Die Saubermänner (eBook) - Tessa Korber - E-Book

Die Saubermänner (eBook) E-Book

Tessa Korber

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Beschreibung

Hartmut fährt Taxi, Nadine legt Tarotkarten – eigentlich haben die beiden nur eines gemeinsam: Sie brauchen Geld. Und so schlittern sie nicht nur in den Job als Tatortreiniger, sondern mitten hinein in einen Mordfall. Sie kommen einem grausigen Verbrechen auf die Spur, das schon Jahre zurückliegen muss. Zumindest lässt das der weitgehend verweste Kopf vermuten, den sie am Tatort im Haus einer verwirrten alten Dame finden. An der Polizei vorbei fördert das ungleiche Duo ein dunkles Familiengeheimnis zutage, das bis in die Zeit des Nationalsozialismus zurückreicht. Schon bald ist ihnen nicht nur eine Gruppe Neonazis, sondern auch ein weiterer dubioser Verfolger auf den Fersen …

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Tessa Korber

 

Die Saubermänner

 

Die Tatortreiniger ermitteln

 

Kriminalroman

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ars vivendi

 

Vollständige eBook-Ausgabe der im ars vivendi verlag erschienenen Originalausgabe (1. Auflage 2013)

© 2013 by ars vivendi verlag

GmbH & Co. KG, Cadolzburg

Alle Rechte vorbehalten

www.arsvivendi.com

 

Lektorat: Stephan Naguschewski

Umschlaggestaltung: ars vivendi unter Verwendung

einer Fotografie von zazou/photocase.com

Datenkonvertierung eBook: ars vivendi verlag

 

eISBN 978-3-7472-0082-7

 

Für Christian und Felicitas

 

Inhalt

1. Ein Morgen im Paradies

2. Die Aura-Angelegenheit

3. Idylle mit Idioten

4. Ein guter Jahrgang

5. Und was machen wir jetzt?

6. Der Held und sein Wetter

7. Leichen versteckt man unter Leichen …

8. … Und Menschen unter Irren

9. Ach ja, das Meer

10. Sherlock oder Marlowe?

11. Das Wort Gottes in Hartmuts Ohr

12. Opa wird’s schon richten

13. Haben Sie zufällig einen Kopf verloren?

14. Morphogenetik für Einsteiger

15. An der Wolfsangel

16. Schattendasein und Schicht

17. Es zittern die morschen Knochen

18. Abhängen am Burgberg

19. Vierzehn Nothelfer

20. Und sagte kein einziges Wort

21. Lob der Vernunftehe

22. Vom metaphorischen Wert der Wollhandkrabbe

23. Gleichgültige Wahrheit

24. Sprich, Orakel!

25. Warum Hartmut nie ursachengerecht behandelt wird

26. Händchenhalten für fort­geschrittene Idioten

27. Verschwörungen sind auch was Schönes

28. Nietzsche und Bienenstich

29. Ausflug ins Braune

30. Der Nazi in der Badewanne

31. Glaubensfragen, geräuchert

32. Kleiner Prinz für Arme

33. You are the sunshine of my life

34. Fahrtenbuch

35. Das soll ein Finale sein?

36. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

37. Ein gelungener Abgang

38. Ohrwurm und Augenschmaus

39. Gelb ist Geschmackssache

40. Besuch mit Milchkännchen

41. Ich will ja nicht sagen, ich hab’s gewusst

 

1. Ein Morgen im Paradies

Es regnete. Das war das Erste, was Hartmut wahrnahm, als er erwachte. Es regnete, war ja klar. Das triste Prasseln erinnerte ihn daran, dass er gestern seine Taxe rückwärts in den Eingang des Hotels Bayerischer Hof gesetzt hatte. Das war weder dem Wagen noch dem marmornen Eingangsbereich gut bekommen. Jetzt war er wach. Ja, Scheiße.

Ein Blick zeigte ihm: grauer Himmel, nasse Dächer, nasses Kopfsteinpflaster. Jeder Held bekam eben das Wetter, das er verdiente. Das stand sogar in einem Buch. Hartmut hatte während seines vierten oder fünften Studiums kurz drin geblättert. War der Held in einem Roman verliebt, stand da, dann schien die Sonne, ging die Liebe in die Binsen, regnete es. Fiel Schnee, holla, dann war die ganz große Melancholie angesagt. Kein Wunder, dass sich an Weihnachten so viele Leute umbrachten. Hartmut war ja auch jedes Jahr gefährdet, fragte sich allerdings immer, wo denn die anderen die Energie für einen Suizid hernahmen.

Er kratzte sich und suchte Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Held – Wetter, richtig: Bei Gewitter wurde es spannend, bei Sturm leidenschaftlich, bei Nebel unübersichtlich in jeder Hinsicht. Dass man für diese Gipfel-Erkenntnis einen Doktortitel kriegte, war doch zum Kotzen, fand Hartmut. Ob sie ihm auch einen verleihen würden für die Zusatzweisheit, dass das Prinzip auch im wirklichen Leben funktionierte? Vermutlich nicht.

Hartmut räkelte sich und gähnte. Er, Hartmut, würde ewig einer dieser unerkannten, unbelobigten Helden des Alltags bleiben. Ein ganz gewöhnlicher grauer Niesel­regen war genau das Richtige für einen wie ihn, der ein paar mehr oder weniger gewöhnliche Studiengänge abgebrochen hatte und trotz ungewöhnlicher Anstrengungen allenfalls bei ziemlich gewöhnlichen Frauen landen konnte, die am nächsten Morgen wieder los zu sein man sich im Grunde freuen durfte. Und der gewöhnlich Taxi gefahren war.

