Die Praktikantin - Horst Eckert - E-Book

Die Praktikantin E-Book

Eckert Horst

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Beschreibung

Geheimdienste, die über Leichen gehen. Eine Regierung, die schweigt. Eine junge Journalistin, die die Wahrheit sucht - aktueller, brisanter und kritischer kann ein Thriller gerade nicht sein.

Carla Bergmann, als junge Praktikantin neu in der Lokalredaktion der Morgenpost, geht einer Meldung im Polizeibericht nach und stößt auf Ungereimtheiten. Bei regimekritischen Exilrussen wurde eingebrochen. Es liegt nahe, dass der russische Geheimdienst dahintersteckt. Aber warum wollten deutsche Behörden den Fall vertuschen? Nachdem ein Informant vor Carlas Augen ermordet wird, erhält sie Unterstützung von Jan Koller, Hauptstadtkorrespondent der Morgenpost und einstmals gefeierter Investigativjournalist. Alle Spuren führen nach Kiew. Welche Rolle spielt dort ein großer deutscher Rüstungskonzern? Auf der Suche nach der Wahrheit stoßen Carla und Jan auf immer größere Widerstände, selbst im eigenen Haus. Und schneller, als es ihnen bewusst ist, befindet sich auch ihr eigenes Leben in Gefahr.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Das Buch:

Carla Bergmann, als junge Praktikantin neu in der Lokalredaktion der Morgenpost, geht einer Meldung im Polizeibericht nach und stößt auf Ungereimtheiten. Bei regimekritischen Exilrussen wurde eingebrochen. Es liegt nahe, dass der russische Geheimdienst dahintersteckt. Aber warum wollten deutsche Behörden den Fall vertuschen? Nachdem ein Informant vor Carlas Augen ermordet wird, erhält sie Unterstützung von Jan Koller, Hauptstadtkorrespondent der Morgenpost und einstmals gefeierter Investigativjournalist. Alle Spuren führen nach Kiew. Welche Rolle spielt dort ein großer deutscher Rüstungskonzern? Auf der Suche nach der Wahrheit stoßen Carla und Jan auf immer größere Widerstände, selbst im eigenen Haus. Und schneller, als es ihnen bewusst ist, befindet sich auch ihr eigenes Leben in Gefahr.

Der Autor:

Horst Eckert, 1959 in Weiden/Oberpfalz geboren, lebt seit vielen Jahren in Düsseldorf. Er arbeitete fünfzehn Jahre als Fernsehjournalist, u. a. für die »Tagesschau«. 1995 erschien sein Debüt Annas Erbe. Seine Romane gelten als »im besten Sinne komplexe Polizeithriller, die man nicht nur als spannenden Kriminalstoff lesen kann, sondern auch als einen Kommentar zur Zeit« (Deutschlandfunk). Sie wurden unter anderem mit dem Marlowe-Preis und dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet und ins Französische, Niederländische und Tschechische übersetzt.

HORST ECKERT

DIE PRAKTIKANTIN

THRILLER

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Originalausgabe 03/2026

Copyright © 2026 by Horst Eckert

Copyright © 2026 dieser Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich

Pflichtinformationen nach GPSR.)

Redaktion: Lars ZwickiesUmschlaggestaltung: t. mutzenbach design nach einem Entwurf von Kathie Wewer

Umschlagabbildung: AdobeStock / Connect Images; Gettyimages / Bim

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-33642-4V002

www.heyne.de

The truth was obscure, too profound and too pureTo live it, you had to explode.

(Bob Dylan, »Where Are You Tonight?«)

1.

Andreas Feldkamp spürte ein Stechen in der Brust, das ihn beunruhigte. Es war kurz vor drei in der Nacht, wie die Uhr rechts unten an seinem Monitor verriet. Er wusste, dass er um diese Zeit eigentlich schlafen sollte, doch den Post von Gi-Se-La auf Facebook musste er noch kommentieren.

Feldkamp hasste das grün-rot-gelb-schwarze Gesindel. Nichts als Kriegstreiber. Sie pöbelten gegen Sahra Wagenknecht, nur weil die den Boykott-Wahnsinn gegen Russland stoppen wollte.

Er befand sich auf einer Art Kreuzzug. Gegen die Diktatur des Mainstreams. Gegen die Lügen der Staatsmedien. Sie redeten von Faktencheck und meinten Zensur. Regten sich über angebliche Hassreden auf, weil sie die Wahrheit nicht aushielten. Und Schafe wie Gi-Se-La plapperten alles nach.

Feldkamp warf eine Pille ein und knirschte mit den Zähnen. Er hatte so einen Hals.

Er brauchte ein frisches Bier.

Feldkamp erhob sich ächzend. Vom ewigen Sitzen waren seine Beine taub geworden. Er stieß gegen Kartons, die er schon seit Tagen wegräumen wollte, und fluchte leise.

