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EIN VATER. EINE TOCHTER. EIN HAUS VOLLER ERINNERUNGEN. Bestsellerautorin Gisa Klönne verwebt in ihrem neuen Roman Zeit- und Familiengeschichte zu einem Porträt zweier Generationen. Mit großer Wärme erzählt sie von Hoffnung und Scheitern, verpassten Chancen und dem schwierigen Weg zur Versöhnung. Einst schien das Glück der Familie Roth so selbstverständlich wie der Flug der Leuchtkäfer in den Sommernächten im Garten. Jetzt ist Vater Heinrich alt und allein. Ausgerechnet Franziska, die Tochter, mit der er sich überworfen hat, soll für ihn sorgen. Ihr Lebenstraum ist gescheitert – genau wie Heinrich das stets prophezeit hatte. Doch auch sein Konzept ging nicht auf. Er, der stets alles kontrollieren wollte, muss das Loslassen lernen. Die ungewohnte Nähe schürt die nie gelösten Konflikte von Neuem. Zugleich erwachen Erinnerungen an die hellen Tage. Wie damit leben, dass all das unwiederbringlich vorbei ist?
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Seitenzahl: 596
Veröffentlichungsjahr: 2022
Gisa Klönne
Roman
Mit Mitte 50 kommt Franziska noch einmal in ihr Elternhaus zurück, um sich um ihren verwitweten Vater zu kümmern. Seit ihrer Jugend, seit sie sich dem Naturschutz verschrieben hat, war das Verhältnis zu ihm, dem technikgläubigen Ingenieur, schwierig und ihre Besuche im Elternhaus selten. Auch in Franziskas Leben sind viele Ideale zerbrochen, selbst beim Yoga findet sie keinen Frieden mehr. Widerstrebend lassen sich also Vater und Tochter aufeinander ein. Er kann nicht mehr laufen und ein Umbau des Hauses ist unumgänglich, auch wenn er davon nichts wissen möchte. Mit jedem gemeinsamen Tag erwachen nicht nur die alten Konflikte, sondern auch die Erinnerungen an das Glück, das sie einmal teilten: Bei den gemeinsamen Waldläufen, beim Baden am See und in jenen schier endlosen Sommernächten im Garten, wo sie den Leuchtkäfern zusahen.Während ein langer, heißer Sommer seinen Lauf nimmt, lernen Franziska und Heinrich, mit ihrer Vergangenheit und miteinander Frieden zu schließen.
Gisa Klönne, geb. 1964, lebt als Schriftstellerin und Schreibcoach in Köln. Ihre Kriminalromane um die eigenwillige Kommissarin Judith Krieger erreichten eine Gesamtauflage von über einer halben Million, wurden in mehrere Sprachen übersetzt und mit Auszeichnungen bedacht, unter anderem mit dem Friedrich-Glauser-Preis. Ihr autobiografisch inspirierter Familienroman «Das Lied der Stare nach dem Frost» war ein Spiegel-Bestseller.
Gisa Klönne schreibt auch Kurzprosa, moderiert Lesungen und literarische Veranstaltungen und ist ausgebildete Yogalehrerin. Zuvor studierte sie unter anderem Anglistik und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften und arbeitete als Redakteurin und freie Journalistin sowie als Dozentin in der Aus- und Weiterbildung für Journalisten.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, März 2022
Copyright © 2022 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
Covergestaltung FAVORITBUERO, München
Coverabbildung Kim Reuter
ISBN 978-3-644-01053-6
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Für meinen Vater,
der auch am letzten Tag einen Baum pflanzen würde.
Sie steht vor der Tür ihres Elternhauses und denkt, dass sie noch nicht geklingelt hat und also einfach wieder gehen könnte, und dann wäre zwar nichts gewonnen, aber auch nichts verloren. Sie hebt die Hand zur Klingel und weiß im selben Moment wieder, wie es war, diesem Haus den Rücken zu kehren und zu rennen, geduckt und auf Zehenspitzen hinter der Hecke, lauf schnell und lauf weit und bloß nicht zurückblicken. Und sie weiß wieder, wie es gewesen ist, auf der anderen Seite im Haus an die Klinke zu fassen und die Tür aufzureißen. Wie wichtig ihr das gewesen ist früher, sobald der melodische Dreiklang der Klingel ertönte, als Erste die Haustür zu erreichen, schneller als Monika und ihre Eltern. Das Kind, das die Tür öffnen wollte, ist sie gewesen. Ihr hell schlagendes Herz, ihre fliegenden Schritte auf den blanken Fliesen, und dann stand da doch wieder nur Edith Wörrishofen und wollte Mehl borgen oder Zucker, oder eine andere Nachbarin hatte etwas auf dem Herzen, oder der Kartoffelmann kam oder der Postbote.
Die Haustür ist aus dunklem Holz, der Türknauf aus Messing, blank gewetzt von den vielen Händen, die ihn im Lauf der Jahre, Jahrzehnte berührt haben. Thomas hat behauptet, sie hätte noch einen Hausschlüssel, da sei Monika sich ganz sicher, aber das stimmt nicht, oder falls doch, steckt dieser Schlüssel irgendwo in den Untiefen eines Umzugskartons in Niedenstein und hilft ihr hier und jetzt also nicht weiter. Heinrich Roth steht in geschwungener Gravur auf dem Klingelschild, der Name ihres Vaters, seit eh und je nur sein Name, auch wenn sie hier einmal zu viert gewohnt haben und dann, er und ihre Mutter, zu zweit. Jetzt stimmt es also endlich, denkt sie und wünscht sich, auch ihre Mutter wäre noch dort drinnen, wünscht sich, sie würde herbeieilen, die Arme ausbreiten und sagen, komm rein, Zissy, schnell, lass dich anschauen, ich hab dich so vermisst, dünn bist du, mein Mädchen, wie schön, dass du da bist. Sie ist wieder sieben und siebzehn und seltsamerweise auch weit über siebzig. Alles ist sie, nur nicht eine Frau Anfang fünfzig mit einem Rucksack, der an ihrem Rücken klebt und auf einmal zu schwer wiegt. Sie hätte wohl doch Blumen mitbringen sollen. Pralinen, Wein, irgendetwas. Es würde nichts ändern, aber immerhin wäre es eine Geste, und sie hielte etwas in den Händen. Hier, für dich, Papa, nimm und verzeih mir, lass uns noch einmal anfangen.
Sie klingelt. Ding-dang-dong. Hell-dunkel-dunkler. Gedämpft kann sie das durch die Tür hören. Stille danach, eine veränderte Stille, so scheint es, als würde das Haus erwachen, den Atem anhalten und lauschen. Die Geister sind das. Erinnerungsgeister. Ihr Vater im Trainingsanzug, juvenil und dynamisch. Monika und sie in ihren selbst geschneiderten, sorgsam gebügelten Kleidchen. Ihre Mutter Johanne in dem Morgenmantel mit den Orchideen, die ihnen die Schulbrote in die Ranzen steckt, sie zum Abschied küsst und ihnen nachwinkt und dabei immer ein wenig erstaunt wirkt. Als ob sie nicht glauben könnte, dass es sie wirklich gibt, diese beiden Töchter mit den strammen Zöpfen, als ob sie nicht fassen könnte, dass sie heranwachsen und auf einmal ohne sie aus dem Haus eilen.
Die Strumpfhosen hat sie gehasst, weil die nie richtig im Schritt sitzen blieben, sondern zwickten und kratzten. Die Kniestrümpfe waren kaum besser. Luft an der Haut wollte sie, die nackten Zehen ins Gras drücken können, jederzeit, immer, in Sand, Schlick, Matsch oder auf warmen Asphalt, dieses Gefühl der Verwegenheit auskosten, das damit einherging.
Franziska klingelt noch einmal, energischer diesmal. Nichts regt sich im Haus, der Nachmittag brütet stumm auf den Dächern und Dorfstraßen. Was, wenn ihr Vater entgegen Thomas’ Versicherungen gar nicht da ist? Oder wenn er sie längst gesehen hat und nicht vorhat, ihr zu öffnen? Oder wenn er ihr nicht aufmachen kann, weil er dafür zu schwach ist. Was ist, um Himmels willen, wenn er tot ist?
Im Garten könnte ihr Vater sein und die Klingel nicht hören, es wird ja nicht besser mit seinen Ohren, und er war immer gern draußen. Franziska löst den Hüftgurt ihres Rucksacks, lässt ihn zu Boden sinken und lehnt ihn an die Hauswand. Das T-Shirt haftet an ihren Schultern, den Hüften, dem Rücken, ihre Füße fühlen sich an, als wären sie mit ihren Sneakern verwachsen. Dieselben Sneaker, die sie vor zweieinhalb Jahren getragen hat, plötzlich fällt ihr das auf. Dieselben Sneaker, derselbe Rucksack, nur durchweicht vom Schnee damals, und ein bisschen neuer.
Du bist zu spät, Franziska, Mutti ist heute Morgen gestorben. Monika, die ihr das gesagt hat, das Gesicht bleich und verquollen. Du bist zu spät, Franziska. Sie hat so gefroren.
