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Der Ökonom Daniel Stähr legt eine fundierte Kritik an der Übermacht seiner eigenen Disziplin und deren Einfluss auf die Politik und unser Zusammenleben vor. Ökonomen und Ökonominnen sitzen im Zentrum der Macht, beraten Regierungen und Unternehmen, lenken die Geschicke von Staaten und Institutionen. Ihr gigantischer Einfluss erstreckt sich von der Politik bis in unsere Privatsphäre, sie bestimmen die Höhe unseres Lohns und unser Match auf der Dating App. Ob in der Klimakatastrophe oder der Pandemie: Weltweit legen wir unser Vertrauen in eine faktenfreie Wissenschaft, die kein Konzept von Moral oder Gerechtigkeit kennt – und das kostet Menschenleben. Daniel Stähr legt eine überfällige Intervention aus den eigenen Reihen vor, die zeigt: Es könnte auch ganz anders sein. »Differenziert und souverän erzählt Daniel Stähr von der Übermacht der Ökonomen. Sorgfältig legt er Ideologien frei, wo absolute Objektivitätsansprüche wuchern, und führt uns nebenher äußerst unterhaltsam durch die Geschichte der Wirtschaftswissenschaften.« Theresia Enzensberger
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Seitenzahl: 486
Veröffentlichungsjahr: 2026
Daniel Stähr
Wie Ökonomen unsere Zukunft verspielen
»Wir Ökonomen sind viel zu mächtig«
Sie sitzen im Zentrum der Macht, beraten Regierungen und Unternehmen, lenken die Geschicke von Staaten und Institutionen: Ökonom*innen. Ihr gigantischer Einfluss erstreckt sich von der Politik bis in unsere Privatsphäre, sie bestimmen die Höhe unseres Lohns und unser Match auf der Dating App. Ob in der Klimakatastrophe oder der Pandemie: Weltweit legen wir unser Vertrauen in eine faktenfreie Wissenschaft, die kein Konzept von Moral oder Gerechtigkeit kennt – und das kostet Menschenleben.
Daniel Stähr legt eine überfällige Intervention aus den eigenen Reihen vor, die zeigt: Es könnte auch ganz anders sein.
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Daniel Stähr, geboren 1990 in Mecklenburg-Vorpommern, ist Ökonom, Essayist und freier Autor. An der FernUniversität in Hagen promoviert er zum Thema »Narrative Economics«. Regelmäßig erscheinen Beiträge von ihm bei »Deutschlandfunk Kultur«, in der »Zeit«, der »taz« oder der »FAS«. Bei S. FISCHER erschien zuletzt »Die Sprache des Kapitalismus« (2024, gemeinsam mit Simon Sahner), das mit dem Leserpreis des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises ausgezeichnet wurde. Daniel Stähr lebt in Frankfurt am Main.
Erschienen bei FISCHER E-Books
© 2026 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main
Covergestaltung: KLASS — Büro für Gestaltung
ISBN 978-3-10-492294-2
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[Widmung]
PROLOG – 2000000000000
Der ökonomische Ansatz übernimmt die Welt
Die neuen Propheten
Was dieses Buch ist und was nicht
Teil I Ideologie und Institutionen
Kapitel 1
Würden Sie die Bibel kürzen?
Die moralische Rechtfertigung des Kapitalismus
Warum seid ihr so entsetzt über die Welt, in der ihr jetzt lebt?
Niemand hat es kommen sehen
Bobby und das Antlitz des Anderen
Die ungerechte Wissenschaft
Ideologischer Kannibalismus
Kapitel 2
Was ist was? Über Neoliberalismus, Neoklassik und Keynesianismus
Eine Alltagsdefinition des Neoliberalismus
Es war einmal zu Keynes’ Zeiten
Ein deutscher Sonderweg und das Ende des Keynesianismus
Friedmans Werk und Hayeks Beitrag
Ein Preis, der alles veränderte
Der Nobelpreis in Econsplaining
Eine Krise, die nichts veränderte
Wo sind sie, unsere Propheten?
Kapitel 3
Was kam zuerst – die Wirtschaftswissenschaften oder der Egoist?
Die performative Wissenschaft
Die Tyrannei der Großen Fünf
Die Replikationskrise und der Zwang zum Hacken
Ist das noch Diskurs oder schon Agnotologie?
Teil II Theorie und Praxis
Kapitel 4
Fabeln, Karikaturen oder Rezepte – was sind ökonomische Modelle?
Horizontal, nicht vertikal – wie die Wirtschaftswissenschaften Wissen generieren
Ricardos Übel und die Kritik unrealistischer Annahmen
Willkommen in Keynes’ Schattenwelt
Wie Ökonom*innen denken
Wenn man Modelle mit der Realität verwechselt
Die Massenvernichtungswaffe der Wirtschaftswissenschaften
Kapitel 5
Kausal oder nicht kausal, das ist hier die Frage
Der Lärm in den Daten
Der unsichtbare Skandal hinter der Excel-Panne
Welche Geschichte erzählen die Daten?
Über die versteckte Ungleichheit
Unwahrscheinliche Held*innen? Die Wirtschaftswissenschaften in der Coronapandemie
Kapitel 6
Ein Markt für Nieren?
Die Moral der Märkte
Moderner Ablasshandel: Esther Duflos moralische Schuld
Effizient, aber für wen?
Keine Märkte oben, keine Märkte unten
Teil III Macht und Vorurteile
Kapitel 7
Nur wer eine Stimme hat, kann gehört werden
Wer kümmert sich um Ökonomen?
4chan für Ökonomen
Alles eine Frage des Geschmacks?
Machtblind – das strukturelle Versagen der Wirtschaftswissenschaften
Kapitel 8
Willkommen im Klima-Casino
Der Preis der Zukunft
Der Preis ist falsch
Eine kurze Geschichte des Energiemarktes
Von Karl Polanyi lernen
Die Welt mit allen Sinnen erleben
Epilog – Der richtige Platz am Tisch
Dank
Für Isi, weil ich dank dir der Mensch bin, der dieses Buch schreiben konnte.
Und für alle Studierenden der Wirtschaftswissenschaften, die die Welt zu einem gerechteren und nachhaltigeren Ort machen wollen. Ich glaube an euch!
»Die Ökonomie ist zu wichtig, um sie Ökonomen zu überlassen (und das schließt mich mit ein).«
– Ha-Joon Chang[1]
Zwei Personen betrachten eine Militärparade. Hinter den Panzern und Soldaten folgt ein einzelner Mann in schlechtsitzendem Anzug. »Wer ist das?«, fragt der eine Beobachter seine Begleiterin, woraufhin diese antwortet: »Das ist die stärkste Waffe der Regierung. Kannst du dir vorstellen, welche Zerstörungen er anrichtet?«
Der Mann am Ende der Parade steht stellvertretend für eine Gruppe, die seit dem Zweiten Weltkrieg unsere Gesellschaft entscheidend prägt. Die Menschen dieser Gruppe zählen zu den wichtigsten Berater*innen von Regierungen auf der ganzen Welt, wenn sie nicht gleich selbst Staats- und Regierungschefs sind. Ihr Einfluss reicht weit bis in unser Privatleben. Sie bestimmen die Art, wie unser Online-Dating aussieht, wie wir auf die Klimakatastrophe reagieren oder wer eine Spenderniere bekommt, sie beeinflussen die Höhe unserer Mieten und Löhne, und welche Formen der Arbeit überhaupt als solche anerkannt werden. Dieses Buch erzählt nicht von einer großen Weltverschwörung, sondern die Geschichte vom Aufstieg der einflussreichsten Gesellschaftswissenschaft des Planeten. Es erzählt von Ökonom*innen und ihrer Arbeit.
Wenn es um ökonomische Zusammenhänge geht, schalten viele Menschen ab. Zu trocken, zu langweilig, zu kompliziert. Was machen Ökonom*innen überhaupt, außer unfähig zu sein, Krisen zu antizipieren? In diesem Buch möchte ich zeigen, dass wir alle von der Arbeit von Ökonom*innen betroffen sind, ob wir es bemerken oder nicht. Sie analysieren nicht nur, wie unser Wirtschaftssystem funktioniert, sie bestimmen auch, wie wir über die zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen der Menschheit nachdenken und welche Lösungen uns vorstellbar erscheinen: Sei es die Klimakatastrophe, der politische Aufstieg der extremen Rechten oder die globale Ungleichheitskrise.
Ich persönlich habe im Jahr 2008 die Entscheidung getroffen, Ökonom zu werden. Während der globalen Finanzkrise wollte ich verstehen, wie eine Krise auf dem US-amerikanischen Häusermarkt die ganze Weltwirtschaft an den Abgrund führen konnte. Ein Artikel aus dieser Zeit hat sich mir besonders ins Gedächtnis eingebrannt. Er war kurz und im Vergleich zu den ausführlichen Reportagen, die sonst über die Krise erschienen, fast schon unscheinbar. Im Spiegel zählte der Journalist Wolfgang Kaden in seinem Text »Schuldige und ihre Komplizen« all diejenigen auf, die aus seiner Sicht für den Kollaps des internationalen Finanzsystems verantwortlich waren.[2] Das waren für Kaden nicht ausschließlich gierige Investmentbanker. Die Politik, die US-amerikanische Notenbank, Aufsichtsbehörden und Ratingagenturen gehörten ebenfalls zu den Übeltätern. Die großen Hedgefonds bekommen ihr Fett weg, genauso wie die Presse, die ihrer Aufgabe als Kontrollorgan nicht nachgekommen sei. Selbst Kleinanleger*innen, die sich mit dem Festgeldkonto nicht zufriedengeben wollten, trugen laut Kaden eine Mitverantwortung für das Schlamassel – unabhängig davon, ob ihre eigenen Ersparnisse der Krise zum Opfer gefallen waren. Am Ende nimmt er in einer großen pathetischen Geste die gesamte westliche Zivilisation in die Pflicht: Schließlich seien wir alle genauso gierig wie Wall-Street-Banker und sollten uns lieber an die eigene Nase fassen.
