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Renitente Gören, die im Sandkasten tränenreich Machtkämpfe anzetteln, übellaunige Teenies, die rudelweise die Innenstädte belagern, oder zahnspangige Bälger, die alles besser wissen – die kleinen und großen Monster sind überall. Dabei ist es egal, ob man kinderlos ist oder als Elternteil der Meinung ist, dass vor allem die Kinder der anderen Eltern unerträglich sind. Es fühlt sich an, als würde die "erziehungsfreie Zone" immer größer und die nächste Generation noch sonderbarer als alle jemals zuvor. Veronika Immler und Antje Steinhäuser - beide hingebungsvolle Mütter – schildern brüllend komisch die pädagogische Wüste und ihre Folgen für uns alle.
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Seitenzahl: 200
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen:
1. Auflage 2012
© 2012 by mvg Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Nymphenburger Straße 86
D-80636 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Redaktion: Petra Holzmann, München
Umschlaggestaltung: Julia Jund, München
Umschlagabbildung: Corbis Images
Satz und Epub: Grafikstudio Foerster, Belgern
ISBN Epub 978-3-86415-313-6
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
www.mvg-verlag.de
Gartenparty bei den Webers. Ich freue mich auf ein gepflegtes Gläschen in lauem Sommerabendlüftchen, sanft schaukelnd auf der Hollywoodschaukel, unangestrengtes Plaudern mit Gleichaltrigen. Ich lehne mich zurück, herrlich, alles erledigt, ein paar Stunden der Muße stehen bevor. Ich schließe für einen Moment die Augen.
»Warum bist du so hässlich angezogen?«, dringt es da an mein Ohr. Es ist Albertine, die siebenjährige Gastgebertochter, die im Gegensatz zu anderen Kindern in dem Alter offensichtlich noch nicht ins Bett musste, sondern noch zwischen den Gästen unterwegs ist und vorwitzige Fragen stellt. Hat man denn nie seine Ruhe? »Wir finden es wichtig, dass sie so ehrlich ist«, erklärt Gastgeberin Dörte Weber mir beglückt. Sie schwärmt noch über die Direktheit ihrer Tochter, als ich einen heftigen Stoß im Nacken verspüre. Weber-Spross Derek, neun, hat mich angesprungen, einfach so. »Toll, was für ein Gefühl der gleich für dieses Karate entwickelt hat«, stellt Gastgeber Jörg-Uwe Weber höchst zufrieden fest. Ich kann kaum noch den Kopf drehen, muss mich von dem Schock aber gar nicht erholen: Collin, 13, ersetzt ihn für mich einfach durch den nächsten, indem er mir vom ersten Stock aus mein Glas mit einem Softair-Geschoss aus der Hand schießt.
Und während ich mich noch matt frage, warum man die Monster der anderen kaum je maßregelt – sich stattdessen nur seinen Teil denkt und der Rest ist Schweigen –, trommelt Frau Weber bereits ihre Gäste zusammen: »Giselle wird euch jetzt etwas auf ihrer Geige vorspielen!«
Rotzlöffelalarm, unerwartet, jederzeit, rücksichtslos, überall! Es gibt sie in jedem Alter, Mädchen und Jungen, niemand ist sicher, nirgends, nie. 15 Nervensägentypen der Monsterspezies, die uns ganz persönlich (aber natürlich auch anderen) am meisten auf den Senkel gehen und die massivsten Monster-Abneigungen auslösen, lauern in diesem Buch – diese Typen und die Rotzlöffel-Situationen, so wie man sie im wirklichen Leben erlebt. Man weiß nie, auf welches Monster und welchen Rotzlöffel man als Nächstes trifft. Sie toben und wüten in Supermärkten, Schuhgeschäften und selbstverständlich auf Spielplätzen und Schulhöfen. Von Assibratze bis Zornröschen, Abikampfsäufer bis Zappelphilipp. Und niemand hält sie auf …
Nachbemerkung: Es handelt sich um ein Monsterfachbuch und nicht um einen Erziehungsratgeber!
