7,99 €
Auf der Basis von umfangreichem Archivmaterial und weiterer Dokumente wird die Geschichte der jüdischen Familie Mildenberg aus Lengerich in der Zeit des Nationalsozialismus geschildert. Anhand der Lebenswege der acht Geschwister werden Diskriminierung und Verfolgung, Deportation und Ermordung sowie die Flucht ins Ungewisse thematisiert. Zahlreiche Abbildungen sorgen für Anschaulichkeit und Authentizität der Darstellung.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 77
Veröffentlichungsjahr: 2020
Einführung
1.1 Einleitende Bemerkungen
1.2 Jüdisches Leben im Kreis Tecklenburg zwischen 1870 und 1942
Die Familie Mildenberg aus Lengerich
2.1 Julius Mildenberg und seine Familie
2.2 Die übrigen Geschwister
2.2.1 Max Mildenberg
2.2.2 Hedwig und Selma Mildenberg
2.2.3 Albert Mildenberg
2.2.4 Siegfried Mildenberg
2.2.5 Hermann Mildenberg
2.2.6 Johanna Mildenberg
Zum Schluss
Quellen und Literatur
Anhang
Transkriptionen
Wer in Lengerich aufmerksam über den jüdischen Friedhof am Rand der Stadt geht, findet auf dem westlichen Teil zwei Grabsteine für Mitglieder der Familie Mildenberg: für David Mildenberg und seine Tochter Meta Mildenberg. Mit dem Wissen, dass David Mildenberg verheiratet war und neun Kinder hatte, stellt sich die Frage, warum nur zwei Familienmitglieder in Lengerich begraben sind und was aus den übrigen Personen geworden ist.1
Diese konkrete Frage war ein Anstoß für diese Untersuchung. Ein weiterer rührt aus der Erfahrung, dass das Schicksal der europäischen Juden während der Zeit des nationalsozialistischen Terrors in seiner Gesamtheit eigentlich nicht zu begreifen ist. Der Historiker Ulrich Herbert spricht mit Blick auf die bundesrepublikanische Vergangenheit von einem
„Prozess der Abstraktion und Entsinnlichung der NS-Vergangenheit, der die Opfer der Nationalsozialisten ebenso wie die Täter anonymisierte und die Geschichte ihres Personals und ihrer Orte beraubte, sodass man sich in der Öffentlichkeit sogar mit einigem Pathos gegen die vergangene Gewaltherrschaft aussprechen konnte, ohne sich mit konkreten Orten und wirklichen Menschen befassen zu müssen.“2
Gegen diesen Prozess der Anonymisierung und Abstraktion setzt diese Untersuchung auf die Darstellung von „wirklichen Menschen“ und „konkreten Orten“. Dies ist auch insofern angezeigt, als die unterschiedlichen Biografien der Mildenbergs vielfach exemplarisch sind für das Schicksal vieler anderer jüdischer Mitmenschen in Deutschland in den 1930er Jahren. Zuvor soll allerdings – zum besseren Verständnis – die Lage der jüdischen Bevölkerung im Kreis Tecklenburg von 1870 bis 1942 mit einigen grundlegenden Hinweisen skizziert werden.
Als Ausgangspunkt dieser Untersuchung diente der grundlegende Überblick in dem Buch „Geschichte der Juden in Lengerich“ aus dem Jahre 19933. Reichhaltige Ergänzungen fanden sich in diversen Wiedergutmachungsakten in den beiden nordrhein-westfälischen Landesarchiven in Münster und Duisburg – den dortigen Mitarbeiter*innen sei an dieser Stelle herzlich gedankt, ebenso wie dem Dezernat 15 des Regierungspräsidiums in Düsseldorf. Wertvolle Anregungen kamen zudem aus den Stadtarchiven in Lengerich, Mülheim und Telgte, ohne deren Unterstützung eine Reihe von Details unentdeckt geblieben wäre. Insgesamt verdankt der Autor den Archivarinnen und Archivaren an unterschiedlichsten Orten zahlreiche Hinweise.
Hinsichtlich der verschiedenen Deportationen und Vernichtungslager konnte auf einen vielfältigen Bestand an Fachliteratur zurückgegriffen werden. Exemplarisch genannt seien an dieser Stelle das höchst informative Buch von Genger und Jakobs „Düsseldorf/Litzmannstadt 1941“ (2010) sowie die Arbeiten von Benz und Distel „Der Ort des Terrors, Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslagers“ (2008). Viele wertvolle Informationen konnten darüber hinaus auch diversen Webseiten im Internet entnommen werden.
