schon sehr lange nicht benutzt hat. Kora überfliegt die Nachrichten in ihrem Handy. Die Erde dreht sich noch immer, das ist angesichts der Weltlage eine beruhigende Nachricht. Gabriellas Assistentin Valerie Bonnet schickt ein Update der Feierlichkeiten. Nach letztem Stand der Zusagen werden rund hundertfünfzig Gäste erwartet. Auch sie hat längst zugesagt, wenn sie nicht kommt, wird das auffallen. Und wie sollte sie Gabriella das erklären? Ihre Freundin und einstige Mentorin wird fünfundachtzig – ein Fest wie dieses wird Gabriella voraussichtlich nicht noch einmal feiern.

Sie löscht drei Werbemails, überfliegt die wenigen anderen Textnachrichten. Auch Felix hat ein neues Update geschickt. Noch immer ist seine Ehefrau Leonie spurlos verschwunden. Seine Verzweiflung ist beinahe greifbar. Er wünscht sich immer noch, dass Kora ihm beisteht. Du hast doch Kontakte, du bist Journalistin.

Sie versucht sich an einer Antwort an ihn, löscht sie direkt wieder, legt das Telefon zurück auf ihren Schreibtisch. Sie kann Felix nicht helfen, das hat sie ihm bereits gesagt und geschrieben. Sie kennt ihn nicht einmal gut – und seine verschwundene Frau überhaupt nicht.

Oben im Bad rauscht die Klospülung. Kurz darauf hört sie Anselms Schritte.

«Hier bist du.»

«Ja.»

«Warum machst du kein Licht an?»

«Ich weiß nicht, ich …»

Anselm zieht sie in seine Arme, und sie lässt sich gegen ihn sinken. So stehen sie eine Weile, ihre Wange an seinem Brustkorb, jede Mulde und Wölbung seines Körpers exakt passend zu ihrem, und plötzlich fühlt sie ihre Müdigkeit wieder und diese Sehnsucht. Wenn sie ihr nachgibt, könnte sie möglicherweise noch einmal einschlafen und später, erholt, ein zweites Mal aufwachen, weil Anselm den Morgentee und die Wochenendzeitungen hinaufbringt.

Your morning tea, Mylady, wird er mit gespieltem britischen Akzent sagen, den Bademantel abstreifen und sich neben sie ins Bett setzen. Sie werden Earl-Grey-Tee mit Zitrone trinken, während sie durch die Süddeutsche und den Guardian blättert und Anselm durch seine Fachzeitschriften. Mottenpost nennt sie die, sobald die akkurat getürmten Stapel auf seinem Nachttisch zu hoch werden, was er mit anselmtypischer Gelassenheit so stehen lässt, um sie sogleich an einem neuen Wunder der Insektenwelt teilhaben zu lassen. Wow, wirklich, das ist ja spannend, wird sie erwidern und ihm im Gegenzug auch etwas vorlesen. Die Streiflicht-Kolumne etwa, sofern die originell und pointiert genug formuliert ist. Wenn es ein sehr guter Sonntagmorgen ist, werden sie vor dem Aufstehen noch Sex haben und zum Frühstück Rührei essen und Musik hören. Ein Klavierkonzert, Jazz oder die Beatles, die Füße hochgelegt in dicken Socken.

Sie weiß, dass sie sich genau danach während der Wochen und Wochen in der Klinik verzehrt hat. Dass sie es sich vorgestellt und einander beschrieben haben, in allen Facetten, immer wieder. Sie weiß außerdem, dass sie ihm noch gestern gesagt hat, dass sie hierbleibe, und das auch selbst geglaubt hat. Und trotzdem löst sie sich jetzt von ihm und sagt, dass sie sich umentschieden hat und nun doch zu Gabriellas Geburtstagsfest fahren wird. Heute schon, gleich. Dass es das Richtige ist und sie allein fahren muss. Drei Tage nur, höchstens vier, dann wird sie wieder daheim sein.

«Und du bist sicher, du schaffst das?»

«Die Ärzte sagen, dass ich wieder fit bin. Ich ruf an, wenn ich dort bin.»

Das ist keine Antwort auf Anselms Frage, das wissen sie beide, aber auf einmal hat sie es eilig, sehr eilig, obwohl es noch so früh ist, und Anselm kennt sie zu gut, um weiter in sie zu dringen oder einen Streit anzufangen, während sie ihre Sachen packt und sich anzieht. Doch als sie sich zum Abschied umarmen, wünscht sie sich trotzdem, dass er das dieses eine Mal täte. Dass er sie für verrückt erklärte oder, noch besser, festhielte. So intensiv und überraschend fremd ist dieser Wunsch, dass sie die Haustür viel heftiger hinter sich zuzieht als nötig.

*

Fünf Dinge, die sie an Anselm liebt:

 

Seine schier unerschütterliche Zuversicht ins Leben.

Dass er im Kino so lange mit ihr sitzen bleibt, bis der Abspann vorbei ist.

Dass er Libellen, Ameisen, Käfer immer aufs Neue so hingebungsvoll beobachten kann, als ob er sie gerade zum ersten Mal überhaupt entdeckt hätte.

Die lässige Selbstironie, mit der er den Morgentee serviert.