»Abhartzen statt abaxten!« ist das erklärte Lebensmotto dieser hormongesteuerten Pubertätsopfer – was übersetzt so viel bedeutet wie: Lieber auf Kosten der Eltern abhängen und nichts tun, als sich den Hintern für die angedachte Lebensabschnittsaufgabe, sprich für die höhere Schulbildung, aufzureißen. Außer ihren gleichgesinnten »Homies« (Freunden) sind alle anderen Mitmenschen für sie »prasseldumme Nichtsraller« und »hirnblinde Vollsocken« – allen voran freilich die »astigen Folterknechte« (die dummen Lehrer) und die eigenen »monsterpeinomäßigen Wachtürme« (die sehr peinlichen Eltern). Letztere sollen zwar regelmäßig eine »grüne Fliese« (100 Euro) »rübergurgeln«, aber ansonsten »cremig« (handzahm) bleiben, nicht »rumflamen« (Hektik verbreiten) und keinesfalls irgendwie in ihrem Leben »rumlidln« (rumschnüffeln).
Hätten Sie es gewusst?
»Achselmoped« bedeutet unter Chillern: Deoroller, während »Deoroller« einen Zeitgenossen mit Glatze beschreibt.
Die Hochleistungs-Chiller, meist aus gutbürgerlichem Hause, gaukeln ihrem Umfeld unablässig Tiefenentspanntheit vor. In Wirklichkeit wissen die pickeligen Wachstumsverweigerer aber nichts mit sich selbst anzufangen. Sie wollen schon erwachsen sein, spüren aber, dass sie im Grunde ihres Herzens unsichere, unselbstständige, ungebildete und obendrein nicht belastbare Dumpfbacken sind. Diese leise Ahnung, die da in ihrem Innersten an ihrem kaum vorhandenen Selbstbewusstsein nagt, gilt es nun, tagtäglich hinter überzogen gespielter Chiller-Coolness zu verbergen. Dazu gehört schon mal das passende Outfit. Die Baggy-Hose ist für die männlichen Möchtegerngangster ein Muss – das sind die Jeans, die unter dem »Kackkasten« (Hintern) hängen, und bei denen der komplette »Furzfänger« (Unterhose), auch »Schinkenbeutel« oder »Bananenhängematte« genannt, zu sehen ist und deren Schritt auf dem Asphalt streift, sodass sie dem Träger gar keine andere Wahl lassen, außer gemächlich, breitbeinig schlurfend »heranzulurchen« (heranzuschlappen). Die Jungs wären gerne »Schnecken-Checker« (Aufreißer), tun so, als wären sie die »Sprengel-Berlusconis« höchstpersönlich, und doch reicht ihre sexuelle Erfahrung meist nicht über eine verklebte Schlafanzughose hinaus. Denn »logofrosch« (freilich) haben sie nicht die Eier in der Hose, um »Schnitten anzusegeln« (sich gut aussehenden Mädchen zu nähern), »Torten anzuwedeln« (tolle Mädchen anzumachen), geschweige denn ein Mutterschiff (reifes Mädchen) »abzugrätschen« (abzuschleppen), um an ihr »rumzunagen« (rumzuknutschen).
Hätten Sie es gewusst?
Den Lurch würgen
oder auch
den Jürgen würgen,
den Biber melken,
dem Arbeitslosen die Hand schütteln,
den Kaspar schnäuzen,
die Maus klicken,
einen von der Palme wedeln,
die einäugige Schlange dressieren,
das Gürteltier keulen
und den Olm reanimieren
sind nur einige von unzähligen Ausdrücken für die männliche Selbstbefriedigung.
Für »ein Buch lesen« gibt es bezeichnenderweise keine Umschreibung.
Die Chillerweibchen sind die charakterfreien Nebengeräusche der dominanten Alphajungs. Sie machen auf gelangweilte »Bitch« (Schlampe), »pimpen« (stylen) sich wie 30-Jährige und übernehmen kritiklos alle coolen Sprüche und Eigenarten der angehimmelten Männchen. Sie wären gerne Vamps, aber sehen bedauerlicherweise doch nur aus wie vom Babystrich. Ihre zu stark schwarz geschminkten Smokey Eyes sollen verrucht wirken und einen heftigen Lebenswandel vortäuschen. Einmal in der Woche haben sie »Freigang«, dann »alken« (saufen) sie mit den Jungs abends auf Spielplätzen oder in öffentlichen Grünanlagen in der erbarmungswürdigen Hoffnung, »rampenzu« (total besoffen) die Zuneigung eines Checkers zu gewinnen. Ihre Eltern glauben allerdings bis heute, dass ihre lieben Töchter immer bei den besten Freundinnen übernachten, während sie mit »Totalschaden« irgendwo im Stockdunklen in einen Busch »Brocken jubeln« (kotzen).