Unabhängig von dieser teils bizarren Täter-Opfer-Umkehr ist mir der Text aus einem anderen Grund im Kopf geblieben – wegen der Gruppe, die keine Erwähnung findet: Ökonom*innen. Sie kommen nicht vor in Kadens quälend langer Anklage.
Es lässt sich kaum überbetonen, wie gravierend die Folgen dieser größten Finanzkrise seit dem Zweiten Weltkrieg waren. Allein im Zeitraum zwischen der Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers am 15. September 2008 und dem ersten Quartal 2009 hat die Krise weltweit mindestens 2 Billionen US-Dollar gekostet[3] – das ist eine 2 mit zwölf Nullen und entspricht 2000 Milliarden. Mit dieser Summe hätte die Menschheit fünfzig Jahre lang dafür sorgen können, dass es keinerlei Hunger auf dem Planeten gibt.[4] Bis heute sind die Folgekosten der globalen Finanzkrise kaum absehbar, übersteigen diesen ersten Schock für die Weltwirtschaft aber wahrscheinlich um ein Vielfaches.[5] Solche Krisen zeichnen sich allerdings nicht nur durch ihre verheerenden ökonomischen Folgen aus, sondern kosten auch ganz direkt Menschenleben. In den Regionen Großbritanniens, die am schwersten von der Krise getroffen wurden, stiegen die Suizidraten um schockierende 20 Prozent. Für Europa sind die Selbstmordraten von Ausbruch der Krise bis 2009 um 6,5 Prozent gestiegen.[6]
Die gravierendste Auswirkung für Deutschland war wohl die Gründung der Alternative für Deutschland (AfD), die sich 2013 auch als Reaktion auf die sogenannte europäische Staatsschuldenkrise, die eine Folge der Wirtschaftskrise war, formierte und wie keine andere Partei seit der Wiedervereinigung die politische Landschaft verändert hat.
Die Liste der Auswirkungen der Finanzkrise 2008 ließe sich beliebig verlängern. Fakt ist, sie ist eines der einschneidendsten globalen Ereignisse der jüngeren Vergangenheit. Interessant ist die Rolle, die die Wirtschaftswissenschaften während dieser Krise gespielt haben. Sie waren nämlich nicht nur unfähig, ihre Anzeichen zu erkennen, es waren vielmehr ökonomische Theorien und Modelle, die ein System erschufen, das die Krise überhaupt erst ermöglichte. Und doch waren die Konsequenzen, die sich für Ökonom*innen im Nachgang ergaben, quasi nicht existent.
Die Wirtschaftswissenschaften sind heute die mit Abstand einflussreichste Gesellschaftswissenschaft der Welt. Sie sind nicht nur finanziell deutlich besser ausgestattet als andere Disziplinen, unter Ökonom*innen herrscht auch die Meinung, diese materielle Besserstellung sei verdient, weil nur ihre Arbeit dazu in der Lage sei, die Probleme der Welt zu lösen. Die Kombination aus objektiver Macht (durch mehr finanzielle Förderung) und dem dadurch bedingten subjektiven Überlegenheitsgefühl beschreibt ein Forschungsteam um die französische Soziologin Marion Fourcade als die Überlegenheit der Wirtschaftswissenschaften (Superiority of Economics).[7]
Diese Macht ist keineswegs auf den akademischen Bereich beschränkt. Den politischen Beratungsgremien keiner anderen wissenschaftlichen Disziplin wird auch nur annähernd so viel Aufmerksamkeit entgegengebracht wie den Ökonom*innen. Nirgends wird das deutlicher als beim Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung der Bundesregierung, deren Mitglieder umgangssprachlich »die Wirtschaftsweisen«heißen und damit direkt in den Rang prophetischer Orakel erhoben werden.
Der unglaubliche Einfluss, den die Wirtschaftswissenschaften in den vergangenen einhundert Jahren gewinnen konnten, brachte den US-amerikanischen Ökonomen Paul Samuelson dazu, sie als »Königin der Gesellschaftswissenschaften« zu bezeichnen.[8] Dass die Wirtschaftswissenschaften insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Siegeszug antreten konnten, hängt nicht zuletzt mit der zunehmenden Mathematisierung der Disziplin zusammen. Dadurch waren Ökonom*innen in der Lage, Regierungen konkrete Zahlen und quantifizierbare Prognosen über die Zukunft zu liefern – völlig unabhängig davon, ob sich diese als richtig herausstellten oder nicht. Mit dieser Entwicklung ging noch ein weiterer Aspekt einher: Aufgrund ihrer mathematischen Arbeitsweise konnten sich die Wirtschaftswissenschaften als objektiv und unpolitisch inszenieren. Regierungen auf der ganzen Welt hatten plötzlich eine Gesellschaftswissenschaft an der Hand, die so konkrete Resultate zu liefern schien wie eine Naturwissenschaft und genauso unparteilich daherkam. Das Bild von technokratischen Ökonom*innen, die über den alltäglichen politischen Streitigkeiten stehen, ist aber nichts weiter als eine Illusion.
Diese Arbeitsweise hat zu einer Entwicklung geführt, die als ökonomischer Imperialismus bekannt ist – die Wirtschaftswissenschaften rücken mit ihren Methoden in Felder vor, die eigentlich nicht zu ihrer Expertise gehören.[9] Oder um es noch drastischer auszudrücken: Ökonomischer Imperialismus ist der Versuch der Wirtschaftswissenschaften, alle anderen Gesellschaftswissenschaften zu übernehmen.[10] Um diese Kritik nachvollziehen zu können, müssen wir einmal kurz klären, was genau die Wirtschaftswissenschaften eigentlich definiert. Die Ökonomie besteht aus drei großen Teilbereichen[11]: der Makroökonomie, die sich mit gesamtwirtschaftlichen und aggregierten Größen wie Inflation, Wirtschaftswachstum oder Arbeitslosigkeit beschäftigt; der Mikroökonomie, bei der das Verhalten von einzelnen, repräsentativen Unternehmen und Haushalten und deren Entscheidungsprobleme im Mittelpunkt stehen; und der Ökonometrie, die mit Hilfe von statistischen Methoden ökonomische Probleme analysiert.
Um den Aufgabenbereich der Wirtschaftswissenschaften festzulegen, wird heutzutage meistens die Definition des britischen Ökonomen Lionel Robbins verwendet, die er in den 1930er Jahren formulierte: »Die Ökonomie ist die Wissenschaft, die das menschliche Verhalten als Verhältnis zwischen Zielen und begrenzten Mitteln beschreibt.«[12] Oder einfacher ausgedrückt: Die unendlichen Bedürfnisse der Menschen treffen auf endliche Ressourcen, und die Wirtschaftswissenschaften analysieren, wie sich dieser Konflikt auflösen lässt. Diese Beschreibung ist heute die anerkannte Definition der Wirtschaftswissenschaften. Und auf den ersten Blick scheint diese Definition auch einleuchtend zu sein, schließlich haben die meisten von uns nur ein begrenztes Einkommen, und wir müssen unsere end- beziehungsweise grenzenlosen Wünsche damit in Einklang bringen. Es ist daher sinnvoll, dass es eine wissenschaftliche Disziplin gibt, die sich damit befasst. Tatsächlich hat sich der Arbeitsbereich von Ökonom*innen inzwischen aber weit über diese Definition hinaus ausgebreitet, und das hängt entscheidend mit einem Mann zusammen.
Der US-amerikanische Ökonom Gary Becker hat die Art, wie Ökonom*innen ihre eigene Disziplin wahrnehmen, für immer verändert. In den 1970er Jahren schrieb er: »Lassen wir daher die Definition beiseite, denn ich glaube, was die Ökonomie als Disziplin von anderen Disziplinen in den Sozialwissenschaften hauptsächlich unterscheidet, ist nicht ihr Gegenstand, sondern ihr Ansatz.«[13] Mit diesem ökonomischen Ansatz, wie Becker ihn nannte, ließen sich plötzlich alle möglichen Probleme untersuchen, die eigentlich nichts mit den Wirtschaftswissenschaften zu tun hatten. Wieso wird jemand kriminell? Wie viele Kinder will ein Paar bekommen? Sollte eine Frau sich scheiden lassen? Warum raucht jemand oder trinkt Alkohol? Für Becker wurde alles zu einer ökonomischen Fragestellung, weil er jede menschliche Handlung als implizite Abwägung zwischen Kosten und Nutzen interpretierte. »Ich behaupte, daß der ökonomische Ansatz einen wertvollen, einheitlichen Bezugsrahmen für das Verständnis allen menschlichen Verhaltens bietet.«[14] Abgesehen von den Grenzen der Naturgesetze, die Becker dann doch anerkannte, erklärte er die Wirtschaftswissenschaften damit de facto zur sozialen Universalwissenschaft.
Der Höhepunkt dieser Entwicklung findet sich in den USA, wo seit den 1980er Jahren Bundesrichter*innen in Sommercamps von führenden Ökonom*innen in wirtschaftswissenschaftlichen Theorien unterrichtet werden. Zu den ersten Teilnehmer*innen dieser Kurse gehörten der aktuelle Richter des US Supreme CourtsClarence Thomas und die 2020 verstorbene Ruth Bader Ginsburg. Die Wirtschaftswissenschaften hatten Einzug in die Justiz gehalten, mit verheerenden Folgen beispielsweise für Fragen des Wettbewerbsrechts.[15]
Das Konzept des ökonomischen Ansatzes ist keineswegs die Idee eines Außenseiters. Becker wurde 1992 dafür mit dem Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet und in den Olymp der Wirtschaftswissenschaften erhoben. Den Auswirkungen dieses falschen Nobelpreises, den ich in Abgrenzung zu den Originalpreisen Nobel-Gedächtnispreis nenne, widme ich mich später ausführlich.