Wie viel Grad mag es jetzt sein? Über dreißig bestimmt. Keine Wolke am Himmel, der trotzdem nicht richtig blau ist, sondern blass, als sei die Farbe ausgebleicht worden. Anfang Juni erst und seit fünf Wochen kein Regen. Oder schon seit sechs? Das hat sie sich nicht vorstellen können, als sie in den 80er-Jahren gegen das Waldsterben demonstrierte: dass die Natur nicht am sauren Regen zugrunde gehen würde, nicht am Ozonloch oder an den Rodungen für die Autobahnen und Straßen, die ihr Vater so leidenschaftlich plante, sondern einfach in diesen nicht enden wollenden Schwimmbad- und Biergartensommern vertrocknen.
Wir hatten doch recht damals, aber ihr wolltet nicht auf uns hören. Wie nutzlos das ist, so zu denken oder das gar zu sagen. Drei Wochen lang soll sie bleiben. Drei Wochen sind so gut wie nichts, gemessen an einem ganzen Leben, selbst dann, wenn ihr Vater sich weiterhin weigern sollte, mit ihr zu sprechen, kann sie die überstehen.
Sie folgt dem Trittpfad aus Sandstein zur Rückseite des Hauses. Die Terrasse wirkt verwaist, der Garten verwildert. Das Gartenhaus gibt es noch, die Obstbäume und die Walnuss und die Wiesen gleich hinter dem Garten. Dorfende. Weltende, so kam ihr das früher vor. Unter dem Vordach des Gartenhauses haben sie in den Julinächten gesessen und die Leuchtkäfer beobachtet. Später ist sie manchmal allein durch das Gartentor auf die Wiesen getreten und hat versucht, sich die Unendlichkeit vorzustellen und dass die Erde darin nur eine Steinkugel ist, auf die es nicht ankommt, ein winziger Splitter im Universum nur, der irgendwann einfach wieder vergehen wird.
Zwei Hühner stolzieren durch den Nachbargarten zum Staketenzaun und glotzen zu ihr herüber. Ein schwarzes und ein weißes. Auch der Hühnerstall steht an seinem Platz, vielleicht gibt es die schrullige Edith Wörrishofen ja auch wieder.
Beschreiben Sie Ihren Vater. Wenn man sie das fragte, was würde sie erwidern? Obwohl er persönlich nichts gegen Hühner hatte, sie sogar mochte, versuchte er, seiner Nachbarin die Hühnerhaltung zu verbieten, denn das Glück unserer Mutter ging ihm über alles, und die konnte das Scharren und Glucken mit jedem Jahr weniger gut ertragen. Wenn er uns früher die Haustür öffnete, sagte er manchmal: Wir geben nichts, und da uns Mädchen das kränkte, behauptete er, dass er doch nur Spaß mache. Er hat uns für den Nachtflug der Glühwürmchen begeistert, aber strikt verlangt, dass wir sie Leuchtkäfer nannten, weil sie biologisch gesehen nun einmal zur Gattung der Käfer gehören. Er wollte die Welt vermessen, jede Erhebung, jeden Bachlauf, exakt bis in den Millimeterbereich, als sei dies die einzige Chance, sich zu orientieren, er fand, es sei wichtig, die Welt so zu ordnen. Ich bin mit ihm gelaufen, durch den Wald, viele Male, dabei waren wir uns ganz nah, und manchmal, ganz selten, wenn ich schnell genug rannte, vergaß er seine Stoppuhr und die zuvor sorgfältig ausgetüftelten Routen, und etwas in seinem Gesicht wurde freier. Ich kann nicht exakt beschreiben, woran ich das damals eigentlich festgemacht habe, warum ich überhaupt ‹frei› dachte, wo doch frei so ein großes Wort ist, das noch dazu gar nicht zu ihm passte. Vielleicht war es ein bestimmter Zug um seinen Mund oder etwas in seinem Atem, aber in jedem Fall schien es mir unverkennbar, jedes Mal, wenn es eintrat. Und ich dachte dann, dass dieses Freiheitsgefühl wohl der wirkliche Grund war, warum wir so viel rannten, ja dass mein Vater womöglich überhaupt nur zum Läufer geworden war, um diese Freiheit zu finden, dass er sie nur so fühlen konnte. Und heute denke ich manchmal, dass wir uns darin gleichen.
Franziska wendet sich zum Haus um. Sneakerschritte auf Sandsteinplatten. Irgendwo über ihr singt eine Amsel, weit entfernt rauscht die Schnellstraße, und ihr Herz schlägt zu laut, als sie sich der Terrassentür nähert. Was, wenn sie wieder zu spät kommt, wie soll sie das aushalten? Die Terrassentür ist verschlossen, der Blick ins Haus von den Spitzenstores ihrer Mutter verhängt. Nur im Arbeitszimmer ihres Vaters gibt es keine Gardinen, und im Erkerfenster erkennt sie wie eh und je seine Ferngläser, den Theodolit und das Tachymeter. Franziska tritt näher. Ihr Vater sitzt mit geschlossenen Augen in seinem Sessel, er atmet, und Thomas hat offenbar nicht übertrieben: Ihr Vater wird wunderlich auf seine alten Tage. Auf seinem Schreibtisch, dem Sideboard, sogar zu seinen Füßen stapeln sich Skizzen von Ameisenbären.
Sein Problem mit dem Sterben ist, dass es keine verlässlichen Informationen darüber gibt, was danach kommt, weil ja, wer erst einmal tot ist, nicht wieder zurückkehren kann, um darüber zu berichten. Eines seiner Probleme mit dem Sterben ist das, und aktuell das, was ihn am meisten beschäftigt. Natürlich hat er sich umfassend informiert. Das Internet wimmelt nur so von Berichten von Menschen mit Nahtoderlebnissen, die angeblich schon auf der anderen Seite gewesen sind. Die Geschichten ähneln sich auf verdächtige Weise. Immer handeln sie von Tunneln und Lichtern und bereits verstorbenen Angehörigen, die an der Himmelspforte bereitstehen, um ihre durchweg schmerzlich vermissten Familienmitglieder mit weit offenen Armen zu empfangen. Der Tod wird auf diese Weise zu einer Art Reset verklärt. Alles nicht so schlimm, man stirbt und erwacht wieder im Kreis seiner Liebsten und Nächsten, nur ohne lahme Beine, Falten und graue Haare. Reiner Mumpitz natürlich, und selbst wenn so etwas doch geschehen könnte, würde das allein schon aus logistischer Sicht nichts als Chaos bedeuten. Denn wo bitte wollte Gott (wenn es denn einen Gott gäbe, was Heinrich bezweifelt) die Reißleine ziehen, bei welcher Generation der Verwandtschaft, bei Darwins Affen? Und was ist mit all jenen Familienmitgliedern, denen man schon zu Lebzeiten lieber aus dem Weg ging? Seine Mutter, seine Frau und er selbst, auf immer und ewig in trauter Dreisamkeit vereint und Loblieder trällernd, ist für ihn beispielsweise eine alles andere als paradiesische Vorstellung.
Aber ein solches Szenario muss ihn nicht bekümmern, denn mit seinem letzten Atemzug – zu diesem Fazit ist er nach Auswertung aller verfügbaren Daten und Fakten zum Thema Tod und Sterben gekommen – wird der irdische Spuk verlässlich und ein für alle Male vorbei sein. Falls ihn im Ableben doch noch irgendein Licht blenden sollte, wäre dies allein einer allerletzten Kapriole seiner Nerven geschuldet. Ein Blitz noch und Schluss, Ende aus, Blackout. Danach kommt nichts mehr.
Jemand lacht. Eigentlich ist es mehr ein Schnauben, trockenkehlig und heiser. Seine Mutter ist das. Eine jugendliche Version seiner Mutter im paillettenbesetzten Abendkleid mit Federboa, Champagnerkelch und Zigarette, nicht die verbitterte Alte, die er vor Jahrzehnten in einem gottverlassenen Kaff in Brandenburg zu Grabe getragen hatte. Und weil ihm dieser Umstand nur allzu deutlich bewusst ist und seine Mutter dennoch provozierend die Augen rollt und die Hüfte schwingt und Rauchkringel in die Luft bläst, muss er wohl träumen. Und richtig, sobald er die Augen aufschlägt, löst sich die Varieté-Lilo gehorsam in Luft auf. Er muss also eingedöst sein in seinem Sessel, dabei wollte er nur etwas nachschlagen.
Tiere lebensecht zeichnen. Das Buch ist ihm vom Schoss gerutscht und auf seinem linken Fuß gelandet. Heinrich lehnt sich vornüber und legt es auf den Beistelltisch zu den neuerlich misslungenen Entwürfen, von denen ein paar, wie um ihn zu ärgern, vom Tisch rutschen und zu seinen Füßen hinabsegeln, die wie zwei Fremdkörper in den neuen Sandalen stecken, die Monika ihm gekauft hat. Weil die Klettverschlüsse so praktisch sind und sie angeblich ein famos gesundes Fußbett haben. Dabei hätten es seine alten durchaus auch noch getan, und von dem Fußbett hat er überhaupt nichts. Aber das hat er Monika lieber nicht gesagt, denn da hatten sie schon wegen dieser Sache mit der Kur gestritten. Fünf Tage ist das jetzt her, und bislang hat Monika ihm wohl noch nicht verziehen, denn sonst hätte sie sich aus ihrem Urlaub bestimmt schon gemeldet. Das hat er nicht gewollt, sich so im Unguten von ihr zu verabschieden. Aber das ist nun nicht mehr zu ändern. Er muss, was er sich vorgenommen hat, zu Ende bringen, denn eine bessere Chance als Monikas Ferienreise wird er nicht mehr bekommen.
