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Alma, eine Angestellte einer Musikproduktionsfirma lässt sich auf eine heimliche Romanze mit einem leicht autistischen Mann, Adrian, ein, dessen Liebesbrief an sie als Liedtext missverstanden wird. Als Adrian bei einem tragischen Zwischenfall ums Leben kommt, streiten mehrere Künstler um die angebliche Urheberschaft des Liedtextes, der bei einem Song-Contest zu einem internationalen Hit wird. Alma ringt sich dazu durch, ihre Beziehung öffentlich einzugestehen, um die Rechte des Verstorbenen zu wahren, ihn zu ehren und ihre Liebe zu enthüllen.
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Seitenzahl: 219
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Jo Danieli
Regenlicht
Liebe zu einem Autisten ist doch einfach nur Liebe.
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Regenlicht
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Impressum neobooks
Liebesdrama
Von Jo Danieli © 2017
Alma sitzt in ihrem kleinen Büro an ihrem sorgfältig aufgeräumten Schreibtisch, dem Fenster zugewandt, angespannt mit ihrem Kugelschreiber spielend und schaut in den herbstlichen Regenschauer hinaus. Teedampf quillt aus einer Blümchentasse, mit Schokolade überzogene Kekse liegen unberührt auf einem Blümchenteller. Von ihrem Platz aus sieht Alma (37, schlank, mit kurzem dunklen Pagenkopf, ungeschminkt, bürokonform schlicht gekleidet mit hellorangefarbener Bluse und dunklem engem, knielangem Rock zu bequemen Büro-Pumps) die nass glänzenden Dächer der Großstadt unter schwer grauen Regenwolken, und sie sinniert vor sich hin. Ab und zu schüttelt sie den Kopf über sich selber ...
Die Sonne ist als lichter Fleck im dicken wallenden Wolkengrau sichtbar.
Alma schaut sich um, doch sie ist immer noch allein im Büro, und sie zieht ein Notizbuch aus einer Schreibtischschublade, öffnet es und starrt die Seiten an. “Im Moment, als ich ihn zum allerersten Mal gesehen habe, kam es mir vor, als würde ich herumgewirbelt ... und die Sonne war auf einmal violett.”
... an einem regnerisch-stürmischen Spätsommertag betritt Alma eine Bücherei mitten in der Großstadt, und bringt einen feuchten Windstoß mit sich in die Eingangshalle, schließt eilig die Tür. Sie schüttelt den Kopf, und ihre dunklen Pagenkopfsträhnen bilden sofort gehorsam eine Frisur. Nach Atem ringend knöpft sie in der Hitze des Raumes den Mantel auf und marschiert eilig auf die Regalreihen zu und passiert dabei den Buchrückgabe-Bereich. “Und ich habe sie gesehen, die langen Rinnsale fließenden Honigs.”
Ein hochgewachsener schlanker Mann (Adrian, 34) in buntem losem Hemd und Jeans stapelt Bücher auf einen Sammelwagen, und seine langen honigbraunen Haare fallen in lockigen Kaskaden über seine Schultern. Gerade als Alma vorbeigeht, schaut er kurz auf, und Alma hält den Atem an ...
“Geräusche verstummten, Bewegungen verlangsamten sich, das grünlich-weiße Neolicht wurde violett.”
Adrians Blick aus grüngrauen, schläfrig wirkenden Augen mit erstaunlich dunklen Brauen geht durch Alma hindurch, da er nach den Büchern greift und sich gedankenverloren abwendet. Alma sieht, dass er Sandalen trägt und keine Socken. Seine nackten Zehen wirken erschreckend persönlich.
“Es war als hätte mich ein Traum am helllichten Tag überfallen, ein lächerlich kitschiges Abenteuer, das gar nicht für mich bestimmt war ...”
Bücherei-Bedienstete Anna, etwa fünfzig Jahre alt, dick und behäbig in einem abgetragenen Hosenanzug und unpassenden Stöckelschuhen schiebt sich an den Bücherausgabe-Tisch vor Adrian ...
Alma wendet sich eilig ab, und ihre Wahrnehmungen normalisieren sich, als sie zwischen die Bücherregale eilt, verlegen, heimlich durchatmend.
