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Was verborgen war, kommt jetzt ans Licht!
Gegen Ende der letzten Eiszeit, vor 12800 Jahren, näherte sich ein gigantischer Komet, der Tausende von Jahren zuvor ins Sonnensystem eingetreten war, unserem Heimatplaneten. Der Komet zerbrach in viele Stücke, von denen einige auf der Erdoberfläche einschlugen, was eine Katastrophe globalen Ausmaßes hervorrief, wie sie seit der Vernichtung der Dinosaurier nicht mehr stattgefunden hatte. Zumindest acht der Fragmente trafen die nordamerikanische Eisplatte, während weitere Fragmente auf der nordeuropäischen Eisplatte zerbarsten.
Durch den Aufprall der über einen Kilometer großen Kometenbrocken, die mit einer Geschwindigkeit von rund 100000 Kilometern pro Stunde unterwegs waren, wurde eine enorme Hitze erzeugt, die auf der Stelle Millionen Kubikkilometer Eis verflüssigte, die Erdkruste destabilisierte und eine globale Flut auslöste. Die Erinnerung daran findet sich in Mythen aus aller Welt.
Die in diesem Buch dargelegten Beweise lassen keinen Zweifel daran, dass eine in der Eiszeit blühende Hochkultur durch globale Naturkatastrophen, die vor 12800 Jahren begannen und vor 11600 Jahren endeten, zerstört wurde.
Allerdings gab es offensichtlich auch Überlebende, die es irgendwie schafften, diese apokalyptischen Naturgewalten zu überstehen. In den Legenden werden sie als »die Weisen«, »die Leuchtenden«, als »Magier« oder als »Mysterienlehrer des Himmels« bezeichnet. In ihren großen Schiffen reisten sie um die Welt, um in allen Erdteilen eine neue kulturelle Saat auszubringen und damit das Licht der Zivilisation am Leuchten zu halten. Sie errichteten ihre megalithischen Bauwerke an strategischen Punkten wie Baalbek im Libanon, Göbekli Tepe in der Türkei, Gizeh in Ägypten, im alten Sumer, in Mexiko, Peru und auch im pazifischen Raum - so wurde erst kürzlich eine riesige Pyramide in Indonesien entdeckt. Egal, wo sie hinkamen, überall brachten sie die Erinnerungen an eine Zeit mit sich, in der die Menschheit ihren Einklang mit dem Kosmos verlor und dafür einen hohen Preis bezahlte.
Sie brachten nicht nur Erinnerungen mit sich, sondern auch eine Warnung an künftige Generationen . denn der Komet, der vor 12800 Jahren begann, eine solche Spur der Zerstörung nach sich zu ziehen, mag uns noch weiteres Unheil bescheren. Astronomen glauben, dass ein »dunkles« Trümmerfragment von über 30 Kilometern Größe noch immer unsere Erde bedroht.
Eine in Göbekli Tepe, der Sphinx und den ägyptischen Pyramiden kodierte astronomische Botschaft warnt vor der »großen Rückkehr« - in der heutigen Zeit.
Bei kürzlich erfolgten Ausgrabungen in Göbekli Tepe in der Türkei wurde eine Reihe von 12000 Jahre alten, megalithischen Steinkreisen entdeckt, die größer, komplexer und 7000 Jahre älter als Stonehenge sind.
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Diese rätselhaften Monumente wurden wie eine Zeitkapsel absichtlich vergraben und warteten darauf, wiederentdeckt zu werden.
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Bei Bodenradarmessungen wurde festgestellt, dass mindestens 20 Mal so viele gewaltige Steinkreise, die noch größer sind als die bisher freigelegten, auf ihre Ausgrabung warten.
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Eine Pyramide, deren Alter Geologen auf über 12000 Jahre schätzen, wurde in einer Gebirgsregion der Insel Java in Indonesien entdeckt. Vorläufige Untersuchungen deuten auf tief in ihr verborgene Kammern hin, und Ausgrabungen sind nun im Gange.
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Neue wissenschaftliche Beweise lassen darauf schließen, dass die Erde vor 12800 Jahren von einem Kometen getroffen wurde. Der Komet zerbrach in viele Fragmente. Einige davon hatten einen Durchmesser von über eineinhalb Kilometern. Sie schlugen in den nordamerikanischen Eisplatten ein und verflüssigten sofort viele Millionen Quadratkilometer Eis. So wurde die globale Sintflut ausgelöst, von der auf der ganzen Welt in Sagen die Rede ist.
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Die Trümmer des Kometen befinden sich noch immer auf einer Umlaufbahn, die die Umlaufbahn der Erde kreuzt. Astronomen vermuten, dass sich ein 30 Kilometer breites »dunkles« Fragment des ursprünglichen Riesenkometen im Trümmerfeld verbirgt und eine deutliche und allgegenwärtige Gefahr für alles Leben auf der Erde darstellt.
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Die alten Ägypter symbolisierten den Kometen als Phönix, der in großen Abständen zurückkehrt und in Feuer wiedergeboren wird. Eine in der Sphinx und in den Pyramiden von Ägyptens Gizeh-Plateau codierte Botschaft warnt davor, dass die »große Rückkehr« in unserer Zeit erfolgen wird.
Dieselbe Botschaft wurde auch in Göbekli Tepe entschlüsselt.
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Veröffentlichungsjahr: 2018
»Ich kann dieses Buch nur wärmstens empfehlen. Hancock ist ein mitreißender Autor und ein äußerst neugieriger, geistreicher und intuitiver Erforscher der Mysterien verschollener Zivilisationen und archäologischer Geheimnisse. Leidenschaftliche, detaillierte Prosa führt uns, leicht verständlich und direkt, rund um den Globus und quer durch die Jahrtausende.«
Anne Rice, Bestsellerautorin derNew York Times
»Graham Hancocks neues Buch Die Magier der Götter ist ein Triumph der Forschung, der Intuition und der Interpretation. Der Autor schöpft aus einer Flut neuer wissenschaftlicher und archäologischer Entdeckungen, ohne dabei die mysteriöse Entwicklung der Menschheit und ihren bescheidenen Platz im Universum je aus den Augen zu verlieren. Fachübergreifend fügt er mündliche Traditionen, das Mysterium von Raum und Zeit und aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zu einem harmonischen Ganzen zusammen. Ein Meisterwerk akribischer Forschung, intuitiver Spekulation und multidisziplinärer Fachkompetenz. Sehr empfehlenswert.«
New Dawn
»Hancocks Buch liefert eine fesselnde Analyse der großen Zusammenhänge und verbindet damit eine Warnung.«
Nexus Magazin
»Genial.«
Kirkus Reviews
»Über jeden vernünftigen Zweifel erhaben beweist Hancock auf meister-hafte Weise, dass eine in der letzten Eiszeit blühende Hochkultur in der Zeit vor 12800 bis 11600 Jahren durch globale kosmische Katastrophen vernichtet wurde.«
Atlantis Rising
»Fantastischer Stoff … [Hancock] ist ein Autor mit ausgeprägtem Sinn für eine farbenfrohe und stimmungsvolle Erzählweise ...«
The Sunday Times(UK)
»DieMagier der Götter nimmt den aufmerksamen Leser mit auf eine Reise an exotische Schauplätze und stellt ihm dabei schillernde (oft hintertriebene) Charaktere, verstaubtes Wissen der Antike und aktuelle wissenschaftliche Forschung vor. Hancocks passionierte, facettenreiche Prosa führt uns auf leicht zugängliche Weise rund um die Welt und quer durch die Jahrtausende.«
New Dawn
»Ein intellektueller Meilenstein dieses Jahrzehnts.«
Literary Review(UK)
»Den Leser erwartet eine höchst unterhaltsame Reise durch lebendige Welten genialer Erzählkunst.«
The Times(UK)
»Hancock fordert die anerkannte Geschichtsschreibung mit außergewöhnlichen Theorien zu einer frühen Zivilisation heraus, die durch eine Flut hinweggeschwemmt wurde. […] Wie häretisch seine Behauptungen auch immer sein mögen, sein Ritt durch die alte Welt ist ebenso kühn wie fesselnd.«
Daily Mail(UK)
Für Santha, meine Seelengefährtin
Mein erster Dank geht an die Fotografin Santha Faiia, die mir vor 20 Jahren die Ehre zuteilwerden ließ, meine Frau zu werden. Obwohl sie zum Zeitpunkt unserer Begegnung bereits auf eine erfolgreiche Karriere zurückblicken konnte, erklärte sie sich bereit, gemeinsam mit mir die lange Reise von Die Spur der Götter bis Die Magier der Götter anzutreten. Wie in so vielen meiner früheren Bücher stammt der überwiegende Teil der Fotografien auch in diesem Buch von ihr. In den Umkreis meiner großen Dankbarkeit ihr gegenüber gehören auch unsere Kinder Sean, Shanti, Ravi, Leila, Luke und Gabrielle. Während ich an diesem Buch schrieb, wurde unser erstes Enkelkind Nyla geboren, und es ist eine wahre Freude, sie in unserer großen unbändigen Familie willkommen zu heißen. Ebenso möchte ich meiner Mutter Muriel Hancock und meinem Onkel James Macaulay danken und bewahre in meinem Herzen liebevolle Erinnerungen an meinen Vater Donald Hancock, der mich so viel gelehrt und sich bis zu seinem Tod 2003 unermüdlich für meine Arbeit eingesetzt hatte.
Meine Literaturagentin Sonia Land hat wahre Wunder gewirkt, sie ist alles, was eine großartige Agentin sein sollte. Mein britischer Lektor Mark Booth und mein US-amerikanischer Lektor Peter Wolverton haben eine herausragende Rolle gespielt, indem sie DieMagier der Götter auf genau die richtige Weise zum genau richtigen Zeitpunkt der Öffentlichkeit präsentierten.
An dieser Stelle möchte ich auch die außergewöhnliche Rolle von Joe Rogan hervorheben, der mein Werk mit seinem erstaunlichen Podcast Joe Rogan Experience einem ganz neuen Publikum vorstellte. Joe ist ein Phänomen, ein Forscher, ein Augenöffner und ein großartiger Verfechter des Querdenkens, wenn es um die Geschichte der Menschheit geht.