Er schlich an der Tür vorbei, hinter der seine Mutter schlief, und betrat geräuschlos die gemeinsame Küche. Er machte bewusst kein Licht, um Strom zu sparen. Wahnsinn, diese Energiepreise, weil Deutschland sich dem US-Imperialismus unterordnen musste.

Der Kühlschrank ächzte, als er ihn öffnete.

Feldkamp ertastete in der Schublade des Küchenschranks den Öffner. Bloß nicht klappern, sonst wird Mama noch wach und fängt wieder an zu schimpfen.

Das Bier zischte. Der Kronkorken entglitt Feldkamps Fingern, fiel auf die Bodenfliesen und kullerte unter den Geschirrspüler. Er nahm einen ersten Schluck.

Der Regen pochte grimmig gegen das Fenster. Feldkamp horchte in sich hinein und fragte sich, wie stark der Schmerz in der Herzgegend sein musste, um einen Anruf beim Notarzt zu rechtfertigen.

Sein Blick fiel hinaus auf die Straße. Eine einsame Laterne warf Reflexe auf den nassen Asphalt. Feldkamp liebte die nächtliche Ruhe inmitten der Stadt.

Kein Leben im Gebäude auf der gegenüberliegenden Seite, wo oft bis weit in den Abend gearbeitet wurde. Auf fünf Etagen nur schwarze Fenster.

Bis auf ein kurzes, geisterhaftes Flackern im ersten Stock. Vielleicht spiegelten sich die Scheinwerfer eines Wagens, der durch eine Seitenstraße fuhr.

Feldkamp dachte an die Russen, die drüben ihr Büro hatten. Junge Leute, die ihre Computer bei ihm kauften und reparieren ließen. Manchmal gab er ihnen Rabatt. Immerhin hatte das russische Brudervolk die größten Opfer im Kampf gegen Nazideutschland erbracht.

Und wieder bedrängte der Westen ihr Land.

Wahnsinn.

Er dachte an Marina, die von allen da drüben das beste Deutsch sprach.

Schade, dass ich keine zwanzig Jahre jünger bin.

Jetzt flackerte es einen Schritt weiter rechts.

Seltsam.

Ein zweites Licht kam dazu. Sehr schwach, als schirme es jemand ab. Personen konnte Feldkamp nicht ausmachen.

Dann schimmerte etwas. Ein kleiner Monitor, vermutete er.

Eine Silhouette deckte den Lichtschein ab.

Hat mich jemand da drüben bemerkt?

Feldkamp trat vom Fenster weg.

Mit der Bierflasche in der Hand kehrte er ins Wohnzimmer zurück. Neben dem Rechner, auf dem die Facebook-Seite noch geöffnet war, stand das Telefon in der Ladestation. Er griff danach.

Eins, eins, null.

Feldkamp fasste sich an die Brust, nahm einen tiefen Schluck und stellte die Flasche auf einem Stapel mit Papierkram ab. Fast erschrak er, als sich bei der Polizei jemand meldete.

Feldkamp nannte Namen und Adresse.

Einen Angriff auf Marina und ihre Leute konnte er nicht dulden.

ERSTER TAG

2.

Carla verließ nach dreißig Minuten Fahrt mit den Öffentlichen die U-Bahn an der Heinrich-Heine-Allee. Auf der schier endlosen Rolltreppe, die sie nach oben trug, spürte sie, wie ihr Puls schneller ging. Sie rekapitulierte das Gespräch vom vergangenen Freitag, als ihr die Chefredakteurin höchstpersönlich fünf Minuten ihrer Zeit gewährt hatte.

Ich bin nicht ehrlich zu ihr gewesen, dachte Carla.

Constanze von Büren, die Constanze von Büren, eine große, hagere Blonde im teuren anthrazitfarbenen Blazer mit silbernen Knöpfen. Ihr Büro war im klaren, modernistischen Stil möbliert. Alles strahlte eine elitäre Bürgerlichkeit aus, die Carla von ihren Eltern kannte, und in jenem Moment fröstelte ihr. Vielleicht wegen der Macht, die diese Frau verkörperte, wegen ihrer Stellung in dieser Stadt.

Die Chefredakteurin war etwa so alt wie ihre Mutter. Immerhin begegnete sie Carla freundlicher, als ihre Mutter das jemals tat. Nur beim Überfliegen des Lebenslaufs hob sie kurz eine Augenbraue.

Als ahnte sie, dass er geglättet war.

Carla hatte kurz überlegt, ob sie der Chefredakteurin reinen Wein einschenken sollte. Aber dann hätte sie ihren Berufswunsch begraben können. Sie hätte ihren Neuanfang gegen die Wand gesetzt, bevor er überhaupt gestartet war.

Carla trat aus der U-Bahn-Station auf die Straße. Über Düsseldorf lag ein trister Novemberhimmel. Es regnete immer noch. Dichter Verkehr quälte sich durch die Straßen. Als die Fußgängerampel auf Grün sprang, schritt Carla im Strom der Passanten auf das Verlagsgebäude zu.

