Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt Kategorie: Geisteswissenschaft Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Die Schulz-Story E-Book

Markus Feldenkirchen  

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E-Book-Beschreibung Die Schulz-Story - Markus Feldenkirchen

Das Buch zur Nannen-Preis-gekrönten »Reportage des Jahres«Noch nie hat ein Politiker so einen rasanten Aufstieg und so einen tiefen Fall erlebt wie Martin Schulz. Während er zu Beginn des Wahlkampfs als Retter der SPD und möglicher Bundeskanzler galt, ist er ein Jahr später mit seinem Anspruch, eine andere, ehrlichere Politik zu machen, auf ganzer Linie gescheitert. Erst verlor er die Wahl, dann den Rückhalt der Partei und seine Posten. Markus Feldenkirchen hat Martin Schulz durch die Höhen und Tiefen des Wahlkampfs und den darauffolgenden Absturz begleitet, so exklusiv und hautnah, wie es in Deutschland bislang nicht möglich gewesen ist – selbst am Abend vor seinem Rücktritt. Eindrucksvoll erzählt er in seinem Buch nun die ganze Geschichte eines politischen und persönlichen Dramas.

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E-Book-Leseprobe Die Schulz-Story - Markus Feldenkirchen

Zum Buch

Noch nie hat ein Politiker so einen rasanten Aufstieg und so einen tiefen Fall erlebt wie Martin Schulz. Während er zu Beginn des Wahlkampfs als Retter der SPD und möglicher Bundeskanzler galt, ist er ein Jahr später mit seinem Anspruch, eine andere, ehrlichere Politik zu machen, auf ganzer Linie gescheitert. Erst verlor er die Wahl, dann den Rückhalt der Partei und seine Posten. Markus Feldenkirchen hat Martin Schulz durch die Höhen und Tiefen des Wahlkampfs und den darauffolgenden Absturz begleitet, so exklusiv und hautnah, wie es in Deutschland bislang nicht möglich gewesen ist – selbst am Abend vor dessen Rücktritt. Eindrucksvoll erzählt Feldenkirchen in seinem Buch nun die ganze Geschichte eines politischen und persönlichen Dramas.

Zum Autor

Markus Feldenkirchen, geboren 1975, studierte in Bonn und New York und absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München. Seither arbeitet er als Redakteur und Reporter in Berlin, seit 2004 beim SPIEGEL. Er war Korrespondent in Washington, wo er den Aufstieg Donald Trumps beobachtete, mittlerweile ist er politischer Autor im Hauptstadtbüro. Seine journalistische Arbeit wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Axel-Springer-Preis für Nachwuchsjournalisten. Er ist Autor zweier Romane »Was zusammengehört« (2010) und »Keine Experimente« (2013). Seine Reportage über den Wahlkampf von Martin Schulz »Mannomannomann« wurde als »Reportage des Jahres 2017« ausgezeichnet, er selbst wurde u. a. für diese Leistung als »Journalist des Jahres 2017« geehrt.

MarkusFeldenkirchen

Inhalt

Prolog

»Die arme Sau«Ein Experiment

Tage der UngewissheitWie man Kanzlerkandidat wird

Tage des HypesEin Bundeskanzler Schulz scheint möglich

Tage des LeidensLandtagswahlen und andere Niederlagen

Tage in EuropaZurück in die Heimat

Tage im TiefDie ewige Hoffnung, das Momentum zu drehen

Tage des KämpfensAuf der Straße

»Das war alles Kokolores«Eine Bilanz

Epilog

Prolog

Flughafen Köln/Bonn, Rosenmontag 2018

Auf zum letzten Gang. Zur letzten Reise als Vorsitzender in die ihm verhasste deutsche Hauptstadt. Am nächsten Tag, dem 13. Februar 2018, wird Martin Schulz im Präsidium der SPD sein Amt als Parteivorsitzender niederlegen. Er ist dann auch offiziell gescheitert. »Ich bin froh, wenn das morgen vorbei ist«, sagt er und lässt sich auf seinen Fensterplatz in der Maschine fallen. »Gott sei Dank ist es morgen vorbei.« Im Rheinland, seiner Heimat, wird an diesem Tag Karneval gefeiert. »Ich hatte jetzt genug Karneval«, sagt Schulz. Er meint nicht die fröhlich kostümierte Menge, die auf den Straßen feiert. Er meint die anderen Jecken, die aus der Politik.

Vor drei Tagen hat Schulz bekanntgegeben, neben dem Parteivorsitz auch auf das Amt des Außenministers zu verzichten. Kurz darauf stand ein Paparazzo der »Bild«-Zeitung hinter der Hecke seines Hauses in Würselen. Schulz flüchtete an einen geheimen Ort, für zwei Tage tauchte er ab, um ein wenig zur Ruhe zu kommen, etwas Abstand zu gewinnen von dieser Tragödie.

Er hat seinen Schal eng um den Hals gewickelt und hustet häufig. Seit fünf Wochen schleppt er nun schon eine Grippe mit sich herum. Eigentlich gehört er dringend ins Bett. Dann plagt ihn auch noch ein Krampf im Fuß, vermutlich Kalziummangel. »Gott, bin ich müde. So unfassbar müde!«, sagt Schulz und reibt sich lange die Augen. »Ob ich jemals wieder fit werde, weiß ich nicht. Ich glaube, ich brauche ein halbes Jahr, um wieder zu Kräften zu kommen.« Die Maschine hebt ab, er blickt traurig aus dem Fenster in die Dunkelheit und schweigt.

An diesem Rosenmontagabend erinnert nichts mehr an den fröhlichen, unbekümmerten und irgendwie auch unverdorben wirkenden Menschen, der sich vor einem Jahr aufmachte, deutscher Bundeskanzler zu werden. Er sitzt jetzt da wie ein gebrochener Mann, schwer angeschlagen, körperlich wie seelisch.

Als er ein Jahr zuvor euphorisch in den Wahlkampf zog, spielte die Regie bei seinen Auftritten jedes Mal ein Lied von Klaas Heufer-Umlauf, in dessen Refrain es heißt: »Was muss noch passieren, damit’s die ganze Welt bezeugt, wie sehr wir leuchten.« Doch die Frage stellte sich damals nicht. Schulz leuchtete. Und fast alle, die ihm zuhörten, leuchteten auch. Jetzt leuchtet nichts mehr. »Die ersten Wochen waren schön, aber auch surreal«, sagt Schulz im Flugzeug. »Und danach ging’s steil bergab.«

Wer verstehen will, was die Spitzenpolitik mit einem Menschen machen kann, muss Martin Schulz im Februar 2017 und an diesem Abend des 12. Februar 2018 erlebt haben. Er ist als Politiker erledigt, als Mensch desillusioniert. Die einzige lange Freundschaft, die er in der Politik pflegte, die mit Sigmar Gabriel, ist ebenfalls zerbrochen. »Entweder du killst ihn, oder er killt dich«, hatte Andrea Nahles ihn zu Beginn seiner Kampagne vor Gabriel gewarnt. Sie sollte nicht ganz falsch liegen.

Es wird schwer werden für ihn, Frieden mit diesem Jahr zu finden. Auf diesem letzten Flug nach Berlin spricht Schulz von eigenen Fehlern, aber auch von gigantischen Intrigen und davon, dass ihn vieles, was er in den vergangenen Monaten erlebt hat, an die Serie »House of Cards« erinnere, dieses Fernsehdrama über Brutalität und Niedertracht in der Politik. Am Ende wollte ihn selbst seine Partei nur noch loswerden. Seine Anhänger, die ihn als »Gottkanzler« gefeiert und mit einem irrwitzigen 100-Prozent-Ergebnis zu ihrem Erlöser gekrönt hatten, jagten ihn nicht mal ein Jahr später wieder vom Hof. Er weiß nun, dass es eine dornige Krone war, die sie ihm aufgesetzt hatten.

Dies ist die Bilanz eines beispiellosen Jahres in der deutschen Spitzenpolitik, das Ende eines politischen, aber auch eines persönlichen Dramas. Dies ist die Geschichte von Martin Schulz.

Nie zuvor lagen in der deutschen Politik ein solcher Höhenflug und ein so tiefer Absturz näher beieinander. Nachdem ihm im Frühjahr 2017 die Massen zugejubelt hatten, galt Schulz vielen Deutschen zuletzt als der verlogenste und postengeilste Politiker des Landes. Als Umfaller, der seine stolz verkündete Aufrichtigkeit aufgibt und alle Überzeugungen über Bord wirft, um einen Regierungsposten zu erlangen. Die Vorwürfe, wegen denen er nun von allen Ämtern zurücktritt, treffen Schulz ins Mark. Sie beschreiben das Gegenteil dessen, wofür er stehen wollte: für eine andere, weniger taktische, weniger machtversessene Art des Politikmachens. Für eine ehrlichere Politik.

Martin Schulz hatte gesagt, dass er nie ein klassischer Berliner Machtpolitiker werden wolle. Er wollte sich nicht anpassen an jenes System, das ihm in vielerlei Hinsicht fremd und auch zuwider war. Am Ende aber war er für viele Deutsche genau das: ein machtversessener Politiker, dem es vor allem um den eigenen Vorteil geht.

Wie konnte es zu diesem Absturz kommen? Die Wurzeln dieses Dramas, dessen letzter Akt sich in den Karnevalstagen 2018 in rasendem Tempo entwickelt, reichen tief ins vergangene Jahr zurück. Martin Schulz ist letztlich an einer Zahl gescheitert, 20,5 Prozent, dem schlechtesten Wahlergebnis in der Geschichte der SPD. Und an einer Kampagne, die ihm von Anfang an wenig Chancen ließ.