Dass er ihre Hand hält, beim Spazierengehen, im Kino, einfach so, oder wenn sie in Not ist, und sie trotzdem gehen lässt, wenn sie gehen muss.

*

Sie fährt, lässt die noch schlafende Stadt hinter sich, das Autobahnkreuz Heumar mit seinen ewigen Baustellen, den Abschied von Anselm, vielleicht auch ihre Zweifel. München also. Sie wird Gabriella wiedersehen, womöglich auch Mia und, wenn es schlecht läuft, Sascha. Eine Reise in die Vergangenheit wird das werden, aber mit ein bisschen Glück öffnen sich ihr vielleicht ein paar neue Türen. Sie schaltet das Radio ein, hört ein Feature über die schleichende Unterwanderung des Verfassungsschutzes in Thüringen durch rechte Kräfte, wechselt zu den Tagesnachrichten, bei denen sich zwei blutjunge Moderatoren so vergeblich wie unpassend bemühen, die Weltpolitik so zu präsentieren, als ob die ein einziger Spaß sei. Sie schaltet das Radio wieder aus, fährt eine Weile in Stille. Sie hat kein Geschenk für Gabriella, nicht einmal eine Karte. Wenigstens Blumen und Champagner kann sie in München noch besorgen. Und überlegen, was sie eigentlich sagt und – noch wichtiger – nicht sagt zu ihren beruflichen Plänen, wenn die anderen Gäste sie danach fragen.

Und Felix, was macht sie mit Felix? Über zehn Jahre ist es her, dass sie bei ihrer Alpenwanderung von einem heftigen Wetterumschwung überrascht wurde und mit ihm eine gefühlte Ewigkeit lang in einer Höhle Schutz fand. Purer Zufall war das gewesen. Ohne das Unwetter wären sie sich nie begegnet und falls doch, hätten sie sicherlich nie miteinander über ihre geheimen Ängste und Hoffnungen geredet. Eine Ausnahmezeit, so hatte sie gedacht, als sie sich danach verabschiedeten. Doch Felix hielt den Kontakt, ließ sie per WhatsApp an seinen Urlauben teilhaben, seiner Hochzeit und den Entwicklungen in seiner Firma. Vermutlich galt seine Treue weniger ihrer Person denn der Tatsache, dass er sie als Journalistin für einen potenziell nützlichen Kontakt hielt, hatte sie gedacht. Und trotzdem fühlt es sich mit jedem Autobahnkilometer immer mehr so an, als ob sie ihm, nun, da er in Not ist, für seine Hilfe während des Unwetters doch etwas schuldete.

Schwarzgrau und nebelverhangen reihen sich die Hügel und Täler des Westerwalds entlang der Autobahn, wie hineingetupft einzelne Dörfer, im Osten ist das erste Morgenlicht erkennbar, eine Ahnung eher denn ein Leuchten. Kora schaltet das Radio wieder ein und entscheidet sich für den Oldies-Kanal, der – seit wann eigentlich? – Rockmusik spielt, neuerdings sogar Hits der Achtziger- und Neunzigerjahre. Aber Nutbush City Limits ist auch aus ihrer Sicht ein Oldie, noch dazu einer, den sie schon immer geliebt hat. Sie schlägt den Takt auf dem Lenkrad mit, im Kopf augenblicklich ein Schlaglichtgewitter bunter Bilder. Die junge Tina Turner, die sich die Seele aus dem Leib singt, jeder Ton, jeder Hüftschwung ein Statement: Mich kriegt ihr nicht unter. Sie selbst als frischgebackene Absolventin der Journalistenschule in München. Gabriella Thomas, die ihr zuflüstert: Du bist eigen und stark, Kora von Stein, du wirst deinen Weg gehen, darauf kannst du vertrauen, lass dir das nie kaputtmachen. Die Party danach mit Mia, Mo, Sascha und den anderen. Minirock, Bierflasche, Selbstgedrehte, das Leben ein Abenteuerparcours für sie, weit, groß und offen, dazu da, sich von ihr erobern zu lassen. Ihr Lachen aus voller Kehle.

Die Medikamente fallen ihr ein. Hat sie die eingesteckt, wirklich? Den Dosierspender mit den sieben Wochentagen à vier Tageszeitenfächern hat sie noch in der Rehaklinik weggeschmissen, zu Hause verwahrt sie die Tabletten im Badezimmer. Sie fasst das Lenkrad fester.

Mach schon, Kora, konzentrier dich. Du hast die Blister aus der Schublade genommen und ein Gummiband aus der Küche geholt, um sie zusammenzuhalten, und das Päckchen in den Rucksack geschoben, neben Make-up und Lippenstift. Das hast du doch. Oder nicht?

Zwei Stunden würde sie verlieren, vielleicht sogar mehr, wenn sie noch einmal umkehren und nach Köln zurückmüsste, um die Tabletten zu holen. Das wäre machbar, nur lästig, und ist aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht nötig. Aber sie will nicht zurück, will nicht noch einen Abschied von Anselm, also bemüht sie sich, Spur und Tempo zu halten und zugleich mit der rechten Hand den Rucksack aus dem Fußraum zu zerren, um nach den Blistern zu tasten. Keine Chance, der Rucksack kippt weg und verheddert sich unter dem Beifahrersitz, mit nur einer Hand kann sie ihn nicht befreien.