Wird Monika das verstehen? Vielleicht nicht direkt, aber doch mit der Zeit. Sie wird womöglich sogar erleichtert sein und einsehen, dass er das einzig Richtige getan hat, und ihm dafür danken. Oder nicht? Das ist eine der Unwägbarkeiten bei seinem Vorhaben, er kann sie das nicht fragen, wird es also auch nicht erfahren, aber das muss er akzeptieren.
Ein Schatten streift sein Gesicht. Ein Schatten im Fenster, der eine Schattenhand hebt und ihm zuwinkt. Heinrich schüttelt den Kopf. Es hilft aber nichts, der Schatten ist immer noch da und klopft sogar an die Scheibe. Seine Tochter ist das. Seine andere Tochter. Franziska.
Wieder steht sie vor der Tür ihres Elternhauses und wartet. Wieder verliert die Zeit jedes Maß, und irgendwo flötet noch immer die Amsel mit trotziger Inbrunst, als ob alles gut würde. Und vielleicht wird es das ja auch, sagt Franziska sich vor, es hat hier in diesem Haus, diesem Garten schließlich auch helle Tage gegeben. Helle Wochen sogar, wie im Leuchtkäfersommer. Sie wünscht sich auf einmal, sie würde noch rauchen. Nein, wünscht sie sich nicht, ganz bestimmt nicht, der eine Entzug reicht fürs Leben. Nur das Gefühl würde sie gern noch mal haben: den Tabak aufs Blättchen verteilen, den Filter davorstecken, dann drehen und anlecken und tief inhalieren. Das Pochen im Kopf und der Lunge danach, diese Mischung aus scheiß drauf und alles noch möglich: die Liebe, der Weltfriede, die Rettung der Wälder, ihr Leben. Ihre Zuversicht, dass es zwar schwer werden wird und womöglich ein bisschen wehtun, aber sie doch auf dem richtigen Weg ist.
Etwas kratzt drinnen an der Tür, der Schlüssel knirscht im Schloss, schabt, dann schwingt die Tür langsam auf und stoppt sofort wieder, die Sicherheitskette spannt sich, durch den Spalt blinzelt ihr Vater und scheint zu überlegen. Ob er sie noch kennt, womöglich. Oder ob er die Tür besser gleich wieder zuschlagen sollte. Und wie in einem billigen Krimi schiebt Franziska reflexartig den Fuß in den Türspalt. Shakti, so nennen sie sie im Ashram. Die weibliche Kraft. Göttinnenkraft. Sie will lieber nicht wissen, wie ihr Vater das kommentieren würde. Und sie kann ihn sogar verstehen. In seiner Welt ist kein Platz für Hokuspokus wie Yogaverrenkungen und spirituelle Sinnsuche. Man schätzt die Natur, und man nutzt sie, weil sie dafür nun einmal da ist, und dann lebt man ganz einfach sein Leben. Man umarmt keine Bäume.
«Franziska, das ist …»
«Darf ich reinkommen?»
«Wie bitte?»
«Darf ich reinkommen, Papa?»
«Ja, nun …» Zögernd, fast widerstrebend, löst er die Sicherheitskette und gibt die Tür frei, und dann dauert es immer noch eine ganze Weile, bis sie eintreten kann, da sich sein Rollator im Schirmständer verkeilt und mühsam zurück an den dafür vorgesehenen Platz manövriert werden muss. Franziska hievt ihren Rucksack daneben. Dünn ist ihr Vater geworden, dünn und zerbrechlich. Er verschwindet, denkt sie, Thomas hat recht, man darf ihn nicht allein lassen.
«Schließ wieder zu, bitte. Zweimal die Tür, einmal den Riegel und vergiss nicht die Vorhängekette.»
«Aber es ist helllichter Tag!»
Er antwortet nicht, stützt sich stumm auf seinen Gehstock und wartet, und ihre Finger bewegen sich, ohne dass sie darüber nachdenkt. Das Rasseln der Kette, der Druck mit dem Handballen gegen das Türblatt, denn nur so lässt sich der Schlüssel ohne Probleme drehen.
«Und jetzt?»
Ihr Vater wendet sich um, schwankt ein wenig und stabilisiert sich. Als habe er seine Mitte verloren und fürchte, ins Leere zu treten, bewegt er sich vorwärts, hebt die Füße nicht an, sondern schiebt sie im Zeitlupentempo über die Fliesen.
Kein Geräusch sonst im Haus, nur dieses Schlurfen, das leise Klacken des Gehstocks, sein Schnaufen. An der Garderobe hängt noch der himmelblaue Popelinmantel ihrer Mutter. Auch ihren Regenschirm mit den Wolken gibt es noch und die Hüte und Halstücher und im Schuhschrank bestimmt ihre Schuhe. Und an der Wand gegenüber die Sammelteller mit den Rosen und auf der Telefonkommode das mit Samt ummantelte Telefon mit der Wählscheibe. 7893 Anna. Arturs Nummer weiß sie im selben Moment auch wieder. Die Darmstädter Vorwahl erst und sechs Ziffern, von denen drei eine Fünf sind. Denk nicht daran. Denk gerade jetzt nicht daran, Franziska. Das ist jetzt nicht das Thema.
Oder ist es das doch? Ist das alles untrennbar mit diesem Haus verbunden? Alles, was war und wovon sie einmal träumte, jeder Höhenflug, jedes Scheitern, sogar dieses letzte? Heinrichs Termine, seine Medikamente, die wichtigsten Kontakte findest du in der Küche. Oben liegt Monis Packliste. Fang im Schlafzimmer an, nimm dir als Nächstes das Nähzimmer vor.
Das Nähzimmer auch?
Es ist alles entschieden, Franziska. Mach einfach, was auf der Liste steht, und gut ist’s.
Die Wände pulsieren und rücken näher. Das Haus riecht nach Staub, saurer Milch und etwas nicht unmittelbar Definierbarem. Die Dinge sind das, denkt Franziska. Tote Materie, Totems. Sie atmen und raunen. Sie warten. Ich kann sie hören. All diese Dinge, von denen man sich dringend trennen müsste, weil sie nur Energie binden.
Mit Packen kennst du dich doch aus. Das wirst du wohl hinkriegen.
Werde ich, klar, Thomas. Macht euch keine Sorgen.
Auf der Treppe ins Obergeschoss wölkt sich der Staub. Aus dem Wohnzimmer fällt ein Strahl Nachmittagssonne in den Flur, auch in ihm flirren Staubpartikel, dass es aussieht, als wollte ein schimmernder Geisterfinger auf etwas zeigen. Auf die Küche vielleicht, auf die ihr Vater sich zuschiebt. Franziska schließt zu ihm auf. Drei Schritte nur, dann muss sie schon wieder abbremsen, weil er stehen bleibt und seinen Gehstock an die offenbar zu diesem Zweck halb offen stehende Schublade der Anrichte hängt, die zu klobig für die Küche ist und zu dunkel und seit Uroma Friedas Tod trotzdem hier stehen muss.
«Ich koche uns dann wohl mal einen Kaffee.»
«Ich kann das machen, Papa, ich kenn mich ja aus.»
Er antwortet nicht, wirkt, als ob er sie nicht mal gehört hat. Schiebt sich in langsamen Unterwasserbewegungen entlang der Anrichte zur Spüle. Tastend, sondierend, ein Traumtaucher in seiner eigenen Tauchglocke.
«Papa? Setz du dich doch hin. Ich mache den Kaffee!»
Franziska schlängelt sich an ihm vorbei und greift nach der Kanne.
«Lass mich.» Er spricht nicht direkt zu ihr, eher zu den Abziehbild-Blumen, die Monika und sie vor sehr langer Zeit abwechselnd von den Spüliflaschen gelöst und auf die hellgrauen Fliesen geklebt haben. Rot-Lila-Orange. Immer schön mittig, nach den Anweisungen ihrer Mutter. Das peppt unsere Küche doch ordentlich auf, Mädchen, oder?
Es kostet ihren Vater offenbar Mühe, den Tank der Kaffeemaschine mit Wasser zu füllen, doch als sie versucht, ihm zu helfen, fasst er den Kannengriff fester. Dieselbe Maschine noch und dieselbe Kanne, das Glas ist blind von Kalk und Kaffeeresten, die Warmhalteplatte hat bereits vor Jahrzehnten den Geist aufgegeben, aber ihre Mutter wollte nie eine neue, denn zum Warmhalten benutzte sie ja die Thermoskanne mit den blauen Blümchen.