»Die arme Sau«

Ein Experiment

Während einer der vielen Runden, in denen Schulz und sein Team darüber beraten, wie man diesem verflixten Wahlkampf doch noch eine glückliche Wendung verpassen kann, und mal wieder der Eindruck aufkommt, dass sich die ganze Welt gegen die SPD und ihren Kandidaten verschworen hat, blickt Schulz auf meinen Block, in dem ich wie immer Notizen mache, um die Geschichte dieser Kampagne zu schreiben. Er wisse jetzt, wie das erste Kapitel des entstehenden Buches lauten werde, sagt Schulz: »Die arme Sau.« Er lacht. Doch, so werde es heißen, da sei er sich sicher. »Beschrieben werde ich – und wie Dr. Engels und Dünow die arme Sau von der Wirklichkeit isolieren.« Dr. Markus Engels, Schulz’ Wahlkampfmanager, und Tobias Dünow, sein Pressesprecher, sitzen wie so häufig neben ihm in seinem Büro im Willy-Brandt-Haus. Zuvor hatten sie sich mal wieder alle Mühe gegeben, die Stimmung des Kandidaten aufzuhellen und die Lage der Kampagne einen Tick positiver darzustellen, als sie tatsächlich ist.

Wie bei den meisten Schlüsselsituationen dieses Wahlkampfs durfte ich auch an diesem Tag mit am Besprechungstisch sitzen und den Verlauf der Kampagne hautnah verfolgen. In 16 Jahren als Politikjournalist habe ich viele Politiker interviewt und begleitet, meist erhielt ich dabei nur einen Abglanz von der Wirklichkeit. Oft hatte ich mir vorzustellen versucht, wie es hinter den Kulissen wirklich zugeht. Nun saß ich dort, Martin Schulz hatte es zugelassen. In manchen Momenten kam mir das selbst surreal vor.

Engels und Dünow fragten sich oft, was zum Teufel ich an diesem Tisch zu suchen hatte. Kurz nach seiner Nominierung zum Kanzlerkandidaten der SPD hatte ich Schulz gefragt, ob er sich ein solches Projekt vorstellen könne. Ich hatte Bücher im Hinterkopf, die mich begeistert hatten. Die Nahbegleitung der Präsidentschaftskampagne von Nicolas Sarkozy durch die französische Schriftstellerin Yasmina Reza oder »Der Zirkus«, die Beschreibung der Kanzlerkandidatur von Peer Steinbrück durch meinen Kollegen Nils Minkmar im Jahr 2013. Ich mochte diese Projekte, weil sie für kurze Zeit den Vorhang für jene Seite der Politik öffneten, die Politiker und deren Berater sonst erfolgreich verbergen.

Schulz war solch einem Experiment nicht abgeneigt, zögerte aber zugleich. Er wolle das mit seinem Team besprechen, gab er zurück. Dann hörte ich einige Zeit nichts mehr. Seine Berater kämpften lange gegen die Idee, dass ein Reporter Zugang zum innersten Kern der Kampagne haben sollte. Am Ende dieses Kampfes, im Frühjahr 2017, hatte Schulz sich gegen ihre Bedenken durchgesetzt. Als ich bereits davon ausging, dass es nichts würde, rief er eines Tages an: »Wir machen das!« Er blieb dann bei seiner Zusage, und das mit einer Entschlossenheit, die er bei anderen Entscheidungen bisweilen vermissen ließ.

Der Mut von Martin Schulz ermöglichte eine so intensive journalistische Begleitung, wie es sie, zumindest in der deutschen Politik, selten gegeben hat. Schulz ließ mich auch dann noch dabei sein, als aus der von ihm erhofften Siegergeschichte längst eine tragische geworden war. Es waren mindestens 50 Termine, bei denen ich ihn während des Wahlkampfs begleiten konnte, vermutlich mehr. Ich war bei unzähligen Strategiesitzungen anwesend, bei der Vorbereitung von Reden, beim Training für das große TV – Duell, bei Besprechungen mit Parteifreunden, Meinungsforschern und anderen Beratern. Ich reiste mit dem Kandidaten und seinem Team zusammen im Auto, wir flogen gemeinsam durch Deutschland und Europa, von März bis Ende September 2017, mehr als fünf Monate lang. Bis wir am Wahltag gemeinsam von Würselen in die Hauptstadt reisten, wo der Kandidat Schulz am Ende dieser Odyssee das Votum der Wähler in Empfang nehmen würde.

An Tagen, an denen ich nicht mit ihm unterwegs war, telefonierten wir oft, meist zu später Stunde. Fünf Monate lang war ich immer auf Abruf, frühmorgens, abends oder nachts. Häufig erhielt ich vom Kandidaten oder einem seiner Leute erst kurz vor einem Termin den Anruf, ich könne vorbeikommen.

Mir war klar, dass Politik ein hartes Geschäft ist und der Beruf des Politikers ein eher stressiger. Aber erst dieser Blick hinter die Kulissen zeigte mir, wie gnadenlos dieser Job wirklich sein kann. Was es bedeutet, sich ständig gegen den politischen Gegner und die Gegner in der eigenen Partei behaupten zu müssen. Wie es einem zusetzt, ständig über sich in der Zeitung lesen zu müssen, was für ein Vollhorst man sei, und wie schwer es ist, die Ablehnung von Bürgern, dokumentiert in Hunderten Umfragen, nicht persönlich zu nehmen. Hinzu kommt die völlige Fremdbestimmtheit des Lebens, die 16-Stunden-Tage, das ewige Rumsitzen in Räumen ohne Ambiente, das ständige Reisen zu Terminen, die irgendetwas voranbringen sollen und doch meist ergebnislos bleiben. Die Vergeblichkeit des eigenen Tuns. Krise reiht sich an Krise, Machtkämpfe an Machtkämpfe, nie ist etwas abgeschlossen und nach der Wahl ist vor der Wahl. Im Fall von Martin Schulz verdichteten sich die Härten der Politik in diesem einen Jahr auf besondere Weise. Unabhängig davon, was man von Schulz’ Kurs und seinem politischen Geschick hält: Seine Nehmerqualitäten, sein Kampfgeist und sein Durchhaltewillen waren außergewöhnlich. Manch anderer hätte vermutlich schon vor dem Februar 2018 aufgegeben.

Zwischen Schulz und mir gab es nur eine Absprache: Nichts von dem, was ich in all den Monaten beobachten konnte, sollte vor dem Wahltag veröffentlicht werden. Was ich erfuhr, sollte den Ausgang der Kampagne nicht beeinflussen. Danach aber war ich frei, all das zu beschreiben, was mir interessant und wichtig erschien, ohne Rücksprache und ohne Autorisierung, also das Freigeben des Textes durch den Porträtierten, eine Praxis, die in der politischen Berichterstattung immer selbstverständlicher geworden ist.

Warum ließ er sich auf dieses Experiment ein? Bei einer unserer vielen gemeinsamen Autofahrten sagte er einmal, dass ein solches Projekt den Menschen ein realistisches Bild von Politikern vermitteln könne. Es war ihm, soweit ich das beurteilen kann, ein Anliegen, die Distanz zwischen Bürgern und Politikern zu verringern. Ein ungeschminkter, ungefilterter Blick auf seine Arbeit würde vielleicht zeigen, dass es sich bei »denen da oben« um normale Leute handelt, Menschen mit Sehnsüchten, Unzulänglichkeiten und Zweifeln. Vielleicht, so seine Hoffnung, könne man durch solch einen transparenten Einblick in den Wahlkampf ein paar der gängigsten Ressentiments entkräften, die gegen Politiker kursierten. Man könnte zeigen, dass es ihnen eben nicht nur um Selbstbereicherung gehe. Dass sie keine elitäre Kaste seien, die sich vom Volk und seinen Sorgen entkoppelt habe. Stattdessen könnte deutlich werden, dass der Job eines Politikers hart und belastend ist, gerade in Wahlkampfzeiten. Dass es tatsächlich noch Politiker gibt, die so etwas wie Überzeugungen haben. Schulz glaubte wohl, dass sich dieser Eindruck schon vermitteln würde, wenn ich nur genug von ihm und seinem Wahlkampfalltag mitbekäme. Er glaube, dass man da etwas Großes erreichen könne, sagte er damals im Auto.

Zu Beginn der Kampagne fand Schulz gewiss auch den Gedanken reizvoll, dass sein Weg ins Kanzleramt protokolliert würde. Als er diesem Projekt im Frühjahr 2017 zustimmte, schien solch ein Wahlausgang nicht ganz unrealistisch zu sein. Für kurze Zeit wirkte es, als hätten die Deutschen nach zwölf Jahren genug von Angela Merkel, als sehnten sie sich nach einer Alternative zur ewig nüchternen, oft überzeugungsarmen Kanzlerin, nach einem emotionalen Politiker wie Schulz, der unverbraucht wirkte, weil er im Gegensatz zu den meisten Sozialdemokraten nicht ständig auf Bundes- oder Landesebene irgendwo mitregiert hatte. Mit ihm verband sich auch die Hoffnung, dass die SPD nach ihrer neoliberalen Phase rund um die »Reformagenda 2010« endlich wieder zu sich selbst finden würde. Dass sie wieder ein ehrlicher, konsequenter Anwalt der sogenannten kleinen Leute sein würde.

Ich kannte Schulz zu diesem Zeitpunkt seit einigen Jahren. Als er Anfang 2012 Präsident des Europäischen Parlaments wurde und in seiner Antrittsrede ebenso anspruchsvolle wie vermessen klingende Ziele für seine Amtszeit formulierte, fragte ich ihn, ob ich ihn ein Jahr lang durch seine Präsidentschaft begleiten dürfe, um zu beschreiben, ob sich in Brüssel tatsächlich etwas verändern lässt. Während dieses Jahres erzählte er mir nicht nur von den Abgründen der europäischen Politik, sondern auch von den Abgründen seines Lebens. Von seiner Alkoholsucht und von jener Nacht im Juni 1980, in der er sich sternhagelvoll das Leben nehmen wollte, ehe sein Bruder ihn gerade noch davon abbringen konnte. Ich hatte Respekt vor dieser Lebensgeschichte, vor einem Mann, der die dunklen Seiten seiner Existenz reflektiert hatte und andere an seinen Lehren teilhaben ließ.