Montagmorgen, halb zehn.

Noch gut in der Zeit, dachte sie.

Die Glasfront des Komplexes erstreckte sich über den gesamten Block. Sie rahmte die mehr als hundertjährige Fassade des deutlich kleineren Vorgängergebäudes ein, deren Erhalt der Denkmalschutz verordnet hatte. Roter Sandstein, imposante Quader. In den Sims über dem Portal war der Name der Zeitung graviert. Ganz oben ein Ziergiebel und zwei nackte Grazien, die einen Globus stützten.

Vielleicht standen sie ja für das Zeitalter der Information, vermutete Carla.

Aber ganz sicher für den Sexismus des damaligen Bauherrn.

Die untere Hälfte des Komplexes beherbergte die Morgenpost-Arkaden, eines der jüngsten Einkaufszentren der Stadt. In den übrigen Etagen hatten sich eine Notarkanzlei und ein Fitnessstudio eingemietet. Aber vor allem befanden sich dort Redaktionen und Verlagsbüros. Die Familie Thomeyer herrschte von hier aus über ein weit verzweigtes Medienimperium.

Die Morgenpost war ihr Flaggschiff.

An der Straßenecke spielte ein Mann auf der Geige. Zu seinen Füßen ein Hut mit ein paar Münzen sowie ein Ghettoblaster, aus dem der Backing-Track tönte. Carla erkannte »Bohemian Rhapsody« von Queen und musste an ihre Klavierstunden denken, als sie dreizehn gewesen war. In jenem Jahr wurde ihre Mutter krank und musste für längere Zeit in die Klinik.

»Du bist schuld daran«, hatte ihr Vater gesagt.

In den Augen ihrer Eltern hatte sie schon damals nichts als Unruhe gestiftet.

Neben der Zufahrt zur Tiefgarage parkte ein Polizeitransporter. Im Näherkommen erkannte Carla die gelangweilten Blicke der Uniformierten. Sie bewachten eine kleine Versammlung auf dem Gehsteig, die im Regen fast bemitleidenswert wirkte.

Rote Fahnen mit dem Logo der Gewerkschaft ver.di, weiße Spruchbänder sowie selbst gebastelte Schilder aus Pappe. Eine ältere Frau mit kurz geschnittenem rötlichem Haar hielt den Passanten, die aus der Mall strömten, Flugblätter hin. Ein Megafon baumelte an einem Riemen von ihrer Schulter. Kaum jemand nahm ein Flugblatt an.

Sofort regte sich in Carla ein Interesse für diese Leute, aber ein Blick auf die Uhr belehrte sie, dass es besser war, keine Zeit mehr zu verlieren. Sie wählte den Seiteneingang, der nicht in die Mall führte, sondern zu den Aufzügen, die zwischen den Parkdecks der Tiefgarage und den Redaktionen pendelten.

Vor ihr glitt eine Schiebetür zur Seite. Sie schlug die Kapuze ihrer Regenjacke zurück und presste ihre Umhängetasche gegen den Leib. Es ging nach oben.

Eine neue Welt.

Ein neues Leben.

Über ihr altes musste sie in diesem Haus besser schweigen.

Als »Mottenpost« hatten sie und ihre Freunde das Blatt früher verspottet, wegen seiner teils reaktionären Ausrichtung. Inzwischen wusste Carla, dass sie nicht wählerisch sein konnte, wenn ihr Berufswunsch endlich in Erfüllung gehen sollte.

Im zweiten Stock hielt eine verschlossene Glastür sie auf. Den Code, den man in das Tastenfeld eingeben musste, kannte Carla nicht. Kein Mensch ließ sich hinter dem Empfangstresen auf der anderen Seite blicken. Also drückte sie den Klingelknopf.

Weil niemand reagierte, klingelte sie noch einmal, hob den Kopf und schenkte der Überwachungskamera ein Lächeln.

Es sollte selbstbewusst und zuversichtlich wirken.

Nach einer Weile öffnete ihr ein Mann, der kaum älter war als sie.

»Ich soll mich beim Leiter der Lokalredaktion melden«, sagte Carla.

»Was wollen Sie von ihm?«

»Bin die neue Praktikantin.«

Der Typ musterte sie von oben bis unten.

»Cool. Dann viel Spaß.«

3.

Arno Stracke telefonierte im Stehen vor seinem Tisch, als Carla eintrat. Er trug Jeans, weiße Sneakers und einen hellblauen Pulli mit dem Logo einer teuren Marke. Er nickte Carla zu und zeigte auf einen Stuhl.

Nachdem er sein Telefonat beendet hatte, grüßte er sie und erklärte ihr als Erstes, dass es in der Redaktion üblich sei, sich zu duzen.

»Was studierst du?«, fragte er.

