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Seit der Antike bilden die Routen, die heute unter dem Begriff der Seidenstraße zusammengefasst werden, ein weitverzweigtes Verkehrsnetz, dessen Hauptstrang von Ostasien bis zum Mittelmeer reicht. Der Autor verfolgt dessen Spuren bis in die Gegenwart und rekonstruiert die vielfältigen Facetten eines Erbes, zu dem viele Völker und Kulturen beigetragen haben.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Thomas O. Höllmann
DIE SEIDENSTRASSE
C.H.Beck
Cover
Inhalt
Textbeginn
Titel
Inhalt
Karte: Wichtige Routen der Seidenstraße
Vorwort
1. Landschaften und Routen
Natürliche Barrieren
Transportkapazitäten
Versorgung in der Fremde
Die Hauptrouten
Der Seeweg
2. Fromme Mönche und fremde Teufel
Buddhistische Pilger
Sendboten der Christenheit
Muslimische Reisende
Abenteurer und Forscher
3. Sprache und Identität
Antike Zeugnisse
Sprachbarrieren
Übersetzer und Dolmetscher
Vorurteile und Stereotypen
Selbstzuordnung und Fremdwahrnehmung
4. Staaten und Konföderationen
Der Sohn des Himmels
Das Abbild Gottes
Der Befehlshaber der Gläubigen
Der Weltenherrscher
Zwischen Autonomie und Despotie
5. Handel und Tribut
Die Kaufleute
Chinesische Luxusgüter
Exotisches für das Reich der Mitte
Zahlungsmittel
Der Tribut
6. Pilger und Propheten
Der Buddhismus
Zoroastrismus und Manichäismus
Judentum und Christentum
Der Islam
7. Kunst und Erfindergeist
Monumente des Glaubens
Künstlerische Ausdrucksmittel
Minarette und Miniaturen
Papier und Drucktechnik
Wissenstransfer
Visionen und Transformationen: Eine Schlussbemerkung zur aktuellen Lage
Weiterführende Literatur
Register
Zeittafel
Zum Buch
Vita
Impressum
Im Jahre 414 n. Chr. kehrte der chinesische Mönch Faxian von einer langen Reise zurück, die ihn zu den heiligen Stätten des Buddhismus in Indien geführt hatte. Abgesehen von seinen spirituellen Erfahrungen hatte er dabei auch von allerlei Abenteuern zu berichten, darunter den Herausforderungen in der Taklamakan: «Man sieht weder einen Vogel in der Luft noch irgendein Tier auf der Erde. Wenn man angestrengt nach allen Richtungen Ausschau hält, um den Weg für die Durchquerung zu finden, sucht man vergeblich; die einzigen Wegzeiger sind die ausgedörrten Knochen der Toten.» Wer in Antike und Mittelalter auf der Seidenstraße reiste, hatte also nicht zuletzt über eine Fähigkeit zu verfügen, um ans Ziel zu gelangen: die richtige Einschätzung – gegebenenfalls aber auch Missachtung – von Risiken. Allzu leicht konnte man in den verschneiten Bergen, unwirtlichen Wüsten oder endlosen Meeren die Orientierung verlieren, und oft genug endete das Unterfangen tödlich.
Der Autor, der vom sicheren Schreibtisch aus über Sandstürme und Kälteeinbrüche räsoniert, geht freilich in mancher Hinsicht auch ein Wagnis ein. Denn das Vorhaben, auf wenig mehr als hundert Seiten die über zweitausendjährige Geschichte des einst umfassendsten Verkehrsnetzes der Erde zusammenzufassen, bedingt die rigorose Konzentration auf einige Grundzüge: mit der Folge, dass in anderen Bereichen massive Verkürzungen und Vereinfachungen erfolgen müssen. Viele Themenkomplexe können daher nur exemplarisch, andere gar nicht behandelt werden.
Es kommt hinzu, dass der Verfasser – anders als einst die Karawanenführer, die ihren Tross im Allgemeinen nur durch bekanntes Terrain geleiteten – auch Gebiete erschließen muss, mit denen er weniger vertraut ist als mit seinen Stammlanden. Und die liegen in diesem Fall in China. Daraus resultiert zum einen eine gewisse regionale Schwerpunktsetzung, zum anderen aber auch die Wahl einer Perspektive, die die Seidenstraße verstärkt von Osten aus wahrnimmt. Demnach wäre zwar eine stärkere Einbeziehung von Korea und Japan wünschenswert gewesen, doch wurde darauf ebenso verzichtet wie auf die ausführliche Behandlung jener Länder, die – von Asien her betrachtet – jenseits des Mittelmeers liegen.