In ihrem Büro hält Alma nun ihre Stirn an die kühle Fensterscheibe gepresst, über die Wasser perlt. “Ich hatte ein glänzendes Schmuckstück auf der dreckigen Straße entdeckt, aber es aufzuheben kam nicht in Frage.”
Alma geht zwischen den Regalen und Stellagen hin und her und beobachtet den lockenhaarigen schlaksigen Mann heimlich; Sie erwischt sich dabei, wie sie den Atem anhält, als er die Vorhalle durchquert, denn er hat etwas Katzenhaftes an sich und wirkt zugleich angespannt und geistesabwesend, mit einem übermäßig ernsten Gesichtsausdruck.
Alma schaut sich um, um sicherzugehen, dass niemand sie beobachtet, schüttelt den Kopf über sich selber und geht zur “Musik”-Abteilung.
Ihr fällt auf, dass mehrere Bücherei-Bedienstete sich “eigenartig” benehmen und “verlangsamt” und seltsam “abwesend” wirken; Sie schauen die Kunden nicht mit aufmerksamer Zuvorkommenheit an, sondern distanziert und ernst, fast mürrisch; Zuweilen stehen sie einfach irgendwo herum und starren unverblümt oder murmeln vor sich hin.
Alma schmökert in einem Buch, als Adrian an ihr vorüber geht; Sie erschrickt, als sie ihn so nahe sieht; Ein schwitzender, glatzköpfiger Bücherei-Kunde neben ihr merkt es und runzelt die Stirn, während Adrian unbefangen weitergeht. Der Glatzkopf schaut ihm nach, und Alma wendet sich rasch ab und eilt auf die andere Seite des Regals.
“Ein Teil von mir fing an mich zu betrügen und sich nicht mehr darum scheren, was mich erfreuen durfte und was nicht.
Das Seltsame war, dass ich vom ersten Augenblick an gewusst habe, dass etwas nicht stimmt mit ihm. Als würde einem auffallen, dass der Mond auf einmal grün ist, ... ja, es war mir sofort klar, dass etwas anders ist. Anders als üblich, eben. Was üblich ist? Na, das Normale, das, was jeder hat. So wie jeder ist. Aber ich hab’ nicht gleich begriffen, was es ist, das ihn “anders” macht. Melancholisch hat er gewirkt. Versunken. Aber das tun Andere auch. In mir ist eine Art langes Seufzen erklungen, und ich wusste nicht, was es bedeutete. Ich habe ihn viel zu lange angeschaut, diesen Fremden, und warm geworden ist mir, sehr warm. Dabei war mein Inneres sonst so eisig, im Job besonders, da alles immer anstrengender wurde. Wie ein schleichendes Tier habe ich mich gefühlt, das sich harmlos gibt und seine Beute doch nicht aus den Augen lässt. Und obwohl ich bloß schnell ein paar überfällige Bücher zurückbringen wollte, hab’ ich es auf einmal gar nicht mehr eilig gehabt. Obwohl mir Ausruhen bitter nötig war ..
Ich war verwirrt. Er hat nicht blöd geglotzt, er hat nicht geschielt oder anderswie komisch geschaut. Dennoch. Da war etwas. In seinem Blick. In seinem ganzen Ausdruck.”
Alma steht hinter einem Regal und beobachtet Adrian, der in der Kinderbuch-Abteilung hockt und Bücher in einen niedrigen Kasten einräumt.
“Attraktiv war er. Reizvoll. Schön, mit seinen Honighaaren. Vielleicht trägt er die Schultern ein wenig mehr hochgezogen als andere Leute, hab’ ich gedacht. Nein, damals hab’ ich das gar nicht so direkt gedacht. Erst später. Damals war ich einfach irgendwie ... verwirrt. Doch von Anfang an war klar: Er fällt in die Kategorie „andersartig“, „fremdartig“ oder so, und eigentlich versucht man das Wort „behindert“ irgendwie zu vermeiden. Es ist aber landläufig so üblich, Menschen, die ihrem Verhalten nach offensichtlich nicht der Norm entsprechen, als „nicht normal“, als „behindert“ gelten. Vielleicht nur ganz, ganz leicht behindert, aber eben “behindert”. Das darf man nicht so sagen, und es klingt auch scheußlich, aber mir fiel damals kein anderer Begriff dafür ein und heute auch nicht. Bloß “anders” oder “andersartig” oder “ungewöhnlich” zu sagen trifft die Sache nicht. In seinem Fall ... er konnte mit einem reden, einen direkt anschauen, und es kam einem doch so vor, als würde man von ihm gar nicht wirklich wahrgenommen werden. Dass er sich nicht so bewegt hätte wie andere Männer seines Alters war auch nicht der Fall. Oder doch? Nicht dass herumgestolpert wäre, nein. Nicht dass er bucklig gewesen wäre. Er hat so gewirkt, als hätte er es eilig, aber auf eine langsame Art. Und die Art von Herzklopfen, die ich empfunden habe, war auch neu.”