Jemand betätigt die Lichthupe und zischt hupend an ihr vorbei.

«Scheiße!» Sie schreit. Ohne es zu bemerken, wäre sie um ein Haar auf der linken Spur gelandet. Das war knapp. Richtig knapp.

Sie setzt sich wieder auf, greift das Lenkrad fester, hält die Mittelspur wieder, wechselt nach mehrfacher Prüfung des Rückspiegels nach rechts. Ihr Herz pumpt Stress. Ruhig bleiben, ruhig. Es ist nichts passiert, du hast alles im Griff, irgendwann, gleich kommt ein Parkplatz.

Ein Waldparkplatz. Lkw reihen sich dicht hintereinander neben vollgestopften Mülleimern und einem Picknicktisch aus Beton, es gibt nicht mal ein Klohäuschen. Kora findet eine schmale Lücke und schaltet den Motor aus. Durchatmen. Nachschauen. Falscher Alarm. Die Blister sind da, wo sie sein sollen.

Sie verschließt ihren Rucksack wieder, steigt aus und geht ein paar Schritte, um sich zu beruhigen. Wie halten die Lkw-Fahrer das aus, wenn sie hier ein Wochenende lang stehen und abwarten müssen, dass sie wieder losdürfen? Der Himmel hängt tief, die Autobahn rauscht hinter den Bäumen, die Luft schmeckt nach Benzin, modrigem Laub und nassschwerer Erde. Es nieselt noch immer. Sie kann die einzelnen Tropfen nicht fühlen, dafür sind sie zu fein, und doch sind sie da, fallen und fallen.

Und du bist sicher, du schaffst das?

Nein, bin ich nicht. Aber ich muss es versuchen.

Das wäre die richtige Antwort beim Abschied gewesen, doch die hat sie Anselm nicht gegeben. Vermutlich weiß er es trotzdem, besser sogar als sie selbst. Sie steigt wieder ins Auto und schreibt eine Nachricht an Felix. Wenn sie die abschickt, muss sie zu ihrem Wort stehen. Sie hebt den Blick vom Display, starrt in den Regen, senkt den Blick wieder und drückt auf Senden. Felix also. Dann erst München. Bevor sie wieder losfährt, wählt sie ihre Lieblingsplaylist und programmiert das Navi um. Wie behutsam Anselm sie zum Abschied umarmt hat. Als sei sie noch immer frisch operiert und drohe jeden Moment zu zerbrechen.

*

Fünf Dinge, die Anselm nicht von ihr weiß:

 

Dass sie nachts neuerdings auf Youtube Pas de deux anschaut, Ballett, Eiskunstlauf und Akrobatik, und dann manchmal weinen muss, weil es so schlafwandlerisch leicht scheint.

Dass sie seit der Herz-OP mit ihrem nie geborenen Kind spricht.

Dass sie Anselm, kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten, einmal zufällig am Bahnhof Friedrichstraße gesehen hat und ihm ein paar Stunden lang gefolgt ist. Nicht, weil sie ihm misstraut hätte, sondern einfach, weil sie ihn so gern ansieht.

Dass sie ihrem sterbenden Vater versprochen hat, Anselm nie zu verlassen, obwohl ihr Vater das gar nicht verlangt hat.

Und dass sie sich trotzdem manchmal ganz weit wegsehnt.

*

Ab dem Frankfurter Kreuz verdichtet sich der Verkehr, hinter Würzburg ist Stau, südlich von Ingolstadt geht der Nieselregen in Schnee über, als ob nicht März wäre, sondern Weihnachten vor der Tür stünde. Sie drosselt das Tempo, schaltet den Scheibenwischer auf die höchste Stufe, atmet auf, als der Schnee wieder nachlässt. Der Landgasthof Zum Hirschen in Felix’ Dorf sieht verlassen aus und ist weiß überzuckert. Eine geschotterte Brachfläche rechts des Gebäudes dient offenbar als Parkplatz. Nur zwei Autos stehen dort, und obwohl hinter den Bleiglasscheiben des Schankraums ein trübes Licht brennt, ist der Eingang verschlossen. Kora checkt ihre Reservierung und unterdrückt einen Fluch. Die Rezeption und der Gasthof sind erst ab siebzehn Uhr geöffnet, bis dahin dauert es noch fast drei Stunden.

Kora sieht sich um. Der Hirschen liegt am Dorfrand, direkt an dem Fahrweg, der auf die Anhöhe führt, wo Felix Mochinger wohnt. Ein Fußweg von zehn, maximal fünfzehn Minuten ist das, gut zu schaffen. Außerdem schneit es nicht mehr, die Bewegung wird ihr guttun. Sie verschließt ihren Wagen und macht sich auf den Weg. Das Dorf wirkt so verlassen wie der Gasthof. Irgendwo bellt ein Hund und verstummt sofort wieder. An einem Laternenpfahl ist ein Polizeiaufruf befestigt: VERMISST. Leonie Mochinger. Sachdienliche Hinweise bitte an …

Sie kennt das Plakat schon, trotzdem wirkt es hier noch einmal anders, und in ihrer Brust meldet sich das verhasste Ziehen zurück, mit dem sie in den ersten Monaten nach der Operation so gekämpft hat. Nicht sehr stark, eine Erinnerung nur, ihr Körper vergisst nicht. Sie wendet den Blick ab, läuft weiter. Der Wind ist kälter als in Köln, Winterwind im Frühling. Ihr Herzschlag beschleunigt, ihr Atem geht schneller und bläst weiße Wolken. In den Straßengräben klumpen die schmuddeligen Reste eines zurückliegenden Schneefalls. Felix’ Haus ist am höchsten gelegen, das letzte in einer Reihe großzügiger Anwesen. Vor seinem Garten mündet der Fahrweg in einen Wendehammer.