Die Karten, Schautafeln, Zeichnungen und Darstellungen für dieses Buch erstellten Camron Wiltshire and Afua Richardson, unterstützt von Michael Maudlin und Samuel Parker. Auch mein Sohn Luke Hancock steuerte einige Darstellungen bei. Ihnen allen möchte ich an dieser Stelle für ihr Engagement, ihre Begabung und ihre Ausdauer meinen Dank aussprechen.
Der verstorbene Professor Klaus Schmidt vom Deutschen Archäologischen Institut ging weit über seine Pflichten hinaus, als er mich 2013 in der Türkei empfing und auf dem Gelände von Göbekli Tepe herumführte. Als Entdecker und Ausgräber besaß Klaus ein einzigartiges Wissen über diesen ganz besonderen Ort, das er während meiner drei Besuchstage großzügig mit mir teilte. Ich bedaure seinen frühzeitigen Tod, bin mir jedoch sicher, dass sein Name in der Geschichte unvergessen bleibt.
2014 besuchte ich zu Forschungszwecken den Libanon. Meine dortige Arbeit traf auf das freundliche Entgegenkommen sowie die logistische Unterstützung meiner Freunde Ramzi Najjar sowie Samir und Sandra Jarmakani. Nach der Reise profitierte ich von einer umfangreichen Korrespondenz mit dem Archäologen und Architekten Daniel Lohmann über Baalbek. In seinem standhaften Bemühen, mich von den Errungenschaften der Mainstream-Analysen zu überzeugen, zeigte er große Geduld und Überredungskunst.
In Indonesien gilt mein besonderer Dank Danny Hilman Natawidjaja, dem Ausgräber der uralten Pyramide von Gunung Padang, sowie seinen Kollegen Wisnu Ariestika und Bambang Widoyko Suwargadi, die uns auf einer ausgedehnten Exkursion nach Java, Sumatra, Flores und Sulawesi begleiteten.
In den USA bin ich Randall Carlson für seine tiefen Einblicke in die Katastrophengeologie zu besonderem Dank verpflichtet. Während unserer Fahrt von Portland in Oregon nach Minneapolis in Minnesota breitete er seine Untersuchungsergebnisse über die Auswirkungen der verheerenden Überflutungen vor mir aus, die diese Region gegen Ende der Eiszeit heimgesucht hatten. Ich danke auch Bradley Young, der uns auf besagter Reise begleitete und als Fahrer fungierte – ein nahezu heldenhaftes Unterfangen!
Dankbar bin ich auch Allen West, dem Korrespondenten jenes Forscherteams, welches sich mit den Auswirkungen eines Meteoriteneinschlags auf die Jüngere Dryas befasst. Allen gewährte mir tiefe Einblicke in die Konsequenzen dieser Katastrophe und half mir, die Tatsachen so zu durchdringen, dass ich in den Kapiteln 3 bis 6 ausführlich über die Arbeit seiner Kollegen berichten konnte.
Des Weiteren danke ich Richard Takkou und Raymond Wiley für ihre verdienstvolle Arbeit als Forschungsassistenten in verschiedenen Stadien des Projekts.
Von Herzen danke ich unseren lieben Freunden Chris und Cathy Foyle für ihre Solidarität und weisen Ratschläge.
Und nicht zuletzt danke ich meinen treuen Lesern auf der ganzen Welt, die mich auf meiner Suche nach verschollenen Zivilisationen seit mehr als 20 Jahren begleiten und zu mir halten. DieMagier der Götter ist eine neue und letzte Station dieser Reise. Für einige Belange aber musste ich noch einmal auf Orte zurückgreifen, die ich bereits in Die Spur der Götter sowie anderen Büchern untersucht habe. Nur so war es mir möglich, die neuen Beweise, die ich hier vorstelle, in den richtigen Kontext zu setzen.
Graham Hancock
Bath, England, August 2016
:
Ein auf Sand gebautes Haus ist stets in Gefahr einzustürzen.
Trotz der hohen Qualität der jüngsten Deutungen von Historikern und Archäologen häufen sich die Beweise, dass ihr Gebäude von unserer Vergangenheit auf fehlerhaften und gefährlich instabilen Fundamenten steht. Vor 12800 bis 11600 Jahren fand auf unserem Planeten eine Naturkatastrophe statt, die zum Massenaussterben führte. Dieses Ereignis hatte Folgen von globalem Ausmaß und wirkte sich tief greifend auf die Menschheit aus. Da wissenschaftliche Beweise hierfür aber erst seit 2007 zum Vorschein kommen und die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen von Historikern und Archäologen noch nicht berücksichtigt werden, müssen wir die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass alles, was uns bisher über die Ursprünge der Zivilisation gelehrt worden ist, falsch sein könnte.
Damit kommt insbesondere die Hypothese ernsthaft in Betracht, dass weltweite Mythen von einem goldenen Zeitalter, das durch Feuer und Fluten zugrunde gegangen ist, wahr sind und in diesen 1200 Katastrophenjahren vor 12800 bis 11600 Jahren ein ganzes Kapitel der Menschheitsgeschichte ausradiert wurde – ein Kapitel, das nicht von primitiven Jägern und Sammlern handelt, sondern von einer fortschrittlichen Zivilisation.
Hinterließ diese Zivilisation, sollte sie existiert haben, vielleicht Spuren, die wir nach so langer Zeit noch heute ausfindig machen können? Und wenn ja, ist ihr Verlust von Bedeutung für uns?
Diese Fragen versuche ich, in diesem Buch zu beantworten.
–
Anomalien
:
Göbekli Tepe ist das weltweit älteste Beispiel monumentaler Architektur, das bisher entdeckt beziehungsweise von Archäologen als solches akzeptiert wurde.
Großartig, ehrfurchtgebietend, überwältigend, ja göttlich sind Adjektive, die einem bei seinem Anblick in den Sinn kommen und dennoch kläglich daran scheitern, diesem gewaltigen Bauwerk gerecht zu werden. Seit zwei Stunden wandere ich mit Professor Klaus Schmidt in der Ausgrabungsstätte herum, und mein Fassungsvermögen ist völlig überfordert.
»Wie fühlt man sich«, frage ich ihn, »als der Mann, der jenen Tempel entdeckt hat, der die Geschichte neu schreiben wird?«
Da steht er, der deutsche Archäologe mit seinem beeindruckenden Brustkorb und angegrautem Bart im geröteten Gesicht. Er trägt ausgewaschene Jeans, ein blaues Jeanshemd mit Flecken auf dem Ärmel und abgewetzte Sandalen an seinen bloßen schmutzigen Füßen. Wir befinden uns im September 2013, drei Monate vor seinem 60. Geburtstag, und keiner von uns weiß, dass er in weniger als einem Jahr tot sein wird.
Während er über meine Frage nachdenkt, wischt er sich eine Schweißperle von der glänzenden Stirn. Es ist noch nicht einmal Vormittag, doch in der türkischen Region Südostanatoliens steht die Sonne schon hoch, der Himmel ist wolkenlos und der Kamm des Taurusgebirges, auf dem wir stehen, brütet in der Hitze. Kein Lüftchen weht, nicht einmal eine Andeutung von Luft ist spürbar, und nirgendwo bietet Schatten seinen Schutz an. Erst 2014 wird ein Dach zur Abdeckung und zum Schutz der Stätte errichtet werden, doch 2013 gibt es nichts als Fundamente hier, und so stehen wir mitten im gleißenden Sonnenlicht auf einem behelfsmäßigen hölzernen Laufgang. Unter uns, in einer Reihe von halb unterirdischen, mehr oder weniger kreisförmig ummauerten Anlagen, befinden sich die vielen Dutzend riesiger t-förmiger, megalithischer Pfeiler, die Schmidt und sein Team vom Deutschen Archäologischen Institut ans Licht befördert haben. Bevor sie mit ihrer Arbeit begannen, sah der Ort wie ein abgerundeter Hügel aus – und tatsächlich bedeutet »Göbekli Tepe« »Hügel mit Nabel« 1 oder in anderen Übersetzungen »Bauchhügel« 2; doch infolge der Ausgrabungen wurde dieses ursprüngliche Profil großteils abgetragen.
Abbildung 1 Ausgrabungsstätte von Göbekli Tepe und ihr regionales Umfeld
»Natürlich können wir nicht genau sagen, ob Göbekli Tepe ein Tempel ist«, antwortet Schmidt schließlich, und man sieht, dass er seine Worte sorgfältig abwägt. »Nennen wir es ein Hügelheiligtum. Und ich behaupte nicht, dass es die Geschichte neu schreibt, sondern würde eher sagen, dass es der existierenden Geschichtsschreibung ein wichtiges Kapitel hinzufügt. Wir dachten, dass der Übergang vom Jäger und Sammler zum Bauern ein langsamer, allmäh-licher Prozess war, doch nun entdecken wir, dass bereits in dieser Übergangszeit aufregende Monumente entstanden, die wir nicht erwartet hatten.« 3
»Und nicht nur Monumente«, füge ich ergänzend hinzu, »denn zuvor waren die Menschen dieser Region Jäger und Sammler, und es gab keinerlei Anzeichen für Ackerbau.«
»Nein«, räumt Schmidt ein, »absolut keine«. Mit einer ausholenden Geste zeigt er auf den weiten Kreis aus Pfeilern. »Doch die Menschen, die nach Göbekli Tepe kamen und dieses Bauwerk schufen, haben den Ackerbau erfunden! Wir sehen hier eine Verbindung zu dem späteren Auftreten vom Ackerbau abhängiger neolithischer Gesellschaften.«
Bei dem Wort »erfinden« horche ich auf. Ich möchte sicher sein, dass ich das richtig verstehe. »Sie gehen so weit zu sagen«, hake ich nach, »dass die Menschen, die Göbekli Tepe erbauten, tatsächlich den Ackerbau erfanden?«
»Ja, ja.«
»Könnten Sie mir das genauer erklären?«
»Der Grund ist, dass diese Region auch frühe Domestizierungen aufweist, und zwar sowohl von Tieren als auch Pflanzen. Es handelt sich also um ein und dieselbe Bevölkerung.«
»Und Sie denken, sie repräsentiert die erste – die älteste – Ackerbaugesellschaft der Welt?«
»Aber ja, die erste.«
Ich spüre, dass Schmidt ungeduldig wird, weil ich so nachbohre, doch ich habe meine Gründe. Denn die bisher ausgegrabenen Bereiche von Göbekli Tepe sind fast 12000 Jahre alt, der konventionellen Chronologie zufolge also über 6000 Jahre älter als jede andere bisher bekannte megalithische Stätte – Ġgantija und Mnajdra auf Malta, Stonehenge und Avebury in England oder die Pyramiden von Gizeh in Ägypten. Doch all diese Stätten gehören zu jener Phase der Evolution innerhalb der menschlichen Zivilisation, die von den Archäologen »Neolithikum« (»Jungsteinzeit« ) genannt wird und Ackerbau sowie die Organisation der Gesellschaft in strukturierten, hierarchischen Bahnen bereits so weit vorangetrieben hatte, dass sich talentierte Spezialisten herausbilden konnten, die ihre Nahrung nicht mehr selbst produzieren mussten, sondern von den Überschüssen der Bauern unterstützt werden konnten. Göbekli Tepe dagegen gehört zum »Oberen Paläolithikum« (der späten »Altsteinzeit«), von der es heißt, unsere Vorfahren seien nomadisierende Jäger und Sammler gewesen, die in kleinen, mobilen Zusammenschlüssen lebten und keine Tätigkeiten ausüben konnten, die langfristige Planung, komplexe Arbeitsteilung und hochgradige Führungsqualitäten erforderten.
