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Wer sich selbst wahrnimmt, wird wahrgenommen Schenken Sie der Fragestellung, wie Sie etwas tun, mehr Aufmerksamkeit! Genau hier setzt die Präsenz-Methode von Michaela Ehinger an. In der zweiten, überarbeiteten Auflage dieses Handbuchs legt sie eine umfassende und ebenso klare wie anschauliche Darstellung dessen vor, was es bedeutet, wirklich präsent zu sein. Präsent sein ist das Gegenteil von Stress erleben. Erst die Fähigkeit, Präsenz bewusst herzustellen, ermöglicht es Ihnen, sich immer wieder neu zu positionieren, Kommunikationsprozesse zu reflektieren und konstruktiv zu gestalten. Viele der körperlichen und mentalen Praktiken sowie die Atemwahrnehmungsübungen sind alltagstauglich und sofort anwendbar, um beispielsweise weniger nervös zu sein, die eigene Stimme gut einzusetzen oder authentisch und erfolgreich zu präsentieren. Die Übungen, die Michaela Ehinger in ihrer jahrzehntelangen Praxis als Coach entwickelt und erfolgreich erprobt hat, werden detailliert erklärt, um einen eigenständigen Umgang damit zu ermöglichen. Dieses Buch ist ein wertvoller Begleiter auf dem Weg zu einem präsenteren und damit erfüllteren Leben.
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Seitenzahl: 462
Veröffentlichungsjahr: 2024
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MICHAELA EHINGER
Wege zu authentischerund erfolgreicher Kommunikation
Mit Illustrationen von Amelie Lihl
Für meine Kinder August und Elisa und mein Enkelkind Yves.
Möge ihr Leben reich an präsenten Momenten sein.
E-Book
© 2024 Edition Faust, Frankfurt am Main
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Kopien, Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Umschlaggestaltung: Christina Hucke
unter Verwendung einer Illustration von shutterstock / NickJulia
Textgestaltung: Bayerl & Ost, Frankfurt am Main, und Christina Hucke
Lektorat: Regine Strotbek
Weitere Titel des Verlags unter www.editionfaust.de
ISBN E-BOOK 978-3-949774-50-8
Vorwort zur zweiten Auflage
Einführung
1PRÄSENZ
1. Sein oder Nichtsein – das ist hier die Frage
2. Die drei Säulen der Überzeugungskraft
3. Wer sich selbst wahrnimmt, wird wahrgenommen
4. Ein kleines Experiment zum Einstieg
5. Präsent sein
6. Das offenbare Geheimnis: der Atem
7. Die spezifische Qualität von Präsenz
8. Das Gegenteil von Präsenz
9. Präsenz – ein Gegenentwurf
2ATMEN
1. Körper
1.1. Steuerung der Atmung
1.2. Gasaustausch – Energiegewinnung
1.3. Die Atemmuskeln – das Zwerchfell
1.4. Der Kehlkopf
1.5. Die Lunge
1.6. Die Nase
1.7. Der Atemrhythmus
– Inspiration – Einatmung
– Exspiration – Ausatmung
– Atempause
Übung: Atemwahrnehmung (mit geschlossenen Augen)