Ihr Vater löffelt Kaffeepulver in die Filtertüte. Ein Maßlöffel. Pause. Noch einer. Pause. Und noch ein halber und die Dose verschließen. Vor seinem angestammten Platz an der Stirnseite des Esstischs steht die aufgeklappte Thermobox des Essen-auf-Rädern-Lieferdiensts mit seiner Mittagsmahlzeit. Dort, wo früher immer ihre Mutter gesessen hat – auf dem sogenannten Springerplatz mit dem Rücken zum Fenster –, stehen die Lieblingstasse ihrer Mutter und ein schmaler Krug mit einer roten Rose. Franziska tritt an den Tisch. Der Geruch des Essens steigt ihr in die Nase. Kartoffeln, Blumenkohl und ein halb aufgegessenes Stück totes Tier in glasiger Soße. Schwein oder Pute, was genau, ist nicht zu entscheiden, und sie will es auch gar nicht wissen. Die Soße ist eingetrocknet, der Beilagensalat klebt welk im Schälchen. Zum Nachtisch gab es Schokoladenpudding, den immerhin hat ihr Vater gegessen.
Sitzt dort allein und stochert in seiner Thermobox und guckt auf die rote Rose. Schneidet er die selbst im Garten, ist das ein Ritual? Stellt er sich vor, seine geliebte Johanne hätte die hereingebracht, wie früher? Hängt deshalb ihr hellblaues Schultertuch über der Stuhllehne, weil es so wirkt, als habe sie es eben noch getragen? Sie sieht ihren Vater am Totenbett ihrer Mutter sitzen, vornübergebeugt und in sich zusammengesunken, mit rot geränderten Augen, dieses Tuch in der Hand knetend. Sie sieht sich selbst vor ihm knien in ihren viel zu dünnen Hosen und den lila Sneakern, an deren Schnürsenkeln der Schnee klumpt, und Monika dicht an der Seite des Vaters, ihre Hände mit seinen verflochten, mit einem Gesicht wie aus Marmor.
Die Kaffeemaschine stößt ein Fauchen aus und beginnt mit einem beinahe menschlich klingenden Stöhnen zu blubbern. Vor Jahren, Jahrzehnten hatte ihr Vater versucht, die defekte Warmhalteplatte zu reparieren, und schließlich kapitulieren müssen. Er kaufte eine neue Maschine, die ihre Mutter ausgiebig bewunderte und dann im Keller verschwinden ließ, um ihm seinen Kaffee morgens weiterhin aus der Thermoskanne mit den blauen Blümchen zu servieren. Keiner von beiden erwähnte die neue Maschine je wieder, er fügte sich dem Willen seiner Frau, ließ sie lächelnd gewähren. Oder war das nur Show, haben die beiden sich heimlich gestritten, nachts, flüsternd, erbittert, hinter verschlossenen Türen?
Sie wird das Essen auf Rädern abbestellen und selbst für ihn kochen. Sie wird diesen lauwarmen, bitteren aus der Zeit gefallenen Kaffee mit ihm trinken und auf gar keinen Fall eine der alten Diskussionen aufkommen lassen oder diese gar initiieren, sie wird einfach nur drei Wochen lang für ihn da sein. Karma-Yoga ist das, das Yoga der Handlung, des selbstlosen Dienens.
Ihr Vater nickt der Kaffeemaschine zu und dreht sich zu ihr herum. Langsame Unterwasserbewegungen. Es sieht aus, als ob er aus sehr weiter Ferne auf sie zutreibe. Aber in seinen blauen Augen schimmert noch etwas anderes, und einen irrwitzigen Augenblick lang sieht sie den Mann, der er einmal gewesen ist, die Arme ausbreiten, um sie hoch in die Luft fliegen zu lassen, und es erscheint völlig absurd, dass sie ihn seit der Beerdigung nicht besucht hat und nun vor ihm steht wie eine Fremde, und sie geht auf ihn zu und zieht ihn sehr vorsichtig in ihre Arme.
«Hallo, Papa, da bin ich. Wie geht’s dir?»
Ein Hauch Frisiercreme hüllt sie ein und etwas Fahles wie ungewaschener Kragen. Ihr Vater ist noch dünner, als sie gedacht hat, und kleiner, ein Vogelknochenmännchen. Als sie ihn sehr vorsichtig auf die Wange küsst, lässt er das wie ein Kind über sich ergehen, das von einer ungeliebten Tante geherzt wird, und sie hört seine Hörgeräte fiepen. Nimmt er das auch wahr, oder wird das nur nach außen übertragen? Und falls er es auch hört, wie kann er das aushalten?
«Franziska, das ist eine Überraschung, dass du hier doch noch einmal vorbeischaust», sagt er, als sie ihn wieder loslässt. «Wann fährst du denn wieder?»
Wie das gewesen ist, mit ihm zu laufen, zwischen sommerhell flirrendem Blattgrün und winterkargen Zweigen, in kurzen Hosen und in den dunkelblauen langen aus Polyester mit den drei weißen Streifen, durch Regen, Schnee, Hitze und diese blaugoldenen Herbsttage, die etwas mit ihr machen, das sie nicht beschreiben kann, damals nicht, heute nicht, nur fühlen. Die tägliche kleine Runde und dreimal pro Woche die große. Das Gartentor schnappt ins Schloss, und schon saust der Wind in den Ohren, und das Trommeln ihrer Schuhe, in denen noch keine Gel- oder Luftpolster den Tritt dämmen, gibt den Takt vor. Über die Wiesen zum Klärwerk laufen sie und hinauf auf die Anhöhe, wo der Wald wartet mit seiner Kühle und dem Geruch nach Laub, Totholz, Erde. Sie würde den Wald gerne richtig begrüßen, doch die langen, sehnigen Beine ihres Vaters diktieren das Tempo, das er anhand diverser Alters- und Leistungstabellen berechnet. Kein Stolpern, kein Zögern, kein Schwanken in seinen Schritten, als ob ein inneres Metronom seinen Lauf lenkt, zieht er sie mit sich und misst ihre Fortschritte mit der Stoppuhr, und sobald sie ihr Pensum sicher bewältigt, beschleunigt er oder verlängert die Strecke.
Will sie selbst immer schneller und schneller werden oder will sie einfach nur laufen? Sie denkt nicht drüber nach an der Seite ihres nach Speickseife duftenden Vaters, rennt und brennt einfach auf den holprigen, matschigen, laubübersäten Wegen, die er für sie aussucht. Früher haben sie zu dritt trainiert, und sie war die Kleine, die vergeblich versuchte, die beiden Großen zu erreichen. Dann holte sie auf, und Monika wollte nicht mehr mitkommen, und seitdem trainieren Franziska und ihr Vater alleine.
Na komm, mein Gazellchen, komm, komm, komm schon, du schaffst das, ich weiß es, na los, zeig mir, was in dir steckt, wer ist zuerst bei der Eiche?
Und ihre Lunge zerspringt, und ihre Beine zerreißen, es ist zu viel manchmal, sie kann das nicht aushalten, bis sie lernt, durch den Schmerz hindurchzufliegen, auf seine andere Seite, wo alles sehr still und sehr weit wird, wie in einer Kathedrale, wo sie immer so weiter voranfliegen könnte, nie mehr aufhören, vielleicht sogar ihren Vater einfach hinter sich zurücklassen. Aber dann kitzelt doch wieder ein Sonnenstrahl ihre Nase, oder ein moosweicher Baumstamm leuchtet wie Eidechsenhaut, oder die Zugvögel rufen so fernwehtrunken, dass sie den Kopf heben muss und nach ihnen gucken und so aus dem Tritt gerät. Sie sagt ihrem Vater nie, dass ihr die Pokale und Medaillen, die sich in dem Regal über ihrem Bett sammeln, eigentlich gar nichts bedeuten, denn sie spürt instinktiv, das würde ihm wehtun. Ihr Schrittmacher ist er, ihr Horizontjäger, der sie aus dem Puppenstubenhaus ihrer Mutter und Schwester hinausführt. Ihre fliegenden Mädchenbeine neben seinen, ihre fliegenden Worte und Träume.
Wann hat das geendet? Es muss ihn gegeben haben, diesen allerletzten gemeinsamen Waldlauf. Ich komm heut nicht mit, hab was anderes vor. Irgend so etwas wird sie wohl gesagt haben, als ob es nicht wichtig wäre, nicht weiter von Bedeutung. Wie hätte sie denn auch voraussehen können, dass es von dort kein Zurück gab?
Eine schwere Geburt ist Franziska gewesen, so hat die Hebamme sich damals ausgedrückt, als sie ihm seine neugeborene Tochter 49 Stunden nach Beginn der Wehen endlich in den Arm legte. Ein rotes, verknautschtes Gesichtchen in weißen Tüchern, so federleicht, dass er kaum wagte, es an sich zu drücken. Aber dann hielt er sie doch an der Brust – behutsam, behutsam –, und das Bündel erwies sich erstaunlicherweise als gar nicht so zerbrechlich, sondern schien ganz im Gegenteil vor Kraft zu pochen, ja förmlich zu beben, und verströmte eine erstaunliche Wärme. Leben sollst du, leben, hörst du, du musst leben, hat er geflüstert. Und dann kamen ihm die Tränen, und die Hebamme nahm ihm das Bündelchen wieder ab, und der Stationsarzt erschien und klopfte ihm auf die Schulter.
Zwei Tage Wehen, das hat diesmal lange gedauert, na ja, ist wohl kein Wunder, bei dieser Vorgeschichte, aber jetzt ist es geschafft, ihre Frau muss sich erholen und nach vorn blicken und Sie müssen das bitte auch tun. Kommen Sie nur mit mir, ein guter Kaffee und ein Cognac werden Ihnen guttun, und auch ihre kleine Franziska hat eine Mütze Schlaf nötig.