Becker hatte Ökonom*innen die Erlaubnis erteilt, sich mit jeder vorstellbaren Fragestellung auseinanderzusetzen, weil alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens in seinen Augen ökonomische Phänomene waren. Das ist bis heute die Grundlage des ökonomischen Imperialismus. Niemand hat dieses Selbstverständnis der ökonomischen Überlegenheit besser zusammengefasst als Beckers Kollege Jacob Viner: »Economics is what economists do!«[16] Ökonomie ist alles, was Ökonomen tun.
Eines der einflussreichsten ökonomischen Bücher im 20. Jahrhunderts ist ohne Frage Der Weg zur Knechtschaft (1944) von Friedrich Hayek. Darin beschreibt er, dass der Nationalsozialismus und der Kommunismus zwei Seiten derselben Medaille seien: »Für [Kommunisten und Nationalsozialisten] ist der wahre Feind, der Mensch, mit dem sie nichts gemeinsam hatten und den zu überzeugen aussichtslos war, der Liberale alter Schule. Während für die Nationalsozialisten der Kommunist, für die Kommunisten der Nationalsozialist und für beide der Sozialist als Rekrut in Frage kam als ein Mann, der aus dem rechten Holz geschnitzt war, wenn er auch auf falsche Propheten gehört hatte, wußten sie beide, daß es zwischen ihnen und denen, welchen es mit dem Glauben an die Freiheit wirklich Ernst war, keinen Kompromiß geben konnte.«[17]
Hayeks Kritik lässt sich leicht interpretieren. Anstatt auf die »falschen Propheten« von links oder rechts sollten die Menschen lieber auf die »wahren Propheten« hören, und das sind für ihn diejenigen, die den Markt, dem Hayek quasi gottgleiche Kräfte zuschreibt, verstehen und interpretieren können.
Aber nicht nur libertäre und marktliberale Ökonom*innen sehen sich gerne als prophetische Stimme der Märkte. Der türkische Ökonom und prominente Globalisierungskritiker Dani Rodrik schließt eines seiner Bücher, indem er Die zwanzig Gebote verkündet – zehnfür Ökonomenund zehn fürNicht-Ökonomen.[18] Deutlicher kann man sich nicht als Propheten der Wirtschaft inszenieren, der von seinem Berg herabgestiegen kommt, um der Menschheit den Weg zur Erkenntnis zu zeigen.
Das Bild des Ökonomen als Prophet ist hilfreich, weil es sowohl die selbst empfundene Allmacht als auch die Kritikunfähigkeit der Wirtschaftswissenschaften verdeutlicht. Wie auch religiöse Propheten stellen Ökonom*innen sich gerne als unfehlbar dar. Selbst wenn ihre Modelle, Theorien und Prognosen auf ganzer Linie versagen, wie vor und während der globalen Finanzkrise 2008, werden sie Wege finden, die Realität so zu beugen, dass sie am Ende doch recht hatten. Getreu dem Motto: Wenn das Modell nicht mit der Realität übereinstimmt, muss die Realität falsch sein. Und genau wie Propheten verkünden sie ihre Einsichten gerne als gottgegebene Wahrheiten, denen wir als Gesellschaft folgen müssen, um das gelobte Land zu erreichen.
Es gibt noch einen letzten Grund, aus dem das Bild des Propheten eine treffende Metapher ist: Sie stellt den Menschen in den Mittelpunkt. Ökonomische Theorien fallen nicht vom Himmel und lassen sich auch nicht wie Naturgesetze entdecken. Indem wir die Persönlichkeiten genauer betrachten, die sie aufstellen, können wir erkennen, welche ideologischen Überzeugungen sie antreiben.
An dieser Stelle ein kurzes Wort zum Gendern in diesem Buch. Die Wirtschaftswissenschaften sind eine männlich dominierte Disziplin – sie wurde von Männern entwickelt, und bis heute sind die meisten einflussreichen Ökonomen männlich. Deswegen habe ich mich im Titel für das generische Maskulinum entschieden. Wie wir über ökonomische Zusammenhänge nachdenken, ist eine zutiefst männliche Erfindung. Nichtsdestotrotz gendere ich im Text und wechsele da, wo es den Lesefluss zu sehr stören würde, zwischen der männlichen und weiblichen Form ab.
Wenn ich in diesem Buch von den Wirtschaftswissenschaften spreche, meine ich das, was im englischsprachigen Raum als Mainstream Economics bezeichnet wird: den Bereich der Wirtschaftswissenschaften, aus dem die bekanntesten und einflussreichsten Ökonom*innen stammen. Eine Disziplin, die so vielfältig ist wie die modernen Wirtschaftswissenschaften, ist kein Monolith, und viele der Kritikpunkte, die ich in diesem Buch anbringe, wurden von vielen Ökonom*innen selbst angesprochen. Es gibt eine lange Tradition der sogenannten heterodoxen Wirtschaftswissenschaften, bei denen marxistische, postkoloniale, feministische oder post-keynesianische Denkschulen ein völlig anderes Verständnis davon haben, wie unser Wirtschaftssystem funktioniert und wie es analysiert werden müsste. Vertreter*innen dieser Denkschulen haben aber kaum einen Platz an den wichtigsten Universitäten, werden nicht in den angesehensten Fachzeitschriften veröffentlicht und haben erst recht nicht den gleichen politischen Einfluss wie ihre Mainstream-Kolleg*innen.[19]
Im deutschsprachigen Raum selbst setzt sich das Netzwerk Plurale Ökonomik dafür ein, dass eine vielfältigere wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung an den Universitäten stattfindet, die sich nicht nur auf die ökonomische Standardtheorie verlässt.[20] In den vergangenen Jahren wurden immer wieder Bücher geschrieben, die diese Forderung unterstützen.[21] Natürlich werde auch ich einige der zentralen Aspekte innerhalb der Wirtschaftswissenschaften kritisieren, aber ich behaupte nicht, dass man nur diese Fehler ausmerzen müsste, und dann wäre alles gut. Die offensichtliche Unfähigkeit, bestimmte Fragestellungen zu analysieren, sehe ich nicht als problematisch an. Jede Wissenschaft hat ihre Grenzen und blinden Flecken. Es gehört zum Wesen der Wissenschaft dazu, dass es nicht die eine Universaldisziplin gibt, die all unsere Fragen beantworten kann – was auch immer Gary Becker behauptet.
Gleichzeitig glaube ich, dass wir über eine oberflächliche Kritik hinausgehen müssen. »Unrealistische Annahmen«, »zu einfache Modelle« und »zu mathematisch« lauten die häufigsten Kritikpunkte an den Wirtschaftswissenschaften. Diese Kritik missversteht, wie Ökonom*innen arbeiten, und verhindert, dass wir erkennen, wo und wie genau die Wirtschaftswissenschaften uns als Gesellschaft schaden.
Ich sage außerdem nicht, dass wir nur den richtigen Ökonom*innen zuhören müssten. Es gibt viele Wirtschaftswissenschaftler*innen, die ich sehr schätze und die mich und mein Denken enorm geprägt haben, seien es verstorbene wie Joan Robinson und Hyman Minsky oder noch lebende wie Robert Shiller und Mariana Mazzucato. Ich bin nicht unparteiisch. Auch wenn ich mich in diesem Buch bemühe, alle Theorien gleichberechtigt darzustellen, werden Sie sicherlich merken, welchen Ökonom*innen ich mehr zustimme und welchen weniger. Daraus leite ich aber nicht ab, dass wir nur denjenigen, mit denen ich übereinstimme, mehr Einfluss geben sollten, um die Krisen unserer Zeit zu lösen. Die zentrale Forderung dieses Buches geht weit darüber hinaus: Der Einfluss der Wirtschaftswissenschaften als Ganzes muss massiv reduziert werden.
Um das zu verdeutlichen, hilft uns als Metapher das menschliche Auge weiter. Dort finden sich verschiedene Zapfenarten, die es uns ermöglichen, unterschiedliche Farben wahrzunehmen. Den aktuellen politischen Diskurs kann man sich wie ein Auge vorstellen, das nur aus den für Blautöne verantwortlichen S-Zapfen besteht. So wirken die Wirtschaftswissenschaften. Das bedeutet aber nicht, dass wir besser dran wären, wenn wir komplett auf die Wirtschaftswissenschaften verzichten würden. Um die Welt richtig zu verstehen, müssen wir das gesamte Farbspektrum erkennen und brauchen dazu alle Zapfenarten – auch ohne Blautöne wäre unser Weltbild unvollständig. Wollen wir die großen Krisen unserer Zeit lösen, müssen wir uns von der Dominanz der Wirtschaftswissenschaften befreien.