– Atemräume
Übung: Aktivierung der Atemräume
Aktivierung der Flanken
Aktivierung des unteren Rückens
1.8. Die drei Hauptursachen für verkehrtes Atmen
– „Tiefe“ Einatmung
Übung: Bewusster Umgang mit verkehrten Vorstellungen von tiefer Einatmung
– Innere Haltung und äußere Haltung
Übung: Handauflegen auf das Brustbein
– Autonome Stressreaktion
1.9. Bewusster Umgang mit der autonomen Stressreaktion
Übung: Stressprävention
Übung: Stressintervention
1.10. Drei Arbeitsschritte – Wahrnehmen, Loslassen, Zulassen
Übung: Innehalten
2. Seele
2.1. Arbeitsansatz
Übung: Gedanken und Gefühle beeinflussen das Atemgeschehen
2.2. Inneres Lächeln
Übung: Inneres Lächeln
2.3. Mit sich selbst befreundet sein
3. Geist
Übung: Verbunden Sein
3KÖRPERLICHE PRÄSENZ
1. Unsere Haltung
1.1. Durchlässigkeit
2. Präsenz im Gehen
Übung: „Füße, Füße, Füße“
3. Das Aufrichten
Übung: Einfaches Auf- und Abrollen der Wirbelsäule
4. Präsenz im Stehen
Übung: Standbein-Spielbein-Stand
5. Präsenz im Sitzen
Übung: Herstellen von Präsenz im Sitzen – Die Rückenlehne ist dein Freund
5.1. Körperhaltung im Sitzen
– Die optimale Ausgangsposition im Sitzen: Königliche Aufrichtung
– Umgang mit den Beinen im Sitzen
– Kopfhaltung im Sitzen
5.2. Hilfsmittel mit großer Wirkung
Schlangenübung
6. Rückenbewusstsein
Übung: Gehen mit Rückenbewusstsein – Schleppe, Chiffonschleier, Propeller
7. Präsenz in Gesten
Präsenzübungen für Gesten
8. Wohlspannung
Übung: Differenzierte Wahrnehmung der Muskelspannung
Übung: Überspannung oder Unterspannung im eigenen Körper wahrnehmen
Übung: Überspannung der Muskulatur lösen
9. Präsenz im Blickkontakt
Präsenzübungen für den Blickkontakt
10. Präsent auftreten
10.1. Lampenfieber
Übung: Fünf Schritte für einen souveränen Auftritt
Übung: Gehend das Publikum führen
11. Wie Körperhaltungen die Einstellung und das Verhalten beeinflussen
4MENTALE PRÄSENZ
1. Mentale Präsenz im historischen Kontext
2. Erkenne dich selbst an
3. Loslassen – Freiraum durch Distanz
4. Das Mentaltraining
4.1. Einstieg
– Sich selbst begegnen
– Vorbereitung
Übung: Atemzentrierung
– Abschluss
4.2. Arbeitsweise
– Die grundlegende Übungshaltung
– Die Ansprache
– Antworten tauchen auf
4.3. Wahrnehmen, was uns bewegt
– Beobachten
– Selbstvertrauen
Übung: Autosuggestion – Innere Sonne
4.4. Der Dialog mit sich selbst
– Leit/dgedanken ans Licht bringen
– Hilfreiche Gedanken
– Sieben Regeln
– Überlieferte hilfreiche Gedanken
– Sich Fragen stellen
– Freie Assoziation
– Perspektivwechsel
Übung: Stellen Sie sich vor, Sie führen Regie
– Erwartungen
– Einbindung in den Alltag
Übung: Einen hilfreichen Gedanken gehend verankern
5PRÄSENZ IN DER STIMME
1. Der Körper – unser Instrument
2. Drei wesentliche Faktoren, die den Klang der Stimme beeinflussen
2.1. Inspiration und Klangqualität
2.2. Der Einfluss der Körperhaltung auf die Klangqualität
2.3. Der Kontakt
3. Häufig auftauchende Fragen
3.1. Spreche ich in meiner Stimmlage?
Übung: Individueller Grundton
3.2. Was mache ich, wenn meine Stimme zu leise ist?
Übung: Der Blickkontakt bestimmt die Lautstärke
4. Übungen zum Stimmen des eigenen Instruments für jeden Tag
Übung: Gähnen
Übung: Lippenflattern
Übung: Summen
Übung: Abklopfen des Körpers
Übung: Zentrierung durch Atemwahrnehmung
5. Übungen für die Resonanzräume und die Atemführung
Basisstimmübung – Dreiteiliger Atemrhythmus
Übung: Brustraum
Übung: Lendenbereich
Übung: Lendenbereich – Partnerübung
Übung: Beckenraum
Übung: Füße
Übung: Kopf
6. Entfaltung der Persönlichkeit
6PRÄSENZ IN DER SPRACHE
1. Präsenz in der Aussprache
1.1. Innere Haltung
1.2. Körperhaltung
1.3. Sprachbehandlung
Übung: Korkensprechen
Übung: Aktivierung der Zunge und des Zwerchfells
Übung: Verspannungen im Kieferbereich lösen
Übung: Sprechlebendigkeit durch Gesten
1.4. Tipps
2. Sprechend präsent sein
3. Informationen auf den Punkt bringen
4. Angemessenheit
5. Das Kultivieren der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit
7RHETORISCHE PRÄSENZ
1. Ethos
1.1. Wie lässt sich Glaubwürdigkeit herstellen?
Übung: Atmend sich Vertrauen
1.2. Die Pause – Das wichtigste Mittel, um rhetorisch präsent zu sein
1.3. Freies Sprechen
2. Logos – das Argument
2.1. Vorüberlegungen
Übung: Klärungsprozess
2.2. Der rote Faden
2.3. Die Gedächtniskunst
– Mindmaps
– Auswendig lernen und Sprache be-greifen
– Gehen und memorieren
– Gehen und konzipieren
3. Pathos – Wie können wir den emotionalen Zustand der Zuhörerschaft im Auge behalten?
3.1. Zu klärende Fragen in der Vorbereitungsphase
3.2. Einleitung, Hauptteil und Schluss
3.3. Die Magie der Drei
3.4. Figuren der Wiederholung
3.5. Der Kontakt mit dem Publikum in der Redesituation
8PRÄSENZ IN DER KOMMUNIKATION
1. Das Eisbergmodell
1.1. Beziehungsaspekt
2. Die Grundhaltung
2.1. Aktives Zuhören – Passives Zuhören
3. Körpersprache
3.1. Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Körpersprache und zwischen dem Kommunikationsstil von Männern und Frauen
3.2. Die männlich tradierte Haltung
3.3. Die weiblich tradierte Haltung
Übung für Frauen
3.4. Körpersprache lesen
Übung: Nachahmung
4. Der Körper – Resonanzraum der Situation
4.1. Mit allen Sinnen kommunizieren
4.2. Spiegelung
4.3. Nonverbal kommunizieren
5. Wichtige Fertigkeiten für den Kommunikationsprozess
5.1. Selbstklärung
5.2. Organische Pausen im Prozess der Kommunikation
5.3. Eine Distanzierungstechnik für jede Situation
5.4. Timing
6. Aspekte der Online-Kommunikation
6.1. Grundlegende Betrachtungen des Settings
6.2. Bewusster Rahmen
6.3. Mit sich selbst in Verbindung kommen
6.4. Mit den anderen in Verbindung kommen
6.5. Den Dialog entwickeln
7. Konkrete berufliche Situationen unter der Lupe
7.1. Der erste Eindruck
– Der Handschlag
– Plädoyer für die Begrüßung mit Handschlag
– Das persönliche Vorstellen
– Platzwahl
– Smalltalk
7.2. Vorstellungsrunde
7.3. Gesprächsführung
7.4. Jour fixe
– Vorbildfunktion der Führungskraft
– Fragen stellen
– Eine Idee erfolgreich einbringen
– Umgang mit einem Nein
7.5. Diskussion
– Zuhören und wahrnehmen
– Metaebene
– Durchsetzen – Unterbrechen – Raum schaffen
7.6. Umgang mit Hierarchie
– Was können wir als Individuen tun?
– Bewusstsein für unterschwellig ablaufende Prozesse
– Umgang mit Menschen, die ihre Machtposition ausspielen
– Präsentationen vor dem Vorstand
7.7. Umgang mit verbalen Angriffen
7.8. Umgang mit „schwierigen“ Menschen
– Die Sprache des anderen zu verstehen versuchen
– Feedbackgespräch
– Akzeptanz durch Distanz
Übung: Fabulieren
Übung: Distanz durch Humor
– Die Schönheit erkennen
7.9. Verhandlungssituationen
– Die Vorbereitungsphase
– Die Verhandlungssituation
7.10. Konflikte
7.11. Mitarbeitergespräch
– Vorbereitung für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
– Vorbereitung für Führungskräfte
7.12. Telefonieren
– Telefonkonferenz
– Umgang mit Technik
– Bewerbungsgespräch
7.13. Moderation
7.14. Auftreten vor der Kamera
7.15. Netzwerken
7.16. Feste feiern
7.17. Verabschiedung
9PRÄSENZ IN DER FÜHRUNG
1. Tägliche Orientierung
1.1. Die morgendliche Orientierung
Übung: Morgendliche Orientierung
1.2. Die Tagesrückschau
Übung: Tagesrückschau
2. Jährliche Orientierung
2.1. Der Jahresrückblick
Übung: Jahresrückblick
2.2. Der Ausblick auf das kommende Jahr
Übung: Ausblick auf das kommende Jahr
3. „Werde, die du bist“ – „Werde, der du bist“
Übung: Sich Loslassen – sich Zulassen
4. Improvisation als Lebensprinzip
5. Die Herausforderung: der Alltag
5.1. Ideensammlung zur Implementierung im Alltag
10UNBEGRENZTE AUSSICHT
Anmerkungen
Dank
„Krisen sind Angebote des Lebens, sich zu wandeln. Man braucht noch gar nicht zu wissen, was neu werden soll.“
Luise Rinser
Seit der Covid-19-Pandemie verändert sich deutlich wahrnehmbar die Art, wie viele Menschen miteinander kommunizieren:
1.Die Online-Kommunikation hat spürbar zugenommen. Und sie wird uns weiter begleiten. Es braucht einen bewussten Umgang mit diesem Medium, um die Verbindung etwa mit Kolleginnen und Kollegen, Geschäftspartnerinnen und -partnern zu gestalten und zu halten. Immer wieder wird mit mir daran gearbeitet: Wie ist es möglich, auf der Plattform empathisch und lebendig in einen Dialog zu kommen? Präsent zuzuhören und wirkungsvoll zu kommunizieren? Wie die Aktivität der Zuhörenden fördern? Wie mit machtorientierten oder unbewussten Vielrednerinnen und Vielrednern umgehen? … Dazu finden Sie in dieser Neuauflage im Kapitel „Präsenz in der Kommunikation“ Anregungen.
2.Damit verbunden ist das neue Arbeitsplatzsetting: Homeoffice ist eine Chance, um herauszufinden, wie wir in eine Wohlspannung kommen. Eine Chance, zu leben, was in den Neurowissenschaften schon vor Jahrzehnten festgestellt wurde: „The brain runs on fun!“ Welche Körperhaltung unterstützt uns, entspannt und lustvoll zu schreiben? Welche innere Haltung motiviert uns? Welche Störfaktoren gilt es zu identifizieren und zu beseitigen, um so gelassen und fokussiert wie möglich zu agieren?
Nehmen wir uns Raum, um uns selbst zu spüren? Raum, uns optimal zu organisieren? Schön wäre es! Leider bestimmt der Modus, lediglich zu funktionieren, anstatt mit Weite zu agieren, die Arbeitsrealität. Viele sind konfrontiert mit einem erhöhten Arbeitspensum und einem Arbeitsumfeld, die zunehmend komplexer werden. Mentale und muskuläre Anspannung sind die Folge, wenn wir nicht aktiv gegensteuern. Je angespannter unser Nervensystem ist, desto weniger Raum haben wir für das, was wir fühlen, desto weniger Toleranz besitzen wir. „Take your time“, ist einer der hilfreichen Gedanken im Kapitel „Mentale Präsenz“, der uns dabei unterstützt, bewusst Handelnde zu sein.
Der Modus bloßen Funktionierens ist in unserer Kultur stark ausgeprägt. Es fällt schwer, innezuhalten, zur Ruhe zu kommen, um die eigenen Bedürfnisse überhaupt erst wahrzunehmen. Das Buch möchte Sie einladen und ermutigen, genau das zu tun: innezuhalten. Erst wenn wir spüren, wie wir etwas machen, können wir es bewusst verändern. In der modernen Arbeitswelt ist Selbstführung der Schlüssel, um nicht unter die Räder zu kommen. Im ganzen Buch finden Sie Impulse und Praktiken für den wohlwollenden Umgang mit uns selbst. In die Präsenz zu gehen, ist ein Gegenentwurf zum allgegenwärtigen Leistungs- und Zeitdruck.
3.Seit der Pandemie haben sich die Wahrnehmungsfähigkeit, die Fähigkeit, sich körpersprachlich auf den Dialog einzustellen, die Fähigkeiten, einander wertschätzend zuzuhören und andere Sichtweisen in ihren Eigenarten zu respektieren, verändert. Diese grundlegenden Kulturfertigkeiten sind meiner Beobachtung nach rar geworden.
Viele sind im Strom ihres beruflichen und privaten Alltags, ihrer Gedankenschleifen und ihres Social-Media-Konsums versunken. Das Gefühl der Vereinzelung hat zugenommen. In Gesprächen taucht der bekannte Gestus, recht haben zu wollen, verstärkt aggressiv auf. Für eine Debatten- und Streitkultur des gegenseitigen Respekts, der Neugier auf andere Sichtweisen, der Freude, etwas voneinander zu verstehen, um komplexer wahrzunehmen und um gemeinsam geeignete Lösungen zu finden, die von vielen getragen werden, bedarf es einer neuen Grundlage: der Entscheidung und bewussten Ausrichtung vieler! Und es beginnt mit jeder und jedem Einzelnen.
Die verminderte Wahrnehmungsfähigkeit zeigt sich bereits in Alltagsdetails: So ist der Blickkontakt auf der Straße im Vorübergehen und im Zug rar geworden. Seit der Pandemie sind Begrüßungssituationen seltener geworden, und wenn sie stattfinden, macht sich Unsicherheit breit, weil nicht mehr selbstverständlich scheint, wie wir uns begrüßen. Im Zweifel fallen Begrüßung und Beziehungsaufbau knapp aus. Die Beziehungsebene ist jedoch ausschlaggebend dafür, wie wir miteinander in Dialog treten und unseren Anliegen Raum geben können. Das scheint in Vergessenheit geraten zu sein. Eine angemessene Begrüßung ist der Auftakt für einen wertschätzenden Dialog!
Ich beschreibe hier stellvertretend Symptome, die Ihnen vermutlich bekannt vorkommen. Dabei liegen die Ursachen für das veränderte Kommunikationsklima tiefer. Zu den in jedem Leben auftretenden Schwierigkeiten (in den Bereichen Gesundheit, Beziehungen, Arbeitsplatz …) gesellen sich Stapelkrisen und globale Herausforderungen wie Digitalisierung, Klimawandel, Kriege, Migration und anderes mehr.
