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Brandenburg im 15. Jahrhundert: Die Brüder Dietrich und Johann von Quitzow herrschen über weite Landstriche der Mark. Das Leben der Brüder gleicht einem Historienroman: Dem rasanten Aufstieg zum mächtigsten Geschlecht in der Mark Brandenburg folgt ein tiefer Fall. Geblieben ist das schaurige Bild der Brüder als Menschenschinder und Raubritter. Aber stimmt das? Uwe Michas, Archäologe und Mittelalterexperte, folgt den historischen Spuren der Quitzows und erzählt ihre Geschichte neu. Die Geschichte Brandenburgs im Mittelalter bewegte schon Karl May. Er setzte den Brüdern Dietrich von Quitzow und Johann von Quitzow ein Denkmal in seinem Historienroman "Der Quitzow letzte Fahrten". Die Brüder kommen nicht gut weg – Raubritter sollen sie gewesen sein und Menschen gefangen gehalten haben. Lange hielt sich dieses Bild der Brüder auch in Geschichtsbüchern. Dr. Uwe Michas beleuchtet die Karrieren dieser beiden Brüder aus dem Brandenburger Adel neu. Und er zeigt, welche Rolle sie spielten bei der Übernahme der Mark Brandenburg durch die Hohenzollern. Diese historische Biografie ist genau die richte Lektüre für alle Fans von Mittelalter, von Landesgeschichte oder für all jene, die noch ein passendes Geschenk für die Großeltern suchen.
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Seitenzahl: 156
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Uwe Michas
Räuber und Rebellen
Märkische LebensläufeBand 2
Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de/ abrufbar.
1. Auflage 2022
© ammian Verlag, Berlin
Inhaber: Marcel Piethe, Rahnsdorfer Straße 26, 12587 Berlin.
Redaktionsschluss: September 2022
Redaktion: Bettina Bergmann, Marcel Piethe
Lektorat: Konrad H. Roenne
Satz und Umschlag: Sabrina Milazzo, www.sabrinamilazzo.net
Gedruckt in der EU
ISBN: 978-3-948052-57-7
eISBN: 978-3-948052-65-2
www.ammian-verlag.de
Vorwort
Die Mark Brandenburg unter den Askaniern
Der brandenburgische Adel – Herkunft und Genese
Wittelsbacher und Luxemburger
Jobst von Mähren
Die spätmittelalterliche Agrarkrise
Militärische Ereignisse in der Mark im 14. Jahrhundert
Die Quitzows und ihre Wurzeln
Die Vorfahren
Der Weg nach oben
Zwei gute Partien
Das mittelalterliche Heerwesen in der Mark Brandenburg
Stich ins Wespennest
Der Landesherr
Der Feldzug von 1402
Dietrich von Quitzow
Ein neuer Landeshauptmann
Berlin und Cölln
Neue Bündnisse
Der gefeierte Held
Die Nachbarn
Innere Zustände
Machtausbau
Johann II. von Mecklenburg-Stargard
Neue Kämpfe
Die Macht des Geldes
Köpenick
Quitzowland
Schutzgeld
Privatleben
Das Ende einer Beziehung
Neue Zeiten
Verwirrung
Die Kanone
Der neue Statthalter
Bündnisse und Vorbereitungen
Der Plan
Friesack
Plaue
Golzow und Beuthen
Ende eines Feldzuges
Dietrich von Quitzow in Pommern
Johann von Quitzow
Fehden und Krieg
Polen und Hussiten
Die Prignitz
Die Erben
Dietrich und Johann von Quitzow – Räuber und Rebellen?
Literatur
Personen- und Ortsregister
Bildnachweis
Der Autor
„Es entspricht innerhalb der märkisch-preußischen Geschichtsschreibung einem alten, beinahe heiliggesprochenen Herkommen, Quitzows als Landesverräter, Buschklepper und Räuber anzusehen, eine Tradition, deren Anschauungen, um nicht zu sagen, Dogmen, auch so ein hervorragender Gelehrter wie Adolf Friedrich Riedel – dem sich, an Wissen und Eingedrungensein in kleinste Einzelheiten der Quitzowzeit wohl niemand an die Seite zu stellen wagt – aufs nachdrücklichste zustimmt“.