Vor diesem Hintergrund konnte ich einschätzen, was die Kanzlerkandidatur im Jahr 2017 für ihn bedeutete. Er selbst kam während der vielen Gespräche, die wir im Wahlkampf miteinander führten, immer wieder auf diese unwirkliche Entwicklung seines Weges zu sprechen, verwundert über das Leben, das Schicksal und wohl auch über sich selbst.

Schulz wurde 1955 als jüngstes von fünf Kindern geboren. Seine Mutter, eine streng gläubige Katholikin, brachte ihnen christliche Werte bei. Sein Vater war der einzige Polizist im Dorf Hehlrath am Niederrhein, die Familie wohnte in der Polizeistation am Rande des Braunkohletagebaus. Die Kumpel in der Nachbarschaft und sein Großvater, der ebenfalls Bergmann war, lehrten den kleinen Martin den Stolz des Arbeiters, die Lust am Aufbegehren gegen die da oben.

Während seiner Schulzeit träumte er davon, Fußballprofi zu werden. Er vernachlässigte das Lernen, blieb zweimal sitzen und musste nach der elften Klasse die Schule verlassen. Später platzte auch noch der Traum vom Profi, als er sich auf einem Rasenplatz in Würselen schwer am Kniegelenk verletzte. Er ließ sich zum Buchhändler ausbilden und hatte doch das Gefühl, seine Chance auf Anerkennung vertan zu haben. Die Leere in sich füllte er mit Alkohol. Damals, erzählt er, habe er sich anderen lange Zeit unterlegen gefühlt, weil er weder ein Studium noch ein Abitur hatte. Erst später sei das Gefühl der Minderwertigkeit dem Stolz gewichen, es auf eigenem Wege nach oben geschafft zu haben. Doch zunächst kamen die Sucht und der Absturz.

Mit Mitte 20 begab sich Schulz vier Monate lang in Therapie, um vom Alkohol loszukommen. »Du hast jetzt die einmalige Chance, Dich nur mit Dir selbst zu beschäftigen. Nutze sie!«, schrieb ihm ein Freund in dieser Zeit. Während der Therapie musste Schulz erkennen, dass er zur Selbstüberschätzung neigt. Er steckte sich zu hohe Ziele, wollte immer bei den Großen mitspielen, obwohl ihm dazu noch die Fähigkeiten fehlten. »Ich musste lernen, bescheidener zu werden«, sagt er rückblickend. Andere Patienten erzählten ihm, dass sie nach ihrer Entlassung unbedingt aus ihrem alten Umfeld wegziehen wollten. Weil sie sich schämten und weil sie nicht mehr an ihr hochprozentiges Leben erinnert werden wollten. Schulz entschied sich für einen anderen Weg. Er wollte jenen Menschen, die gesehen hatten, wie er die Kontrolle über sein Leben verlor, zeigen, dass noch etwas anderes in ihm steckte: seiner Familie, seinen Freunden und auch den örtlichen Jusos, deren Vorsitzender er vor seinem Absturz gewesen war. Auch deshalb eröffnete er seine Buchhandlung später mitten auf der Hauptstraße seiner Heimatstadt Würselen.

Als Buchhändler wurde Schulz zum Autodidakten, er wollte seinem Ehrgeiz endlich ein Fundament legen. Er verkaufte Bücher und las wie ein Besessener, Romane aus Lateinamerika, USA, Europa und unzählige Geschichtsbücher. In dieser Zeit lernte er auch seine Frau kennen, sie heirateten, bekamen einen Sohn und eine Tochter. Nebenbei engagierte sich Schulz wieder in der Politik, 1987 wurde er mit 31 Jahren Bürgermeister von Würselen. Sieben Jahre später brach er auf nach Europa.

Als er 1994 das erste Mal das Parlament in Straßburg betrat, nahm er im leeren Sitzungssaal auf dem Stuhl des Präsidenten Platz und sagte: »Hier sitze ich eines Tages.« Schon früh hatte Schulz von einem friedlichen, geeinten Europa geträumt, auch weil er europäisch aufgewachsen war. Seine Verwandten wohnten in der Nähe und doch auf drei Länder verteilt – Deutschland, Niederlande und Belgien. Für Familientreffen mussten sie an der Grenze Schlange stehen. Sein Großvater hatte im Ersten Weltkrieg auch gegen die eigenen Cousins gekämpft.

Während viele seiner Kollegen in Straßburg saßen, weil sie von ihrer Partei abgeschoben worden waren, wollte Schulz lange Zeit nie etwas anderes sein als Europapolitiker. Als sein Freund Sigmar Gabriel ihn im Sommer 2010 erstmals bat, er solle in die Bundespolitik wechseln, war das für ihn unvorstellbar: »Kommt nicht in die Tüte. Ich bleibe in Europa.« Dort baute er mit den Jahren ein breites Netzwerk von Politikern aus allen Ländern auf. Und wurde schließlich zum stärksten und einflussreichsten Präsidenten, den das Parlament bisher hatte.

Erst als sich seine Amtszeit als Parlamentspräsident dem Ende zuneigte, war er bereit, den Schritt zurück in die Bundespolitik zu wagen. 37 Jahre nach seinem Absturz wurde er nicht nur Vorsitzender der ältesten und stolzesten Partei Deutschlands, er hatte sogar die Chance, der nächste Bundeskanzler zu werden. Schulz wollte Kanzler werden. An seinem Ehrgeiz ließ er keinen Zweifel. »Der Vizekanzlerfriedhof von Angela Merkel ist bereits voller Kreuze«, sagte er, kurz nach seiner Nominierung zum Kanzlerkandidaten Ende Januar 2017. »Ich lande da nicht.«

Ebenso ambitioniert war sein Ziel, sich auch als Kanzlerkandidat nicht verbiegen zu lassen. Martin Schulz wollte Martin Schulz bleiben. Als Gegenmodell hatte er seine Gegnerin Angela Merkel vor Augen, die sich in den Jahren ihrer Kanzlerschaft persönlich wie inhaltlich zu einer Art Neutrum entwickelte und bei der es schwerfällt zu sagen, wer sie ist und wofür sie steht. Schulz hingegen wollte im Wahlkampf genau so reden, handeln und entscheiden, wie er es zuvor getan hatte. Er wollte möglichst unverstellt und ungecoacht ins Kanzleramt kommen.

Ein Grünschnabel war er freilich nicht. Er kannte die politischen Tricks und Kniffe, mit denen sich Koalitionen schmieden, Mehrheiten erzwingen und die eigene Karriere befördern lassen. Sonst hätte er in Brüssel nicht Präsident des Europäischen Parlaments werden können, sonst wäre er auch nicht Spitzenkandidat der europäischen Sozialdemokratie bei der Europawahl 2014 geworden. Und doch wirkte es glaubhaft, wenn er seine Abneigung gegen eine Politik der tausend Hintergedanken äußerte, die vor allem von Taktik geprägt ist.

Diese Abneigung war es auch, die ihn all die Jahre Distanz zur Hauptstadtpolitik halten ließ. Obwohl schon lange Mitglied des SPD – Präsidiums, wollte er nie wirklich Teil der Berliner Politik werden. Auch weil ihm diese Welt oft kalt, intrigant und zynisch erschien. Mehrfach hatte er mir in den Jahren zuvor erzählt, dass er sich davor schützen wolle, zum Zyniker zu werden. Bei zu vielen Kollegen habe er diese Entwicklung beobachtet. In einem Tempel des Zynismus wollte Schulz sich die Gabe der Melancholie bewahren. So sagte er es. Zugleich fürchtete er aber, zu leutselig für diese Welt zu sein, und vor allem: nicht misstrauisch genug.

Im Jahr 2017 erlebte ich dann, wie der Wahlkampf und dessen Folgen für Schulz nicht nur ein Wettbewerb um Prozente, sondern auch zu einem Kampf um die eigenen Vorsätze wurde. Wie er ihn an seine Grenzen trieb und manche Überzeugung in Frage stellte, an die er vorher geglaubt hatte. So ist die Geschichte des Martin Schulz auch die Geschichte eines Mannes, der sich treu bleiben wollte und doch schmerzhaft erfahren musste, wie dieser Wunsch an den Realitäten des Politikbetriebs zerbrechen kann.

Keine andere Kanzlerkandidatur in der Geschichte der Bundesrepublik verlief ähnlich dramatisch wie die Schulz-Kandidatur. Nach seiner Nominierung Ende Januar 2017 schoss die SPD in den Umfragen von rund 20 auf über 30 Prozent und überholte sogar die Union. Über Nacht stieg Schulz zum fröhlichen Retter der todtraurigen SPD auf. Um ihn entwickelte sich ein Personenkult, der kurz an den Hype um Barack Obama erinnerte. Im März 2017 erhielt Schulz bei seiner Wahl zum Parteivorsitzenden 100 Prozent der Delegiertenstimmen, ein Ergebnis, das man in Deutschland bislang vor allem von Erich Honecker kannte und in einer demokratischen Partei schon fast unanständig wirkt. Sechs Monate später erzielte Schulz bei der Bundestagswahl mit 20,5 Prozent das schlechteste Ergebnis der SPD in der Geschichte der Bundesrepublik, weitere fünf Monate später hatte man ihn vom Hof gejagt. Wie konnte er vom glaubwürdigsten zum unglaubwürdigsten Politiker des Landes werden?

