Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ein zeitgenössischer Literat ("Meskal", "der Wurm") lebt verarmt in Wien und protestiert durch seine Lebensweise und seine literarisch-aktionistische Arbeit gegen Missbrauch, Respektlosigkeit und andere verderbliche Gewohnheiten im multikulturellen, zunehmend aggressiven Stadtleben. Ein launiges Abenteuer aus seiner Vergangenheit bringt plötzlich ungeahnte Folgen und stellt sein gesamtes Dasein auf eine neue Basis: Er erhält Macht. Aber – wird er sie annehmen?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 161
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Jo Danieli
Wurmspuren
Eine Zeitgeist-Satire aus der Welt der Untergrund-Literatur
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Wurmspuren
Wurm
Meskal
Clementa
Herr Brey
Paula
Bernhardt
Maus
Lisa
Karla
Johann
Jana
Margit
Olko & Mehem
Martl
Tarika
Impressum neobooks
Roman
Von Jo Danieli © 2017
(Wir befinden uns in Wien, Österreich, im Herbst. Es ist ungefähr das Jahr 2000.)
Yalem (55), ein beleibter, fast glatzköpfiger Türke mit großen Zähnen, lehnt mehlbestäubt im Bäckeraufzug in seinem Backshop an einem Ofen, umgeben von Brot und Semmeln, roh und gebacken und rezitiert ein Gedicht mit amüsierter Stimme samt starkem Akzent. Ihm gegenüber steht ein Reporter am Fenster (dessen Identität völlig egal ist).
“Es ist so wie immer,
Ich spreche zu mir
Als gäb es kein Draußen ...”
(kichert verlegen)
“Als wär niemand hier.”
Yalem macht eine verlegene Geste zum Reporter hin. “Geht weiter ja. Aber ist lustic.” Der Reporter macht eine Geste, dass Yalem weiterlesen solle. Yalem nickt und hebt den Finger.
“Die Worte spendier ich
Um mich zu wärmen,
und Heißwasser gurgelt
Mir fein in den Därmen ...” Yalem kichert und schüttelt den Kopf zum Reporter hin. “Leute zahlen Geld dafür ja?”
In einem spärlich mit Gästen besetzten verrauchten Hinterzimmer des Literatur-Cafés Styx sitzt ein schlanker Mann, “Der Wurm” (30, groß, schlank, mit halblangen fettig-braunen Haaren, in Jeans und schwarzem Hemd) auf einem Tisch, im “Schneider-Sitz”, einige Blätter Papier in den Händen, und er redet; Es scheint, als rede er vor sich hin, weil die Gäste ihn nicht zu beachten scheinen. Immer wieder greift er sich ans glattrasierte Kinn.
“... und es ist das Gewicht, das wir auf der Welt haben, das uns am Boden hält.”
Die Gäste trinken Kaffee, Wein und Tee, rauchen, lauschen oder plaudern leise miteinander. Der Wurm scheint durch alle hindurchzublicken, nur ab und zu schaut er einzelne Personen direkt an, und diese sind entweder amüsiert oder unangenehm berührt.
Eine junge, exotisch aussehende Frau, Tarika (24), in Designer-Kleidern, sitzt allein an einem Ecktisch, schlürft heiße Schokolade, isst Kuchen, raucht und lauscht fasziniert; Sie nickt immer wieder zu den Ausführungen. Der Wurm bemerkt sie nicht und reden vor sich hin.
“Auch, wenn ihr so absolut nichts wert seid, wenn niemand einen Scheißdreck darauf gibt, zu wissen, was ihr denkt oder wie ihr euch fühlt ...”
Er schaut eine recht üppige Frau an, Anni (32), die neben ihrer dünnen Freundin Klara (38) sitzt und peinlich berührt schnell ihr Weinglas hebt und eifrig nippt.
“... so habt ihr doch Gewicht.”
Tarika beobachtet neugierig, wie der Wurm Anni unverfroren anlächelt.
“Sie haben so zirka 80 Kilo, würde ich sagen?”
Anni errötet, und Klara schaut sie auffordernd an. Der Wurm gestikuliert auffordernd. “Warum so verlegen? Wir alle haben Augen. Was denken Sie denn, was wir sehen, wenn wir Sie anschauen? Twiggy?”