Die Betonung lag auf war. Hartmut hatte das Krachen noch im Ohr, ein Geräusch, bei dem er sich unwillkürlich tiefer in die Decke wühlte. Den Aufprall spürte er eh noch im Genick. Vorsichtig tastete er nach. Wenn da mal nichts dauerhaft kaputt war. Er kam ja langsam in das Alter für so was, in das Bandscheiben-Arthrose-Zipperlein-Scheißdreck-Alter. So genau wollte er es gar nicht wissen, deshalb war er auch nicht zum Arzt gegangen. Aber hatte ein Mann deswegen kein Recht auf ein bisschen Mitleid?

Nee, nee, Arzt verursachte nur Kosten. Und da kamen ohnehin genug auf ihn zu; er kannte doch Stephan, den alten Geizhals. Klar hatte der seine Taxis versichert. Aber er hatte auch ein großes Maul und tausend Einwände und produzierte ein Verdienstausfall- und Versicherungsblabla, dass es einen schwindeln konnte. Vor allem aber: Es waren Stephans Taxen, Ende Argumente, und wenn Hartmut sich je wieder hinter einer ans Steuer setzen wollte, dann würde er blechen müssen, das war so klar, wie der Himmel grau war. Ab heute war er Leibeigener.

»Scheiße«, begrüßte Hartmut den jungen Morgen und wälzte sich aus dem Bett.

Draußen glasierte der Regen das Pflaster des Schlossplatzes. Gegenüber bauten sich langsam die rot-weiß gestreiften Stände des Marktes auf; Gemüsekisten wurden herumgetragen, Blumensträuße arrangiert, Schalen mit eingelegten Bio-Oliven umgerührt. Es ging auf zehn Uhr, das Städtchen wurde wach, und eigentlich war es höchste Zeit, die ersten Siemensianer-Gattinnen und Professorenwitwen zu ihren Orthopäden zu fahren. Die Elends-Bettler gingen in Stellung, und fröhliche Rentner-Touristen nahmen Kurs auf die Kaffeehäuser, wo sie Einheimische mit Witzen nervten wie dem, dass Erlangen schon in der Bibel erwähnt sei. »Sie suchten das Himmelreich zu erlangen. Steht wirklich da. Hähä.« Wie oft hatte Hartmut den schon von der Rückbank seiner Taxe gehört.

Er wohnte inmitten dieses brodelnden Lebens in der Altstadt, die so malerisch war, wie der Sinn von Protestanten für das Barocke es gerade eben zuließ, in einem Altbau, der von außen von Touristen fotografiert wurde, sich im Inneren dagegen vor allem durch eine Raumhöhe von nur 1,80 und Linolböden auszeichnete. Stuck wäre da lebensgefährlich gewesen.

Hartmut mit seinen 1,78 hielt das ja ganz gut aus, obwohl es nach der dritten Zigarette schnell stickig wurde. Gäste bat man auf Sitzsäcke. Für seinen Mitbewohner und Kumpel Uwe war es schon schwieriger, der maß 1,85 und musste sich gebückt rasieren. Da half es auch nichts, dass Hartmut die stete Zugluft poetisch dafür nutzte, sich biegen zu lassen wie das Schilfrohr im Wind.

»Biegen, aber eben nicht brechen, verstehst du?«, suchte er Uwe diese buddhistische Weisheit nahezubringen.

Der darauf zu antworten pflegte: »Brechen? Ich kotz gleich«, was meist stimmte. Aber das lag an Uwes Drogenkonsum und war eine andere Geschichte. Als Rettungssanitäter bekam Uwe wohl zu viel mit, um so richtig buddhistisch draufzukommen. Er betäubte den Schmerz des Daseins lieber mit Cannabis und wechselnden Geschäftsideen. Eine so absurd wie die andere. Fand Hartmut.

Im Moment saß Sanitäter Uwe im Knast, wo er sich mal wieder so richtig strecken konnte. Es war im Grunde keine gute Idee gewesen, sich noch am Unfallort eine Tüte reinzuziehen und den Polizeibeamten auch eine anzubieten, bloß weil die so blass um die Nase aussahen. Aber Uwe war eben ein Menschenfreund.

Jetzt war die Plantage im Innenhof weg und Uwe auch, und Hartmut hängte den Rasierspiegel tiefer. Starrte lange hinein. Die grünen LED-Lämpchen, die hier drin die Beleuchtung ersetzten, machten es um nichts besser. Von den verklebten Ablagen grinste ihn eine Sammlung Schlümpfe an, die von irgendeinem ihrer Vormieter stammte. Der Held und seine Inneneinrichtung? Dann schon lieber das Wetter.

Hartmut griff nach dem Rasierschaum.

In dem Moment klingelte das Telefon, nach dem dritten Mal sprang der Anrufbeantworter an – mit Uwes Geschäftsansage. Dass die noch auf dem Band war. »Hallo?«, fragte eine Stimme in den Äther, räusperte sich und begann, ihren Text in Mitschnitt-Hochdeutsch auf das Band zu drechseln. Fünf Sekunden später war Hartmut am Hörer, Schaum tropfte auf seine nassen Füße, während er »ja«, sagte, »ja« und wiederum »ja«. Mit feuchten Fingern notierte er Name und Adresse. »Auf Wiederhören. Bis gleich.«

Lange starrte er das Geschriebene an. Er sollte das nicht tun. Es war alles andere als eine gute Idee. Es war bestenfalls ein Strohhalm, an den er sich klammerte; es war vermutlich total illegal und außerdem das Letzte, was er tun wollte.

Es war seine Chance.