Für gewöhnlich beginnt es mit Ayn Rand
»Wir sind Radikale für den Kapitalismus. Wir kämpfen für die philosophische Basis, die der Kapitalismus nie hatte und ohne die er zum Untergang verurteilt war.«
– Ayn Rand[22]
Beginnen wir mit vier kurzen Beispielen, die zeigen, wie gerne Politiker*innen und Ökonom*innen den Vorwurf einer angeblichen Ideologienähe benutzen, um ihre Gegner*innen zu diskreditieren:
1994 versetzten David Card und Alan B. Krueger die ökonomische Fachwelt in Aufruhr: Mit einer innovativen Methode zeigten die beiden Ökonomen, dass die Erhöhung des Mindestlohns in New Jersey entgegen jeder Standardtheorie nicht zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit geführt hatte.[23] Für viele Mainstream-Ökonom*innen war das eine ungeheuerliche Behauptung. Die Debatte um dieses sogenannte Card-Krueger-Paradox hielt jahrelang an und veranlasste den US-amerikanischen Nobel-Gedächtnispreisträger James M. Buchanan 1996 im Wall Street Journal zu einer polemischen Tirade: »So, wie kein Physiker je behaupten würde, dass Wasser bergauf fließt, würde kein Wirtschaftswissenschaftler, der etwas auf sich hält, behaupten, dass eine Erhöhung des Mindestlohns zu mehr Beschäftigung führt. Eine solche Behauptung kommt […] der Leugnung gleich, dass die Wirtschaftswissenschaften auch nur einen Funken wissenschaftliche Integrität haben und dass Wirtschaftswissenschaftler folglich nichts anderes tun können, denn als Anwälte ideologischer Interessen aufzutreten. Glücklicherweise ist nur eine Handvoll Ökonomen bereit, die Lehre von zwei Jahrhunderten über Bord zu werfen; wir sind noch nicht komplett zu einer Schar Lagerhuren (camp-following whores) verkommen.«[24]
2010 veröffentlichte der Journalist John Cassidy im New Yorker eine Reihe von Interviews, die er mit Ökonomen der University of Chicago geführt hatte. Ziel der Gespräche war es, herauszufinden, wie einige der wichtigsten Vertreter der modernen Wirtschaftswissenschaften auf das Versagen ihrer Theorien und Modelle im Zuge der globalen Finanzkrise 2008 reagierten. Einer der von Cassidy interviewten Experten war John Cochrane, der zu einer bemerkenswerten Verteidigung seiner Universität ausholte: »Dies ist keine Ideologiefabrik. Dies ist ein Ort, an dem wir über Ideen und Beweise nachdenken. […] Das Chicago von heute ist ein Ort, an dem alle Ideen vertreten, durchdacht und argumentiert werden. Es ist kein ideologischer Ort. Im echten Chicago geht es darum, hart zu denken und mit Beweisen zu argumentieren.«[25]
In ihrem 2019 veröffentlichten Buch Good Economics for Hard Times (deutsche Ausgabe: Gute Ökonomie für harte Zeiten) drängten mit Esther Duflo und Abhijit V. Banerjee zwei Ökonom*innen, die eher dem progressiven Lager zugerechnet werden, darauf, ideologische Haltungen außer Acht zu lassen. In Bezug auf Steuersenkungen für Reiche, in der Hoffnung, dadurch Wirtschaftswachstum zu generieren, empfahlen sie Politiker*innen, ihre eigenen ideologischen Überzeugungen hinter sich zu lassen und sich dem anzuschließen, worauf sich (vermeintlich) die meisten Ökonom*innen auf Basis der neusten Forschung einigen können.[26] Zwar stimme ich ihrer Argumentation, dass Steuersenkungen für Reiche kein Wachstum generieren, zu, dennoch bedienen Duflo und Banerjee dabei ein beliebtes Mantra innerhalb der Wirtschaftswissenschaften: So lange man auf Ökonom*innen hört, wird alles gut.
Auch Politiker*innen heutzutage und hierzulande greifen zu einer Ideologie-Rhetorik, um ihre Positionen zu untermauern. 2024 äußerte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) auf X seine Vorstellung von einer vernünftigen Wirtschaftspolitik: »Gute Wirtschaftspolitik muss bodenständig, praktisch, berechenbar und ideologiefrei sein. Wir brauchen eine grundsätzliche Wende mit niedrigeren Steuern, günstigeren Energiepreisen und einem schlanken Staat.«[27] Damit kritisierte er die Politik der Ampelkoalition und implizierte, dass jede wirtschaftspolitische Maßnahme, die nicht auf niedrigere Steuern und einen schlanken Staat hinausläuft, automatisch ideologisch getrieben sei.
Dies sind nur vier von zahlreichen Beispielen, die zeigen, wie weit verbreitet der Ideologievorwurf in öffentlichen Debatten ist. Entweder dient er dazu, die eigenen wirtschaftspolitischen Ziele als ideologiefrei, das heißt als rational und vernünftig, darzustellen, oder um die Gegenseite als ideologische Spinner abzutun. In diesen Vorwürfen steckt sogar ein Körnchen Wahrheit, allerdings nicht so, wie diejenigen, die die Ideologiekeule schwingen, es gerne hätten. Wenn wir Ideologien als ein inneres System aus Wertvorstellungen und Ideen verstehen, das dem Einzelnen erklärt, wie die Welt funktioniert oder wie sie sein sollte, basiert jeder einzelne wirtschaftspolitische Vorschlag auf einer ideologischen Überzeugung.[28] Egal, ob sich jemand für niedrige Steuern, geringere Staatsausgaben und Bürokratieabbau einsetzt oder das Gegenteil proklamiert – für welche Form der Politik man einsteht, hängt untrennbar mit der eigenen Vorstellung davon zusammen, wie eine gerechte Gesellschaft aussehen sollte. Das gilt ebenso für das wissenschaftliche Handwerkszeug. Welche Daten und statistischen Methoden Forschende benutzen, wie sie ihre Ergebnisse interpretieren und welche Forschungsfragen sie sich überhaupt erst stellen, hängt auch von ihrem Blick auf die Welt ab. Das kann dazu führen, dass Ökonom*innen, die mit ein und demselben Datensatz arbeiten, zu diametral entgegengesetzten Schlussfolgerungen kommen (mehr dazu in Teil II).
Daraus folgt aber nicht, wie die lautstärksten Kritiker*innen der Wirtschaftswissenschaften gerne behaupten, dass jede ökonomische Theorie einzig das Ergebnis ideologischer Überzeugungen sei. Es bedeutet nur, dass die ideologischen Prägungen von Politiker*innen und Ökonom*innen bei der Beurteilung ihrer Vorschläge mitgedacht werden müssen. Die Wirtschaftswissenschaften sind eben keine Naturwissenschaften. Sie folgen keinen allgemeingültigen Gesetzen, die zu jeder Zeit und als unantastbar gelten. Nicht einmal die scheinbar offenkundige Behauptung »Höhere Preise führen zu geringerer Nachfrage« kann in den Status eines ökonomischen Naturgesetzes erhoben werden. Schon 1899 hat der US-amerikanische Ökonom Thorstein Veblen in seinem Buch Theorie der feinen Leute das Phänomen des Geltungskonsums (conspicious consumption) beschrieben und damit indirekt eine Gruppe von Gütern charakterisiert, deren Nachfrage bei höheren Preisen ebenfalls steigen.[29] In der Fachsprache sind solche Dinge heute als Veblen-Güter bekannt, dazu zählen Luxusgegenstände wie Uhren, Schmuck oder Designerkleidung, die für eine Schicht Überreicher erst dann interessant werden, wenn ihr Preis den Status reflektiert, den man nach außen darstellen möchte.[30]
Ökonomische Zusammenhänge sind extrem komplex. Dementsprechend anspruchsvoll ist es, diesen entscheidenden Bereich des menschlichen Zusammenlebens zu modellieren und zu analysieren. Es ist daher unvermeidbar, dass die Vorstellungen von Ökonom*innen, wie die Welt ist (oder wie sie sein sollte), unmittelbaren Einfluss darauf haben, wie sie diese Zusammenhänge interpretieren. Zwei Menschen können dasselbe Ziel verfolgen – etwa den Abbau von Arbeitslosigkeit –, und zu völlig unterschiedlichen Lösungsansätzen kommen. Sind für die eine Person Steuersenkungen für Unternehmen das richtige Mittel, damit diese mehr Menschen einstellen können, kann eine andere für staatliche Investitionen plädieren, die durch Steuererhöhungen finanziert werden, um so das gesamtgesellschaftliche Wachstum anzukurbeln. Beide Personen in diesem Szenario würden die Politikvorschläge der jeweils anderen Seite höchstwahrscheinlich als schädlich ansehen, um das gesteckte Ziel zu erreichen. Beide Positionen sind durch ihre Ideologien geprägt.
Bereits seit Jahrzehnten zeigt sich jedoch, dass das große Problem in der Asymmetrie der Vorwürfe besteht. Denn nur eine politische Seite wird öffentlich für ihre vermeintliche Ideologienähe kritisiert. Wo sich die Advokaten freier Märkte und geringer staatlicher Eingriffe spätestens seit dem Beginn der neoliberalen Ära in den 1970er Jahren immer wieder auf die vermeintlich objektive Realität ihrer Argumente zurückziehen, können sie gleichzeitig, wie Buchanan im ersten Beispiel, ihren Gegner*innen eine ideologische Verblendung vorwerfen. Seit fünfzig Jahren behaupten Politiker*innen, dass weniger Regulierung und Steuererleichterungen für Unternehmen allen zu Gute kämen, ohne für diese Vorstellung als ideologische Eiferer abgetan zu werden. Diese neoliberalen Überzeugungen sind so tief in unser alltägliches Denken eingedrungen, dass der US-amerikanische Ökonom und Historiker Philip Mirowski sie als »ideologiefreie Ideologie«[31] bezeichnet.
Das gelingt insbesondere, weil sich die Befürworter*innen dieser Denkschule immer wieder auf die Institution des Marktes zurückziehen und argumentieren, dass der Abbau staatlicher Eingriffe die Marktwirtschaft dichter an ihren idealen »Naturzustand« zurückbringe – obwohl ein solcher überhaupt nicht existiert. In dieser Logik werden diejenigen, die sich für staatliche Eingriffe einsetzen, im wahrsten Sinne des Wortes zu Aktivist*innen, die die natürliche Ordnung nach ihren Vorstellungen umbauen wollen. Schließlich verhalte sich nur, wer den allwissenden Kräften des Marktes freien Lauf lässt, rational und frei jeder Ideologie. So grundfalsch diese Dichotomie zwischen Markt und Staat als zwei unterschiedliche Entitäten ist, besitzt sie eine große erzählerische Kraft.