Dies bereitet den Boden für Gefühle von Angst und Überforderung und erzeugt bei vielen das Bedürfnis nach Rückzug. Die Angst wird größer, wenn wir vermeiden, bewusst hinzusehen. Angst erhöht den Stresslevel. Um möglichst schnell wieder aus den biologischen Stressreaktionen Fight, Flight oder Freeze herauszufinden, gilt es, zügig für innere Sicherheit zu sorgen, aus den Gedankenschleifen auszubrechen und ganzheitlich wahrzunehmen: Die sinnliche Erfahrung des Atems lässt uns zu Sinnen kommen. Das Spüren der Füße auf dem Boden kann uns wieder Halt schenken. Indem wir uns bewusst körperlich und mental aufrichten, lernen wir, mit der Angst umzugehen. (Praktiken dazu werden unter anderem im Kapitel „Körperliche Präsenz“ vorgestellt.) Wenn der Kopf sich wieder frei bewegen kann und die Füße den Boden spüren, reguliert sich das Nervensystem. Die Perspektive verändert sich und wir stellen fest, dass das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, so nicht stimmt. Wir blicken auf und spüren, dass es uns in diesem Augenblick bereits deutlich besser geht, als es zuvor – abgekoppelt vom eigentlichen Sinneserleben – der Fall war. Wir haben mit großer Wahrscheinlichkeit wieder Boden unter den Füßen gewonnen. Die Negativitätsverzerrung unseres Gehirns hatte eigenmächtig als Autopilotin das Steuer übernommen. Mit dem Lichtstrahl unserer Aufmerksamkeit nehmen wir wahr, was wirklich ist. Nun sind wir in Balance und bereit, mit Weite unser Gegenüber wahrzunehmen, in einen wachen Dialog zu treten, mit etwaigen Ungewissheiten umzugehen sowie angenehme oder unangenehme Gefühle und Emotionen anzunehmen. Das neu bearbeitete Kapitel „Mentale Präsenz“ ermöglicht erweiterte Einsichten und Praktiken.
Die beschriebenen Veränderungen im Kommunikationsverhalten spiegeln gesellschaftliche Prozesse wider, die in unsere innere Verfasstheit und Haltung Eingang gefunden haben. Vor der Pandemie schien alles gefestigter, überschaubarer und sicherer. Doch Ungewissheit hat es schon immer gegeben. Ihr wohnt sogar Positives inne, wie Rainer Maria Rilke formuliert hat: „Erde! Unsichtbar! Was, wenn Verwandlung nicht, ist dein drängender Auftrag.“
Viele erleben Ungewissheit jetzt stärker oder vielleicht bewusster. Das verunsichert zunächst. Ungewisses als Ungewisses wahrzunehmen und anzunehmen, führt dazu, dass wir wirklich wahrnehmen, was ist. Wenn wir uns darüber hinaus bewusst machen, welche Energie Ungewissheit in sich trägt, können wir sie schätzen lernen.
Der Neurologe Prof. Dr. Volker Busch beschreibt die Antriebskraft der Ungewissheit folgendermaßen: „Ungewissheiten lösen zwar Unsicherheit aus, aber sie setzen wertvolle Energie frei, die uns aufmerksam, präzise und einfallsreich macht. Unser Gehirn kommt so in einen Entdeckungs- und Problemlösungsmodus.“1
Ich denke, wir brauchen diesen Entdeckungs- und Problemlösungsmodus, um Aufgabenstellungen entschieden anzugehen, um Veränderungsprozesse angstfreier zu erleben und dadurch kreativer, bedachter voranzubringen. Das Ungemütliche der Ungewissheit ist eine Chance, denn freiwillig verändern wir nicht so schnell vertraute Gewohnheiten, wenngleich wir sie möglicherweise schon lange als destruktiv erkannt haben.
Destruktiv sind Kommunikationsformen, in denen Menschen sich nicht zuhören, desinteressiert sind an anderen Sichtweisen und womöglich nur die eigene Perspektive als einzig wahre gelten lassen. Diese Machtmechanismen sind großflächig und deutlich in der Politik, in den „Haifischbecken“ der Wirtschaft sowie in traditionsreichen Kultureinrichtungen wie Theatern, aber auch Krankenhäusern und Universitäten anzutreffen. Letztendlich basieren viele Strukturen und Kommunikationsmodi auf patriarchalen Denkweisen von Siegern und Verlierern, Oben und Unten, Entweder-oder.
Die derzeit herrschende Ungewissheit ist unsere Chance, um bewusst auch Kommunikation neu zu denken und zu leben. Es gilt, Kommunikationsformen zu entwickeln, die uns dabei unterstützen, Lösungen für komplexe Aufgabenstellungen zu finden. Pausen aller Art, beispielsweise im Sprachfluss, helfen, Assoziationsräume zu öffnen und somit andere in einen Redebeitrag aktiv einzubeziehen. Mehr dazu finden Sie im Kapitel „Rhetorische Präsenz“.
Patriarchale Kommunikationsformen, die jahrtausendelang praktiziert wurden und weitgehend noch immer in Gebrauch sind, verändern sich nur sehr langsam, Schritt für Schritt, auch in dem Maß, wie uns selbst bewusst wird, wie stark unser eigenes Denken und Handeln durch diese Kultur geprägt wurden und werden. Jeder und jede von uns kann sich selbst zu dieser Tradition verhalten.
Wie schwer es ist, Prägungen nicht nur zu erkennen, sondern auch tiefgreifend zu transformieren, etwa den Umgang mit den eigenen Anforderungen an sich und andere, erlebe ich seit einer schweren Krise, die durch Existenzangst in der Pandemie ausgelöst wurde, verstärkt am eigenen Leib. Es war und ist ein einschneidender Prozess, das eigene, auf Leistung und Effizienz basierende Wertesystem zu verändern. Doch nur wenn dies gelingt, ist es möglich, wirklich liebevoll, zugewandt, offen, lebensfroh, humorvoll, vertrauend, zuversichtlich, mutig und anmutig sich und anderen Menschen zu begegnen. Schritt für Schritt den Leistungsdruck, die Selbstoptimierung (im Sinne von noch höher, besser, weiter, schneller) und damit den Raubbau an sich selbst und der Umwelt zu beenden. Der amerikanische Autor James Clear bringt es mit den Worten, dass wahre Verhaltensänderung ohne Veränderung unserer Identität nicht möglich sei, auf den Punkt.
Mit dem neuen Bewusstsein wachsen der Mut und die Freude, wohlwollender mit uns selbst und anderen umzugehen, in einen Austausch auf Augenhöhe zu kommen, festzustellen, dass wir in einem Boot sitzen. Die Anerkennung der eigenen Würde und der Würde der anderen ermöglicht es uns, gemeinsam lösungsorientierte Gesprächsformen zu entwickeln, um die vor uns liegenden Aufgabenstellungen friedlich und konstruktiv anzugehen. Es ist mir ein tiefes Anliegen, körperliche und mentale Praktiken zu vermitteln, die uns dabei helfen, die Verbindung mit uns selbst und anderen bewusster zu gestalten.
Präsenz schafft ein Klima der Wertschätzung und Lösungsorientierung für alle.
Mein Buch ist ein Beitrag dazu.
Frankfurt, im Juli 2024
„Mensch, du hast die Kraft zu deiner Selbstbestimmung.“
Joseph Beuys
Die Präsenz-Methode richtet sich an alle, die Lust haben, Entspannung und Lebensfreude in ihr Leben einzuladen. Die mit sich selbst und anderen wirklich in Verbindung kommen und Resonanz erfahren wollen, die mit ihren Redebeiträgen zu einem konstruktiven Dialog beitragen möchten. Die ihre Selbstwirksamkeit im beruflichen und privaten Alltag erfahren möchten, um mitgestaltend zu agieren.
Die Wirkung eines Menschen auf andere wird beeinflusst von seinem Bewusstsein für die Innere Haltung und die Körperhaltung sowie von seiner Aufmerksamkeit für den konkreten Moment. Das Lenken unserer Aufmerksamkeit auf den Atemvorgang lässt uns den gegenwärtigen Moment jederzeit bewusst erleben. Die drei genannten Faktoren beeinflussen sich gegenseitig. Die Präsenz-Methode setzt daher gezielt an diesen drei Themenfeldern an. Egal, mit welchem Sie sich befassen, Sie werden die beiden anderen Aspekte Ihres persönlichen Ausdrucks stets mitbearbeiten und -verändern.
Ich stelle meine eigene Erfahrung und mein methodisches Wissen zur Verfügung, damit alle, die dies wünschen, lernen können, in jedem einzelnen Moment und in jeder Situation präsent zu sein. Das setzt voraus, dass wir uns ins Bewusstsein heben, was wir wie tun. Zudem benötigen wir Techniken und Übungen auf körperlicher und mentaler Ebene, die den bewussten Umgang mit uns selbst fördern. Gleichzeitig gilt aber auch, dass der bewusste Umgang mit uns selbst eine Vorbedingung ist, um die Übungen richtig und mit Gewinn ausführen zu können. Präsenz ist also Ursache und Wirkung zugleich.
Die Aufmerksamkeit, die wir uns dabei schenken, ist eine Form der Wertschätzung. Durch die Arbeit an uns selbst freunden wir uns mit uns selbst an. Wenn wir uns selbst wertschätzender behandeln, werden uns auch andere wertschätzender begegnen.
Die Techniken und Übungen zur Herstellung von Präsenz fördern letztlich unsere Selbstbestimmung, was dazu führt, dass wir unser Leben selbst in die Hand nehmen, anstatt von äußeren Umständen oder unreflektierten eigenen Ansprüchen „ferngesteuert“ zu werden.
Präsenzschulung ist Problemlösung – doch wie erkennen wir das Problem? Durch genaue Beobachtung. Um Gewohnheiten zu ändern, ist also unsere Beobachtungsgabe gefordert, gepaart mit Offenheit und spielerischer Lust, Beharrlichkeit und Phantasie. Das sind Eigenschaften, die im Tun wachsen, wie mich mein eigener Weg gelehrt hat.
Bei den Übungen handelt es sich um mehr als nur eine Sammlung unterschiedlicher Bausteine. Zum einen tauchen einige Übungen und Gedanken in variierter Form unter erweitertem Blickwinkel mehrfach auf, zum anderen liegt mir sehr daran, dass Sie zunehmend ein Grundverständnis für Ihr Instrumentarium entwickeln. Aus diesem Grund beschreibe ich sowohl die Übungen als auch deren Wirkungen sehr detailliert. So lernen Sie die entscheidenden Stellschrauben Ihres Körpers kennen.