 

2. Die Aura-Angelegenheit

Umständlich schüttelte Nadine ihren Schirm aus und schaute sich um. Die Baumallee vor dem Studentenwerk tropfte vor Nässe. Unter den Bäumen liefen Gruppen aktenordnerumschlingender junger Frauen, die ihre Stöckelschuhe um die Pfützen herum setzten. Der Inhaber des Fahrrad-Reparaturmobils stand mit hochgezogenen Schultern neben einem Kunden, der ihm die Macken an seinem Rennrad erklärte, während von seiner Mütze das Wasser rann. Drei Afrikaner warteten unter dem Vordach, rauchten und palaverten auf Französisch über Wohnheime und das Anatomie-Testat, das auch Nadine nächste Woche noch bevorstand. Die schienen so weit in Ordnung zu sein. Keine Muskelmänner irgendwo.

Nadine warf einen letzten Blick auf den Langemarckplatz, konnte aber nichts Verdächtiges entdecken, zog die Tür auf und tauchte ein in den hallenden Lärm des Studentenwerks. Sie durchschritt das Siebzigerjahre-Ambiente, ohne sich weiter umzusehen, und klopfte an die Tür mit der Aufschrift »Arbeitsvermittlung«.

Alles verlief sehr behördlich. Name, Adresse, Studentenausweis. Nach einem Blick auf die überquellende Pinnwand mit Arbeitsgesuchen bedauerte Nadine kurz, keinen Aushang vorbereitet zu haben. Stattdessen schob sie der weißhaarigen Sachbearbeiterin ihre Visitenkarte zu.

»Herz-Klang«, las die zweifelnd. »Ist das ein Escort-Service? Oder irgendwas mit Telefonsex?«

Nadine beeilte sich beleidigt zu erklären, dass es sich dabei um Energiearbeit handle, in deren Mittelpunkt das Herzchakra stehe. »Außerdem mache ich Tarot und Aurafotografie«, sagte sie, um ein Lächeln bemüht. »Falls Sie sich mal die Karten legen lassen möchten?« Die Frau warf Nadine einen langen Blick zu, musterte das Mädchengesicht, das mit den großen blauen Augen und der Stupsnase eher harmlos-hübsch als mysteriös wirkte. Vermutlich fand sie, das Transzendente erfordere mehr Mascara.

»Wir hätten da eine Stelle als Reinigungskraft bei der UB Med«, verkündete die Sachbearbeiterin.

Nadine schauderte es. »Nein, danke, da laufe ich am Ende meinem Vater über den Weg.« Das war das Letzte, was sie brauchte: ihren Vater, der Fragen stellte. Sie neigte sich vor. »Außerdem bin ich im Putzen nicht so.«

Die Dame schaute über ihre Lesebrille: »Mit einem Vater bei Siemens, sind Sie sicher, dass Sie da Arbeit suchen?«

Hast du eine Ahnung, dachte Nadine. Sie brauchte Geld. Und wie sie das Geld brauchte. Sie wollte nicht noch einmal erleben, dass dieser Mensch vor ihrer Tür stand. Nadine war ein geliebtes Kind gewesen. Nie hatte sie auch nur eine Ohrfeige bekommen, und auch später in ihrem Leben war ihr nichts Schmerzhafteres zugestoßen als eine Blinddarm-OP. Vermutlich hatte sie deswegen so lange gebraucht, bis sie begriffen hatte, dass sie sich fürchten sollte. Erst als er sie wieder losließ, hatte sie es verstanden. Und war so dankbar gewesen, als sie die Tür zwischen sich und ihm zudrücken konnte, dass sie es nicht mehr bis zur Toilette geschafft hatte.

»Wenn Tarot nicht geht, dann eben Altenpflege, hab ich gedacht. Weil ich doch Medizin studiere. Da muss es doch jede Menge geben. So in der Betreuung.« Ihre Stimme wurde flehender. »Es hat ja immer mehr ältere Menschen wie Sie.«

Die Frau nahm ihre Brille ab. »Wenn Sie nicht mal Räume pflegen können, möchte ich mir nicht vorstellen, wie Sie da Menschen pflegen wollen. Alte, arme, hilflose Menschen. Wie mich.«

»Na ja«, setzte Nadine an. Sie überlegte, wie sie den Unterschied erklären konnte. Bei Küchen und Klos gab es nur sauber oder schmuddelig, bei Menschen allerdings eine Menge Zwischenstufen, die man als charmant-leger, liebenswert-schusselig, exzentrisch-weltfremd, als zumindest eigenbrötlerisch oder auch interessant-verkommen bezeichnen konnte.

So in etwa ging ihr das durch den Kopf, als ein Typ das Zimmer betrat, der eindeutig unter »Verfallsdatum überschritten« beziehungsweise »Versager mit Körpergeruch« fiel.

Dabei roch er gar nicht wirklich schlecht, er sah nur so aus. Axe, dachte Nadine und musste husten. Circa eine halbe Dose. Wieder ein Opfer verfehlter Werbung. Auf den Frauenansturm, wenn er die Achsel entblößte, wartete der arme Irre vermutlich seit zehn Jahren vergebens. Warum nur traten neuerdings lauter Männer in ihr Leben, um die sie früher auf der Straße einen weiten Bogen gemacht hätte? Sie wollte hier raus. Aber erst, wenn sie eine Verdienstmöglichkeit hatte.

»Ich brauche Geld«, erklärte sie. »Und ich brauche es dringend. Bitte«, setzte sie hinzu, als sie den Blick ihrer Gegnerin sah.

Der Neuankömmling seinerseits ignorierte sie. »Ich suche jemanden für, äh, einen Putzjob. Und möglichst sofort.«

Die Sachbearbeiterin lächelte hinterhältig. »Die junge Dame hier hat gerade gefragt.«

»Was?«, entfuhr es Nadine.