Es ist eine der großen Leerstellen innerhalb der Wirtschaftswissenschaften, dass es keine Auseinandersetzung über die ideologischen (und damit implizit moralischen) Überzeugungen gibt, die zur akademischen Rechtfertigung des modernen neoliberalen Finanzkapitalismus geführt haben. Dies ist einer der Hauptgründe, wieso Mainstream-Ökonom*innen sich so schwer damit tun, die zentralen Probleme der Menschheit zu lösen. Doch woher kommt diese Leerstelle? Um diesem ideologischen Rätsel auf den Grund zu gehen, kann es helfen, an einem Ort zu suchen, den man nicht direkt mit der modernen Volkswirtschaftslehre in Verbindung bringen würde.
1905 wurde Alisa Zinovyevna Rosenbaum in St. Petersburg in den letzten Atemzügen des russischen Kaiserreichs geboren. Seit die Autorin und Philosophin 1982 in New York City gestorben ist, haben ihre Ideen eine beeindruckende Reise angetreten. In vielerlei Hinsicht leben wir heute in einer Welt nach ihrem Vorbild: Ayn Rand.[32]
Die Diskrepanz zwischen der Bekanntheit von Ayn Rand in Europa und den USA ist enorm. Ihre vier Romane wurden in Deutschland niemals in großen Verlagen veröffentlicht, ihre Essaybände blieben bis in das Jahr 2015 sogar gänzlich unübersetzt. Dem gegenüber stehen weit über 30 Millionen verkaufte Exemplare in den Vereinigten Staaten. Als wäre diese Zahl nicht beeindruckend genug, nimmt ihre Popularität seit ihrem Tod immer weiter zu. Wurden in den 1980ern pro Jahr noch durchschnittlich 74000 Exemplare ihrer Romane verkauft, waren es in den 2010ern über 300000.[33] Rands Erfolg beschränkt sich dabei nicht bloß auf Verkaufszahlen. Viele der erfolgreichsten Unternehmer der USA sind oder waren bekennende Rand-Anhänger: Jimmy Wales (Wikipedia), Peter Thiel (PayPal und Palantir), Travis Kalanick (Uber), Jeff Bezos (Amazon), Steve Jobs (Apple) und viele mehr verehr(t)en die Autorin.[34] Und auch in der Popkultur hat sie überdauert. Im Film Dirty Dancing (1987) versucht der schmierige Kellner Robbie, Baby ein Buch von Ayn Rand zum Lesen zu geben (und erhält von ihr eine derbe Abfuhr). Die Simpsons haben Rand gleich zwei Episoden gewidmet.[35] 2023 lässt die australische Autorin Lexi Freiman in ihrem vielbeachteten Roman The Book of Ayn ihre Hauptfigur feststellen: »Ich habe [Ayn Rand] immer als Einstiegsdroge für schlechte Ehemänner gesehen, die ihren Job kündigen und mit Online-Trading anfangen.«[36] Nur um sie später selbst zur Rand-Fanatikerin werden zu lassen. Und in Deutschland ruft eine der Hauptfiguren aus Theresia Enzensbergers Roman Auf See (2022) eine von Ayn Rand inspirierte Sekte ins Leben.[37]
Diese Rand-Verehrung zieht sich nicht nur durch Wirtschaft und Popkultur, sondern auch bis in die höchsten politischen Kreise. Sie gilt als zentrale Inspirationsquelle für die Gründung der marktradikalen und staatsfeindlichen Libertären Partei der USA, für die rechtspopulistische Tea-Party-Bewegung ist sie eine Kultfigur.[38]US-Präsident Donald Trump bezeichnet Rands Roman The Fountainhead (1943)[39] als eines seiner Lieblingsbücher, und auch der argentinische Präsident und Anarcho-Kapitalist Javier Milei ist bekennender Fan der Autorin. Seine Verehrung geht so weit, dass er mit Hilfe eines Mediums im Jenseits Kontakt mit Rand aufgenommen habe – so jedenfalls seine Behauptung.[40] Und auch in Deutschland stammt die moderne Rand-Rezeption, wenn auch deutlich schwächer ausgeprägt, von der Neuen Rechten. Der frühere AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen bezog sich gerne auf sie, genau wie der Ökonom Hans-Hermann Hoppe, der als prominentes Mitglied des libertären und anarcho-kapitalistischen Lagers Bekanntheit erlangte und bekennender Antidemokrat ist.[41] Der rechte Antaios Verlag zählt sie zu den wichtigen Vordenkerinnen für die eigene Sache.[42]
Auf den ersten Blick mag es merkwürdig erscheinen, in einem Buch, das sich mit der Verantwortung der Wirtschaftswissenschaften für den aktuellen Zustand der Welt auseinandersetzt, so explizit auf eine Autorin einzugehen, die vor über vierzig Jahr starb. Der Germanist Torsten Hoffmann, der intensiv dazu forscht, wie die Neue Rechte in Deutschland aktiv Literatur nutzt, um ihre Ziele zu erreichen, sieht aber gerade in Romanen ein starkes Instrument, Menschen zu beeinflussen. »Über Literatur [kommt man direkt] in die Köpfe der Menschen hinein – unser Denken wird auch von dem geprägt, was wir lesen.«[43]
Die Welten und die Figuren, die Ayn Rand geschaffen hat, formen bis heute das Denken und Handeln einflussreicher Persönlichkeiten, wie im Falle zahlreicher Tech-Milliardäre und Politiker. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihrem Schaffen kann erklären, wie diese Männer ticken, was sie antreibt und was für ein Weltbild sie haben. Eine Analyse unserer ökonomischen Gegenwart kann es sich entsprechend nicht erlauben, diese Quelle ungenutzt zu lassen. Wer also ist diese Frau, die Jahrzehnte nach ihrem Tod noch einen solchen Einfluss auf die Weltpolitik hat?
Rand wurde 1905 als erste Tochter einer wohlhabenden jüdischen Familie in St. Petersburg geboren. Ihr Vater Zinovy Rosenbaum gehörte zu den wenigen jüdischen Männern, denen es in einer von Antisemitismus geprägten Gesellschaft erlaubt war, einen eigenen Betrieb zu führen. Die Apotheke des studierten Chemikers beschäftigte in ihren Hochzeiten bis zu sechs Angestellte und erlaubte es der Familie, in Wohlstand zu leben und in die gehobenen Kreise der St. Petersburger Bourgeoisie aufzusteigen.[44] Rands Mutter Anna kam von Geburt aus besseren Verhältnissen und bewegte sich selbstverständlich in der kulturellen Elite der Stadt, wodurch Rand Olga Nabokov kennenlernte, eine der wenigen engen Freundinnen, die sie in Russland hatte, und Schwester des Lolita-Autors Vladimir Nabokov.[45] Diese sorgenfreie Jugend endete mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 und der Russischen Revolution 1917. In einer für ihr Erwachsenwerden prägenden Situation erlebte die Zwölfjährige, wie bewaffnete Soldaten die Apotheke ihres Vaters beschlagnahmten.[46]
In der Hoffnung, den Bolschewisten zu entkommen, floh die Familie 1918 auf die von der Revolution noch unberührte Krim und kehrte erst 1921 in das zunehmend verarmte St. Petersburg zurück. In dieser Zeit zog sich Rands Vater, zu dem sie über ihre gemeinsame Ablehnung der Kommunisten eine neue, tiefere Verbindung aufgebaut hatte, immer weiter in die Selbstisolation zurück, und Rands Mutter Anna wurde als Lehrerin zur alleinigen Ernährerin der Rosenbaums. Während dieser entbehrungsreichen Zeit war es ausgerechnet das von Rand so verachtete Regime, das es ihr ermöglichte, die Universität zu besuchen. Als sie sich 1921 als Studentin einschrieb, hatten die Bolschewiken die Studiengebühren abgeschafft und die Zugangsvoraussetzungen liberalisiert, was vielen Jüdinnen und Juden (und Frauen allgemein) erstmals den Zugang zu Hochschulen ermöglichte.[47]
Der Verlust ihres Wohlstands, die Demütigungen ihres Vaters durch die Kommunisten und die sich ausbreitende Armut schürten Rands Ablehnung der Sowjetunion. Angetrieben vom Stummfilmkino jener Zeit, baute sie in ihrem Kopf ein Land als paradiesisches Gegenstück zu ihrer Heimat auf: die Vereinigten Staaten von Amerika. 1925 intensivierte ihre Familie die Bemühungen, dass die älteste Tochter das Land verlassen durfte. In ihrem Ausreisegesuch gab Rand an, sie wolle nach Hollywood gehen, um das dortige Kino zu studieren. Nach ihrer Rückkehr sollte sie dann selbst sowjetische Propagandafilme drehen. Damit ihre Einreise in die Vereinigten Staaten möglich war, verbürgte sich auf US-amerikanischer Seite ein Zweig der Familie ihrer Mutter für sie, der in den 1890er Jahren nach Chicago ausgewandert war. Am 19. Februar 1926 kam sie schließlich in New York City an und sollte die USA (bis auf einen kurzen Aufenthalt in Kanada) nie wieder verlassen.[48] Auf dieser Reise entschied sie sich auch für ihr inzwischen berühmtes Pseudonym: Ayn Rand. Ein Name, der weder ihr Geschlecht noch ihre jüdische Herkunft verriet.[49]
Rand verbrachte einige Monate in Chicago, bis sie sich mit Hilfe der finanziellen Unterstützung ihrer Gastfamilie auf den Weg nach Hollywood machte. Später würde sie verneinen, jemals Unterstützung erhalten zu haben, und darauf beharren, dass alle ihre Erfolge einzig und allein auf ihrer Leistung beruhten. Das Geld, das ihr die Chicagoer Verwandtschaft für die Reise und die ersten harten Jahre in Hollywood geliehen hatte, zahlte sie nie zurück.[50]
Insgesamt hat Ayn Rand nur vier Romane veröffentlicht, die das Herzstück ihres Schaffens bilden. Bis heute sind es nicht ihre Essays oder Reden, die für ihren andauernden Ruhm verantwortlich sind, sondern diese fiktionalen Werke. Ihren ersten Roman We The Living schrieb sie während ihres ersten Aufenthalts in Hollywood, bei dem sie sich zunächst mit zahlreichen Aushilfsjobs und später als Theater- und Drehbuchautorin über Wasser hielt. Der 1936 erschienene Text ist ihr einziges autobiographisches Werk, in dem sie die Zeit nach der Russischen Revolution verarbeitet. Zwei Jahre später, nach ihrem Umzug nach New York City, erschien ihre Novelle Anthem. In dieser Dystopie beschreibt Rand eine Welt, in der das Wort »Ich« nicht existiert und die Menschheit in einer vollständig kollektivistischen Gesellschaft lebt. Anthem ist, genau wie die berühmteren Werke von George Orwell (1984) und Aldous Huxley (Schöne Neue Welt), stark von Wir inspiriert.[51] Dieser Anfang der 1920er Jahre verfasste dystopische Roman des russischen Autors Jevgenij Samjatin gehörte zu den ersten Büchern, die in der Sowjetunion verboten wurden.[52]
In diesen beiden Texten ist bereits alles angelegt, was Rand später berühmt machen sollte. Das Feiern des Individuums und insbesondere die intelligenten, extrem attraktiven männlichen Protagonisten, die Rands Ideal Man darstellen. Zur Sensation der literarischen Welt sollte Rand aber erst 1943 werden, als sie The Fountainhead veröffentlichte.