Wichtige Erkenntnisse im Umgang mit sich selbst haben schon andere vor mir gewonnen und überprüft. Erfahrungen, die in mein Schaffen einfließen, stammen aus der Stimmbildung nach Clara Schlaffhorst und Hedwig Andersen, der Alexander-Technik und der Feldenkrais-Methode sowie aus Meditationsanleitungen. Viele Gedanken dieses Buches bauen auf bereits in der Antike formulierten Einsichten und auf Erkenntnissen aus den Neurowissenschaften auf. Sie sind insofern nicht allein mein Verdienst. Das vorliegende Lehrbuch ist auf dem fruchtbaren Humus wertvollen Wissens vieler Menschen herangereift. Mein Beitrag dazu besteht darin, die Anwendbarkeit im Alltag in den Fokus zu rücken.
Wenn Sie die Präsenz-Methode in ihren vielfältigen Zusammenhängen grundlegend verstehen und erlernen wollen, sollten Sie chronologisch, Kapitel für Kapitel, vorgehen. Wenn Sie sich für ein spezifisches Thema interessieren oder konkrete Situationen reflektieren oder vorbereiten wollen, gehen Sie gezielt zu diesen Aufgabenstellungen. Dabei helfen Ihnen die Querverweise in den Kapiteln und das ausführliche Inhaltsverzeichnis am Anfang des Bandes. Egal, mit welchem Ziel Sie das Buch aufschlagen, ich empfehle Ihnen, zunächst die ersten beiden Kapitel „Präsenz“ und „Atmen“ zu lesen, denn sie vermitteln Basiswissen.
Die folgenden Kapitel greifen die Reihenfolge, in der wir unser Gegenüber wahrnehmen, auf. Im Kapitel „Körperliche Präsenz“ geht es um die Körperhaltung und das Herstellen von Präsenz in dem, was wir weitestgehend den Tag über tun: gehen, stehen und sitzen. Dabei wird die Wirkung dieser Vorgänge sowohl nach innen als auch nach außen betrachtet. Für Gesprächsbeiträge und öffentliches Auftreten kommen noch weitere Aspekte wie Präsenz in Gesten und im Blickkontakt hinzu.
Da Körperhaltung und Innere Haltung sich gegenseitig beeinflussen, folgt auf das Kapitel „Körperliche Präsenz“ das Kapitel „Mentale Präsenz“. Selbstgesteuerte Veränderung ist ohne Bewusstsein nicht vorstellbar. Mentales Training, hilfreiche Gedanken und Übungen zum Verankern konstruktiver Vorstellungen können Sie darin unterstützen, mehr Gestaltungsspielraum zu erobern.
Nachdem wir einen Menschen erblickt haben, nehmen wir den Klang seiner Stimme wahr, der uns seine Stimmung verrät und zugleich die Stimmung im Raum erzeugt. Im Kapitel „Präsenz in der Stimme“ geht es daher um die wichtigsten Einflussfaktoren auf die Qualität der Stimme. Stimmübungen ermöglichen es Ihnen, Ihr Instrument kennenzulernen und feine Schwingungen und Schwingungsräume in sich zu entdecken und zu erleben. Außerdem trainieren Sie Ihr Zwerchfell und steigern über die erhöhte Sauerstoffzufuhr Ihre Energie.
Das Kapitel „Präsenz in der Sprache“ dient dazu, die sprachlichen Ausdrucksmittel zu verfeinern: Es werden drei wesentliche Einflussfaktoren auf die sprachliche Präsenz, hilfreiche Artikulationsübungen und die Fähigkeit, Informationen auf den Punkt zu bringen, erörtert.
Im Kapitel „Rhetorische Präsenz“ untersuche ich, wie Glaubwürdigkeit entsteht und welche Rolle dabei die Atmung und die Atempausen spielen. Der Aufbau von Redebeiträgen findet hier ebenso Raum wie die Frage, wie wir den Kontakt zu unserem Gegenüber aufrechterhalten.
Diese fünf Kapitel schärfen die Bewusstheit für körperliche, geistige, stimmliche, sprachliche und rhetorische Prozesse. Ich gehe darin auf feinste Details ein, denn erst das erfahrbare Detail ermöglicht es uns, Gewohnheiten zu verändern. Haben Sie diese Schritte vollzogen, steht Ihnen Ihr Körper als Resonanzraum bewusster zur Verfügung, und Sie können, was Sie sich erarbeitet haben, in unterschiedlichen Kommunikationssituationen praktizieren.
Im Kapitel „Präsenz in der Kommunikation“ befasse ich mich mit den verschiedenen Grundhaltungen der Menschen, dem Bewusstsein für die Körpersprache und wichtigen Fertigkeiten für den Kommunikationsprozess. Außerdem können Sie sich mit siebzehn konkreten Situationen vertraut machen, die in meinen Seminaren und Coachings am häufigsten nachgefragt und untersucht werden. Die Ergebnisse stehen nun auch Ihnen zur Verfügung.
Alles, was die Präsenz-Methode vermittelt, hat mit der bewussten Sorge um sich selbst, oder anders ausgedrückt, mit Selbstführung zu tun. Im Kapitel „Präsenz in der Führung“ wird es genau darum gehen. Die Erfahrung, sich selbst führen zu können, befähigt dazu, auch andere besser zu führen, nicht zuletzt, weil man aus eigenem Erleben weiß, wie herausfordernd es ist, eigene Verhaltensweisen von Grund auf zu ändern.
Alle erwähnten Aspekte der Präsenz kommen der subjektiven Wahrnehmungsfähigkeit, dem persönlichen Gestaltungsspielraum und dem verantwortlichen Umgang mit sich selbst und anderen zugute. Meine Erfahrungen und Beobachtungen zeigen mir, dass wir uns jederzeit weiterentwickeln können, auch und gerade dann, wenn wir vermeinen, „fertig“ zu sein. Der amerikanische Komponist und Fluxuskünstler John Cage drückte es provokant so aus: „Ich bin, was ich werde.“ Und Heinrich von Kleist formulierte den Umgang mit sich selbst wie folgt: „Menschen, … die in der Vollkommenheit unaufhörlich wachsen – o wie selig sind sie!“
Leben bedeutet Veränderung, und wir können gestaltend daran Anteil haben. Gestaltung ist Voraussetzung für Präsenz. In der Gestaltung entfaltet sich der spannende, selbstbestimmte, selbstbewusste Anteil unseres Erwachsenenlebens, den wir in der Regel nicht genügend ausschöpfen. Die Grundlagen hierfür sind uns Menschen gegeben, und wir dürfen sie auch nutzen.
Warum ist es gerade heute wichtig, sich der bewussten Selbstwahrnehmung zuzuwenden?
Wir leben in einer Zeit, in der sich immer mehr zunehmend schneller verändert. Das verunsichert, weil alle Lebensbereiche davon betroffen sind. Wenn Halt immer weniger im Außen, in verbindlichen Strukturen, zu finden ist, wird es umso notwendiger, ihn in sich selbst zu finden – indem man sich im eigenen Selbst spürbar verankert und sich somit in der Gegenwart verortet. Präsent sein bedeutet eben dies.
Gesellschaftliche Phänomene wie Zeitdruck, Beschleunigung und Verflüssigung von Strukturen, um nur einige Punkte zu nennen, sind systembedingt und müssen vor diesem Hintergrund betrachtet und verändert werden – wobei wir nicht aus den Augen verlieren sollten, dass auch Systeme von Menschen gemacht sind. Auf der individuellen Ebene gilt es, mit der gegenwärtigen Situation umzugehen. Dazu ist es hilfreich, individuelle Lösungen zu finden, eine Haltung zu entwickeln.
Präsenz ist ein Gegenentwurf zum allgegenwärtigen Leistungs- und Zeitdruck. Es mag den einen oder die andere paradox anmuten, dass im Zustand der Präsenz sich die Leistungsfähigkeit erhöht, der Leidensdruck ab- und die Leichtigkeit zunimmt.
Im letzten Kapitel mit dem Titel „Unbegrenzte Aussicht“ gebe ich der Idee einer Gesellschaft präsenter Menschen Raum – Menschen, die mit sich selbst bewusster umgehen, folglich mehr Verantwortung für sich übernehmen und dies ganz natürlich auch auf ihr engeres und weiteres Umfeld übertragen. Ist dadurch gesellschaftlicher Wandel denkbar?
Die meisten meiner Klienten möchten souveräner auftreten können. Sie sind an ihrer Außenwirkung interessiert und entdecken im Verlauf des Coachings, dass Außen und Innen zusammengehören, dass auch ihre innere Einstellung, ihre Gedanken und Vorstellungen sowie ihr Körpergefühl ihre Ausstrahlung prägen.
Was ich den Menschen, mit denen ich arbeite, mit auf den Weg gebe – und was ich auch Ihnen in diesem Buch vermitteln möchte –, ist meine wesentlich durch Selbsterfahrung gewonnene Erkenntnis, die mein eigenes Leben grundlegend verändert hat: dass Körper und Geist eine Einheit bilden, in der das eine ohne das andere nicht gut funktionieren kann. In diesem Zusammenspiel kommt der Atmung eine zentrale Rolle zu.
