Die Schattenfrau - Åke Edwardson - E-Book

Die Schattenfrau E-Book

Åke Edwardson

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Beschreibung

Die Leiche einer Frau ohne Namen. Spuren, die alle ins Nichts zu weisen scheinen. Die aufgeladene Atmosphäre eines heißen schwedischen Sommers. Und ein verängstigtes Mädchen, das sich in dem Versteck, in dem es festgehalten wird, nach seiner Mutter sehnt. Kommissar Winter, dessen Vorliebe für guten Jazz und elegante Anzüge sich in Göteborg herumgesprochen hat, setzt sein ganzes psychologisches Feingefühl ein, um den Mörder - und das Mädchen - zu finden.

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Das Buch

Es ist Spätsommer in Schweden. Auch Kommissar Winter genießt ein paar freie Tage, als an einem See am Stadtrand von Göteborg eine junge Frau ermordet aufgefunden wird – eine Frau ohne Papiere, ohne Namen. Aus dem Urlaub zurückgekommen, macht sich Winter an die Aufklärung des Falls, bei dem alle Spuren zunächst ins Nichts zu führen scheinen. Die Ermittlungen treten auf der Stelle, bis eines Tages bei einer Verkehrskontrolle das Fahrzeug des mutmaßlichen Täters gefunden wird. Doch Winters Geduld wird auf eine harte Probe gestellt: Erst eine alte Frau und eine Kinderzeichnung weisen ihm schließlich den Weg zur Lösung des Falls.

Åke Edwardson verbindet in Die Schattenfrau auf brillante Weise die Spannung eines klassischen Krimis mit psychologischem Tiefgang und einer faszinierenden Personenzeichnung: Stets elegant gekleidet, mit einer Vorliebe für klassischen Jazz und gutes Essen, ist Winter ein liebenswerter und zutiefst menschlicher Kommissar, der nicht nur in Schweden zur Kultfigur geworden ist.

Der Autor

Åke Edwardson, Jahrgang 1953, lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Göteborg. Bevor er sich dem Schreiben von Romanen widmete, arbeitete er als Journalist u. a. im Auftrag der UNO im Nahen Osten, schrieb Sachbücher und unterrichtete an der Universität von Göteborg Creative Writing.

Von Åke Edwardson sind in unserem Hause bereits folgende Erik-Winter-Krimis erschienen:

Tanz mit dem Engel · Das vertauschte Gesicht · In alle Ewigkeit · Der Himmel auf Erden · Segel aus Stein · Zimmer Nr. 10 · Rotes Meer · Toter Mann

Außerdem:

Allem, was gestorben war · Geh aus, mein Herz · Der Jukebox-Mann · Samuraisommer · Winterland · Der letzte Abend der Saison · Drachenmonat

Åke Edwardson

Die Schattenfrau

Kriminalroman

Aus dem Schwedischenvon Wolfdietrich Müller

List Taschenbuch

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www.list-taschenbuch.de

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen,

wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung,

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können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Neuausgabe im List TaschenbuchList ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin.

2. Auflage April 2010© für die deutsche Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2006© 2003 für die deutsche Ausgabe by Ullstein Heyne List GmbH & Co. KG© 2000 für die deutsche Ausgabeby Econ Ullstein List Verlag GmbH & Co. KG, München© 1998 by Åke EdwardsonTitel der schwedischen Originalausgabe: Rop från långt avstånd(Norstedts Förlag, Stockholm)

Umschlaggestaltung: bürosüd° GmbH, MünchenTitelabbildung: © Johner Images/GettyimagesSatz: Franzis print & media GmbH, MünchenE-Book: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-8437-0570-7

Prolog

Sie saß lange bei Mama. Sie schlief ein Weilchen auf dem Rücksitz und kroch dann nach vorn. Dort war es kalt. Mama ließ den Motor eine Weile laufen und schaltete ihn dann wieder aus. Mama hatte auf ihre Frage nicht geantwortet, also fragte sie noch einmal, und Mamas Stimme klang streng. Da schwieg sie. »Warum kommt er nicht?«, hatte Mama gesagt, aber nur so vor sich hin und nicht zu ihr. »Wo steckt er um Himmels willen?«

Jemand sollte kommen und sie abholen, und dann würden sie nach Hause fahren, aber es kam niemand. Sie wollte bei Mama sein, aber sie wollte auch gern im Bett liegen. Es war nun dunkler, und es regnete. Sie konnte nicht hinausschauen, weil die Fenster beschlagen waren. Da kroch sie näher heran und rieb mit dem Pulloverärmel über das Fenster. Autos glitten vorbei, und es war, als führen die Lichter Karussell in dem Auto, in dem sie saßen. »Warum können wir nicht fahren?«, hatte sie gefragt. Mama hatte nicht geantwortet, also fragte sie noch einmal. »Sei still!«, befahl Mama. Da wagte sie nichts mehr zu sagen, weil die Stimme vom Vordersitz so hart klang. Mama sagte mehrere hässliche Wörter. Aber sie hatte sie schon so oft gehört, dass es ihr nichts mehr ausmachte. Sie hatte solche Wörter selbst gebraucht, und es war gar nicht schlimm gewesen. Aber sie wusste, dass es trotzdem nicht richtig war.

Der Regen trommelte aufs Dach. Trommeditrommeditrom. So träumte sie eine Weile vor sich hin und schlug mit der Hand auf den Sitz neben sich: trommeditrommeditrom.

»Lieber Gott«, sagte Mama und wiederholte es mehrmals. »Bleib hier.« Mama öffnete ihre Tür vorne. »Du musst hier bleiben, wenn ich telefonieren gehe«, sagte Mama, und sie nickte zur Antwort vom dunklen Rücksitz her. Es war noch nicht richtig Abend draußen, aber dunkel war es trotzdem.

»Ich kann dich kaum sehen«, sagte Mama. »Du musst antworten.«

»Wohin gehst du?«

»Ich gehe nur zur Telefonzelle an der Ecke und rufe an. Es dauert nicht lange.«

»Wo ist die? Kann ich nicht mitkommen?«

»Du bleibst hier!«, sagte Mama streng, und sie antwortete »ja«. Mama warf die Tür zu, und sie bekam Regenspritzer ab. Sie fuhr zusammen vor Schreck.

Dann saß sie still, horchte auf Schritte draußen und glaubte, das Geräusch von Mamas Schuhen auf der Straße zu hören, wie ein Klicketiklicketiklack. Es konnte jemand anders sein, aber sie sah nichts. Draußen war es neblig.

Sie zuckte zusammen, als Mama zurückkam. »Niemand da!«, sagte Mama oder rief es vielmehr. »Herrgott! Die sind schon weg!«

Mama ließ den Wagen an, und sie fuhren los.

»Fahren wir jetzt heim?«

»Bald«, sagte Mama. »Wir müssen nur vorher noch etwas erledigen.«

»Ich möchte aber heim.«

»Wir fahren ja nach Hause. Aber wir müssen erst noch was anderes erledigen«, sagte Mama, dann hielt sie den Wagen wieder an, stieg aus und setzte sich neben sie auf den Rücksitz. Mamas Gesicht war nass.

»Bist du traurig, Mama?«

»Nein. Das ist vom Regen. Hör mir jetzt gut zu. Wir fahren erst zu einem anderen Haus und holen ein paar Onkel ab. Hörst du, was ich sage?«

»Wir holen ein paar Onkel ab.«

»Ja. Die Onkel werden angerannt kommen, wenn sie uns sehen, das ist nämlich ein Spiel. Sie springen ins Auto, wenn es noch gar nicht richtig gehalten hat. Verstehst du?«

»Die springen ins Auto?«

»Wir fahren langsamer, sie springen ins Auto, und wir fahren wieder los.«

»Fahren wir dann heim?«

»Etwas später, ja.«

»Ich will aber jetzt heimfahren.«

»Das machen wir auch bald. Aber vorher spielen wir noch dieses kleine Spiel.«

»Können wir nicht morgen spielen, wenn es heller ist? Ich bin müde. Das ist ein doofes Spiel.«

»Es muss aber sein. Wichtig ist vor allem, dass du dich auf den Boden legst. Das gehört zum Spiel. Du musst dich auf den Boden legen, wenn ich es sage. Verstehst du?«

»Warum denn?«

Mama schaute sie an und dann immer wieder auf die Uhr. Es war jetzt ganz dunkel hier drinnen, aber Mama konnte die Uhr sehen. »Weil sie so schnell gelaufen kommen und vielleicht andere, die nicht mitspielen sollen, auch ins Auto springen wollen. Die könnten dich stoßen oder so. Deshalb musst du hinter meinem Sitz unten auf dem Boden liegen.«

Sie nickte.