Im Mittelpunkt von The Fountainhead steht Howard Roark, ein großer, attraktiver, junger Architekt mit orangen Haaren, den Donald Trump wohl auch wegen dieses Details zu seinem literarischen Vorbild erklärt hat. Das Buch erzählt davon, wie sich Roark in einer Gesellschaft, die sich gegen ihn verschworen hat, allen Widerständen zum Trotz durchsetzt. Roarks Gegenspieler ist Peter Keating. Sein ehemaliger Kommilitone ist Roark in jeder Hinsicht unterlegen und ständig auf dessen Hilfe angewiesen, bringt es aber dennoch zu mehr Ruhm, weil er sich den Anforderungen der Gesellschaft unterordnet und durch Betrug aufsteigt. Im großen Finale des Romans bittet Keating Roark erneut um Hilfe bei einem Projekt für den Bau neuer Sozialwohnungen. Roark hilft ihm unter der Bedingung, dass nichts an seinen Bauplänen verändert werden darf. Diese Hilfe ist kein Akt der Nächstenliebe, sondern schlicht die Befriedigung seines Egos. Roark weiß, dass er aufgrund seiner Reputation niemals staatliche Aufträge erhalten wird, und sieht in Keating ein Mittel zum Zweck, die Stadt nach seinen Vorstellungen zu verändern. Als das Projekt in die Tat umgesetzt wird und Roark bemerkt, dass Änderungen an seinen Ideen vorgenommen wurden, sprengt er den Gebäudekomplex in die Luft. Der anschließende Gerichtsprozess zeigt eines von Rands bevorzugten stilistischen Mitteln – lange Monologe der Figuren, die die Moral der Geschichte noch einmal explizit zusammenfassen. Vor Gericht verteidigt Roark sich selbst in einer zehnseitigen Rede. Er stellt dabei den moralischen Wert von Egoismus heraus und argumentiert, dass Ideen nur dem Individuum gehören und nicht der Gesellschaft und diese entsprechend kein Recht hat, sie zu verändern. Die Jury spricht Roark frei. Ein Symbol für Rands Hoffnung, dass aufrichtige Menschen den Ideal Man erkennen, wenn sie vor ihm stehen, und sich seiner Größe unterwerfen.[53]
Wo The Fountainhead die Resilienz des Individuums in einer kollektivistischen Welt feiert, geht Rands Opus magnum noch einen Schritt weiter. Atlas Shrugged, das auf Deutsch über 1400 Seiten umfasst, ist ein Loblied auf den Kapitalismus und den Fortschritt der Menschheit. Und es ist eine Feier derjenigen, die nach Rand für diesen Fortschritt verantwortlich sind: Unternehmer*innen. Die Inspiration für ihren letzten Roman stammt von ihrem Vater Zinovy, der sich angesichts des kommunistischen Regimes immer weiter in eine innere Isolation zurückzog und aufhörte zu arbeiten. »Der Streik«ist nicht nur einer der vielen deutschen Titel des Romans, sondern war auch Rands erster Arbeitstitel für das Projekt. Atlas Shrugged erschien 1957 und erzählt, wie in einer dystopischen Version der USA, die von einer sozialistischen Regierung geführt wird, nach und nach alle Unternehmer*innen und Denker*innen verschwinden. Angeführt von John Galt, dem Helden des Romans, ziehen sich diese vermeintlichen Leistungsträger der Gesellschaft in eine versteckte Enklave in den Rocky Mountains zurück. Sie überlassen die Menschen, die sie nicht richtig wertgeschätzt haben, sich selbst, woraufhin die Wirtschaft zusammenbricht und sich Armut und Chaos ausbreiten. Herzstück des Romans ist eine sechzigseitige Radioansprache John Galts an die Nation (in der deutschen Übersetzung sind es 80 Seiten[54]), an der Rand zwei Jahre lang arbeitete.[55] Diese Rede erklärt nicht nur in schmerzhafter Redundanz das Thema des Buches, sondern bildet das Fundament für Rands gesamte Ethik und Philosophie. Sie war so entscheidend, dass sie auf den Vorschlag ihres Lektors, die Rede zu kürzen, weil sie eh niemand ganz lesen würde, mit einem ihrer berühmtesten Sätze reagierte: »Würden Sie die Bibel kürzen?«[56]
Weder The Fountainhead noch Atlas Shrugged wurden von zeitgenössischen Kritiker*innen wertgeschätzt, ganz im Gegenteil lösten die Bücher damals teilweise drastische negative Reaktionen aus. Aber genau jene Elemente, die die Literaturkritik verlachte und ablehnte, sind der Grund, wieso sich die Romane bei Leser*innen so großer Beliebtheit erfreuen. Rands Figuren sind zwar holzschnittartig, lassen aber keinen Zweifel daran, wer die Guten und wer die Schlechten sind. Sie dienen damit als perfekte Projektionsfläche für alle, die sich dem Rest der Gesellschaft überlegen fühlen. The Fountainhead hatte Rand zu einer Bestsellerautorin gemacht, aber Atlas Shrugged katapultierte sie – zumindest was die Verkaufszahlen betraf – in den literarischen Olymp. Die Frage, was Rand so erfolgreich macht, beantwortet die US-amerikanische Historikerin Lisa Duggan in ihrem Buch Mean Girl 2019 lakonisch: »Rand hat den Kapitalismus sexy gemacht.«[57] Damit meint sie nicht nur die für ihre Zeit expliziten Sexszenen in Rands Werken. Alles, was gemeinhin als negative Auswüchse des Kapitalismus gesehen wird (Egoismus, Gier, rücksichtslose Profitsucht), wurde bei Rand zu etwas Gutem. Sie verkehrte das Laster in eine Tugend. Unternehmer*innen, die auf Kosten der Ärmsten gigantische Reichtümer anhäufen, waren nicht verurteilungswürdig, sondern heroische Menschen, die das Fundament des gesellschaftlichen Fortschritts bilden. Oder um es mit den Worten einer ihrer Hauptfiguren aus Atlas Shrugged zu sagen: »Geld ist die Wurzel alles Guten.«[58] Die ideale Selbstentlastung für die Jeff Bezos’ und Elon Musks dieser Welt.
In den 1950er Jahren, während der Arbeit an ihrem letzten Roman, versammelte Ayn Rand eine Schar junger Verehrer*innen um sich. Mehrmals die Woche traf sie sich mit einer Gruppe Fans in ihrem New Yorker Apartment, diskutierte ihre Ideen und las ihnen die neuesten Kapitel aus Atlas Shrugged vor. Zu den Mitgliedern des Kollektivs, wie die Gruppe sich selbstironisch nannte, gehörte auch der spätere Chef der US-amerikanischen Zentralbank Alan Greenspan. An dieser Gruppe lässt sich ein Prozess ablesen, der auf beängstigende Weise die gesellschaftlichen Entwicklungen unserer Gegenwart vorwegnahm. Je erfolgreicher Rand kommerziell wurde, desto heftiger wurde die öffentliche Kritik, die sich an ihrer Person und ihrem Werk abarbeitete. Rands Lösung, damit umzugehen, war das Abdriften ins Autoritäre. In den 1960er und 70er Jahren ließ sie von Verbündeten keinerlei Widerspruch mehr an ihren Positionen zu. Wer Teil ihres inneren Zirkels sein wollte, musste bedingungslose Loyalität schwören. Sollte jemand gegen die von ihr aufgestellten Regeln verstoßen oder ihre Philosophie kritisieren, musste sich diese Person vor dem Kollektiv in Schauprozessen verantworten, die enorme Parallelen mit jenen in der Sowjetunion aufwiesen.[59] Es war nicht das erste Mal, dass Rand bewies, dass sie freie Meinungsäußerungen nur so lange guthieß, wie sie ihre eigene Meinung betraf. Bereits in den 1940er Jahren beteiligte sie sich aktiv an der Verfolgung von vermeintlichen Kommunisten in Hollywood und half dabei, zahlreiche Karriere zu zerstören.[60] Die radikale Atheistin hatte mit dem Kollektiv eine Gruppe um sich geschart, die Zeitzeugen mit einer religiösen Sekte verglichen.[61] Bis zu ihrem Tod am 6. März 1982 bezeichnete sich Ayn Rand als einzige Vertreterin ihrer Philosophie und hatte die meisten ihrer Freund*innen und Weggefährt*innen durch ihre zunehmend narzisstische Art vergrault.
