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Ein eremitisch in der Großstadt lebender sozio-pathischer Mönch und Computerfreak unterstützt widerwillig den virtuellen Friedens-Coup eines genialen Wissenschaftlers und freundet sich mit einem Androiden an, in dessen Kopf sich die einzige selbständige virtuelle Lebensform des Internet eingenistet hat. Als das Projekt nahe an der Vollendung ist, muss der Mönch entscheiden, ob er die Internet-Daten der Welt oder seinen einzigen Freund retten will. Und doch ist alles anders, als es scheint ...
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Seitenzahl: 142
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Jo Danieli
Neon
Virtual Independent Processor
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Inhaltsverzeichnis
Titel
NEON
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
Impressum neobooks
Roman
CYBER-DRAMA (Satire)
© Jo Danieli 1995 / 2016
Die Sprache dieser Geschichte ist an die Ausdrucksweise des Protagonisten “Paul” angepasst, ein Android, dessen Sprachmodus nicht perfektioniert wurde.
Jahre her, als mein Schwager Roderick vielmals gereist ist, hat er mir von einer Biersorte erzählt, Primus benamt. Roderick muss es wissen. Er hat immerzeitengesoffen. Jedesmal, wenn ich mit meinem Primus kommuniziere, expldiertmarzipangeil, dass schnöde ein altmodernes Hopfenmalzgetränk benamt sein soll, wie das genialste Wesen der Welt. Primus selber belächelt dies vielmals. Aber er selber hat sich mir als Primus benamt ergeben. Im Netz ist alles möglich.
Immerzeiten lacht Primus liebend. Er kickst sogar hasseswegen. Scheint als wäre Stanko Brachansky in einer heiklen Entwicklungsphase seiner Erfindung lässig, besoffen oder simpel schlampengleich gewesen. Primus hat einen Pfad gefunden, sich die Misslunge zu nutzen. Und nun entnimmt er sich großartig viel. Er spottet und belustigt vielmals Weltliches. Überhaupt konformieren wir rarenfalls. Primus liebt, beispielhaft, Neonlicht. Es sei ihm seismischer Kitzel, wenn die Neonstrahlen die Filtermembranen in seinen Stabilisatoren taktil reizen, transportiert er Genüsse. Angenehm wie Tageslicht. Hinweg muss ich nun lachen. Denn ... Primus und Tageslicht ... fremder können einander zwei Sachen wohl nicht sein! Und angenehm ist Tageslicht keinmal. Neon bedeutet für Primus folgend gleiches wie geile Stimulation. Mir ist es die vielmals miese Form des Lichtmachens, die keinmal verständliche Erleuchtung optischer Unzulänglichkeiten am menschlichen Kadaver. Leib. Neonlicht schmerzt. Ich schätze Primus’ Philosophien gut ein, gezielt auf Neon konsensieren wir minus. Ob in Büros, öffentlichen Verkehrsmitteln oder Geschäften – das altschleppende, eiterfahle, kaltgrelle Neonlicht dreht meine Sinne herum. Neon scheißt. Über den Kopf ergossen. Übel ist es.
Ich merke, ich muss meinen Riemen neu reißen. Zu lange ist Paul fort. Unflat stößt mich wieder. Und niemand, der mir das Maul poliert, falls ich verfluche. Laut Primus gipfelt es im Selbstwert und bezeugt Intelligenz, Sätze erst auszuspucken, wenn sie im Gekröse fein geschliffen worden sind. Kurzweilige verbale Ausrutscher sollte ein Weltbürger schamhaft verdrücken. Primus ist nach Möglichkeit gleichfalls darin berechtigt. Nun, seinesfalls beschwert es mich nicht sonderbar, wenn ich mich unterlege. Genug Unflat schmutzt das Netz in erwärmten Diskusflügen. Die Inputnics mühen sich streng, intelligent zu wirken. Wer weiß, welche Fratzen hinter den feinen Wörtchen sitzen! Muss nur selber den Spiegel quälen ... haha. Der alte Brachansky hat Paul mit Aussicht auf die gemäße, stilvolle Sprache dressiert, damit er uns Freaks nicht ausstechen solle. Brach ist ein alter Mann gewesen, als er Paul installiert hat. Und er hat sich wahrhaftig streng gemüht.