Wie konnte es zu diesem Absturz kommen? An welchem Punkt haben er und seine Kampagne das Gespür für die Wähler verloren? Und was macht eine so dramatische Entwicklung mit einem Menschen, gerade mit einem sensiblen Mann wie Martin Schulz, der nach eigenem Bekunden an das Gute im Menschen glaubt und mit dem Ziel angetreten war, eine ehrlichere Politik zu machen?

Diese Nahaufnahme gewährt Einblicke in eine Welt, in der strategische Fragen weit höhere Bedeutung haben als inhaltliche. Sie handelt von einer beinahe grotesken Fixierung auf Umfragen und von einer Überinszenierung von Politik, in der Spindoktoren, Imageberater, Coaches, PR – Berater und weitere Herrschaften mit seltsamen Visitenkarten das eigentliche Sagen haben.

Diese Probleme hat die deutsche Sozialdemokratie keineswegs exklusiv. Was ich erlebte, offenbart, woran die deutsche Politik der Gegenwart ganz generell krankt. Denn das Tragische an dieser Entwicklung ist, dass all die Umfragen und all die Berater die Politik nicht zugänglicher oder empfänglicher für die Sorgen und Nöte der Bürger machen. Vielmehr verringern sie die Glaubwürdigkeit von Politik und tragen zu jenem weitverbreiteten Gefühl bei, wonach Politiker vor allem um sich selbst kreisen. Dass sie eine abgehobene Kaste bilden, der das Gespür für die Sorgen der normalen Menschen längst abhandengekommen ist.

TAGE DER UNGEWISSHEIT

Wie man Kanzlerkandidat wird

»Schaff ich das?«

Vorfreude und Selbstzweifel

Seit vielen Jahren verbringt Martin Schulz seine Berliner Nächte im Mövenpick Hotel am Anhalter Bahnhof, weil es die wichtigsten Ansprüche erfüllt, die er an ein Hotel in der Hauptstadt hat: Es liegt in der Nähe des Willy-Brandt-Hauses, verzichtet auf Schnickschnack und das Essen schmeckt.

Im Herbst 2016 ist Schulz häufiger als sonst in Berlin, auch an diesem Abend Mitte Oktober. Seine Zeit als Präsident des Europäischen Parlaments neigt sich dem Ende zu. Er würde gerne noch eine Amtszeit dranhängen, aber das lassen die Konservativen in Brüssel offenbar nicht zu. Bald wird er jenen Job, den er fast fünf Jahre lang mit Begeisterung ausgeübt hat, wohl los sein. Da schadet es nicht, nach neuen Aufgaben in der Bundespolitik Ausschau zu halten. Sein Freund Sigmar Gabriel, Parteivorsitzender der SPD, Vizekanzler und Bundeswirtschaftsminister, hat ihm im Sommer anvertraut, dass er die Kanzlerkandidatur bei der anstehenden Bundestagswahl womöglich nicht selbst übernehmen werde. Er, Schulz, sei die einzig denkbare Alternative. Allerdings, so Gabriel, habe er seine Entscheidung noch nicht getroffen. Wie sie ausfallen wird, ist ungewiss.

Die Ausgangslage der SPD für die Bundestagswahl ist zu diesem Zeitpunkt miserabel bis aussichtslos. Obwohl die Partei und ihr Vorsitzender Gabriel in der Großen Koalition weit mehr Projekte durchsetzen konnten, als es für einen kleineren Koalitionspartner üblich ist, leiden beide unter chronischem Liebesentzug durch die Wähler. Während der vergangenen Jahre schaffte es die SPD in den Umfragen kaum über 25 Prozent. Im Herbst 2016 nähert sie sich unaufhaltsam der 20-Prozent-Marke an. Gabriel selbst gelingen in diesem Herbst zwar einige politische Erfolge, die Rettung von Arbeitsplätzen bei Kaiser’s Tengelmann, die Verabschiedung des Freihandelsabkommens Ceta und später die Nominierung von Frank-Walter Steinmeier als Bundespräsidentenkandidat, aber seinem persönlichen Ansehen bei der Bevölkerung hilft all das nicht. Er gilt vielen Bürgern als unstet und wenig vertrauenswürdig.

Trotz der schlechten Ausgangslage und auch wenn es nervt, von der Entscheidung seines Freundes abhängig zu sein, beflügelt Schulz die Aussicht, dass bald etwas Großes auf ihn zukommen könnte. Insgeheim hat er sich auf diese Chance sogar vorbereitet, geistig wie körperlich. Mit Hilfe der »Schulz-Diät«, wie er sie nennt, konnte er im vergangenen Jahr erfolgreich abspecken. Er mache einfach FdH (Friss die Hälfte), erklärt er Fisch essend im Restaurant des Mövenpick. Wobei man gelegentlich richtig schlemmen sollte, damit der Körper nicht in den Krisenmodus schalte. Hat ihm sein Personal Trainer empfohlen. Mehr als zehn Kilo seien schon runter, sagt er stolz.

Neben der Vorfreude gibt es an diesem Abend aber auch Momente der Nachdenklichkeit und des Zweifels. Den Vorsitz der SPD würde er sich zutrauen, sagt Schulz, weil er glaube, die Partei einen zu können. Auch die Kanzlerkandidatur traut er sich zu, er glaubt, ein ordentliches Ergebnis holen zu können. Ein paar Gedanken über seine mögliche Kampagne hat er sich bereits gemacht. Es fallen Schlüsselwörter wie Stolz, Respekt oder die Wendung von den »hart arbeitenden Menschen«, mit denen er ein paar Monate später tatsächlich antreten wird. Wenn er Kandidat wäre, würde er sagen: Wir sind die Partei der hart arbeitenden Mehrheit im Lande, die sich an die Regeln hält, die die Demokratie bejaht und die endlich respektiert werden will. »Zack, da hast du es. Da kriegst du die Leute.« Aber die Begeisterung in seinem Gesicht verglüht rasch wieder. »Tja, und dann führt dich so was ins Kanzleramt. Aus Versehen. Und was machst du dann?«

Er schaut kurz an die Decke und windet sich im Stuhl. »Dann stell ich mir die Frage: Schaff ich das? Bin ich dafür tough genug?« Wenn er sich jetzt vorstelle, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland zu werden, fange sein Puls an, in die Höhe zu gehen, sagt er im Herbst 2016. »Nicht aus freudiger Erregung, sondern aus Muffe.« Wenn man Angst habe, würden die Leute das merken, das könne man nicht verheimlichen. »Deshalb muss ich mir die Frage vorher stellen.« Er will sich eindringlich prüfen, ob er dieser Herausforderung gewachsen ist. Nur dann will er antreten.

Schulz erinnert an seinen Freund, den glücklosen François Hollande, der zu diesem Zeitpunkt noch französischer Staatspräsident ist und den er oft in seinem Präsidentenpalast besucht hat. Hollande scheitere ja gerade, sagt Schulz. Weil er der am schlechtesten vorbereitete Präsident gewesen sei, den die Republik je hatte. Ein Zauderer und Zögerer. »So möchte ich nicht enden.« Er sei zwar ein anderer Typ als Hollande, aber er frage sich gerade schon: Kommst du am Ende ins Kanzleramt, weil der Gabriel ein Zauderer war? Ist dein Durchmarsch das Resultat der Zögerlichkeit eines anderen? Bin ich vorbereitet genug? Hab’ ich die Nerven dazu? »Das geht mir im Kopp rum.«

So vergehen Monate. Während Gabriel sich fragt, ob er will, fragt Schulz sich, ob er es kann.

»Du musst es machen«

Die planlose Kandidatur

Wenige Wochen nach dem Gespräch im Mövenpick hat Schulz sich entschieden. Doch, er traue sich das zu, sagt er und klingt schwer entschlossen. Er hofft sogar, dass sich mit ihm ein gewisser Bernie-Sanders-Effekt ergeben könne. Gabriel aber ist von einer Entscheidung immer noch weit entfernt. Als sich abzeichnet, dass Frank-Walter Steinmeier für das Amt des Bundespräsidenten nominiert werden wird, steht plötzlich auch der Posten des Außenministers zur Verfügung. Für Schulz oder für Gabriel.

Im Oktober beschließen die beiden, eine Umfrage in Auftrag zu geben, um herauszufinden, wer von ihnen die größeren Chancen als Kanzlerkandidat hat. Sie tüfteln gemeinsam an den Fragen, die den Bürgern gestellt werden sollen. Im November spezifizieren sie diese noch einmal. Insgesamt drei Umfragen gibt Gabriel im Spätherbst 2016 in Auftrag, so heimlich, dass kaum jemand in der Parteizentrale davon etwas mitbekommt, obwohl die SPD dafür zahlt. Es ist der Versuch, den aussichtsreichsten Kanzlerkandidaten mit den Mitteln der Demoskopie zu finden.

In der Öffentlichkeit lässt Gabriel derweil kaum einen Zweifel daran, dass er selbst antreten wird. Im Dezember und Januar gibt er eine Reihe von Interviews, in denen er sich entsprechend äußert. Vor Weihnachten bittet er einen geschätzten Berater, ihm ein Papier zu schreiben. Der Inhalt: Wie sich seine eigene Kandidatur begründen ließe. Selbst Schulz geht zum Jahreswechsel fest davon aus, dass sein Freund selbst antreten wird, auch wenn der ihn weiter im Ungewissen lässt. Später wird Gabriel sagen, dass er schon Monate zuvor entschieden habe, Schulz die Kandidatur zu überlassen. Er habe seinen Freund aber bewusst nicht eingeweiht, weil dieser eine Entscheidung dieser Tragweite nicht hätte für sich behalten können, was im Übrigen völlig nachvollziehbar sei. Leute aus Gabriels engstem Umfeld sagen jedoch, der damalige Parteivorsitzende sei völlig planlos gewesen und habe bis zum letzten Tag nicht gewusst, wie er entscheiden solle.