»Bin schon fertig. Bachelor. Medien- und Kulturwissenschaft an der hiesigen Uni.«

»Das hatten wir noch nie. Sonst schickt man uns Leute, die noch dabei sind, sich zu orientieren. Wie alt bist du?«

»Fünfundzwanzig.«

»Dann hast du für den Bachelor ganz schön lange gebraucht. Typisch Zoomerin, oder?«

»Wie bitte?«

Stracke verzog das Gesicht. »Generation Z. Immer schön chillen. So heißt das doch bei euch, oder?«

Carla beurteilte ihre Alterskohorte anders.

Und sich selbst erst recht.

Arno Stracke sah auf die Uhr, dann leerte er das Ausgabefach seines Druckers. Mit dem Rücken zu ihr fragte er: »Was reizt dich an unserem Metier?«

Es klang fast, als fände er ihre Berufswahl absurd.

Als hätte Carla hier nichts zu suchen.

»Was wären wir ohne Medien?«, fragte sie zurück.

Der Lokalchef blickte sie an und runzelte die Stirn.

»Es gibt keinen spannenderen Beruf«, fuhr Carla fort. »Gerade in unserer Zeit. Wie soll die Gesellschaft ohne recherchierte Informationen funktionieren? Ohne qualifizierte Einordnung der Meldungen, mit denen man uns von allen Seiten beeinflussen will? Aber wem sage ich das?«

»Recherchierte Infos, soso.«

Etwas irritiert ergänzte sie: »Wenn wir unserem Bauchgefühl oder Vorurteil folgen, drehen wir uns bloß im Kreis. Oder fangen an, einander die Köpfe einzuschlagen. Qualitätsmedien, so heißt das doch bei euch, oder?«

Stracke zeigte ein spöttisches Lächeln.

»Sehen Sie – siehst du das anders?«, fragte sie.

»Hört, hört«, antwortete er. »Eine Idealistin.«

4.

Airport Berlin-Brandenburg, Terminal 1, Gate A18.

Jan Koller vernahm den Aufruf der Eurowings-Verbindung nach Düsseldorf und reihte sich in die Schlange ein. Endlich, dachte er und blickte auf seine Uhr. Die Verspätung betrug eine gute Stunde.

Was bedeutete, dass er nach der Ankunft direkt zum Verlagshaus fahren musste, statt vor seinem Termin bei Conni von Büren zuerst seine Wohnung aufzusuchen, um sich frisch zu machen und die Katze zu füttern. Kleopatra wird es verschmerzen, dachte er. Das Tier hing ohnehin mehr an seiner Nachbarin, die es während Jans Abwesenheit versorgte.

Er schloss die Nachrichtenseite eines Konkurrenzblatts auf seinem Handy und rief die Datei mit dem QR-Code des Flugtickets auf. Irgendwo quengelte ein Kind. Jan blickte sich um.

Und traute seinen Augen kaum.

Seine Ex stand weiter hinten in der Schlange, bemerkte ihn und winkte ihm zu.

Tatsächlich, Doro Nolte.

Etwas in ihm verkrampfte sich.

Jan ärgerte es, dass er noch immer so reagierte. Vor fünf Jahren hatte er ihre Beziehung beendet. Er erreichte die Ticketkontrolle, hielt das Handydisplay über den Scanner und ging mit flotten Schritten weiter.

Warum benutzte Doro den Flieger? Als Abgeordnete des Deutschen Bundestags verfügte sie über eine Netzkarte der Bahn. Jan hatte ihre Karriere verfolgt. Sie saß in diversen Ausschüssen und war jetzt gesundheitspolitische Sprecherin ihrer Fraktion.

Galt als Kandidatin für höhere Ämter.

Schlau reden konnte sie schon immer, dachte Jan.

Doro Nolte stammte aus Düsseldorf, auch ihr Wahlkreis befand sich in der Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens. Ihretwegen war er einst an den Rhein gezogen und hatte bei der Morgenpost angeheuert. Eine Ewigkeit war das her.

Als die Zeitung ihn in die Hauptstadt geschickt hatte, war sie ihm gefolgt. Und auf der Jobsuche im Büro eines einflussreichen SPD-Mannes gelandet.

Lothar Mierscheid, der Arsch.

Eine Zeit lang hatte Jan geglaubt, ihr Draht in die Schaltzentralen der politischen Macht könne ihm beruflich von Nutzen sein. Als er begriff, dass man ihn benutzte, war es zu spät.

Über die Umstände, die zur Trennung von Doro geführt hatten, wollte Jan lieber nicht nachdenken.

Er fand seinen Sitz in einer der hinteren Reihen. Zum Glück tauchte seine Ex nicht wieder auf. Jan fuhr fort, auf seinem Handy die Weltlage zu studieren.

In Berlin stand die Regierungskoalition auf der Kippe. Für heute war eine weitere Aussprache über den Bundeshaushalt anberaumt. Entweder die führenden Köpfe einigten sich endlich, oder die Koalition war Geschichte.

Eigentlich wäre er jetzt lieber vor Ort, als der Düsseldorfer Zentrale einen Besuch abzustatten.