Anni hält die Luft an vor Empörung, und Klara’s Gesicht verfinstert sich. Der Wurm wendet sich ans Publikum; Tarika sucht seinen Blick, aber er scheint “zwischen die Leute” zu reden oder zu den Wänden.
“Nehmen wir an, die Dame wäre eine Maus. Eine 80 Kilo schwere Maus. Und man würde ihren Körper aufschneiden, und Gewichte einbauen, so wie ...” (zuckt die Schulter) “... Apotheker sie haben. Oder wie jeder sie hatte, früher, der etwas wiegen wollte. Oder in der Schule, im Physikunterricht. Die runden, schwarzen mit dem abgegriffenen kleinen Knopf zum Angreifen.”
Das Publikum macht Geräusche, dass man sich erinnere; Tarika schaut sich neugierig um. (Sie weiß nicht, was gemeint ist.) Der Wurm ereifert sich.
“Also man würde so vier Kilo in sie einfügen.” Er schaut anzüglich auf Anni’s Busen. “Oder hat man schon?”
Die Leute lachen, und Anni steht erbost auf, nimmt ihr Glas und geht aus dem Hinterzimmer; Klara muss ihr wohl oder übel folgen. Tarika kichert und nippt an ihrer heißen Schokolade. Die Leute tuscheln. Der Wurm gibt sich ungerührt.
“Also man hat das bei Mäusen gemacht: Man hat ihnen Gewichte eingebaut. Und die Mäuse haben so lange an Eigengewicht verloren, bis sie das Zusatzgewicht ausgeglichen und wieder ihr “Idealgewicht” hatten.”
Die Leute tuscheln weiter; Tarika lauscht interessiert.
“Ohne aber weniger zu fressen.” Der Wurm seufzt, schaut ins helle Licht über ihm und redet einfach weiter.
“Und später nahm man ihnen die Gewichte wieder heraus, und sie nahmen sofort an Gewicht zu, bis sie ihr Idealgewicht wieder hatten. Ohne mehr zu fressen.” Er kichert leise in sich hinein. “Was sagt uns das ...” (zwinkert) “... über Diäten und Fettabsaugung?”
Er schaut in den Raum, begegnet Tarika’s Blick flüchtig.
“Dass wir irgendwann ein fertiges Gewicht haben, weil wir dann so sind, wie der Teil der Erde, auf dem wir uns befinden, uns haben will. Wir sind so schwer, wie wir sein müssen, um mitzuhelfen, die Isostatik des Planeten zu bilden.”
Er schaut sich wieder um und mustert einige Leute konkret; Die meisten plaudern miteinander. Tarika ignoriert er.
“Natürlich alles basierend auf einem Leben, das von einem halbwegs intelligenten Geist geleitet wird. Der nichts krankhaft übertreibt. Der aufmerksam ist, wenn es angebracht ist. Der alles Tun so steuert, dass es fair, nutzvoll und gut ist.” Er kichert leise, als finde er seine eigenen Gedanken lachhaft, breitet die Arme aus und schließt die Augen.
“Wir haben Gewicht. Immer. Auch wenn wir glauben, wir wären ... Luft.” Er hält sein Gesicht in den Lampenschein, als hielte sei es die Sonne.
In der türkischen Backstube rezitiert Yalem weiter ...
“Dann höre ich Klänge ...”
“... die “wundervoll” sagen,
Und diese Schimäre
Ist kaum zu ertragen.”
Im Literatur-Café Styx berührt eine schlanke blasse Hand den Arm des Wurms, und er zuckt zusammen. Tarika steht vor ihm und lächelt ihn an, sagt “Wundervoll”.
Der Wurm zuckt zusammen, und ein “Wirklich?” entringt sich ihm. Tarika lächelt nur. Gäste lachen.
Yalem liest weiter vom Papier, oft im Sprechen stolpernd, mit starkem Akzent, während er sich an einem Backofen zu schaffen macht. Der Reporter steht reglos am Fenster.
“Die Brust fürchtet Häme,
Doch strahlt es ganz warm:
Ein teuflisches Wesen
berührt meinen Arm.”
Er schaut zum Reporter hin, zuckt die Schultern und grinst etwas verlegen. “Nix Sprache meine: Aber lustic.” Er liest weiter.
“Wundervoll” klingt es
erneut mir im Ohr.