Als Ayn Rand 1957 Atlas Shrugged veröffentlichte, sah sie sich zwar selbst schon als Begründerin einer neuen Denkschule, hatte zu diesem Zeitpunkt aber noch kein einziges nicht fiktionales Werk publiziert. Dennoch war ein Großteil ihrer Philosophie bereits in ihren Romanen angelegt – eine Philosophie, die unter dem Namen Objektivismus in die Geschichte eingehen sollte.[62] Erst in den 1960er Jahren fing Rand an, die Feinheiten des Objektivismus in zahlreichen Essays auszuarbeiten, die sie insbesondere in ihrem eigenen, 1962 gegründeten monatlichen Magazin The Objectivist Newsletter (ab 1966 The Objectivist) veröffentlichte. Im Kern ihrer Philosophie steht das Individuum als vernunftbegabtes Wesen, dessen höchstes Gut der eigene Verstand ist und dessen einziges Lebensziel darin bestehen sollte, sein eigenes Glück zu maximieren. In einem Nachwort zu Atlas Shrugged fasste sie diesen Kern wie folgt zusammen: »Die Essenz meiner Philosophie ist das Konzept des Menschen als heroisches Wesen, mit seinem eigenen Glück als moralischem Ziel seines Lebens, mit produktiver Leistung als seiner edelsten Tätigkeit und der Vernunft als seinem einzigen Absoluten.«[63]
Das einzige politische und ökonomische System, das diesem Menschheitsideal entsprach und seine Freiheit garantierte, war für sie der Laissez-faire-Kapitalismus. Dass in diesem System lediglich der politische Zwang von Regierungen durch einen ökonomischen Zwang der Märkte ersetzt wird und die meisten Menschen eben nicht frei sind, wollen sie ein Dach über dem Kopf, Essen auf dem Tisch oder auch nur ein paar Annehmlichkeiten haben, beachtete Rand nicht. Diese Phantomfreiheit des Kapitalismus ist bis heute eines der stärksten moralischen Argumente seiner Befürworter*innen. Die deutsche Soziologin Carolin Amlinger und der Gesellschaftswissenschaftler Oliver Nachtwey haben sich mit diesem libertären Freiheitsbegriff ausführlich auseinandergesetzt. Sie schreiben in ihrem Buch Gekränkte Freiheit: »Freiheit ist in dieser Perspektive kein geteilter gesellschaftlicher Zustand, sondern ein persönlicher Besitzstand.«[64] Der Fokus liegt eben nicht auf einer Gesellschaft, die möglichst vielen Menschen ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht, sondern darauf, die eigenen Privilegien zu sichern.
Nur in einem kapitalistischen System mit radikal freien Märkten könne der Mensch seine individuellen Rechte frei entfalten, so Rands These. Und mehr noch, der Kapitalismus sei sogar die Lösung für die schlimmsten Übel der Menschheitsgeschichte. Gleich, ob die Nazis in Deutschland oder die Kommunisten in der Sowjetunion, der Kapitalismus allein war nach Rand das Bollwerk für die Verteidigung der individuellen Freiheit gegen autoritäre Regimes. Sie ging sogar so weit zu behaupten, es sei dem Kapitalismus zu verdanken, dass die Sklaverei der Vergangenheit angehöre – und ignorierte dabei geflissentlich die Rolle, die der aufkommende Kapitalismus überhaupt erst bei der Entstehung des transatlantischen Sklavenhandels gespielt hatte.[65] Genauso wenig interessierten sie die modernen Zwangsverhältnisse, die der Kapitalismus mit sich brachte und die insbesondere im Globalen Süden neue Formen der Sklaverei ermöglichten.[66] Neusten Schätzungen der International Labour Organization (ILO) zufolge lebten 2021 noch immer fast 50 Millionen Menschen in Strukturen, die sich als moderne Sklaverei beschreiben lassen.[67]
Rand war eine der Ersten, die dem Kapitalismus und der Logik freier Märkte eine inhärent moralische Rechtfertigung zusprach, und lehnte jede andere Verteidigung des Kapitalismus als schädlich für die kapitalistische Sache ab. Das Argument, dass der Kapitalismus das effizienteste Wirtschaftssystem und deswegen moralisch gut sei, weil er auch das Leben der Armen besserstelle, verurteilte sie genauso wie den Versuch von konservativer Seite, den Kapitalismus als Ergänzung einer christlichen Ethik zu sehen. Hierin liegt Rands wichtigster Beitrag. Gier, Egoismus und rücksichtsloses Profitstreben, also jene Eigenschaften, die gemeinhin als die negative Kehrseite des Kapitalismus gelten, werden von ihr als zentrale und moralisch gute Werte des Systems interpretiert. Weil dem Individuum allein die Verantwortung für sein Erfolg zukommt, ist in Rands Welt wachsende Ungleichheit kein Makel, sondern nur die logische Folge eines Wirtschaftssystems, das genauso funktioniert, wie es soll: It’s a feature, not a bug.[68]
Diese moralische Verteidigung des Egoismus und Kapitalismus macht sie so attraktiv für ein weites Spektrum vor allem neu-rechter politischer Gruppen. Schon 1971 nannte Jerome Tuccille, ein prominenter Vertreter der Libertären Partei, sein Memoir It Usually Begins With Ayn Rand.[69] Darin beschreibt er nicht nur seinen eigenen Werdegang zum radikalen Befürworter freier Märkte und Gegner staatlicher Maßnahmen, sondern auch die Anfänge des Anarcho-Kapitalismus und der libertären Bewegung, und er hebt den Einfluss heraus, den Rands Romane vor allem auf junge Menschen hatten. Rückblickend wirkt es wie ein bizarres Omen, dass es auch Tuccille war, der 1985 die erste Biographie über Donald Trump verfasste.[70]
Dass Rand auch heute noch eine Einstiegsdroge für junge Menschen in das rechtslibertäre Spektrum ist, erklärt sich auch dadurch, dass die kontroversen (und teils widersprüchlichen) politischen Positionen Rands weniger im Mittelpunkt stehen; oder um es zynisch auszudrücken: Ihre wachsende Popularität seit ihrem Tod lässt sich damit erklären, dass sie keine Gelegenheit mehr hat, anderen zu widersprechen.
So verglich sie Friedrich Hayek und Milton Friedman, die beiden einflussreichsten neoliberalen Ökonomen der Geschichte, mit Kommunisten, weil sie es gewagt hatten, dem Staat in gewissen begrenzten Bereichen des Wirtschaftslebens eine Rolle zuzugestehen.[71] Mit den Konservativen in der Republikanischen Partei lag sie aufgrund ihres radikalen Atheismus im Clinch und sprach sich 1975 gegen Ronald Reagan als US-Präsidenten aus, weil er gegen das Recht auf Abtreibung war. »Ein Embryo hat keine Rechte!«, schrieb sie bereits 1968 in einem Essay.[72] Wer daraus allerdings ableiten würde, dass sie sich den feministischen Bewegungen der 1970er Jahre nahe fühlen würde, liegt genauso falsch. Zwar glaubte sie daran, dass Männer und Frauen im Prinzip gleich sind, für eine weibliche Präsidentin zu stimmen, war für sie aber unvorstellbar.[73] Ein ähnliches Muster erkennt man auch bei Ayn Rands Haltung zum Rassismus. Sie verurteilte auf der einen Seite Rassismus als niederste und primitivste Form des Kollektivismus, sprach sich gleichzeitig aber gegen den Civil Rights Act aus, weil dieser in die persönliche Freiheit von Unternehmer*innen eingriff.[74] Selbst die Libertäre Partei in den USA, als deren ideologische Übermutter sie heute gilt, verachtete sie zu Lebzeiten zutiefst und warf der »monströsen Bande« 1971 intellektuellen Diebstahl ihrer Ideen vor. »Es ist ein schlechtes Zeichen für eine angebliche Pro-Kapitalismus-Partei, damit anzufangen, Ideen zu stehlen.«[75] Statt der Diskussionen um realpolitische Fragen, wie Abtreibungs-, Bürger- oder Arbeitnehmerrechte, die im Zentrum der letzten zwanzig Jahre ihres Lebens standen, hat die ideale Welt ihrer Romane überlebt und dient heute noch als Buffet, an dem sich Menschen der unterschiedlichsten politischen Strömungen bedienen, um Rechtfertigungen für ihr Weltbild zu finden.