Alma schaut fasziniert zu, wie Adrian mit einer ältlichen Bücherei-Kundin spricht, ihr nun zuhört, den Kopf schiefgelegt.
“... und ich habe mir gedacht, er schaut eigentlich streng aus und mehr konzentriert als nötig.”
Die Kundin geht weiter, und Adrian zieht Papier aus der Auswurflade eines Druckers, hebt Bücherstapel auf, geht damit herum, schaut Buchrücken an, blättert, stempelt, ordnet Zeitschriften und legt Bücher aller Größen auf beräderte Wägelchen.
“Dann hatte ich seinen Gang im Verdacht, leicht schlurfend ... Aber Vierland schlurft weit ärger, und dieser fremde Mann hat sich fast schon stolz aufrecht gehalten. Vielleicht zu stolz? War er zu aufrecht, mit seinen hochgezogenen Schultern?”
Alma löst sich vom Regenfenster und zuckt die Schultern. Sie greift nach der Blümchenteetasse hinter sich auf dem Schreibtisch und nimmt einen Schluck Tee. Jetzt dampft er nicht mehr.
“Wenn er den Kopf gehoben hat, um jemandem zuzuhören, hat er ihn nicht vielleicht ein, zwei Sekunden zu lange hoch gehalten? Ach nein. Dieses ein wenig seltsame Lauschen bedeutete einfach besondere Aufmerksamkeit.”
Die Lichter der Stadt glitzern im Nieselregen. Es klopft hart und schnell an der Tür, und Alma’s Kollegin, Marie, eine Schwarzafrikanerin, die nie in Schwarzafrika war, (33, groß, sportlich-elegant mit sehr dunkler Haut und schwarzem Wuschelkopf mit rotblonden Strähnen) steckt den Kopf ins Zimmer, zwinkert Alma zu.
“Brückenbar? Martini? Du, ich und Lian?”
“Heute nicht, Marie. Ich brauche Ruhe und ... Dunkelheit. Frühstart morgen. Sonst killt Vierland mich.”
“Na, dann hab’ Spaß in der Höhle! Bis morgen. Aber ...” Marie droht mit dem Finger, “vergiss nicht, dass du nicht für alles verantwortlich bist.”
Alma seufzt und nicht, während Marie wieder verschwindet. Sie murmelt vor sich hin. “Nach dem zweiten Martini würde ich Sachen ausplaudern, die nie ein Mensch hören darf, liebste Marie.”
Sie legt sich selber die Hand auf den Mund, weil sie ihre Gedanken laut ausgesprochen hat. “Ich muss damit aufhören.” Sie hält sich auch die andere Hand auf den Mund. Das Notizbuch liegt offen auf dem Schreibtisch, und erschrocken nimmt Alma es auf ...