Abbildung 2 Die Mittelgruppe der ausgegrabenen Anlagen A, B, C und D in Göbekli Tepe. Alle Pfeiler wurden vom Deutschen Archäologischen Institut durchnummeriert.
Schmidt und ich stehen an jener Stelle des Laufgangs, von dem aus die Anlagen C und D gut zu überblicken sind. Laut meiner Recherche soll auf einen der Pfeiler hier ein faszinierendes Bild eingraviert sein. Ich habe vor, die Erlaubnis des Archäologen einzuholen, nach unten in Anlage D zu klettern und mir dieses Bild näher anschauen zu dürfen, doch zuerst möchte ich mir seine Ansichten über die Ursprünge des Ackerbaus und dessen Verbindung zur megalithischen Architektur anhören. Anlage C, die größte der bisher freigelegten vier Haupteinfriedungen, wurde einst von zwei riesigen Zentralpfeilern dominiert, die aber beide zerstört sind. Ursprünglich war jede von ihnen über 6 Meter hoch und wog etwa 20 Tonnen. Jetzt sind sie zwar etwas kleiner, doch immer noch gewaltig. Das gilt auch für Anlage D, sie stellt ebenfalls einen Ring aus kleineren Pfeilern dar, der zwei sie überragende Zentralpfeiler umfängt, die in diesem Fall beide unversehrt sind. Ihre t-förmigen, zur Vorderseite hin leicht nach unten abgewinkelten Oberseiten weisen keine Einkerbungen auf, erinnern jedoch auf unheimliche Weise an riesige Menschenköpfe – ein Eindruck, der von den schwachen Andeutungen von am Ellbogen abgewinkelten Armen bestätigt wird, die an den Flanken der Pfeiler nach unten gehen und in sorgfältig gemeißelte Menschenhände mit langen Fingern übergehen.
»Die Megalithen, die Ikonografie, der gesamte Plan und Grundriss der Fundstätte …«, merke ich an, »all das sieht, ehrlich gesagt, nach einem Projekt aus, dessen Größe an Stonehenge in England heranreicht, und doch ist Stonehenge sehr viel jünger. Wie passt das, was Sie in Göbekli Tepe gefunden haben, in Ihr Bild einer Gesellschaft aus Jägern und Sammlern?«
»Sie ist sehr viel besser organisiert, als wir erwartet haben«, räumt Schmidt ein. »Was wir hier beobachten können, sind Jäger und Sammler, die bereits eine gewisse Form von Arbeitsteilung praktizierten, denn die Arbeit an den Megalithen war nicht von jedermann zu bewerkstelligen, sondern ist das Werk von Fachleuten. Nur sie waren in der Lage, diese schweren Steine zu transportieren und aufzurichten, und müssen über ingenieurtechnisches Wissen verfügt haben. Das hatten wir bei Jägern und Sammlern nicht erwartet. Es ist wirklich die erste Architektur aus dieser Zeit, und dann gleich eine Architektur von solch monumentalen Ausmaßen.«
»Wenn ich Sie also richtig verstehe, Professor Schmidt, sagen Sie damit, dass wir an jenem Ort stehen, an dem sowohl monumentale Architektur als auch Ackerbau erfunden wurden.«
»Ja, das stimmt.«
»Und trotzdem sehen Sie darin nichts Revolutionäres? Sie betrachten es als einen Prozess, den Sie problemlos in den bisher angenommenen geschichtlichen Rahmen einpassen können?«
»Ja. Nur ist dieser Prozess sehr viel spannender, als wir erwartet haben. Vor allem auch deshalb, weil das, was wir hier in Göbekli Tepe vorfinden, mehr zur Welt der Jäger und Sammler gehört als zu den Ackerbaugesellschaften. Es entstand gegen Ende der Epoche der Jäger und Sammler, also noch vor Beginn des Neolithikums.«
»Also ist es eine Zeit des Übergangs – ein Wendepunkt. Und vielleicht sogar mehr? Unserem Gespräch und dem, was Sie mir heute Morgen von der Fundstätte gezeigt haben, entnehme ich, dass Göbekli Tepe eine Art prähistorische Ideenschmiede oder Zentrum für Innovationen war, möglicherweise unter der Kontrolle einer sesshaften Elite. Sind Sie damit einverstanden?«
»Ja, es war ein Ort, an dem die Menschen zusammenkamen. Zweifellos eine Plattform für die Weitergabe von Neuentdeckungen und Wissen.«
»Darunter auch Kenntnisse von Ackerbau und Techniken, wie man Steine großen Maßstabs bearbeitet. Trauen Sie sich zu, ein Bild von den Menschen zu entwerfen, die diese Stätte überwachten und ihre Ideen wie Priester verbreiteten?«
»Wer auch immer sie waren, sicher ist, dass sie keinen einfachen Schamanismus praktizierten, sondern bereits eine Art Institution bildeten. Sie müssen sich auf dem Weg zur Bildung einer Priesterschaft befunden haben.«
»Und da Göbekli Tepe über 1000 Jahre lang in ständigem Gebrauch war, könnte man sagen, dass wir es hier mit einer Kultur zu tun haben, die es schaffte, diese Stätte während des gesamten Zeitraumes mit denselben Institutionen und Vorstellungen aufrechtzuerhalten?«
»Offenbar ja. Seltsam ist aber, dass es im Lauf der Jahrhunderte eindeutig einen Zusammenbruch in ihren Bestrebungen gegeben haben muss. Denn die wirklich monumentalen Bauten befinden sich in den älteren Schichten, in den jüngeren Schichten werden sie kleiner, und es macht sich ein Rückgang in der Qualität bemerkbar.«
»Die älteste Schicht ist also die beste?«
»Ja, die älteste ist die beste.«
»Und das finden Sie nicht verwirrend?«
Klaus Schmidt schaut mich fast entschuldigend an. »Nun, wir hoffen, dass wir noch ältere Schichten entdecken und dort die bescheidenen Anfänge enthüllen werden, die wir erwartet, aber noch nicht gefunden haben. Danach käme dann diese Monumentalphase und später wieder ein Niedergang.«
Mir scheint, als sei »Hoffnung« das entscheidende Wort bei dem, was Professor Schmidt gerade gesagt hat. Wir sind es gewohnt, dass Dinge klein und einfach beginnen und dann allmählich komplexer und ausgeklügelter werden, und erwarten das auch an archäologischen Stätten. Unsere sorgfältig strukturierten Vorstellungen davon, wie Zivilisationen sich verhalten, reifen und entwickeln, geraten durcheinander, wenn wir mit einem umgekehrten Fall wie Göbekli Tepe konfrontiert werden, wo die Verhältnisse gleich zu Anfang vollkommen sind und sich dann allmählich verschlechtern, bis sie nur noch ein Schatten ihrer selbst sind.
Es ist auch nicht so sehr der Prozess des Niedergangs, gegen den wir Einwände haben. Denn wir wissen, dass Zivilisationen zugrunde gehen können, es genügt, an das Römische oder Britische Imperium zu erinnern.
Nein, das eigentliche Problem bei Göbekli Tepe ist das plötzliche Auftreten einer makellosen Zivilisation, die von Anfang an so kultiviert ist, dass sie sowohl den Ackerbau als auch die monumentale Architektur »erfinden« kann – wie die Geburt Athenes, die in voller Reife und Rüstung dem Kopf des Zeus entspringt.
Die offizielle Archäologie kann diesen Umstand ebenso wenig erklären wie die Tatsache, dass die frühesten Monumente, Kunstwerke, Skulpturen und Hieroglyphen sowie die Mathematik, Medizin, Astronomie und Architektur des alten Ägypten von Anfang an vollkommen sind, ohne die Spuren irgendeiner Evolution aufzuweisen. Und wir können uns im Fall von Göbekli Tepe dieselbe Frage stellen, die mein Freund John Anthony West für Altägypten stellt:
»Wie kann eine voll entwickelte komplexe Zivilisation plötzlich da sein? Schauen Sie sich ein Auto von 1905 an und vergleichen es mit einem modernen, kommen Sie nicht daran vorbei, einen Entwicklungsprozess wahrzunehmen. Mit der altägyptischen Kultur aber verhält es sich anders: In ihrem Fall findet man von Beginn an all das vor, was sie ausmacht.
Und auf dieses Rätsel gibt es eine ganz offensichtliche Antwort. Da das vorherrschende moderne Gedankengebilde sie jedoch grundsätzlich ablehnt, wird sie selten überhaupt in Erwägung gezogen: Die ägyptische Zivilisation war keine Entwicklung, sondern ist ein Vermächtnis.« 4
Könnte dies auch für Göbekli Tepe zutreffen?
Klaus Schmidt hat keine Zeit für Ideen wie die einer verschollenen Zivilisation, die Vorläufer aller später bekannt gewordenen Zivilisationen sein soll, sondern beharrt knurrend auf seinem Argument, der größte Teil von Göbekli Tepe sei ja noch nicht ausgegraben. »Wie ich bereits sagte, gehe ich davon aus, dass wir noch Nachweise für eine Evolution finden werden, sobald wir zu den älteren Schichten kommen.«
Er könnte recht haben. Denn 2013, als Klaus Schmidt mich in der Fundstätte herumführt, finden in Göbekli Tepe bereits seit 18 Jahren kontinuierlich Ausgrabungen statt, und es ist erstaunlich, dass noch immer so viel unter der Erde verborgen ist.