Mit diesen Worten mischte sich der märkische Dichter Theodor Fontane, der hier für eine differenzierte Sichtweise plädiert, in die seit dem 19. Jahrhundert hitzig geführte Debatte über die sogenannte Quitzow-Zeit ein. Im Fokus der Diskussion standen und stehen die Brüder Dietrich und Johann von Quitzow, denen es in der ersten Dekade des 15. Jahrhunderts gelang, ganze Landstriche der Mittelmark unter ihre Kontrolle zu bringen. Dass sie dabei nicht zimperlich vorgingen, hätte man ihnen sicher verziehen – da waren sie in guter Gesellschaft. Der Stab wurde über ihnen gebrochen, weil sie sich dem späteren ersten Kurfürsten aus dem Haus Hohenzollern in der Mark Brandenburg widersetzten.
Das Leben der Brüder erfüllt alle Bedingungen eines historischen Romans: rasanter Aufstieg aus dem niederen Adel zum mächtigsten Geschlecht in der Mark Brandenburg, dem ein umso tieferer Fall folgte. Und wie in einem klassischen Plot gab es auch, zumindest für einen der Brüder, ein Happy End. Es wurden einige Romane über ihr Leben verfasst, darunter auch einer des sächsischen Abenteuerschriftstellers Karl May, mit Dietrich von Quitzow als klassischem Bösewicht. Auch sie förderten ein negatives Bild der Quitzow-Brüder, die neben ihrer Tätigkeit als „Raubritter“ den ersten Landesherren aus dem Haus Hohenzollern Paroli boten. Es war vor allem dieser historische Vorgang, der das Bild der Brüder prägen sollte.
Abb. 1: Karl May:
Der beiden Quitzows letzte Fahrten
, erschien erstmals von November 1876 bis Juni 1877 in der Zeitschrift Feierstunden am häuslichen Heerde.
Abb. 2: Karl Friedrich von Klöden:
Die Quitzows und ihre Zeit,
in
Aus Anlass des fünfhundertjährigen Bestehens der Hohenzollernherrschaft in der Mark
, erschienen 1913.
In der Zeit der deutschen Einigung unter den Hohenzollern im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts brauchte es auch eine Art Gründungsmythos, der etwa so verlief: Nach dem Sieg über die märkische Adelsopposition unter Führung der Quitzow-Brüder konnten die Hohenzollern in 17 Generationen erst die Mark Brandenburg konsolidieren, das Königreich Preußen und dann das deutsche Kaiserreich schaffen. Die zahlreichen Historiker dieser Zeit waren natürlich national und kaiserlich orientiert, und da hatte ein differenziertes Bild der Hohenzollernschen Frühzeit in der Mark Brandenburg kaum Platz. Eines der opulentesten dieser Werke schuf Friedrich von Klöden mit seinem ab 1836 erschienenen Vierteiler „Die Quitzows und ihre Zeit.“
In einem Aufsatz aus dem Jahr 2006 über die Quitzows schreibt der Historiker Clemens Bergstedt: „Der Mythos der Quitzows besteht in dem, was die Historiker aus ihnen gemacht haben“. Aber das ist ein Vorgang, der sich in der Geschichtswissenschaft und der Literatur lange verfolgen lässt. Bei den Quitzows setzte diese Geschichtsschreibung schon zu ihren Lebzeiten durch die Märkische Chronik des Engelbert Wusterwitz ein, die unbestritten die wichtigste Quelle der Quitzow-Zeit ist. Allerdings ist diese Chronik tendenziös und adelsfeindlich. Es hat in den letzten Jahrzehnten nicht an Veröffentlichungen gefehlt, die für einen sachlichen Umgang mit den Quitzows plädieren. Die Forschungen in den vergangenen Jahren haben gezeigt, dass insbesondere der Kern des Vorwurfes, der Widerstand gegen Friedrich von Hohenzollern, neu zu bewerten ist.
Eines der berühmtesten Beispiele, oder besser Opfer, einer tendenziösen Geschichtsschreibung und der dazugehörigen Literatur ist der englische König Richard III. (1483–1485) aus dem Hause York, der durch Henry Tudor in der Schlacht von Bosworth im Jahr 1485 Krone und Leben verlor. William Shakespeare, als Propagandist der Tudor-Familie, malte Richard III. in den finstersten Farben. Sein gleichnamiges Theaterstück bestimmt das Bild dieses auf dem Schlachtfeld gefallenen Königs bis heute. Nicht nur bei ihm, sondern auch bei den heimischen Quitzows lohnt sich ein Blick hinter die Kulissen.