Nach der Landung eilte Jan mit seinem Rucksack zum Ausgang, als verfolge ihn der Teufel. Ohne sich umzublicken, stieg er ins Taxi, das vorn in der Schlange stand.

»Morgenpost-Arkaden«, sagte Jan zum Fahrer.

Er wickelte ein Stück Kaugummi aus dem Papier. Sein Puls beruhigte sich.

Konzentrier dich auf die bevorstehenden Tage.

Weichen wurden gestellt.

Die Besitzerfamilie wollte mal wieder den Verlag umstrukturieren. Um den Mitarbeitern Dampf zu machen, hatte Kurt Thomeyer, der als Geschäftsführer das Sagen hatte, einen Herausgeber installiert. Nachdem die Morgenpost-Gruppe jahrzehntelang ohne einen solchen zurechtgekommen war.

Der Neue hatte für den Nachmittag sämtliche Redaktionsleiter einberufen.

Es würde auf Einsparungen hinauslaufen.

Das tat es doch immer, dachte Jan.

Ihm konnte das egal sein. Als Chef der Hauptstadtredaktion, der nebenher zum Stolz seines Zeitungshauses als regelmäßiger Talkshowgast die Bundespolitik kommentierte und ab und zu ein Sachbuch schrieb, saß er ziemlich fest im Sattel.

Journalismus war nicht mehr dasselbe wie vor zwanzig Jahren. Die Zeiten änderten sich und immer wieder glaubte ein Verleger, das Rad neu erfinden zu müssen.

So what.

5.

Stracke führte Carla ins nebenan gelegene Großraumbüro. Hier gab es jede Menge Schreibtische, Container, Grünpflanzen, Garderobenständer. Carla staunte, wie kahl die weißen Wände waren. Vierzehn fest angestellte Redakteure umfasste das Team der Lokalredaktion, wie sie erfuhr. Anwesend war nicht mal ein halbes Dutzend.

Der Redaktionsleiter zeigte auf einen leeren Platz an der Stirnwand. »Hier sitzt Jessica, meine Stellvertreterin.«

Jessica befand sich bei einem Termin vor Ort, erklärte Stracke. Andere Kollegen arbeiteten von zu Hause, hatten gerade dienstfrei oder die späte Schicht.

In der Mitte des Raums waren vier Tische zusammengeschoben. Auf jedem von ihnen standen zwei Monitore. Auf jeweils einem davon waren Zeitungsseiten zu sehen.

»Der Newsdesk«, sagte Stracke und wies auf die Frau, die hier die Tastatur ihres Rechners bearbeitete. »Das ist Steffi, unsere Chefin vom Dienst. Sie baut die Seiten. Neuerdings macht sie das ganz allein. Nicht wahr, Steffi?«

Die Frau reagierte nicht und nahm auch von Carla keine Notiz. Offenbar war sie im Stress.

Stracke lehnte sich gegen einen anderen Tisch des Desks. »Bis Freitag gab es hier noch zwei Mediengestalter, die für das Layout zuständig waren. Mit der neuen Software konnten wir die einsparen.«

Drei Doppelseiten wurden in diesem Raum produziert. Sechs Tage die Woche. In Teilen auch die Ausgaben der anderen Lokalredaktionen im Verbreitungsgebiet der gedruckten Morgenpost, das vom Bergischen Land bis an die niederländische Grenze reichte.

Die Texte und Fotos teilten sich Strackes Leute mit der Online-Redaktion, die sich anderswo im Gebäude befand und ihre Seiten in eigener Regie zusammenbaute. Für Kultur und Sport waren ebenfalls separate Redaktionen zuständig. Der überregionale Mantel – vor allem Politik und Wirtschaft, Panorama sowie Teile der Kultur – wurde in Berlin hergestellt und von sämtlichen Blättern der Morgenpost-Gruppe übernommen, zu der Regionalzeitungen vom Saarland bis nach Niedersachsen gehörten.

Stracke zeigte Carla ihren Platz. Ein Katzentisch in der hintersten Ecke. Telefon und Rechner mit Bildschirm, Maus und Tastatur waren die gesamte Ausstattung. Sie hatte nichts Besseres erwartet. Immerhin würde sie hier etwas Ruhe haben.

Sie zog die Schublade auf. Drei Kugelschreiber mit Werbeaufdruck, der dünne Rest eines Notizblocks mit Kaffeefleck, die vergilbte Visitenkarte eines Pizzaservice.

Dann war es Zeit für die Redaktionskonferenz.

Das Team besprach die Themen des Tages. Die Länge der Artikel wurde offenbar nach T-Shirt-Größen bemessen, von S bis L. In der Regel verfassten sie freie Mitarbeiter, den Redakteuren oblag die Organisation.

Während der Konferenz kam Carla nicht zu Wort. Keiner gab sich Mühe, sie einzubinden, auch danach sprach niemand sie an. Als seien Praktikantinnen Luft.