»Probier es mal aus.«

»Aber du hast gesagt, dass …«

»Leg dich hin!«

Mama fasste sie hart an. Es tat weh im Nacken. Sie legte sich auf den Boden, der schlecht roch und kalt und nass war. Das Atmen fiel ihr schwer. Sie hustete und lag auf dem kalten Boden. Der Arm tat ihr weh.

Mama ging zurück zum Vordersitz und ließ den Motor an. Da richtete sie sich wieder auf und blieb sitzen, bis Mama sagte, dass sie sich auf den Boden legen sollte.

»Geht es jetzt los?«

»Ja. Liegst du?«

»Ich bin ganz unten.«

»Du darfst dich nicht aufrichten«, befahl Mama. »Das kann sehr gefährlich sein.« Und Mama sagte immer wieder, wie gefährlich es war. »Du musst auch ganz still sein.«

Sie fand gefährliche Spiele doof, aber sie wagte es nicht zu sagen.

»Still jetzt!«, befahl Mama in bösem Ton, obwohl sie gar nichts gesagt hatte.

Sie lag ruhig da und lauschte den Geräuschen unter sich. Es war, als läge sie fast auf der Straße, rattatirattatiratt, und sie dachte wieder, es klingt wie ein Lied, als das Auto die Fahrt verlangsamte; rattatirattat … und plötzlich hörte sie einen Schrei und noch einen, und Mama rief etwas. Die Tür über ihr wurde aufgerissen. Etwas Schweres drückte sie nach unten, und sie wollte schreien, aber es ging nicht. Vielleicht traute sie sich auch nicht. Die Türen flogen auf und wurden zugeschlagen und wieder geöffnet und zugeschlagen, und sie hörte, dass es knallte, als eine Tür vorn gegen das Auto schlug, wie ein Feuerwerk klang es, und es war, als ob der Regen jetzt viel härter auf das Auto trommelte. Sie schielte nach oben und sah, dass das Glas im Fenster gesprungen war, aber es hielt dennoch irgendwie. Es fiel kein Glas auf sie oder auf den Rücksitz.

Alle schrien, doch sie verstand nicht, was die Stimmen sagten. Sie horchte, konnte aber ihre Mama nicht hören. Sie wollte sich aufsetzen, aber das ging nicht. Und nun fuhren sie wieder an, das Auto wendete und schleuderte. Es klang wie ein Kreischen. Sie hörte es, weil sie so weit unten lag. Und dann hörte sie den Onkel, der auf dem Rücksitz saß. Es war, als weinte er. Das war komisch für einen Onkel. Dieses Spiel gefiel ihr nicht. Sie hatte Angst, aber sie wagte nicht, sich zu bewegen. Sie versuchte, sich ein neues Lied auszudenken.

TEIL I

1

Erik Winter wachte spät auf. Er hatte sich in den Laken verheddert und musste sich hin und her wälzen, bis er den Körper frei bekam. Vor dem Balkon hing die Sonne an ihrem Platz. Es war schon warm in der Wohnung.

Er setzte sich auf die Bettkante und strich sich über die Bartstoppeln. Der Kopf war schwer, als wäre er noch gar nicht richtig wach. Er saß reglos mit geschlossenen Augen da und dachte an nichts. Jede Stunde war er aufgewacht und hatte sich den Schweiß von der Stirn gewischt, das Kissen und die Laken gewendet. Zweimal war er aufgestanden und hatte Wasser getrunken, den Geräuschen der Nacht gelauscht. Was für ein Sommer.

Er stand auf und ging über den Dielenboden ins Bad. Vor der Dusche stand er da und wartete, bis das Wasser warm wurde. Feigling, dachte er. Als ich jünger war, habe ich die ersten eiskalten Strahlen hingenommen wie ein Mann.

Er seifte sich ein, griff mit der linken Hand um sein Geschlecht und spürte, wie die Hoden und der Penis hart wurden in seiner Hand.

Vorgestern Nacht war Angela nach einer Doppelschicht im Krankenhaus nach Hause gekommen. In den Morgenstunden hatten sie das Tier mit den zwei Rücken gespielt, und er hatte sich wieder jung und stark gefühlt. Der Orgasmus war wie ein Feuer, das durch ihn hindurchrollte, bis er aufgeschrien hatte. Der Laut hatte im Zimmer nachgeklungen, und Winter hatte den salzigen Geschmack nach ihr noch auf den Lippen. Einen Geschmack, der ihn an den Sommer erinnerte, wenn er von den Klippen ins Meer sprang.

Hinterher hatten sie still nebeneinander gelegen, und als er sich bewegte, waren es die schlaffen Bewegungen eines alten Mannes. Sie lag auf der Seite und blickte ihn an. Wieder einmal staunte er über die Linie ihrer Hüfte, die einem weichen Berg in der Landschaft glich. Ihr Gesicht war teilweise hinter den Haaren verborgen, das Haar war nass und dunkler an den Spitzen.

»Du glaubst, du nutzt mich aus, aber es ist umgekehrt«, sagte sie und zwirbelte langsam mit dem Finger das dichte Haar auf seiner Brust.

»Hier nutzt keiner den anderen aus«, meinte er.

»Ich habe aber immer das Gefühl, es geht nur darum, dass ich hinterher zufrieden bin.«

»Gut, dass du mir das erklärst, Frau Doktor.«

»Aber mir ist klar geworden, dass wir mehr brauchen als Sex.«

»Was ist denn das für ein Quatsch?«

»Dass wir mehr brauchen als Sex?«

»Als ob es nur um Sex ginge. Als ob wir nichts anderes täten.«

»Was machen wir denn?«, fragte sie und nahm den Finger von seiner Brust.

»Was für eine Frage! Wir machen doch ziemlich viel.«

»Na, dann erzähl mal.«

»Jetzt gerade führen wir zum Beispiel ein Gespräch. Ein Gespräch über unsere Beziehung.«

»Na ja, vielleicht zum ersten Mal«, antwortete sie und setzte sich im Bett auf. »Ein Gespräch auf zehnmal Sex.«

»Jetzt übertreibst du aber.«

»Mag sein. Aber nur ein bisschen. Ich will mehr …«

»Was denn?«

»Du weißt, wovon ich spreche, Erik. Wir haben auch schon früher darüber gesprochen.«

»Ich soll endlich erwachsen werden.«

»Ja.«

»Ich soll endlich zum Manne reifen und Verantwortung für eine Familie übernehmen, die ich noch nicht habe.«

»Du hast doch mich«, sagte sie und sah ihn wieder an.

»Entschuldige. Aber du weißt, was …«

»Nein, ich weiß eben nicht, was du meinst. Das hier reicht mir nicht mehr.«

»Auch wenn du mich hin und wieder ausnutzen darfst?«

»Nicht einmal dann.«

»Auch wenn es vor allem um deine Bedürfnisse geht?«

»Das hätte ich nicht sagen sollen. Jetzt hast du noch mehr, womit du mich aufziehen kannst.«

»Komm schon, Angela. Ich bin auch wieder ernst.«

»Denk daran, dass du nicht ewig jung bleibst, Erik. Du bist schon jetzt nicht mehr jung. Denk mal darüber nach.«

»Ich denke an nichts anderes.«

»Und denk mal über uns nach. Ich geh duschen.«

Er war siebenunddreißig und Kriminalkommissar beim Fahndungsdezernat der Bezirkspolizei. Mit nur fünfunddreißig Jahren war er Kommissar geworden, ein Rekord in Göteborg und sogar in Schweden, aber für ihn bedeutete es nur, dass er nicht mehr so oft Befehlen gehorchen musste wie früher.

Zunächst hatte er sich bei der Arbeit stark und jung gefühlt, aber jetzt war er sich nicht mehr ganz so sicher. Es schien, als wäre er in kurzer Zeit fünf oder zehn Jahre älter geworden. Ein Fall, an dem er im Frühjahr gearbeitet hatte, war so hart für ihn gewesen, dass er sich anschließend, den Frühsommer über, gefragt hatte, ob er es überhaupt schaffen würde, weiterhin Polizist zu sein – Sand im Getriebe des Bösen.

Er hatte eine Woche Urlaub genommen und war im Licht des hohen Nordens über die lappländische Tundra gewandert. Dann war er zurückgekehrt und hatte seine Arbeit fortgesetzt, aber er war nicht mehr der Alte. Nun versuchte er, sich vom Sommer und der Muße einlullen zu lassen. Er ließ sich Bartstoppeln stehen. Sein Haar bedeckte schon halb die Ohren und war auf dem Weg zu den Schultern. Allmählich veränderte sich sein ganzes Äußeres. Vielleicht passt es dann besser zu meinem komplizierten Innenleben, hatte er einmal vor dem Spiegel gedacht, eine hässliche Grimasse geschnitten und den Mund zu einem Lächeln verzogen. Vielleicht macht das aus mir einen guten Polizisten.