Wer sich ein Bild über die Quitzow-Brüder machen möchte, sollte jedoch Folgendes beachten: Es wäre völlig fehl am Platz, heutige Maßstäbe – vor allem moralische – an die Menschen jener Zeit anzulegen, wie es gerne in einschlägigen Romanen oder Filmen getan wird. In fast allen Lebensbereichen trifft man auf eine uns fremde Welt, egal ob es um das tägliche Brot, das Recht, die Ehe oder den Krieg geht. Es ist deshalb unumgänglich, auch einen genauen Blick auf die politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und militärischen Verhältnisse des Spätmittelalters an der Wende des 14. zum 15. Jahrhundert zu werfen.
Es hat sich eingebürgert, vom hohen moralischen Ross der Jetztzeit über das Verhalten und die Handlungen von Menschen vergangener Zeiten zu urteilen. Dass bestimmte Zustände und Verhaltensweisen nicht plötzlich entstanden und ein Ergebnis langer gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen waren, soll hier beschrieben werden.
Der 11. Juni 1157 gilt als das Gründungsdatum der Mark Brandenburg. Das war der Tag, an dem es Albrecht dem Bären (1134–1180)1 gelang, die Brennaburg, heute Brandenburg, von seinem Widersacher Jacza von Köpenick (ca. 1125/30–1176) endgültig zu erobern. Dieses historische Ereignis war ein Teil der heute als deutsche Ostkolonisation, hochmittelalterlicher Landesausbau oder Transformationsprozess bezeichneten Vorgänge. Sie beschreiben letztendlich ein und denselben historischen Vorgang: die militärische Eroberung, die wirtschaftliche Erschließung und den Ausbau der ehemals slawischen Gebiete zwischen Elbe und Oder unter Führung einer feudalen Fürstenmacht. Dabei beteiligten sich slawische Fürsten der Polen und Pommern ebenso wie die deutschen Askanier und Wettiner.
Voraussetzung für diesen Expansionsdrang war ein beträchtliches Bevölkerungswachstum in weiten Teilen Europas im 11. und 12. Jahrhundert, was für einen steigenden Nahrungsmittel- und Versorgungsgüterbedarf sorgte. Zahlreiche neue Städte entstanden als Handwerks- und Handelszentren, die Landwirtschaft wurde durch Ausweitung der Anbauflächen intensiviert. Weltliche und kirchliche Fürsten strebten nach Aufwertung und Ausdehnung ihrer Herrschaftsgebiete, und Angehörige des Adels und der Ministerialität hofften, eigene Herrschaften oder Lehen zu erlangen. Die Bischöfe von Brandenburg und Havelberg sowie der Erzbischof von Magdeburg, deren Bistümer im 10. Jahrhundert gegründet worden waren und nach dem großen Slawenaufstand des Jahres 983 außerhalb ihres Zugriffes lagen, drängten auf eine erneute Eroberung der noch freien slawischen Gebiete östlich der Elbe. Der Höhepunkt war der sogenannte Wendenkreuzzug von 1147. Dass es diesen Pilgern in Waffen weniger um Christianisierung ging, zeigt der Angriff auf das schon längst christliche Pommern.
Abb. 3: Brakteat Albrecht des Bären und seiner Frau Sophia.
Eines der Länder, die in jener Zeit entstanden, war die Mark Brandenburg unter den Askaniern. Ihnen gelang es, im Verlauf des 13. Jahrhunderts einen der größten Staaten Nordeuropas zu schaffen, der von der Altmark im Westen bis nach Danzig in Preußen reichte. Doch mit dem Tod des letzten brandenburgischen Askaniers, des Markgrafen Waldemar (1308–1319), implodierte die Mark Brandenburg. Waldemar hatte keine direkten Nachfahren, nur einen zehnjährigen Cousin, der ein Jahr später ebenfalls starb. Damit fiel die Mark als erledigtes Lehen an die Krone zurück.
1 Angegeben sind hier die Regierungszeiten.
Kein Stand in der Mark Brandenburg und dem späteren Preußen ist so kontrovers beurteilt worden wie der Adel. Je nach Betrachter wurde er bewundert, gefürchtet oder verspottet. Es finden sich klangvolle Namen unter ihnen wie die Schulenburgs, die Bredows, die Arnims oder die Gans zu Putlitz. Ihr neuzeitlicher Ruf und die zahlreichen prachtvollen, barocken Schlösser verdecken ihre geschichtlichen Wurzeln sowie die Höhen und Tiefen.