Hätten Sie gewusst, dass
Emowanderweg (Bahngleis)
Unterschichtsbeschleuniger (Bus)
Münzmalle (Solarium)
Steckdosenneger (Solariumsbesucher)
Popelplane (Taschentuch)
Sprühwurst (Durchfall)
Pennercabrio (Einkaufswagen)
Migränestäbchen (Schlagstock)
Vegetarierfrisbee (Gurkenscheibe)
bedeutet?
Wenn die »Welpenmafia« (Kinderbande) verspätet »out-of-bed-swag« (gekonnt verlottert aussehend) im »Büffelbunker« (Schule) einschlurft, als hätten sie die Nacht lang in der »Knallhütte gepegelt« (in der Kneipe gesoffen), dann macht das auf die gleichaltrigen Spätentwickler schon mal »derbe 1337« (tierisch Eindruck). Vor der Schule haben sie schon eine »Tabakroulade« gequarzt. Gleich vor dem »Knast« (Schulgebäude), damit möglichst viele kleine »Leertasten« (unbedeutende Mitmenschen) »rallen« (kapieren), wie wenig »Backenwedeln« (Angst) sie doch vor den »Rauchmeldern« (Lehrern) und selbst vor dem »Handykollektor« (Schuldirektor) und seinem »Drohpapier« (Verweis) haben.
Im Unterricht geben sie sich demonstrativ desinteressiert. Sie sind sich ganz sicher, dass DDR »Deutsche Dominikanische Republik« bedeutet und dass das Zwerchfell die Schambehaarung eines Kleinwüchsigen sein muss. Nichts zu »strahlen« (verstehen), besonders in Mathe und Latein, halten sie für absolut »krönungsbedürftig« (anerkennenswert). Dafür lassen sie als Bildungsdistanzierte keine Gelegenheit aus, ihre braven Mitschüler zu »dissen« (diskreditieren), um sich selbst immer wieder auf’s Neue als unangefochtene Leittiere zu bestätigen. Sie bezeichnen schlaue Mitschüler als »Nerds«. »Captain Wiki« (der Klassenprimus) taugt gerade mal dazu, um bei ihm die Lateinhausaufgaben »abzukrallen«, strebsame Schüler werden als »Mastdarmakrobaten« oder »Analraupen« (Arschkriecher) abgetan, der Rest der Büffelbrigade (Klasse) ist sowieso der reine Augentinnitus: nur Pfeifen! Wenn einer von diesen »Vollspaten« denkt, er könnte es wagen, ungefragt Kontakt zu den »Gin-Chillers« aufzunehmen, der wird mit Sätzen wie »Back dir ein Eis!«, »Strick dir ein Steak« oder »Kauf dir Freunde!« »gebashed« (angegriffen und besiegt).
Hätten Sie gewusst, dass
Hagelschaden (Cellulite)
Pflasterporsche ( Gehhilfe)
Pickel-Tipp-Ex (Abdeckstift)
Korallenriff (verpickelte Person)
Gartensalami (Gurke)
Achselkaffee (Schweißflecken)
Günther haben (Mundgeruch haben)
Freibadkruste (Sonnenbrand)
Joggingpeitsche (Gammelhose)
Änderungsfleischerei (Schönheitschirurgie)
bedeutet?