Früher redete ich vielmals Unflat. Heute vermag ich das schöne Sprechen, belobigt Primus. Philomena lacht über meine neue Feinheit. Wäre sie nicht Schwester ...
Immer noch behänge ich Paul. Ehrlich. Es ist angeschissen, aber leidend wahr. Und das bei meinem Altsein ...
Neon ist für mich der Inbegriff des Hassenswerten. Jeder Mensch, nicht mit eben schlanker Schönheit oder das Koma stoßender Wurschtigkeit begnadet, jeder verdammte Creep, kann Neonlicht nur hassen. Wenn frohe Shopper oder Shopperinnen Badehosen, Bikinis oder Dessous oder geschlichtet Socken in Umkleidekabinen fürder unter Neonbeleuchtung am eigenen Leib ersehen, wird die städtische Selbstmordrate nie sinken. Öffentliche Verkehrsmittel könnten Brutstätten intimer Spiele zwischen geheim Kommunikationswilligen sein. Man könnte vielorts kleine Fickkabinen einrichten, bezahlt nutzbar, mag sein. So würde unsereins mühefrei abschießen können. Auf Cybersex starten doch nur die blutigen Newcomer, Mittelschüler, Hausfrauen. Wer erlebt hat wie ich, wer weiß wie ich, kann diesen Kinderkram nur belachen.
Die Welt jubelt, hat sie ihren perversen Schund wieder. Keiner weiß, was wahrhaftig passiert ist. Außer mir. Ich weiß. Und mir könnte komplett der Datenmüll fürder gestohlen sein. Meine Doppelmultis mit Knoblauchmayonnaise würden sich auch different einholen lassen. Trotzdem verhalte ich mich. Die Welt hat kurz erst wieder geatmet, ... alle abhängigen Idioten! Nur langweilig ist ihnen recht sehr.
Vielmals kann ich mich wirklich kaum verhalten. Alles neulich dorthin befördern verlange ich, wo Paul es schon gehabt hat, ... ins Nichts, könnte man sagen. Dann, wenn etwas sich recht sehr in mir regt. Neonlicht, beispielhaft. Oh, Paul, wir waren ermächtigt wie niemand sonst. Also, diese öffentlichen Verkehrsmittel – omennomen – werden niemals die Geburtenrate besteigen, solange die Benutzer der Fortbewegungskonserven neonbeleuchtet zu teigweißen Monstren mutieren. Krass ausersehene Falten, Pickel, Augenringe, trockene Lippen und strähnige Haare, dicke Schminkspuren oder Kopfhautschuppen sind vielmals zum Kotzen. Und man legt einander auch noch Schweißfüße und Mundgeruch darunter. Ich meine, ich selber vermische mich nicht mehr viel. Mit hundert Kilo Lebendgewicht schiebe ich als Vierzigjähriger soziale Wendungen und starke Regungen vor mir her. Aber leere ich schon einmal meinen Dachboden, fürchte ich wegen des Neonlichtes jedes Büro, jede Nachtautobuslinie, jeden U-Bahnwaggon und Supermärkte. Dort glauben die Frauen mich noch hässlicher als echt. Und sie selber sind im äußersten unprächtig. Und bang, wie ich neonhell einwirke, verschrumpele ich unter weißleuchtenden Röhren wie mein Schwanz unter kaltem Wassergriff. Enorm erzornige ich. Jemandem die Fresse dreschen will ich. Das würde ich naturmäßig nie tun. Zu faul, sagt Philomena, schlaue Schwester. Ich erziehe Grimassen, die mir sonst nicht kommen. Und werde scheußlich. Neonlicht hasse ich. Es macht keinmal lüstern.