Die Wurzeln der märkischen Ritterschaft finden sich in der Entstehungszeit der Mark Brandenburg. Das neue Land musste durch Schwert und Pflug erobert werden. Die militärische Hauptlast dieser Eroberung lag bei den Angehörigen der späteren Ritterschaft. Der überwiegende Teil dieses Standes ging aus unfreien Ministerialen hervor, die mit den Askaniern, Greifen, Wettinern und Magdeburgern einwanderten. Sie waren ursprünglich eine Schicht unfreier Haus- und Hofdiener, die seit der Karolingerzeit (8. bis Anfang 11. Jahrhundert) vor allem zum Kriegsdienst eingesetzt wurden. Der militärische Dienst hob sie von ihren Standesgenossen ab und ließ sie in die Nähe des Adels rücken. Im 11. Jahrhundert wurde ein Dienstrecht für die Ministerialen aufgezeichnet und im 12. Jahrhundert erhielten sie einen eigenen Platz in der königlichen Heerschildordnung. Die Anerkennung ihrer Lehnfähigkeit machte ihren Aufstieg in die Reihen des Adels möglich.
Abb. 4: Wappen der Familie Gans Edle Herren zu Putlitz
Abb. 5: Wappen der Familie von Bredow
Abb. 6: Wappen der Familie von Arnim
Abb. 7: Wappen der Familie von Schulenburg
Abb. 8: Wappen der Familie von Quitzow
Schöffenbarfreie2 Ritter und Angehörige des höheren Adels wanderten in die spätere Mark Brandenburg nur in geringer Zahl ein. Dazu gehörten die Gans Edle Herren zu Putlitz in der Prignitz und die Grafen von Arnstein, Eigentümer der späteren Grafschaft Ruppin. Es gibt verschiedene Überlegungen, dass in der Frühphase der Kolonisierung der ostelbischen Gebiete, insbesondere als Ergebnis des Wendenkreuzzuges, sich weitere unabhängige Herrschaften gründeten. Als mögliches Beispiel wird Spandau angeführt – die namentlich genannten Spandauer Vögte der Familie Schneidlinger vermutet man als Gründer. Als Ausgleich für den Verlust ihrer Burg Spandau sollen sie den Status der dortigen Vögte erhalten haben.
Neben den abhängigen Ministerialen und Angehörigen des niederen Adels flossen auch Teile der ehemaligen slawischen Oberschicht in die sich bildende brandenburgische Ritterschaft ein. Weiterhin muss davon ausgegangen werden, dass es begüterten Bauern, Lokatoren und Dorfschulzen gelang, diesen Schritt des gesellschaftlichen Aufstiegs zu vollziehen.
Der Unterschied zwischen den freien Vasallen und den abhängigen Ministerialen hat in der Mark Brandenburg nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Im Verlauf des 13. Jahrhunderts entwickelten sich aus beiden Komponenten der märkische Ritterstand und damit die Voraussetzung für die Entstehung der niederadligen Sitze in den Dörfern. Die Ritter erhielten, um in Friedenszeiten wirtschaftlich abgesichert zu sein, ein steuerfreies erbliches Lehen von bis zu sechs Hufen und leisteten der Landesherrschaft militärische Rossdienste. Ihre Namen brachten die Adligen teilweise aus ihren Heimatländern mit oder sie nahmen die Namen der Dörfer an, in denen sie angesiedelt wurden.
Abb. 9: Die Burg Spandau im Mittelalter (13. bis 14/15. Jahrhundert), Rekonstruktion nach archäologischen Befunden. Zeichnung von Bernd Fischer.
Innerhalb des brandenburgischen Adels bildeten sich noch im 13. Jahrhundert standesrechtliche Unterschiede heraus. Ein höherer Stand innerhalb des Adels entwickelte sich im Zusammenhang mit dem Besitz von Burgen. Da diese Anlagen wie Oderberg, Biesenthal oder Stolpe an strategisch wichtigen Punkten lagen, setzte die Landesherrschaft hier zuverlässige Vasallen als Burgwarte und Vögte ein. Mit fortschreitender Konsolidierung des Landes vergaben die Markgrafen diese Burgen als erbliches Lehen. Zu diesen, auch als Schlösser bezeichneten Burgen gehörte erheblicher Landbesitz. Die als „Schlossgesessene“ bezeichneten Angehörigen der Ritterschaft waren rechtlich, aber meist auch wirtschaftlich bessergestellt als ihre „unbeschlossenen“ Standesgenossen. Diese Unterschiede wurden erst im 17. Jahrhundert durch den Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm (1640–1688) aufgehoben.