Dann »gathern« (versammeln) sich die »Hobbylosen« im »Schlangentreff« (Jungenklo) zum »Lungenbräunen« (Rauchen), »bechatten« (bequatschen), ab der dritten Stunde »abzupixxeln« (zu verschwinden), um im »Gasthaus zum goldenen M« (McDonald’s) oder einem anderen »Glutamattempel« (Fast-Food-Restaurant) den Rest des Schultages »abzuschimmeln« (rumzugammeln). Viel zu erzählen haben sie sich logischerweise nicht, sie »inserieren« sich ja für nichts. Sie hängen zusammen ab, hören mit überdimensional großen, knallbunten Kopfhörern »coole Mucke« (aktuelle Hitparade), »knacken ’ne Hülsenfrucht« (öffnen ein Dosenbier), »saugen sich ’nen Truckerpimmel rein« (essen eine Currywurst), daddeln an ihren iPhones rum und senden vermeintlich Gleichgesinnten sinnfreie und obendrein bodenlos belanglose Kurznachrichten wie: »Ich trink Ouzo, was machst du so?«
Hochleistungs-Chiller sind Profis im »Sich-selbst-in-die-Tasche-Lügen. Schließlich stehen die Pickel-Pinocchios in allen versetzungsrelevanten Fächern auf einer guten Fünf. – »Also, chillt eure Hormone, Ötzis (Eltern)!« »Der Alte« (Vati) zahlt dann die Nachhilfestunden und den überteuerten Schüleraustausch in die USA mit vollem Spaßprogramm – wenn alle Stricke reißen – »logobibobo« (selbstverständlich)!
Ganz schlecht kommt es bei diesen Jugendlichen an, wenn Sie als Erziehungsberechtigter versuchen, sich Ihrem Kind im Jugendslang anzubiedern, um Ihr anvisiertes Erziehungsziel zu erreichen. Olivias Mutter probierte es neulich mit folgender Ansage: »Olivia! Mach hier nicht einen auf abgehippte Molli (durchgeknallten Motzkäfer), du Randfichte (belanglose Randfigur), und stell mal presto deine Horchbretter (Ohren) auf! Ich würde mich echt einen Kullerkeks (außerordentlich) freuen, wenn du dich nicht nur in der Celluliteanstalt (Freibad) antoasten (bräunen) oder die Knarrkante abmatten (im Bett liegen) würdest, sondern auch mal an deiner Mathearbeit meißeln (arbeiten) würdest! Und jetzt mach die Socken scharf (zieh Leine) und hinkel (arbeite) los!« – Wen wundert’s? Der Motivationsschub blieb aus. Olivia antwortete ihrer Mama: »Hey, peace, Höhlenmensch! (Ganz ruhig, Mutti!) Entschleunige dich mal (fahre mal runter), du Karoshi-Opfer (überarbeiteter, japanischer Stresstoter)! Mach hier nicht einen auf priesterlich (Moralapostel)! Sieh das mal relaxt (entspannt) – wenn ich morgen die Mathe-Ex bläue (schwänze), dann ist alles gebongt (klar)!«
Olivia hat schon mal vorsorglich ein paar individuelle Entschuldigungsschreiben vorbereitet.
Jetzt muss sie sich nur noch ganz gechillt entscheiden, welches sie davon nehmen wird:
Variante 1:
Meine Tochter Olivia musste heute Nacht mehrmals spuken.
Variante 2:
Olivia hat heute einen Termin beim Kifferorthopäden.
Variante 3:
Olivia ist gestern Cola-Biert und kann deswegen heute nicht am Matheunterricht teilnehmen.
Verabschiedungen unter Chillern:
Check die Wurst!Lass Haare wehen!Laba ken Kaba!Hau die Hacken in den Teer!Bis dannimanski!Ciao Cescu!Grüß’ die Spinne!Hau die Hühner!Ich mach ’nen Fisch ins Gebüsch, ne!Wirsing!»Noah, kommst du jetzt, bitte?«, tönt es zum wiederholten Mal durch die Kinderschuhabteilung. »Noah!« Aber Noah kommt nicht. Noah kommt jetzt nicht, und er kommt auch später nicht. Noah kommt nie! Noah hat immer etwas Besseres zu tun, als dem Ruf seiner Mutter zu folgen – vor allem, wenn es darum geht, Schuhe anzuprobieren. »Noah!« Vorhin musste Noah die Schuhfachverkäuferin mit einem Schuhlöffeldegen zum Duell fordern, dann musste sich die Arme auf den Boden legen und sich tot stellen, weil Klein-Noah sie mit seiner imaginären Schnellfeuerpistole, unter authentisch imitiertem Gun-Sound, komplett durchsiebt hatte. Danach entsicherte er, durch symbolisches Ziehen an den Schuhbändern, eine Romika-Kinderhausschuhgranate, warf sie zielsicher in Richtung Wohlfühlschuhabteilung, brachte sich dann zwischen meinen Beinen in Deckung, hielt sich die Ohren zu und wartete die lautstarke Explosion ab.