Zum riesigen Routengeflecht, das unter dem Begriff Seidenstraße firmiert, zählen nicht nur die landgestützten Trassen, sondern auch die Seewege. Letztere wurden zur Wahrung der historischen Zusammenhänge nicht aus der Betrachtung ausgeblendet, aus praktischen Erwägungen heraus aber bis zu einem gewissen Grad nachgeordnet. Ohnehin konnte sich die Argumentation nicht immer mit der gebotenen Striktheit an den räumlichen Bindungen und der chronologischen Abfolge der Ereignisse orientieren; denn nur durch eine gewisse «Sprunghaftigkeit» konnte es – beim vorgegebenen Umfang des Buches – gelingen, den einen oder anderen Gedanken zumindest ansatzweise zu Ende zu führen.
Kompromisse mussten auch bei der Gestaltung des Textes eingegangen werden. Die Umschrift einheimischer Termini richtet sich im Allgemeinen nach dem Duden (also etwa Hadsch für die muslimische Pilgerfahrt) und gibt ansonsten der Lesbarkeit den Vorzug vor wissenschaftlicher Korrektheit (z.B. Kocho und nicht Qočo). Diakritika entfallen grundsätzlich, und für chinesische Begriffe gelten mit wenigen, am Duden orientierten Ausnahmen (insbesondere Peking) durchweg die Regelungen des Pinyin-Systems (wie im Falle von Xinjiang). Schließlich wurde auch bei der Übersetzung von Zitaten auf die Verständlichkeit der Formulierungen geachtet und gegebenenfalls eine Straffung oder Glättung vorgenommen. Der historische Rahmen soll durch eine synchronoptische Zeittafel am Ende des Bandes vermittelt werden.
Für die 5. Auflage wurden – neben kleineren Modifikationen – vor allem das Schlusskapitel und das Literaturverzeichnis aktualisiert.
Erscheinungsbild, Flora und Fauna der Regionen, die von der Seidenstraße durchzogen werden, sind ausgesprochen abwechslungsreich und vielgestaltig. Vor allem aber erschweren schroffe, eisbedeckte Berge und scheinbar endlose Wüsten das Fortkommen. Zonen, die von sengender Hitze und von klirrender Kälte geprägt sind, wechseln miteinander ab.
Einige der Bergketten, an denen sich der Routenverlauf zu orientieren hatte, müssen einst nahezu unüberwindbar erschienen sein. Steil aufragende Wände, zerklüftete Hänge, riesige Geröllfelder und ewige Gletscher bilden zweifellos Barrieren, die dem Menschen noch heute Respekt einflößen. Immerhin erreichen nicht wenige unter den Gipfeln von Karakorum, Kunlun, Hindukusch, Tianshan und Pamir eine Höhe von mehr als 7000 m. Zum nordwestlich an den Himalaya anschließenden Karakorum zählt gar neben drei weiteren Achttausendern der K2, das zweithöchste Massiv der Erde.
Zwar verlaufen die Routen im Allgemeinen deutlich unterhalb der Gipfelzonen, doch stellt die Überquerung der Gebirgszüge gleichwohl gewaltige Anforderungen an körperliche Kondition, Psyche und Planung; denn ehrfurchtgebietende Höhen erreichen auch die über weite Teile des Jahres eis- und schneebedeckten Pässe: darunter der Karakorum (5575 m, im gleichnamigen Gebirge), der Khunjerab (4733 m, ebendort) und der Torugart (3752 m, im Tianshan).
Tab. 1: Hochgebirge im Bereich der Seidenstraße (Auswahl).