Abb. 10: Bergfried der Burg Stolpe an der Alten Oder, vermutlicher Baubeginn um 1200.
2 Die Angehörigen dieses Standes nahmen im Mittelalter auf der Schöffenbank im Gericht der Grafschaft Platz und können in etwa als ritterbürtiger, niederer Adel bezeichnet werden. Der Begriff „schöffenbarfrei“ taucht wiederholt im Sachsenspiegel auf.
Das Schicksal der Mark Brandenburg zu Beginn des 14. Jahrhunderts zeigt, wie wichtig es innerhalb einer Dynastie war, die Erbfolge rechtzeitig zu regeln. Mit dem Tod des letzten brandenburgischen Askaniers sah es zunächst so aus, als ob sich die Mark unter dem Zugriff der Nachbarn auflösen würde. Es war die einzigartige Chance entstanden, sich alles wiederzuholen, was die Askanier in ihren endlosen Kriegen erobert hatten, und die Mark Brandenburg als Machtfaktor auszuschalten. Die anhaltischen Askanier erhoben ebenfalls als Verwandte Anspruch auf das herrscherlose Land.
Das Land fiel zwar als erledigtes Lehen an die Krone, doch in der Zeit um das Jahr 1320 beanspruchten zwei Anwärter die deutsche Königskrone, was zu einem langen Bürgerkrieg führte. Dieser Krieg zwischen Ludwig IV. („Ludwig der Bayer“, 1282–1347) aus dem Haus Wittelsbach und Friedrich I. von Österreich (als Gegenkönig Friedrich III., 1314–1330) endete erst am 28. September 1322 mit der Schlacht bei Mühldorf, in der Ludwig siegte. Ein Ergebnis dieses Sieges war, dass Ludwig der Bayer seinen noch minderjährigen Sohn Ludwig (Ludwig der Ältere, 1315–1361) mit der Mark Brandenburg belehnte.
Es kostete den Wittelsbacher große Anstrengungen, wenigstens das Kernland der Mark wiederherzustellen. Dabei musste er sich nicht nur gegen die Nachbarstaaten durchsetzen. Markgraf Waldemar hatte seine ununterbrochenen Eroberungszüge und Kriege auf Pump finanziert und sich auch beim märkischen Adel erhebliche finanzielle Mittel geliehen. Den brandenburgischen Adel interessierte vor allem eins: Er wollte dieses Geld zurückhaben.
Mit dem Antritt der Wittelsbacher als Landesherren geriet die Mark Brandenburg in die Mühlen der sogenannten Hausmachtpolitik. Nach dem Untergang des Stauferreiches im 13. Jahrhundert hatte sich ein Wahlkönigtum durchgesetzt. Die jeweiligen Herrscherfamilien stützten sich vor allem auf ihren eigenen Besitz, was zur Folge hatte, dass diese Familien mit allen Mittel versuchten, weitere Herrschaften und Fürstentümer zu erwerben. Die Wittelsbacher erwarben neben Brandenburg auch Kärnten und griffen nach niederrheinischen Gebieten. So geriet die Mark in endlose Auseinandersetzungen zwischen den Wittelsbachern und dem immer stärker werdenden Haus der Luxemburger. Letztlich ging der Luxemburger Karl IV., römisch-deutscher König und Kaiser (1347–1378, Kaiserkrönung 1355), als Sieger aus diesem Ringen hervor. Er fegte den letzten Wittelsbacher Markgrafen, Otto V. (1351–1373), im Jahr 1373 regelrecht aus der Mark. Die Brandenburger weinten ihm keine Träne nach, denn er war der unfähigste Vertreter der Wittelsbacher Familie gewesen und hatte den Beinamen „der Faule“ erhalten.
Mit Kaiser Karl IV. schien der politische und wirtschaftliche Abstieg erst einmal beendet zu sein. Die Mark Brandenburg war nicht nur ein erheblicher Besitzzuwachs für den Luxemburger, der ein geschlossenes Gebiet von Böhmen bis zur Nord- und Ostsee anstrebte, sondern auch ein politischer Gewinn. Seit dem Jahr 1356 war die Mark Brandenburg durch den kaiserlichen Erlass in der Goldenen Bulle zu einem der sieben Kurfürstentümer erklärt worden, die den deutschen König wählten.