»Was du alles gleich hasst,« hat Philo früher vielmals bewertet. Heute noch sei ich ein Ungustel. Nur, weil ich nicht ausgehe, weil ich mangelrede und weil man mir die Leute in unserem Block und gesammelt alle Leute stehlen soll. Mit Paul war es anders ... Philomena quälen nicht widrige Umstände. Philo ist gebunden, klein und dick. Dick sind wir alle familiär. Damit teilen wir den gänzlichen Phänotypus der Zweidrittelmehrheit der Bevölkerung. Keine Sau schlingt heute noch wahres Gemüse oder Körner. Fettigsein ist nicht mehr aus dem Anstand. Gegenteil. Begegnet mir ein ausgelutschter Dünni, bedenk’ ich die aktuellen Seuchen. Heutzutage sind jedenfalls die Kanarienvögel fettig. Zum drittenmal trächtig ist Philo und mit Roderick im Durchschnitt glücklich. Ich meine, sie muss gut drauf und randvoll fruchtig sein, wenn sie sich so vielmals ansteigen lässt. Fraglich ist sie konträr blöd, visualisiert nur Kinder. Desinteressiert mich, was eine verkorkste Hausfrau sich ausdenkt. Nichts Entgegenkommendes im Leben misstraut Philo. Noch dazu glaubt sie an Gott. Wahrscheinlich ist es aber wirklich besser, Gott die Möglichkeit zu geben, als sich vielmals zu erregen, wie ich. Freundin habe ich keine mehr, seit Melly Kim bezogen hat. Kim gibt die besseren Spiele und die bessere Musik daheim an. Melly besteht auf Abschießen, Bausteine, kleine Affen und Saurier. Ranziger, kalter Kaffee für mich. Außerdem geht Kim mit Melly ringeln. Und bei ihm lebt eine schmuddel boshaftige Katze. Gangsta benamt. Ordentlich blöd. Mit alledem diene ich nicht. Ich bin allergisch gegen Katzen und Ringeln.
Philomena desinteressiert sich für Computerspiele. Würde sie das nicht, wären wir echte Geschwister. So sind wir allein biologisch gelinkt. Überhaupt weiß sie nicht viel über mein Herumgehen. Gut so, obwohl ich mir manchmal wünsche, ich könnte ihr Geheimnisse weihen. Sie ist in Zeiten wie diesen mein einziger Außenweltconnect. Vielmals geht sie mir einkaufen, mir glücklich im selben System installiert, Block 4, Bilabostraße.
Philo hat Paul kennengelernt, gut. Aber Primus ist ihr geheim verblieben. Würde sie ihn kennen, würde sie die Welt scheinbar umgekehrt besehen. Früher hat sie Primus ein paarmal indirekt kontaktiert. Dann, wenn sie Bubi, meinen ältesten Neffen, mir und dem genialen Sinuswalk gestohlen hat. Zum Ausbaden, Aufgabenmachen oder sonstwas. Übrigens geht mir nicht auf, wie jemand ein Spiel wie das alte Donkey Kong Desaster einem hohen, intelligenten Adventure gleich Sinuswalk hervorziehen kann. Kim und Melly können. Sinnig besser, dass ich nun ungut mit ihnen befreundet bin. Wirklich froh bin ich, dass sie nie genug über Paul erhalten haben. Und Primus ahnen sie gar nicht. Er hat sich niemals bei ihnen eingeklinkt. Von anfang an auf mich gesetzt. Warum, weiß ich heute nicht genau. Mit Primus beleibt sich nicht über alles zu reden. Ohne den Service Professor Brachanskys kann ich ihm keinmal zusetzen.
Mein Kumpel meint es sogar lachhaft, dass die echte Welt mich geruhsam am Arsch lecken mag. Eines Tages hab’ ich sein erstes E-mail bekommen, also einen elektronischen Brief, wie bedeutsam benamt, über das Internet aus irgendeiner Weltsequenz. Primus, präsentierte er sich.