“Von Anfang an war ich hart gefordert in dem Job. Vierland hat seinem Freund, meinem Exmann, einen Gefallen tun und mich bei sich arbeiten lassen. Schön und gut, er hat damit auch mir einen Gefallen getan, und immerhin hat Carl dafür gesorgt, dass ich beruflich wieder fußfassen konnte nach unserer Scheidung. Während unserer Ehe habe ich ja nicht arbeiten dürfen, er wollte das nicht. Mit neunundzwanzig könnte ich doch noch alles anfangen, was mir so vorschwebte, hat Carl gemeint und sich damit von seinem schlechten Gewissen verabschiedet. Und von mir, um mit seiner neuen Freundin eine Weltreise anzutreten. Plötzlich war ich nicht mehr einsame Hausputzfrau, sondern Mädchen für alles mitten im Berufsleben, unter kreative Leuten in einer Branche, wie sie stressiger und schillernder kaum sein kann: im Musik-“Business”. Ich hatte täglich mit klugen, kreativen, ambitionierten Leuten zu tun, und es war wunderbar, sich durch sie auch so elitär und wissend zu fühlen. Es war wie im Film. Ich sah mich gutgekleidet und recht attraktiv täglich durch die Großstadt schreiten und hinter blanken Flügeltüren verschwinden, als inszeniert jemand mein neues Leben als Zeitgeist-Streifen ... Doch dann erhielt ich den Auftrag, zum Haufen Kreativer, Wichtiger auch noch die Genialen zu suchen. Wenn ich gewusst hätte, was auf mich zukommt, wäre ich aber vielleicht doch lieber Putzen gegangen. Denn ... wo wachsen die Genialen dieser Welt? Auf Bäumen in der Wüste? Wo suchen, hab’ ich mich gefragt, verzweifelt ... Und nirgends ein Licht in Sicht.”
„Wie sieht es aus, Alma?“
Alma sitzt auf ihrem Schreibtisch und blättert in ihrem Notizbuch, als Vierland ihr von hinten seine Hand auf die Schulter, und sie schreit auf und rutscht vom Schreibtisch, presst sich die Faust an den Busen und keucht.
“Willst du mich umbringen?”
“Kommt drauf an.” Vierland deutet auf das Notizbuch. “Kreative Notizen, nehme ich an.”
“Was denn sonst?”
Alma steckt das Notizbuch schnell in ihre Handtasche und grinst ihren Chef an. Vierland (Ende Vierzig, groß, schlank, rothaarig und wie aus dem Ei gepellt) sticht seinen Zeigefinger gegen Alma.
“Wie sieht es also aus?”
„Suche noch.“ Alma murmelte, als könnte sie mit der Lautstärke den Inhalt der Worte abschwächen. “Es ist schließlich nicht gerade leicht. Du weißt nicht, was du willst, also wie sollen wir ...?”
“Wir haben ...” Vierland hebt den Arm und hält sich die schwere, glänzende Uhr vor die Augen, zieht die Brauen hoch, „noch einen Monat Zeit.“
Er schiebt den Kopf ruckartig nach vorne, wie ein Hahn, der nach etwas pickt und hebt die Augenbrauen noch weiter. Alma nickt und zuckt die Schultern, ein wortloses “Es ist wie es ist” ausdrückend. Vierland starrt sie an, dreht sich um und lässt die Tür hinter sich zuknallen. Alma nickt sich selber zu, rückt die Telefonanlage und einen Kugelschreiberhalter zurecht, wischt über den Computerschirm und holt tief Luft.
“Der Hut brennt, Boss, alles klar, Boss, aber wir können ja niemanden aus dem Ärmel schütteln.”
Das Telefon läutet, und Alma hebt schnaubend ab, lauscht dann, grinst.
“Bei dir auch? Tja ...” (Lauscht.) “Genau, Marie. Und woher solle ich den begnadeten Songschreiber nehmen? Vielleicht bin ich fehlbesetzt in dem Job! Ach ja, übrigens, ich bin neu in der Musikbranche. Aber ich soll Wunder wirken?!” Sie schnaubt ärgerlich und setzt sich wieder auf den Schreibtisch.
“Klar müssen wir jemanden vorstellen. Ich weiß, dass die anderen schon auf Tournee sind! Die haben aber auch kein Star-Drama am Hals!”
Vierland tritt wieder in Alma’s Büro, und sie schaut ihn etwas erbost an, das Telefon umklammernd.
“Sag’ Marie, dass der Verlag die Klappentexte haben will!“
Alma furcht die Stirn. “Marie weiß das. Und die Entwürfe sind längst fertig. Wenn die Titel dann stehen ... Übrigens ... Jerry hat angerufen und –“
Vierland winkt wild ab. „Kein Wort mehr von diesem Arschloch! Er hat uns in den Sumpf gestoßen. Besser, er verhält sich ganz still, sonst lasse ich ihn suchen und – ...“
“Vierland wusste, dass Jerry um seine Ehe zu retten die Produktion verlassen hatte müssen. Keinem im Betrieb war das Drama entgangen. Fünfzehn Jahre Musikbusiness hatten den Mann ausgelaugt. Drei Kinder und eine verzweifelte, wunderbare, stets stockbesoffene Ehefrau waren Jerry endlich mehr wert gewesen als das neue Projekt. Vielleicht hätte es ihm ermöglicht, durch außergewöhnliche Songtexte endlich international berühmt zu werden. Vielleicht auch nicht. Aber der geniale Jerry hatte plötzlich nichts mehr zustandegebracht. Jedenfalls nichts, das Vierland gefallen hätte.