Doch wie viel?
»Das ist schwer zu sagen«, meint Schmidt. »Wir haben eine geophysikalische Untersuchung mit Bodenradarmessungen vorgenommen, und die lässt erkennen, dass noch mindestens sechzehn weitere große Anlagen auszugraben sind.«
»Große Anlagen?«, frage ich und deute auf die hoch aufragenden Megalithe in Anlage D, »so wie diese hier?«
»Ja, so wie diese. Und sechzehn sind es mindestens. Denn für einige Bereiche lieferten uns unsere geophysikalischen Vermessungen nur unvollständige Daten und wir können nicht wirklich hineinschauen, gehen aber davon aus, dass es sehr viel mehr als sechzehn sind. Vielleicht doppelt so viele oder sogar fünfzig!«
»Fünfzig?!«
»Ja, fünfzig große Anlagen, jede Anlage mit vierzehn oder mehr Pfeilern. Aber wissen Sie, es ist nicht unser Ziel, alles auszugraben, sondern nur einen kleinen Teil, da Ausgraben immer auch Zerstörung bedeutet. Den überwiegenden Teil der Fundstätte wollen wir unberührt lassen.«
Es beflügelt die Fantasie, wenn man über die Größenordnung dieses Vorhabens nachdenkt, welches unsere fernen Vorfahren in Göbekli Tepe umgesetzt haben. Nicht nur sind die Kreise der megalithischen Pfeiler hier mindestens 6000 Jahre älter als in jeder anderen bekannten megalithischen Stätte der Welt, sondern Göbekli Tepe ist wirklich riesig – womöglich ist ihr gesamtes Areal dreißigmal so groß wie der volle Umfang einer monumentalen Stätte wie Stonehenge.
Anders gesagt, sehen wir uns mit einem unerklärlichen Altertum ungeheuren Ausmaßes konfrontiert, dessen Zweck sich uns entzieht und das plötzlich und ohne erkennbaren Hintergrund aus dem Nirgendwo aufgetaucht zu sein scheint – zutiefst geheimnisumwittert.
Ich bin es gewohnt, dass Archäologen das Zeichen gegen den bösen Blick machen und mir den Rücken zukehren, wenn ich an ihren Ausgrabungsstätten erscheine. Doch Professor Schmidt ist erfrischend anders. Obwohl er genau weiß, wer ich bin, gestattet er mir und meiner Frau, der Fotografin Santha Faiia, zu Anlage D hinunterzuklettern und sie zu untersuchen. Dazu muss man wissen, dass alle vier bisher in Göbekli Tepe ausgegrabenen Hauptanlagen für die Öffentlichkeit gesperrt sind und von den Sicherheitsleuten streng bewacht werden. Doch auf einem der Pfeiler in Anlage D befindet sich ein Bild, das ich mir unbedingt aus größerer Nähe anschauen will – vom Laufgang aus kann man es gar nicht sehen –, daher ist Schmidts großzügige Haltung sehr willkommen.
Wir betreten die Anlage über eine Planke, die zu einer noch nicht ausgegrabenen 2 Meter hohen Trennwand aus Bruchstein und Erde führt, welche die beiden wichtigsten Zentralpfeiler trennt, den einen im Osten und den anderen im Westen. Diese kolossalen Pfeiler sind aus sehr hartem kristallinem Kalkstein aus der Region gehauen und so poliert worden, dass sie eine glatte, makellose Oberfläche aufweisen und in der Sonne leicht golden glänzen. Von Professor Schmidt habe ich erfahren, dass sie etwa 5,5 Meter hoch sind und jeder von ihnen über 15 Tonnen wiegt. 5 Ich klettere nach unten auf den Boden der Anlage und stelle fest, dass sie auf Steinsockeln stehen, die jeweils etwa 20 Zentimeter hoch sind und direkt aus dem gewachsenen Felsboden herausgemeißelt wurden. In einer Reihe entlang der Stirnseite des Sockels unter dem östlichen Pfeiler wurden im Hochrelief Vögel herausgehauen, die, augenscheinlich ohne Flügel, also flugunfähig, auf ihren Schwänzen hocken.
Mit ihrem stilisierten anthropomorphen Erscheinungsbild, das durch ihre abgewinkelten t-förmigen »Köpfe« verstärkt wird, ragen die Zentralpfeiler wie Zwillingsriesen vor mir auf. Obwohl sie nicht mein Hauptziel sind, nehme ich die Gelegenheit wahr, sie genau zu begutachten.
Abbildung 3 Anordnung der Pfeiler in Anlage D von Göbekli Tepe. Pfeiler 43 ist von besonderem Interesse.
Ihre Stirnseiten, die wohl für Brustkorb und Bauch stehen, sind nur etwa 20 Zentimeter breit, während ihre Breitseite von vorne nach hinten etwas über einen Meter misst. Beide Figuren haben, wie ich vom Laufgang sehen konnte, im Flachrelief gemeißelte Arme an ihren Seiten, die an den Ellbogen abgewinkelt sind und in Händen mit langen, dünnen Fingern enden. Diese Finger umfassen die Stirnseite der Pfeiler und treffen sich fast über ihren »Bäuchen«.
Oberhalb der Hände, die ihren Brustkorb abdecken, sind Andeutungen eines nach vorn geöffneten Gewands zu sehen. Knapp unterhalb der Hände tragen beide Figuren einen ebenfalls im Flachrelief gemeißelten breiten Gürtel, der mit einer deutlich erkennbaren Schließe verziert ist. In beiden Fällen ist etwas zu sehen, das wie das Stück einer Tierhaut aussieht und von dem Schmidt annimmt, dass es die Hinterläufe und der Schwanz eines Fuchsfells sind; diese »Tierhaut« hängt von der Schließe herunter, sodass sie die Genitalien bedeckt. 6
Auch Halsschmuck tragen beide Figuren. Bei der östlichen ist er mit einem Scheiben-Sichel-Motiv verziert, bei der östlichen mit einem Stierkopf.
Darüber hinaus stehen beide Pfeiler in genau derselben sonderbaren Weise auf ihrem Sockel: nicht sicher fixiert, sondern gewagt labil in nur 10 Zentimeter tiefe Schlitze eingelassen. Klaus Schmidt und sein Team haben sie mit hölzernen Streben stabilisiert, und ich kann mir vorstellen, dass sie im Altertum auf ähnliche Weise aufrecht gehalten worden sind – es sei denn, es gab ein Gestell über der Anlage, in dem die Köpfe der Figuren irgendwie fixiert waren. Da die Erbauer von Göbekli Tepe eindeutig Meister in der Bearbeitung, Bewegung und Aufstellung großer Megalithe waren, stellt sich die Frage, weshalb sie keine tieferen Schlitze eingeschnitten hatten, in denen die Pfeiler sicher hätten befestigt werden können. Es muss einen Grund dafür gegeben haben.
So viel zu den Ähnlichkeiten zwischen den beiden Zentralpfeilern. Doch es gibt auch Unterschiede. Zum Beispiel ist auf die rechte Breitseite der östlichen Figur die fast lebensgroße Abbildung eines Fuchses im Hochrelief gemeißelt, sodass es scheint, als ob dieser aus ihrer Ellbogenbeuge heraus nach vorne springt. Und während der Gürtel des westlichen Pfeilers, von der Schließe abgesehen, nicht verziert ist, trägt der Gürtel des östlichen Pfeilers faszinierende Verzierungen wie eine Reihe von Glyphen – beispielsweise den römischen Buchstaben »C« oder den römischen Buchstaben »H«. Während ich sie untersuche, überlege ich, dass wir keine Ahnung haben, was diese Symbole für die Menschen von Göbekli Tepe bedeutet haben, von denen wir durch einen Zeitraum von mehr als 11000 Jahren getrennt sind. Es ist weit hergeholt, sich vorzustellen, dass sie irgendeine Art Schrift hatten – geschweige denn das von uns heute benutzte Alphabet! Dennoch liegt etwas erstaunlich Modernes und Zweckmäßiges in der Art, wie diese Piktogramme benutzt und dargestellt werden, und mir scheint, dass sie mehr sind als bloße Verzierungen. Nirgendwo in der Kunst des Oberen Paläolithikums existiert etwas Ähnliches, und das gilt auch für die Tier- und Vogelfiguren – eine solche Kombination aus Megalithen und komplexen Skulpturen ist zu diesem frühen Zeitpunkt einzigartig und beispiellos.
Ich gehe weiter, um die zwölf Pfeiler zu untersuchen, welche um die Ränder der Anlage D angeordnet sind, die eher ein Oval als einen exakten Kreis bildet, denn sie misst etwa 20 Meter von West nach Ost und kaum mehr als 14 Meter von Nord nach Süd. Die sie umgebenden Pfeiler sind im Durchschnitt etwa halb so groß wie das Zentralpaar und stehen zum überwiegenden Teil nicht frei, sondern sind in die Mauer der Anlage eingefügt. Die meisten, jedoch nicht alle, sind t-förmig und reich mit Bildern von Vögeln, Insekten und Tieren verziert, als ob die Fracht von Noahs Arche in Stein verwandelt worden wäre: Füchse, Gazellen, Wildschweine, zahlreiche Vogelarten, darunter mehrere Kraniche mit Schlangen zu ihren Füßen, Unmengen von Schlangen, einzeln und in Gruppen, eine Spinne, ein Wildesel, Wildrinder, ein Löwe, dessen Schwanz sich nach vorne über seine Wirbelsäule biegt – und viele mehr.
Ich nutze meine Sondergenehmigung und nehme mir Zeit, gelange jedoch schließlich an die Nordwestseite der Anlage zu jenem Pfeiler, der mich ganz besonders interessiert. Zur Vereinfachung haben Schmidt und seine Kollegen alle Pfeiler in Göbekli Tepe durchnummeriert, und dieser hier ist »Pfeiler Nr. 43«. Aus früheren Forschungen weiß ich, dass er die große Abbildung eines Skorpions aufweist, der im Relief aus seinem Sockel gemeißelt ist; einige Forscher vermuten, es könne jenes Tierkreiszeichen gemeint sein, das wir heute Skorpion nennen. 7 Zu meiner großen Enttäuschung ist die Figur jedoch nicht mehr sichtbar. Um sie vor Schaden zu schützen, hätten die Archäologen sie mit Bruchstein abgedeckt, erklärt Schmidt. Ich erzähle ihm von meinem Interesse an einer möglichen astronomischen Verbindung, doch dafür hat er nur Spott übrig. »Hier gibt es keine astronomischen Figuren, die Tierkreiszeichen kamen erst in babylonischer Zeit auf, also ganze 9000 Jahre nach Göbekli Tepe«, behauptet er und erlaubt mir nicht, den aufgehäuften Bruchstein wegzuräumen.