These boots are made for throwing
Der amtierende Juniorenweltmeister im Gummistiefelweitwurf ist ein 16 Jahre alter Finne. Er trainiert seit seinem dritten Lebensjahr. Traditionell werfen bei offiziellen Wettbewerben Kinder nur schwarze Stiefel in Größe 33.
»Noah, kommst du jetzt, bitte?« Natürlich kommt Noah nicht, denn jetzt hat er sich gerade auf der Kinderrutsche in Stellung gebracht und verteidigt diese mit seinem fiktiven Laserschwert gegen Tausende von Klonkriegern, die auf die eigenartige Idee kamen, auch mal rutschen zu wollen. »Noah, kommst du jetzt, bitte?«, schallt es wieder quer durch den Verkaufsraum. Noahs Mutter weiß, dass Noah nicht kommen wird, und sie weiß, dass es besser ist, sich nicht nach ihm und den vielen gefallenen Kung-Fu-Pandas zwischen den Regalen umzusehen, die es gewagt haben, sich dem Auserwählten in den Weg zu stellen. Sie hat es sich einfach zur Gewohnheit gemacht, in regelmäßigen Abständen diesen Satz zu rufen, dessen ursprünglichen Sinn sie schon vor langer Zeit vergessen hat. »Noah, kommst du jetzt, bitte?«, ruft sie erneut in einen Kamik-Stiefel. – Wenn die Möchtegern-Jedi-Mama nicht schlagartig auf die Seite der bösen Macht wechselt, dann tue ich es! Terror in der Kinderschuhabteilung!
Zweimal im Jahr muss ich mir das antun. In der nie sterben wollenden Hoffnung, dass es dieses Mal ganz schnell gehen könnte, habe ich, wie immer, meinen dicken Wintermantel nicht abgelegt und, wie immer, kollabiere ich jetzt fast auf der roten Kunstledersitzlandschaft im Schuhhaus Treter, unten, im flackernden Licht der Neonleuchten in den Katakomben des Grauens. Ich will hier raus! Schnell! Meine Tochter Paula probiert gerade das zwanzigste Paar Winterstiefel. Die einen sind »hinten ein bisschen – ich weiß nicht«, bei denen da »slipped« sie irgendwie voll, der da »rubbed« superkrass, der da geht ja wohl gar nicht – der ist doch »end-feldbuschig«, da »matched« zwar der linke, dafür »pinched« der rechte hammermäßig, der hier ist zu »bitchig«, der »fitted« zwar, ist aber »nerdig«, und der einzige, der »flashed«, ist der komplett überteuerte »Hilfiger-Hampshires-Boot-Coconut«, den ich aber nicht bezahlen werde. Ich drehe noch durch und frage meine Dreizehnjährige, ob »nerdig« gleichzusetzen sei mit »hat alles, was man von einem Winterschuh erwarten kann: Er sieht nett aus, ist bequem, wasserfest, hat eine tolle Profilsohle und ist obendrein preislich angemessen«. Sie sagt zu mir: »Mann, Mama, jetzt bleib mal geschmeidig – shoppen mit dir ist echt extrem unporno!« Und zur Verkäuferin: »Gibt es den hier auch in Navyblue und könnte ich die drei hier mal eine halbe Nummer größer probieren?« Jeden November der gleiche Irrsinn! Kraftlos rutsche ich noch tiefer – ich glaube, ich muss mich langsam selbstständig in die stabile Seitenlage bringen. Ich beschließe, die tapfere Schuhverkäuferin, die seit mindestens 20 Jahren die Stellung in Treters Tiefgeschoss hält, für das Bundesverdienstkreuz vorzuschlagen. »Noah! – Noah kommst du jetzt, bitte?«
2500 Dollar Preisgeld räumte die 13-jährige Catherine beim »Rotten Sneaker Contest« (Gammelschuhwettbewerb) im amerikanischen Montpelier ab. Alle Jahre wieder wird bei diesem Wettbewerb das Kind mit den stinkendsten und ungepflegtesten Turnschuhen preisgekrönt.