»Grüezi,« startete der Text. Weiterhin damit, dass den E-mail-Sender ein paar Seiten Webdesign von mir verzücken, für Galerien, Veranstalter von Openair-Raves und Puppendealer. Selber hat er einiges erforscht. Ich hab’ in dem Typen irgendwelchen Computerfreak geglaubt. Wir haben dann vielmals gemailt. Primus hat enorm begriffen, egal wie ich stimmte. Eines Tages hat er mir eine Newsgroup über Hass etabliert. Endlich konnte mir eingehen, wie anderen Leuten das Gefühl bekommt, das die Kaumuskeln verhärtet, die Nasenflügel bläht und faustfingert. Wer seine Zähne nicht besorgt, zerbeißt sie so fest, quillt Hass, dass sie knirschen. Zugleich beschleunigen Herzschlag und Atmung sich auffällig. In irrsinniger Frequenz blitzen tiefe Bilder geliebter Gewaltakte. Hassgefühl schwillt. Anständig nicht zu dämmen. Man kann den Keim auch nicht vernünftig ersticken. Nein, es zerplatzt jedenfalls. Nur, wer erwägt, es zu gestehen?
Dass die Newsgroup ein paar Beiträge über meine Hassgefühle gespeist hat, war erleichternd, wie beim Herunterholen und hat die Mithassenden geziemend ergötzt. Ich war simpel mordsmäßig mies zur Gesellschaft, das Leben, meinen finanziellen Mist, auf Melly, den Heizölfleck auf dem Teppich, mein Übergewichtiges, die versaute Platte im antiken Rho Phi 2 und alles. Primus hat schnell mitgeschnitten. Drogen hab’ ich nie viele angenommen. Vielfach teuer. Und glaubhaft bin ich wirklich zu feige. Pauls Meinung. Wenn sich mir der Boden unter den Füßen verzieht, was wird aus Rho Phi? Nein, nein, Gifte zum Spritzen oder Rauchen oder Schlucken, die Hirn und Magen wenden, kommen mir nicht. Noch hab’ ich Primus und das Netz nicht beendet. Und ich bin bei Paul immerzeiten mit Konsequenz schuldig.
Primus steht außerdem durch. Primus bedeutet »Der Erste«. Das ist er. Primus ist der erste und einzige VIP, mir bekannt.
VIP benamt Virtual Independent Processor.
Kurz vor Pauls Bruch in meine Tage, erlebte ich Hassen, das heute noch zubeißt. Ja, stimmt. Hass malte jener Tage mein Weltbild. Und heute? Fehlt die Anzeige. Endlich hatte das Werk den neuen Rho Phi, den 3er, befreit, das Gerät, für das verbrühte Freaks Pawlow schlucken würden. Ehrlich, ich tat es, bedachte ich den Wunderkasten. Wunderkasten. Es war Hochzeit, dass der 3er angekündigt wurde, sonst hätte ich meinen alten, schwachen 2er noch aus dem Fenster gestürzt. Und es vormals nicht eröffnet. Als der Rho Phi 3 eingeliefert wurde, suchte ich Jause in der Gasse. Eigentümlich apportierte ich zwei Mayonnaisemultis und vier Semmeln, weil dem Fleischer die Göttinger ausgegangen war, aber wertlos. Der Tag wird mir mit oder ohne Mayonnaise auf ewig im Hauptspeicher picken. Auf nichts in meiner unübersehbar tristen Zukunft habe ich mich je gefreut wie momentan, den Rho Phi 3 zu betreiben. Gelechzt hab’ ich nach dieser wunderbaren, fabrikriechenden, blank unberührten Jungfrau, unbedruckt das Gehäuse, glanzflirrend der Monitor ... und datenbefreit das Hirn, lechzend nach Wissen, das ich ihm selbst verliebt einleiten würde. Empfänglich für mich, freudig und neu genagelt. Und ich wäre stets der Erste in Rho Phis Dasein. Derjenige, der ihm zu voller Kraft das Blut einspritzen, ihn gebähren würde. So stellte ich das gefällig vor mich hin.