Ich will gerade anfangen, mich mit ihm anzulegen – denn es gibt tatsächlich überzeugende Beweise, dass der Tierkreis lange vor Göbekli Tepe systematisch erfasst wurde 8 –, als ich eine Gruppe anderer Figuren bemerke, die sich auf einer höheren Ebene desselben Pfeilers befinden und nicht mit Bruchstein abgedeckt sind. Dazu gehört die frappierende Abbildung eines Geiers mit einem Flügel, der wie ein Menschenarm ausgestreckt ist und über dem sich eine massive Scheibe befindet, und zwar so, als würde der armähnliche Flügel ihn hoch- und in der Schwebe halten. Ein anderes menschliches Charakteristikum dieses Geiers, der sich von allen Artgenossen unterscheidet, die ich je in der Natur zu Gesicht bekommen habe, besteht darin, dass er vorwärts gebeugte »Knie« und seltsam verlängerte flache Füße besitzt – fast wie die Comic-Darstellungen des »Pinguins« in alten Batman-Comics. Er entpuppt sich also als Zwitterwesen zwischen Mensch und Geier, als ein sogenannter Therianthrop, was sich zusammensetzt aus dem griechischen therion für wildes Tier und anthropos für Mensch. 9
Darüber befinden sich »H«-förmige Piktogramme, die in einer Reihe von aufrechten und umgekehrten »V«-Formen angeordnet sind. Auch hier hat man das Gefühl, es wolle eine Botschaft vermittelt, etwas kommuniziert werden, was man nur nicht verstehen kann. Schließlich befinden sich oben auf dem Pfeiler Abbildungen von Dingen, die wie drei große Handtaschen erscheinen – rechteckige Behälter mit gebogenen Griffen. Drei Figuren, die sich in allen genannten Fällen über der Vorderseite der Griffe befinden, trennen sie – links ein Vogel mit langen menschenähnlichen Beinen, die ihn mit ziemlicher Sicherheit als weiteren Therianthrop verraten, ein Vierfüßler mit nach vorne gebogenem Schwanz sowie ein Salamander.
Das ganze Ensemble hat etwas so Packendes und Vertrautes, dass ich mir sicher bin, etwas sehr Ähnliches irgendwo schon einmal gesehen zu haben. Nur kann ich mich nicht mehr erinnern, wo oder was genau. Ich bitte Santha, genaue Fotografien von diesem Pfeiler zu machen, und als sie fertig ist, schlägt Schmidt vor, zu einer anderen Stelle der Fundstätte einige 100 Meter nordwestlich auf der anderen Seite des Kamms zu gehen, wo er und sein Team gerade Ausgrabungen vornehmen. Es ist nur eine der vielen Dutzend vergrabenen Anlagen, die dank der erwähnten Bodenradarmessungen entdeckt wurden, doch die erste von ihnen, die erforscht wird.
Abbildung 4 Pfeiler 43 in Anlage D. Der untere Teil des Pfeilers war zum Zeitpunkt meines Besuchs mit Bruchstein bedeckt, wurde hier aber anhand von früheren Fotografien rekonstruiert (siehe Foto 7).
Während wir hinübergehen, frage ich Professor Schmidt, wie und wann er auf Göbekli Tepe aufmerksam geworden war. Angesichts seiner felsenfesten Ansichten über die Evolution der Architektur stellte es sich als Ironie des Schicksals heraus, dass er seinen großen Durchbruch dem Umstand zu verdanken hatte, dass auch er zu einem bestimmten Sachverhalt eine andere Ansicht als seine Kollegen verfochten hatte! 1964 besuchte ein gemeinsames Team der Universität von Chicago und der Universität von Istanbul die Region von Göbekli Tepe mit dem Auftrag, steinzeitliche Stätten ausfindig zu machen. Als sie jedoch nur den oberen Teil eines großen t-förmigen Pfeilers aus dem Boden ragen sahen und die Reste von ein paar zerbrochenen Kalksteinpfeilern, die von örtlichen Bauern mit Pflügen freigelegt worden waren und in der Nähe herumlagen, taten sie Göbekli Tepe als bedeutungslos für ihre Interessen ab und reisten weiter.
Weshalb?
Das amerikanisch-türkische Team hatte die Verarbeitung der Pfeiler als zu fein erachtet, zu fortschrittlich und zu weit entwickelt, als dass sie von steinzeitlichen Jägern und Sammlern angefertigt worden sein konnten. Trotz der abgenutzten Feuersteine, die entlang der Kalksteinfragmente herumlagen, war Göbekli Tepe seiner Meinung nach nichts weiter als ein verlassener mittelalterlicher Friedhof und von keinerlei Interesse für die prähistorische Forschung.
Deren Verlust sollte Schmidts Gewinn werden. Ende der 1980er- und zu Beginn der 1990er-Jahre war er an einem anderen Projekt in der Türkei beteiligt gewesen – der Ausgrabung von Nevalı Çori, einer Siedlung aus der frühen Jungsteinzeit, die bald von den Fluten des Atatürk-Staudamms überflutet werden sollte. Dort hatten er und ein Archäologenteam von der Universität Heidelberg zahlreiche feingearbeitete t-förmige Kalksteinpfeiler entdeckt und vor dem herandrängenden Stauwasser gerettet, die schlüssig auf ein Alter zwischen 8000 und 9000 Jahren datiert werden konnten. Einige wiesen Hände und Arme auf, die an ihren Seitenflächen im Relief herausgemeißelt worden waren. »Wir erkannten daher, dass diese Region etwas aufwies, was sie von anderen aus diesem Zeitraum bekannten Stätten unterschied. Nevalı Çori war unser erster Hinweis auf die Existenz groß angelegter Kalksteinskulpturen während des Übergangs von Jäger- und Sammlergesellschaften zu frühen in Dörfern lebenden Bauerngemeinschaften.«
Ein wenig später, 1994, stieß Schmidt auf den Bericht des 30 Jahre zuvor erstellten türkisch-amerikanischen Gutachtens und stolperte über einen Absatz, in dem erwähnt wurde, dass im Umkreis der Kalksteinpfeilerfragmente auf dem Göbekli Tepe abgenutzte Feuersteine herumlagen.
»Ich stand am Beginn meiner Archäologenlaufbahn«, erklärt er, »und suchte nach einem eigenen Projekt. Sofort erkannte ich, dass hier etwas Bedeutsames vorliegen könnte, vielleicht sogar eine Fundstätte, die ebenso wichtig war wie die von Nevalı Çori.«
»Und die Ihre Vorgänger übersehen hatten, da Feuersteine und architektonische Pfeiler in den Köpfen von Archäologen normalerweise nicht miteinander in Verbindung gebracht werden, nicht wahr?«
Dass auch er sich in diesem Fall von einem etablierten Paradigma blenden lassen und in Göbekli Tepe etwas übersehen könnte, merkt er offenbar nicht. Ohne auf meine Andeutung einzugehen, antwortet er: »Ja, genau.«
Ich werfe einen Blick nach vorn. Während wir sprachen und umherliefen, haben wir uns einer Stelle genähert, an der Hochbetrieb herrscht. Von den vier Hauptanlagen aus hatte ich sie nicht bemerkt, da sie durch die Kuppe des Kamms vor uns verborgen war, doch nun sind wir über die Kammlinie nach Norden gewandert und gehen nach unten auf die andere Seite zum neuen Ausgrabungsabschnitt, »Anlage H« genannt, die Schmidt in Göbekli Tepe freigelegt hat. 10 Hier sind fünf oder sechs deutsche Archäologen gerade emsig beschäftigt. Einige kratzen mit Kellen Erdschichten ab oder schütten eimerweise Erde und Steine durch Siebe, während andere die Bemühungen eines dreißigköpfigen Teams türkischer Arbeiter anleiten. Die Aufmerksamkeit gilt einer großen rechteckigen Vertiefung. Sie hat vielleicht die Größe eines Fußballplatzes und ist im Inneren durch kniehohe Erdwälle in ein Dutzend kleinerer Segmente unterteilt. Aus dem Boden dieser Segmente ragen an mehreren Stellen massive Kalksteinpfeiler heraus. Die meisten sind t-förmig, doch mein Blick wird von einem Pfeiler angezogen, der eine glatte gebogene Oberseite hat, die nur durch ein kleines zerbrochenes Segment beschädigt ist und auf der die besonders feine Figur eines männlichen Löwen eingemeißelt ist. Wie die Löwen in Anlage D streicht sein langer Schwanz über seine Wirbelsäule, doch die Ausführung dieser Figur ist von höherer Qualität als alles, was ich bisher gesehen habe.
»Das ist ein wirklich beachtlicher Pfeiler«, sage ich zu Schmidt, »können wir ihn uns genauer anschauen?«
Er ist einverstanden, und wir bahnen uns einen Weg durch die Ausgrabungen, bis wir nur einige Meter vom Löwenpfeiler entfernt stehen. In einem Winkel lehnt er an einem Rest des Gerölls aus pflastersteingroßen Steinen und Erde, mit dem die gesamte Anlage gefüllt gewesen sein muss, bevor die Archäologen hier mit der Arbeit begannen. Direkt am Rand dieses Grabungssegments ist der Kopf eines weiteren Pfeilers zu sehen, während in seiner Mitte ein tieferer Graben ausgeschachtet wurde, um etwas freizulegen, von dem ich vermute, dass es das obere Drittel des Löwenpfeilers ist; auch dieser Graben ist von Geröll aus Pflastersteinen und Erde gesäumt.