Winter saß allein am Küchentisch vor zwei getoasteten Brotscheiben und einer Tasse Tee. Angela hatte »tschüss« gesagt und war nach Hause gegangen. Am Haaransatz brach ihm schon wieder der Schweiß aus, als die Wärme von draußen durch die Jalousien drang. Das Thermometer auf der Schattenseite des Balkons zeigte neunundzwanzig Grad. Es war elf Uhr, und ihm blieben von seinem zweiten Urlaub noch vier Tage. Er würde weiter die Ruhe genießen.

Auf dem Tisch im Flur läutete das Telefon. Er stand auf und ging aus der Küche, griff zum Hörer und nannte seinen Namen.

»Hier ist Steve, erinnerst du dich?«, erwiderte eine Stimme mit schottischem Akzent.

»Wie könnte man einen Ritter aus Croydon vergessen?«

Steve Macdonald war Kriminalkommissar im Süden von London, und sie beide hatten zusammen an dem schwierigen Fall zu Beginn des Jahres gearbeitet. Sie waren Freunde geworden, zumindest hatte Winter es so aufgefasst. Sie hatten in London und in Göteborg miteinander zu tun gehabt. Allerdings hatten sie seit einem Frühlingsabend in Winters Wohnung, als der Fall endlich gelöst war und sie gemeinsam Trost suchten, nichts mehr voneinander gehört.

»Der Ritter bist wohl eher du«, sagte Macdonald. »Strahlende Rüstung und all das.«

»Damit ist jetzt, glaube ich, Schluss«, gab Winter zu, der sehr wohl wusste, dass Steve Macdonald auf seine teuren Klamotten anspielte – etwas zu elegant für den Durchschnittspolizisten. Aber im Moment sah er doch ein wenig anders aus. Winter schmunzelte.

»Was?«

»Ich habe Bartstoppeln und war seit Monaten nicht mehr beim Haareschneiden.«

»Habe ich dich so sehr beeindruckt? Ich dagegen bin mal oben in der Jermyn Street gewesen und habe mich nach Baldessarini-Klamotten umgesehen. Dachte, ich kriege darin mehr Autorität. Wenn du länger hier auf der Wache geblieben wärst, hätten sie angefangen, Befehle von dir entgegenzunehmen.«

»Und was ist daraus geworden?«

»Woraus?«

»Hast du einen Anzug gefunden?«

»Nein. Ein gewöhnlicher Sterblicher kann sich das, was du anziehst, einfach nicht leisten. Ach, ich muss dich noch etwas fragen: Ist es wahr, dass du nicht jeden Monat erst aufs Gehalt warten musst, bevor du anfangen kannst, Geld auszugeben?«

»Wie kommst du darauf?«

»Du hast im Frühjahr so was angedeutet.«

»Hab ich das? Ich muss mich so auf die Arbeit konzentriert haben, dass ich nicht mehr aufgepasst habe, was ich da rede.«

»Also bist du doch auf das Gehalt angewiesen?«

»Was glaubst du denn? Etwas Geld hab ich zwar auf der Bank, aber so viel nun auch wieder nicht.«

»Gut zu hören.«

»Spielt das eine Rolle?«

»Ich weiß nicht. Vielleicht. Ich wollte es nur wissen.«

»Hast du deshalb angerufen?«

»Eigentlich wollte ich hören, wie es dir geht. Es war schlimm im Frühjahr.«

»Ja.«

»Also?«

»Was?«

»Wie ist die Lage?«

»Es ist heiß. Wir haben einen neuen Hitzerekord, obwohl eigentlich der Sommer längst vorbei sein müsste. Und ich habe gerade Urlaub.«

»Danke für die Karte aus den Alpen.«

»Aus den Bergen. Lappland. Das ist immer noch Schweden.«

»Whatever. Danke, auf jeden Fall.«

Es wurde still. Winter lauschte dem elektrostatischen Knistern in der Leitung.

Macdonald räusperte sich vorsichtig. »Lass mal wieder von dir hören.«

»Kann sein, dass ich Weihnachten rüberkomme und ein bisschen was einkaufe«, sagte Winter.

»Zigarren? Hemden?«

»Jeans, dachte ich.«

»Pass auf, dass du nicht irgendwann aussiehst wie ich.«

»Könnte ich auch sagen.«

Sie verabschiedeten sich, und Winter legte den Hörer auf. Plötzlich spürte er einen Schwindel, und er stützte sich auf die Tischplatte. Doch nach einigen Sekunden hörte die Welt auf, sich um ihn zu drehen. Er ging in die Küche zurück, trank einen Schluck von dem kalt gewordenen Tee und überlegte, ob er frischen aufgießen sollte. Stattdessen stand er auf und trug Tasse und Untertasse zur Spüle.

Er zog Shorts und ein kurzärmeliges Baumwollhemd an und schlüpfte mit den Füßen in die Sandalen. Dann verstaute er sein Portmonee in der linken Brusttasche und vergewisserte sich, dass der Schlüsselbund noch vom Vortag in der Tasche steckte. Das Handy ließ er auf dem Nachttisch liegen.

Als er nach der Türklinke griff, hörte er draußen den Briefträger herumalbern, und die Post fiel ihm vor die Füße. Er bückte sich und sah sie durch. Das Polizeiblatt, zwei Umschläge von der Bank, eine Zeitschrift in einem weißen Umschlag, eine Benachrichtigung über ein mehr als ein Kilo schweres Päckchen, das auf dem Postamt in der Avenyn abgeholt werden konnte. Eine bunte Ansichtskarte stach aus all dem Weiß hervor. Er hob sie auf und drehte sie um. Macdonald sandte Grüße von einem Besuch in den schottischen Highlands. »Wir haben auch Alpen«, schrieb er, und Winter betrachtete die Vorderseite. Ein schneebedeckter Gipfel, der sich über eine Ortschaft neigte, in der Häuser standen, altertümlich wie aus einer anderen Zeit.

Die Wärme schlug ihm ins Gesicht. Die Luft über dem Vasaplatsen flimmerte. Ein paar Leute standen im Schatten des Häuschens an der Straßenbahnhaltestelle auf der anderen Seite des Parks; ihre Körper nur schwarze Silhouetten.

Er holte das Fahrrad aus dem Keller und fuhr die Vasagatan entlang, dann links hoch am Skanstorget vorbei. Bevor er den Linnéplatsen erreichte, war das Hemd nass. Ein angenehmes Gefühl. Der Rucksack schlug ihm gegen die Schulterblätter. Er beschloss, weiter Richtung Süden zu fahren, und strampelte in dem grellen Licht den Weg hinaus bis Askimsbadet. Dort machte er eine Pause, trank eine Dose Ramlösa-Mineralwasser. Dann fuhr er weiter, am Golfplatz in Hovås und an Järkholmen vorbei. Er stellte das Rad zu den übrigen neben den Fahrradweg, kletterte zu dem kleinen Strand hinunter und stürzte sich, so schnell er konnte, ins Wasser.

Danach lag er in der Sonne und las, und wenn es zu warm wurde, ging er wieder schwimmen. Das war sein Urlaub, und genau so wollte er diesen Sommer verbringen. Es war schon Nachmittag, als er sich auf den Heimweg machte, und die Sonne stand schon tief im Westen. Er genoss das trockene Gefühl an den Füßen, als er den Sand abbürstete und sie in die Sandalen schob. Er wollte es noch ein Weilchen festhalten, denn für ihn bedeutete es das Gute in der Welt.

2

Es war kurz nach Mitternacht, als Aneta Djanali mit einem Schlag der Kiefer zertrümmert wurde. Sie war auf der Östra Hamngatan in südlicher Richtung spazieren gegangen, und überall um sie herum waren Leute. Sie war nicht im Dienst, aber das hätte keinen Unterschied gemacht, da sie Kriminalinspektorin war und bei der Arbeit nie eine Uniform trug.