So hatte sie sich das nicht vorgestellt.

Carla ging zu Stracke, dessen Bürotür offen stand.

»Ich will arbeiten, nicht bloß zuschauen. Gib mir ein Thema.«

Der Lokalchef wirkte genervt. Er stand da, hielt einen Telefonhörer in der Hand und wollte gerade eine Verbindung herstellen. Alles an ihm signalisierte, dass er keine Zeit für sie hatte.

»Schau dir den Polizeibericht an«, sagte er.

Carla ging zu Steffi, der Chefin vom Dienst, die sie ebenso unwirsch an eine weitere Kollegin verwies. Die händigte ihr ohne weiteren Kommentar drei Seiten aus. Es waren die ausgedruckten Meldungen der hiesigen Polizeibehörde von diesem Morgen.

Carla begriff, dass sich die Redakteurin längst damit beschäftigt hatte.

Und nichts davon für relevant hielt.

Dennoch begann Carla zu lesen.

Ein Verkehrsunfall ohne Personenschaden. Eine Schlägerei in der Altstadt. Ein Koksdealer, der vor dem Hauptbahnhof bei einer Routinekontrolle aufgeflogen war – ganze drei Bubbles in der Jackentasche. Nichts Besonderes.

Und schließlich ein Einbruch. Ein besorgter Nachbar hatte gegen drei Uhr nachts den Bullen gemeldet, jemand sei in ein Büro eingedrungen. Die Beamten, die zum Tatort geschickt wurden, nahmen zwei Männer fest.

Keine weiteren Details.

Der Verfasser hatte sich keine Mühe gegeben, die Vorfälle interessant darzustellen. Carla verstand, warum die Kollegin den Bericht ignoriert hatte. Solche Meldungen waren Teil der Informationsflut, die unablässig auf die Redaktion einprasselte.

Es gab Wichtigeres.

Weil Carla aber nichts anderes zu tun hatte, beschloss sie nachzuhaken und Fragen zu stellen. Was Journalisten eben so taten.

Sie fuhr ihren Rechner hoch.

6.

Rasch erkannte Carla, dass das Redaktionssystem ihr Rätsel aufgab. Mit Word hatte das nicht mehr viel zu tun. Sie blickte sich nach Hilfe um.

Der Kollege, der ihr am nächsten saß, kam herüber. Er lächelte ohne Pause, war ebenfalls erst Mitte oder Ende zwanzig und hatte dunkle Locken. Ein süßer Kerl, sein Name war Nihat.

Er zeigte ihr das Wichtigste, wenn auch in einem Tempo, das irgendwann Carlas Auffassungsvermögen überstieg. Immerhin begriff sie jetzt, wie man Texte eingab und ins Internet wechselte.

Zahlreiche Tools basierten auf Künstlicher Intelligenz und erleichterten die Arbeit, erklärte Nihat. Sie seien auch für ihn noch ziemlich neu. Von ChatGPT hatte Carla schon gehört. Daneben gab es DeepL Write, Perplexity und SciSpace Copilot. Whisper transkribierte Interviews sowie Podcasts in Sekundenschnelle. Midjourney und Dall-E illustrierten die Artikel billiger als jeder noch so schlecht bezahlte Fotograf. Andere Programme schlugen Überschriften und Einleitungstexte vor und erledigten umfangreiche Datenrecherchen quasi auf Knopfdruck.

Die Redaktion nutzte KI, um Texte zu kürzen oder zu verlängern. Um Wetterdaten und Sportergebnisse in leserliche Meldungen zu verwandeln. Sogar die vollautomatische Beantwortung von Leserbriefen sei möglich, so Nihat, werde allerdings aus Respekt vor den Absendern noch nicht praktiziert. Weitere KI-Anwendungen blieben den Online-Redakteuren vorbehalten, die damit ihre Artikel für Suchmaschinen optimierten.

»Lass es mich wissen, falls du weitere Hilfe brauchst«, bot Nihat an und kehrte an seinen Platz zurück, bevor Carla alles verstanden hatte.

Aus reiner Neugier ließ sie den Polizeibericht von der KI bearbeiten. Innerhalb von Sekunden fügte der Algorithmus Erklärungen hinzu, die er in den Tiefen des Internets fand. Der Text wurde länger, aber auch geschwätziger, wie Carla fand.

Sie verspürte Lust auf einen Kaffee.

Auf dem Weg zur Lokalredaktion war sie am Morgen an einer Teeküche vorbeigekommen. Dort hatte sie durch die offen stehende Tür einen imposanten Kaffeeautomaten gesehen.

Sie trat an Nihats Tisch und bot an, ihm zum Dank etwas mitzubringen.

»Sehr gern«, antwortete er mit noch breiterem Lächeln. »Café Crema.«

»Für mich auch!«, riefen zwei Kolleginnen, die das mitbekamen.

Bevor sich noch jemand melden konnte, machte Carla sich auf den Weg.