Wichtige Anregungen bekam ich von Angelika Pries (Rheine), Dr. Alfred Wesselmann (Lengerich) sowie Pfr. Harald Klöpper (Lengerich-Hohne). Ein besonderer Dank gilt meiner Frau Heidi, die durch ihre fortdauernde Unterstützung in verschiedener Form wesentlich zum Gelingen dieses Buches beigetragen hat.
Als David und Rika Mildenberg 1878 nach Lengerich im Kreis Tecklenburg kamen, geschah dies in einer Zeit, die von unterschiedlichen Tendenzen bestimmt war. Im Kaiserreich hatten sich bereits Anfang der 1870er Jahre neuere antisemitische Strömungen entwickelt, die ihre Ursachen einerseits in wirtschaftlichen Entwicklungen hatten, andererseits aber auch religiös geprägt waren; auf protestantischer Seite war der Berliner Hofprediger Adolf Stoecker4 einer der Wortführer. Allerdings wirkten sich diese Strömungen im ländlich geprägten Kreis Tecklenburg nur wenig aus;5 die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung war gesellschaftlich weitgehend integriert.
„Die aktive Mitwirkung der Juden am bürgerlichen Vereinsleben der Städte und Gemeinden [wurde] gang und gäbe. Sie schossen sich zu Schützenkönigen, traten in Karnevalsgesellschaften ein, verstärkten die Sportvereine, halfen, Ortsvereine der Freiwilligen Feuerwehr zu gründen, und wurden nicht zuletzt in Heimatvereinen aktiv.“6
Teil dieser Integration war ebenfalls der Patriotismus, den jüdische Menschen mit ihren christlichen Nachbarn und Bekannten teilten. Daher überrascht es nicht, dass mehrere jüdische Männer aus Lengerich am Ersten Weltkrieg als Soldaten teilnahmen.7
Während der Zeit des Kaiserreiches hatten etliche Juden Lengerich verlassen, um in größere Städte zu ziehen, und so lebten nach dem Ersten Weltkrieg nur noch zehn jüdische Familien im Ort. Sie „besaßen entweder ein Geschäft oder betrieben einen Handel mit Vieh oder Altwaren“8, gehörten also „mehrheitlich dem traditionellen Mittelstand an“9 und ihr alltägliches Leben unterschied sich kaum von dem der übrigen Bevölkerung. Allerdings wuchsen – mit Zunahme der wirtschaftlichen Probleme in Deutschland im Laufe der 1920er Jahre – auch wieder die wirtschaftlich begründeten antisemitischen Strömungen.
Darauf konnten die Nationalsozialisten nach ihrer Machtergreifung am 30. Januar 1933 nahtlos aufbauen. Bereits für den 1. April 1933 wurde zu einem nationalen Boykott jüdischer Geschäfte und Ärzte aufgerufen; der „Tecklenburger Landbote“ tat dies durch die folgende Aufforderung:10
Über diese Aktion in Lengerich berichtete dieselbe Zeitung zwei Tage später:11
Auch wenn der Boykott-Aufruf offiziell nur für einen Tag galt, setzte sich die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung – auch in Lengerich – in den folgenden Monaten fort. Einen weiteren Höhepunkt erreichten diese Bestrebungen am 17. August 1935 in Lengerich, als der 31-jährige Erich Gutmann als „Rassenschänder“ durch die Stadt getrieben und anschließend in Schutzhaft12 genommen wurde. Der Tecklenburger Landbote berichtete drei Tage später über dieses furchtbare Ereignis:
„Der Jude Erich Gutmann aus dem Stadtteil Hohne […] wurde am Sonnabend in Schutzhaft genommen, da die erregte Bevölkerung drauf und dran war, dem Juden in handgreiflicher Weise klar zu machen, wie der anständige Deutsche über jüdische Rassenschänder denkt.“13
Der zynische Gebrauch des Terminus „Schutzhaft“ findet sich auch in einer Äußerung des damaligen NSDAP-Bürgermeisters Philipp Krätzer, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Retter Erich Gutmanns darstellte, indem er schrieb:
„Ich habe als Verwaltungsbeamter der Polizei z.B. den Juden Erich von der Straße weggeholt aus einem schändlichen öffentlichen Umzug, bei dem er schwer mißhandelt wurde.“14
Hintergrund dieser demütigenden Aktion gegen Erich Gutmann war sicherlich die Rassenpropaganda, die in den „Nürnberger Gesetzen“ vom 12. September 1935 ihren offiziellen Niederschlag fanden. In der Folgezeit setzte sich die gesellschaftliche und wirtschaftliche Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung unvermindert fort; eine „beliebte Variante der offenen Boykottmaßnahmen war das Fotografieren der Kundschaft jüdischer Geschäftsinhaber und das Veröffentlichen der Fotos in den lokalen Zeitungen oder im antisemitischen Hetzblatt Der Stürmer.“15 Nach und nach verloren viele der jüdischen Opfer ihre Existenzgrundlage.