Sie war mit einer Freundin auf dem Göteborgskalaset unterwegs, dem großen Sommerfest, und die beiden Frauen hatten in einer Querstraße eine Prügelei bemerkt. Drei Männer schlugen und traten auf jemanden ein, der am Boden lag, und Aneta Djanali schrie sie an und ging ein paar Schritte in die dunklere Kyrkogatan hinein. Die drei Männer blickten auf und kamen nach kurzem Zögern auf die Frauen zu. Im Vorbeigehen verpasste einer von ihnen Aneta einen Schlag ins Gesicht. Erst spürte sie keinen Schmerz, doch dann breitete er sich im ganzen Kopf aus bis hin zur Brust. Die Männer waren einfach weitergegangen, und der eine, der sie angegriffen hatte, machte irgendeine Bemerkung über ihre Hautfarbe. Aneta Djanali war schwarz, aber zum ersten Mal war ihr wegen ihrer Hautfarbe Gewalt angetan worden.

Sie wurde nicht bewusstlos, aber als sie versuchte, ihrer Freundin etwas zu sagen, kam nichts heraus. Lis ist weißer denn je, dachte Aneta Djanali. Vielleicht ist der Schock für sie größer als für mich.

Das Fest ging um sie herum weiter, Leute schlenderten zwischen den verschiedenen Bierzelten und Bühnen hin und her. Die Nacht war warm. Der Geruch von Holzkohlengrills und Menschen erfüllte die Stadt. Es roch nach Schnaps und Schweiß. Die Stimmen waren laut, vermischten sich, und in dieser Kakophonie gingen die Rufe von Anetas Freundin unter. Zum dritten Mal waren sie an diesem Abend auf ihrem Spaziergang durch das feiernde Göteborg an dieser Stelle vorbeigekommen. Aller guten Dinge sind drei, dachte Aneta Djanali. Ihr Kopf tat nicht mehr so weh. Sie spürte die raue Oberfläche des Asphalts an der Wange und sah viele nackte Beine, Sandalen und Seglerschuhe. Plötzlich wurde sie hochgehoben und zu einem Auto getragen, das sie als Krankenwagen erkannte. Sie fühlte, wie jemand sie vorsichtig berührte, dann wurde sie ohnmächtig.

Fredrik Halders erfuhr von dem Vorfall, als er am nächsten Morgen um halb acht das Polizeipräsidium betrat. Er war ein Kriminalbeamter mit kurz geschorenem Haar, der keinem Streit aus dem Weg ging. Besonders gern stritt er mit Aneta Djanali und machte sich über ihre Hautfarbe und Herkunft lustig. Manchmal konnte er richtig dumm sein, und er wurde als Rassist und Sexist beschimpft, aber solche Vorwürfe prallten an ihm ab. Seit seiner Scheidung vor drei Jahren war er allein. Er war vierundvierzig, ewig wütend, ein jähzorniger Mann, in dem es ständig brodelte. Die anderen meinten schon länger, er solle mal mit jemandem darüber reden. Fredrik Halders bei einem Psychotherapeuten! Eher würde er sich in aller Öffentlichkeit einen runterholen. Diese nervöse Energie im Leib würde irgendwann noch mal seinen Untergang bedeuten. Ihm selbst wurde das einmal mehr bewusst, als er erfuhr, was mit Aneta passiert war. Am liebsten würde er aus diesen verdammten Hurensöhnen Hackfleisch machen. Verdammt, verdammt, VERDAMMT. Er lief im Konferenzzimmer umher, immer im Kreis. Lars Bergenhem, der Bericht erstattet hatte, blieb still.

»Keine Zeugen?«, schrie Halders.

»Doch, die …«, sagte Bergenhem.

»Wo sind sie?«

»Die Freun …«

»Her mit ihnen! … Ach, scheiß drauf.« Halders ging zur Tür.

»Wo willst du hin?«

»Was, zum Henker, glaubst du wohl?«

»Sie steht unter Narkose. Zumindest als sie ihr den Kiefer gerichtet haben.«

»Woher weißt du das?«

»Ich habe gerade mit dem Sahlgrenska gesprochen.«

»Und warum ruft das Krankenhaus nicht bei mir an?«, rief Halders. »So was kann gefährlich werden. Da kann Gift ins Blut kommen und so ’n Scheiß. Sie müsste auf der Intensivstation liegen.«

Ach, damit kennst du dich wohl besser aus als die Ärzte, dachte Bergenhem bei sich.

»Ich arbeite noch immer am meisten mit Aneta zusammen«, sagte Halders etwas ruhiger. »Du warst doch so gut wie nie mit ihr unterwegs!?«

»Das werden die nicht gewusst haben«, antwortete Bergenhem leise.

»Was?«

»Nichts.«

»Was ist jetzt mit den Zeugen?«, fragte Halders.

»Ich versuche dir die ganze Zeit zu erklären, dass Anetas Freundin herkommt in …« – Bergenhem sah auf die Uhr – »… in einer Viertelstunde.«

»War sie dabei?«

»Ja.«

»Sonst niemand?«

»Du weißt, dass das Fest noch läuft. Es waren Unmengen von Leuten dort. Da ist es doch oft so, dass keiner was bemerkt hat.«

»Was für’n Mist«, rief Halders, »ich zieh hier weg, aus dieser verdammten Stadt.«

Bergenhem gab keine Antwort.

»Gefällt dir die Stadt etwa?«, fragte Halders. Er hatte sich gesetzt, war aufgestanden und hatte sich wieder hingesetzt.

Bergenhem überlegte, was er antworten sollte. Fredrik war wütend – was nichts Neues war –, aber diesmal war es anders. Eher ein heiliger Zorn. Dahinter steckte mehr als das Mitgefühl mit einer Kollegin. Bald würde er zum Krankenhaus fahren, und gnade Gott dem, der vor Halders an einer gelben Ampel trödelte.

»Es ist eben eine moderne Stadt«, sagte Bergenhem. »Das ist die neue Zeit, eben komplex.«

»Komp… Was zum Teufel soll das heißen?«

»Zusammengesetzt. Es gibt Gutes, und es gibt Böses«, erklärte Bergenhem, und merkte selbst, wie abgedroschen das klang. »Man kann doch nicht eine ganze Stadt bitten, sich zum Teufel zu scheren.«

»Da ist sie doch längst«, polterte Halders. »Kaum geht man friedlich auf der Hamngatan spazieren, kommt da schon so ein Teufel daher und zertrümmert einem den Schädel. Das kapier ich einfach nicht. Das kann man eben auch nicht einfach wieder so zusammensetzen, wie du mit deiner Stadt.«

Bergenhem schwieg.

»Ich weiß ja, es gibt gute und fröhliche Menschen und schöne Plätze und so, aber jetzt … aber jetzt …« Halders spürte einen Kloß im Hals und wandte sich ab. Er zog die Schultern hoch, und Bergenhem sah, wie Halders die rechte Hand hob und sich über das Gesicht fuhr. Er weint, dachte Bergenhem. Oder fast. Noch gibt es Hoffnung für Fredrik. Und er hat ja Recht, besonders in diesem Sommer. Wie viele Zwischenfälle haben wir in den letzten Wochen gehabt? Fünfzehn? Es ist wie eine Vorbereitung zum … Krieg oder so ähnlich. Guerillakrieg zwischen Göteborgs Banden. Gestern trafen …

»Wer spricht mit dem Mädchen?«, Halders’ Stimme schien von weit weg zu kommen. »Mit Anetas Freundin?«

»Wir beide, wenn du willst«, antwortete Bergenhem.

»Du kriegst das schon hin«, sagte Halders. »Ich fahre rasch zum Krankenhaus. Wie ist es übrigens dem anderen Typen ergangen? Dem, der auch Prügel abgekriegt hat.«

»Er lebt«, antwortete Bergenhem.

Halders fuhr ungeduldig und bemerkte nicht, dass die Lüftungsklappen Luft hereinließen, die heißer war als die im Auto. Er war schweißnass am Hinterkopf, aber das war ihm egal.

Aneta saß im Bett, als er kam, oder wurde vielmehr durch Kissen aufrecht gehalten. Ihre Augen waren rot von geplatzten Äderchen. Die bekommt man lieber vom Saufen, dachte Halders.

Ihr Gesicht war rundum bandagiert.

Sie ist gerade erst aufgewacht. Ich sollte eigentlich nicht hier sein, überlegte er.

Neben ihr stand ein hoher Plastikbecher mit einem Strohhalm, der in der Mitte gebogen war. Auf einem Rolltisch vor ihrem Einzelzimmer hatte er zehn Rosen gesehen. Die Krankenschwester hatte gesagt, sie dürften sie Aneta wegen der Infektionsgefahr nicht ins Zimmer stellen. Die Blumen ließen die Köpfe hängen.

Haben die kein Wasser in die Vase getan?, hatte Halders sich gefragt. Das könnten meine Blumen sein.