»All diese Pflastersteine«, frage ich Schmidt angesichts dieses Gerölls, »wie kommen sie hierher? Sie sehen nicht nach einer natürlichen Ablagerung aus.«
»Sind sie auch nicht«, antwortet er ein wenig selbstgefällig, wie ich finde. »Sie wurden absichtlich hierhergebracht.«
»Absichtlich?«
»Ja, von den Schöpfern von Göbekli Tepe. Nachdem die Megalithen aufgerichtet und über einen Zeitraum von unbekannter Dauer benutzt worden waren, wurde jede einzelne Anlage wohlweislich zugeschüttet. Anlage C zum Beispiel – die älteste, die wir bisher gefunden haben – scheint geschlossen und von oben bis unten aufgefüllt worden zu sein, bis die Pfeiler vollständig bedeckt waren, bevor ›D‹ – die nächste Anlage in der Reihe – errichtet wurde. Diese Praxis des absichtlichen Auffüllens ist für die Archäologie von großem Vorteil, weil sie jede der Anlagen wirksam versiegelt und das spätere Eindringen organischen Materials verhindert, sodass wir bei der Datierung absolut sicher sein können.«
Während Schmidt redet, überschlagen sich meine Gedanken, denn sein Argument über die Datierung ist aus mindestens drei Gründen aufregend.
Zunächst könnte das bedeuten, dass die Datierung von Megalith-Fundstätten weltweit, die nicht versiegelt worden waren, viel zu früh angesetzt worden ist, da man hierfür irrtümlicherweise das später eingedrungene organische Füllmaterial herangezogen hatte; nebenbei bemerkt, ist das auch die einzige Art von Material, das einer Radiokarbondatierung unterzogen wird, da man anorganisches Material wie Stein natürlich nicht mittels Karbon datieren kann. Und das könnte zur Folge haben, dass berühmte Megalith-Fundstätten, die nicht absichtlich von ihren Erbauern vergraben worden sind – wie die Tempel von Malta, die Taulas von Menorca oder die Steinkreise von Avebury und Stonehenge in England –, sich als sehr viel älter erweisen könnten, als uns derzeit gelehrt wird.
Wenn zweitens der überwiegende Teil der Daten in Göbekli Tepe von dem organischen Füllmaterial hergeleitet wird, was mir Schmidts Veröffentlichungen später bestätigen sollten, 11 geben diese allein über das Alter der Füllung Auskunft. Die megalithischen Pfeiler selbst sind dann mindestens ebenso alt, könnten aber auch älter sein, da sie schon vor ihrer Zuschüttung »über einen Zeitraum von unbekannter Dauer« an Ort und Stelle gestanden hatten.
Drittens, und dies ist vielleicht der wichtigste Punkt: Weshalb wurde die Stätte überhaupt aufgefüllt? Was könnte das Motiv für all die Mühe gewesen sein, derart spektakuläre Megalithkreise zu erschaffen, nur um sie dann so sorgfältig wieder unter die Erde zu bringen, dass mehr als 10000 Jahre vergehen mussten, bis sie wiederentdeckt wurden?
Der erste Gedanke, der mir in den Sinn kommt, ist … Zeitkapsel – dass Göbekli Tepe erschaffen wurde, um eine bestimmte Botschaft an die Zukunft zu übermitteln, und vergraben, damit die Botschaft über Jahrtausende hinweg unversehrt und verborgen bleiben konnte. Es ist ein Gedanke, der mich bei der Fortsetzung meiner Untersuchungen noch oftmals verfolgen wird, doch ein weiteres Jahr wird vergehen, bis er erste Früchte trägt.
In der Zwischenzeit bietet mir Klaus Schmidt eine vollkommen andere Erklärung für dieses vorsätzliche Zuschütten der Pfeilerkreise an. »Ich denke, das war ihr Programm. Sie errichteten die Anlagen, um sie zu vergraben.«
»Sie errichteten sie, nur um sie zu vergraben?« Fasziniert warte ich darauf, dass er jetzt noch hinzufügt »als Zeitkapsel«, doch stattdessen antwortet er: »Wie zum Beispiel die megalithischen Friedhöfe in Westeuropa – riesige Anlagen, und dann ein Erdhügel oben drauf.«
»Die dienen aber doch der Bestattung von Körpern! Gibt es denn hier irgendwelche Hinweise auf die Bestattung von Körpern?«
»Bestattungen selbst haben wir noch keine gefunden, doch im Füllmaterial gab es ein paar Fragmente von Menschenknochen, die mit Tierknochen vermischt waren. Wir gehen aber davon aus, dass wir bald auf Bestattungsorte stoßen werden.«
»Sie glauben also, dass Göbekli Tepe eine Totenstadt war?«
»Das muss zwar noch bewiesen werden, aber ja, so lautet meine Hypothese.«
»Und diese Mischung von Menschen- und Tierknochenresten im Füll-material, woran denken Sie dabei: Opfer? Kannibalismus?«
»Nein, das glaube ich nicht. Ich vermute, dass diese Knochen auf eine spezifische Behandlung des menschlichen Körpers nach dem Tod hinweisen – vielleicht vorsätzliche Entfleischung. Solche Riten wurden in dieser Region an zahlreichen Stätten praktiziert, die etwa gleich alt sind. In meinen Augen stärkt die Existenz von Menschenknochen im Füllmaterial die Hypothese, dass wir irgendwo in Göbekli Tepe Primärbestattungen entdecken werden, also Bestattungen, die nur die erste Etappe eines mehrphasigen Bestattungsrituals darstellten und dafür vorgesehen waren, nach einiger Zeit wieder geöffnet zu werden.« 12
»Doch wozu dienten dann die Pfeiler?«
»Die t-förmigen Pfeiler sind zwar eindeutig anthropomorph, doch häufig sind auf ihnen auch Tiere abgebildet. Vielleicht erzählen sie uns Geschichten, die mit den t-förmigen Wesen zu tun haben. Natürlich haben wir keine Gewissheit, aber ich denke, dass sie göttliche Wesen darstellen.«
»Auch dann, wenn sie nicht t-förmig sind?«, insistiere ich und zeige auf den Löwenpfeiler, »etwa wie dieser hier? Auch auf ihm ist ein Tier abgebildet.«
Schmidt zuckt die Schultern. »Sicher können wir es nicht sagen, ja vielleicht werden wir es nie wissen – es gibt hier so viele Rätsel! Auch wenn wir 50 Jahre lang weitergraben, werden wir noch immer nicht auf alles Antworten finden. Wir stehen erst am Anfang.
»Ein paar Antworten haben Sie aber doch. Und offensichtlich auch die eine oder andere Meinung. Dieser Löwenpfeiler zum Beispiel. Können Sie nicht zumindest sagen, wie alt er ist?«
»Ehrlich gesagt, wissen wir das nicht. Sobald wir darunter graben, werden wir hoffentlich organisches Material für eine Radiokarbondatierung finden. Doch bis dahin fehlt uns jede Gewissheit.«
»Und sein Stil – welchen Eindruck vermittelt der Ihnen?«
Schmidt zuckt wieder mit den Schultern, bevor er widerwillig gesteht: »Er ähnelt einigen Pfeilern in Anlage C.«
»Welche die ältesten sind, nicht wahr?!«
»Ja, sie müssten ungefähr das gleiche Alter haben.«
»Und das wäre?«
»Genau 9600 v. Chr., kalibriert, es ist das früheste Datum, das wir besitzen.«
Radiokarbonjahre und Kalenderjahre weichen mit der Zeit immer mehr voneinander ab, da sich die Menge des radioaktiven Isotops Carbon-14 in der Atmosphäre und in allen lebenden, organischen Dingen von einem Zeitalter zum anderen unterscheidet. Glücklicherweise haben Wissenschaftler Möglichkeiten gefunden, um solche Schwankungen zu korrigieren; sie sind allerdings zu kompliziert, um an dieser Stelle genauer auf sie einzugehen. Dieser Prozess wird Kalibrierung genannt. Wenn also Schmidt sagt »auf 9600 v. Chr. kalibriert«, so meint er damit die Kalenderjahre. Im Jahr 2013 bedeutet das also 9600 Jahre plus die 2013 Jahre, die seit der Zeit nach Christus vergangen sind – 11613 Jahre. Ich schreibe diesen Satz im Dezember 2014, und Sie lesen ihn vielleicht erst 2016. Dann wird dieses älteste von Schmidt genannte Datum also 11616 Jahre zurückliegen.
Vereinfacht gesagt, sind die ältesten bisher ans Tageslicht gelangten Teile von Göbekli Tepe etwas über 11600 Jahre alt. Und trotz all seiner Zurückhaltung und Vorbehalte ist Schmidt zu dem fundierten Schluss gekommen, dass der Stil des Löwenpfeilers, den wir gerade vor uns sehen, darauf hinweist, dass er mindestens genauso alt ist wie alles andere, was bisher in Göbekli Tepe ausgegraben wurde. Und es besteht sogar die Möglichkeit, dass er noch viel älter ist. Auch wenn Schmidt angesichts der dürftigen Beweislage nicht so weit gegangen ist, hat er zumindest zugegeben, dass die beste Arbeit in Göbekli Tepe die älteste ist. Seine Hoffnung, weitere Ausgrabungen würden »die bescheidenen Anfänge, die wir erwartet, aber nicht gefunden haben« doch noch zutage fördern, haben sich bisher nicht erfüllt. Und es beunruhigt ihn, dass die bisherigen absolut nichts dergleichen ans Licht gebracht haben, sondern im Gegenteil einen exquisiten megalithischen Pfeiler mit einem in allerfeinstem Hochrelief gemeißelten wilden Löwen, der stilistisch außerordentlich alt zu sein scheint.
Werden vielleicht statt der von Schmidt erhofften »bescheidenen Anfänge« mehr von solch gegenteiligen Zeugnissen zutage kommen?