Eine Mütze Schlaf – wie unpassend ihm diese Formulierung auf dem nach Desinfektionsmittel riechenden Flur der Wöchnerinnenstation vorgekommen war. Aber er gehorchte und folgte dem Arzt in sein Zimmer, eine Schwester servierte ihnen Kaffee, der Arzt zwinkerte ihm zu und förderte Cognac und Gläser aus einem seiner Schränke, und als könnte er Heinrichs Gedanken lesen, versicherte er ihm erneut, dass seine Tochter gesund sei und stark und nur eine Mütze Schlaf bräuchte und die Hebammen gut auf sie achtgeben würden.
Also, sehr zum Wohl, lieber Herr Roth, und nur Mut.
Danke, Herr Doktor.
Und wirklich: Der gesüßte Kaffee und der Cognac halfen ihm auf die Beine und zurück ins Leben. Nach vorn blicken musste er. Nach vorne. Endlich wieder nach vorne. Wie beseelt eilte er ins Standesamt, um die Geburt anzuzeigen und von dort nach Bessungen zu Oma Frieda, um ihr und Monika die frohe Kunde zu überbringen.
Du hast ein Schwesterchen bekommen, Moni. Sie heißt Franziska. Du wirst sie sehr lieb haben und sie dich auch. Aber sie ist noch ganz klein, also müssen wir alle immer sehr gut auf sie achtgeben.
Begriff sie die Tragweite dessen, was er ihr da sagte? Natürlich nicht, so dachte er damals, sie war noch nicht einmal drei, für sie war jeder Tag nagelneu und alles, was gestern war, im Nu nicht mehr existent. Sie lebte ihr kleines, behütetes Kinderdasein im Ladenlokal ihrer Uroma Frieda, wenn Johanne nicht aus dem Bett kam, sie ahnte nichts von diesen hauchdünnen Linien, die Glück und Verderben oder Leben und Tod trennen. Und trotzdem schien ihm, wie er da so vor seiner Erstgeborenen kniete und ihre Händchen in seinen hielt und sie ansah, als verstünde sie doch alles.
Freust du dich, mein Schatz?
Wo ist Mama?
Mama muss sich noch ausruhen, aber ihr geht es gut. Sie wird wieder gesund werden, und sie ist sehr, sehr glücklich.
Und du?
Ich auch, Moni, ich auch. Jetzt sind wir eine richtige Familie: Vater, Mutter und zwei Kinder, wie in deinen Büchern.
Darf ich sie sehen?
Aber ja, mein Schatz, natürlich. Gleich heute Nachmittag fahren wir zu ihr. Aber erst müssen wir uns tüchtig stärken.
Den ganzen Weg bis zur Bäckerei hat er Monika dann auf den Schultern getragen. Mitten an einem für alle anderen ganz normalen Donnerstagmorgen lief er wie ein Gaul schnaubend, hüpfend und Hoppe-hoppe-Reiter singend durch Bessungen. Sie kauften frische Brötchen, und unterdessen briet Frieda Spiegeleier mit Speck und tischte saure Gurken, Rote Bete und Mayonnaise dazu auf, und Honig und goldgelbe Butter und das letzte Glas Apfelgelee vom vergangenen Herbst und Schokoladenpudding mit Schlagrahm. Ein Königsmal war das, und so gestärkt, fuhr er mit Monika hinaus nach Mühlbach, und wie an jenem Tag, als er Johanne erstmals über die Eingangsschwelle getragen hatte, schien es ihm erneut wie ein Wunder, dass es dieses Haus wirklich gab: Sein eigenes Haus, das er gefunden und gekauft hat und das ihm eines – wenn auch noch sehr fernen – Tages, wenn er die letzte Kreditrate getilgt hat, tatsächlich vollumfänglich gehören würde. Ihr aller Zuhause mit einem großen Garten und einer Scheune in diesem hessischen Dorf zwischen Bächen und Wiesen, in dem sie nun wirklich wohnen würden, nicht mehr bei Frieda. Da standen sie Hand in Hand und schauten ihr kleines Reich an: Monika in einem von Frieda geschneiderten weißen Kleidchen, er mit Hemd, Krawatte und Anzug. Sonntagsstaat mitten am Donnerstag, und Monika pflückte ein Sträußlein Gänseblümchen, bevor sie zurück in die Stadt fuhren, wo er einen sündteuren Strauß erstand für Johanne: 24 duftende Rosen in Rot, Orange, Hell- und Dunkelrosa, Gelb, Weiß und Apricot, weil Franziska an einem 24. geboren war.
Es ist Frühling, dachte er, als sie mit ihren Gaben die Wöchnerinnenstation betraten. Jetzt ist es tatsächlich Frühling geworden, wir haben eine Sonnentochter bekommen. Und der Duft der Rosen stieg ihm in die Nase, und sein Herz wurde noch leichter, weil Monika die bereits schlappen Gänseblümchen mit solch heiligem Ernst in ihrer pummeligen Kinderfaust hielt. Wie niedlich sie aussah. Wie entzückend, dass sie ihrem Schwesterchen ein Geschenk bringen wollte.
Zimmer 207. Johanne lag einzeln, das dünne Jammergeheul eines Säuglings empfing sie. Und Johanne selbst verschwitzt und erschöpft in den Kissen liegend, mit tränenumflorten Augen.
Sie will weg von mir, Heinrich, sieh doch nur, wie sie sich windet, sie will einfach nicht trinken, ich kann sie nicht halten, was ist nur mit ihr, was soll ich denn machen?
Erneut diese überraschende Kraft in dem winzigen, glühenden Körperchen, als er es ihr abnahm. Schschsch, schschsch – beruhigende Laute in seiner Kehle, die hier nichts veränderten, obwohl sie bei Monika doch immer genügt hatten. Monika, seine Große, die neben ihm zu einem kleinen Zinnsoldaten erstarrt ist, der das Schauspiel mit unergründlicher Miene betrachtet.
Wenn er seinen Beinen den Befehl gibt, sich zu bewegen, rutschen seine Füße über den Boden. Er kann auch die Zehen bewegen, im Zeitlupentempo zwar, aber immerhin, das klappt noch. Nur fühlen kann er sie nicht. Die Waden nicht, die Füße, die Zehen, die Fußsohlen, die neuen Sandalen mit dem angeblich so famosen Fußbett, den Boden. Andere haben Krebs oder gar keine Beine mehr, das weiß er. Polyneuropathie ist eine Nervenkrankheit und verläuft in Schüben. Es gibt bessere und leider auch schlechtere Tage und insgesamt keine Heilung. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis diese tückische Krankheit auch seine Hände befallen wird, er kann schon jetzt spüren, wie ihnen die Kraft schwindet, und was, wenn auch sie ihm nicht mehr gehorchen, was dann?
«Papa? Hallo? Kannst du mich hören?» Franziska sagt das. Franziska, die wie aus dem Nichts mit einem großen Rucksack gekommen ist und offenbar vorhat zu bleiben. Warum ausgerechnet jetzt, da Monika in den Urlaub gefahren ist? Monika muss das veranlasst haben, weil er sich geweigert hat, die Kur anzutreten, die sie für ihn arrangiert hatte. Das ist die einzig logische Schlussfolgerung: Monika hat Franziska abkommandiert, ihn zu bewachen, während Monika sich von ihm erholt. Sonst wäre Franziska nicht hier. Er mag zwar schwerhörig sein und zu nicht mehr viel zu gebrauchen, aber das heißt noch lange nicht, dass er senil ist.
Er mustert sie. Jung sieht sie aus. Nein, nicht jung, aber auf andere Weise gealtert als Monika. Oder es wirkt nur so, weil sie dünn ist und zierlich und Kleidung trägt, die nicht zu ihrem Alter passt: Pluderhosen und ein schreiend violettes T-Shirt, auf dem ein seltsames Geschöpf, das halb Mensch und halb Elefant ist, den Rüssel biegt, als wollte es ihn grüßen.
«Papa?»
Das Haar immerhin färbt Franziska nicht mehr in diesem grausigen Rot, und es hängt ihr auch nicht mehr ins Gesicht wie früher als Teenager. Lang ist es aber immer noch, sie hat es zu einem Knoten gezwirbelt, der ein wenig schief sitzt und ihn an ein aus der Form geratenes Vogelnest erinnert.
Wo kommt sie diesmal her, wieder aus Indien oder aus einem Buschcamp? Auf diesem Bauernhof lebt sie wohl nicht mehr, aber was weiß er schon wirklich von ihr, worauf kann man sich bei ihr verlassen? Ab und zu hat sie ihn nach dem Desaster bei Johannes Beisetzung angerufen, wollte reden, erklären, argumentieren, aber die Verbindung war immer schlecht, und er wusste nie, was er ihr hätte sagen sollen.
Und jetzt ist sie aus heiterem Himmel wieder da und fegt wie ein Derwisch durch seine Küche. Klappt den Kühlschrank auf und gleich wieder zu, findet Gläser und Johannes Lieblingskaffeeservice und das Mineralwasser, von dem er schon wieder vergessen hatte, wo Monika das immer hinstellt.