Der Neue warf einen kurzen Blick auf ihren Burberry und den Regenschirm mit den Michelangelo-Putten. »Jemanden, der richtig mit anpacken kann.«

»Also«, schnappte Nadine beleidigt. »Ich bin schließlich Medizinerin.«

Die Sachbearbeiterin konterte das mit einem Neigen des Kopfes, das »ach, wirklich« heißen konnte. Oder »was denn nun?« Oder Schlimmeres.

Der Mann insistierte, ohne Nadine einen weiteren Blick zu gönnen. »Und es wäre wichtig, dass es sofort wäre. Weil …« Er ersetzte die möglicherweise langwierige Erklärung durch eine vage Geste. Lange Reden schienen nicht sein Ding zu sein.

Die Sachbearbeiterin blieb unbeirrt. »Wenn Sie dann diesen Bogen ausfüllen. Ich werde ihn im Lauf des Tages mit unserem Pool abgleichen und den Interessenten Ihr Angebot per Mail zuschicken. Diese melden sich dann bei Ihnen, wenn sie das Angebot zur Kenntnis genommen haben. Danach kommen Sie mit dem Interessenten hierher und unterschreiben beide unseren Standardvertrag, der dann …«

»Aber das dauert ja ewig«, unterbrach er sie. Die Sachbearbeiterin schwieg. Er schwieg. Nadine schwieg.

»Aber …«, begann Nadine.

»Ich zahle zweihundert den Tag. Kann einen Tag dauern oder zwei.« Es klang widerwillig. Anschauen mochte er sie immer noch nicht.

»Zweihundert.« Nadine schnappte nach Luft. Das war nicht schlecht für einen Putzjob, gar nicht schlecht. Dazu würde es nur zwei Tage dauern. Danach wäre sie den Typen wieder los. Und ihre Schulden dazu. Und die ganze unangenehme Geschichte wäre Vergangenheit für immer. Sie konzentrierte sich und zwang sich, den Mann intensiv zu betrachten. »Sie haben eine seltsame Aura«, stellte sie fest. »Irgendwie hellgrün.«

»Dann gibt’s wohl Grund zur Hoffnung, was?« Er grinste so, als wüsste er schon, dass seine Witze meist danebengingen.

Die Sachbearbeiterin nahm Nadines Visitenkarte und warf sie in den Mülleimer. »Dann wäre das ja erledigt.« Sie schien nicht vorzuhaben, sich mit dieser Angelegenheit weiter die Finger schmutzig zu machen.

Zögernd streckte Nadine ihre Hand aus. Er nahm sie. »Hartmut«, sagte er. »Hartmut Auer.«

»Nadine.« Sie hatte keine Lust, diesem Subjekt ihren Nachnamen mitzuteilen. Es schien ihm recht zu sein, denn er nickte. »Also dann.«

Als sie aus dem Studentenwerk hinaustraten, hatte es aufgehört zu regnen. »Mein Auto steht drüben am Gefängnis«, sagte er.

Ehe sie überlegen konnte, ob das ein Zeichen war, rief der Fahrradmonteur ihrem Begleiter zu: »He, Hartmut, hab gehört, du hast schon wieder ’nen Schuss gebaut?«

Hartmut winkte ab. Im Weggehen murmelte er: »Mich kotzt dieses Scheißkaff an, in dem jeder jeden kennt.«

»Was heißt ›einen Schuss bauen‹?«, fragte Nadine alarmiert, die mit Bombenbau und Waffen ebenso wenig zu tun haben wollte wie mit Drogen.

»Das ist Taxlersprache, es heißt, ich hatte einen Unfall«, gab Hartmut mürrisch zurück.

»Sie sind Taxifahrer? Aber ich dachte, du suchst eine Putzfrau.«

Hartmut grinste böse. »Und schon wechselt das Pronomen.«

»Pro was?«

Er suchte in ihrem Gesicht nach Anzeichen von Ironie, entdeckte aber nur ehrliche Verwirrung. Ihre Augen schienen wie dafür gemacht, Verwirrung perfekt zu verkörpern. Und apropos perfekter Körper: Wenn man mal das ganze Drumherum wegließ, das dezente Make-up und die teure Frisur und die Markenklamotten, all den Kram, der einen immer ein wenig unsicher machte, ob eine Frau wirklich schön war oder nur gepflegt. Also, falls man überhaupt bereit war, das wegzulassen, und das war Hartmut nicht, er nahm es ihr im Gegenteil persönlich übel. Mainstream-Kacke nannte er das, und es war ein charakterliches No-Go in seinen Augen. Abgesehen von dem also, wovon Hartmut als Mann mit Prinzipien unmöglich absehen konnte, war Nadine die Sorte Mädchen, an der es nichts auszusetzen gab. Der pure Horror.

»Pronomen, das ist Taxlersprache für persönliches Fürwort, wenn man wie ich ein paar Semester Sprachwissenschaften studiert hat.« Es hätte ein paar Dinge gegeben, fand er, die sie ihn daraufhin hätte fragen können. Wie das mit seinem Studium gewesen war zum Beispiel. Dann hätte er erzählen können, wie er es diesem bornierten Dozenten damals gegeben hatte, als der den Entwurf zu seiner Magisterarbeit ablehnte, die ja eigentlich fast schon eine Doktorarbeit gewesen war. Sagte jedenfalls Uwe. Und wie er dann zu Ethnologie und Volkskunde gewechselt hatte. Danach hätte sie doch auch fragen können. So ganz harmlos wie: »Und was hast du sonst so gemacht?« Und nach seiner Rolle bei der Studentenrevolte 1986, wo er das entscheidende Manifest mitverfasst hatte, das dann …

»Und was soll ich dir putzen?«, unterbrach Nadine mit ihrer Frage seine Erinnerungen. »Dein Taxi?«

»Nee«, sagte Hartmut. »Einen Tatort.«

 