»Wir kennen das Ende von Göbekli Tepe«, betont der Archäologe, »seine jüngsten Schichten lassen es auf 8200 v. Chr. datieren, als die Stätte für immer aufgegeben wurde. Aber wir kennen den Anfang noch nicht.«
»Abgesehen von dem einen Datum, das Sie in Anlage C gewonnen haben: 9600 v. Chr. beziehungsweise vor 11600 Jahren. Das ist der bisherige Anfang, so weit Sie ihn bis jetzt festlegen konnten.«
»Ja, der Anfang der Monumentalphase.« Die Augen des Professors funkeln. »Und 9600 v. Chr. ist, wie Sie wissen, ein wichtiges Datum, nicht nur irgendeine Zahl. Es markiert das Ende der Eiszeit – ein globales Phänomen. Da diese also parallel verlaufen …«
Ich muss ihn unterbrechen, denn als Schmidt auf diesem Datum so herumreitet, geht mir plötzlich ein Licht auf, das mit einem anderen meiner Forschungsprojekte zusammenhängt: »9600 v. Chr.! Das ist nicht nur das Ende der Eiszeit, sondern auch das Ende des Kälterückfalls in der Jüngeren Dryas. Beginnt die nicht um 10800 v. Chr.?!«
»Und endet 9600 v. Chr. «, fährt Schmidt fort, »jedenfalls den Eiskernen Grönlands zufolge. Kann es dann bloßer Zufall sein, dass die Monumentalphase in Göbekli Tepe 9600 v. Chr. beginnt – zu genau dem Zeitpunkt, als das Klima auf der ganzen Welt sich plötzlich zum Besseren wendet und es zu einer Explosion an Möglichkeiten für Mensch und Natur kommt?«
Ich kann ihm nur zustimmen. Ein Zufall ist ganz und gar nicht wahrscheinlich. Im Gegenteil bin ich mir sicher, dass es da eine Verbindung geben muss. Diese Verbindung und den mysteriösen Katastrophenzeitraum, den die Geologen die Jüngere Dryas nennen, und was uns die Eiskerne Grönlands zu sagen haben, werden wir in Teil II genauer betrachten.
Jetzt befinden wir uns im Jahr 2013, ich beende gerade mein Gespräch mit Klaus Schmidt und spreche ihm gegenüber meine Anerkennung aus. Und daran denke ich mit Dankbarkeit, als ich im Dezember 2014 zu Hause an meinem Schreibtisch sitze und die Aufzeichnungen durchgehe, die ich in Göbekli Tepe gemacht hatte, denn er starb am 20. Juli 2014 an einem schweren Herzanfall. »Sie sind ein sehr bescheidener Mann«, hatte ich gesagt. »Doch Tatsache ist, dass Sie eine Fundstätte entdeckt haben, die uns alle dazu brachte, unsere Vorstellungen von der Vergangenheit zu überdenken. Das ist sehr bemerkenswert, und ich glaube, dass Ihr Name und der von Göbekli Tepe in die Geschichte eingehen werden.«
Nachdem ich Göbekli Tepe Mitte September 2013 verlassen habe, mache ich eine lange Reise quer durch die Türkei, bevor ich schließlich nach Hause zurückkehre.
Der Löwenpfeiler geht mir nicht aus dem Kopf, doch noch mehr verfolgt mich die Szene auf Pfeiler Nr. 43 in Anlage D, in der ein Geier mit gebeugten anthropomorphen Knien und einem armähnlichen Flügel eine massive Scheibe hält.
Ich lade Santhas Fotografien auf meinen Computer herunter und suche das entsprechende Foto heraus. Tatsächlich sind beide Flügel des Geiers zu sehen, einer ist hinter den Körper gestreckt. Rechts neben dem Geier befindet sich eine Schlange. Sie hat einen großen, dreieckigen Kopf, wie alle in Göbekli Tepe abgebildeten Schlangen, und ihr Körper ist zusammengerollt, wobei ihr Schwanz nach unten in Richtung eines H-förmigen Piktogramms zeigt. Die Schlange ist eng an einen weiteren großen Vogel geschmiegt – in diesem Fall keinen Geier, sondern eher eine Art Ibis mit einem langen, sichelförmigen Schnabel. Zwischen ihm und dem Geier versteckt sich noch ein Vogel, auch dieser mit einem hakenförmigen Schnabel, der jedoch kleiner ist und eher an den eines Huhns erinnert.
Dann wende ich mich der Scheibe zu. Ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll, ihre Form legt aber die Vermutung nahe, dass sie die Sonne darstellen soll.
Doch verbirgt sich hinter den Darstellungen auf diesem alten Pfeiler von Göbekli Tepe noch mehr – etwas Sinnträchtiges und ergreifend Vertrautes. Wenn ich nur darauf kommen würde…. Santha hat Hunderte von Fotos aus allen möglichen Winkeln aufgenommen, wie besessen gehe ich sie immer wieder durch und hoffe auf einen Anhaltspunkt. Der Geier … die Scheibe … und dann über dem Geier diese seltsame Serie von »Taschen« mit ihren gebogenen Griffen …
Taschen?!
Handtaschen?!
Plötzlich habe ich es. Ich gehe zu jenem Regal in meiner Bibliothek, auf dem ich Belegexemplare meiner eigenen Bücher aufbewahre, ziehe Die Spur der Götter heraus und beginne, die Fotos durchzublättern. Die erste Fotostrecke handelt von Südamerika, doch das, wonach ich suche, finde ich dort nicht. Doch dann folgt jene über Mexiko, und auf der fünften Seite, da ist es, das Bild mit der Nummer 33 und der Unterschrift »Die Skulptur ›Mann in der Schlange‹ aus der olmekischen Stätte La Venta«. Santha hat dieses Foto 1992 oder 1993 aufgenommen. Es bildet ein beeindruckendes Relief ab, das in eine massive, etwa 1,20 Meter breite und 1,50 Meter hohe Granitplatte gehauen ist und zeigt, was vermutlich die früheste Darstellung der mittelamerikanischen Gottheit ist – Kukulkan oder Gucumatz, wie sie die Maya, eine spätere Zivilisation als die Olmeken, nannten und die bei den sogar noch später auftretenden Azteken als Quetzalcoatl bekannt war. 13 Alle drei Namen bedeuten »gefiederte Schlange« beziehungsweise »Schlange mit Federschmuck«, und genau eine solche Schlange, verziert mit einem markanten Federkamm auf dem Kopf, sehen wir hier. Ihr mächtiger Körper windet sich um den äußeren Rand des Reliefs und umfängt die Figur eines Mannes, der in sitzender Position abgebildet ist, als ob er seine Füße nach Pedalen ausstrecken würde. In seiner rechten Hand hält er, was ich damals als »kleinen, eimerförmigen Gegenstand« bezeichnet habe. 14
Ich kehre zu Santhas Bildern von Anlage D in Göbekli Tepe zurück und kann meinen Verdacht sofort bestätigen: Die drei Taschen auf dem Pfeiler ähneln stark dem »eimerförmigen« Gegenstand aus La Venta in Mexiko; wir haben es mit dem gleichen gebogenen Griff zu tun, und auch die Profile der »Taschen« und »Eimer« – unten etwas breiter als oben – sind sehr ähnlich.
Abbildung 5 Die Skulptur »Mann in der Schlange« die früheste erhaltene Darstellung der mittelamerikanischen Gottheit, die später als Quetzalcoatl bekannt wurde
Wenn das alles wäre, so wäre das sicher ein Zufall. Außerdem datieren die Archäologen das Relief »Mann in der Schlange« aus La Venta in die Zeit zwischen dem 10. und 6. Jahrhundert v. Chr. 15, also etwa 9000 Jahre später als die Bilder in Göbekli Tepe. Wie könnte es also irgendeine Ver-bindung geben?
Da erinnere ich mich an ein weiteres seltsames Bild, das ich in Die Spur der Götter mit aufgenommen hatte. Ich schaue im Index nach dem Namen Oannes, gehe zu Kapitel XI und finde ein weiteres Bild mit einem Mann, der eine Tasche oder einen Eimer trägt. Ich hatte die Ähnlichkeit zwischen ihm und dem »Mann in der Schlange« vorher nicht bemerkt, doch jetzt ist sie unübersehbar. Obwohl die beiden Taschen nicht völlig identisch sind, haben sie doch beide den gleichen gebogenen Griff, der auch auf dem Pfeiler in Göbekli Tepe abgebildet ist. Schnell überfliege ich den Bericht, den ich 20 Jahre zuvor geschrieben hatte. Oannes war ein zivilisatorischer Held gewesen, der von allen alten Kulturen Mesopotamiens verehrt wurde. Man sagte, er sei dort in der frühesten Antike erschienen, um die Menschen zu lehren, was sie an,
»Fähigkeiten zum Schreiben, für die Mathematik und alle Arten von Wissen benötigten: Wie man Städte baut, Tempel gründet …, Gesetze erlässt …, Grenzen zieht und Land teilt, wie man Samen sät und dann Früchte und Gemüse erntet. Kurz, [er] lehrte die Menschen all jene Dinge, die für ein zivilisiertes Leben dienlich sind.« 16
Den umfangreichsten Bericht, den wir über Oannes haben, finden wir in den Schriftfragmenten eines babylonischen Priesters namens Berossos aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Glücklicherweise steht ein Band mit allen übersetzten Berossos-Fragmenten in meiner Bibliothek, und ich krame ihn und einige andere Quellen über alte mesopotamische Mythen und Überlieferungen hervor. Nicht lange brauche ich, um herauszufinden, dass Oannes diese Mission vermutlich nicht allein erfüllte, sondern der Anführer einer Gruppe war, die als dieSieben Apkallu– die »Sieben Weisen« – bekannt war und von der man sagte, sie hätte »vor der Flut« gelebt; dazu muss man wissen, dass eine globale Sintflut verheerenden Ausmaßes in vielen mesopotamischen Überlieferungen, unter anderem der von Sumer, Akkad, Assyrien und Babylon, eine wichtige Rolle spielt. Gemeinsam mit Oannes werden diese Weisen als Überbringer der Zivilisation betrachtet, die der Menschheit in ihrer frühesten Vergangenheit Ackerbau, Handwerk, Kunst und einen Moralkodex gebracht und sie Architektur, Bau- und Ingenieurwesen gelehrt haben. 17
Da fällt mir ein, dass das ja eine Liste mit allen Fähigkeiten ist, die angeblich in Göbekli Tepe »erfunden« wurden!
Abbildung 6 Oannes, ein zivilisatorischer Held aus vorsintflutlicher Zeit, der von allen alten Kulturen in Mesopotamien verehrt wurde. Seine seltsame Kleidung oder Kostümierung wird in Kapitel 8 erläutert. In der Fachliteratur findet man ihn häufig als »mit Fisch bekleidete Gestalt« wieder.
Ich rufe eine Landkarte auf meinem Computerbildschirm auf und sehe nicht nur, dass die südöstliche Türkei geografisch an Mesopotamien grenzt, sondern auch, dass die beiden Regionen in einer noch engeren und direkteren Weise miteinander verbunden sind. Denn der alte Name für dieses Gebiet, das heute großteils den modernen Staat Irak umfasst, ist Mesopotamien, und das bedeutet wortwörtlich »[Land] zwischen Flüssen«, wobei die angesprochenen Flüsse Tigris und Euphrat sind und am Persischen Golf ins Meer münden – doch ihre Quelle befindet sich im Taurusgebirge in der südöstlichen Türkei, genau da, wo Göbekli Tepe liegt.