Die Wand kippt auf Heinrich zu, schwankt nach vorn und zurück und nach links und rechts. Er greift hinter sich und bekommt die metallische Kante des Abwaschbeckens zu fassen. Sein Kreislauf ist das mal wieder, vielleicht hat Monika ja doch recht, er muss sich mehr bewegen, mehr fordern, und sei es nur, um endlich seine Entscheidungen treffen zu können und sein Vorhaben zu vollenden.
«Papa! Was ist …»
Franziska packt seinen Ellbogen und zieht seinen Arm um ihre Schulter und redet und redet, und auch wenn ihre Stimme dunkler als Monikas ist, kann er sie nicht verstehen, denn da ist wieder dieses Rauschen in seinen Ohren, und im nächsten Moment sitzt er plötzlich am Tisch und weiß nicht genau, wie er da so schnell hingelangt ist.
«Hier, trink!»
Franziska füllt ein Glas Wasser und schiebt es ihm in die Hände.
Immer trinken soll er, es ist eigentlich komisch, so verschieden sie sind, darin sind sie sich offenbar allesamt einig: Seine Töchter, sein Schwager, der Hausarzt, die Fußpflegerin, die Enkel, sogar im Radio sagen sie das jetzt immer. Trinken Sie, trinken Sie, wegen der Hitze. Aber dem alten Wörrishofen von nebenan konnte man sicherlich vieles vorwerfen, aber nicht, dass er jemals zu wenig getrunken hätte. Und trotzdem hat den im letzten Sommer einfach der Schlag getroffen. Rums und vorbei, da war Edith nur schnell bei den Hühnern. Kommt zurück mit den Eiern fürs Frühstück, und da lag er im Bad, den Rasierpinsel noch in der Hand. Ein sauberer, zügiger Tod ist das gewesen, ein Geschenk, das gerade der alte Wörrishofen keineswegs verdient hatte. Warum durfte der einfach umkippen, und Johanne musste sich wochenlang quälen?
«Trink, bitte!»
Franziska verschwindet im Flur und ist im Nu wieder bei ihm. Seine Tochter mit den schnellen Beinen, die so vieles hätte erreichen können in ihrem Leben, mehr als Monika vielleicht sogar, mehr als er, jedes Rennen gewinnen, wenn sie das denn nur gewollt und sich ehrlich bemüht hätte. Das stellt er sich manchmal vor, malt sich das aus, in allen Details: Dass er noch einmal die Laufschuhe schnürt, das Gartentor aufstößt und lostrabt mit ihr, quer über die Wiesen zum Wald hoch. Und diesmal den richtigen Weg findet, den einen entscheidenden Abzweig, den sie damals verpasst haben.
«Willst du auch?» Franziska hält ihm einen Teller mit Apfelschnitzen vor die Nase, und Johannes Keksdose hat sie auch irgendwoher gezaubert und Kaffee eingegossen.
Er hat nicht damit gerechnet, sie noch einmal zu sehen. Er hat nicht für möglich gehalten, dass sie, der hier nie etwas gut genug war, noch einmal heimkommen könnte und dann so sehr anwesend sein wird, so sehr Franziska, und doch eine Fremde. Er hat nicht die leiseste Ahnung wie das mit ihr länger als einen Nachmittag lang funktionieren soll.
Wie albern das ist, in ihrem einstigen Zimmer mit den Tränen kämpfen, einfach nur, weil sie hier ist: in diesem Haus, diesem Zimmer, bei ihrem Vater. Sie kennt sich so nicht. Sie hat doch längst abgeschlossen mit ihrer Kindheit und Jugend, hat sich hier schon so oft verabschiedet, sie kann das gar nicht mehr zählen. Einmal, nach einem Streit, hat ihr Vater sie in diesem Zimmer eingesperrt. Stubenarrest, Fräulein, das wird dich Vernunft lehren. Aber Vernunft war nicht das, was sie als Teenager interessierte, jedenfalls nicht die ihres Vaters, und also ist sie aus dem Fenster geklettert, überzeugt, das Rosengitter sei stark genug, sie zu tragen, was mit einem gebrochenen Fußknöchel endete und vier Wochen lang Gips und Stillhalten müssen. Danach ist sie durch den Keller getürmt, überzeugt, dass sie aus ihrem Fehler gelernt hatte, bis auch das im Desaster endete und sie zum ersten Mal auszog. Über Nacht, überstürzt, mit nur wenigen Sachen, verbrenn die Erde und zieh tiefe Gräben. Aber dann war sie doch noch einmal zurückgekehrt. Und wieder gegangen. Und wieder und wieder. Bis sie endgültig aufgab. Lars ist der Einzige, den sie je in ihr Elternhaus mitnahm, ihn vorstellte, der mit ihr hier übernachtete.
Jahre später ist das gewesen – ein Ereignis, das sie damals mit aus dem Partykeller gemopstem Rotwein begossen haben, nur Lars und sie, hier in diesem Zimmer, nachdem Thomas und Monika sich verabschiedet und ihre Eltern ins Bett gegangen waren. Einen Moment lang kann sie Lars und sich wieder hier sehen – betrunken vom Wein und von ihren Träumen. Als es draußen schon dämmerte, haben sie die Matratze auf den Boden gehoben und miteinander geschlafen, kichernd und flüsternd ob dieses verstohlenen Akts mit immerhin über dreißig. Da hatten sie gerade die ersten Anteile am Hof gekauft. Unser Hof, so haben sie da gesagt. Unser Hof, unser Leben. Bevor sie wieder fuhren, hat sie ihre letzten, in diesem Zimmer zurückgelassenen Jugendschätze aussortiert, ein paar Postkarten, eine Vase und einen Kerzenhalter eingepackt und den Rest in den Müll geworfen; und als sie das nächste Mal zu Besuch kam, hatten ihre Eltern die Wände zartlila und ihre Kiefernholzmöbel weiß streichen lassen und alles wieder an die alten Plätze geräumt: den Schreibtisch vors Fenster, das Bett und das Nachttischchen mit der hellrosa Lampe unter die Dachschräge, den Schrank neben die Tür, den Schaukelstuhl und den Flokati in die Mitte.
Franziska öffnet den Schrank und schließt ihn gleich wieder, weil er leer ist. Auch der Schreibtisch ist leer, nirgendwo liegt eine Packliste ihrer Schwester, auch auf dem Bett nicht. Das im Übrigen nicht bezogen ist; und natürlich gibt es auch keine Blumen zu ihrer Begrüßung. Wer sollte sie denn auch schneiden, wenn nicht ihre Mutter, wer könnte sie überhaupt je so arrangieren? Eine Rispe Rittersporn, ein Gras und ein Zweig. Ein Ast Hagebutten und eine letzte Rose. Tagetes, Sonnenbraut, ein Gras, eine Schafgarbe – wie gehaucht und so locker gesteckt, als seien diese Sträuße nicht mit Bedacht arrangiert, sondern en passant auf einer Wiese gepflückt worden.
Wie gut, dass du wieder zu Hause bist, meine Kleine.
Wie verlockend das klingt, nun, da sie weiß, ihre Mutter kann das nie mehr sagen, ihr Vater sie nie wieder einsperren. Was genau hat sie hier nicht aushalten können? In diesem Haus, diesem Zimmer. Mit ihren Eltern und ihrer Schwester? Sie hat immer noch keinen Namen dafür, aber sie kann es noch spüren. Nicht so deutlich wie früher, eher wie einen Nachhall.
Franziska setzt sich aufs Bett und vergräbt das Gesicht in den Händen. Müde, so müde ist sie. Die Fahrt aus dem Schwarzwald hat über zehn Stunden gedauert, um drei in der Nacht ist sie aufgestanden, der Tag ist noch längst nicht zu Ende. Und einatmen. Ausatmen. Ein. Aus. Und bei jedem Ausatmen loslassen, loslassen, loslassen.
Es funktioniert nicht. Sie hätte nicht an Lars denken dürfen, an den Hof und die Umzugskartons dort, an die Mails und die Anrufe. Sag uns jetzt bitte endlich, wie du dich entschieden hast, Ziska. Ja, das ist insgesamt alles scheiße gelaufen, aber wir brauchen den Platz, und zwei Jahre sollten doch reichen, das Leben geht weiter, für dich doch auch, oder?
Ihre Hände sind warm von ihrem Atem, heiß plötzlich, und trotzdem so steif, als würde sie frieren. Sie hebt den Kopf, hält den Atem an, lauscht mit geschlossenen Augen. Was, wenn sie aus tiefem Schlaf unverhofft in diesem Zimmer erwacht wäre, würde sie es dann erkennen, ohne die Augen zu öffnen und ohne etwas zu berühren, zu riechen, zu hören? Dieses Zimmer, das Haus, nur an seiner Stille? Nicht zu entscheiden. Ihr Handy brummt und vibriert, lässt sie hochschrecken.
– UND? BIST DU DA?
Anna, gute Anna.
– ER MALT TATSÄCHLICH AMEISENBÄREN!
– NEIN!
– JA!
– UND DU?
– ICH NICHT. – – MELDE MICH SPÄTER.
Franziska scrollt durch ihre Mails, steht auf und begibt sich auf die Suche nach der Packliste ihrer Schwester. Ohne Erfolg, immerhin den Medikamentenplan gibt es. Sie versucht, Monika zu erreichen, dann ihren Schwager. Büro, mobil und zu Hause. Überall nur ein Anrufbeantworter, und Monikas Smartphone ist offenbar ganz ausgeschaltet.
