Die Schwelle - Jo Danieli - E-Book

Die Schwelle E-Book

Jo Danieli

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Beschreibung

Sieben Österreichischer harren im Warteraum eines futuristischen Amtes (ursprünglich Arbeitsamt, jetzt: "Nutzamt") darauf, zu ihren Terminen aufgerufen zu werden. Eine Atmosphäre der Solidarität herrscht zwischen den einander völlig fremden Menschen, die sich in streitbare Aggression umwandelt, in welcher der lange aufgestaute Frust wegen der demütigenden Erfahrungen am Nutzamt mitschwingt. Die Erregung gipfelt in der Gefangennahme und skurrilen "Folter" einer arroganten Beamtin – nimmt aber eine überraschende Wende, als die Frau aus sehr eigennützigen Gründen ihre Hilfe anbietet, und alles scheint gut auszugehen, bis einer der Nutzamtskunden die Nerven verliert …

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Seitenzahl: 131

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Jo Danieli

Die Schwelle

Eine utopische, bitterschwarze Zeitgeist-Satire

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Die Schwelle

Eine Gruppe Klienten mit Terminen wartet darauf, im Nutzamt aufgerufen zu werden.

Die Wartenden verlieren langsam die Geduld.

Frau Suzzi erscheint zum ersten Mal.

Herr Braun erscheint kurz.

Das Warten wird schwerer.

Frau Suzzi und Gerhard haben einen Streit.

Herr Braun erscheint zum zweiten Mal.

Herr Kolmanitzky erscheint.

Die Wartenden teilen sich einander mit.

Frau Suzzi erwacht.

Die Wartenden versuchen Entscheidungen zu treffen.

Frau Suzzi überrascht alle.

Frau Suzzi hat eine Vergangenheit.

Die Wartenden erkennen Einiges und sind verwirrt.

Drei Minuten später ist alles anders.

Impressum neobooks

Die Schwelle

Utopische Satire

Von Jo Danieli © 2017

Es ist das Jahr 2027 in einer großen, stillen Stadt, vielleicht Wien im ehemaligen Österreich. Statt eines “Arbeitsamtes” und “Sozialamtes” gibt es nun ein “Nutzamt”, vormals “Durchfluss-Amt”, das vorrangig für das Funktionieren des digitalen Netzwerkes zuständig ist, die Basis für die Arbeitswelt generell und für alle sozialen und kulturellen Interaktionen. Und am “Nutzamt” werden Leute abgefertigt, die aus irgendwelchen Gründen ihre Angelegenheiten betreffend Arbeit, Jobsuche, Sozialkontakte und Kulturkonsum nicht online erledigen können und professionelle Hilfe brauchen, vor allem in Sachen finanzieller Abgleich der Amtsdienste. Viele neue Ämter existieren, etwa das Kommunikationsregistrierungs-Amt, das Bildungsfaktenwahl-Amt, das Rekonformisierungs-Amt, das Emotinterventions-Amt oder das Humanbiomüll-Verwertungs-Amt. Auch das Durchfluss-Amt existiert weiter, mit einer leicht veränderten Experise und heißt nun “An-&-Aberkennungs-Amt”. Die hoffnungsvollen Besucher des Nutzamtes wissen meist nicht, dass sie als “nutzlos” abgestempelt werden und gehirngewaschen werden sollen, was den Anspruch auf Serviceleistungen des Amtes betrifft, sobald sie öfter als zweimal vorsprechen.

Eine Gruppe Klienten mit Terminen wartet darauf, im Nutzamt aufgerufen zu werden.