Für den 21. Januar 2017, einen Samstag, bittet Gabriel seinen Freund zum Gespräch auf das Schloss Montabaur, um ihm endlich mitzuteilen, wie seine Entscheidung ausgefallen ist. Am Abend vor der Begegnung sitzt Schulz zu Hause in Würselen mit seiner Frau Inge und einem Freund und engem Vertrauten aus Brüsseler Tagen. Sie spekulieren darüber, wie Gabriel sich wohl entschieden hat. »Ich glaube, er macht es nicht«, sagt der Freund. Gabriel sei ein rationaler Mensch, er wisse, dass er als Kanzlerkandidat der SPD keine Chance habe. Schulz ist anderer Auffassung. Er hält es zwar für denkbar, dass Gabriel bereit sei, ihm die Kandidatur zu überlassen, nicht jedoch den Parteivorsitz. Den aber hatte Schulz zur Bedingung für eine Kandidatur gemacht. Für eine erfolgreiche Kampagne, so sein Argument, müssten Kandidatur und Parteivorsitz in einer Hand liegen.

Schulz geht fest davon aus, demnächst Außenminister zu sein. So hat er Gabriels Signale der vergangenen Wochen verstanden. Er freut sich nun auch auf die neue Aufgabe. Sein Sprecher Markus Engels hat die Planung für die ersten Wochen im Außenministerium bereits abgeschlossen. Sie haben darüber gesprochen, wohin die ersten Reisen des Außenministers Schulz gehen sollen und welche Botschaft sich mit diesen Ländern verbinden lässt. Mit dem SPIEGEL ist ein Interview für die kommende Woche vereinbart. Darin, so kündigen seine Leute an, wolle Schulz seine Pläne als Außenminister skizzieren.

Als er am späten Nachmittag des 21. Januar von Würselen nach Montabaur fährt, ist Schulz überzeugt, dass er als designierter Außenminister zurückfahren wird, während Gabriel sich als Kanzlerkandidat aus der Regierung zurückzieht. Das hatten sie schon vor längerer Zeit verabredet: Wer auch immer Merkel herausfordert, solle nicht zugleich in ihrem Kabinett sitzen. So könne man die Kanzlerin glaubwürdiger attackieren.

»Du musst es machen«, eröffnet Gabriel das Gespräch auf dem Schloss. Er will Schulz die Umfragen zeigen, deren Fragen sie gemeinsam erdacht haben. Sie belegen, wie unbeliebt Gabriel ist, und legen den Schluss nahe, dass er bei den Bürgern für immer unten durch ist. Schulz’ Werte sind deutlich besser.

»Ich kenne die Umfragen«, sagt Schulz. Er realisiert auch, dass es Gabriel schwerfällt, den Parteivorsitz aufzugeben. Doch es gibt gute Gründe, auf der Amtsübergabe zu bestehen. Vier Jahre zuvor hatte Peer Steinbrücks Kanzlerkandidatur stark unter der Ämtertrennung gelitten. Ständig erschienen Berichte über echte oder angebliche Differenzen zwischen dem Kandidaten Steinbrück und dem Vorsitzenden Gabriel.

»Ich würde das mit niemandem machen, aber mit Dir erst recht nicht«, erklärt Schulz seinem Freund. »Wir würden uns voll in die Haare kriegen. Das wäre das Ende unserer Freundschaft.« Aus Verantwortung vor der Partei dürfe man dieses Risiko nicht eingehen. Gabriel wird später erzählen, Schulz habe ihn aus dem Amt des Vorsitzenden gedrängt. Die Wahrheit ist, dass ihm niemand den Vorsitz streitig gemacht hätte, wenn er selbst bereit gewesen wäre, Kanzlerkandidat zu werden.

Auf dem Heimweg nach Würselen ruft Schulz spät abends seinen Vertrauten Markus Engels an, der auf einer Party in Nürnberg ordentlich feiert. Die letzten Tage, in denen er Schulz’ Einzug ins Auswärtige Amt vorbereiten musste, waren anstrengend gewesen. Doch nun sind die Planungen abgeschlossen, Engels möchte sich einen ausgelassenen Abend gönnen. »Gibt ’ne kleine Planänderung«, sagt Schulz am Telefon. »Wir werden doch nicht Außenminister. Wir werden Kanzlerkandidat.«

Drei Tage später erfährt die SPD aus dem »Stern« vom überraschenden Wechsel an ihrer Spitze. Am Morgen nach dem Gespräch in Montabaur hat Gabriel »Stern«-Chefredakteur Christian Krug in seinem Haus in Goslar empfangen und in einem Interview seinen Verzicht erklärt. Das Titelbild mit der Zeile »Der Rücktritt« wird am Dienstagnachmittag öffentlich, noch bevor Gabriel Vorstand und Präsidium der Partei über seine Entscheidung informiert hat.

Kurz bevor die Bombe platzt, redet Gabriel im Willy-Brandt-Haus mit seinen beiden Stellvertretern Hannelore Kraft und Olaf Scholz. Während sich Kraft, die öffentlich für Gabriel als Kandidaten geworben hatte, sofort auf die neue Situation einlässt, reagiert Scholz sichtbar verstimmt. Er müsse noch einen Tag nachdenken, ob er die Rochade mittragen könne.

Seit geraumer Zeit existieren an der Spitze der SPD zwei Lager: der Hamburger Erste Bürgermeister Scholz und Arbeitsministerin Andrea Nahles auf der einen Seite, Gabriel und Schulz auf der anderen. Inhaltlich trennt die beiden Lager herzlich wenig, doch sie konkurrieren um dieselben Posten und können sich nicht sonderlich gut riechen. Scholz und Nahles wollten verhindern, dass Gabriel und Schulz die Aufgabenverteilung unter sich ausmachen. Nun ist genau das passiert. Während Scholz noch nachdenken möchte, sind die Fakten längst geschaffen. Nahles und er fühlen sich ausgetrickst.

Zweieinhalb Jahre zuvor, am 23. August 2014, hielt Frank Stauss einen Vortrag vor dem Vorstand der SPD. Stauss ist Parteimitglied und einer der erfolgreichsten Wahlkampfexperten des Landes. Mit seiner Werbeagentur Butter hat er in den vergangenen 15 Jahren mehr als 20 Kampagnen für die Genossen konzipiert, darunter die spektakuläre Aufholjagd von Gerhard Schröder im Sommer 2005. Stauss und Butter haben zu diesem Zeitpunkt einen Beratungsauftrag der SPD, der bis Ende 2016 läuft.

Die Parteispitze hatte sich im August 2014 in Klausur begeben, um frühzeitig darüber nachzudenken, wie man nach zwei verunglückten Kampagnen bei der nächsten Bundestagswahl endlich wieder erfolgreich sein könne. Vor den Wahlen 2009 und 2013 hatte bereits die Ausrufung der Kanzlerkandidaten wie eine schlechte Slapstick-Komödie gewirkt. Frank-Walter Steinmeier war im Herbst 2008 unter chaotischen Umständen zum Kandidaten ausgerufen worden. Sein Team und er selbst hatten dem SPIEGEL bestätigt, dass der damalige Außenminister am darauffolgenden Sonntag zum Kandidaten gekürt werde. Da es keinen Zweifel an der Richtigkeit dieser Information gab, verfasste die Redaktion umgehend eine Titelgeschichte, die am Freitagabend in Druck ging. Der damalige Parteivorsitzende Kurt Beck hatte Steinmeier eigentlich persönlich zum Kandidaten ausrufen wollen. Es sollte aussehen, als sei Steinmeier ein Kandidat von Becks Gnaden. Als Beck im Laufe des Samstags vom SPIEGEL – Titel erfuhr, fühlte er sich von Steinmeier (nicht ganz zu Unrecht) ausgetrickst und trat wenige Stunden vor der geplanten Ausrufung des Kandidaten gekränkt vom Parteivorsitz zurück.

Im Vorfeld der Bundestagswahl 2013 lief es nur unwesentlich besser – und wieder war Steinmeier derjenige, der es vermasselte. Der damalige Parteivorsitzende Gabriel, Fraktionschef Steinmeier und der ehemalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hatten vereinbart, möglichst lange offenzuhalten, wer von ihnen Kandidat wird. Aber Steinmeier hielt es irgendwann nicht mehr aus, als Kandidat gehandelt zu werden, ohne es machen zu wollen, und so plauderte er im September 2012 während eines Hintergrundgesprächs mit Berliner Journalisten aus, dass er nicht zur Verfügung stehe. Das zerstörte alle Pläne. Steinbrück, der anders als Steinmeier Lust auf die Kandidatur hatte, musste überhastet, viel zu früh und ohne jegliche Vorbereitung als Kandidat präsentiert werden. Das rächte sich umgehend: Steinbrück redete sich ohne Plan, ohne Sensibilität und ohne Helfer schnell um Kopf und Kragen: mit arrogant klingenden Aussagen zum angemessenen Preis für eine Flasche Weißwein oder dem angeblich viel zu niedrigen Kanzlergehalt. Von diesem Start sollte sich seine Kandidatur nie wieder erholen.

Bei der Klausurtagung des Parteivorstands im August 2014 lässt Wahlkampfexperte Stauss viele Grafiken an die Wand werfen. Sie sollen das Kernproblem der SPD im zurückliegenden Jahrzehnt verdeutlichen: ihre Sprunghaftigkeit, thematisch wie personell. Während die Genossen immer neue Kanzlerkandidaten und gleich sieben verschiedene Parteivorsitzende aufboten, gab es bei der CDU immer nur Angela Merkel. Kontinuität sei ein zentraler Erfolgsfaktor, gerade in Deutschland, mahnt Stauss.