Präsenz entsteht durch Achtsamkeit, deshalb schulen alle in diesem Buch beschriebenen Übungen diese Fähigkeit. Den Effekt von Achtsamkeitspraktiken haben verschiedene Wissenschaften untersucht. Zahlreiche Studien belegen, „dass Achtsamkeitspraktiken das Wachstum von integrativen Vernetzungen im Gehirn fördern“.2 Das heißt, wenn unterschiedliche Bereiche „gleichzeitig differenziert und miteinander verbunden sind, sich also miteinander abstimmen und aufeinander einstellen können – dann entsteht das, was wir als Harmonie empfinden … Liegt sie vor, so bündeln sich die Kräfte eines Systems, es ergibt sich das Erleben von Schwung und Energie und von Flexibilität.“3
Selbstbewusstsein entsteht, sobald wir uns mit unserem Körper verbinden und ihn bewusst bewohnen. Dann wächst unsere Ausstrahlung, und wir blühen auf. Präsenz ist für jede und jeden herstellbar; nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Alltag, der so an Strahlkraft gewinnt. Präsenz wird auch auf Ihrem Weg zu erhöhter Lebensqualität in allen Lebensbereichen führen. Sie ist der Schlüssel zu einem erfüllten Leben.
Wie jedes Kind liebte ich es, wahrgenommen zu werden: singend und rezitierend in einer Kindergruppe, später in einer Kindertheatergruppe, noch später als Klassen- und Schulsprecherin. Das Zutrauen in meine Fähigkeit, mich auszudrücken, wuchs wie von selbst mit jeder neuen Erfahrung.
Als Jugendliche saß ich dank meinem Deutschlehrer zudem oft gebannt im Theater. Mich faszinierte die Präsenz mancher Schauspieler, ohne es damals so benennen zu können. Das Bühnengeschehen empfand ich als wunderbar verdichtete Wirklichkeit, weit attraktiver als die belanglose Wirklichkeit des normalen Lebens jenseits der Bühne.
Als Konsequenz meiner Begeisterung wurde ich selbst Schauspielerin. Mittlerweile stehe ich seit mehr als einem Vierteljahrhundert auf der Bühne und stelle mich selbst, ausgerüstet mit einem Bündel Handwerkszeug, immer wieder aufs Neue der Herausforderung, präsent zu sein. Während meiner Ausbildung und der ersten Berufsjahre erfuhr ich, wie viel körperliche, geistige und seelische Arbeit sich hinter der so phantastisch leicht wirkenden Bühnenpräsenz verbirgt.
Auch dass Präsenz im keineswegs belanglosen „normalen Leben“ eine bedeutende Rolle spielt, wurde mir allmählich im Laufe meiner persönlichen Reifung klar. Präsenz wurde für mich zu einem Schlüsselwort.
Als sich der Theaterbetrieb mit meiner Vorstellung von Zusammenarbeit in künstlerischen Prozessen und mit meiner werdenden Familie nicht mehr gut vereinbaren ließ, entschied ich mich, frei zu arbeiten. Da ich nun auch als Managerin und Produzentin für mich sorgen musste, kam ich unweigerlich häufiger mit Menschen in Kontakt, für die sicheres Auftreten im Berufsalltag, zum Beispiel in der Wirtschaft oder Wissenschaft, essenziell ist. Immer wieder wurde ich aufgefordert, meine Kenntnisse und Techniken, vor allem aus dem Bereich öffentliches Sprechen und Körperhaltung, weiterzugeben, was ich gerne und überzeugend tat. Über die Jahre erwarb ich mir so durch praktische Erfahrung und Fortbildung die Qualifikation, neben meiner künstlerischen Tätigkeit als Coach, Beraterin und Seminarleiterin zu arbeiten. Beiden Tätigkeiten liegt Kreativität zugrunde. Nach und nach entwickelte sich so ein zweites berufliches Standbein.
In meinen „Learning-by-doing“-Lehrjahren habe ich beobachtet und ausprobiert und vieles für mich entdeckt. Beispielsweise Parallelen zwischen der Erarbeitung einer Theaterfigur und der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit. Oder solch grundsätzliche Zusammenhänge wie die zwischen Körperhaltung und Innerer Haltung. Auch die Qualität des Spielens lässt sich im Schiller’schen Sinn auf den persönlichen Umgang mit jedem Augenblick des Daseins übertragen: „Denn, um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“4
Als Lehrende war es notwendig, das vielfältige Handwerkszeug der Schauspielerin zu reflektieren und mir Zusammenhänge bewusst zu machen, die ich zuvor lediglich intuitiv hergestellt hatte. Prozesse, mit denen ich mich als Schauspielerin über Jahre hinweg beschäftigt habe, sollen nach Möglichkeit in wenigen Stunden, Tagen oder Wochen in Gang gesetzt und wirksam werden. Vereinfachung und Reduktion auf zentrale Wirkmechanismen und auf für die Anwendung einprägsame Analogien sind gefragt. Ich nehme beispielsweise das Wort „Auftritt“ wörtlich und vermittle eine einfache Übung zum Spüren der Füße beim Auftreten. Folgendes habe ich in meiner Praxis erlebt:
Eine Klientin, die eine verantwortliche Position innehat, stieß an eine ihr unangenehme Grenze: In ihrem von Männern dominierten beruflichen Umfeld wurde sie zwar als Spezialistin geschätzt, hatte aber trotz gleicher Hierarchieebene das Gefühl, nicht genügend wahrgenommen zu werden. In der ersten Stunde gab ich ihr eine meiner Grundlagenübungen, jene zum Spüren der Füße, mit auf den Weg. Die nächste Stunde leitete sie, fast amüsiert, mit den Worten ein: „Frau Ehinger, Sie verändern ja mein Leben!“ Während einer Konferenz in München hatte sie die Übung sowohl in den Pausen als auch beim Stadtbummel ausprobiert, mit dem für sie selbst deutlich spürbaren Ergebnis, mehr Aufmerksamkeit zu bekommen.
Eines vor allem wurde mir in meiner Praxis als Coach deutlich: Die meisten Menschen nehmen ihren Körper im alltäglichen Tun viel zu wenig wahr, was zu einer Art Unwohl- und Unbefriedigtsein führt. Eine Kollegin brachte es nach einem gemeinsamen Seminar einmal auf den Punkt: „Die Menschen hungern nach Körperlichkeit.“5
Wenn wir unseren Körper nicht wahrnehmen, kann er uns nicht unterstützen. Dies ahnen viele, deshalb hegen und pflegen sie ihn mit Wellness, Fitnessstudio und Yoga. Der Körper findet dort Beachtung und seinen Raum. Doch nur selten wird die Körperwahrnehmung in den beruflichen und privaten Alltag übertragen. Das liegt unter anderem daran, dass zwar Techniken vermittelt werden, dabei aber leider grundsätzliches Wissen über den Körper und die Zusammenhänge von Körperhaltung, Atmung und Innerer Haltung zu kurz kommt. So nimmt es nicht wunder, dass es den meisten unmöglich ist, die Körpererfahrung in ihr tägliches Leben einzubetten. Es fehlt schlicht an praktikablem Wissen und an der Aufmerksamkeit für sich selbst im Alltag. Das ist der Punkt, an dem ich ansetze.
Ich erkläre Zusammenhänge genau, damit Sie eigenständig agieren können. Während der vergangenen fünfundzwanzig Jahre konnte ich zusammen mit aufgeschlossenen Klienten die unterschiedlichsten Übungen entwickeln. Fast allen ist gemein, dass sie sich praktisch in den Berufsalltag integrieren lassen. Es sind Übungen, die leicht und weitestgehend unsichtbar und unhörbar durchgeführt werden können. Zum Teil sind es einfache Maßnahmen, die jedoch eine große Wirkung, zumindest für den Moment, erzielen. Und besteht unser Leben nicht schlicht aus einzelnen Momenten?
Wäre ich im Vorstand eines Unternehmens, würde ich alles daransetzen, dass die tägliche Arbeitsplatzsituation mehr Spielraum für Bewegung und Sammlung zulässt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden meiner Erfahrung nach in die Lage versetzt, selbstverantwortlicher, engagierter und inspirierter zu handeln.
Als Coach und hier als Buchautorin ist es also meine Aufgabe, Ihnen neben dem Verständnis für Ihren Körper vor allem praktikable Übungen an die Hand zu geben. Inwieweit Gedanken oder Übungen dazu beitragen, Ihren persönlichen Spielraum zu erweitern, hängt maßgeblich von ihrer konsequenten Umsetzung in der Praxis ab. Es gibt so viele wunderbare Erkenntnisse – doch leben wir auch danach?
Was ich mir als Schauspielerin erarbeitet habe, ist die Fähigkeit, mir fremde Gedanken und Bewegungen anzueignen. Bühnenkünstler sind zunächst Aneignungsspezialisten. Sie lernen fremde Texte, Partituren, Bewegungsabläufe auswendig. Dies erfordert Präzision, Einfühlungsvermögen und Beharrlichkeit, aber natürlich auch Kreativität, um das Erlernte so weiterzuentwickeln und lebendig werden zu lassen, dass es zu Eigenem wird.
Es ist dieser Aneignungsprozess, der es ermöglicht, fremde Gedankengänge und neue Bewegungsmöglichkeiten mit sich selbst, dem eigenen Körper und Geist, in Verbindung zu bringen und auf diese Weise in das eigene Repertoire einfließen zu lassen. Das ist Handwerk. Die Präsenz-Methode gibt Anleitungen zu verschiedenen Aneignungsverfahren.
Als Praktikerin – Schauspielen und Performen verstehe ich wesentlich als Praxis – eigne ich mir mein Wissen überwiegend durch konkrete Erfahrungen an. Dieses Wissen überprüfe ich immer wieder in meinem Alltag und in meiner Arbeit, indem ich es anwende und weitergebe. Jedes Seminar, jedes Coaching, jedes Gegenüber erweitert oder modifiziert dieses Wissen. Es ist ein steter Prozess. Deshalb bin ich all jenen dankbar, die sich mir auf ihrem Weg zu mehr Präsenz anvertraut haben. Ich habe durch das gemeinsame Untersuchen von beruflichen Situationen viel von ihnen gelernt. Letztendlich kam die Anregung, meine Erfahrung und mein Wissen schriftlich niederzulegen, von Teilnehmerinnen und Teilnehmern meiner Seminare. Ihr ausgesprochen positives Feedback bestärkte mich in meiner Einschätzung, wie ungemein wichtig die Wahrnehmung und Wertschätzung des Körpers im Alltag ist und dass ich dazu Wesentliches beitragen kann.