Es ist Spätherbst. Drei Frauen und vier Männer befinden sich in einem kahlen, mit abwaschbarer Farbe beige gestrichenen Warteraum, der künstlich erleuchtet ist, obwohl Tageslicht herrscht. Das Fenster hat keine Jalousien und keine Vorhänge wie auch kein Kreuz und keine Griffe. Ein schwerer Plastiktisch steht in der Mitte des Raumes, und ein alter, großer Computerbildschirm befindet darauf, auf dem ein kleiner gelber Zettel klebt, auf dem “DENKMAL” geschrieben steht. Lose liegende Kabel führen in eine Ecke unter einen weiteren Plastiktisch. Dort stehen auch ein so gut wie leerer Wasserspender mit etwas brackig aussehender Flüssigkeit und einige leere Broschüren-Spender sowie ein Kleiderständer. Ein Spinnennetz hängt in der Raumecke. Der Boden besteht aus grau-beige gemustertem Linoleum, und schutzig-weiße verbiegbare Plastiksessel sind die Wand entlang aufgereiht. Einige Sessel stehen neben dem Tisch in der Raummitte. Auf einem Garderobe-Ständer hängen Jacken, Schals und Mäntel.

Zwei Schilder hängen an den Wänden.

NUTZAMT, PROVENIENZ DISTRIKTE 44-52

TELEFONIE STRIKT UNTERSAGT

Zwei geschlossene beschilderte Türen, “Dist. Ref. A. Suzzi” und “Prom. Dist. Ref. O. Braun” führen in zwei anschließende Räume. Links und rechts führen Schwingglastüren zu Ausgängen und Stiegenfluchten.

Es ist ganz leise im Warteraum des Nutzamtes. Straßenlärm ist zu hören. Zuweilen erklingen Schritte und gedämpfte Bürogeräusche. Die Anwesenden geben vor, einander zu ignorieren, beobachten einander aber heimlich. Fatme (35), eine bildhübsche arabisch-stämmige Frau mit grell orange, schwarz und grün gemustertem Kopftuch und langem Wickelrock, sitzt kerzengerade in Werners (48) Blickrichtung, ein behäbiger Mann im Anzug, der sie immerzu beobachtet. Sobald Fatme ihren Kopf bewegt, schaut Werner weg. Fatme wirft nur kurze Blicke in die Umgebung, schaut geradeaus, Kaugummi kauend. An die Wand lehnt steht Franziskus (55) mit grau meliertem Haar, in Jeans und Leder gekleidet, mit befransten Stiefeln.

Nahe dem Computerbildschirmtisch sitzen der dunkelhäutige, sehr sportlich-muskulöse Milo (27, großgewachsener Schwarzafrikaner) und der blasse, mollig Blonde Gerhard (33) nebeneinander. Gerhard trägt eine schwarze Strickmütze und reißt sie sich vom Kopf, fährt sich durch die Haare. Milo hält die Augen geschlossen und summt manchmal leise, als ob er meditieren würde. Gerhard beobachtet ihn, hält die Arme verschränkt und löst sie wieder, verändert öfter seine Position, offenbar genervt. Immer wieder schaut er auf seine Armbanduhr und schüttelt den Kopf. Zuweilen macht er wie im Selbstgespräch Gesten zu den geschlossenen Türen hin, fährt sich durch die Haare. Niemand erwidert seinen Blick.

An der Wand sitzen die langhaarige, etwas vulgär und sehr bunt gekleidete Mariella (26) mit langen, künstlichen pinkfarbenen Nägeln und die verhärmt wirkende Brünette Rosalind (42), die ein altmodisches graues Wollleid mit Plisseefalten und einen Schal trägt.

Der schüchtern wirkende, korpulente Werner öffnet immer wieder seinen Aktenkoffer, ordnet etwas darin, schließt den Koffer wieder. Ansonsten sitzt er starr. Auf dem Tisch liegt eine Zeitung mit einem alten, weißbärtigen Männergesicht, das Werner anstarrt und manchmal, in seiner Wahrnehmung, Grimassen schneidet. Werner ist darüber irritiert, beherrscht sich aber.

Die Anwesenden nehmen immer wieder ihre Nutzamts-Terminkarten in die Hände und spielen damit. Sie warten und lauschen, schauen auf ihre Uhren und aus dem Fenster.