Sie fand die Teeküche auf Anhieb wieder und drückte die Tür auf.

Ein Mann stand in dem kleinen Kabuff und telefonierte. Offenbar ein vertrauliches Gespräch, für das er einen ruhigen Ort gesucht hatte.

»Verzeihung«, sagte Carla und war unschlüssig, ob sie den Rückzug antreten sollte.

»Kein Problem«, sagte der Mann.

Ihr stockte der Atem.

Es war Jan Koller.

Der Jan Koller.

Preisgekrönte Journalistenlegende. Hatte Mediengeschichte geschrieben. Mehr als einmal die politische Landschaft zum Beben gebracht. Ein absolutes Vorbild für jeden, der anstrebte, in der Branche zu arbeiten. Sie kannte sein Gesicht aus den Talkshows von ARD und ZDF, zu denen er häufig als kenntnisreicher Beobachter der Bundespolitik eingeladen wurde.

Sie hätte nicht vermutet, gleich an ihrem ersten Tag dem Chef der Hauptstadtredaktion zu begegnen.

Ausgerechnet in diesem Kabuff.

Sie nahm es als gutes Omen, stellte einen Becher unter den Auslauf und drückte die Taste für Café Crema. Jan Koller hatte unterdessen sein Gespräch beendet.

Er hielt ihr die Hand hin. »Neu hier? Ich heiße Jan.«

Sie schlug ein. Eine schwere, warme Hand. Ihr Herz klopfte.

Sollte sie diesen Mann tatsächlich duzen?

»Carla«, antwortete sie. »Praktikantin. Heute ist mein erster Tag.«

Koller war etwa fünfzig, hatte halblange Haare mit grauen Schläfen und trug ein dezent kariertes Sakko zur Jeans. Über dem Knie klaffte ein ausgefranster Schnitt. Ziemlich verwegen für das konservative Verlagshaus, fand Carla.

Der Mann war ihr sympathisch.

Er deutete auf die Maschine. »Ich dachte, die Zeiten seien vorbei, in denen sich junge Frauen zum Kaffeeholen abkommandieren lassen.«

Sie musste grinsen. »Ich hab’s den Kollegen angeboten.«

»Mach das nicht noch einmal, Carla. Sonst findest du aus der Rolle nicht mehr raus. In welche Redaktion hat man dich gesteckt?«

»Lokales. Berlin würde mir allerdings auch gefallen.«

»Ist klar«, erwiderte Koller und lachte.

Carla hatte unterdessen auch den vierten Becher gefüllt. Sie blickte sich um. Es gab nichts, was sie als Tablett benutzen konnte.

»Ich helfe dir«, sagte Koller. »Wollte sowieso bei Arno vorbeischauen.«

Sie gingen den Flur entlang, jeder trug zwei Becher. Carla staunte über seine Hilfsbereitschaft.

»Hast du heute Morgen die Demo gesehen?«, fragte Koller.

»Ja, um was ging es?«

»Sie protestieren gegen die Pläne der Verlagsleitung. Man nennt es ›Konzept 2030‹. Es läuft darauf hinaus, uns alle durch Künstliche Intelligenz zu ersetzen. Überleg’s dir also, ob du wirklich Journalistin werden willst.«

»Ersetzen? Du übertreibst!«

Koller lachte bitter.

»Geld regiert die Welt, Carla. Hat man dir schon beigebracht, dass der Verlag nur noch mit Werbung auf den Online-Seiten Gewinn macht? Was zählt, sind Klicks. Und den sogenannten Content kann auch KI liefern.«

»In der Lokalredaktion geht es nach wie vor um die gedruckte Zeitung.«

»Aber nur in zweiter Linie. Du solltest mal hören, wie diejenigen reden, die in der Branche das Sagen haben. Für Betriebswirtschaftler sind wir nur Kostenfaktoren.«

»KI deckt aber keine Skandale auf. Sie schlägt nicht Alarm, wenn die Inlandsgeheimdienste auf dem rechten Auge blind sind und massenhaft Akten vernichten, weil sie etwas zu vertuschen haben. KI sägt auch keinen drogensüchtigen Verteidigungsminister ab, der das Amt missbraucht, um seine Verfehlungen zu vertuschen.«

»Oh, du weißt, wer ich bin?«

Carla zuckte mit den Schultern. Bloß nicht uncool wirken. Möglichst beiläufig sagte sie: »Jan Koller ist der Grund, warum ich Journalistin werden will.«

»Jetzt übertreibst du aber.«

»Ich habe sogar eine Seminararbeit über dich verfasst.«

»Okay, dann weißt du auch, dass keine meiner Enthüllungen irgendetwas bewirkt hat. Die Geheimdienste sind mächtiger denn je. Und Lothar Mierscheid fährt als Minister den gleichen Kurs wie sein Vorgänger, nur dass er sich die Nase nicht pudert. Du kannst schreiben, was du willst – bewirken wirst du letztlich nichts. Und wer liest schon noch Zeitung?«

»So zynisch wie du klingst, bist du nicht. Das kann ich nicht glauben.«

Koller drückte mit dem Ellbogen die Tür zum Großraumbüro auf. Er stellte seine Becher am Newsdesk ab, wo sich Arno Stracke mit der Chefin vom Dienst unterhielt. Stracke richtete sich auf und breitete die Arme aus.