Da ringt sich verlegen
ein “Wirklich?” hervor.” Yalem legt das Papier ab und öffnet einen Backofen. “Auch nicht normale Situation diese.” Er macht eine entschuldigende Situation zum Reporter hin, dass er jetzt arbeiten müsse. “Diese Mann, oft kommt, kaufen Brot. Nett freundlich immer.”
Durch einen ausgedehnten, gepflegten Garten mit vielen Blumenbeeten und Obstbäumen schlendert eine schlanke elegant in ein Kostüm gekleidete dunkelhaarige Frau, Nora (38) und spricht in einer Interview-Situation mit dem Reporter (dessen Identität völlig egal ist), Nora schwingt eine Gartenschere beim Sprechen. Sie geht barfuß und trägt eine Gärtnerschürze über ihrem eleganten Kostüm.
“Nein, verheiratet war er nie. Das wüsste ich. Auch keine richtigen Freundinnen.” (zuckt die Schultern) “Ich hab’ oft gedacht, dass er wahrscheinlich schwul ist ...” (verschwörerisch) “Heimlich, wissen Sie. Dass es ihn irgendwie ...” Sie macht die Geste des “Verrücktseins” an ihrer Schläfe. “... belastet hat. Wenn Sie wissen, was ich meine.”
Sie schnippt eine trockene Blume mit der Gartenschere ab.
In einer engen Toilettenkabine zieht sich der Wurm um und tauscht dabei seine abgetragene Männerkleidung gegen bunte, fließende Frauenkleidung und setzt sich einen Frauenhut auf.
Im Waschraum, wo er zunächst allein ist, legt er Lippenstift auf. Ein Mann, Georg (52) kommt herein und schaut den Wurm kopfschüttelnd erstaunt an.
“Und was wird’s, wenn’s fertig ist?”
Er dreht sich zum Pinkeln fort, zum Pissoir. Der Wurm schaut anzüglich auf Georg’s bestes Stück. “Und das?”
Georg ringt entrüstet nach Worten, während der Wurm seinen Rucksack schultert und die Toilette verlässt; Georg murmelt “Perverser” hinter ihm her.
Im weitläufigen, traditionell Wiener Restaurant Bruckner spricht die kleine beleibte, blonde Wirtin Lisa (66) in einer Interview-Situation mit dem völlig unwichtigen Reporter, hinter einer Theke Gläser polierend.
“So richtig im Kopf ist er mir nicht vorgekommen. Einmal hat er gesagt, er wird schreibend sterben. Oder war es “speibend”? (schüttelt sich) “Da fragt man sich doch ... oder?”
(Es ist zehn Jahre später. Spätherbst in Wien, Österreich.
Der “Wurm” ist nun etwa 40 Jahre alt, aber bis auf ein stärker furchiges Gesicht sieht er immer noch gleich aus und ist schlank, trägt alte Jeans, Stiefel, Strickhaube über kinnlangem Haar, schwarzes Hemd und einen dicken, langen Mantel, schultert einen Rucksack. Nun nennt er sich “Meskal”.)
Meskal marschiert hastig den Uferweg am Donaukanal entlang, seine Arme verschränkt, den dicken Mantel eng um sich ziehend; Er murmelt vor sich hin, während er dahin eilt.
“Wozu Enkelkinder, ha? Damit du ihnen vorjammern kannst Ach, da kenne ich mich doch nicht aus, Ach, das ist doch viel zu modern für mich? Aber trotzdem sollen sie dich für weise halten und alles tun, was du sagst, in dieser Zeit, die ja viel zu modern ist für dich? Obwohl du sie geschaffen hast?”
Er schnaubt laut und schaut sich erbost um, als suche er ein Publikum für seinen Ausbruch.
Ein Radfahrer radelt knapp an ihm vorbei. Meskal schreit ihm nach.
“Alte Leute benehmen sich wie Idioten! Warum? Weil’s einfacher so ist? Und warum fährst du mich nicht gleich über den Haufen, Arschloch? Hast du zu wenig Platz auf der Welt? Willst du meinen auch noch!? Komm her und hol ihn dir, du ignoranter Trottel!”
Der Radfahrer ignoriert ihn, und er eilt weiter, sein Gesicht angespannt und nachdenklich.
(Vor zehn Jahren, im Restaurant Bruckner ...)