Und jetzt, Franziska, was jetzt, was hat das zu bedeuten? Sie geht ins Bad, wäscht sich Gesicht und Hände, dreht den Wasserhahn wieder zu und verharrt einen Augenblick lang vor dem Spiegel. Das also bist du, so siehst du jetzt aus, so stehst du da, allein und mit leeren Händen. Halt das aus, leb damit, akzeptier das.
Sie würde gerne noch einmal nach Niedenstein auf den Hof fahren können, nur ein einziges Mal noch den Weg auf die Anhöhe nehmen in der Gewissheit, dass dies auch ihr Hof ist, ihr Leben, und sich dabei über die Schafe und Hühner freuen und das neue Gewächshaus. Und mit Lars auf der Bank hinter der Scheune die Beine ausstrecken möchte sie noch einmal. Ohne dass er mit diesem Unterton sagt, Franziska, wir müssen reden, ich muss dir etwas sagen, ohne dass sie eine solche Möglichkeit auch nur in Betracht zieht. Einfach nur mit ihm auf der Bank sitzen und die Augen spazieren führen in den Wäldern und Wiesen und von Burgen gekrönten nordhessischen Hügeln, die so aussehen, als wären die Märchengestalten der Brüder Grimm gar keine Erfindung gewesen. Sie würde auch gerne noch einmal mit einem Transparent durch die Straßen ziehen und Parolen skandieren und daran glauben, sie könnte auf diese Weise die Welt retten. Und die Schulzeitung mit ihrer allerersten Reportage würde sie gern noch einmal in der Hand halten und das Leuchten in Arturs Augen sehen, weil das, was sie geschrieben hat, wirklich gut ist. Wieder sechzehn sein will sie und bis tief in die Nacht mit Artur und Anna und den anderen aromatisierten Tee aus der Tonkanne mit dem Sprung in der Tülle trinken und diskutieren. Und mit ihrer Mutter im Gras liegen möchte sie und die Wolken anschauen, die sich durch die Geschichten ihrer Mutter in wattige Fantasiewesen verwandeln. Ihre Gutenachtlieder will sie hören und dabei in Löffelchenhaltung mit Monika unter der Bettdecke kuscheln. Ans Totenbett ihrer Mutter will sie zurückkehren und ihre Hand streicheln und all das aussprechen, was sie ihr nie gesagt hat, und daran glauben können, ihre Mutter würde das immer noch hören. Mit Anna am Waldsee liegen möchte sie und mit Artur nackt ins Dunkelgrün abtauchen. Den Leuchtkäfern zusehen können will sie und gewiss sein, wenn der nächste Sommer nur warm genug wird, kommen sie wieder. Sie möchte wirklich sehr gerne daran glauben können, dass diese Welt noch eine Chance hat: die Welt, die Wälder, die Meere, die Tiere, die Menschen. Und einmal, nur einmal noch, würde sie gern Artur umarmen und ihm sagen: Geh nicht, bitte, bleib, oder geh wenigstens nicht ohne Abschied. Und mit ihm durch das Dachfenster im WG-Haus die Sterne angucken will sie und die Wange auf seine Brust legen, und seinen Herzschlag, den möchte sie auch hören. Sie würde gern zu ihrem Vater hinuntergehen und sagen, komm, lass uns eine Runde drehen, bis zur Eiche, womöglich auch weiter, fangen wir noch mal an und dann erzähl mir mal, was das auf einmal ist mit den Ameisenbären. Und wissen, wie, wo und mit wem sie leben soll, wenn diese drei Wochen mit ihm vorüber sind, will sie. Und nicht so verdammt sentimental werden, kaum dass sie wieder in diesem Haus ist. Das vielleicht am allermeisten.
Der Ameisenbär gehört zur Säugetiergattung der Zahnlosen und gilt als Einzelgänger ohne festen Wohnsitz. Er sieht und hört schlecht, sein Gehirn ist kaum größer als eine Erbse und also eindeutig nicht für komplexe Gedankengänge geschaffen. Dafür kann ein ausgewachsener Ameisenbär seine bis zu neunzig Zentimeter lange, extrem klebrige Zunge einhundertsechzig Mal pro Minute aus der Mundöffnung schnellen lassen. Rund dreißigtausend Ameisen und Larven spürt er jeden Tag auf und verzehrt sie. Um dieses beachtliche Pensum zu bewältigen, muss ein Ameisenbär enorm fokussiert sein, und das ist einer der Gründe, warum die Ameisenbär-Lithografie aus Brehms Tierleben neben Heinrichs Schreibtisch an der Wand hängt.
«Papa?»
So unverhofft, wie diese Kasperlfiguren, die er als Junge Spring-aus-der-Box genannt hat, steht Franziska wieder vor ihm. Heinrich lässt seinen Tuschestift sinken. Wollte Franziska nicht duschen und sich oben einrichten, ist sie damit schon fertig? Offenbar nicht, denn sie trägt immer noch dieselben Sachen.
«Ich bin hier noch …», sagt er und weiß plötzlich nicht weiter. Und als sei, was auch immer er sagen will, nicht wichtig, beginnt seine Tochter zu reden, oder vielmehr redet sie auf ihn ein, das erkennt er an der Art, wie sie den Mund öffnet und schließt, im exakten Takt ihrer Hände. Oder vielleicht ist es auch umgekehrt: Ihr Mund bestimmt, und die Hände folgen. Nie, schon mit zwei Jahren nicht, konnte Franziska sich äußern, ohne zu gestikulieren. So vieles an ihr ist ihm fremd, aber das nicht.
Was will sie von ihm? Er müsste seine Hörhilfen wieder einschalten, dann könnte er das womöglich verstehen, denn obwohl Franziska zierlicher ist als ihre Schwester und einen Kopf kleiner, ist ihre Stimme dunkler als Monikas, ein melodischer Strom anschwellend, abschwellend, eigentlich gar nicht so unangenehm, nur die Worte darin sind für ihn nicht zu identifizieren.
Lü versteht er immerhin und Lu und noch einmal Lü, und schon läuft Franziska zum Fenster, und Heinrich begreift, was sie vorhat.
«Das Fenster bleibt zu!», sagt er. Laut und deutlich und unmissverständlich, und Franziska zögert zwar kurz, lässt sich aber nicht aufhalten.
«Zu!», schreit er, «Zulassen!», und stemmt sich hoch, und das endlich stoppt sie. Wie in einem Western steht sie jetzt da, reglos mit erhobenen Händen.
«Es kommt sonst nur alles durcheinander», sagt er und deutet auf seine Zeichnungen und ärgert sich gleichzeitig, dass er sich genötigt fühlt, sich zu erklären, denn dies hier ist immer noch sein Zimmer, sein Fenster, sein Haus.
Johanne hat Wolken aquarelliert und geografisch nicht zu verortende Landschaften, in denen es niemals auch nur ein Haus gab, ein Dorf, eine Straße. Oder sie malte Blumen mit seltsam im Leeren schwebenden Stängeln und Blüten, deren Konturen an den Rändern sanft zerflossen, sodass die Mädchen zuweilen Fantasiewesen darin zu entdecken glaubten, Elfen und Drachen und Trolle. Johanne hatte sie in dem Glauben gelassen, ja sogar beflügelt: Komm, erzähl uns noch eine Geschichte, Mama.
Ihren Malkasten hat er nach der Beisetzung in seinen Schreibtisch geräumt, in die oberste Schublade zu den Linealen, Zirkeln, Winkelmessern, Tuschfedern und Bleistiften. Er hat sogar versucht, wie sie mit leichtem Pinsel zu tupfen und die exakte Linienführung dem Zufall zu überlassen, jedoch schnell wieder davon Abstand genommen.
«Aber Papa …», sagt Franziska und redet und redet. Immer aber, von Anfang an immer nur aber, mein Abermädchen, hat er sie früher geneckt und sich deshalb doch keine Sorgen gemacht, weil ihm sicher schien, dass sich das noch auswachsen würde.
Aber Papa, was hast du denn nur mit dem Ameisenbär, warum willst du nicht mehr raus, was willst du nur mit diesen Zeichnungen … Er muss seine Hörgeräte nicht bemühen, um Franziskas Redefluss zu verstehen, er braucht nur ihr Gesicht zu betrachten und ihre Arme, die in großer Geste auf die Wandlithografie, seinen Schreibtisch, die völlig missratenen Entwürfe auf dem Boden und die möglicherweise noch zu rettenden auf dem Sideboard zeigen.