Sie sollten dieses Buch als durchaus vorläufiges Ergebnis meiner Erfahrungen und praktischen Studien lesen, welches Ihnen als Anregung und Leitfaden dienen soll, die Inhalte und Übungen in Ihr Leben zu integrieren, sie nach Ihren Erfahrungen zu verfeinern oder auf Ihr Erleben abzustimmen – sie als Hilfe zur Selbsthilfe zu nutzen. Ich bitte Sie, Ihre Erfahrungen mit dem, was Sie lesen und ausprobieren, zu verknüpfen und Ihren Werkzeugkasten zu erweitern. Anhand des hier versammelten Materials wird es Ihnen möglich sein, selbstständig an sich zu arbeiten, Ihre Erfahrungen immer weiter zu vertiefen oder sich einfach auf eine bestimmte Aufgabenstellung vorzubereiten.
Wissen bleibt letztlich ohne Nutzen, fließt es nicht ins Tun zurück. Johann Wolfgang Goethe hat dies treffend formuliert: „Es ist nicht genug, zu wissen, man muss es auch anwenden; es ist nicht genug, zu wollen, man muss es auch tun.“ In diesem Sinne möchte ich Sie einladen, die Qualität von Präsenz für sich zu entdecken und Ihrem Körper den Genuss zu gönnen, der aus der Anwendung des Verstandenen resultiert.
Theater
Ins Licht treten
Die Treffbaren, die Erfreubaren
Die Änderbaren.
Bertolt Brecht
Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen;
Mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen;
Der Augenblick ist mein, und nehm ich den in acht,
So ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.
Andreas Gryphius
„Du tanzt nicht, um auf die andere Seite der Tanzfläche zu kommen.“
Alan Watts
In der Tanzbewegung lassen Sie sich auf das Zusammenspiel mit Ihrer Partnerin oder Ihrem Partner und der Musik ein. Gelingt das Zusammenspiel, gehen Sie darin auf. Die Wendung „In-einer-Sache-Aufgehen“ birgt einen tieferen Sinn in sich: Besagt sie nicht, dass man gerade dadurch aufzublühen hoffen darf, dass man sich einem Vorgang ganz hingibt? Sollten Sie indes mit Ihren Gedanken woanders sein, beim Gespräch mit einem Geschäftspartner oder bei anderen wichtigen oder weniger wichtigen Belangen Ihres Lebens, sei es in der Zukunft oder der Vergangenheit, wird der Tanz für Sie zu einer leeren Bewegung, in der Sie bloß die Tanzfläche überqueren. Sie tanzen „mechanisch“, das heißt unbeseelt, oder kommen aus dem Rhythmus. Sowohl für Sie wie für Ihren Partner gerät der Tanz zur holprigen Pflichtübung statt zum freudvollen Miteinander. Genießen können Sie den Tanz nur, wenn Sie präsent sind, wenn Sie sich ihm wach hingeben.
Präsent sein – wer möchte das nicht? Ist es nicht der tiefe Wunsch eines jeden, gesehen zu werden, Anerkennung zu finden, zu wirken und dem Leben dadurch einen Sinn zu verleihen? Klingen in dem Wort „Präsenz“ nicht auch die Vorstellung und die Sehnsucht an, das eigene, einzigartige Leben präsent, also möglichst gegenwärtig, zu erleben?
Weitere Fragen, denen ich begegne, lauten: Ist Präsenz etwas, das man hat oder nicht hat? Ist Präsenz eine Frage des Persönlichkeitstyps, etwas Angeborenes oder gar Ererbtes? Dahinter steckt die eigentliche Frage: Kann man für seine Präsenz oder seine „Ausstrahlung“ etwas tun, oder ist alle Mühe vergeblich?
Präsenz erweist sich als ein Phänomen mit zwei Gesichtern. Sie beeinflusst sowohl Ihre Selbstwahrnehmung als auch die Wahrnehmung Ihrer Person durch Dritte, Ihr inneres Erleben ebenso wie Ihr äußeres Wirken, was schlicht bedeutet, dass beides, das Wahrnehmen wie das Wahrgenommenwerden, unmittelbar miteinander zusammenhängt. Und dieser Zusammenhang erschließt und verheißt uns das Wesentliche der Präsenz: ihre Herstellbarkeit.
Der Begriff „Präsenz“ leitet sich aus dem lateinischen praesentia ab, was Gegenwart, Anwesenheit und auch Wirkung bedeutet. Das ins Deutsche entlehnte Wort Präsenz lässt sich als Anwesenheit, Gegenwärtigsein oder umfassender als räumliches, zeitliches, körperliches und geistiges Zugegensein definieren. Präsenz und Präsentsein werden im Buch synonym verwendet.
„Hat“ eine Person Präsenz, eignet ihrem Auftreten ein gewisses Etwas, das andere gleichsam als „verstärktes Anwesendsein“ empfinden. Präsent zu sein heißt, hundertprozentig anwesend, in der Gegenwart, im Hier und Jetzt zu sein, kurzum: zu sein!
Präsenz ist keine Eigenschaft, sie ist ein Zustand, jedoch nicht dauerhaft, sondern temporär.
Wie kann es uns ganz bewusst gelingen, in der Gegenwart zu sein, zumal wir doch glauben, automatisch in ihr zu verweilen? Vertrauen wir überhaupt unserem Sein? Im Englischen bedeutet present sowohl Gegenwart als auch Geschenk. Können wir uns selbst als „Geschenk“, als eine Bereicherung begreifen? Ich erlebe immer wieder, dass Rednerinnen und Redner sich auf die Vermittlung von Inhalten stürzen, weil sie sich selbst zu wenig vertrauen. Sie gönnen es sich nicht mehr, frei zu atmen, und sind weit davon entfernt, sich als „Geschenk“ wahrnehmen zu können.
Versetzen Sie sich bitte in die Beobachterrolle: Was nehmen Sie als Erstes bei Ihrem Gegenüber wahr? Sind es nicht die körperliche Gestalt (Körperhaltung, Gesichtsausdruck, gegebenenfalls Geruch) und der Klang der Stimme, bevor das, was gesagt wird, ins Bewusstsein dringt?
Sie können das ganz einfach überprüfen, indem Sie sich beispielsweise an Ihr letztes Meeting oder Ihre letzte Konferenz erinnern. Welche Teilnehmerin, welcher Teilnehmer kommt Ihnen in den Sinn? Wer war „präsent“ und vor allem wodurch? Es kann durchaus sein, dass diese Person inhaltlich nicht viel zu sagen hatte, aber trotzdem durch ihre Art, nonverbal und verbal zu kommunizieren, überzeugend auf Sie wirkte. Das ist möglich, weil körperliche Präsenz von Inhalten unabhängig ist.
Den König spielen die anderen, heißt es im Theater. Das bedeutet, dass die Wirkung eines Menschen nicht nur von ihm allein abhängt, sondern auch von den Reaktionen anderer. Wir empfinden seine Präsenz unterschiedlich, je nach unserem Erfahrungshintergrund. Das Geheimnis um die spezifische Präsenz eines Menschen wird sich letztlich nie ganz lüften lassen. Offensichtlich gibt es aber Menschen, die bei vielen eine ähnliche Resonanz auslösen. Warum?
Interessanterweise bereiten sich die meisten auf Präsentationen oder andere Redebeiträge in der Regel inhaltlich, methodisch und strategisch vor. Denn aufgrund unserer Erziehung und Bildung sind wir stark auf Inhalte und Wissensvermittlung fixiert. Dabei ruht die Überzeugungsfähigkeit auf drei Säulen: auf der körperlichen und stimmlichen Präsenz und auf den Inhalten. Genau in dieser Reihenfolge werden wir wahrgenommen.
Zuerst gerät die körperliche Erscheinung, die körperliche Präsenz, in den Blick: die Haltung, ob jemand frei oder unfrei atmet und sich bewegt, außerdem, wie er oder sie den Anwesenden begegnet und nonverbal mit ihnen kommuniziert. Die Kleidung gehört ebenfalls dazu und kann unterstützend wirken. Auch die Weise, wie die Person den Raum betritt, ist beredt und erzählt etwas über ihren Umgang mit Zeit und Raum. Wird der Augenblick wertgeschätzt, indem Sie ihn bewusst erleben, sind Sie zeitlich präsent; schließt dieses Gewahrsein den Raum mit ein, entsteht zugleich Präsenz im Raum. Sie treten in Beziehung mit dem Raum und den Anwesenden. Natürlich erleben Sie all dies im Augenblick Ihres Auftritts nicht getrennt voneinander. Es handelt sich bei Zeit, Körper und Raum um Aspekte von Präsenz, die wir alle immerzu unbewusst wahrnehmen, und um Anknüpfungspunkte, durch welche wir Präsenz bewusst herstellen können.
Körperliche Präsenz erzeugt eine Atmosphäre. Sobald die Stimme erklingt, entsteht eine spezifische Stimmung. Zuletzt folgt die Aufmerksamkeit der Zuhörenden dem Inhalt. Erst wenn eine Person uns stimmig erscheint, vertrauen wir auch ihren Worten. Andernfalls neigen wir leicht dazu, die mitgeteilten Inhalte unreflektiert abzulehnen oder in Frage zu stellen.