Der Wurm sitzt in Frauenkleidung an einem Tisch, trinkt Kaffee, schreibt eilig und raucht. Wirtin Lisa poliert Gläser hinter der Theke und schaut missmutig herüber.
Eine zierliche blonde Frau, Clementa (25) kommt ins Lokal, schaut sich um. Sie sieht den Wurm, und gerade als er sich zu ihr umdreht, sie erkennt und winken will, wendet sie sich ab und geht kopfschüttelnd wieder hinaus. (Seine Frauenaufmachung gefällt ihr nicht.)
Meskal raucht und schreibt ungerührt weiter. Im Hintergrund poliert Lisa heftiger Gläser, seufzt genervt.
(Zehn Jahre später ...)
In einem Büro sitzt eine schüchtern wirkende dicke Frau, Silla (34) hinter ihrem Schreibtisch und spricht in einer Interview-Situation mit dem Reporter, der niemanden interessiert.
“Es ist ein Klischee, dass Kaffeehaus-Literaten auch in Kaffeehäusern schreiben müssen. Manche finden dort Inspiration, angeblich. Aber es geht ja auch ums Thema, denke ich.” (nachdenklich) “Der Wurm ... oder später jetzt nennt er sich ja Meskal, hat einfach das Gefühl gebraucht, dass er ...” (schaut bewusst sinnend) “... als Künstler existiert. Er hat sich aufgeladen! Wenn er sich einmal gezeigt hat. Gedopt mit Existenz, wie er es genannt hat. Dann ist er wieder verschwunden. Oft für lange Zeit.”
Sie wendet sich dem Computer-Bildschirm zu, als würde sie dort jemanden sehen. Dann dreht sie sich plötzlich zum Reporter.
“Ich war wie eine Schwester für ihn. Seine richtige Schwester ist ja ausgewandert ... Sie wissen? Ja. Schon früh. Kaum aus der Schule. Seine Mutter, die Paula, wollte dann immer, dass er das Geschäft mit ihr führt.” (schnaubt) “Also, wie sie auf diese Idee gekommen ist!”
Wirtin Lisa lehnt sich über die Theke, zum Reporter hin und schüttelt wieder nachdenklich den Kopf.
“Niemand hat es lange in seiner Nähe ausgehalten. Oder war es umgekehrt? Außer das Fräulein Clementa, aber sie war nicht seine richtige Freundin, glaub’ ich. Eher so eine gute Freundin, die immer versucht hat, ihn zur Vernunft zu bringen. Gefragt hab’ ich ja nie. Werd’ mich doch nicht einmischen! Solange er ein zahlender Gast war, ist’s mich auch nichts angegangen. Man kann jemanden ja nicht Lokalverbot geben, nur weil er sich ... verkleidet. Obwohl es schon oft sehr unangenehm war.”
Im Stadtpark sitzt ein dicker Mann, Benno (42) auf einer Bank und spricht zum namenlosen Reporter, der in der Nähe steht. Benno pafft eine Pfeife.
“Ja, er hat sich schon als Bub öfter verkleidet. Wahrscheinlich, um seine Mutter zu ärgern. Wir haben ihn deswegen manchmal verdroschen in der Schule. Ich meine, so war das halt. Er hat’s nicht anders haben wollen. Dafür hat er dann Gedichte geschrieben über uns, und ...” (lacht) “... er hat Geheimnisse ausgeplaudert. Ja. Das hat er. Weiß der Teufel woher er soviel über uns gewusst hat. Dass wir Automaten aufgebrochen haben und in der Kirche onaniert. Er war ja nie dabei! Aber er hat’s gewusst!” (schnaubt) “Da haben wir ihn halt verdroschen.”
Er schaut in den Park hinein, weist zu einer Baumgruppe.
“Eh dort drüben. Er war so arrogant, irgendwie. Schon als Kind. Und als er dann angefangen hat, sich der Wurm zu nennen, war das auch großkotzig, irgendwie.”
Er schaut direkt zum Reporter hin. “Sie kennen ihn ja nicht, oder?”
Der Reporter schüttelt den Kopf. Benno nickt, versonnen. “Aber wissen Sie, was ich meine? Sich so klein machen ... und sich gerade deshalb irgendwie aufwerten, weil man ja ach-so-obergescheit ist!”