Man habe jetzt zum Glück viel Zeit, den nächsten Wahlkampf endlich mal professionell vorzubereiten, gründlich, von langer Hand also, thematisch wie personell. »Jetzt haben wir drei Jahre Zeit bis zur Kür«, sagt Stauss, dessen Redemanuskript und Präsentation ich später sehen durfte. »Die Kompetenz, eine funktionierende Kampagne zu fahren, ist heute auch Ausweis für Regierungskompetenz und auch für die Amtsführung.« Daher sei es so wichtig, dass die SPD ihre Kampagnenfähigkeit wiederherstelle. »Ich stelle als Mindestanforderung an meine Partei nur folgende Forderung: Bitte sorgen Sie dafür, dass der wichtigste Eröffnungszug in einem Wahlkampf – nämlich die Ernennung des Kanzlerkandidaten –, also der Moment, in dem einem die volle Aufmerksamkeit der Medien über mehrere Tage garantiert wird und bereits die Grundlagen für Sieg oder Niederlage gelegt werden, dass dieser Moment, der bezüglich der Themensetzung, der Offensivtaktik und der Bildergenerierung so hochprofessionell vorbereitet werden muss wie kein zweiter, – dass dieser Moment nicht wieder davon abhängt, ob Kurt Beck zurücktritt oder nicht.«

Was dann Ende Januar 2017 geschieht, ist das Gegenteil von jener professionellen Vorbereitung, die Stauss »eine Mindestanforderung« an die Kampagnenfähigkeit der SPD nannte. Als Gabriel seinen Freund Schulz endlich einweiht, dass er Kanzlerkandidat der SPD wird, hat dieser genau zweieinhalb Tage, bis seine Kandidatur öffentlich bekannt wird. Nur weitere fünf Tage bleiben ihm, bevor er im Willy-Brandt-Haus auf die Bühne tritt und vor großem Publikum und laufenden Kameras erklärt, dass er Bundeskanzler werden möchte.

Wie unvorbereitet Schulz in diese Kampagne schlittert, fällt zunächst nicht auf. Der Verzicht von Gabriel, unter dem die Umfragen der SPD partout nicht steigen wollten, und die Neugier auf einen neuen, vergleichsweise wenig bekannten Kandidaten bewirken etwas, was niemand für möglich gehalten hat: Die SPD schießt in den Umfragen nach oben, in manchen überholt sie gar die Union. Laut »Deutschlandtrend« der ARD wünscht sich eine Mehrheit der Bürger plötzlich eine SPD – geführte Bundesregierung. Das gab es seit Jahren nicht mehr.

In der Euphorie geht unter, dass die Grundstruktur der Kampagne nicht auf einen Kanzlerkandidaten Schulz zugeschnitten ist. Wichtige Entscheidungen sind zum Zeitpunkt seiner Nominierung längst gefallen. Statt Kontinuität zu schaffen und mit Stauss und seiner Agentur Butter in den Wahlkampf zu ziehen, jenem Team also, das seit Jahren daran arbeitete, die SPD auf 2017 vorzubereiten, hat Gabriel im November 2016 die Hamburger Agentur KNSK engagiert. Zugleich ist inhaltlich wenig vorbereitet, von einem Gesamtkonzept aus übergeordneten Botschaften und konkreten Inhalten, die zur Persönlichkeit des Kandidaten passen, ganz zu schweigen. Bis zu dessen überraschendem Verzicht waren die Mitarbeiter der Parteizentrale von einer Kandidatur des Parteivorsitzenden Gabriel ausgegangen.

Als Schulz Ende Januar 2017 ins Willy-Brandt-Haus einzieht, bringt er genau zwei Personen mit: Natalie Hagemeister, seine Büroleiterin aus Brüssel, eine kluge Frau, die weit mehr beisteuert als die Organisation des Terminplans. Und seinen bisherigen Pressesprecher Markus Engels, der nun den Wahlkampf leiten soll. Engels, ein promovierter Politologe und politischer Mensch, sieht in der plötzlichen Berufung seines Chefs die Chance seines Lebens. Er übernimmt sogleich viele Zuständigkeiten, die für einen Wahlkampf zentral sind: Strategie, Medienkontakte, Organisation, Redenschreiben. Schulz unterstützt das. Engels ist sein wichtigster Mann, auch weil alle anderen Schlüsselfiguren im Willy-Brandt-Haus, die für den Wahlkampf zentral sind – die Generalsekretärin, die Bundesgeschäftsführerin, die Pressesprecher und sämtliche Abteilungsleiter –, aus der Ära Gabriel stammen. Eine Kanzlerkandidatur hat noch keiner von ihnen in führender Position begleitet.

Eine perfekte Kampagne beruht auf einem reibungslosen Zusammenspiel zwischen der Parteizentrale, der Werbeagentur, dem Kandidaten und dessen Umfeld. In der Realität aber ringen diese unterschiedlichen Akteure in Wahlkampfzeiten um die Aufmerksamkeit und »das Ohr« des Kandidaten. Um die konkurrierenden Kräfte, die auf ihn einwirkten, zu minimieren und ungestörter und effizienter zu arbeiten, zog der damalige Bundesgeschäftsführer Franz Müntefering im Wahlkampf 1998 bewusst aus dem Willy-Brandt-Haus aus. Er wusste, dass eine Kampagne wenig mit der normalen Arbeit einer Parteizentrale zu tun hat, in der sich die Mitarbeiter in der Regel damit beschäftigen, umfangreiche Papiere zu komplexen Sachverhalten zu verfassen. Deshalb schuf er auch räumlich Distanz, um die Organisation des Wahlkampfs jenen zu überlassen, die Ahnung davon und Lust darauf hatten.

Von professionellen Strukturen kann Schulz Anfang 2017 nur träumen. An seiner Seite steht eine Werbeagentur, die er sich nicht ausgesucht hat. Er hat eine Parteizentrale unter sich, die er nicht wirklich kennt, geschweige denn mit Vertrauensleuten besetzt hat. Und seine engsten Mitarbeiter wissen zwar, wie man im Kuddelmuddel der europäischen Politik Mehrheiten organisiert, ein paar waren sogar an Bord, als Schulz 2014 als Spitzenkandidat bei der Europawahl antrat. Von Bundestagswahlkämpfen aber haben sie in etwa so viel Ahnung wie Igel vom Synchronschwimmen.

Das Haus, in das Schulz nun einzieht, leidet zudem unter einem Trauma aus dem Wahlkampf von 2013. Der Kandidat Peer Steinbrück hatte damals entschieden auf »Beinfreiheit« bestanden, er wollte möglichst wenig von der Partei kontrolliert werden –das bekam beiden nicht gut. In der Parteizentrale zog man aus dem Fiasko den Schluss, den nächsten Kandidaten an die kurze Leine zu nehmen. Als Schulz Kandidat wird, existiert zumindest ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis im Willy-Brandt-Haus.

»Sind wir auch solche Typen?«

Bebel, Brandt, Schulz

Am 17. März, zwei Tage bevor er auf dem SPD – Parteitag zum Vorsitzenden gewählt werden soll, sitzt Martin Schulz zu Hause in Würselen und blättert durch einen Bildband aus dem Jahre 1963. Der Band steht schon lange in seinem Schrank, jetzt hat er ihn das erste Mal seit Ewigkeiten wieder hervorgeholt. »100 Jahre deutsche Sozialdemokratie« heißt das Werk. Schulz sieht die Fotos seiner Vorgänger: August Bebel, Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann, Otto Wels, Kurt Schumacher, Willy Brandt. Bei jedem Namen rumst seine Faust auf die Tischplatte, als er später von diesem Moment erzählt. »Das sind Heroen! Helden der deutschen Geschichte!« Während er sich durch die Parteivorsitzenden der SPD blätterte, habe er sich die gleiche Frage gestellt, die sich auch Sigmar Gabriel oft gestellt habe: »Sind wir auch solche Typen? Oder pissen wir ein Stück kürzer als die?«

Man kann die Frage auch anders stellen: Lag es an den Typen, also an den Individuen, dass die SPD auf so eine lange, stolze Geschichte zurückblicken kann? Und sind im Umkehrschluss die Typen der Gegenwart schuld, dass die Sozialdemokratie heute eher Mitleid und Spott als Bewunderung erntet? Oder hat die Strahlkraft mancher Ideen und Bewegungen ein Verfallsdatum? Verblasst sie quasi zwangsläufig mit der Zeit, ohne dass dieser Prozess von Individuen aufzuhalten wäre?

Zwei Tage nach dem Parteitag, auf dem Schulz mit sensationellen 100 Prozent der Stimmen gewählt wird, öffnet er in seinem frisch bezogenen Vorsitzenden-Büro das Paket einer 91-jährigen Frau. Es enthält einen Kupferstich mit dem Porträt Friedrich Eberts, dem legendären SPD – Vorsitzenden und ersten Reichspräsidenten der Weimarer Republik. »Das Porträt hat während der ganzen Nazizeit in der Wohnung meiner Eltern gehangen«, schrieb die Frau. »Und das, obwohl wir zwei Mal Hausdurchsuchungen von den Nazis hatten. Bitte verwahrt es gut.«

»Die schickt das an den Vorsitzenden der SPD!«, sagt Schulz gerührt. »Eine Partei mit so einer langen Geschichte entwickelt ja eine Art sakralen Zustand.« Man habe, als einzige deutsche Partei, nie den Namen geändert, man stehe in einer ungebrochenen Tradition. Wenn er darüber nachdenke, dass er diesen Posten jetzt tatsächlich innehabe …, er stockt. »Da kannst du zwar sagen: Leute übertreibt es mal nicht, macht mal nicht so viel Pathos! Und trotzdem ist sie ja da, die 153-jährige Geschichte dieser Partei.«

Was den Stolz auf und die Rührung über die eigene Geschichte betrifft, erinnert die SPD an manche Traditionsvereine im Profifußball. Auch die haben zwar oft die schönere Geschichte und die schöneren Geschichten zu erzählen. Unter den Erfolgsgesetzen der Gegenwart aber können sie sich dafür immer weniger kaufen.