So lautet meine zentrale Arbeitsthese, die auf den Erkenntnissen beruht, die ich im Laufe meiner Tätigkeit sowohl als Schauspielerin wie auch als Coach gewonnen habe. Präsenz basiert auf Selbstwahrnehmung. Selbstwahrnehmung ist aber auch das Ergebnis von Präsenz.
Wenn wir uns selbst Aufmerksamkeit schenken, das heißt mit unseren Sinnen – Spüren, Sehen, Hören, Riechen und Schmecken – wahrnehmen, was wir tun, kommen wir geradewegs in der Gegenwart an. Das bleibt nach außen hin nicht verborgen. Innere Präsenz ist Voraussetzung für äußere – öffentliche – Präsenz.
Zur Herstellung von körperlicher und stimmlicher Präsenz eignet sich aus meiner Erfahrung insbesondere das Spüren. Vielleicht kennen Sie folgende Situation: Von einem Termin zum nächsten eilend, sind wir häufig in Gedanken mit allerlei Dingen beschäftigt, die in der Vergangenheit oder in der Zukunft liegen. So kann es geschehen, dass wir anderen, die uns dabei beobachten, wie „abwesend“ vorkommen. Würden wir in solchen Momenten uns selbst wahrnehmen, nämlich spüren, wie wir gehen, so würden sich unsere Körperhaltung, Muskelspannung und unser Wohlgefühl verändern. Es entginge uns nicht, wie der Boden unseren Füßen Halt gibt und wie sich, wenn wir dessen gewahr werden, die Wirbelsäule von selbst entspannt aufrichtet. Wir würden uns wohler fühlen, und im Auge des Betrachters wären wir selbstbewusst und präsent. Bewusst zu gehen schließt im Übrigen das Denken nicht aus, wovon im Kapitel „Körperliche Präsenz“ eingehend die Rede sein wird.
Präsenz ist herstellbar im Zusammenspiel von Selbstbewusstsein und bewusstem Umgang mit uns selbst im Alltag. Praktisch bedeutet dies: Wir suchen in jeder Situation konkrete Kontaktpunkte, die wir spüren können und die uns Halt geben, um in diesem Gehaltenwerden das Gegenwärtigsein entspannter zu erleben.
Wenn Sie Lust haben, probieren Sie es gleich aus: Während Sie lesen, nehmen Sie bitte den Kontakt mit der Sitzfläche, Rückenlehne oder der Auflagefläche im Liegen wahr. An welchen Stellen spüren Sie ihn? Spüren Sie auch Ihr Gewicht? Was geschieht, wenn Sie Ihr Gewicht bewusst an die Unterlage abgeben? Wie macht sich das bemerkbar? Entspannen Sie sich? Atmen Sie auf? Bemerken Sie möglicherweise eine Anspannung in den Schultern oder im Kiefergelenk, die sich nun lösen kann? Verändert sich Ihre Innere Haltung, während Sie weiterlesen und sich gleichzeitig weiterhin im Kontakt mit der Sitz- oder Liegefläche körperlich wahrnehmen? Kann es sein, dass Sie sich selbst lesend wahrnehmen und zugleich den Inhalt des Buches, statt – wie zuvor – diesen allein?
Mit jedem der fünf Sinne lässt sich ein solches Experiment durchführen, und immer erbringt es das nämliche Resultat: Sobald Sie ganz in der Gegenwart angelangt sind, innere und äußere Vorgänge gleichermaßen wahrnehmen, stellen sich identische körperliche Folgen ein:
Der Muskeltonus verändert sich. Dies gilt auch für das Zwerchfell – den wichtigsten Muskel für die Atembewegung –, wodurch die Atmung sich vertieft. Das freiere Atmen führt dazu, dass Sie sich besser mit Sauerstoff versorgen und dadurch mehr Energie zur Verfügung haben. Sie werden sich wohler fühlen. Auch Ihre Konzentration, Ihre Aufnahme- und Verarbeitungskapazität nehmen zu. Das gestiegene allgemeine Wohlbefinden wirkt sich zudem positiv auf Ihr Immunsystem aus.
Das Herstellen von Präsenz bedarf der Aufmerksamkeit, gerade bei alltäglichen Vorgängen, und je öfter Sie sich darin üben, desto mehr wird sich Ihre Achtsamkeit verfeinern.
Präsentsein beschreibe ich gerne als eine spezifische, außerordentlich erstrebenswerte Lebensqualität. Ich habe die Qualität von Präsenz als Schauspielerin auf der Bühne kennen und schätzen gelernt. Bühnenkünstler sind Spezialisten im Herstellen von Präsenz. Das ist unser Handwerk. Auf der Bühne geht es darum, Vorgänge, egal zum wievielten Mal, immer wieder neu zu erleben und zum Erlebnis werden zu lassen, sich ganz wach dem Augenblick hinzugeben.
Erleben heißt hier, das Spiel, das aus Verabredungen besteht, zu beleben, es sich jedes Mal von Neuem entwickeln zu lassen, anstatt an einer bestimmten einstudierten Weise mechanisch festzuhalten. Es bedeutet, im Fluss zu bleiben, offen, berührbar zu sein – bewegt zu werden und zu bewegen, im und durch den eigenen Rhythmus.
Präsenz ist kein Effekt. Präsenz ist Ursache und Wirkung zugleich.
Der französische Dichter Jean Genet zeigt in seinem Essay „Der Seiltänzer“ eindrucksvoll, dass starke Bühnenpräsenz nichts ist, worüber man permanent verfügt. Der Seiltänzer glänzt im Licht und tanzt auf dem Seil, in einem besonderen Moment, auf den er sich jahrelang mental und physisch vorbereitet hat. Im Alltag taucht er ein in die Masse der Menschen, wird unsichtbar. Dieses Phänomen des Glänzens und Verblassens kennen viele Bühnenkünstler und Personen des öffentlichen Lebens. Wir können nicht immer glänzen. Aber wenn wir glänzen wollen, wissen und spüren wir, wie wir uns dafür präparieren und uns während unseres Auftritts fokussieren können.
Es gibt, abhängig von der Situation, in der wir uns befinden, unterschiedliche Arten von Präsenz. Wir können zwischen öffentlicher Präsenz und privatem Präsentsein differenzieren. Letzteres, sei es zu Hause oder auf unseren Wegen, heißt, das, womit wir uns gerade beschäftigen, bewusst zu tun, körperlich und geistig zugegen zu sein. Öffentliche Präsenz hingegen schließt weitere Bezugspunkte mit ein: den bewussten Umgang mit dem jeweiligen Raum, den Teilnehmenden und der Rolle, die wir in einer bestimmten Situation einnehmen. Dies erfordert zusätzliche physische und mentale Präsenz. Daher ist es verständlich, dass öffentliche Präsenz nicht ununterbrochen leistbar ist – doch können solche Auftritte zu den Glanzpunkten im Leben zählen.
In Goethes „Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie“ fragt der goldene König: „Welches ist das wichtigste Geheimnis?“ „Das Offenbare“, bekommt er zur Antwort.
Liegt das, was uns maßgeblich beeinflusst und bewegt, vielleicht offen vor uns und wir nehmen es nur nicht wahr? Vielleicht, weil es zu selbstverständlich ist? Hier rühren wir an das so geheime wie offenbare Zentrum der Präsenz – die Atmung. Sie ist eine Lebensfunktion, die wir willentlich beeinflussen können. Meist jedoch vollzieht sie sich unbewusst. Häufig nehmen wir die Atembewegung erst dann wahr, wenn wir in Bedrängnis geraten: etwa wenn wir außer Atem sind, das Gefühl haben, keine Luft mehr zu bekommen, oder wenn wir einen langen Atem benötigen.
Alle Kommunikationsprozesse, die Entfaltung der Persönlichkeit mit all ihren körpersprachlichen, stimmlichen und sprachlichen Ausdrucksfähigkeiten sowie die Fähigkeit, sich in Stresssituationen schnell wieder zu beruhigen, wieder runterzukommen, wie man sagt, werden vom Atemvorgang getragen. Um ihn bewusst für unsere Unterstützung und Entfaltung zu nutzen, müssen wir uns ihn und seine Bedeutung für unser Leben vergegenwärtigen. Das bedeutet: Wenn wir der Atembewegung mehr Raum in uns geben, kann sich auch unsere Persönlichkeit von innen heraus weiter entfalten. Außerdem hilft uns die bewusste Wahrnehmung der Einatmungsbewegung, uns zu zentrieren – eben präsent zu sein.
Bedauerlicherweise ist das Bewusstsein für den gesunden Atemvorgang in unserer Kultur nach wie vor kaum ausgeprägt. Das nächste Kapitel gibt deshalb einen grundlegenden Einblick in diesen für unser Dasein so wichtigen Prozess.
Was bedeutet Präsentsein konkret für unser Leben? Wenn Sie sich folgende Qualitätsmerkmale vergegenwärtigen, werden Sie erahnen können, welche Lebensqualität Präsenz ermöglicht. Hierzu zählen:
•Sich einer oder mehreren Tätigkeiten bewusst widmen
•Körperlich und geistig gegenwärtig sein
•Aufmerksamkeit, Wachheit
•Muskuläre Wohlspannung
•Frei fließende Atmung
•Im eigenen Rhythmus sein
•Optimale Energie
•Gut bei sich sein
•Sammlung, Konzentration
•Gute Wahrnehmungsfähigkeit
•Gute Aufnahmefähigkeit und Offenheit
•Selbstbestimmt agieren und wirken
•Wohlgefühl
•Zufriedenheit
•Souveränität
•Sich seiner selbst bewusst sein
Die aufgezählten Merkmale beeinflussen sowohl das persönliche Befinden wie auch das Kommunikationsverhalten und somit die Wirkung auf andere.
Was davon zunächst vielleicht noch abstrakt anmutet, wird durch die Übungen in diesem Buch sinnlich nachvollziehbar werden.