3. Idylle mit Idioten

»Werden wir dafür nicht spezielle Putzmittel brauchen?«, fragte Nadine, während sie auf die zweispurige Straße durch den Ortsteil Büchenbach einbogen. Ihr Blick wanderte wenig hoffnungsvoll über die Hochhaus-Fassaden, die rechts und links vorbeizogen. Hier war sie noch nie gewesen. Wozu auch, hier kam nur her, wer hier wohnen musste, und das war dann schon Pech genug. Brennpunktsiedlung nannte man das wohl, dachte sie. Frauen mit Kopftüchern, Schlüsselkinder und per se verdächtige Tiefgarageneinfahrten, dazwischen Grünflächen, deren trostlos symmetrische Leere nur durch ein wenig Vernachlässigung aufgelockert wurde. Dahinter blinkte der Kanal, ebenfalls trostlos symmetrisch und leer. Nur selten schaukelte ein Frachter die Bäuche der toten Fische. Immerhin rauschte hier und da Schilf für die Gassigeher und Jogger; Schilf machte ja immer was her.

Kaum dachte sie, dass es ja kein Wunder war, wenn die Leiche hier lag, da bogen sie rechts ab, und auf einmal tauchten wieder Wohnhäuser auf und eingewachsene Gärten, durchsetzt von altem Fichtenbestand. Sie hielten unter einem üppig tragenden Apfelbaum an einem Jägerzaun. Es roch nach Sommer. Eine Rentnerin humpelte vorbei und ließ sich von ihren Yorkshire-Terriern umwuseln. Zwischen den Bäumen schimmerten friedlich die Mauern der Psychiatrie; eine Patientengruppe klapperte stramm mit ihren Nordic-Walking-Stöcken vorbei. »Hübsch hier«, stellte Nadine fest und hörte gar nicht, dass Hartmut »Hab ich alles dabei, glaube ich« antwortete. Sie stieg aus, stemmte die Hände in die Hüften und betrachtete mit schräg gelegtem Kopf den ­Bungalow aus den späten Sechzigerjahren. »Da liegt jetzt also eine Leiche?«

Hartmut öffnete die Kofferraumklappe. »Nicht ganz. Also, ich bin zwar Tatortreiniger, aber das ist kein ganz richtiger Tatort.«

Wie er ihr erklärte, hatte in dem Haus seit über zehn Jahren eine alte Dame alleine gelebt. Und da sie kaum Kontakte pflegte und die Fassade bürgerlich intakt blieb, war niemandem aufgefallen, wie ihr Verstand sich langsam leerte und in selbem Maß ihr Haus sich füllte mit Schutt und Unrat und all den Dingen, von denen sie sich nicht mehr verabschieden konnte oder wollte. Als die Sanitäter sie abholen kamen, um sie ins Bezirksklinikum zu bringen, brachten sie keine der Türen mehr ganz auf, da sich dahinter raumhoch Zeitschriften und Schlimmeres stapelten. Sie fanden die Alte in einem Labyrinth aus Unaussprechlichem, verkommen und verkotet und unfähig, über irgendetwas Auskunft zu geben. Da sie seit Langem schon keinerlei Rechnungen oder Steuern mehr gezahlt hatte, sollte das Gebäude zwangsversteigert werden. Doch um irgendeine Chance auf einen aussichtsreichen Verkauf zu haben, hatte der Gerichtsvollzieher erst einmal eine Komplettentrümpelung bestellt. Normale Firmen für Haushaltsauflösung hatten abgesagt, das hier war kein Haushalt mehr, es war ein Albtraum. »Und da«, sagte Hartmut und fühlte sich wie der Held in einem Serienkrimi, »kommen wir ins Spiel. Die Tatortreiniger. Die Saubermänner in der Not.« Mit Schwung hob er den Ozongenerator aus dem Wagen, der ganz am Schluss für die Desinfektion zum Einsatz kommen würde. Uwe hatte ihm mal erklärt, wie das Ding funktionierte. Er hoffte, er würde es noch hinbekommen.

»Aha. Du sagst, die Firma gehört eigentlich deinem Kumpel?«

»Uwe, ja. Er ist Sanitäter und kennt sich mit extremen Sachen aus, verstehst du. Einer, dem es vor nichts mehr graust. Und da hat er …«

»Und du machst da mit?«

»Na ja«, sagte Hartmut. Sollte er ihr gestehen, dass er eigentlich erst ein Mal dabei gewesen war, damals bei dem Einsatz in der Mozartstraße, als der Selbstmörder vier Wochen in seiner Wohnung gelegen hatte und der Hausmeister wollte, dass sie den Geruch rausbekamen, ohne eine teure Komplettsanierung vorzunehmen? Das hatte auf ihre Billigtour natürlich nicht geklappt, selbst nachdem sie alle Fliesen weggeschlagen und den Estrich rausgekratzt hatten, roch es immer noch. Das hatten sie dem Mann auch vorher gesagt, mehr oder weniger. Trotzdem rief der heute noch an und beschwerte sich, dass auch die zweihundert Duftbäume, die sie überall angepinnt hatten, nicht wirkten. Und die Firma war auch nie richtig hochgekommen seitdem. Genau genommen war das ihr einziger Einsatz geblieben, den er, Hartmut, vorwiegend über den Biotonnen im Hinterhof verbracht hatte, wo er sich die Seele aus dem Leib kotzte.

»Jo«, antwortete er bündig auf diese und alle künftigen Fragen, denn der Gerichtsvollzieher kam auf sie zu und entfernte das Taschentuch gerade lange genug von seiner Nase und dem Mund, um ihnen zu erklären, dass sie auf Unterlagen achten sollten: »Persönliche Dokumente, Rechnungen, Verträge, ein Testament – ausgestellt auf den Namen Hutzler. Oder auf Krautwasser, das ist ihr Mädchenname. Alles kann uns weiterhelfen.« Dann zog er sich im Laufschritt an die ­Grundstücksgrenze zurück, wo ein eben angekommener Laster zwei Container ablud. Als sie die Wohnung betraten, wurde ihnen klar, was das bedeutete.