Er griff sich einen Stuhl und setzte sich darauf neben das Bett. »Wir kriegen sie«, begann er.

Aneta bewegte sich nicht. Dann schloss sie die Augen.

Halders war sich nicht sicher, ob sie eingeschlafen war. »So schnell, wie du dich erholst, haben wir die Kerle hinter Schloss und Riegel«, sagte er. »Sogar unsere schwarzen Mitbürger sollen sich nach Einbruch der Dunkelheit auf den Straßen sicher fühlen können.«

Sie reagierte nicht. Halders betrachtete den Kissenberg im Rücken der Kollegin. Es sah unbequem aus.

»Da kommt einem fast der Gedanke, es wäre besser gewesen, wenn du zu Hause in Ouagadougou geblieben wärst«, wärmte Halders einen alten Scherz zwischen ihnen beiden auf. Aneta Djanali war im Östra-Krankenhaus in Göteborg geboren. »Ouagadougou«, wiederholte er, als könnte das Wort allein ihn beruhigen, oder vielleicht bewirken, dass es Aneta ein wenig besser ging.

»Eigentlich ist das hier eine Gelegenheit, die nie mehr wieder kommt«, meinte er nach einigen Minuten des Schweigens. »Ausnahmsweise kann ich alles sagen, ohne dass du dich einmischst und die Überlegene spielst. Endlich hab ich mal die Ruhe, dir zu erklären, worauf es in unserem Beruf ankommt.«

Aneta Djanali hatte die Augen geöffnet und sah Halders mit einem Blick an, den er wieder erkannte.

Sie ist verletzt, aber zum Glück hat es nur ihren Kiefer erwischt, dachte er. Das ist die Gelegenheit, ungehindert zu Wort zu kommen.

»Das Wichtigste dabei ist, die Kontrolle zu behalten«, begann er. »Wenn wir die Kerle schnappen, werden wir uns unter Kontrolle haben, so lange es nur geht, und dann werden wir einfach ’nen Fehler machen. Denen zeigen, dass wir auch bloß Menschen sind. Bullen sind auch bloß Menschen, meine ich.«

Wie zum Teufel trinkt sie mit dem Strohhälmchen da aus diesem Becher?, fragte er sich. In dem Verband ist ja gar keine Öffnung für das Röhrchen. Steht das Zeug nur so zum Schein da? Bekommt sie nicht alles, was sie braucht, aus dem Tropf? Wie lange wird sie hier liegen müssen?

»Es heißt, dass Winter seit dem Frühjahr ein bisschen spinnt«, sagte Halders. »Er ist den ganzen Urlaub über mit abgeschnittenen Jeans herumgelaufen und mit einem T-Shirt, auf dem ›London Calling‹ steht. Es geht das Gerücht, dass er während des Urlaubs mal oben in der Abteilung war, um sich irgendwelche Papiere zu holen, und dass er unrasiert und lange nicht beim Friseur gewesen war.«

Aneta Djanali schloss wieder die Augen.

»Ich kann kaum erwarten, dass es Montag ist«, meinte Halders. »Dann sind wir alle wieder zusammen, bis auf dich, aber ich kann was auf deinen Stuhl legen, damit es so aussieht, als wärst du doch dabei, Aneta.« Er beugte sich vor. »Sieh zu, dass du das hier hinkriegst, Aneta.« Er atmete den bedrückenden Geruch des Zimmer sein. »Ich vermisse dich«, sagte er.

Dann stand er auf, stellte ungeschickt den Stuhl weg, ging ums Bett herum und aus dem Zimmer. Im Flur warf er einen Blick in die Vase, sie war voll Wasser.

Warum lassen die Blumen dann die Köpfe hängen, fragte er sich.

Winter wartete nicht erst bis Montag. Er beschloss sofort, seinen Urlaub abzubrechen, als Ringmar anrief und ihm das Wichtigste erzählte. Winter traf diese Entscheidung nicht aus Pflichtgefühl, im Gegenteil, es war eher eine egoistische, vielleicht therapeutische Handlung.

»Das ist wirklich nicht nötig«, meinte Ringmar.

»Ich habe genug vom Sand zwischen den Zehen«, erwiderte Winter.

Am selben Nachmittag betrat er sein Zimmer und zog die Jalousien hoch. Es roch nach Staub und Arbeit. Die Schreibtischplatte war leer. Perfekt, dachte er. Vielleicht kann ich es wie der Chef machen: die Ermittlungsunterlagen vom Schreibtisch fern halten und in die Schubladen stopfen.

Sture Birgersson war Leiter der Fahndung und hatte es verstanden, seinem Stellvertreter die ganze Verantwortung aufzuladen. Das bedeutete, dass Winter Chef von dreißig Kriminalbeamten war, die in der Stadt die Kriminalität bekämpften. Die Fahndung ersetzte bei der Bezirkspolizei irgendwann das herkömmliche Fahndungsdezernat, aber an der Sache änderte das nichts. Selbst wenn die alte Bezeichnung verschwunden war, ging die Fahndung nach Verbrechern einfach weiter, nur, dass die früheren Kriminalassistenten jetzt Inspektoren waren. »Endlich ist man wer«, hatte Halders gesagt, als 1995 die Beförderung kam. Der höhere Dienstgrad war allerdings nicht mit höherem Gehalt verbunden. »Aber man ist doch gleich ganz anders motiviert, wenn man sich als Inspektor auf die mean streets of Göteborg begibt«, hatte Halders kommentiert.

»Mach die Tür zu«, sagte Winter zu Ringmar, der gerade den Raum betrat. »Was sagst du dazu?«, fragte er, noch bevor Ringmar sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch gesetzt hatte.

»Wir haben es mit ganz üblen Typen zu tun. Hoffentlich sind sie nicht von hier«, antwortete Ringmar.

»Glaubst du das?«

»Das sagen zumindest die Leute«, gab Ringmar zu. »Wir befinden uns in einer prekären Lage. Ich weiß nicht, wie viel du schon gehört hast, aber du siehst ja auch die Nachrichten. Ob das mit der Hitze zusammenhängt?«

»Die Demonstrationen?«

»Ja, aber das ist noch nicht alles. Es brodelt in der Stadt, oder wie auch immer man es nennen will. Vergangene Woche haben wir ein Dutzend Bandenschlägereien gehabt oder standen kurz davor. Ja, sogar Schlägereien. Ich weiß nicht, wie viele Nationalitäten, einschließlich der schwedischen, daran beteiligt waren. Es ist einfach furchtbar, Erik. Es gibt da etwas … ich weiß nicht, was es ist … Hass … etwas, das die Leute dazu bringt, sich zu prügeln oder zumindest damit zu drohen. Aber trotzdem. Wir tun, was wir können. Vielleicht hocken da irgendwo Teufel und fachen von unten das Feuer an. Steuern es, jedenfalls zum Teil.«

Bertil Ringmar war der dritte Kommissar der Fahndung und als solcher Chef der Personenfahndung, bestehend aus zehn Polizisten mit einem guten Draht zur Unterwelt und der Aufgabe, die schlimmsten Verbrechen und das Berufsverbrechertum unter Kontrolle zu halten. Sie sollten »der Entwicklung immer ein wenig voraus sein«, wie Sture Birgersson es formuliert hatte, als die Polizei neu organisiert worden war.

»Aneta ist in der Stadt ja nicht gerade unbekannt«, sagte Ringmar. »Ich hab immer geglaubt, sie scheuen sich, eine von uns anzugreifen, außer in Notwehr.«

»Genau das kann es ja sein«, meinte Winter.

»Was?«

»Eben weil wir glauben, dass die wissen, dass wir wissen, dass die wissen, dass wir glauben, dass die so was nie tun würden, ist es geschehen«, sagte Winter.

Ringmar gab keine Antwort.

»Oder?«

»Ja, das ist eben ein klassisches Dilemma«, meinte Ringmar. »Wenn ich dich richtig verstanden habe.«

»Da musst du wohl an den Anfangspunkt zurück, auf Feld Nummer eins?«

»Na, danke schön!«

Winter starrte auf die Tischplatte. Sie war blank gewienert, als hätte die Raumpflege einen Sondereinsatz gefahren, als klar war, dass er vorzeitig zurückkam. Er konnte sein Spiegelbild sehen, das Haar wie ein stachliger Kreis um sein Gesicht. Er griff nach dem Zigarillopäckchen in der Brusttasche seines Hemdes und zündete sich einen Corps an. Er ließ das Streichholz fallen, und verbrannte sich am Oberschenkel. Ein kurzer scharfer Stich.