Alle Anwesenden haben Manierismen, die sie unaufhörlich ausüben:

Mariella arrangiert ständig ihre Haare und spielt mit ihrem Armband. Rosalind beißt auf ihren Lippen herum, streift immer wieder ihr Kleid glatt und wischt sich die schweißigen Handflächen. Sie geht oft herum. Fatme bemüht sich um eine aufrechte Haltung, korrigiert sich selbst und kaut Kaugummi. Die gekauten Kaugummis wickelt sie in Papier und steckt sie in ihre Jackentasche. Gerhard ist in Eile, rollt ständig Broschüren und seine Terminkarte zusammen und macht “Fecht”-Bewegungen damit oder klopft auf sein Knie damit. Er spielt mit seiner schwarzen Strickmütze, bohrt Löcher hinein und starrt die anderen an.

Milo summt, gähnt, streckt und reckt sich, als absolviere er ein Stretching-Programm. Oft hält er die Augen geschlossen, meditiert oder nimmt Yoga-Positionen ein. Werner starrt betrübt vor sich hin, knetet seine Finger, öffnet und schließt seinen Aktenkoffer. Er beobachtet das Gesicht auf der Zeitung, fasziniert und verlegen. Franziskus seufzt oft laut, als ob er leiden würde. Er gibt sich betont lässig, greift sich in den Schritt, schaut herausfordernd umher, hält Blicken aber nicht lange stand.

Die Wartenden verändern ihre Positionen, während die Zeit vergeht, etwa fünfundvierzig Minuten. An der Wand hängen viele kleine Papieranschläge, die von den Wartenden gemustert werden.

Kein Betreten der Offizien durch Private.

Niemals anklopfen!

Eintreten durch Unbefugte wird bestraft.

Gesprächskontakt nur nach Aufforderung.

Ruhe und Ordnung per Gesetz!

Sitzen Sie still, und stören Sie niemanden.

Namensnennung ist abzuwarten!

KEIN Ansprechen der Distriktreferenten!

Antragsteller benutzen das WC im 5. Stock.

Telefonie striktest untersagt!

Plötzlich ertönt irgendwo gedämpft Geigenmusik. Die Wartenden reagieren darauf, schauen sich um, runzeln, die Stirn, seufzen. Sie vermeiden, einander direkt anzuschauen, beobachten einander aber heimlich. Irgendwem knurrt der Magen. Ein Gurgeln ist zu hören. Jemand bewegt sich, und Schuhe quietschen auf dem glatten Boden. Gerhard schleudert seine schwarze Strickmütze in die Höhe und fängt sie wieder auf.

Die Wartenden verlieren langsam die Geduld.

Die Wartenden sind nun in etwas nervöser Bewegung. Einige spielen mit ihren Telefonen, schalten sie aber nicht ein.

Die gedämpfte Geigenmusik hört plötzlich auf, und alle erstarren in bleiernem Schweigen.

Gerhard stülpt sich seine schwarze Haube über, springt dann auf, stellt sich vor die Bürotüren und starrt sie an, zornig wippend. Franziskus geht zum Tisch und blättert Broschüren durch ohne sie wirklich zu lesen. Er klopft mit dem Stiefelabsatz einen Rhythmus, was die anderen irritiert. Milo döst ausgestreckt auf seinem Sessel. immer wieder einmal streckt er ein Bein oder einen Arm aus. Manchmal streckt er sich ausgiebig. Franziskus mustert ihn missmutig. Werner linst immer wieder zu Fatme hinüber, die es merkt und sich wegdreht, Kaugummiblasen produzierend, was Werner fasziniert und erröten lässt.

Mariella lümmelt auf ihrem Sessel, trommelt mit ihren Fingernägeln am Wasserspender. Fatme nimmt sich ein Herz, hört kurz mit dem Kauen auf und erwidert Werners Blick voll, sodass dieser, ertappt, eilig seinen Aktenkoffer öffnet. Er nimmt einen Packen Papiere heraus, beginnt sie zu sortieren.