»Unmöglich«, hauchte Nadine. Es war das Letzte, was sie sagte, ehe sie begann, sich ihr seidenes Halstuch vors Gesicht zu knoten. »Was stinkt da nur so?«, nuschelte sie unter dem Stoff hervor.

»Das will ich gar nicht wissen«, erwiderte Hartmut, fürchtete aber, dass sie es noch früh genug erfahren würden. Die gute Nachricht war: Sie würden hier keine Mühe haben, mit teuren Sonder-Putzmittelchen Blut, Körperfett und Verwesungsrückstände aus den Böden zu holen. Eine Schaufel würde vermutlich genügen. Die schlechte Nachricht war: Es würde viele Schaufeln brauchen, Unmengen von Schaufelgängen. Und die Container würden auch nicht reichen. Hartmut war sich nicht sicher, ob er den Zeitbedarf richtig angesetzt hatte. Zwei Menschen konnten das in zwei Tagen unmöglich schaffen. Nicht, wenn es in den hinteren Zimmern ebenso aussah wie hier. Vom Gang waren keine Wände zu erkennen. Dicke Packen Zeitschriften sagten ihm, dass die Bewohnerin den Fränkischen Tag und auch die kostenlosen Anzeigenblätter gelesen oder zumindest gesammelt hatte. Strickzeitschriften mit Daten, die nach einer kurzen ersten Sichtung bis 1967 zurückreichten, stapelten sich in staubigen Haufen. Was als geordnetes System begonnen hatte, war vielfach in sich zusammengebrochen und überwuchert von Sammlungen alter Flaschen, Dosen und Kartonagen, die niemand jemals fortgebracht hatte. Hartmut sah jede Menge Elektrogeräte, noch in der Originalverpackung, wie es aussah. Hier gab es Toaster, Kaffeemaschinen, Elektromesser, Saftpressen und Brotschneidemaschinen für ganze Flüchtlingslager. Falls man so etwas in Lagern verteilte. Dazwischen klemmten Tüten von Aldi und Lidl, deren Inhalt für mehrere Altkleidersammlungen gereicht hätte. Allerdings roch der Inhalt eher, als wäre er für einen Waschsalon bestimmt gewesen, Ende des letzten Jahrtausends. Und Hartmut fiel ein, dass die Bewohnerin inkontinent gewesen war.

Ein paar Insekten hatten das ebenfalls festgestellt; es wimmelte nur so von Fliegen, und unter ihren Füßen knackte es verräterisch. Hartmut fluchte. Für die Fliegen hatte er ein Spray, das in einer halben Stunde verflogen war. Aber was die Kakerlaken anging – und was sich da noch herumtreiben mochte –, Herrgott, er war doch kein Kammerjäger, keine Ahnung, ob das Ozon da reichte oder was. Na, das würde er im zweiten Schritt sehen.

Die Garderobe und die Gästetoilette waren nicht begehbar, was vielleicht ein Segen war, zu dicht drängten sich darin vollgestopfte Plastiktüten und Kartons bis unter die Decke. Die Küche war ebenfalls weitgehend zugewuchert, ausgehend von einer Resopal-Sitzecke, wie er aufgrund der unten herausragenden Stuhl- und Tischbeine vermutete. Oben war alles eine einheitliche Müllkippe aus Eierkartons, Dosen, wiederum Zeitungen, Schuhkartons mit – wie eine Stichprobe ergab – abgelaufenen Medikamenten, Schuhkartons mit Nähzeug, mit Bandresten, Knopfresten, alten Reißverschlüssen, ausgedrückten Zahnpastatuben, nach Jahrgängen sortiert, Schuhcremeresten, Wäscheklammerresten – jedenfalls fand er nicht eine heile –, Kerzenresten und all dem Kleinkram, der sich in normalen Haushalten auch dann ansammelt, wenn man nicht jedes abgeschnittene Eckchen davon behält. Na, es hatte keinen Zweck, so ins Detail zu gehen.

Hartmut schob den letzten Karton auf den Berg zurück, der prompt rutschte und ihm vor die Füße fiel. Als er sich bückte, sah er es wuseln.

»Hartmut, was ist das, was da so komisch knackt, wenn ich gehe?«, fragte Nadine hinter ihm.

Er hätte es ihr sagen können, verzichtete aber darauf zu melden, dass es zwischen dem Müll von Kakerlaken und anderen Käfern nur so wimmelte. »Wir sollten uns was über die Schuhe ziehen«, war alles, was er anmerkte.

Als sie hinausstürzten, um im Kofferraum nach ihrer Schutzkleidung zu wühlen, lachte der Gerichtsvollzieher hämisch. Er stand mit den beiden Arbeitern, die die Container installiert hatten, in einer Ecke des Gartens und rauchte. Der graue Qualm drehte sich dünn zwischen den hohen Birkenstämmen empor. Hartmut hörte einen Specht klopfen. Ah, die gute Waldluft. Er griff nach dem Desinfektionsspray.

»Aber die Kippen nicht in den Kompost, gell?«, rief er ihnen zu und hörte befriedigt, wie es aus der Gruppe »Idiot« murmelte.

Wieder kam eine Läufergruppe vorbei. »Und atmen«, kommandierte der Trainer. Ja, dachte Hartmut, atmen mochte helfen. Wenn das unter den Masken nur so einfach wäre.

Nadine war bereits ganz in Weiß, wie ein Profi, nur die Plastiküberzüge sahen an ihren hochhackigen Stiefeln ein wenig seltsam aus.