Im Jahre 1938 wurden nicht nur weitere, gegen die Juden gerichtete Gesetze erlassen, sondern weitere, durch das nationalsozialistische Regime gelenkte Gewaltmaßnahmen gegen Juden durchgeführt;16 die „Reichspogromnacht“ am 9. November 1938 bildete einen traurigen Höhepunkt. In Lengerich wurde das Haus der Witwe Albersheim angezündet, jüdische Geschäfte und Häuser wurden demoliert und am 10. November wurde die jüdische Synagoge, die seit 1821 an der Münsterstraße gestanden hatte, niedergebrannt. Jüdische Männer wurden im Keller des Rathauses eingesperrt und mißhandelt.17
Nach diesem furchtbaren Ereignis verließen viele der Lengericher Juden den Ort, um in einer größeren Stadt oder im Ausland Zuflucht zu suchen. Die wenigen, die aus unterschiedlichen Gründen blieben – wie Hermann Abrahamson sowie Norbert, Selma und Werner Neufeld -, wurden „am 13. Dezember 1941 über Münster in das Ghetto Riga deportiert und ermordet.“18 Anfang 1942 war die jüdische Bevölkerung in Lengerich komplett ausgelöscht.
1 Einen ersten Überblick über die Familie Mildenberg gibt die Ahnentafel, die im Anhang abgedruckt ist.
2 Herbert, Ulrich: Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München 2017, S. 666.
3 Althoff, Gertrud, Beck, Wolfhart, Specht, Frank, Vietmeier, Doris: Geschichte der Juden in Lengerich, Lengerich 1993.
4 Vgl.
https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/geschichte/geschichte-der-hassprediger/1433800.html (Zugriff: 19.12.2019).
5 Aktenkundig geworden ist ein Vorfall aus Westerkappeln aus dem Jahre 1891: Der aus Lengerich stammende Pfarrer zu Westerkappeln, Ernst Jacob Johann to Settel, hatte in einer Predigt ein angeblich unsittliches Verhalten jüdischer Männer gegenüber christlichen Frauen angeprangert. Als dieses Ereignis bekannt wurde – u.a. durch die Neue Preußische Zeitung -, wurden Nachforschungen angestellt. Doch in seinem Bericht kam der Tecklenburger Landrat Belli zu dem Schluss, dass die Angelegenheit „am Besten zu ignorieren sei.“ LAV NRW Westfalen, K 350 Kreis Tecklenburg, Landratsamt Nr. 1576.
6 Feld, Willi: Der Geschichte der Juden im Kreis Steinfurt von den Anfängen bis zur Vernichtung, Steinfurter Hefte 13, Steinfurt 1991, S. 68.
7 Näheres bei Althoff et al.: Geschichte der Juden (1993), S. 167.
8 Ebd.
9 Klatt, Marlene: Unbequeme Vergangenheit, Antisemitismus, Judenverfolgung und Wiedergutmachung in Westfalen 19251965, Paderborn 2009, S. 29.
10 Aus: Feld, Willi: Die Geschichte (1991), S. 82.
11 Ebd.
12 „Mit der „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“ vom 28. Februar 1933 wurde das Repressionsinstrument der so genannten „Schutzhaft“ eingerichtet. Damit war die gesetzliche Grundlage gegeben, Gegner des NS-Regimes ohne richterliche Kontrolle und Verurteilung zu verhaften und auf unbestimmte Zeit zu inhaftieren.“
https://www.bundesarchiv.de/zwangsarbeit/haftstaetten/index.php?tab=22 (Zugriff: 21.12.2019).
13 Tecklenburger Landbote 20.8.1935, Stadtarchiv Lengerich.
14 Entnazifizierungsantrag Krätzer vom Oktober 1946, LAV NRW Rheinland, Bestand NW 1046, Signatur 2016.
15 Klatt, Marlene: Unbequeme (2009), S. 81.
16 Vgl. Feld, Willi: Die Geschichte (1991), S. 91f.
17 Näheres: Hammerschmidt, Bernd: Schlägertrupps wüteten in der Synagoge, Unser Kreis 2019, Jahrbuch für den Kreis Steinfurt, Steinfurt 2018, S. 85-88.
18 Althoff, Getrud: Lengerich, in: Freund, Susanne, Jakobi, Franz-Josef, Johanek, Peter (Hg.): Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe, Band 2, Münster 2008, S. 461.