Der Kaiser widmete sich mit gewohnter Energie seinem neuen Land. Er ließ Tangermünde zur Residenz ausbauen und erstellte mithilfe der Vögte und Landreiter das berühmte Landbuch von 1375, eine einzigartige Quelle zur brandenburgischen Geschichte. In diesem Buch werden zahlreiche Orte erstmals erwähnt. Mit dem Tod des Kaisers am 29. November 1378 endeten alle Versuche, das Land zu befrieden.
Neuer Landesherr wurde Karls Sohn Sigismund (Markgraf 1378–1388), der spätere Kaiser. Von Anfang an war die Mark Brandenburg für Sigismund nur ein Land, das er für seine Zwecke ausbeuten konnte. Seine Ambitionen waren auf den ungarischen Thron gerichtet, und das kostete Geld, viel Geld. Letztlich verpfändete er am 22. Mai 1388 die Mark an seinen Cousin Jobst von Mähren (1388–1411) für eine halbe Million Goldgulden. Nach fünf Jahren sollte die Summe zurückgezahlt werden. Die Mark Brandenburg war innerhalb des Hauses Luxemburg zum Schacherobjekt verkommen. Der letzte Tiefpunkt in diesem Trauerspiel war der Verkauf der Neumark für 63.200 ungarische Gulden an den Deutschen Orden im Jahr 1402. Sigismund hatte diesen Landstrich zunächst behalten – sicherlich, um auch ihn gewinnbringend veräußern zu können.
Abb. 11: Kaiser Sigismund (1368–1437). Bild eines böhmischen Malers.
Abb. 12: Jobst von Mähren (1351–1411), seit 1375 Markgraf von Mähren, Markgraf und Kurfürst von Brandenburg, 1410/11 deutscher König.
Jobst von Mähren galt seinen Zeitgenossen als kluger und gelehrter Kopf mit Herrscherqualitäten. Doch sein krankhafter Ehrgeiz und seine Habgier überschatteten diese Eigenschaften bei Weitem. Er war der Sohn des Bruders von Kaiser Karl IV. und glaubte, damit ein Anrecht auf den deutschen Thron zu haben. Die Unfähigkeit Wenzels IV. (römisch-deutscher König: 1376–1400, König von Böhmen: 1363–1419), Deutschland kompetent zu regieren, machte sich immer mehr bemerkbar. So keimte in Jobst die Hoffnung auf, eines Tages den Thron selbst besteigen zu können. Das war natürlich in erster Linie auch eine finanzielle Frage. Es war nicht abzusehen, ob Sigismund die Pfandsumme zurückzahlen würde. Sollte die Zahlung ausbleiben, so würde die Mark Brandenburg als Lehen an Jobst übergehen. Obwohl Sigismund diesen Schritt immer wieder hinauszögerte, musste er Jobst letztendlich im Jahr 1397 mit der Mark belehnen.
Jobst plünderte das Land schamloser aus als alle seine Vorgänger. Alles, was sich zu Geld machen ließ, wurde verpfändet: Burgen, Städte, Zölle, ja, ganze Landstriche. Er war nicht der erste und einzige Fürst, der sein Land ohne Skrupel zur Geldquelle machte, aber in seiner Regierungszeit nahm es für das Land bedrohliche Ausmaße an. Es sollte diese Politik sein, die den Brüdern Quitzow den Weg zur Macht ebnete.
Um seine finanziellen Interessen durchzusetzen, installierte Jobst immer wieder landfremde Landeshauptmänner. Einer von ihnen war sein Schwager Wilhelm von Meißen (Markgraf von Meißen 1382–1407), der das Amt des Statthalters wohl als Sicherheit für Geldgeschäfte erhielt. Allerdings hatte er eine ernste Auffassung von den Pflichten, die sein Amt forderte, und führte einige Feldzüge zur Aufrechterhaltung der Ordnung durch.
Die Städte der Mark waren allerdings schon längst zur Selbsthilfe geschritten. Am 2. Februar 1393 schlossen 21 Städte des Havellandes, Teltows, Barnims und des Landes Lebus ein Bündnis zum Schutz ihrer Interessen. Dies war auch nötig, denn zwischen den Jahren 1391 und 1397 ließ sich Jobst nicht in der Mark sehen, er befand sich in einem langwierigen Krieg mit seiner Verwandtschaft in Böhmen. König Wenzel ermutigte die pommerschen Herzöge, in die Mark einzufallen. Diese stießen Richtung Boitzenburg, Zehdenick und Strasburg vor. Der Landeshauptmann, Lippold von Bredow, konnte diesen Angriff zunächst abwehren.