»Bereit?«, fragte Hartmut und atmete in seine billige Schutzbrille, die schon langsam beschlug.

»Niemals«, kam es dumpf unter Nadines Verkleidung hervor. Doch tapfer wandte sie sich um und stapfte auf die Haustür zu.

»Na dann iss ja prima«, blieb Hartmut das einsame Schlusswort, ehe er den Kopf schütteln konnte und sich ebenfalls in sein Schicksal ergab.

 

4. Ein guter Jahrgang

»1984«, las Nadine und hob den Deckel von der Schachtel, um den Inhalt zu sondieren. »Kannst du dir vorstellen, dass jemand seine leeren Zahnpastatuben nach Verbrauchsjahren sortiert?«

»Ein guter Jahrgang«, meinte Hartmut nur. »Wusste bereits Orwell. Hast du schon so was wie einen Personalausweis oder ein Testament?«

Nadine schüttelte den Kopf. Seit Stunden räumten sie Schutt, und was sie vor sich hatten, war Schutt für weitere Stunden. Aussichtslos, in all dem so etwas Kleines wie ein Passheftchen, einen Brief oder ein einzelnes DIN-A4-Blatt zu finden. »Die können meines haben«, bot sie an, »wenn ich nur in keine von diesen Dosen mehr schauen muss.«

»Wieso, hast du was gegen abgeschnittene Fußnägel?«

Nadine schüttelte sich und griff nach einem weiteren Stapel Ordner. Staub wirbelte auf. Was sie fand, waren Kochrezepte, Strickanleitungen, eingeklebte Zeitungsartikel. Sie durchblätterte ein paar davon; von Königsberg war die Rede, von verschütteten Bunkern und dem Vorrücken der Ostfront während der letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges. Nichts, was sie weiter interessierte. Flüchtig betrachtete sie eine Luftaufnahme mit Pfeilen und Kringeln, die mit den Worten »Kisten« und »Waldweg« beschriftet war. Sie blätterte weiter, wollte schon »Ich hab’s« brüllen und ließ es doch bleiben, als sie sah, dass es sich um ein Dokument von 1944 handelte, in dem jemand die Ankunft seiner Einheit meldete. Noch einmal blätterte sie um und fand ein Bild von Lady Di.

»Kannst du dir vorstellen«, fragte sie diesmal, »dass jemand Artikel über das englische Königshaus aus seinem Fernsehprogramm ausschneidet, um sie zu archivieren?«

Hartmut, der sich gerade durch hüfthohe Stapel gebrauchten Geschirrs vorankämpfte, um zur Küchenzeile vorzudringen, was dadurch erschwert wurde, dass über die Berge ein dichter Schimmel- und Pilzbelag gewachsen war, dem er durchaus zutraute, verdammt giftig zu sein, schüttelte den Kopf. »Ein für alle Mal«, presste er unter seiner Maske hervor, für die er im Moment wirklich dankbar war, »ich kann mir das nicht nur vorstellen, ich habe es vor Augen, direkt und unmittelbar. Wenn du also so freundlich wärst …« Es schepperte, und Hartmut stellte fest, dass die Dame, als ihre Töpfe alle beschmutzt waren, wohl dazu übergegangen war, in den Blumentöpfen zu kochen, jedenfalls fand er im letzten Terrakottagefäß eine melancholische Mischung aus Torf und Kaffee. Und darunter, halleluja, endlich die Kochplatte.

»Und um die Lichtschalter ist überall Schokolade geschmiert«, sagte Nadine nachdenklich.

Hartmut fielen ein paar Dinge ein, die es statt Schokolade genauso gut sein mochten. Jedenfalls konnte die Spüle, zu der er jetzt vordrang, so wie sie war vom Nürnberger Zoo abgeholt und hinter Glas ausgestellt werden unter dem Titel »Leben in einer bislang unbekannten Dimension«. Der Pilzkönig aus Super Mario Brothers war nichts dagegen. Er griff nach einem Müllsack und beschloss, alles, wie es war, in einem Klumpen darin zu versenken. Er wartete nicht ab, wie lange er das Würgen unterdrücken konnte, und hetzte mit der Last zum Container. Draußen stand die Rentnerin mit den Zwergratten, die eifrig um den Container schnüffelten. Sie wendete kritisch eine Clownsfigur aus Satin und Holz in ihren Händen, auf deren Wangen Plastiktränen glitzerten. »Darf man das mitnehmen, junger Mann?«, fragte sie.

»Wenn Sie Tuberkulose schon hatten«, erwiderte Hartmut und stemmte den plastikumhüllten Glibber in den Container. Eine Reaktion wartete er nicht ab.

Als er wieder reinging, kam Nadine ihm aus einem der hinteren Räume entgegengestürmt, Maske hochgeschoben, die Hand vor dem Mund. »Nicht ins Klo«, brüllte er ihr hinterher, als sie in Richtung Badezimmer abbog. »Das ist verstopft.« Doch es war zu spät.

»Das ist verstopft«, wiederholte er bockig, als sie damit fertig war, sich zu übergeben, zu ihm in die Küche kam und sich auf einen der frei gewordenen Stühle fallen ließ.

»Ich weiß«, sagte sie. »Ich hab eben im Schlafzimmer entdeckt, wie sie das Toilettenproblem die vermutlich letzten fünf Jahre über gelöst hat.« Als er nicht antwortete, fragte sie müde: »Und du?«

Er wies mit dem Kinn auf die Küche, die mittlerweile beinahe als solche zu erkennen war. Die Arbeitsplatten lagen frei, die Schränke und Gerätschaften waren wieder zugänglich, und durch das verstaubte Fenster konnte auch wieder Licht hereinfallen. »Tataaa«, er breitete die Arme aus. »Als Nächstes«, verkündete er, »kommt der Kühlschrank. Da fürchte ich mich sogar zu Hause immer davor.«

»Na, wenn ich helfen kann«, meinte Nadine und hatte, ehe er es verhindern konnte, die Tür aufgerissen. Mit offenem Mund starrten beide hinein.