Und ehe der Druck noch größer, seine kreative Leistung noch geringer werden konnten, hatte er das Handtuch geworfen.”
Vierland stapft aus Alma’s Büro, und Alma zischt ins Telefon.
“Ich gehe jetzt, Marie, sonst ...”
Vierland tritt wieder ins Büro und fuchtelt von der Tür aus zu Alma hinüber.
„Das mit den Girls am Strand können wir lassen .... oder leicht umschreiben?“ Er sucht in ihrem Gesicht, die Hände erhoben und die Handflächen nach oben gedreht als sollte sie etwas hineinlegen. Sie zieht die Schultern hoch.
„Und wer soll schreiben?“
„Ach, zum Teufel!“ Vierland schlägt erneut die Tür hinter sich zu, und Alma hört seine Schritte durch den Gang poltern.
Alma schnaubt ins Telefon. “Könnte ich mir schöne Texte ausdenken, ich würd’s tun, alter Sklaventreiber! Marie, ich gehe jetzt. Viel Spaß in der Brückenbar.”
“Vierland hat schon viel Geld investiert, den Boygroups und Girlie-Conventions Eintagsfliegen wirklich gute Musik mit tiefschürfenden Texten entgegenzusetzen und einen neuen Star zu erschaffen. Timber heißt er, kann wunderschön singen, seine Stimme ist tief und wendig, und er sorgt für Aufsehen in den Medien. Ein androgyner Typ, der Männer wie Frauen fasziniert. Aber Timber, der eigentlich Elvin heißt, trauert um Jerry. Die beiden hatten sich sehr gemocht. Die Krise ist wie ein Unwetter einfach über alle hereingebrochen.”
Alma geht durch ihr Büro, zu einem Poster, das am riesigen Wandschrank klebt. Es zeigt einen dünnen, blonden Gitarrenspieler, der versonnen allein auf einem Hocker auf einer dunklen Bühne sitzt, nur von einem blauen Spotlight beleuchtet. “Was Timber selbst an Texten bringt, ist nicht zu gebrauchen. Zumindest nicht für den Contest. Timber kann lächeln wie niemand sonst. Ob Mann, ob Frau ... niemand kann den Blick von ihm wenden, wenn er lächelt. Er singt ein paar Takte, und die Welt ist wieder in Ordnung ... wenn wir nur endlich den richtigen Text finden würden! Ein Balladen-Contest! Was für eine Idee! Aber das Interesse ist enorm.”
Alma spricht zu Timbers Bild. “Seele sollst du bieten, nicht bloß Sex und Sound. Kapito?”
Sie schüttelt den Kopf und greift nach ihrer Jacke und ihrer Tasche.
“Wenn der gnädigste Boss uns verraten würde, was er sich genau vorstellt, wäre uns schon geholfen, gell.”
Wieder in der Bücherei, schlendert Alma im Gewühl der anderen Kunden zwischen den Regalen umher, Bücher tragend, sie an sich drückend, in Büchern blätternd, Titel auf den Buchrücken lesend ... und immer wieder schaut sie sich heimlich um.
Als sie plötzlich Adrian im Gespräch mit einem Kollegen, dem teenagerhaften Ben, entdeckt, beißt sie sich auf die Lippen, um ein Seufzen zu verhindern. “Da war es wieder, das Exzentrische, so aufreizend Ferne, das mich nicht kümmern musste und mich doch eigenartig aufwühlte, ja, störte.”
Adrian kommt plötzlich auf Alma zu geschlendert, und sie starrt ihm erschrocken entgegen ... sieht seine braunen Hände, die Honiglocken, die ausgeprägten, ernsten Lippen, die breiten Schultern im bunten Hemd, den katzenhaften Gang. Adrian wendet sich einem Regal zu und langt hoch hinauf nach einem Buch; Seine Rückenmuskeln spannen sich unter seinem Hemd, seine langen Locken schmiegen sich an Wangen, Hals und schlängeln sich über die Schultern, und ein Goldkettchen gleitet die braune Haut entlang, als sein Hemd leicht rückwärts hinab rutscht und ein Stück Wirbelsäule entblößt, samtig braun ...