Kora bleibt stehen.

Genau hier, an Felix’ Gartentor, hat sie vor elf Jahren nach ihrem Alpenabenteuer schon einmal gestanden und geklingelt. Es gibt ein Foto von ihr, von diesem Tag: Braun gebrannt ist sie darauf, in Shorts und Wanderstiefeln, den Trapperhut in den Nacken geschoben, den schweren Rucksack auf den Schultern, als wär’s nichts, die Wanderstöcke in der Linken. Es gibt auch ein gemeinsames Selfie von ihr und Felix in seinem Garten von diesem Besuch: breit grinsend, die Daumen erhoben, vor Gläsern mit Weißbier. Gerade fünfzig ist sie damals gewesen, und Felix war zweiunddreißig, ein Kletterer mit Sonnyboy-Attitüde und großen Plänen, die er ihr nach und nach anvertraut hatte, während sie in dieser Höhle ausharren mussten, bis sich das Wetter wieder stabilisierte.

Kora atmet durch. Den lichten Anbau aus Holz und Glas rechts an Felix’ Haus kennt sie nur von den Fotos, die er ihr in den letzten Jahren geschickt hatte. Ein vermutlich vom Weihnachtsfest übrig gebliebener Herrnhuter Stern baumelt über der Eingangstür, auch in den akkurat getrimmten Bäumen und Büschen des Vorgartens glimmen Lichter. Oder tun sie das immer? Sie stellt sich Leonie vor, wie sie am Tag ihres Verschwindens davonfährt. Was hat sie gedacht, in diesem Moment? Wusste sie schon, dass sie nicht mehr zurückkehren würde? Oder war es ganz anders?

Einfach verschwinden, von einer Stunde auf die andere, und irgendwo anders ganz neu beginnen. War das Leonies Traum, ist es das, was passiert ist?

Sie klingelt. Nur Sekunden danach schwingt die Tür auf.

«Kora, wie gut!»

«Felix.»

Er ergreift ihre Hand und zieht sie nach drinnen. Ein entschlossener Griff, so wie damals, als er sie durch den Hagelsturm in diese Felsspalte lotste, doch seine Bewegungen sind abgehackt, fahrig, als hätte er tagelang nicht geschlafen oder Aufputschmittel genommen.

«Dass du wirklich gekommen bist … Das ist – brauchst du was? Ich …»

«Ein WC wäre gut.»

«Ja, natürlich, gleich hier.»

Sie verschließt die Tür, lehnt sich von innen dagegen. Zu nah alles, zu überwältigend. Es war ein Fehler hierherzukommen, sie weiß doch selbst nicht, wie sie wieder Fuß fassen soll in ihrem Leben.

Die Vertiefungen in den hellen Natursteinfliesen der Wände sind offenbar echte Fossilien. Farn, Blattreste, Undefinierbares, der Gehäuseabdruck einer Schnecke. Sie streicht mit den Fingern darüber. Wie es sein muss, die ureigene Schutzhöhle mit sich herumzutragen, lebenslang, immer. Und dann plötzlich nicht mehr. Oder leben Schnecken bis zuletzt in ihrem Gehäuse, verenden dort, vergehen? Wie auch immer, nun, Jahrmillionen später, ist die versteinerte Spur dieses Lebens zur Baddekoration geworden.

Sie wäscht sich die Hände, kämmt mit gespreizten Fingern durch ihre Locken, frischt ihr Make-up auf. Haltung bewahren. Ihr Preußenblut ist das. Sie hat Witze darüber gerissen, bevor sie im Krankenhaus eincheckte, Galgenhumorwitze, und trotzdem das Blond nachfärben lassen und die Nägel lackiert. Sie hat sich gewappnet gefühlt damit und nicht geahnt, wie egal all das nach der OP für lange Zeit sein würde.

Sie mustert sich im Spiegel. Es gibt jene Kora, die Felix Mochinger zu Hilfe gerufen hat, nicht mehr. Es gibt auch die fünfzigjährige Abenteurerin, die sich vor annähernd elf Jahren mit Felix in einer Höhle in den Alpen vor einem Unwetter versteckt hatte, nicht mehr. Sie weiß zwar noch, dass diese Versionen ihrer selbst einmal existiert haben, aber sie sind zu Fremden oder lang verschollenen Verwandten geworden, unerreichbar. Es sind nicht so sehr die Falten, an denen sie das erkennen kann, die stören sie nicht wirklich, es ist auch nicht die lange Narbe unter ihrem Pullover, es ist etwas in ihren Augen, in der Art, wie sie in die Welt blickt.

Warum also bist du hier, Kora? Willst du die Retterin spielen? Dich selbst retten?