TAGE DES HYPES

Ein Bundeskanzler Schulz scheint möglich

»Das hätt’ ich nicht für möglich gehalten«

Plötzlich Kultfigur

Drei Tage nach dem Parteitag sitzt Martin Schulz am Abend des 22. März wieder im Restaurant des Mövenpick, am gleichen Tisch, an dem er wenige Monate zuvor noch mit der Frage gerungen hatte, ob er sich tatsächlich zutraue, Bundeskanzler zu sein. Nun erscheint es gar nicht so unrealistisch, dass er es wird.

Im direkten Vergleich der Kandidaten liegt Schulz laut Infratest dimap zwischenzeitlich mit 50 Prozent deutlich vor Merkel (34 Prozent). Es gibt nun Plakate, auf denen Schulz’ Konterfei popartmäßig im Stile jener »Hope«-Plakate zu sehen ist, mit denen Barack Obama zur Ikone stilisiert wurde. In Schulz’ Falle wird »HOPE« nun durch »MEGA« ersetzt, der Abkürzung für »Make Europe Great Again«. Entworfen hat das Plakat Philipp Seipelt, ein Internetfreak und studierter Philosoph, der kein Mitglied der SPD ist, aber große Hoffnungen in deren Kandidaten setzt. Schulz lebe Toleranz und Respekt vor, erklärt Seipel später seine Begeisterung und spricht damit stellvertretend für viele junge Menschen in Deutschland. Am wichtigsten aber sei ihm, dass Schulz glaubwürdig für Europa einstehe. Jenes plötzlich wertgeschätzte Europa, so Seipelt, »bei dem die Angst tief sitzt, dass etwas kaputtgeht, mit dem wir aufgewachsen sind«.

Seipelt ist es auch, der einen »Schulzzug« zur Melodie des Bergarbeiterliedes »Der Steiger kommt« durch YouTube rollen lässt. Das Video verbreitet sich rasend schnell und wird hunderttausendfach geklickt. Hinzu kommen Memes, mit lustigen Sprüchen versehene Bilder oder Bildmontagen, in denen Schulz als »Gottkanzler« oder »Robin Hood« heroisiert wird. Er komme »Straight outta Würselen«, heißt es im Netz, und steuere, in Anlehnung an einen Spruch Donald Trumps, mit »hoher Energie« aufs Kanzleramt zu.

So wird Schulz in kürzester Zeit zu einer Art Kultfigur. Das vermeintlich uncoole Äußere eines Mannes, der Anzüge von der Stange und als Brille ein Kassengestell trägt, wird plötzlich für hip erklärt. Diesen Hype hat niemand im Willy-Brandt-Haus vorhergesehen, er ist nicht Teil des Kampagnenplans, wird von niemandem recht verstanden und dementsprechend auch nicht genutzt. Man wusste von den Demoskopen zwar, dass Schulz beliebter als Gabriel sein würde, aber diesen Kultcharakter hatte kein Genosse antizipiert.

Gerade kommt Schulz von einem Neumitgliedertreffen mit 500 Leuten in Kreuzberg. Bevor das Abendessen serviert wird, ruft seine Büroleiterin an und will wissen, wie der Auftritt war: »Wie immer«, sagt Schulz am Telefon. »Ich hab’ ’ne dramatische Rede gehalten, hab’ viel Applaus bekommen und dann bin ich wieder gefahren.« Es fühlt sich alles so leicht an in diesen Tagen, alles gelingt, eine tolle Zeit. Wenn es Honigkuchenpferde wirklich gäbe, dann sähen sie aus wie Martin Schulz an diesem Abend im Restaurant des Berliner Mövenpick-Hotels.

Nicht nur in Kreuzberg, überall in der Republik trifft er jetzt Neumitglieder, fast 20 000 sind es in wenigen Monaten, die seinetwegen Sozialdemokraten wurden. Viele sind spontan eingetreten, nachdem sie eine seiner ersten Reden im Fernsehen gesehen oder ihn live in einer der vielen Hallen erlebt haben, die Schulz in diesen Wochen besucht. Viele sind glühende Europäer wie er, Menschen, die in Zeiten, in denen Rechtspopulisten wie Donald Trump oder die Brexit-Befürworter Erfolge feiern, eine Welle der Renationalisierung fürchten. Doch Schulz überzeugt viele auch als Mensch. In den Ohren seiner Fans klingt er anders als herkömmliche Politiker, aufrichtiger, ehrlicher, leidenschaftlicher. Seine Reden, so hört man es oft, bestünden nicht nur aus der Aneinanderreihung technokratischer Floskeln. Er scheint ganz einfach zu sagen, was er denkt und fühlt. »Es gibt nach zwölf Jahren Merkel ein Bedürfnis nach neuer Sprache, nach Glaubwürdigkeit und Authentizität«, versichert ihm Kampagnenchef Engels in diesen Tagen immer wieder.

Auf viele seiner neuen Anhänger wirkt Martin Schulz tatsächlich authentisch, auch wenn das ein schwieriger Begriff ist, gerade in der Politik. Zum einen, weil er viel zu inflationär verwendet, zum anderen, weil er systematisch missbraucht wird. Die vermeintliche Authentizität von Politikern ist oft das Produkt von PR – und Imageberatern, deren Handwerk die Inszenierung ist. Bei Schulz ist, zumindest bei seinen ersten Auftritten, noch kein Berater am Werk. Vermutlich ist dies das eigentliche Erfolgsgeheimnis seiner Auftritte.

Die SPD liegt in den Umfragen bei 30 Prozent, seit mehreren Wochen schon. »Das wird sich auch nicht ändern vorläufig«, sagt Schulz. »Das ist es ja, was die Schwarzen so fertigmacht: dass ihre Gebete nicht erhöht werden.« Er faltet die Hände und ruft flehend Richtung Decke: »Lieber Gott, lass es ein Strohfeuer sein!«

Bei seiner Nominierung hatte er sich gewünscht, dass die Umfragen für die SPD bis zu diesem Parteitag auf 25 Prozent ansteigen. Von dort wollte er sich im Laufe des Wahlkampfes langsam steigern. »Aber dass dann so die Post abgeht!« Er spricht den Satz mit sieben Ausrufezeichen. »Heijajajei!« Noch mehr Ausrufezeichen. »Das hätt’ ich nicht für möglich gehalten.«

Der Wille zur Geschlossenheit und damit zum Sieg sei gerade immens in der SPD. Sonst bekomme man keine 100 Prozent bei einem Parteitag. »Ich hätte ehrlich gesagt lieber gehabt, es hätten drei Leute mit Nein gestimmt«, sagt Schulz. »Aber ich kann ja nicht durch den Saal laufen und sagen: Wähl mich nicht!«

Es ist schwer in diesen Tagen, einen Raum für all die Euphorie zu finden. Schulz selbst erinnert an 1972, an die berühmte »Willy-Wahl«, jenen Triumph Willy Brandts, der zum sozialdemokratischen Mythos wurde. Dass es damals um den Willy und um große Emotionen gegangen sei, das habe er trotz seiner Jugend damals gespürt. »Gegen die Schwarzen. Gegen die Rechten und für den Willy. So war das damals«, erinnert sich Schulz. Und heute habe man das auch: Gegen die Rechten und für Europa. »Das ist das Bauchgefühl der Jugend. Das ist eine Emotion.«

Die bei der CDU hätten noch nicht kapiert, dass dieser Wahlkampf über Gefühle entschieden werde. »Und ich bin halt der Gefühligere.« Er glaubt, dass er Merkel mit seiner emotionaleren Art besiegen kann. Deshalb will er vorerst auch keine Konzepte oder Programme vorlegen. »Ich bleibe dabei: Nicht konkret werden! Da werden die wahnsinnig drüber, dass ich nicht konkret bin. Ich werd’ nicht konkret! Da können die mir den Buckel runterrutschen.« Das ist der Plan, entwickelt von seinem Wahlkampfmanager Markus Engels, begeistert getragen vom Kandidaten selbst.

Noch etwas hat Schulz sich vorgenommen: gelassen bleiben, freundlich bleiben. Aus der Union wird er jetzt scharf angegriffen, man nennt ihn »Party-Schulz« oder »Schaumschläger« und bezichtigt ihn, nichts als heiße Luft zu verbreiten. Das pralle alles an ihm ab, sagt er. Es sei ein Zeichen großer Nervosität. »Ich bleibe stur bei meiner Linie: Ich greife sie nicht an. Je länger ich es schaffe, nicht zu reagieren, desto mehr geraten die ins Unrecht. Dass die das noch nicht kapiert haben!«

So ruhig wie jetzt, sagt er, sei er sein ganzes Leben noch nicht gewesen. Ganz merkwürdig sei das. Am Anfang dachte er, es handle sich um eine Schockstarre. »Ich weiß auch nicht, was da über mich gekommen ist, aber diese Getriebenheit, die ich sonst habe, diese Umtriebigkeit, die ist weg. Ich ruhe in mir.« Er klingt fast wie ein Buddha, wenn auch mit rheinischem Singsang.

Ärgern können ihn in diesen Tagen nur kritische Artikel von Journalisten, mit denen er ein gutes Verhältnis zu haben glaubte. Er sei eigentlich illusionslos, sagt Schulz. »Und trotzdem trifft es mich immer wieder, wenn ich die Erfahrung mache, dass du Menschen nur vor den Kopf schaust und nicht dahinter.«

Heute hatte er eine Diskussion mit seinen engsten Beratern. »Du glaubst an das Gute im Menschen, oder?«, fragte Schulz den einen. Ja, lautete die Antwort. »Ich nicht«, sagte der andere. Er selbst sei da näher beim Ersten, erzählt Schulz nun. Im Grunde glaube er an das Gute im Menschen. »Ich möchte gar nicht an das Böse im Menschen glauben.« Und die meisten Menschen seien auch anständig, schiebt er nach. »Aber es gibt eben auch fiese. Da musst du mit leben.«

Am nächsten Tag, dem 23. März, besucht er die Leipziger Buchmesse. Beim geplanten Bummel von Stand zu Stand kommt er kaum voran, weil Reporter und Kameramänner bis zu sechs Menschenringe um den Kandidaten bilden. Stühle, Aufsteller und sogar Teile der Standaufbauten fallen um. Von Ferne sieht es aus, als schiebe sich ein Tornado durch die Messegänge, mit Martin Schulz in dessen Auge.