Gerhard geht vor den Türen hin und her, schaut auf seine Armbanduhr und flucht. Er zieht sich die Wollmütze vom Kopf und stopft sie in seine Jackentasche. Rosalind setzt sich still zum Fenster, schüttelt erregt den Kopf und beginnt hektisch mit dem Fuß zu wippen. Mariella zieht eine Packung Zigaretten aus der Tasche - und begegnet Franziskus’ Blick, der vielsagend die Augenbrauen hochzieht.

Mariella zieht eine Grimasse und rollt die Augen, murmelt. “Wer macht sich da gleich ins Hemd?“ Sie steckt sich eine Zigarette zwischen die Lippen, nimmt ihren langen grünen Plüschmantel vom Garderobenständer, ihre Tasche und geht zum Ausgang.

Rosalind winkt ihr eilig warnend zu, und sie spricht mit starkem französischem Akzent: “Und wenn man Sie ruft auf?”

Mariella bleibt stehen, schaut Rosalind erstaunt an. Die Anderen beobachten, unauffällig. Mariella zuckt fragend die Schultern.

Rosalind (aufgebracht): “Na, das bringt durcheinander alles!”

Mariella nimmt die Zigarette aus dem Mund und spricht spöttisch. “Durcheinander alles”?

Rosalind nickt betont lehrmeisterlich. Mariella schaut sie nachdenklich an, kehrt dann um und wirft sich in ihren Sessel. “Ich geh’ eh nicht.” Sie spielt mit der Zigarette, steckt sie wieder weg. Sie zieht den langen grünen Plüschmantel aus und wirft ihn auf den Garderobenständer.

“Und gesund ist das nicht sehr.” Rosalind schüttelt warnend den Kopf.

Mariella (schief zu Rosalind): “Nein, tödlich. So wie jedes Zuckerl, an dem man erstickt.”

Rosalind runzelt kritisch die Stirn. ”An Krebs erstickt nicht.” Sie spricht immer mit schwerem französischem Akzent.

Mariella: “Würde Rauchen generell Krebs verursachen, hätten alle Raucher Krebs!” Sie fuchtelt, dass sie nicht mehr darüber reden will und schaut Rosalind von oben bis unten an, und Rosalind zieht ihr Kleid und ihren Schal straff, schaut weg.

Mariella macht eine Geste einer “Zeitungs-Überschrift vor den Augen”, indem sie ihre Hand in einer Geste an ihrem Gesicht vorbeizieht als würde sie großen Buchstaben folgen, die in der Luft geschrieben stehen, und sie würde sie lesen.

Mariella (mit übertrieben französischem Akzent): “Madame Moncherie erdrösselt am Nützamt mit eigene Schal.”

Rosalind runzelt entrüstet die Stirn und wendet sich kopfschüttelnd noch weiter ab. Fatme prustet und wendet sich ab, um nicht loszulachen. Franziskus verdreht die Augen. Gerhard grinst und schnaubt ungeniert und macht eine überraschende Drehung zu Mariella hin und deutet ärgerlich auf seine Armbanduhr.

Gerhard (erbost): “Darf das wahr sein? Achtunddreißig Minuten drüber. Die machen mit einem was sie wollen!” (schnaubt) “Als ob ich nichts Besseres zu tun hätte!”

“Was denn?” Mariella wirft ihre Haare über die Schultern, Gerhard provokant theatralisch anlächelnd.

Gerhard (bitter): “Drei Kinder ernähren sich nicht von selber.”

Rosalind schaut ihn entsetzt an. Franziskus zieht eine “anerkennende” Grimasse. Mariella macht erneut die Geste der “Zeitungs-Überschrift” (spöttisch): “Mangel an Verhütungsmitteln erreicht dramatische Ausmaße!”

Alle sind über diesen “Tick” etwas irritiert. Gerhard schaut sie missmutig an. “Nicht witzig. Ich kann sie ja nicht zum Grasen in den Wald schicken.”

Franziskus (kopfschüttelnd): ”Drei Kinder? In dieser Zeit?”

Rosalind: “Grasen ... im Wald?”

Gerhard (dreht sich hin und her): “Wenn die Natur es so will?”