Ayn Rand ist keine Ursache für unsere Gegenwart – das würde ihre Bedeutung als Autorin massiv überschätzen –, aber sie ist ein wichtiger Schlüssel, um sie zu verstehen. Indem wir uns ihre ideologischen Überzeugungen genauer ansehen, verstehen wir diejenigen Männer in Machtpositionen besser, die sich öffentlich als Fans outen und unmittelbaren Einfluss auf unser politisches und ökonomisches System haben. Die Welt, in der wir heute leben, insbesondere in den USA und in etwas abgeschwächter Form in Europa, entspricht deutlich eher dem Ideal Ayn Rands als jene zu ihren Lebzeiten. Die reichsten Menschen der Welt erlangen politische Macht mit der Rechtfertigung, sie hätten diese durch ihren Erfolg als Geschäftsmänner verdient. Elon Musk wirkt wie die Parodie einer Rand’schen Figur, wenn er sich öffentlich immer wieder darüber beschwert, dass er von den Massen nicht geliebt wird, obwohl er mit seinem unternehmerischen Erfolg doch so viel für die Menschheit erreicht habe – und dabei natürlich ignoriert, welches Leid er mit seinen Geschäftspraktiken und seinem kurzen DOGE-Intermezzo im Weißen Haus angerichtet hat.[76] Jeff Bezos’ Ankündigung in der Washington Post, die er 2013 gekauft hat, auf der Kommentarseite der früher einmal angesehenen Zeitung nur noch solche Texte zu veröffentlichen, die die Vorzüge freier Märkte und des Individuums hervorheben, zeugt von einem Demokratieverständnis, das Rands autoritär organisiertem Kollektiv in nichts nachsteht.[77]
Die größte Rand’sche Figur unserer Zeit aber ist Donald Trump. Nicht nur, weil er The Fountainhead als einen seiner liebsten Romane bezeichnet (obwohl es mir schwerfällt, mir Donald Trump als engagierten Leser vorzustellen), sondern weil dessen Held Howard Roark in vielerlei Hinsicht ein Proto-Trump ist. Die Welt ist nur etwas wert, wenn sie nach seinem Abbild und Willen geschaffen ist, jede Abweichung ist unverzeihlich. So wie Howard Roark am Ende des Romans einen Gebäudekomplex von Sozialwohnungen in die Luft jagt, hat Donald Trump 2025 mit seinem aberwitzigen Handelskrieg versucht, die internationale Ordnung zu sprengen. Beide agieren auf Kosten der Ärmsten, ohne deren Schicksal zu berücksichtigen, weil sie in ihren Augen alles Recht der Welt haben, ihre Visionen umzusetzen – koste es, was es wolle. Die Verschiebung in Trumps Umfeld, von den christlichen Hardlinern aus seiner ersten Amtszeit hin zu den Tech-Oligarchen des Silicon Valley in seiner zweiten, markiert einen Übergang in eine Rand’sche Welt. Und die Popularität von Rands Werk ist das perfekte Barometer für diese Verschiebung gesellschaftlicher Werte.
Die Gegenwart in den USA ist natürlich kein genaues Abbild der Welt von Ayn Rand. Selbst die meisten Neoliberalen sind keineswegs Befürworter eines unregulierten Laissez-faire-Kapitalismus, sondern fordern ganz gezielt massive Staatseingriffe, um die gewünschten politischen Ziele zu erreichen. Die Behauptung, der Neoliberalismus sei per se gegen staatliche Interventionen, ist eine der fatalsten Erzählungen unserer Gegenwart, die insbesondere von progressiven Stimmen permanent wiederholt wird (mehr dazu in Kapitel 2).
Und doch fungiert Rands Ideologie als Kitt, der unterschiedliche politische Strömungen verbindet, von Neoliberalen über Anarcho-Kapitalisten bis hin zur Neuen Rechten und christlichen Konservativen. Auf sie können sich diese vielschichtigen Gruppen implizit stützen, um die negativen Folgen des kapitalistischen Marktsystems zu rechtfertigen. Deutlich wird das beim Thema Ungleichheit. Sie ist in der Logik einer Randschen Ideologie kein Fehler des Systems, sondern ein Ausdruck dessen, dass es funktioniert. Überreiche sind so kein Problem für die Gesellschaft, sondern spiegeln nur eine Leistungsgesellschaft wider und werden zu Fortschrittsmotoren hochstilisiert; Ungleichheit wird zur Folge eines moralisch guten Systems. Weder Rand noch Trump, Musk, Bezos und Co. sind bereit, die gesellschaftlichen Strukturen anzuerkennen, die zu ihrem persönlichen Erfolg beigetragen haben und gleichzeitig weniger privilegierten Menschen den ökonomischen Aufstieg verwehren – unabhängig davon, wie sehr sie sich anstrengen. Rands Lüge, sie hätte alles in ihrem Leben alleine und gegen den Rest der Welt erreicht, spiegelt den Trump’schen Heldenmythos, er sei ein erfolgreicher Selfmademan und deswegen der beste Mann für den Job als US-Präsidenten. Als sie 1982 in New York City starb, hätte Rand sich wohl nicht träumen lassen, wie viele ihrer Positionen es in den Mainstream des politischen Diskurses schaffen würden – ob sie die zum Leben erweckten Figuren aus ihren Romanen am Ende tatsächlich so bewundert hätte wie ihren Ideal Man, sei einmal dahingestellt.
Neue Zölle, der vulgäre Autoritarismus der Trump-Regierung, Angriffe auf Forschungsinstitutionen und die freie Meinungsäußerung, das alles würde Rand durchaus schockieren. Und doch ließe sich die Frage, die Rands ultimativer Held John Galt in seiner monumentalen Rede an die Bewohner*innen der im Niedergang befindlichen USA stellt, heute direkt an Rands Anhänger*innen zurückgeben: »Warum seid ihr dann so entsetzt über die Welt, in der ihr jetzt lebt? Diese Welt ist nicht das Ergebnis eurer Verfehlungen, sondern das Produkt und Abbild eurer moralischen Einstellung.«[78] Selbst wenn die aktuelle US-Regierung in vielen Bereichen nicht mit Rands politischen und ökonomischen Überzeugungen übereinstimmt – zwischen dem Abdriften der USA in den Faschismus und dem Streben nach Rands idealer Welt bestehen etliche Parallelen.
Rands Einfluss auf unsere Welt beschränkt sich aber nicht nur auf die gemeinsamen Werte, die sie der Neuen Rechten, libertären und christlich-konservativen Kreisen zur Rechtfertigung des Kapitalismus mit an die Hand gegeben hat. Und auch nicht auf eine Reihe Geschäftsleute, denen Rand als spirituelle Führerin dient. Er lässt sich an einer Stelle ganz unmittelbar bei der Konstruktion des modernen Finanzsystems beobachten, die 2008 zur größten globalen ökonomischen Krise seit dem Zweiten Weltkrieg geführt hat. Und sie trägt die Handschrift eines Mannes: Alan Greenspan.
Alan Greenspan wurde 1926 als Sohn jüdischer Immigrant*innen in New York City geboren und wuchs bei seiner alleinerziehenden Mutter auf.[79] Obwohl er von 1987 bis 2006 der Vorsitzende der US-amerikanischen Zentralbank Federal Reserve (FED) war und damit die zweitlängste Amtszeit in der Geschichte der FED innehatte, hat er für einen Spitzenökonomen einen ungewöhnlichen Lebenslauf. Nach seinem High-School-Abschluss – er besuchte wie der drei Jahre ältere Henry Kissinger die George Washington High School –, entschied sich der junge Greenspan 1943, nicht an eine klassische Universität zu gehen, sondern schrieb sich an dem legendären Konservatorium Juilliard ein, um dort Musik zu studieren. Nach diesem Studium verdiente er sein Geld einige Jahre als Saxophonist im Henry Jerome Orchestra, wo er an der Seite von so illustren Musikern wie Johnny Mandel spielte, der nicht nur den Soundtrack der Serie M*A*S*H komponierte, sondern später einen Oscar und vier Emmys gewann. Doch schon während dieser Zeit wusste Greenspan, dass nicht die Musik, sondern die Welt der Wirtschaft sein Leben sein würde – während seine Bandkollegen in den Pausen und nach Auftritten tranken, rauchten und über Musik diskutierten, las Greenspan Fachbücher und machte die Steuererklärungen für die restlichen Mitglieder seiner Gruppe.[80]
Als Greenspan 1952 Ayn Rand über seine erste Frau, die kanadische Künstlerin Joan Mitchell Blumenthal[81] kennenlernte, war er kein Musiker mehr, sondern hatte einen Masterabschluss in Volkswirtschaftslehre von der New York University und arbeitete als Analyst bei einem unternehmerfreundlichen Thinktank. Greenspan stach heraus in Rands Kollektiv. Er war in einer Branche erfolgreich, die weit außerhalb von Rands Expertise lag, und konnte der erfolgreichen Autorin so tatsächlich Neues darüber beibringen, wie ökonomische Zusammenhänge funktionieren. Aber umgekehrt hatte auch Rand enormen Einfluss auf Greenspan. Das Kapitel seiner Autobiographie The Age of Turbulence (2007), in dem er schildert, wie er Rand kennenlernte, heißt vielsagend »The Making of an Economist«. Greenspan beschreibt Rand darin als stabilisierende Kraft in seinem Leben, und für den größten Teil der 1950er und frühen 60er Jahre war er Stammgast in ihrem Apartment. »In langen Diskussionen […] mit ihr bis tief in die Nacht erkannte ich, warum Kapitalismus nicht nur effizient und pragmatisch ist, sondern auch moralisch.«[82] Rand überzeugte Greenspan davon, wovon sie bis heute zahlreiche Generationen junger Menschen überzeugt: Dass die Unterstützung eines Laissez-faire-Kapitalismus nicht aufgrund seiner Effizienz erfolgen sollte, sondern weil es das moralisch richtige Wirtschaftssystem für die Menschheit sei. Greenspans und Rands Freundschaft wurde mit der Zeit so eng, dass sie 1974 neben seiner Mutter anwesend war, als er als Chefökonom von Präsident Gerald Ford im Weißen Haus vereidigt wurde. Er gehörte zu den wenigen Personen, die bis zu Rands Tod an ihrer Seite blieben.[83]
Wenn man die Deregulierungsbemühungen sieht, die unter dem FED-Chef Alan Greenspan zwischen 1987 und 2006 in die Tat umgesetzt wurden und die direkten Einfluss auf das Entstehen der globalen Finanzkrise hatten, lohnt sich ein Blick in ein Essay, das Greenspan 1963 geschrieben hat. Es war einer der Gastbeiträge, die 1966 in Rands Sammelband Kapitalismus: Das unbekannte Ideal erschien. »Der Angriff auf die Integrität« ist ein aggressives und teilweise bizarres Pamphlet gegen staatliche Regulierung. In diesem kurzen Text argumentiert Greenspan, dass gesetzlich vorgegebene Qualitätsstandards nicht nur Konsument*innen nicht schützen könnten, sondern ihnen sogar aktiv schaden würden. Die Gier der Unternehmen, so Greenspan polemisch, sei an sich schon ein unübertroffener Verbraucherschutz.[84] Schließlich