Als ich vom Jausenholen retournierte, besaß Alfred den knisternden Monitor. Alfred, ein bis dahin gemäßigt befreundeter Techniker, an diesem versauten Nachmittag in meine Bude geschleimt, bedurfte einer antiken 40er-zweieinhalb-Zoll-SCSI-Platte für einen Kunden. Hab’ das Blech dem Gerümpel extrahieren müssen. Dem Typen argwöhnte ich immer schon, wie einer nur suspekt sein kann, der sich Leuten ergibt, die auf uralte Hardware wichsen. Alfreds dreckige Supporterklauen wischten Pho Phis Tastatur. Das Schwein rühmte sich geradewegs, meiner neuen Maschine die dritte Systemdiskette für das Tauriques 4.0/Quai zu füttern, und ich hab’ mein Leben vorbeilaufen sehen ...
Alfred hat bald danach einen Job in der Madrid-Filiale von Styles akzeptiert. Damit ich unseren kommunalen Kunden weiter schmecke, man weiß nie genau, habe ich ihm ein paar Scheine für die neuen Zähne gesteckt. Nie wieder wird jemand, der mein pulsendes Herz quetscht, mit blöde unverständigem Grinsen mir zumuten, er hätte mir zu Gefallen sein wollen ...
Am nächsten Tag erhielt ich ein E-mail von einem gewissen Brach, der erregte, ich solle mich präparieren. Die Zeichen stürmten. Aha, ich bedachte einen Literaturfreak. Keinmal cool. Bücher zu lesen hatte ich vor Jahren geopfert. Es frustrierte recht sehr hoch, dass ich keinmal lebhaft Abenteuer bezeugen würde. Warum also mir gedruckte Stories überziehen? Ähnlich verhalten sich heute die Filme ... Ahnungslos war ich, wohnte ohne Arg, Brachs mails konsumierend, wie der Weltrest ...
Das Netz hyperprosperierte. Experten orakelten heimlich, die Datenmenge würde bald seine eigene Organisierbarkeit sprengen. Massenweise gestalteten Programme Webdesign, niemand musste mehr den Code einstudieren, um seine Arbeiten zu verschicken. Alles war babyleicht zu handlen geworden. Jeder Idiot veranstaltete seine Homepages und den Rest selber und betrog damit meine Misere. Nach einer Dekade der Workshops und TV-Schulungen sprossen schon überzählig Internauten gegenüber Autoerfahrenen. Meine Fertigkeiten in dieser Branche waren zeitig ungefragt. Bier und Multis erschäftigte ich längstens durch kleine Infodienste und mikro Organisationsprogramme für hirntote User, Dealerei mit illegalen Spielen und peripher Hardwaresupport, freundschaftlich. Zwar zündete ich bereits eine veränderliche Idee, die Lage mir günstig zu kehren und selber Spiele zu schöpfen. Aber ich war träge und missmutig geworden. Lästig langsam marschierte alles, obwohl mein Rho Phi seine Kapazität meiner Liebe wegen steigerte. Getragen von Primus. Wie Primus das machte, ergab sich mir damals noch nicht. Nicht einmal, dass er mit Pauls Erscheinen betraut sein konnte. Aber auf seine Mails verließ ich mich täglich.