Er beugt sich vor und raucht weiter. “Einmal hat er’s mir erklärt. Lassen Sie mich nachdenken. Ist nicht so einfach ...” (kichert) “... bin ja schließlich kein Poet!” (seufzt) “Er war immer gut in der Schule, das schon ... (hebt den Zeigefinger) “Ha! Jetzt weiß ich’s wieder: So “grauslich wie ein Wurm”, hat er gesagt, nein ... so “unheimlich”, so “stolz” wie ein Wurm ...”
In einem Literatur-Café trägt Meskal (40) einen Text einem spärlichen Publikum vor; Sozialarbeiter Martl (26, rotwangig, blond, in Jeans und Sakko) sitzt im Hintergrund vor einem Bier und lauscht andächtig. Meskal schaukelt auf einem Stuhl, bitter grinsend.
“... so heimlich”, so “einsam”, “im Dunkeln”, “verachtet”, “kriechend”, so, wie ihr es euch gefällt ...” (hebt den Zeigefinger) “... aber nicht “kriecherisch” ...
Benno schnaubt zum Reporter hin.
“Kriecherisch hat er gesagt, will er sein und schleimig” ...
Im Literatur-Café fährt Meskal fort.
“... niemals schleimig, denn das sind Würmer nicht, wir sind keine Schleimer, aber “eindringlich” ...
Benno: “... aufdringlich ...”
Meskal: “... nützlich ...”
Benno: “... überall im Weg und zerstörerisch.”
Meskal macht Gesten des “Walzens”: “... so walzenförmig, dass man nirgends aneckt.” (lacht) “Aber die Ecken rennen einem nach, und sie sind scharf und tun absichtlich weh.”
Benno: “Für unzerstörbar hat er sich gehalten, ts, ts.” Er macht die Geste des “Einen-Vogel-Habens” vielsagend zum Reporter hin.
In Clementas kleiner Wohnung sitzt der Reporter seiner Gastgeberin am Fenster gegenüber, denn Clementa schaut gerne bei Reden hinaus.
“... so verletzlich ist ein Wurm, so diskret, und vielleicht deshalb so regenerativ. Weil er sich unbemerkt zurückziehen und heilen kann. Vielleicht ist er dadurch sicherer als alle anderen, die sich ins Licht stellen. Auf Facebook, Twitter. Oder einfach nur im Freundeskreis. Meistens Leute, die etwas zum Tratschen brauchen. Aber wenn’s drauf ankommt ...” (schnippt mit den Finger) “... sorry, keine Zeit! Und Interesse? Sowieso nur am Tratschen.”
Benno lehnt sich mit verschränken Armen auf der Parkbank zurück.
“Ich hab’ immer gedacht, er wird sich zu Tode saufen. Das tun diese Schreiberlinge doch alle. Und was da rauskommt, diese Weisheit, ist doch immer nur Suff-Wahn.”
Meskal und Clementa haben Sex in Clementas Bett.
Während Meskal auf ihr liegt und schweigend in sie hinein stößt, greift Clementa nach einen Glas Whiskey, das auf dem Nachttisch steht und trinkt einen Schluck; Meskal ignoriert es. Er hat einen Orgasmus, und Clementa schaut ihm dabei zu, interessiert und etwas nachdenklich. Sie hält ihn umarmt und streichelt seinen Rücken. Er scheint es gar nicht zu merken und springt nach dem Akt sofort auf, ohne sich abzuwischen oder darum zu kümmern, was Clementa macht.
Er zündet sich eine Zigarette an und tritt nackt ans Fenster, während Clementa im Bett bleibt und ihn weiterhin beobachtet; Sie seufzt, gut gelaunt und trinkt das Glas leer.
“Fast wäre ich gekommen. Als Frau wärst du Isabel Huppert. Die würde es machen wie du. Scheinbar so achtlos tritt sie ans Fenster, befriedigt, rauchend, natürlich, und in die ...”
“Hör auf.”
“Warum schreibst du nicht über - ...”
Meskal dreht sich heftig zu Clementa um und fährt sie an. “Hat sich etwas geändert in deinem Universum, das ich wissen sollte?”
Clementa liegt ihm Bett und antwortet ungerührt. “Wie denn? Du bist ja allwissend!”