Ringmar hatte die Shorts bemerkt, aber nichts gesagt. Ringmar selbst war in lange Khakihosen gekleidet. Die sehen aus, als hätte er sie in einem der Kleiderdepots der Armee gekauft, dachte Winter. Einem Kleiderdepot der britischen Kolonialarmee.

»Sind die Kerle von hier, finden wir sie«, fuhr Ringmar fort.

»Du glaubst noch an die Macht des Guten?«

»Ich glaube daran, dass die guten Mächte unter den bösen Mächten uns zu den bösen Mächten führen werden«, erklärte Ringmar.

»Den böseren Mächten«, verbesserte ihn Winter. »Den bösesten.«

»Anetas Freundin glaubt, sie würde eins der drei Schweine wieder erkennen können«, sagte Ringmar.

»Hatten sie irgendwelche Nazisymbole oder anderen faschistischen Scheiß an sich?«

»Nein. Sie sahen ganz und gar anständig aus.«

Winter ließ die Asche in seine Hand fallen. Anscheinend war der Aschenbecher während seines Urlaubs aus dem Zimmer entwendet worden.

»Sonstige Zeugen?«

»So etwa tausend, aber nur einige wenige haben nach unserem Fahndungsaufruf von sich hören lassen. Und die sind sich nicht sicher, wie die Kerle ausgesehen haben.«

»Anständig hast du gesagt?«

»Ja.«

»Es sind noch keine vierundzwanzig Stunden vergangen.«

»Nein.«

»Da ruft bestimmt noch jemand an«, meinte Winter. In diesem Moment klingelte das Telefon rechts auf dem Schreibtisch. Winter nahm den Hörer ab und murmelte seinen Namen. Ringmar sah, wie er zuhörte, mit gerunzelter Stirn, die Schultern vornübergebeugt. Dann sagte Winter ein paar knappe Worte und legte den Hörer auf.

»Es kommt einer rauf, der ihnen gefolgt ist«, erklärte er.

»Das ist ja ’n Ding«, staunte Ringmar. »Warum hat der nicht schon längst von sich hören lassen?«

»Es war wohl was mit seinem kranken Kind heute Nacht.«

»Wo ist er?«

»Auf dem Weg hierher«, erklärte Winter. »Übrigens war ich oben im Sahlgrenska-Krankenhaus und hab nach Aneta gesehen. Ich hab Fredrik dort getroffen, als er gerade aus ihrem Zimmer kam. Er hatte ganz rote Augen.«

»Gut«, staunte Ringmar.

3

Winter war ans Fenster getreten. Die Stuhllehne hatte einen feuchten Abdruck auf seinem Rücken hinterlassen. Ihn fröstelte von der Klimaanlage. Die Kälte, die manchmal bei ihnen herrschte, ließ auch den Sommer draußen kalt aussehen. Alles wirkte grau durch das Fenster, das man nicht öffnen konnte, der Himmel wie verhangen. Die Hitze hatte die Stadt lautlos eingeschlossen. Es war Vormittag, und nur wenige Menschen bewegten sich auf den Straßen. Der Rasen im Stadion Gamla Ullevi stand unter dem Beschuss der Wasserkanonen.

Aneta Djanali fiel ihm ein, und Winter ballte die rechte Faust, als er daran dachte, was mit ihr passiert war. Plötzlich konnte er sich gut vorstellen, selbst gewalttätig zu werden, seine Wut auszutoben. Das Gefühl überwältigte ihn. Ein primitiver Gedanke wie Rache oder irgendetwas jenseits davon. Er war zurückgekehrt in seine Welt der Gewalt.

Winter drehte sich um, Ringmar saß noch immer da und starrte ihn wortlos an. Ringmar ist fünfzehn Jahre älter als ich und hat sicher begonnen, die Tage zu zählen bis zu einer besseren Welt, dachte Winter. Wenn der letzte Tag hier vorbei ist, nimmt er vielleicht das Schiff raus auf die Insel, zu seinem Häuschen auf Vrångö, um nie mehr zurückzukehren.

»Was bedeutet das da auf dem T-Shirt?«, fragte Ringmar. »London Calling.«

»Sehnsucht nach London! Das ist der Titel einer CD von einer Rockband. Macdonald hat sie mir geschickt.«

»Rock? Du kennst dich doch mit Rockmusik gar nicht aus, oder?«

»Eine Rockband habe ich jedenfalls gehört. The Clash. Macdonald hat mir die CD zusammen mit dem T-Shirt geschickt.«

»The Clash? Was ist das?«

»Das ist das englische Wort für Zusammenprall.«

»Ich meine die Band. Kannst du Hardrock und Pop überhaupt auseinander halten?«

»Nein. Aber es gefällt mir wirklich.«

»Ich glaube das einfach nicht. Du stehst doch auf Coltrane.«

»Es gefällt mir«, wiederholte Winter. »Das wurde aufgenommen, als ich neunzehn war oder so, aber es ist trotzdem Musik unserer Zeit.«

»Hardrock«, murmelte Ringmar.

Es klopfte an der Tür.

Der Zeuge berichtete. Seine Gesichtshaut war gespannt und wirkte spröde nach einem Tag und einer Nacht ohne Schlaf. Aus seinen Augen sprach ernstliche Besorgnis über das, was in der Nacht geschehen war. Sein Kind hatte einen allergischen Schock erlitten, das Leben hatte auf der Kippe gestanden. Winter sprach ihn an.

»Entschuldigung, ich habe Sie nicht verstanden. In meinem Kopf dreht sich alles.«

»Sie haben gesagt, Sie waren hinter den Männern.«

»Ja.«

»Wie viele waren es?«

»Drei, wie ich gesagt habe.«

»Sind Sie sicher, dass die drei zusammengehörten?«

»Zwei von ihnen haben gewartet, während der dritte … der, der sie geschlagen hat… Sie haben gewartet, bevor sie weitergegangen sind.« Der Zeuge fuhr sich über die Augen. »Der sie geschlagen hat, war etwas kleiner, daran erinnere ich mich.«

»Kleiner?«

»Es sah so aus.«

»Und Sie sind ihnen gefolgt?«

»So lange wie möglich. Danach ist alles verdammt schnell gegangen. Zuerst war ich geschockt und bin wie erstarrt stehen geblieben. Dann dachte ich, das ist ja furchtbar, und bin ihnen gefolgt, um zu sehen, wohin sie gingen. Aber dann waren zu viele Leute auf dem Kungstorget. Und genau in dem Moment klingelte das Handy. Meine Frau schrie, dass Astrid keine Luft bekomme. Astrid ist unsere Tochter.«

»Ja.« Winter blickte Ringmar an. Bertil Ringmar hatte selbst Kinder. Und Winter hatte zwar keine Kinder, aber er hatte eine Freundin, die nicht mehr warten wollte, bis er erwachsen genug wäre, um die Verantwortung für ein Kind zu übernehmen. Erst vor vierundzwanzig Stunden hatte Angela das gesagt, bevor sie zur Feineinstellung ihrer biologischen Uhr zu ihrer Mutter nach Hause gefahren war. Wenn sie wieder da ist, werde ich erfahren, wie schnell sich die Zeiger bewegen, hatte Winter gedacht.

»Es ist noch mal gut gegangen«, sagte der Mann, mehr zu sich selbst. »Astrid ist wieder in Ordnung.«

Winter und Ringmar warteten. Die Luft im Zimmer bewegte sich kaum. Der Mann war mit derselben kurzen Hose und demselben Tennishemd bekleidet, die er am Abend zuvor getragen hatte. Kurze Bartstoppeln bedeckten sein Kinn, und die Augen lagen tief in ihren Höhlen.

»Wir sind dankbar, dass Sie nach dem … Unglück zu uns gekommen sind«, sagte Winter. »Direkt vom Krankenhaus.«

Der Zeuge zuckte die Achseln. »Es gibt so viele, die nichts tun. Laufen herum und schlagen Leute nieder. Da kriegt man eine verdammte Wut.«

Winter wartete darauf, dass er weiterredete.

»Es ist wie auf der Arbeit. Dieses verfluchte Geschwätz über die Einwanderer. Als ob es auf einmal politisch korrekt wäre, zu sagen, dass es zu viele Flüchtlinge und Schwarze im Land gibt.«

»Wo genau haben Sie die Bande aus den Augen verloren?«, fragte Ringmar.

»Bitte?«

»Die drei Typen, die unsere Kollegin niedergeschlagen haben. Wo genau sind sie verschwunden?«

»An der Seite der Markthalle, wo es zum Kungsportsplatsen geht, würde ich sagen. Also bevor man zum Platz kommt.«

»Haben Sie sie reden hören?«

»Kein Wort.«

»Sie haben keine Ahnung, woher sie kamen?«

»Von irgendwo südlich der Hölle, wenn Sie mich fragen«, antwortete der Mann.