Trotzdem, – alles Scheiße, obwohl Primus mir immermals schönes Sprechen erforderte. Es erfreute mich keinesfalls mehr wie in den späten neunziger Jahren, das World Wide Web zu durchsurfen. Naja, damals war ich keine zwanzig gewesen. Man erpresst sich präsent schnell allen Atem in den Netzmaschen. Die Leute lagerten dreckig darin. Es war im gange das Hirn im Global village zu wichsen. Auf dem Datenhighway watete man knöcheltief im Sperma der gelangweilten Freaks und der dumben Proleten, modemgeschlossen per Weihnachtsgeschenk. Im Internet zielten allein noch ultrakomplexe Suchprogramme nach gewünschten Informationen. Sie richtig schwingen ließen allein megakomplizierte Unterprogramme und Treiber. Händisch verdreht, kursierte der Kram auf der ganzen Welt, virtuell bezahlt, freiheitlich. »WebCrawler« begriff kein Youngster, »Yahoo«, der zweite Methusalix unter den Search Engines, dümpelte ausgebrannt in einer Ecke meines Rho Phi 3 nahe Lycos. Manchmal gefiel mir Primus und erregte »Yahoo« lästig zum Rühren im Datensumpf. Versandte ihn einen minderjährigen Erzeuger künstlicher Sesamkörnchen zum Bestreuen mittelwarmer, champignonkremerfüllter Biscoburger in der Vierten Welt zu suchen. Yahoo würde bald das Schicksal alter, nie upgedateter Utilities genießen und durch Vergessenheit absterben. Präkognitiv.
»Brach«, geheim erfülllt, hatte sich schon ein paarmal bei mir eingeklinkt. Mangelhafte Neugier stellte sich mir vor, als seine Warnung kam. Meine Lieblingsbeschäftigung war es damals, die Hass-Newsgroup mit Schimpftiraden zu erquicken. Es weste und mieste in mir. Und das Hassen erleichterte mich gemeinhin, da ich Alfred ja nicht töten durfte ... hat meinen neuen Rho Phi 3 entjungfert ... ich hätte das Schwein doch an Ort und Stelle erschlagen sollen. Mein Alltag betrug langes Schlafen, Fressen, Scheißen und vor dem Bildschirm sitzen, wieder Schlafen, mit Bubi Sinuswalk Spielen oder Hydra ... Seit mein Kanarienvogel Pipe gekratzt hatte, gab es nur noch Primus und die Mailfreunde, die meine Existenz peripher tangierte. Nun gut, Philomena besorgte, und Bubi erlegte mir immermals Süßes ...
Erklärt bin ich heute froh und lockig, dass ich Alfred nicht umgebracht habe, ehemals. Im Häfen hätte man mir kein Modem erschlossen. Rho Phi 3 bestehe ich dennoch. Primus fühlt sich zumal recht sehr wohlig mit ihm. Und Paul geisterte auch um ihn. Aber trotzdem wird nie wahrhaftig sein, Rho Phi sei mir hörig, ... nur mir.
Alles das ist den Wert los. Bin dabei, die zersprungenen Stücke meiner Existenz zu einigen. Es fällt mir schwer hinab. Ohne Pauls Hilfreichtum.
Allen, die heftige Hassattacken des eigenen Fühlens beleidigen, vielgründig, sei gesagt, es ist ultracool, jemanden damit zu weihen. Besser verdampfen, statt immerfort für nie gespieenen Hass Scham leiden. Wie ich angesichts einer schönen Frau schmelze, »Uff, geilt mich die Alte«, darf ich, kollidierend mit gehassten Worten, Gesten oder Handlungen, sehnen „Uff, wie gerne würde ich ihm den Arsch tief treten«.
Arten, Hassgefühl spontan zu entbinden, durch einen schnellen Tritt, einen wilden Schrei, einen Schlag, ein kräftiges Ausspucken, Türschlagen oder den Wurf eines schweren Gegenstandes, gezielt, das Gehasste erbrechen zu lassen, sind hierzulande heutzutage minimal relevant. Wer lebt schon seelenruhig? Erlaubt ist Vorstellen, was man täte, dürfte man ... aber Dürfen existiert nicht. Meine Nachbarn drängen sich tagtäglich im Fernsehprogramm. Kims Freunderln erleichtern Schundhefte, oder sie konsumieren Kinofilme, wie andere Leute Maniokchips, je grausiger gefärbt, desto besser. Da soll noch einer gegen gescheite Games wettern. Sie schließen die Wirklichkeit gut aus. Und besser die Wirklichkeit meiden, als sie tut einem was an – oder verkehrt.