Sie steht auf, geht nackt zu ihm hin und umarmt ihn; Er hebt die Arme, damit er sie nicht berühren muss. Sie schmiegt sich an ihn.
“Ich mag dich gar nicht wirklich. Und ich sag’ schon nichts mehr. Ich weiß ja, dass du nur deine eigenen Gedanken erträgst.”
Der Wurm raucht, verkrampft dastehend, aus dem Fenster starrend und scheint ihr gar nicht zuzuhören.
“Du bist ein wandelndes Klischee, Meskal. Jemand sollte einen Film über dich machen.”
“Ich bin konsequent, sonst nichts.”
Clementa nimmt ihm die Zigarette aus dem Mund und nimmt selber einen Zug. Zum ersten Mal schaut Meskal ihr in die Augen. “Ich hasse Analytiker.”
“Selbsthass ist der Samen allen Legendenstoffes.”
“Du Klugscheißerin.”
“Wie politisch korrekt!” Clementa tätschelt sein Hinterteil, und Meskal dreht sich, um sich aus ihrer Umarmung zu winden, aber sie lässt freiwillig los.
“Ich bin nicht politisch korrekt.” Meskal schüttelt genervt den Kopf und langt nach seiner Zigarette; Clementa steckt sie sich in den Mund und pafft.
Meskal zuckt die Schultern und wendet sich ab – dreht sich aber ruckartig wieder zu Clementa herum und zieht ihr den Zigarettenstummel aus dem Mund, raucht ihn fertig.
Clementa streckt sich und “schnurrt”, kehrt zum Bett zurück und wirft sich hinein. “Willst du noch einmal?
Meskal zuckt die Schultern, öffnet das Fenster, sodass kalte Luft hereinströmt und wirft den Zigarettenstummel hinaus.
“Ein Hund könnte jetzt dort unten Feuer fangen.”
Meskal ignoriert ihre Bemerkung, schaut in die Ferne. Clementa drängt sich vor ihn ans offene Fenster, lehnt sich bäuchlings gegen das Fensterbrett, fröstelnd und zieht ihn hinter sich.
“Aber ich will. Was du mir vorhin von dieser Pflanze erzählt hast ...”
Meskal wendet sich ärgerlich von ihr ab.
“Nicht! Deine Gedanken stören jetzt.”
Clementa greift nach ihm und zieht ihn wieder zu sich, räkelt sich.
“Schon gut! Ich versau’ dir deine Biografie schon nicht.” (seufzt) “Und du überlebst mich sicher. Also, keine Sorge. Komm jetzt.”
Er fasst sie an den Hüften und bekommt eine neue Erektion. Clementa stöhnt wollüstig bei seiner Berührung. Meskal dringt in sie ein.
“Wieso überlebe ich dich? Du bist die systemhörige fette Geschäftsführerin.”
Er beginnt sich in ihr zu bewegen und eine Hand klatscht auf ihr Hinterteil. Clementa stöhnt auf, und sie haben schnellen und unromantischen Sex am Fenster, ohne noch ein Wort zu sagen.
Danach nimmt Meskal seine Sachen, schlüpft in seine Schuhe und geht nackt aus der Wohnung.
Clementa löst sich vom Fenster, zitternd von abebbender Lust und betastet ihren Bauch, ihre Hüften, Schenkel und ihr Hinterteil, während Meskals Samen die Innenseiten ihrer Schenkel hinab rinnt. Sie schließt das Fenster, murmelnd: “Von wegen fett ...”
In einem Verlagsbüro spricht eine streng wirkende Frau, KARIN (48, Journalistin) mit dem Reporter, an ihrem Schreibtisch sitzend, während der Reporter am Fenster lehnt und Notizen macht. Karin formuliert vorsichtig: “Na, eine Wüstenpflanze heißt so. Aus der Tequila gemacht wird. Aber er war nie in einer Wüste. Sicher nicht. Jedenfalls in keiner richtigen. Und im Tequila ist oft eine Raupe. Als gar kein richtiger Wurm.”
Meskal ist dabei, sein Wohnhaus zu verlassen und öffnet die Haustür - als zwei junge Burschen (um die sechzehn Jahre) gerade von außen herankommen; Sie versuchen sich rechts und links grob an Meskal vorbei zu drängen, ignorierend, dass er schon in der Tür steht und eigentlich zuerst heraus treten sollte.