“Etwas begann sich wie eine Schlinge um mein Herz zu legen und es langsam einzuschnüren.”
Ein Buch fällt Alma aus der Hand, und sie bückt sich rasch danach, sich heimlich umblickend; Niemand beachtet sie, und Adrian ist außer Sicht.
Die Putzfrau Susi (26, klein, hektisch, semmelblond im bodenlangen dunkelblauen T-Shirt-Kleid, mit zerzausten Haaren) biegt plötzlich in Almas Regalgasse ein, nähert sich rasant und rammt den Besen mit Wischlappen ungebremst gegen Alma’s Fuß; Mit einem Schreckenslaut springt Alma erschrocken zur Seite.
Susi bleibt dicht neben Alma stehen, den Mop knapp neben Alma’s Fuß, und sie schaut Alma herausfordernd an (darauf wartend, dass Alma weggehe). Verwirrt tritt Alma beiseite, und Susi folgt ihr, den Boden wischend, sodass Alma immer weiter ausweichen muss, wenn sie nicht den Besen an ihrem Fuß fühlen will; Susi arbeitet stur vor sich hin. Alma flüchtet.
Irritiert nach Susi Ausschau haltend trägt Alma ihre Bücher zum Registrierungs-Tisch ... und steht unvermittelt vor Adrian, der ihr, ohne sie anzusehen, seine Hand hin hält. Almas Blicke gleiten nervös über ihn hinweg und hängen sich an Einzelheiten, ohne wirklich viel wahrzunehmen.
“Etwas begann in mir zu brodeln, etwas wie Ungehorsam, wie beim Stehlen von Eierlikör, als kleines Mädchen.”
Adrian’s lange, braune Finger fliegen über die Bücher, die Alma ausgewählt hat, und ihr Blick gleitet zu seinem Gesicht, saugt sich an seinem Mund fest, der Nase, den Augenbrauen, dem lockigen Haaransatz - bis sie merkt, dass er wartet, immer noch, ohne sie anzuschauen, seine Blicke fest auf die Bücher geheftet.
Alma hält ihm eilig ihre Büchereikarte hin, mit spitzen Fingern, als sei die Karte heiß. Adrian nickt und schaut auf die Karte.
“Und ... Scham empfand ich. Darüber, dass ich überhaupt Scham fühlte, weil er mir praktisch den Tag verderben konnte.”
Alma entdeckt feine Schweißperlen auf Adrians Stirn Nasenwurzel, zwischen den schwarzen Brauen; Eine kleine Narbe furcht seine Oberlippe; Seine Hände sind mit Adern überzogen; Er trägt einen goldenen Schmuckring; Seine Bewegungen scheinen “verzögert” zu sein, als befände er sich in einer anderen Dimension, und durch seine Berührung würden die Bücher auch in sie eingesaugt; Adrian schaut auf und geradewegs in Alma’s Gesicht, aber auch durch sie hindurch.
“Danke, dass Sie unsere Bücherei benutzen. Hier ist ein Informationsblatt.”
Alma starrt ihn an, und er scheint sie gar nicht zu sehen, dann nickt sie hastig, dankend und nimmt das Blatt, das seine braunen Finger ihr samt den registrierten Büchern entgegen schieben - und Adrian wendet sich der Kundin hinter ihr zu.
“Diese brodelnde Suppe könnte überfließen ... und sich überallhin ausbreiten, alles Papier auflösen und die Welt und den Kosmos ...”
Alma ergreift ihre Bücher, hebt schnuppernd den Kopf (riecht einen Hauch von Rasierwasser), während Adrian bereits die Bücher der nächsten Kundin registriert.
“Aber plötzlich kühlte sie ab, diese Suppe.”
Adrian dreht sich, und Alma sieht plötzlich sein Namensschild auf seiner Hemdbrust, auf dem “Adrian T.” steht und bemerkt, dass er seltsam gebückt dasitzt, eine Schulter hochgezogen und nun viel zu schnell und zu oft blinzelt.