»In meiner Jugend hat man die Schuhe der Geschwister aufgetragen«, lege ich los, »und wenn man überhaupt mal ein neues Paar Halbschuhe bekommen hat, dann gab es zwei Modelle zur Auswahl! Beide waren hässlich und aus Vollplastik. Passgenauigkeit und Tragekomfort waren Fremdwörter, ganz zu schweigen von einer wohltuenden Längswölbestütze und einer atmungsaktiven Auftrittsdämpfung! Und allein die Aussicht darauf, eventuell einen chemisch kontaminierten Werbeluftballon oder gar ein Lurchi-Heft geschenkt zu bekommen, hat uns gereicht, um mucksmäuschenstill auf unseren vier Buchstaben sitzen zu bleiben. Entschieden, welches Paar gekauft wird, hat allein der Erziehungsberechtigte, und diese Wahl wurde stillschweigend hingenommen, und die Sache mit dem Schuhkauf war so in zehn Minuten erledigt«, sage ich, wie bei jedem Treter-Besuch, zu meiner Tochter. Paula antwortet: »Navyblue sieht ja wohl absolut unwonne aus!« Ich spreche, wie so oft, mit einer Wand – aber immerhin hat es meine kleine Hormonbombe dieses Mal vermieden, lautstark auf meine Zehenfehlstellung hinzuweisen, die sie meinem endkrassen Schuhstyle als jugendlicher Höhlenmensch zuschreibt. »Noah, kommst du jetzt, bitte?«
Da wirft sich neben uns auch noch ein hysterisches Lillifee-Imitat mit Blinkdiadem und Glitzerflügeln auf die Auslegeware, um sich die auserwählten Funkelballerinas statt der nahegelegten rosa Matschstiefel zu erschreien. Jeder, der es wagt, »Little Princess« die Vorzüge von gefütterten Stiefeln im Winter nahezulegen, bekommt schonungslos eins mit ihrem Hartplastikzepter übergebraten. »Lilli, denke an unser Agreement! Dein Benehmen ist nicht opportun«, zischt die blondierte Silikonfee-Mama und greift reflexartig nach ihrem Smartphone. »Sie ist wie ihr Vater!«, höre ich sie im Vorbeigehen ins Handy keifen. »Ich gönne mir jetzt ein Paar Frustpumps – und die zahlt er!«, wettert sie, bevor sie sich zu den High Heels verzieht, Ausgehpläne mit Yvonne schmiedet und das Lillimonster brüllend bei uns liegen lässt. »Noah, kommst du jetzt, bitte?« Paula spielt derweilen wieder Topmodel und posed vor dem Spiegel. Jetzt walked sie, wie auf dem Runway, durch die Schuhgasse auf mich zu. »Drama, Baby, Drama – das ist der Wahrheit!«, denke ich, beginne von einem Sauerstoffzelt zu halluzinieren und ernsthaft in Betracht zu ziehen, 299 Euronen für die »vollfetten« Hilfiger-Boots auszugeben, damit dieser Wahnsinn endlich ein Ende hat. Vorher werde ich allerdings noch mit meiner Hammerzehe diese nervtötende, rosa Lillimücke plattmachen. »Noah, kommst du jetzt, bitte?«
»Die tatsächliche Innengröße des Lacoste Camden Retro White Shrimp ist um 11,8 Millimeter geringer als die angegebene Schuhgröße. Die unter Schuhfachverkäufern gängige Methode, die Passfähigkeit des Schuhs durch die Fingerdrückmethode zu kontrollieren, ist fahrlässig, da Kinder automatisch dazu neigen, bei dieser Maßnahme die Zehen reflexartig zurückzuziehen«, argumentierte Mayas Mutter, die Juristin Sandra W. aus K., und forderte deswegen nicht nur die Zurücknahme des gebrauchten Schuhs, sondern verlangte obendrein, wegen der »unsachgemäßen Montage des Erfüllungsgehilfen« (Verkäuferin) Schadensersatz und die Übernahme der Kosten der durch den Sachmangel resultierenden Fußfehlstellung des Kindes.
Doch es wird noch besser! Das hier ist offensichtlich nur die Vorgruppe für den Ego-Shooter des Tages. Jetzt kommt der eigentliche Star der Treter-Show: Hier ist Marc Aurel!