Den Kandidaten stört das nicht, er posiert, scherzt, lacht. Wann immer er tatsächlich mal in Reichweite eines Buches kommt, nimmt er es fachmännisch in die Hand und erzählt den Reportern eine passende Anekdote. Das Interesse am neuen Star der deutschen Politik und dessen Leidenschaft für Bücher mischen sich auf wunderbare Weise.

Irgendwann sitzt er neben Clemens Meyer, einem der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller. Am Ende der kurzen Begegnung soll Meyer sein neues Buch für Schulz signieren. Was soll er schreiben? Eine Frau, die neben den beiden sitzt, macht einen Vorschlag: »Ein Buchhändler soll Bundeskanzler werden.« »Ach nö«, sagt Meyer, er wirkt nicht sehr begeistert. »Ein Buchhändler soll Bundeskanzler werden?« Meyer schaut den Kandidaten an. »Ich weiß nicht.«

»Wieso?«, fragt Schulz fast ein wenig beleidigt. »Ist doch super!«

»Der Schulz-Hype ist gebrochen«

Erster Dämpfer an der Saar

Am darauffolgenden Sonntag, den 26. März, wird im Saarland gewählt. Schulz ist bis zum Schluss zuversichtlich, die letzten Umfragen sehen ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraus, beide Volksparteien liegen bei rund 34 Prozent. Gut sechs Wochen zuvor hatte die SPD noch abgeschlagen bei 24 Prozent vor sich hingedümpelt. Alle Beobachter rechnen diesen Aufschwung in den Umfragen dem Kanzlerkandidaten zu, von einem »Schulz-Effekt« ist die Rede. Dabei leuchtet von Anfang an eines nicht ganz ein: Wieso der Wechsel an der Spitze der Bundespartei einer völlig unbekannten Herausforderin, über die vor allem berichtet wird, dass sie den saarländischen Rekord im Kugelstoßen der Frauen halte, zum Sieg über Annegret Kramp-Karrenbauer verhelfen soll, einer anerkannten und sehr beliebten Amtsinhaberin. Aber so differenziert verläuft der politische Diskurs eher selten.

»Gut, wenn es keinen Regierungswechsel gibt, werden meine Gegner behaupten: Der Schulz-Hype ist gebrochen«, sagt Schulz kurz vor der Wahl. »Wenn die Schwarzen verlieren, werden sie sagen: Ist nur ’ne Landtagswahl. Wenn sie gewinnen, werden sie sagen: Der Schulz-Trend ist gebrochen. Aber in beiden Fällen hat es keine bundespolitische Relevanz.«

Mit dieser Einschätzung liegt er falsch. Betrachtet man nur die Zahl der Wahlberechtigten, ist die Wahl im Saarland nicht allzu wichtig. Aber im deutschen Föderalismus kann das Ergebnis einer Saarlandwahl eine irrationale Bedeutung erlangen, weil diese überschaubare Region, anders als vergleichbare Landkreise, den Status eines Bundeslandes besitzt. Zudem ist das Saarland die Heimat Oskar Lafontaines, dem einstigen SPD – Vorsitzenden und aktuellen Spitzenkandidaten der dortigen Linken. Das macht das Saarland, gerade für die SPD, zu einem ebenso mythischen wie irrationalen Ort.

So ist es auch am 26. März 2017. Die SPD kommt auf 29,6 Prozent, kein schlechtes Ergebnis, aber verglichen mit den letzten Umfragen wirkt es wie eine herbe Niederlage, zumal Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer für die CDU 40,7 Prozent holt. Offenbar hat die Sorge vor einem rot-roten Bündnis aus SPD und Linkspartei viele konservative Wähler mobilisiert, die ohne dieses »Schreckgespenst« vielleicht nicht zur Wahl gegangen wären. Schulz hatte die Möglichkeit einer Koalition mit der Linken bewusst nicht ausgeschlossen und Oskar Lafontaine in einem Interview sogar für seine »relativ erfolgreiche« Arbeit als früherer Ministerpräsident gelobt.

Es ist nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet Lafontaine erneut zum Problem für seine einstige Partei wird. Nach seinem plötzlichen Rückzug von allen Ämtern im Jahr 1999 nahm er gezielt Rache an seiner alten Partei. Mit der Partei Die Linke gründete er schließlich einen Dauerrivalen, der bis heute den Eindruck erweckt, der größte Gegner sei die SPD.

Diese von persönlichen Enttäuschungen geprägte Entstehungsgeschichte hat bis heute ein neurotisches Sonderverhältnis zwischen SPD und Linken zur Folge, obwohl die beiden Parteien inhaltlich nicht weit voneinander entfernt sind. Nach der Bundestagswahl 2005 hätten SPD, Grüne und Linke locker eine Regierungskoalition bilden können, nach der Wahl 2013 ebenfalls, wenn auch knapp. Aber weil SPD und Linke auf keinen Fall miteinander koalieren wollten, regierte immer die Union.

Als erster Kanzlerkandidat ist Schulz nun entschlossen, ein Bündnis mit der Linken nicht mehr auszuschließen. Er will die Zeit der Selbstbeschränkung endlich hinter sich lassen, um die Perspektive eines Bündnisses links der Mitte zu eröffnen. Doch der Ausgang der Saarlandwahl ist kein ermutigendes Signal. Die Erzählung vom unaufhaltsamen Aufstieg des Martin Schulz hat an diesem Abend einige Kratzer erhalten.

Die Erfahrung im Saarland wird eine weitere Folge für seine Kampagne haben: Schulz wird in die politische Mitte, also nach rechts rücken, zumindest trägt er aktiv zu diesem Eindruck bei. Er wird sich fortan klar von der Linken distanzieren und seine anfängliche Kritik an der Agenda 2010 nicht wiederholen. Beides hatte ihn interessant gemacht und von seinen Vorgängern als Kanzlerkandidat, Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück, unterschieden. Anders als die beiden hatte Schulz kurz den Eindruck erweckt, mit ihm werde die SPD ihre neoliberale Verirrung Anfang der Nullerjahre endgültig hinter sich lassen und wieder zu einer konsequent linken Partei werden. Diese Besonderheit wird nun aufgegeben. So verblasst mit der Zeit der Eindruck, Schulz könne eine echte linke Alternative zu Angela Merkel sein. Es beginnt der Prozess einer inhaltlichen Steinmeierisierung des Kandidaten Schulz.

»Du fällst mir nicht ins Wort«

Das Sigmar-Gabriel-Problem

Am späten Abend des 12. April 2017 sitzt Schulz am Schreibtisch seiner Suite im Hotel Königshof in Hannover und notiert die Eindrücke des Tages in sein Tagebuch. Seit seinem Alkohol-Absturz vor 37 Jahren schreibt er jeden Abend eine Seite voll. Als Autodidakt hat Schulz sich über die Jahrzehnte nicht nur das Schreiben und die Schreibdisziplin beigebracht, sondern auch ein gewaltiges Weltwissen eingesaugt. Er hat die Bücher, die er einst als Buchhändler verkaufte, alle gelesen. Und Tausende weitere. Er verschlingt selbst als Spitzenpolitiker unzählige Bücher, widmet jeden freien Moment der Lektüre, meist früh morgens im Bett. Als manche Journalisten ihm vorwarfen, für den Kanzlerjob nicht intelligent genug zu sein, weil er nicht mal Abitur habe, bewiesen sie vor allem eines: ihre eigene Überheblichkeit.

Schulz bringt zudem ein tiefes historisches Bewusstsein mit in die Politik. Er verfasste Bücher und Aufsätze zur Geschichte Europas, hielt bewegende Reden, in denen er das Schicksal des Kontinents im Lauf der Jahrhunderte beschrieb und aus der historischen Tiefe Rezepte für die Gegenwart destillierte. Als der »FAZ«-Herausgeber Frank Schirrmacher, mit dem er bis zu dessen frühen Tod freundschaftlich verbunden war, vor ein paar Jahren eine Debatte zum Zeitalter der Digitalisierung startete, schrieb Schulz einen klugen Essay darüber, warum die Digitalisierung nach der Industrialisierung die zweite große Aufgabe der Sozialdemokratie sei. Und was es brauche, um die kapitalistischen Kräfte der Gegenwart ein weiteres Mal erfolgreich zu bändigen.

Wer diese intellektuelle Dimension seiner Persönlichkeit einmal erlebt hatte, konnte sich nur wundern, wie sehr sie in diesem Wahlkampf von einer deftigen Würselensoße ertränkt werden würde. Der Martin Schulz, den die SPD in ihrer Kampagne präsentierte, wirkte oft schlichter als der Mann, den ich und viele andere kennengelernt hatten.

Über die Euphorie um seine Kandidatur hatte er ein paar Wochen zuvor in sein Tagebuch geschrieben: »Die SPD hat sechs Prozent zugelegt, gleich 30 Prozent im Politbarometer. Die SPD ist als die Partei der sozialen Gerechtigkeit mit 49 Prozent bewertet. Das ist eine Rückkehr der SPD zu sich selbst. Ich liege im Vergleich Schulz/Merkel bei 49 zu 38. Das ist ein Trend, aber ich bezweifle, dass er dauerhaft sein kann, weil es in so kurzer Zeit solche Veränderungen gar nicht gibt.«