“Danke, dass Sie unsere Bücherei benutzen.”
Die Kundin hinter Alma schaut sie von der Seite her ungeduldig an, dass sie endlich ausweichen solle; Alma nimmt ihre Bücher und geht eilig weiter.
Auf der Straße hastet Alma dahin, als sei sie auf der Flucht, immer wieder tief Luft holend. Sie sieht den Bus hinter sich herankommen, aber sie hastet an der Haltestelle vorüber, als funktioniere ihr Körper wie aufgezogen.
Zu Hause, in ihrem Schlafzimmer, sitzt Alma dann vor dem Bücherstapel auf ihrem Bett und starrt die verschiedenen Titel an, Musikgeschichte, Literatur, Liebesromantik, Gedicht-Anthologien. Das Telefon läutet, und Alma hebt ab, erleichtert.
“Marie! Gut, dass du anrufst. Ich kann das nicht. Ich weiß nicht, wonach ich suchen soll.” Sie lauscht in den Hörer und lässt sich aufs Bett sinken.
“Ja, habe ich mir besorgt. Aber ich sage dir,” sie seufzt tief und starrt an die Decke, “die Atmosphäre in dieser Bücherei ist so trocken und ernst. Ja, bin ich. Genervt. Weißt du, es gibt irgendwie kein ehrliches Verhalten dort, so kommt´s mir vor. Manche Kunden behandeln die Bediensteten dort so eigenartig zuvorkommend, aber auch irgendwie fast nachsichtig, und ich finde das falsch. Auf der einen Seite soll man ja diese Leute, die anscheinend leicht behindert sich, nicht diskriminieren und ganz gleich behandeln. Das geht aber nicht, weil sie einen nicht normal behandeln. Und die Kunden in dieser Bücherei ...” Sie seufzt und ringt nach Worten, “... wirken manchmal so gekünstelt. Fast schon peinlich. Früher hat mich das nie wirklich gekümmert, aber auf einmal fühle ich mich ... fast schon unwohl, dort.”
Sie rollt sich auf die Seite und berührt die Bücher. “Alles ist so süßlich dort, dass einem schlecht werden könnte.”
Sie lauscht ins Telefon und schnaubt dann, erregt. “Doch, hat es. Aber wenn´s dich nicht interessiert ...” Sie lauscht weiter und schließt die Augen. “So hab´ ich´s nicht gemeint, Marie. Man hört dort so viele „Bitte“ und „Danke“ wie nirgends sonst. Wieso eigentlich? Die Leute, die dort arbeiten sind überhaupt nicht besonders freundlich oder irgendwie effizient. Von wegen Gleichbehandlung! Wenn unsereines sich so verhalten würde im Job ...”
Alma erinnert sich daran, als sie durch die Bücherei gegangen ist. Ein junger Mann im schwarzen Rollkragenpulli nimmt die zurückgebrachten Videos in Empfang und registriert sie mit Tastendrucken an einer Computeranlage, und es dauert ewig. Die Kunden verharren vor ihm, geduldig, als hätten sie alle Zeit der Welt, obwohl sie ihn heimlich irritier beobachten.
“Bei ihm ist es wohl der eigentümlich verzögerte Blick unter schweren Lidern hinter dicken Brillengläsern hervor, der ihn auffällig macht.”
Die Frau an der Kasse lallt beim Sprechen ein wenig und ist sehr dick, mit unförmigen Proportionen. Sie merkt es nicht, wenn ihre Kleidung verrutscht und die Träger ihres Büstenhalters sichtbar werden oder die Pickel in ihrem Dekolleté. Und der Mann am Wissenschafts-Regal singt ständig leise vor sich hin, in gräulich falschen Tönen, und er schnaubt manchmal, so laut wie ein Pferd ...
Alma spricht am Telefon mit Marie. “Und viele von denen sind so in sich gekehrt, dass es einen fast kränken kann, weil sie so gar kein Interesse an einem zeigen. Und es ist oft schwierig, etwas von ihnen zu verlangen, das aber doch zu ihrem Job gehört! Aber dann diese Gesichter! Als ob sie hoch konzentriert bei der Sache. Sind sie aber nicht.”