»Das«, stammelte sie, »das gibt es nicht.«

»Mann, Mann, Mann.« Hartmut kratzte sich durch die Kapuze am Kopf. »Wer hätte das für möglich gehalten.« Ein gleißend weißer, leerer, vor Sauberkeit blitzender Innenraum strahlte sie an. Lämpchen intakt, Maschinchen am Surren. »Dass es so was noch gibt.« Übermütig riss er die erste der drei Tiefkühlschubladen auf. Darin lag eine sauber verschlossene, durchsichtige Plastiktüte mit einem menschlichen Kopf.

Es war pure überschießende Restenergie, mit der er auch noch die zweite Lade aufzog. »Die Hände sind hier«, stellte er fest und spürte ein Kichern in sich aufsteigen. Er musste zurücktreten und sich setzen. Es knackte. Kakerlaken auf Stühlen, dachte er, einer Ohnmacht nahe. Es war Nadine, die die letzte Lade aufzog. »Hier ist Rahmspinat von 1987.«

»Auch kein schlechter Jahrgang.« Hartmut war nicht sicher, ob er es war, der das sagte. Völlig unfähig, irgendetwas zu empfinden, sah er zu, wie Nadine den Kopf und die Hände, die ebenfalls sorgsam eingetütet waren, heraushob und auf den Tisch legte. »Er jedenfalls ist ein deutlich älterer Jahrgang.«

»Wie«, er hustete, mussten die verdammten Pilze sein. »Wie kommst du darauf?«

Statt einer Antwort zeigte sie auf die Kopfbedeckung, die der Mann trug, so ein militärisches Ding, auf dem ein Reichsadler mit Hakenkreuz in den Klauen prangte. »Nur so eine Idee. Falls das echt ist.«

»Herr Auer? Herr Auer?«, erklang es von draußen. Es war der Gerichtsvollzieher, der jetzt, am späten Nachmittag, noch einmal nach dem Rechten sehen wollte.

»Mist, Mist, Mist.« Hartmut packte die Tüten und schaute sich um. Durchs Fenster sah er, dass die Yorkshires noch immer den Container umlagerten. Und wenn nicht sie, würde in dieser bürgerlich verseuchten Gegend sicher bald das nächste geliebte Haustier vorbeischauen. »Herr Auer?« Der Sprecher war schon im Flur. Instinktiv versteckte Hartmut die Hand hinter dem Rücken. Er spürte kaum, wie Nadine ihm seine Last sanft abnahm und Kopf samt Händen im Kühlschrank verschwinden ließ. Die Tür klappte zu, als ihr Besucher die Küche betrat.

»Alles in Ordnung?« Der Gerichtsvollzieher schaute sich anerkennend um. »Nichts Unerwartetes, nichts, was das Gesundheitsamt wissen müsste?« Er blickte auf die Uhr, um zu betonen, wie eilig er es hatte. »Sie wissen, die Versteigerung ist auf morgen Mittag angesetzt.«

Hartmut konnte nur nicken. Es war Nadine, die an seiner Stelle antwortete: »Nichts, womit wir nicht fertig würden. Wir werden wohl die Nacht durcharbeiten müssen, aber mit den entsprechenden Zuschlägen …« Sie lächelte, während es in ihrem Kopf rechnete und rechnete und ihre Mundwinkel schon langsam weh taten. Sie lächelte so lange, bis der mit seinen Kiefern mahlende Beamte erwiderte: »Ich werde Ihren Vertrag entsprechend erweitern. Bis morgen Mittag dann.«

Als er fort war, rief Nadine »Ja!« und ballte die Faust. Dann ging sie singend an die Arbeit. Mit offenem Mund starrte Hartmut ihr hinterher, schaute abwechselnd sie an, die vor sich hin werkelte, und den Kühlschrank. Beide summten. Nadine – Kühlschrank, Kühlschrank – Nadine. Noch immer wollte sich dazwischen kein klarer Gedanke formulieren. Nadine schleppte, Hartmut nebelte vor sich hin. »Los, los«, rief sie im Vorbeigehen, die Arme voll schmutziger Bettwäsche, »arbeiten, wir haben nicht ewig Zeit.«

Hartmut wollte schon aufstehen und der Aufforderung Folge leisten. »Aber«, fiel es ihm dann endlich ein. Er fragte nicht gerne, es war so verdammt vorhersehbar, so naheliegend und so gottverdammt hilflos. Ein Mann sollte nie so durchschaubar und hilflos sein. Männer waren entschlossen, cool und eigenwillig in ihren eisenharten Entscheidungen. Zumindest da, wo er herkam. Doch es ließ sich nicht umgehen. »Was machen wir denn jetzt?«, entschlüpfte es ihm, ehe er noch über eine gelungenere Formulierung nachdenken konnte.

Nadine tätschelte ihm im Vorbeigehen die Wange.

Frauen dagegen, fiel es ihm ein, und es war im Übrigen auch eine Frau, die an seiner derzeitigen Umgebung und Lage schuld war, Frauen waren … ach, er gab es auf. Hartmut griff nach dem nächsten Müllbeutel und machte sich daran, den Inhalt der Küchenschränke hineinzuräumen. Dass es tatsächlich Leute gab, die ihre gebrauchten Ohrenstäbchen in Tupperdosen sammelten, laut Aufschrift getrennt nach »links« und »rechts«!

 

5. Und was machen wir jetzt?

»Das ist so cool«, stellte Nadine fest.