Heinrich lässt sich wieder auf seinen Stuhl sinken. Genau genommen hat Franziska ja recht: Es ist beschämend, dass er mit dem Ameisenbären nicht vorankommt. Sein Leben lang hat er mit Zirkeln, Winkeln, Linealen hantiert, mit Bleistiften, Kohlen und Tuschen, nie hat seine Hand auch nur gezögert, geschweige denn gezittert. Er hätte nicht für möglich gehalten, das freihändige Zeichnen könnte so schwer sein, hat es anfangs nur einmal probieren wollen und zugleich überprüfen, ob seine Finger ihm noch gehorchen. Aber dann packte ihn der Ehrgeiz, und inzwischen hat er die Originallithografie sogar auf den Millimeter genau vermessen und die Proportionen im exakt richtigen 1:1-Maßstab übertragen: Den lang gezogen birnenförmigen Schädel, die Augen und Ohren, die eigentümlich nach innen verkrümmten Vorderkrallen, die Rundung des Rückens, den Schweif und die weiß gezackte Flanke. Er hat sogar berechnet, wie viele Bleistiftstriche in welcher Länge und welchem Winkel er für das Fell setzen muss. Nun muss er eigentlich nur noch vollenden, er darf den Rhythmus nicht wieder verlieren, muss die Schraffur des Rückenfells bis zum Hinterteil gleichmäßig fortführen und dann mit dem etwas dickeren Bleistift, vielleicht auch mit der Tuschfeder, die Augen …
«Papa? Hallo!»
Franziska steht wieder neben ihm. Steht mit in die Hüften gestemmten Händen und blickt auf ihn herab, wie einstmals das magere Fräulein Habicht, das im KLV-Lager darüber wachen musste, dass er seinen Lauch isst. Wie kann das sein, dass sich die Rollen so verkehrt haben? Warum gibt es kein Entkommen? Jahrelang sind seine Töchter sich spinnefeind und sprechen kein Wort miteinander, und kaum fährt Monika in den Urlaub, schickt Franziska sich an, sie zu ersetzen.
«Ich will keine frische Luft! Ich will auch keinen Treppenlift und keinen Umbau und keine Hilfe, ich will einfach nur meine Ruhe!»
Das war dann wohl deutlich genug, denn Franziskas Hände lösen sich von ihren Hüften, es sieht aus, als würden sie einfach herabfallen. Da baumeln sie nun, zwei nutzlose, nackte Tierchen.
Und wenn sie doch nicht wegen Monika hier ist, sondern weil sie … Aber warum sonst sollte sie hier plötzlich aufkreuzen? Weil sie Reue fühlt, weil sie Geld braucht?
Franziska beugt sich vor, nimmt einen Bleistift und notiert etwas.
HAST DU EINEN WUNSCH? ICH GEH JETZT EINKAUFEN, liest er und schüttelt so lange den Kopf, bis sie aufgibt. Und dann wartet er immer noch reglos, bis er hört, wie die Haustür zuschlägt. Oder vielleicht hört er das auch gar nicht, sondern spürt es nur, weil die Stille im Haus danach eine andere ist, seine eigene gewohnte Stille.
Mach doch mit, Papa, komm doch! Wenn Johanne mit den Mädchen am Küchentisch malte, haben sie das manchmal gerufen. Aber er hatte immer abgewunken. Ich bin nur Ingenieur, Mädchen, die Künstlerin ist eure Mutter.
Heinrich schiebt Franziskas Notizzettel beiseite. Abends isst er immer die gelieferte Vorspeisensuppe vom Mittag und zwei Scheiben Toastbrot mit Bierschinken oder Leberwurst. Mehr braucht er nicht, außer einem schönen Becher frische Milch dazu. Frische Milch hätte Franziska ihm allerdings mitbringen können, das fällt ihm jetzt ein, da es zu spät ist, aber es wird auch so gehen, er kann sich begnügen. Jedes Kilo, das seine nichtsnutzigen Füße weniger zu tragen haben, kann ihm nur recht sein. Heinrich rückt die Bleistifte, Radiergummis und Lineale wieder auf Linie. Die aktuelle Zeichnung ist bislang seine beste. Er wählt den richtigen Bleistift, stützt den Ellbogen auf, bringt die Hand in den richtigen Winkel. Zittert sie? Kann er die lackierten Kanten des Bleistifts unter den Fingerkuppen tatsächlich noch spüren, oder bildet er sich das ein? Er packt fester zu. Doch, er spürt das, wenn auch vielleicht nicht genau so wie früher.
Vielleicht liegt es auch an der Hitze. Die setzt ihm zu, keine Frage. Er darf jetzt nicht nachlassen. Gerade jetzt, da das Ziel schon zum Greifen nah scheint, muss er seine Aufmerksamkeit noch einmal erhöhen. Wie ein Ameisenbär, der einen Termitenbau aufspürt. Wie der junge Vermessungsingenieur, der er einmal gewesen ist, der auch eine noch so sorgsam eingemessene Trasse mehrmals überprüft hatte. Strikte Wachsamkeit bis zur Vollendung, so hat er es immer gehalten, so muss es auch bleiben, das ist der entscheidende Faktor, der über Sieg oder Scheitern entscheidet. Denn was, wenn er im Untergrund etwas übersehen hätte? Eine Wasserader oder einen Hohlraum? Er hat das erlebt – zum Glück nicht in einem Projekt unter seiner Leitung, aber bei anderen. Eine winzige Nachlässigkeit bei der Planung, und schon reicht ein Regenguss oder eine minimale tektonische Verschiebung oder ein Quäntchen zu viel Last, und zack, sackt der ganze Bau ab.
Der Sommer vor Monikas erstem Geburtstag ist sehr hell und sehr heiß und will einfach nicht enden. Nacht für Nacht schlafen sie unter dem weit geöffneten Fenster und wagen sich kaum zu bewegen, damit ihre Körper nicht noch mehr Wärme verströmen, aber das hilft nichts. Es ist zu stickig in ihrer Schlafkammer, die ganze Parterrewohnung hinter der Änderungsschneiderei, die sie sich mit Johannes Großmutter Frieda teilen, ist zu eng für sie geworden. Monika krabbelt schon, sie wird immer munterer und hat doch keinen rechten Raum dafür, und schon gar nicht gibt es zwischen all den Möbeln und Schneidersachen noch ein Plätzchen, an dem Johanne und er einmal ungestört sein könnten.
«Gehen wir ein Stück», sagt Heinrich deshalb, sobald sie mit Frieda zu Abend gegessen und den Abwasch gemacht und ihr Töchterchen zu Bett gebracht haben. Und dann ziehen sie los, hinaus aus der muffigen Enge über die staubige, sonnenwarme Straße zum Orangeriepark, wo es nach reifen Pfirsichen riecht, nach Rosen und dem algigen Wasser der Brunnen, vor allem aber nach ihren Träumen von einem Leben, das sie nach ihren eigenen Wünschen gestalten. Sie sprechen davon, immer wieder, sie malen sich aus, wie es sein wird: Ein Stück Welt, das nur ihnen gehört, ihrer kleinen Familie. Und nun ist er endlich fündig geworden: Er hat ein Haus für sie gefunden, nicht in Darmstadt zwar, aber im Mühltal, ein Haus mit einem Garten. Der Vorbesitzer ist verstorben, der Kaufpreis ist gerade so hoch, dass die Bank ihm den dafür nötigen Kredit bewilligen würde. Sogar die Papiere sind vorbereitet, er muss nur noch unterschreiben. Vor allem aber muss er Johanne von diesem Haus erzählen, er muss es ihr zeigen, bevor er unterschreibt. Er will dieses Haus kaufen, also was lässt ihn zögern?
Er weiß es nicht. Er versteht sich nicht. Abend für Abend betritt er die Änderungsschneiderei mit dem festen Vorsatz, sein Schweigen zu brechen, und dann kneift er doch wieder und liegt schlaflos neben seiner Frau und lauscht ihrem Atem und sorgt sich und rechnet die Raten noch einmal durch, führt sich die Gemarkung vor Augen, die angrenzenden Wiesen, die Maße des Gartens, den Grundriss. Er hat nichts übersehen, er begreift nicht, warum er so zaudert. Das Haus bietet genug Platz für sie, mehr als genug Platz. Johanne kann sich sogar eine eigene Nähstube darin einrichten, und Oma Frieda kann zu Besuch kommen und, wenn sie will, jederzeit übernachten.
«Johanne», sagt er. «Ich habe ein … Ich muss dir etwas sagen», und sein Herz schlägt schneller. Jetzt, denkt er, heute, das hier ist unser Leben, wir sind jung, jetzt wird unser Traum wahr, ich lasse ihn wahr werden, und Johanne drückt seinen Arm und lächelt, sie lächelt ihn an, als ob sie das schon wüsste, als sei auch sie zu dem Schluss gekommen, dass sie das wagen können, ja, dass ihnen das zusteht.
«Ich muss dir auch etwas sagen, Heinrich», imitiert sie ihn mit so feierlichem Ernst, dass sie beide in Lachen ausbrechen, und er fasst sie noch fester, und sie eilen zu ihrem Lieblingsplatz am großen Brunnen.
«Ah, das tut gut!» Johanne streift die Sandalen ab, sinkt auf die steinerne Einfassung und schwingt ihre Füße ins Becken.
«Johanne, ich habe…»
«Gleich, Heinrich, ich will erst …»
Grün leuchten ihre Augen hier, wassergrün unergründlich, winzige Lichtpunkte flirren darin, und auf einmal kann er dieses Funkeln kaum aushalten, denn was, wenn es wieder erlischt, was, wenn er es erlöschen lässt, was dann?
Der Brunnen ist ein Rondell, sein Durchmesser beträgt gut sieben Meter. Aus dem übermannshohen steinernen Spender in seiner Mitte ergießt sich das Wasser zu einem pilzförmigen Vorhang.