»Die Götter zu Besuch beim Fußvolk«, sagte er. »Was gibt’s Neues, Jan?«

»Komme gerade von der Chefin.«

Gegenseitige Umarmung, Schulterklopfen. Stracke nahm sich den Kaffeebecher, der für Nihat bestimmt war.

»Und?«, fragte er.

»Constanze konnte mir auch noch nicht verraten, was uns der neue Herausgeber am Nachmittag erzählen will.«

»Geben wir ihm erst mal eine Chance.«

Koller wandte sich an Carla. »Der Typ hier ist noch viel zynischer als ich. Arno bringt es damit irgendwann zum Chefredakteur, darauf wette ich.«

Stracke sagte: »Stell dir vor, Jan, unsere Journalistenschülerin glaubt noch an die Medien als kritische vierte Gewalt.«

»Haben wir nicht alle mal so angefangen?«, fragte Jan.

»Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Muss lange her sein.«

Die beiden lachten herzhaft.

Stracke fragte Carla: »Was macht der Polizeibericht?«

»Bin dran«, antwortete sie.

Auf dem Weg zu ihrem Platz stellte sie ihren Kaffee bei Nihat ab.

7.

Carla wählte die Nummer des Pressesprechers der Düsseldorfer Polizei, laut Website des Präsidiums ein Hauptkommissar namens Markus Braun. Sie bekam eine seiner Mitarbeiterinnen an die Strippe, vermutlich die Sekretärin, die sie sofort weiterverband.

»Kaiser«, meldete sich eine weitere weibliche Stimme nach dem sechsten Klingeln. Sie klang nach zu vielen Zigaretten und zu vielen Jahren im Dienst.

»Bergmann, Morgenpost, guten Tag«, sagte Carla. »Es geht um den Einbruch in der Innenstadt vergangene Nacht.«

»Bergmann? Der Name ist mir neu.«

»Lokalredaktion.«

Dass sie nur die Praktikantin war, ging die Kommissarin nichts an, beschloss Carla.

»Und was wollen Sie wissen?«

Warum begegnete ihr die Polizeibeamtin so pampig?

Carla bemühte sich, höflich zu bleiben.

Sie sagte: »Vielleicht gibt es in der Sache ein paar erwähnenswerte Details, Frau Kaiser. Um wen handelt es sich bei den Festgenommenen? Worauf hatten sie es abgesehen? Wenn Sie mir ein klein wenig Futter geben, kann ich womöglich etwas für die morgige Ausgabe machen.«

»Vergessen Sie’s, Frau Bergmann. Da gibt es nichts Erwähnenswertes. Die betreffenden Personen befinden sich wieder auf freiem Fuß.«

»Aber es gibt ein Ermittlungsverfahren, oder nicht?«

»Nein, das Ganze hat sich als Irrtum erwiesen.«

»Inwiefern?«

»Schreiben Sie meinetwegen über den Kokaindealer vom Bahnhofsvorplatz. Ein Asylbewerber aus Syrien. Eigentlich sollte er seit Wochen nach Bulgarien abgeschoben werden, wo er die EU zuerst betrat. Kriminelle Migranten interessieren Ihre Leser viel mehr.«

Ich lasse mir nicht vorschreiben, worüber ich berichte, dachte Carla.

Schon gar nicht von den Bullen.

»In welcher Firma hat der Einbruch stattgefunden? Geben Sie mir die …«

»Wie ich Ihnen schon sagte«, unterbrach die Pressesprecherin. »Es gab kein Delikt.«

Carla bedankte sich und stellte das Telefon zurück auf die Station. Der Ton der Polizistin hatte sie irritiert. Was habe ich falsch gemacht?

Nichts, sagte sich Carla.

Aber warum hatte die Kommissarin sie abgeblockt?

Carla blätterte in ihrem privaten Adressbuch, einer abgegriffenen Kladde mit fleckigem Einband, die schon viel mitgemacht hatte und auch schon einmal beschlagnahmt worden war.

Unter »P« fand Carla die Handynummer von Paul Alzey.

Die einzige Person im Polizeipräsidium, die sie kannte.

Mit Paul und einigen anderen hatte sie vor Jahren die Düsseldorfer Gruppe von Fridays for Future gegründet. Und genau wie Carla hatte Paul sich nach dem Abitur an der hiesigen Uni für Medienwissenschaften eingeschrieben. Allerdings hatte er den Kampf für das Klima rasch aufgegeben und sie hatten sich aus den Augen verloren....Ende der Leseprobe