Sie lauscht wieder ins Telefon und richtet sich auf, gestikulierend. “Na und? Rege ich mich eben auf. Ich finde es eben nicht richtig, dass sich alle Kunden so locker geben, als ob nichts wäre. Das schaue ich mir an, in irgendeinem anderen Betrieb, dass sie dort so entspannt und gelassen wären, wenn rein gar nichts weitergehen ... Und dort komme ich mir so vor, als ob ich auf einem Minenfeld spazieren gehen würde.”
Sie lacht über Maries Bemerkung. “Ja, stimmt. Ist wie eine Filmgeschichte. So eine künstlerisch, die kein Mensch versteht. Weißt du, manche von denen ... sie verhalten sich irgendwie übertrieben unbefangen. Ist ihnen nach Rülpsen, dann rülpsen sie einfach. Wenn sie keine Lust haben, sich zu beeilen, dann arbeiten sie eben langsam. Das ist nicht normal, aber wir müssen so tun, als ob´s das wäre. Also sind wir diejenigen, die diese Leute “gleich behandeln”, indem wir sei aber doch anders behandeln als wir eigentlich möchten! Denn stell dir vor, ich würde mich beschweren! Dann würde es heißen, ich sei ... weiß die Hölle was, diskriminierend oder so.”
Alma steht in der Bibliothek am Informationsschalter. Der Bedienstete, Ben, der teenagerhafte Bursche, steht mit dem Rücken zu ihr und tippt mit dem Zeigefinger unendlich langsam auf einer Tastatur herum. Alma wartet minutenlang, Ben beobachtend, geht dann um den runden Informationstisch herum und tritt in Bens Blickfeld, aber er schaut nicht auf.
“Guten Tag. Ich habe eine Frage!”
Ben runzelt erbost die Augenbrauen, aber tippt weiter. Alma holt tief Luft und bemüht sich um eine freundliche Stimme.
“Ich warte schon sehr lange hier. Und ich muss zurück ins Büro, also –“
Ben starrt weiterhin auf den Bildschirm, tippend, spricht aber mit scharfer Stimme: “Ich habe zu tun, sehen Sie das nicht?”
Alma hält den Atem an vor Empörung und lehnt sich an den Informationstisch. Sie spricht mit zusammengebissenen Zähnen. “Und ich bin Kundin hier, und das ist der Informationsschalter, und Sie sind dazu da, mir Informationen zu geben.”
Ben dreht sich langsam zu ihr um, mit einem Ausdruck, als hätte Alma ihn gerade aufs Ärgste beschimpft. Alma kneift die Augen zusammen und geht weg. Ben ruft ihr nach.
“Also war es nur ein Witz mit der Information?”
Kollegen von Ben kommen den Gang entlang herangeschlendert und schauen Alma so misstrauisch an, als seien sie sicher, sie habe etwas gestohlen. Alma murmelt vor sich hin, zitternd von Zorn.
“Was glotzt ihr so idiotisch ...”
Auf dem Bett am Rücken liegend telefoniert Alma mit Marie und rollt herum.
“Die Garderobenfrau hat einmal ihrem Kollegen lang und breit erzählt, dass in der Straßenbahn jemand in die Ecke neben der Tür gekotzt hat, und die ganze Zeit hat sie die Tasche einer Kundin festgehalten, die schon längst gehen wollte. Aber die hat die Garderobenfrau nur lächelnd angeschaut, statt irgendwas zu sagen. Stell dir vor, Marie, eine von uns würde sich so verhalten, was wir uns anhören würden müssen!” Sie lauscht wieder ins Telefon und lacht dann. “Eifersüchtig ist gut!”
Sie setzt sich auf und klopft auf die Bücher.
“Ich kann da nur durchblättern, und wenn mich etwas anspringt,” Sie seufzt und rollt die Augen, “... aber Marie, das ist nicht der richtige Weg. Das ist dir ja wohl auch klar, oder nicht?”
“Ich bin einmal sogar mit zerrissener Strumpfhose hinausgegangen, weil der Reinigungsbursche seinen Besen beinhart gegen mein Bein gedroschen hat. Ich hätte schimpfen und ihm eine Ohrfeige geben wollen, aber ich hab’ bloß vor mich hin gemurmelt und meinen Zorn hinuntergeschluckt.
Adrian also. Stundenlang nach Verlassen den Bücherei hat mich der Name nicht losgelassen.”