Sie folgt Felix über eine Treppe in den Anbau. Durch die vollverglaste Fensterfront an der Stirnseite sind im letzten Tageslicht am Horizont verschneite Berggipfel zu erkennen.

«Wow!»

Felix nickt und zeigt auf die moosgrüne Sitzgruppe. «Leonies Lieblingsplatz ist das, deshalb dachte ich, wenn wir hier oben sprechen … Trinkst du einen Kaffee oder Cappuccino?»

«Cappuccino gern, und Wasser.»

Er nickt und macht sich an einer teuer aussehenden Kaffeemaschine zu schaffen, die neben einem sicherlich drei Meter langen Massivholztisch platziert ist.

«Wir arbeiten hier manchmal, wenn es sich nicht lohnt, extra ins Office nach München zu fahren. Oder wir essen hier mit Freunden. Leonies Idee ist das gewesen. Sie wollte die Alpen sehen können …»

«Ja, das verstehe ich.» Kora löst sich von der Aussicht und betrachtet die schwarz-weißen Werbeplakate, die die Wand über dem Tisch zieren. Boxershorts, Slip, BH, Negligé, alles in freier Natur fotografiert, alles Mochinger-Wäsche natürlich. Die Models sind nicht im klassischen Sinne schön, die Aufnahmen muten wie Schnappschüsse an. Authentisch, denkt Kora, das ist wohl die beabsichtigte – und sicherlich aufwendig inszenierte – Wirkung, Leben und Illusion nicht mehr unterscheidbar. Etwas regt sich in ihr, kribbelt. Neugier, jetzt doch. Wie ein schlafender alter Hund, der witternd den Kopf hebt. Leonie ist in Felix’ Firma für das Marketing zuständig. Für eine frühere Kampagne hatte sie einen Preis erhalten. Trägt auch diese hier ihre Handschrift? Auf den Fotos, die Kora von ihr kennt, und dem Porträt, das die Polizei für den Suchaufruf verwendet, sieht Leonie ebenso lässig aus wie die Models. Echt oder nicht echt? Ist dieses Traumhaus tatsächlich auch ihr Traum? Und was, wenn sie anwesend wäre – wie würde Leonie sie begrüßen?

Felix trägt die Tassen zur Sitzgruppe und setzt sie ab. Zu hart, der Milchschaum schwappt über.

«Merde!»

«Komm, ist egal.»

Felix schüttelt den Kopf, holt Papierservietten, Wasser und Gläser. Aftershave streift ihre Nase, Hungergeruch und womöglich der Hauch einer Fahne. Seine Anspannung vibriert förmlich, sein rechtes Augenlid zuckt, er presst zwei Finger drauf, verharrt, lässt die Hand wieder sinken.

Er schien so jung damals in den Alpen. Jung und wild entschlossen, nach dem Unfalltod seines Vaters das marode Familienunternehmen zu sanieren. Er fühle sich dazu verpflichtet, hatte er ihr gestanden. Die Bilanzen sprächen zwar dagegen, und eigentlich hätte er gern eine Kletterhalle eröffnet. Aber nun sei es eben anders gekommen, und er müsse es wenigstens versuchen. Mochinger-Wäsche solle zu einer In-Marke werden.

Felix schüttet Zucker in seine Tasse und beginnt zu rühren. Das Milchschaumherz, das die Düse gezeichnet hat, zerfetzt zu hellbraunen Schlieren. Kora wirft einen Blick in ihre eigene Tasse. Auch ihr Herz löst sich bereits auf, die winzigen Milchschaumbläschen zerplatzen ganz ohne ihr Zutun.

«Das ist der Stand.» Felix reicht ihr eine A4-Mappe mit Dokumenten.

Das Protokoll der Vermisstenanzeige bei der Polizei. Eine Liste mit Kontakten von Leonie. Spekulationen, was sie angehabt haben könnte. Weitere Fotografien von ihr. Eine Liste möglicher Aufenthaltsorte und ein Foto ihres Autos mit Kennzeichen. Ein schneeweißes Peugeot-Cabrio, ein Spaßauto, Leonie lehnt an der Fahrerseite in Jeans, Sneakers, Tanktop, ihr Haar ist zu einem Pferdeschwanz gebunden, ein paar hellblonde Strähnen haben sich gelöst und wehen ihr ins Gesicht. Die Sonnenbrille hat rosafarbene Gläser.

Kora klappt die Mappe wieder zu. «Und du hast wirklich keine Idee, wo sie sein könnte, sie hat nichts gesagt, ihr habt nicht gestritten?»

«Nichts. Nada. Wir waren eben von einer super Skitour in der Schweiz zurück und wollten durchstarten mit der neuen Kampagne. Montagmorgen wollte Leonie erst mal von hier aus arbeiten und später nachkommen in unser Office in München, total normal alles.»

«Und dann?»

«Keine Ahnung! Es wurde Mittag, dann Nachmittag. Ihre Abteilung hat versucht, sie zu erreichen, ich auch, mehrfach. Aber sie ging nicht ans Telefon, reagierte auch nicht mehr auf Mails, das war superstrange, gar nicht ihre Art. Gegen fünf bin ich dann hierhergefahren, aber hier war sie auch nicht.»

«Und das Haus?»

«Alles so, als wäre Leonie einfach zur Arbeit gefahren. Sogar die Spülmaschine muss sie noch angestellt haben.»