Was sind die spezifischen Erkennungsmerkmale des Gegenteils von Präsenz? Vom Begriff her ist es die Absenz, also die Abwesenheit. Jemand ist zugleich da und nicht da, zwar körperlich anwesend, aber geistig woanders; oder jemand ist geistig anwesend, im Körper aber kaum gegenwärtig. In der folgenden Aufstellung finden Sie das jeweilige Gegenteil der oben aufgelisteten Merkmale von Präsenz. Lesen Sie sie genau durch, und fragen Sie sich, welchen Zustand diese Symptome charakterisieren:
•Eine oder mehrere Tätigkeiten unbewusst oder nicht ausreichend bewusst ausführen
•Nicht ganz gegenwärtig sein: der Vergangenheit anhaften oder sich in der Zukunft aufhalten
•Geteilte Aufmerksamkeit, Unruhe, Zerstreutheit
•Muskuläre Unter- oder Überspannung
•Blockierte Atmung
•Verlust des eigenen Rhythmus
•Energieverlust
•Nicht gut bei sich sein, das heißt zu sehr mit Vergangenem und Zukünftigem beschäftigt sein
•Fahrigkeit, Nervosität
•Beschränkte Wahrnehmungsfähigkeit
•Eingeschränkte Aufnahmefähigkeit
•Fremdbestimmt agieren und wirken
•Unwohlsein
•Unzufriedenheit
•Unsicherheit
•Unbewusstheit
Wenn Sie diese Eigenschaften auf sich wirken lassen, kommen Sie vermutlich schnell auf einen gängigen Begriff: „Stress“.6
„Der Ausdruck ‚Stress‘ dient als Sammelbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Einzelphänomene, für die ein Zustand erhöhter Aktivierung des Organismus (verbunden mit einer Steigerung des emotionalen Erregungsniveaus) kennzeichnend ist.“7
Disstress, sogenannter negativer Stress, entsteht in der Regel durch Mehrfachbelastung – wenn wir verschiedene Dinge gleichzeitig erledigen oder in Gedanken bewältigen wollen – und das daraus resultierende Gefühl der Überforderung. Überfordert sind wir auch, wenn wir gesundheitlich geschwächt sind und uns trotzdem Leistung abverlangen. Mental verursachter Stress schlägt sich in psychischen und psychosomatischen Symptomen nieder. Es gibt auch durch Unterforderung bedingten Stress. Dann leiden unsere körperlichen und geistigen Fähigkeiten, und unsere Wahrnehmungsfähigkeit ist beeinträchtigt. Stress wirft uns aus der Balance, macht uns nervös und reizbar. Wir fühlen uns fremdbestimmt oder „ferngesteuert“. Bei langanhaltendem Stress kann es zu einem Burnout-Syndrom kommen.
Bei Stress ändert sich augenblicklich die Qualität unserer Atmung. Die Atemmuskulatur wird gehemmt. Dadurch atmen wir nicht mehr tief ein und aus, sondern flach und hektisch. Ein Gefühl von Enge und Bedrängnis entsteht, wie ein Würgegriff.
Stress hat man nicht einfach, sondern man macht ihn sich weitgehend selbst oder lässt ihn zu. Ebenso wenig „hat“ man Präsenz, man stellt sie vielmehr her. Wenn ich mir ansehe, wie positiver Stress, also Eustress, definiert wird, erkenne ich deutliche Überschneidungen mit der Wirkung von Präsenz:
„Eustress ist eine notwendige Aktivierung des Organismus in Form einer günstigen, gesundheitsfördernden Belastung, die den Menschen zur Nutzung seiner Energien führt und damit auch eine Weiterentwicklung eigener Fähigkeiten ermöglicht; Eustress kann eine leistungsstimulierende Funktion haben und dadurch als mobilisierender Faktor wirken.“8
Als Ursachen für Eustress werden häufig Verliebtheit, eine ausgesprochen erfreuliche Nachricht oder auch inspirierende Arbeit genannt. Wenn wir Präsenz herstellen, kommen wir in den Genuss ihrer im Vorangehenden aufgezählten Qualitäten. Man kann daher sagen, dass Präsenz auch der Stressprävention und -intervention dient und durchaus als eine Art Heilmittel verstanden werden kann. Präsenz ist die Verbundenheit von Körper und Geist in allen Lebenslagen im Hier und Jetzt – als Voraussetzung für ein selbstbestimmtes, erfülltes Leben in Verbundenheit mit dem Leben anderer. Wir müssen nicht gleich verliebt sein, um uns sehr wohl in unserer Haut zu fühlen. Wir sind inspiriert, wenn wir in jedem Augenblick unsere natürliche Atembewegung zulassen und wahrnehmen.
Präsentsein ermöglicht es uns, aus stresserzeugenden Situationen und Lebenseinstellungen bewusst auszusteigen beziehungsweise Disstress in Eustress zu verwandeln. Dies ist ein wichtiger und auch überraschender Aspekt von Präsenz, der den meisten nicht bewusst ist und deshalb auch nicht bewusst genutzt werden kann.
Folgende kleine Geschichte verdeutlicht, welcher Herausforderung wir uns stellen, wenn wir präsent sein wollen:
„Die Schüler fragten den Rabbi, was das Geheimnis seiner Weisheit sei. Darauf antwortete er ihnen: ‚Wenn ich sitze, sitze ich; wenn ich stehe, stehe ich; wenn ich gehe, gehe ich.‘ Die Schüler sahen sich betreten an und meinten, sie hätten nicht recht verstanden. Also fragten sie erneut: ‚Was ist das Geheimnis deiner Weisheit?‘
Er aber sagte: ‚Wenn ich sitze, sitze ich; wenn ich stehe, stehe ich; wenn ich gehe, gehe ich.‘ Da wurden die Schüler ungehalten und erwiderten: ‚Meister, was du sagst, das tun wir auch, aber wir sind weit entfernt von deiner Weisheit.‘ Da schüttelte der Rabbi lächelnd den Kopf. ‚Nein‘, sagte er, ‚wenn ihr sitzt, seid ihr schon aufgestanden; wenn ihr steht, seid ihr schon losgegangen; wenn ihr geht, seid ihr schon angekommen.‘“9
Präsent ist, wer präsent ist. Wer präsent ist, wirkt präsent.
Lüften Sie das Geheimnis des Rabbi, indem Sie Stück für Stück lernen, wie Sie Präsenz herstellen können.
„Die Luft webt das All, der Atem webt den Menschen.“
Upanishad, Atharva-Veda
„Der Atem ist der Regler aller Dinge.“
Indisches Sprichwort
Eine befreundete Schauspielerin und Stimmtherapeutin war erstaunt, als ich ihr erzählte, dass ich ein Buch über Präsenz schreibe, in welchem der Atem eine zentrale Rolle spielt: „Ist denn über das Atmen nicht schon alles gesagt?“ Ich schätze sie sehr, umso mehr beschäftigte mich ihre Frage längere Zeit.
„Ja und Nein“, antworte ich heute. Über das Atmen ist in der Tat in Fachkreisen und in der Fachliteratur das Wesentliche bekannt. Dies gilt sowohl für die Atem- und Stimmtherapie, die Stimmbildung, als auch für verschiedene Körpertherapien. Und natürlich ist die weltweit am meisten verbreitete Meditationspraxis seit über 2500 Jahren die der Achtsamkeit auf den Atem. Es bedarf meiner Erfahrung nach jedoch zusätzlicher Brücken, um das wertvolle Wissen der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Wir alle haben, bewusst oder unbewusst, eine Vorstellung vom Atemgeschehen. Sie bestimmt die Art und Weise, wie wir atmen – und somit, wie wir leben und wirken. Meine Leser werden von der Reichweite des Atems erfahren, können körperliche Erfahrungen sammeln und diese im Alltag verankern. Dann wird es jedem möglich sein, durch die bewusste Verbindung mit sich selbst seiner selbst bewusster zu werden und aus der gewonnenen Selbstsicherheit die Verbindung zu anderen selbstbewusst herzustellen. Selbstsicherheit immer wieder zu erlangen, wenn das Gefühl der Angst uns überwältigt, erscheint mir besonders wertvoll.
Mit dem ersten Einatmen beginnt unser Leben außerhalb des Mutterleibs, und mit der letzten Ausatmung geht es zu Ende. Dazwischen liegt die endliche Spanne der Lebenszeit. Atem ist Leben – ist Bewegung – ist Rhythmus.
Ohne Nahrung kann der menschliche Körper mehrere Wochen, ohne Wasser lediglich drei Tage leben. Setzt die Atmung fünf Minuten aus, stirbt der Mensch. Dies wissen die meisten. Über das lebenswichtige Molekül Sauerstoff und seine Aufnahme machen wir uns aber kaum Gedanken. Wir atmen eben. Dabei spielt der Atem noch eine weit über die Funktion der Zellversorgung mit Sauerstoff hinausgehende Rolle. Er bewegt uns innerlich. Und es ist die Art des Atmens, welche uns nonverbal Auskunft über Emotionen gibt. Somit sind wir über das Atmen auch miteinander im Austausch. Über den Atem haben wir aber auch einen direkten Zugang zu eigenen Emotionen. Denn beim Atmen stehen körperliche, seelische und geistige Vorgänge in ständiger Wechselbeziehung, wie ein schwingendes Band, welches Leib, Seele und Geist verbindet. Diese Verbindung sowohl mit sich selbst als auch mit anderen ist über den Atem erfahrbar. In der Anwendung heißt dies, dass wir die Atmung bei allen Aufgaben und in unterschiedlichen Situationen bewusst als stützenden Grund zu erleben versuchen. Wie dies geht, werden Sie Stück für Stück in diesem Buch entdecken.