Dass der Testosteronkobold Marc Aurel heißt, weiß ich freilich noch nicht, als ich ihn, mit seiner goldbehangenen Mutter (wahrscheinlich »Frau Kaiser«) im Gefolge, die Freitreppe in das Untergeschoss des Treter-Schuhhauses herunterstürmen sehe. Aber man hätte es ahnen können! Eigentlich bin ich schon zu dehydriert, um mich auch noch auf Marc Aurel zu konzentrieren. Aber ein Kind, für das ein Name wie Marc Aurel, Julius Cäsar, Nero oder Tiberius gerade gut genug war, lässt sich nicht übersehen. Ungebremst schmettert Marc Aurel jetzt gegen das Metallgeländer des Zwischenpodestes. Von hier oben verschafft er sich einen raschen Überblick über das einzunehmende Gelände. Der Blick des kleinen Imperators im Goldknopfzweireiher verrät, dass er noch in derselben Stunde Treteria im Sturm erobern und dem Erdboden gleichmachen wird. Blitzschnell macht er die Schwachstellen der Verteidigung aus. Er hat ernsthafte Vernichtungsbestrebungen – daran besteht überhaupt kein Zweifel. Hämmernde Schläge mit seinen Collegeschuhen gegen die metallenen Geländerstäbe lassen jede Hoffnung schwinden, den Angriff des Imperators unbeschadet zu überstehen. Marc Aurel ist bereit für den großen Schlag. »Noah, kommst du jetzt, bitte?« Ohne den Blick von M. A. abzuwenden, gehe ich in Deckung und ziehe Paula noch schnell hinter die eindrückliche Schuhkartonmauer, die sich, Gott sei es gedankt, mittlerweile vor uns auftürmt. »Möge die Macht mit uns sein!«, denke ich noch, und dann greift er an.
Die letzten fünf Stufen nimmt der Kaiser im Sprung. Sein Schwung katapultiert ihn förmlich an die gegnerische Linie. Noch im Flug bringt er zwei Schuhrondelle in Drehung, die sich schlagartig selbst entleeren. Geox-Geschosse fliegen in alle Richtungen. Dann stellt er der Schuhfachverkäuferin ein Bein, der durch den frisch angeforderten Schuhkartonturm, den sie für meine Tochter heranschleppt, leider die Sicht genommen war. Polternd fällt die Leidgeprüfte der Länge nach in den Gang und bleibt dort zunächst regungslos, mit dem Gesicht im Schachtelhaufen, liegen. Jetzt räumt Marc Aurel im Vorbeilaufen mit einer Hand einen raumlangen Regalboden ab. Das komplette Herrenwanderstiefelsortiment fällt am Regalende aus der Stellage und begräbt das inzwischen rot angelaufene Lillifee-Monster unter sich. »Strike! – Good Job!«, glaube ich eine elektronische Stimme in mein Ohr sagen zu hören. Und dann steuert der unerschrockene Feldherr auf die von Darth-Noah-Vader besetzte Rutsche zu. »Noah, kommst du jetzt, bitte?« Noahs Mama dreht dem Untergangsszenario nach wie vor konsequent den Rücken zu und spricht weiter mit ihren Schnürstiefeln, Lillimama quatscht immer noch mit Yvonne. Das Unfassbare ist jedoch, dass auch Mama Kaiser dem Feldzug ihres Zöglings keinerlei Beachtung schenkt. Sie hat zielstrebig den Flur zu den Timberland-Boots eingeschlagen, prüft dort ungerührt die neu eingetroffenen Trendmodelle, greift sich ein Ausstellungsstück, walzt auf die niedergestreckte Verkäuferin zu und schiebt ihr mit der Ansage: »in 36 und machen Sie schnell – ich steh im Halteverbot« das Modell unter die Nase. Gehorsam rappelt sich die Fachkraft auf und schleppt sich in Richtung Lager, während die Imperatormutti die Wartezeit nutzt, um sich vor dem Spiegel den blutroten Lippenstift von den Zähnen zu schrubben.