Mariella (anzüglich): “Und wo ist das Hirn von dieser Natur?

Gerhard holt Luft, um zornig zu entgegnen, aber Mariella winkt ab: “Wenigstens seid ihr keine Auswärtigen,” (schüttelt den Kopf) “meine Nachbarn ... kein Wort versteh’ ich, was die reden. Aber die Frau - immer so ...” Sie macht die Geste des “Hochschwangerseins”. “Schupft eins nach dem anderen heraus. So muslimische, glaub’ ich,” (zuckt die Schultern) “... einige siedeln ja immer noch mittendrinnen überall.” Sie grübelt, versonnen. “Oder vielleicht Kärntner? Ganz vom Süden? Der Mann arbeitet auch nichts.

Gerhard schaut sie aggressiv provokant an. “Auch nichts? Wie wer genau?”

Mariella: “Na, wie seine Alte!”

Rosalind: “Na, wenn sie ist immer so ...” (macht die Hochschwangersein-Geste, “und viele Kind schüpft heraus, arbeitet die Frau ja viel!” Sie schüttelt genervt den Kopf über Mariella’s Urteilsvermögen.

Mariella schaut sie missmutig von oben bis unten an. “Warum zieht ihr Franzosen euch immer so modrig an, und alle müssen das dann cool finden?”

Rosalind schaut sie verständnislos an.

Gerhard beginnt wieder fluchend vor den Bürotüren zu patrouillieren. Er setzt seine Strickmütze auf, nimmt sie dann aber wieder ab und pfeffert sie zur Garderobenständer, wo sie hängen bleibt.

Eine Weile herrscht Schweigen. Die Musik fängt wieder an, und “weckt” Gerhard auf. “Stundenlang herumsitzen! Und für was?” (schaut die anderen an) “Hat euch schon einmal jemand wirklich geholfen? Ich meine - schnell und so, dass dass der Krempel dann funktioniert hat?”

Die Anderen weichen seinem Blick verlegen aus.

Gerhard: “Also meinen Anbindung setzt ständig aus - und dran bin nicht ich Schuld!”

Milo streckt sich und blinzelt in Gerhard’s Richtung: “Ich kenne jemanden, der macht’s für ...” Er macht die Geste des “Banknotenreibens”. “Aber dann ist es erledigt. Man kann halt nichts einreichen. Eigene Spesen.”

Rosalind schaut ihn erstaunt an: “Haben Sie denn noch materielles Geld?” Sie macht auch die Geste von “Banknoten”. Milo nickt. Rosalind kichert verblüfft.

Mariella macht die “Zeitungs-Überschriften”-Geste”: “Retrowelle: Banknoten aufgetaucht!”

Franziskus: “Pah! Die haben doch gar keinen Wert mehr.” Er schaut Milo anzüglich an. “Außer im Dschungel vielleicht.”

Milo (leichthin): “Na, wenn Sie sich dort auskennen ...”

Franziskus ignoriert seine Bemerkung: “Wie bekommen Sie denn Ihren Lohn?” (spöttisch “Priorität-direkt”?

Milo: “Nein. Meine Miete wird bezahlt. Ich bin Kindergärtner. Service-Tausch-Basis.”

Franziskus schnaubt: “Kinder ... - was?”

Milo (streckt sich): “Zwei- bis Fünfjährige. Ja.” Seine dunkle Haut glänzt im künstlichen Licht, und als er gähnt, entblößt er perfekte weiße Zähne zwischen den wulstigen Lippen.

Gerhard schaut Milo verblüfft an. Milo zwinkert ihm gut gelaunt zu. “Und wir grasen nicht im Wald. Ich koche.”

Franziskus: “Wen?” Er schüttelt den Kopf, erbost, wendet sich an Gerhard. “Ist das nicht Frauensache, das mit den Kindern?

Alle Frauen schauen ihn an. Mariella macht eine “Zeitungs-Überschrift”-Geste: “Alt-Hippie entpuppt sich als Macho-Chauvi.” Sie gibt Milo ein “Daumenhoch”, der amüsiert grinst. “Tja. Mein Computer ist kaputt. Also hungere ich halt, bis ich wieder ins Netz kann.”