Weiterhin online, stöbere ich nach Bildern zu den »Sieben Weisen«. Zunächst kommen nicht viele Treffer, doch als ich die Suchbegriffe »Apkallu« und »Sieben Apkallu« eingebe, öffnen sich überall im Internet Verweise auf Bilder – viele von ihnen Reliefs aus Assyrien, einer Kultur, die von etwa 2500 v. Chr. bis 600 v. Chr. in Mesopotamien blühte – und geben mir Zugang zu einem kolossalen Bildarchiv. Als ich den Suchparameter »Assyrischer Apkallu« hinzufüge, wird mein Bildschirm von Bildern regelrecht überflutet. Viele zeigen bärtige Männer und tragen Taschen oder Eimer, die denen auf dem Pfeiler in Göbekli Tepe sowie dem Behälter, den die mexikanische Figur »Mann in der Schlange« hält, sogar noch viel ähnlicher sind als auf dem ursprünglichen Relief von Oannes, welches in Die Spur der Götter abgebildet ist. Noch auffallender als die formale Ähnlichkeit der gebogenen Griffe dieser Behälter ist aber die merkwürdige und unverkennbare Art, wie die Figuren – und zwar sowohl die mesopotamischen als auch die mexikanischen – diese Behälter halten: Die Finger der Hände sind nach innen gebogen, der Daumen nach vorne über den Griff gekrümmt.
Und da ist noch etwas. Viele der Bilder stellen keinen Mann dar, sondern einen Therianthropen – einen Vogelmenschen mit einem gebogenen Schnabel, der dem des Therianthropen auf dem Pfeiler in Göbekli Tepe zum Verwechseln ähnlich sieht. Die Ähnlichkeit wird dadurch noch verstärkt, dass der Vogelmensch auf den mesopotamischen Reliefs diesen Behälter in der einen Hand und in der anderen einen zapfenförmigen Gegenstand hält. Auch wenn dessen Form etwas anders ist, drängt sich ein Vergleich mit der Scheibe auf, die über dem Flügel des Vogelmenschen aus Göbekli Tepe schwebt.
Abbildung 7 Die Lage von Göbekli Tepe in Bezug zu den Flussquellen von Tigris und Euphrat in Mesopotamien
Natürlich könnte all das Zufall sein, und vielleicht bilde ich mir Bezüge ein, die gar nicht da sind. Doch der Befund ähnlicher Behältnisse auf verschiedenen Kontinenten und in verschiedenen Epochen hat meine Neugierde geweckt und mich dazu bewegt, eine lockere Hypothese zu wagen und eine Reihe von Fragen aufzuwerfen, die den Rahmen einer zukünftigen Untersuchung bilden können. Zum Beispiel könnten diese Behälter – ob nun Taschen oder Eimer – die Amtssymbole einer geheimen Bruderschaft sein, die von weither kommt und deren Wurzeln vielleicht bis in die früheste Vorgeschichte reichen. Diese Vermutung mag auf den ersten Blick zwar ungewöhnlich scheinen, ist meines Erachtens aber eine Überprüfung wert und wird von den Handhaltungen dieser Therianthropen unterstützt. Könnten sie nicht die gleiche Art Funktion gehabt haben wie der Freimaurer-Handschlag noch heute, der sofort verrät, wer »Insider« ist und wer nicht?
Doch was mag der Zweck einer solchen Bruderschaft gewesen sein?
Die Mythen und Überlieferungen, die dank der Bild- und Symbolwelt in Mexiko und Mesopotamien überlebt haben, lassen keinen Zweifel übrig: Es ging ganz einfach darum, den Menschen die Vorteile der Zivilisation zu vermitteln und sie darin anzuleiten.
Und genau das war auch die ausdrückliche Aufgabe von Oannes und den Apkallu-Weisen. Sie lehrten die Bewohner von Mesopotamien die Grundlagen von Architektur und Ingenieurwesen, insbesondere was den Bau von Tempeln betraf, und »wie man Samen sät und dann Früchte und Gemüse erntet« – also den Ackerbau. Wenn ihnen diese Dinge aber erst beigebracht werden mussten, können sie vor Ankunft der Weisen nichts davon gewusst haben, waren also umherziehende Jäger und Sammler, genauso wie es die Bewohner der südöstlichen Türkei bis zum plötzlichen und überraschenden Auftreten von Göbekli Tepe gewesen waren.
Wahrscheinlich traf dies auch auf die frühen Bewohner von Mexiko vor Ankunft von Quetzalcoatl zu, der Gefiederten Schlange, die kam, um sie die Vorzüge des Ackerbaus und für den Tempelbau erforderliche Fähigkeiten zu lehren. Zwar taucht diese Gottheit häufig direkt als Schlange auf, doch noch häufiger wird sie in menschlicher Form dargestellt, als »großer bärtiger, weißer Mann«, 18 der von seinem Alter Ego, der Schlange, begleitet wird – »eine geheimnisvolle Person … ein weißer Mann mit muskulösem Körper, breiter Stirn, großen Augen und langem Bart«. 19 Nach Sylvanus Griswold Morley, dem Altmeister der Maya-Forschung sind Quetzalcoatls Lebensgeschichte und Attribute so menschlich, dass er eine wirkliche historische Gestalt gewesen sein könnte, dessen Wohltaten sich so stark ins Gedächtnis der Überlebenden eingebrannt hatten, dass seine Person schließlich zur Gottheit erhoben wurde. 20
Abbildung 8 Darstellungen von Oannes und den Apkallu in der mesopotamischen Kunst und Bildhauerei, wo sie häufig als Mischwesen – Fischmensch oder Vogelmensch – auftreten
Die Parallelen zu Oannes sind schlagend, und wie Oannes als Anführer der Apkallu (ebenfalls vollbärtig), scheint auch Quetzalcoatl mit einer Bruderschaft an Weisen und Magiern herumgereist zu sein. Wir erfahren, dass sie in Mexiko ankamen, »von jenseits des Meeres in einem Boot, das von alleine und ohne Ruder fuhr«, 21 und dass Quetzalcoatl als «Begründer von Städten, Gesetzen und des Kalenders« galt. 22 Ein spanischer Chronist aus dem 16. Jahrhundert, Bernardino de Sahagún, der die Sprache der Azteken fließend sprach und sehr darauf bedacht war, ihre alten Traditionen genau aufzuzeichnen, erzählt:
»Quetzalcoatl war ein wichtiger Vermittler der Zivilisation, der mexikanischen Boden an der Spitze einer Gruppe von Fremden betrat. Kunst und Wissenschaft brachte er ins Land und förderte ganz besonders die Landwirtschaft. … Er baute weitläufige und elegante Häuser und predigte eine Religion, die sich für den Frieden einsetzte.« 23
Zusammenfassend kann man sagen, dass Quetzalcoatl und Oannes nicht nur ein komplexes Geflecht an Symbolen und Ikonografien gemeinsam war, sondern auch die gleiche zivilisatorische Mission, die sie in weit entfernte Regionen der Welt führte – in einer Zeit, von der es immer wieder heißt, sie reiche bis in altehrwürdige vorsintflutliche Epochen zurück.
Könnte sie nicht bis 9600 v. Chr., also in die Epoche von Göbekli Tepe zurückverfolgt werden, wo sich auch ohne überlieferte Legenden viele dieser Symbole wiederfinden und überall Zeichen einer zivilisatorischen Mission zu sehen sind?
Sollte sich diese Hypothese jemals beweisen lassen, wären die Konsequenzen atemberaubend. Zumindest würde das bedeuten, dass bisher unbekannte Menschen irgendwo auf der Welt in der letzten Eiszeit vor mehr als 12000 Jahren bereits alle Künste und Attribute einer Hochzivilisation gemeistert und Abgesandte in die Welt geschickt hatten, um die Wohltaten ihres Wissens zu verbreiten. Wer könnten diese geheimnisvollen Abgesandten gewesen sein, diese Weisen, diese »Magier der Götter«? Und weshalb diese sich immer wieder aufdrängende Verbindung zum Jahr 9600 v. Chr.?
Denn wie Klaus Schmidt unter der brütenden Sonne des Taurusgebirges in Göbekli Tepe betont hatte, ist 9600 v. Chr. in der Tat »ein wichtiges Datum« – und zwar nicht nur, weil es das Ende der Eiszeit markiert, sondern noch aus einem weiteren überraschenden Grund.
Der griechische Staatsmann Solon besuchte 600 v. Chr. Ägypten, wo ihm von den Priestern des Sais-Tempels im Nildelta eine außergewöhnliche Geschichte erzählt wurde, eine Geschichte, die später an seinen berühmteren Nachfahren Platon weitergegeben wurde, der sie der Welt in seinen Dialogen von Timaios und Kritias präsentierte. Ich spreche natürlich von der Geschichte der großen verschollenen Zivilisation Atlantis, die an einem einzigen schrecklichen Tag und in einer einzigen schrecklichen Nacht von Erdbeben und Überflutungen verschluckt worden war. 24
Das trug sich 9000 Jahre vor der Zeit von Solon zu – nach unserem Kalender 9600 v. Chr.
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»Alles, was uns über die Ursprünge der Zivilisation gelehrt wurde, könnte falsch sein«, erklärt Danny Hilman Natawidjaja, leitender Geologe am Forschungszentrum für Geotechnologie des indonesischen Wissenschaftsinstituts. »Alte Geschichten über Atlantis und andere große verschollene Zivilisationen der Vorgeschichte, die lange Zeit von den Archäologen als Mythen abgetan wurden, werden sich aller Voraussicht nach in Zukunft als wahr erweisen.«
Dezember 2013. Wir befinden uns im Regierungsbezirk Cianjur, etwa 900 Meter über dem Meeresspiegel und 70 Kilometer westlich von der Stadt Bandung auf der Insel Java in Indonesien. Gemeinsam mit Dr. Natawidjaja klettere ich den steilen Hang einer 110 Meter hohen Stufenpyramide hoch, die sich inmitten einer magischen Landschaft aus Vulkanen, Bergen und Dschungeln erhebt, die hier und da von Reisfeldern und Teeplantagen unterbrochen wird.