Shoefiti ist ein Jugendtrend, der sich auch immer mehr in Deutschland durchsetzt. Alte Turnschuhe, die an den Schnürsenkeln zusammengebunden wurden, werden in unerreichbare Höhen auf Bäume, Hochspannungsleitungen, Verkehrsampeln oder andere markante Punkte im öffentlichen Raum geschleudert, dann fotografiert und ins Netz gestellt. Mittlerweile gibt es Schuhbäume, in denen bereits mehrere Hundert Schuhpaare baumeln und die zu richtigen Pilgerstätten der Jugendszene wurden. Was zunächst ein belangloser Gag war, scheint sich zu einem Trendritual zu mausern. Jugendliche werfen auf diese Weise symbolisch Sorgen und alten Ballast von sich.
Meiner Tochter, die gerade entsetzt ihren Mund aufreißt, um gegen den unterbrochenen Stiefelnachschub in unseren Schützengraben zu protestieren, kann ich gerade noch rechtzeitig eine Wintereinlegesohle in den Rachenraum stopfen, um sie ruhigzustellen. »Schais auf da Schuhe!«, zitiere ich Bruce Darnell, in der Hoffnung, Paula endlich aus ihrer verklumten Heidiwelt in die Realität zurückzuholen! »Hier geht es nur noch um das nackte Überleben, Paula!« – »Voll kraff! Nach dem Mayakalender geht die Welt eigentlich erft im Defember unter«, stammelt Paula lammfellgedämpft. »Supi! Dann brauchst du ja sowieso keine neuen Winterstiefel mehr«, flüstere ich, und dann verfolgen wir gespannt das Kampfgeschehen weiter:
Nach römischer Legionärstaktik legt Marc Aurel jetzt die letzte Strecke bis zur Rutsche mit lautstarkem Geschrei (ich meine »Zalandooooooo!« verstanden zu haben) zurück, und hast du nicht gesehen, liegt der kleine Darth auch schon zwei Meter tiefer. Dann kommt M. A. gerade die Rutsche heruntergeschossen, und es sieht so aus, als wollte er als Nächstes mit einem »Frog Splash« dem abgestürzten Opfer in den Rücken springen ... da klingelt sein Handy. Seine Mutter, die sich in Luftlinie nur etwa drei Meter weiter befindet, brüllt wie ein Feldwebel in ihren Apparat: »Marc Aurel! Antreten zur Anprobe – marsch!« Ungläubig beobachten wir aus unserem Schachtelbunker, wie Marc Aurel tatsächlich dem Befehl zu gehorchen scheint. Gut – er kickt auf seinem Rückmarsch in jeden Karton, der ihm im Weg liegt, und er trampelt mutwillig über den wimmernden Wanderschuhhaufen – aber Leute! Er folgt seiner Mutter! Gleich beim ersten Mal! Wo gibt es denn so etwas noch? »Was für ein lächerlicher Fremdling auf Erden ist der, der über irgendein Ereignis in seinem Leben erstaunt«, soll der wirkliche Marc Aurel einmal gesagt haben. Ich gebe es zu: Ich bin, spätestens seit eben, einer der lächerlichsten.
Aber weiter im Geschehen: Mama Feldwebel hat sich schon aufgeplustert in den Regalgang gestellt und schreit M. A. entgegen: »Stillgestanden – hinsetzen – anziehen!« Jetzt hält sie ihm den Timberland vor die Nase. Ihr Sohn bekommt plötzlich Augen wie ein chinesischer Wushu-Kämpfer, starrt sein Gegenüber provozierend an und bringt sein Missfallen durch einen eindrucksvoll dröhnenden Rülpser in das Gesicht seiner Vorgesetzten zum Ausdruck. »Voll assi!«, bemerkt Paula noch, da hat der Kobold aber auch schon zackedizack eine gescheuert bekommen, dass es ihm die aufgegelte Frettchenbürste verschiebt, und im selben Moment hat ihm seine aufmerksame Mutti auch schon einen Arm auf den Rücken gedreht und knick-knack presst sie den aufjaulenden Gollum gegen eine Betonsäule. »Los, ziehen Sie ihm die Schuhe an!«, befiehlt Frau Kaiser der spontan Beifall spendenden Verkäuferin, »und zwar zackig – oder wollen Sie mein Knöllchen übernehmen?« – »Voll Hammer! Die nennt ihren Sohn ›Knöllchen‹!«, wundert sich Paula. Ich verdrehe nur noch die Augen, und dann nutzen wir die günstige Gelegenheit, verlassen die Deckung und robben vorsichtig Richtung Ausgang.