»Geht’s nicht genauer.«

»Nein. Aber Schweden waren sie, waschechte Schweden, wie man so sagt.«

Sie baten ihn, die Männer zu beschreiben, und er tat es, so gut er es vermochte.

Als er das Zimmer verlassen hatte, zündete Winter einen neuen Zigarillo an. Die Asche fiel auf seinen nackten Oberschenkel.

»Hast du gemerkt, dass der Bursche unsere Aneta für einen Flüchtling gehalten hat?«, fragte er.

»Wieso meinst du das?«, fragte Ringmar zurück.

»Es wird immer einen Unterschied geben. So ’ne und so ’ne Menschen. Generation um Generation. Ohne Rücksicht darauf, wo sie geboren sind.«

»Ja.«

»Die Flüchtlinge dieser Welt.«

»Was?«

»Es gibt einen Ausdruck für Menschen, die von Land zu Land ziehen, ohne in eines der Paradiese eingelassen zu werden. Man nennt sie die Flüchtlinge dieser Welt.«

»Das ist ein hübscher Ausdruck«, sagte Ringmar. »Fast poetisch. Aber das gilt nicht für Aneta.«

»Nein, aber wenn sie im Paradies angekommen sind, was geschieht dann?« Winter drückte den Zigarillo im Aschenbecher aus, den er hinter der Gardine wieder gefunden hatte.

Draußen lastete die Wärme drückend auf dem Ernst Fontells Plats. Die Sonne hatte ihren höchsten Stand erreicht. Der getrocknete Schweiß auf Winters Haut löste sich und rann ihm den Rücken hinab. Es juckte ihn zwischen den Beinen. Er setzte die Sonnenbrille auf, ging zum Auto und öffnete die Tür. Er hatte den Schatten der Bäume falsch eingeschätzt. Die Hitze auf dem Vordersitz war unerträglich. Er setzte sich, ließ den Motor an und atmete vorsichtig ein. Dann schaltete er die Klimaanlage an.

Er fuhr nach Osten, am Stadion Nya Ullevi vorbei und hinauf zu einer großen Villa in Lunden. Im Hof des Nachbarhauses bellte wie verrückt ein Hund. Winter hörte das Gerassel der Kette, mit der er angeleint war.

Der Hauseingang lag im Schatten. Winter läutete an der Tür und wartete. Er klingelte noch einmal, und als niemand öffnete, stieg er die Treppe wieder hinunter, wandte sich nach links und ging an der verputzten Hauswand entlang. Es duftete nach schwarzen Johannisbeeren aus den Büschen an der Wand und nach etwas anderem, das er nicht einordnen konnte.

Auf der Rückseite glitzerte die Sonne in einem Swimmingpool. Winter bekam den Geruch von Chlor und Sonnenöl in die Nase. An der nördlichen Schmalseite des Pools stand ein Liegestuhl, und darauf lag ein nackter Mann. Sein Körper wirkte massig und war gleichmäßig gebräunt. Eine matte, kräftige Farbe, die sich von dem Handtuch abhob, das den Stuhl gegen Schweiß und Öl schützte. Das Handtuch war blau und weiß, und Winter konnte unter den Füßen des Mannes »Swedcom« lesen. Winter räusperte sich, und der Nackte öffnete die Augen.

»Dacht ich’s mir doch, dass ich was gehört habe«, sagte er.

»Warum machst du dann nicht auf?«, fragte Winter.

»Du hast doch trotzdem hergefunden.«

»Es hätte jemand anders sein können.«

»Wär besser gewesen«, gab der Mann zurück, der noch immer in derselben Stellung dalag. Sein Penis hing schrumplig zwischen den muskulösen Schenkeln.

»Zieh dich an und lad mich zu einem Drink ein, Benny.«

»In dieser Reihenfolge? Bist du homophob geworden, Erik?«

»Alles eine Frage der Ästhetik.« Winter sah sich nach einem Stuhl um.

Der Mann, der Benny Vennerhag hieß, stand auf, ergriff einen weißen Bademantel und machte eine Geste zum Wasser hin. »Kannst so lange ins Wasser.« Er ging zum Haus und drehte sich auf der Veranda um. »Ich hol uns Bier. Eine Badehose findest du in der Schublade des Hockers da. Hübsches T-Shirt. Aber wer sehnt sich schon nach London?«

Winter zog das T-Shirt und die Shorts aus und sprang ins Becken. Das Wasser war kühl auf seiner Haut, und er tauchte über den Grund, bis er die andere Schmalseite erreichte. Dann teilte er kraftvoll die Oberfläche und ließ sich auf dem Rücken treiben. Für einen Augenblick schien die Sonne weiter weg zu sein. Er tauchte wieder, drehte sich auf dem Grund um und blickte zum Himmel. Die Wasseroberfläche sah aus wie ein Dach aus flüssigem Glas. Da unten knisterte es in den gekachelten Wänden oder aber in seinen Trommelfellen. Er blieb lange unter Wasser und glitt erst wieder an die Oberfläche, als er den Schemen eines Gesichts über sich erblickte.

»Hast du versucht, einen neuen Rekord aufzustellen?«, fragte Vennerhag und reichte ihm ein Bier über den Beckenrand.

Winter strich sein Haar zurück und nahm die Flasche. Sie fühlte sich eiskalt an. »Du lebst gut«, sagte er und trank.

»Das hab ich mir verdient.«

»Den Teufel hast du.«

»Wer wird denn da neidisch sein, Herr Kommissar.«

Winter stemmte sich hoch und setzte sich auf die Kante.

»In der Unterhose zu baden! Wo bleibt dein Stil, dein Geschmack.«

Winter antwortete nicht. Er trank sein Bier aus, stellte die Flasche auf die Platten neben dem Pool, zog die nassen Boxershorts aus und die kurze Hose an.

»Du kannst einen Plastikbeutel für die Unterhose haben.« Vennerhag lächelte. Er lehnte sich wieder in dem Liegestuhl zurück. Vennerhag hatte eine kurze Khakihose angezogen, die ganz offensichtlich um die Hüften spannte.

»Wer hat Aneta krankenhausreif geschlagen?«, fragte Winter und drehte sich zu Vennerhag um.

»Wovon redest du?«, Vennerhag setzte sich wieder auf.

»Eine Frau … aus meiner Abteilung ist letzte Nacht niedergeschlagen worden. Wenn du erfährst, wer das getan hat, dann will ich es wissen«, forderte Winter. »Jetzt oder später.«

»Das ist auch nicht der Stil, den ich von dir gewohnt bin.«

»Ich bin jetzt ein anderer.«

»Tja, das mag …«

»Es ist mir ernst, Benny.« Winter war aufgestanden. Er trat vor den Liegestuhl und ging in die Hocke, sodass sein Gesicht dem anderen ganz nah war. Der Geruch von Alkohol und Kokosöl stieg ihm in die Nase. »Ich lasse dich in Ruhe, solange du ehrlich zu mir bist. Wenn du nicht ehrlich bist, lasse ich dich nicht mehr in Ruhe.«

»Ach, nee. Und was heißt das?«

»Dann ist Schluss mit alldem hier«, drohte Winter, ohne sich zu rühren.

Vennerhag sah sich auf seinem Besitz um. »Was soll die Drohung? Und woher soll ich wissen, was mit deiner Kollegin passiert ist, Erik?«

»Du kennst einfach persönlich mehr Schweine als ich«, erklärte Winter. »Das ist schließlich nicht das erste Mal, dass jemand in letzter Zeit eine Schwarze niedergeschlagen hat, auch wenn es diesmal eine schwarze Polizistin war.«

»Das ist mir nicht entgangen.«

»Du bist kriminell. Du bist Rassist. Wenn du was hörst, will ich es wissen. Du erfährst doch so was.«

»Ich bin immer noch dein Exschwager.« Vennerhag lächelte. »Komm nie wieder her, wenn du dich so verdammt überheblich aufführen willst.«

Plötzlich legte Winter die Hand um den Kiefer des Mannes und drückte fest zu. »Diesen Teil des Gesichts haben sie ihr kaputtgeschlagen.« Er beugte sich noch weiter vor und drückte fester. »Spürst du es, Benny? Spürst du das?«

Vennerhag ruckte mit dem Kopf zur Seite, und Winter ließ los.

»Verdammt, du bist ja nicht normal, du Spinner«, sagte Vennerhag, massierte sich Kinn und Wangen. »Warum machst du so was? Du brauchst einen Arzt, und wie du den brauchst.«

Winter war schwindelig. Er schloss die Augen und hörte das Kratzen, als der andere sich wieder mit der Hand übers Kinn fuhr.