Rosalind (kopfschüttelnd): “Sie arbeiten und hungern doch?”

Franziskus will etwas sagen - als eine der Bürotüren aufgeht.

Frau Suzzi erscheint zum ersten Mal.

Eine hagere, unfreundlich dreinschauende Frau, Frau Suzzi (51, mit sandfarbenen kurzen Haaren und dunklen, stechenden Augen, in weißer Bluse und dunkelrotem Rock) kommt heraus, einen LapPad (ein “ipad”-artiges Gerät) tragend und auf die Bildfläche starrend. Sie ruft mürrisch in den Raum, ohne aufzublicken.

Frau Suzzi: “Katharina Stiel!”

Niemand regt sich. Frau Suzzi hebt genervt die Brauen, immer noch ohne die Anwesenden anzuschauen, ihre Stimme nimmt einen verärgerten Tonfall an.

Frau Suzzi: “Stiel, Katharina?” Auf ihrem LapPad steht eine Klienten-Terminliste:

MS/0 / Mariella Spitzweg / 26 J., Friseuse, Kosmetikerin (neuro-observ., phys.check/o.k., regressiv, Fin.verzug)

RS/2 / Rosalind Arganeau / 42 J., Französ. Künstlerin (Fin.observ., Witwe, phys.check/pend.)

FB/0 / Fatme Birkenbichler / 35 J., Technikerin, Putzfrau, Arab./Ö.Marr. (neugeschult, psych.check/pend.aggressiv)

GB/4 / Gerhard Breutler / 33 J., Tischler, Maurer (regressiv, resist., multipl./Form.)

MB/2 / Milo Botowamungu / 27 J., Tunes., Kindergärtner (kines./obsessiv, phys.check/pend., neugeschult, polit./aktiv)

WP/3 / Werner Pradensteiner / 48 J., Vertreter (Karrierebruch, orientrg./neureg., phys.check/o.k., psych.check/pend.)

FO/6 / Franziskus Ohl / 55 J., Lehrer (rückstandslos/ver., Fin.verzug, Schulg./verzug)

KS/3 / Katharina Stiel / 21 J., Sekretärin (kredit/gesp., neugeschult, kines./obsess.pend.)

Frau Suzzi marschiert ohne Reaktion ins Büro und schlägt die Tür hinter sich zu, gerade als Gerhard Mariella ins Wort fällt.

Gerhard: “He! Ich bin dran!”

Mariella: “Na, dann machen Sie den Mund auf!”

Rosalind: “Aber wir alle haben Termine, non?”

Mariella(schaut auf die Uhr): “Oui. Und mein Termin ist jetzt genau.”

Milo (beschwichtigend): “Die haben ein System.”

Gerhard: “Haben die? Ah so! Verflucht noch einmal - ich aber auch!” (fuchtelt) “Die scheißen sich an, wenn man eine Sekunde zu spät kommt, verdammte Arschlöcher ...”

Franziskus schaut Gerhard sarkastisch an: “Und die lieben Kleinen können schon reden?“

Gerhard: “... aber selber geben die einen Dreck auf Pünktlichkeit!” (entrüstet zu Franziskus) “Was?”

Franziskus hebt verneinend die Hand, wendet sich ab. Die Geigenmusik ist immer noch zu hören. Gerhard: “Die machen das absichtlich! Die wollen einem die Service-Abos verleiden! Ja, haben wir Scheiße im Hirn?”

Mariella: “He! Ich wollte mich eh nicht vordrängen.” Gerhard macht eine “Schon gut”-Geste.

Mariella: “Sie können dann vor mir rein gehen, wirklich.” Sie greift haarschwingend in die Tasche nach ihren Zigaretten, wechselt einen Blick mit Rosalind und steckt die Zigaretten wieder ein.

Gerhard geht wieder nahe an eine der Türen heran und lauscht: “Schlafen alle?”