«Und die Polizei –»

«Die Polizei!» Felix lacht auf. Ein Schnauben eher als ein Lachen. «Tagelang haben die mir erst mal erklärt, dass Leonie das Recht habe, einfach mal eigener Wege zu gehen, und bestimmt bald wohlbehalten wieder auftauchen würde! Inzwischen bezweifeln sie das auch und kommen in die Puschen. Viel zu spät, wenn du mich fragst, viel, viel, viel zu spät! Ich meine – ihr Handy ist tot und nicht zu orten, ihre Konten sind unberührt, ihr Insta-Account genauso, sie hat nichts gepackt, soweit ich das feststellen kann, niemand, der sie kennt, hat irgendeine Erklärung. Ich hab wirklich all ihre Kontakte durchtelefoniert, mehrfach, alle Lieblingsorte gecheckt. Ich versuche quasi rund um die Uhr, sie zu erreichen. Keine Chance. Nichts. Nada. Am Montag sind das zwei Wochen, die sie einfach wie vom Erdboden verschluckt ist!»

Draußen beginnt es zu schneien, in nassschweren trudelnden Flocken, im Tal glimmen Lichter auf, die Alpengipfel sind in der Dunkelheit verschwunden. Sie hat Anselm nicht angerufen wie versprochen, plötzlich fällt ihr das ein.

Felix beugt sich näher zu ihr, senkt die Stimme. «Was, Kora, was denkst du?»

«Entschuldige bitte kurz.» Sie tippt eine schnelle Nachricht. Bin gut angekommen. Melde mich später, schiebt das Telefon wieder in ihre Tasche. Und wenn sie das nicht getan hätte gerade, sondern das Telefon ausschalten würde? Sie könnte von hier aus ins Irgendwo-Geisterland abtauchen, und Anselm würde sie nicht, oder jedenfalls sehr lange nicht, finden. Er weiß bislang ja nicht einmal, dass sie erst einmal zu Felix gefahren ist, nicht direkt nach München.

Das würdest du Anselm nicht antun. Das würdest du auch gar nicht aushalten. Wer sollte das aushalten?

Anselm, der sie gerettet hat in der Klinik und Himmel und Hölle in Bewegung setzen würde, um sie zu finden. Der ein System entwickeln würde für diese Suche, ein Raster, Tabellen, Landkarten, gründlich und akkurat, wie es seine Art ist. Und wenn all das nichts nützte, wann würde er aufgeben? Und was würde sie tun, wenn er plötzlich fort wäre?

Sie schüttelt den Kopf, blättert noch einmal durch die Mappe. Leonie ist sechsunddreißig, seit acht Jahren ist sie mit Felix verheiratet. Vielleicht ist sie müde geworden und wollte einen anderen Traum leben, bevor es dafür zu spät ist – allein oder mit einem anderen Partner. Vielleicht hat sie das sogar angekündigt, und Felix will es nicht wahrhaben.

Sie legt die Mappe wieder auf den Tisch. Es war falsch hierherzukommen, sie muss so schnell wie nur möglich wieder raus aus diesem Drama, das sie eigentlich gar nichts angeht. Billig ist das und feige, sie schämt sich dafür und kann es nicht ändern.

Felix betrachtet sie und beugt sich zu ihr, als ahnte er, was sie vorhat, wollte sie daran hindern. «Das hier, das alles hier», sagt er, «dieser Raum, der Erfolg, wie wir leben – ohne Leonie wäre das alles nie so geworden, das ist unser gemeinsames Baby und jetzt – ich begreif’s einfach nicht, ich …»

Da war etwas gerade, irgendetwas, das Felix gesagt oder nicht gesagt hat, das aber trotzdem mitschwang, was war das?

Sie hat im Laufe der Jahre, Jahrzehnte so viele Interviews geführt, hat Hoffnungen, Lebenslügen und Geheimnisse aus ihren Gegenübern gekitzelt, manchmal mühelos, manchmal unbeabsichtigt, oft auch erst nach zähem Ringen und immer wieder einmal auch durch pure – oft wilde – Intuition. Sie konnte nie wirklich erklären, wie sie das eigentlich machte, es hatte mit Erfahrung zu tun, mit der Art, wie sie anwesend war und zuhörte. Aber es funktionierte. Am Ende hat sie fast immer den passenden Schlüssel gefunden, sodass ein Wort das andere gab, bis all das gesagt worden war, was gesagt werden musste. Und jetzt? Nichts. Sie hat etwas wahrgenommen, das möglicherweise wichtig sein könnte, es scheint zum Greifen nah, aber sie bekommt es nicht zu fassen.

Sie setzt sich aufrechter hin. «Erzähl mir von Leonie, Felix.»

«Erzählen. Was meinst du?»

«Wer sie ohne dich ist, ohne euch und das alles hier. Wenn sie vollkommen frei wäre.»

«Niemand ist jemals frei.»

Ein Kalenderspruch ist das. Ein Ausweichmanöver. Oder die Wahrheit? Frei, Freisein, Freiheit. Diese ewige Sehnsucht.