»Herrgott«, fluchte Vennerhag. »Dich dürfen die nicht mehr lange frei draußen herumlaufen lassen, dich verdammten Irren.«

Winter öffnete die Augen und blickte auf seine Hände. Waren das wirklich seine? Es war ein verdammt gutes Gefühl gewesen, als die Finger sich um Vennerhags Kiefer schlossen.

»Ich glaub, ich muss mal mit Lotta sprechen«, meinte Vennerhag.

»Untersteh dich, in ihre Nähe zu kommen«, drohte Winter.

»Sie ist fast genauso verrückt wie ihr Bruder.«

Winter stand auf. »Ich ruf dich in ein paar Tagen an«, sagte er. »Hör dich in der Zwischenzeit um.«

»Was für ein netter Besuch«, antwortete Vennerhag.

Winter stopfte die nasse Unterhose in die Tasche und zog sein T-Shirt an. Er ging denselben Weg zurück, den er gekommen war, setzte sich ins Auto und fuhr wieder Richtung Stadt, am Polizeipräsidium vorbei und dann weiter zum Korsvägen und durch Gullheden zum Sahlgrenska-Krankenhaus. Durch die Fenster sah die Stadt wieder kalt aus.

Das Straßenbauamt hatte drei Palmen vor den Krankenhauseingang gestellt, aber durch die getönten Scheiben an Winters Mercedes sahen die Bäume aus, als würden sie in ihren Töpfen frieren.

Als er in Aneta Djanalis Zimmer kam, streckte sie sich gerade nach dem Rolltischchen. Bei seinem Anblick erstarrte sie in der Bewegung. Winter sah das Staunen in ihren Augen. Er war schnell am Bett, lächelte und reichte ihr die Zeitung. »Ich will hier nur ein Weilchen sitzen«, erklärte er. »Bis die schlimmste Hitze vorbei ist.«

4

Mama war nicht mehr da. Sie hatte nach Mama gerufen, doch der Onkel hatte gesagt, die Mama würde bald zurückkommen. So hatte sie gewartet. War still gewesen. Es war dunkel, und niemand knipste die Lampe an. Warum machen die kein Licht, wenn es dunkel ist, dachte sie. Sie musste aufs Klo, wagte aber nicht, etwas zu sagen, also nahm sie sich zusammen, und davon wurde ihr auf dem Stuhl am Fenster noch kälter.

Durch den Spalt neben dem Rollo konnte sie sehen, dass genau vor dem Fenster ein Wald war. Die Bäume wiegten sich im Wind. Drinnen roch es übel. Es juckte unter ihrem Hemd. Jetzt musste Mama bald bei ihr sein.

Der Onkel sagte etwas zu einem anderen Onkel, der ins Haus gekommen war. Sie kroch näher an die Wand. Sie hatte Hunger, aber vor allem Angst. Warum waren sie nicht nach Hause gefahren, nachdem das Schreckliche passiert war? Einer der Onkel hatte am Steuer gesessen, und sie waren zwischen den Häusern hin und her gefahren, und dann war sie von einem anderen Onkel getragen worden, als er aus dem einen Auto in ein anderes geklettert und dann weggefahren war. Sie hatte sich umgeschaut, sobald sie es gewagt hatte, aber Mama war nicht da gewesen.

»Mama!«, hatte sie geschrien, und der Onkel hatte gesagt, dass die Mama bald kommen würde. Sie hatte noch einmal geschrien, und da war der Onkel furchtbar böse geworden und hatte sie hart an der Schulter gepackt. Er war nicht nett.

Sie hatte geweint und sich die Schulter gehalten, neben dem Onkel auf dem Rücksitz. Dann war sie eingeschlafen und erst aufgewacht, als sie angehalten hatten und der Onkel sie ins Haus – oder was das war – getragen hatte.

Das sind keine Onkel, dachte sie jetzt. Das sind alte Männer, die laut schreien und übel riechen. Sie konnte die Alten hören und auch dann verstehen, wenn die zwei nicht so laut sprachen.

»Was machen wir mit der Kleinen?«, fragte einer der beiden.

Sie konnte nicht hören, was der andere sagte. Er murmelte, als wollte er nicht, dass sie ihn hörte.

»Das müssen wir heute Nacht entscheiden«, sagte wieder der eine Alte, der lauter sprach als der andere.

»Schrei nicht so verdammt laut«, sagte der andere.

Sie fand es komisch, was er da sagte. Entweder schrie man, und dann war es immer laut, oder aber man redete normal.

»Wir gehen in die Küche.«

»Ist die Kleine da?«

»Was?«

»Die Kleine?«

»Was meinst denn du? Wo sollte sie wohl sonst sein?«

Sie saß noch immer am Fenster. Die alten Männer waren weg. Sie hörte eine Eule schreien und zog ein wenig am Rollo, um besser sehen zu können. Vor dem Fenster wuchs ein Busch. Sie sah ein Auto. Es war jetzt heller über dem Wald. Sie schaute ins Zimmer und ließ die Hand am Rollo. Vom Fenster fiel ein Lichtstrahl ins Zimmer. Wie von einer schwachen Taschenlampe, dachte sie.

Es sah aus wie ein Strich aus Licht, den jemand auf den Boden gemalt hatte, und mitten auf dem Strich lag etwas. Wenn sie das Rollo losließ, verschwand das Licht vom Boden, und sie sah nicht, was da lag. Wenn sie es wieder anfasste, kam der Strich zurück, und sie sah, dass etwas auf dem Boden lag, das wie ein Stück Papier aussah.

Sie ließ wieder los, rutschte vom Stuhl und ging ganz leise. Nun war es einfacher als vorher, etwas zu erkennen.

Sie hörte die alten Männer reden. Weit weg. Sie kniete sich hin und tastete den Boden ab und nahm das, was da lag, in die Hand. Es war wirklich ein Stück Papier, und sie steckte es in die Geheimtasche ihrer Hose. Sie hatte unbedingt genau diese Hose anziehen wollen, die mit der geheimen Tasche.

Sie ging zum Stuhl an der Wand zurück und kletterte wieder hinauf.

Ein Geheimnis in ihrer Tasche. So etwas kann lustig sein und spannend. Nicht jetzt, dachte sie. Ich habe genauso viel Angst wie vorhin. Was ist, wenn der Mann, der den Zettel verloren hat, danach sucht und darauf kommt, dass ich ihn genommen habe? Ich lege ihn wieder hin, dachte sie, aber da kamen die Männer ins Zimmer, und beide schauten sie an. Dann kamen die zwei näher, und einer von ihnen hob sie hoch. Der andere blickte aus dem Fenster.

Sie fuhren vom Haus weg, und sie versuchte, wach zu bleiben, aber die Augen fielen ihr zu. Als sie erwachte, war es hell geworden. Sie dachte nach. Dann fragte sie nach ihrer Mama.

»Wir werden deine Mama finden«, sagte der Mann, der vorne saß und das Auto fuhr.

Warum sagte er das? Wussten sie nicht, wo ihre Mama war? Wusste Mama nicht, dass sie bei den alten Männern war?

Sie fing an zu weinen, aber der Mann neben ihr blickte sie nicht an. Sie hatte niemanden mehr, denn ihre Puppe hatte sie fallen lassen, als sie zu dem anderen Auto gerannt waren. Wo meine Puppe wohl jetzt ist?, dachte sie.

5

Sie gingen langsam um den Kungstorget-Platz. Jöran Qvist, der Zeuge, Halders und Bergenhem. Es war elf Uhr abends, und wegen der vielen Menschen war es schwierig voranzukommen. Auf der Bühne spielte eine Band. Halders fand die Musik grauenhaft. Er sagte es Bergenhem, doch der jüngere Kollege tat, als hätte er es nicht gehört. Bergenhem versuchte, in den Wogen der Menschenmasse einzelne Gesichter auszumachen.

Die Kriminalinspektoren und ihr Zeuge bewegten sich auf den Kanal zu. Rockmusik hämmerte ihnen aus einem der Imbissstände entgegen. Ein Ausflugsschiff zog vorbei. Das Gemurmel der Stimmen klang jetzt lauter als oben auf dem Platz. Von hunderten Fleischspießen tropfte es zischend auf die Kohle der großen Grills an der Mauer. Menschen drängten sich vorbei, Plastikbecher mit Bier in den Händen und balancierten Pappteller mit langos, schwarzem Kaviar und Sauerrahm. Die meisten sahen fröhlich aus.

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