Felix tritt ans Fenster und verschränkt die Hände hinter dem Rücken. In der Spiegelung wird sein Körper zum Schemen, sein Gesicht ist nur eine verschwommene helle Fläche. Sie selbst scheint im Hintergrund zu schweben. Eine Doppelkontur, überblendet vom Licht der Lampe.

«Nepal.» Felix spricht leise, fast wie zu sich selbst. «Der Trekkingtrail um den Annapurna. Da habe ich sie zum ersten Mal gesehen. Da haben wir uns verliebt. Leonie war allein unterwegs, ich genauso. Sie saß ganz still in einem Felsspalt, der sie vor dem Wind schützte. Das Gesicht rot vor Kälte, die Augen weit offen, einen Teebecher in den Händen. Etwas an ihr hat mich sofort gepackt: diese Art, wie sie einfach nur dasaß und schaute, hoch konzentriert, total versunken.» Er schlägt mit der Stirn an die Scheibe, einmal, noch einmal, löst sich und wischt mit dem Ärmel darüber, bevor er sich zu Kora umdreht. «Genau wie du damals, als du diesen Regenbogen entdeckt hast.»

«Der Regenbogen, ja. Der war magisch.»

«Dann weißt du ja, was ich meine.»

«Es tut mir so leid, Felix.»

Er setzt sich ihr wieder gegenüber, in einer langen, taumelnden Bewegung, als wäre alle Spannung aus ihm gewichen. «Sie ist tot, oder? Ihr muss etwas passiert sein. Es gibt keine andere halbwegs plausible Erklärung.»

«Und wenn sie nach Nepal geflogen ist?»

«Ohne Equipment und Reisepass?»

«Es gibt so viele Möglichkeiten, sie könnte …»

«Ja, klar. Einen Liebhaber haben, die Nase voll von mir und so weiter. Aber so ist sie nicht. Hintenrum, mein ich. Nie gewesen …» Felix stöhnt auf und vergräbt sein Gesicht in den Händen. Seine Verzweiflung wirkt echt, aber was beweist sie?

Färbe dir die Wirklichkeit nicht nach deinen Wünschen und Sympathien. Glaube und behaupte nichts, was du nicht belegen kannst. Geh näher ran. Schau genauer hin als die anderen. Länger, wenn nötig. Die wichtigsten Regeln Gabriellas für die journalistische Ausbildung sind das gewesen, immer hat Kora sich daran gehalten und es später so auch ihren Praktikanten und Volontären gepredigt. Die Worte flogen ihr zu, die Wahrheiten genauso. Bis zu dem Tag, an dem sie live auf Sendung war und plötzlich gar nichts mehr ging. Aber das ist ein anderes Thema.

Sie sucht nach etwas, das sie Felix sagen kann, aber da kommt nichts. Und vielleicht gibt es auch gar keine passenden Worte für diese Situation und für ihn, wie er ihr gegenübersitzt, das Gesicht in den Händen vergraben.

Sie beugt sich vor und berührt sacht Felix’ Schulter. «Was willst du von mir? Warum wolltest du unbedingt mit mir sprechen?»

Er hebt den Kopf. «Ich will an die Presse damit. Zeitungen, Radio, Fernsehen, Social Media, alles. Die Polizei geht jetzt zwar auch an die Öffentlichkeit, aber das reicht nicht. Da müssen Profis ran. Ich seh keinen anderen Weg mehr.»

«Das verstehe ich, ja. Aber ich bin zurzeit nicht mehr –»

«Ja, das hast du mir schon geschrieben, das weiß ich. Und dass das sowieso nie dein Ressort war. Aber du kennst die Branche und die richtigen Leute, du weißt, wie das gehen kann.»

«Ja, vielleicht. Aber das ist nicht so einfach, und es kann auch nach hinten losgehen, wenn das Fahrt aufnimmt, außer Kontrolle geraten.»

«Kontrolle!» Er lacht. «Die hab ich doch sowieso schon verloren, seit Leonie weg ist!»

«Ja, einerseits, aber –»

«Sie hat deine Talksendung geliebt, hat immer versucht, die zu hören, mittwochabends.»

«Meinen Mitt-Night-Talk? Leonie?»

«Ja. War exakt ihr Geschmack. Sie war richtig geflasht, dass ich dich kenne. Wenn du wenigstens dort, also in deiner Sendung –»

«Meine Sendung läuft aktuell nicht, Felix, das habe ich dir doch gesagt.» Hart klingt das. Zu hart. Doch Felix ist keiner, der so schnell aufgibt.

«Gesetzt den Fall, du könntest doch, also wenn Leonie irgendwo ist, wenn sie dich hören würde, dann –»

«Lass mich nachdenken, Felix.»

*

Immer haben sie die Worte gerettet, bewahrt und geleitet. Anselms Flüstern nach der Herzoperation. Seine Stimme, die aus dem dämmrigen, zeitlosen, vom Schmerz dominierten Rauschen der Intensivstation zu ihr durchdringt: Du schaffst das, du schaffst das, du schaffst das, ich weiß es. Beschwörungen, die erstaunlicherweise in vollkommener Gleichzeitigkeit auch die jungen Stimmen ihrer Eltern zurückbringen. Töne, Laute, geflüsterte Liebkosungen. Die Stimme der Mutter, des Vaters im Dialog, ein gedämpftes Gemurmel, das nachts durch die Wand an ihr Bett fließt. Worte und Satzfetzen aus Kinder- und Jugendbüchern, mit denen die Mutter beim Vorlesen neue Welten erschafft, jeden Abend wieder. Sätze, die sich so oft wiederholt haben, dass sie in ihrem Kopf ein Eigenleben entwickelten und ihr in diesen ersten Lebensjahren genauso wirklich erschienen wie die Wirklichkeit der Wohnung. Alles da, alles möglich. Ein großes Jetzt, dessen Wert ihre Eltern vermutlich nicht einmal erkannt haben und sie schon gar nicht, weil sie die Welt nur so kannte.

Wir lieben die Mutti für immer. Wir werden sie niemals vergessen, sie wohnt in unseren Herzen, aber jetzt leben wir beide weiter. Ihr Vater, der ihr das ins Ohr flüstert und ihr die Tränen abwischt, ganz sanft mit seinem karierten Stofftaschentuch. Der sie an der Hand fasst und vom Friedhof Wilmersdorf zurück in die Wohnung führt und dort, viele Nächte lang, in seine Funkhöhle. Der dort auf der Couch ein Nest für sie baut, hinter dem roten Paravent aus China, damit sie nicht allein einschlafen muss. Damit sie ihn hört, ihn und die fernen, krächzenden, wispernden Stimmen aus anderen Welten, die mit Glück durch den Äther zu ihnen hineinschweben, wenn das Wetter, die Frequenzen und die Antennen mitspielen. Eine gesichtslose Kakofonie, die von Ozeanen, Stürmen, Wüsten und Leuchttürmen, von Schiffen und Gebirgsdörfern kündet – irgendwo da draußen, unerreichbar und fern, und für Momente doch so Trost spendend nah und real wie die Vorlesegeschichten aus den Büchern, obwohl sie die Sprachen oft nicht einmal identifizieren können. Und ab und an unverhofft ein Dialog, auf Deutsch, auf Englisch, oder Französisch, Spanisch und Griechisch, den Sprachen, die ihr Vater immerhin rudimentär beherrscht. QRV Alpha Luna Berlin, QRV this is Berlin seven three. Ihr Vater ruhig, konzentriert und geduldig. Ein Lauschender. Staunender. Ein Wortfänger. Seine kindliche Freude, wenn es tatsächlich einmal geklappt hat mit einer Verbindung. Wie er sich dann zu ihr umwendet. Du schläfst noch nicht? Willst du wissen, was der Mann mir gerade erzählt hat? Willst du ihn etwas fragen?

*

Die hölzerne Rezeptionstheke des Hirschen ist in eine Ecke gebaut, an der Wand dahinter baumeln die Zimmerschlüssel mit schweren metallenen Anhängern, ein Aufsteller verweist in den Schankraum, sollte die Rezeption nicht besetzt sein. Hotelprospekte und ein Handzettel mit Leonies Vermisstenanzeige liegen ebenfalls auf der Theke. Kora steckt einen ein. Der Weg von Felix’ Haus zum Hirschen ging zwar bergab, doch der Schnee fällt inzwischen so dicht, dass sie mindestens doppelt so lange gebraucht hat wie für den Fußweg hinauf. Ihr Wollmantel ist schwer von der Nässe, ihr Haar klatschnass, Rücken und Brustbein schmerzen fast wieder so intensiv wie in der Reha. Der Schankraum also, den schafft sie jetzt auch noch. Bierdunst, Stimmengewirr und Küchengerüche wallen ihr entgegen, sobald sie die Verbindungstür aufstößt. Samstagabend, natürlich, was hat sie denn erwartet? Fast alle Tische sind besetzt. Direkt vornean klopft die dörfliche Altherrenriege Skat, am Tresen lümmeln die Junggesellen vor Schnapsgläsern und Maßkrügen.

Die Restaurantkellnerin hat blau gefärbte Haare, ein Nasenpiercing und schwarze Kajalaugen und ist mit Servieren beschäftigt. Der Mann an der Zapfanlage hat sein schlohweißes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden und bewegt sich so steifbeinig, als wäre er gerade vom Pferd oder von seiner Harley gestiegen.

«Ich hab reserviert. Ein Einzelzimmer!» Sie muss schreien, um den Lärm zu übertönen.

Der Barkeeper hebt einen Daumen, bedeutet ihr zu warten, und wendet sich dem Tresentrupp zu, der offenbar etwas von ihm verlangt, das ihm nicht gefällt, aber schließlich zuckt er übertrieben theatralisch die Schultern und macht sich an der Musikanlage zu schaffen, die kurz darauf Helene Fischers Atemlos in den Raum blökt. Die Truppe johlt und grölt mit, und unwillkürlich muss Kora lächeln. Atemlos, ausgerechnet. Und doch, das hat sie geliebt früher, dafür hat sie gelebt: eintauchen in solche Welten und dann schauen, was passieren wird. Fremd sein und für eine Nacht, ein paar Stunden oder auch Tage dennoch dazugehören, die Gepflogenheiten und Geheimnisse anderer erkunden, vielleicht sogar gerade wegen ihres Fremdseins anvertraut bekommen, und doch wieder gehen dürfen.

Vielleicht bin ich deshalb hier, einfach nur deshalb.

Und was ist mit deinen eigenen Geheimnissen?