Lokalisierung
höchste Erhebung
Karakorum
Pakistan
Indien
China
K2 (8611 m)
Kunlun
China
Kongur (7719 m)
Hindukusch
Pakistan
Afghanistan
Tirich Mir (7690 m)
Pamir
Tadschikistan
Kirgistan
Pik Samani (7495 m)
Tianshan
China
Kirgistan
Pik Pobeda (7439 m)
Kaukasus
Russland
Georgien
Armenien
Aserbaidschan
Elbrus (5642 m)
Zagros
Iran Zardeh
Kuh (4548 m)
Altai
Russland
Kasachstan
Mongolei
China
Belucha (4506 m)
Ähnlich unwegsam wie die Bergregionen waren – und sind bis heute – jene Gebiete, in denen (klimatisch bedingte) Dürre und (nicht zuletzt durch menschliche Eingriffe verursachte) Desertifikation zu einer dramatischen Verknappung des Wasserhaushalts und einer dauerhaften Schädigung der Vegetationsdecke führen. Viele Plateaus, Becken und Senken weisen einen ariden oder semiariden Charakter auf und sind Bestandteile eines Trockengürtels, der von Nordafrika bis nach Ostasien reicht; hierzu zählt mit der Gobi auch die zweitgrößte Wüste der Erde.
Die Taklamakan bildet das Zentrum des im Norden, Westen und Süden von Hochgebirgen eingerahmten Tarim-Beckens und ist die zweitgrößte Sandwüste der Erde. Etwa 85 Prozent der Gesamtfläche besteht aus Wanderdünen, die eine Höhe von mehr als 200 Metern erreichen können und die Weite der Landschaft plastisch gliedern. Die jährliche Niederschlagsmenge liegt teilweise unter 50 mm und reicht ohne anderweitige Wasserzufuhr nicht aus, um eine landwirtschaftliche Nutzung zu ermöglichen. Die zahlreichen Flüsse, die sich aus dem Schmelzwasser der umliegenden Bergregionen speisen, versiegen meist relativ rasch, nachdem sie die Ebene erreicht haben. Die Verdunstungs- und Versickerungsraten sind einfach zu hoch bei Temperaturen, die im Sommer oftmals über 60 Grad liegen. Vor allem in der Zeit von Mai bis August treten auch die gefürchteten Sand- und Staubstürme auf, die, bevorzugt am Nachmittag, eine Geschwindigkeit von mehr als 20m/s erreichen können und das Leben von Mensch und Tier bedrohen.
Tab. 2: Trockengebiete im Bereich der Seidenstraße (Auswahl).
Lokalisierung
Typ (primär)
Fläche (ca.)
Gobi
China
Mongolei
Steinwüste
Salzwüste
Steppe
2.000.000 qkm
Taklamakan
China
Sandwüste
340.000 qkm
Karakum
Turkmenistan
Sandwüste
330.000 qkm
Kizilkum
Kasachstan
Usbekistan
Turkmenistan
Sandwüste
300.000 qkm
Syrische Wüste
Syrien
Irak
Jordanien
Saudi-Arabien
Steppe
Steinwüste
260.000 qkm
Kavir und Lut
Iran
Salzwüste
Sandwüste
Steinwüste
235.000 qkm
(zusammen)
Der Sand, den der Wind in der Taklamakan über weite Entfernungen transportiert, ist je nach Region gelb, grau oder bräunlich. In der Karakum und in der Kizilkum weist er hingegen auch eine schwarze bzw. rote Färbung auf, ein Umstand, auf den die Namensgebung der beiden Wüsten (türk. kara «schwarz»; kizil «rot»; kum «Sand») zurückzuführen ist. Die Karakum liegt übrigens bis zu 81 m unter dem Meeresspiegel; ihren tiefsten Punkt erreicht die Seidenstraße allerdings in der Turfansenke, die (mit 154 m u.M.) die zweittiefste Depression der Erde bildet.
Abb. 1: Wegmarkierung aus Tierknochen in der Gobi (Aufnahme aus dem Jahr 1934).
Sind die Sommer in den Trockengebieten im Allgemeinen von sengender Hitze geprägt, so zeichnen sich die Winter durch strengen Frost aus. In der Gobi reichen die Temperaturen bis 35 Grad, in der Karakum gar bis 40 Grad unter dem Gefrierpunkt. Die Unbilden, welche die häufig bereits im September einsetzenden Kältewellen mit sich bringen können, schildert das im 8. Jahrhundert von Cen Can verfasste «Lied vom Schnee». Sehr anschaulich sind darin die (im Folgenden auszugsweise wiedergegebenen) Eindrücke geschildert, die der chinesische Beamte während seiner Tätigkeit in den Garnisonsstädten am Nordrand des Tarim-Beckens sammelte:
Wenn der Nordwind den Boden durchfurcht,
ducken sich die Steppengräser.
Sobald der Herbst anbricht,
treibt Schnee durch das Barbarenland.
Die Wärme, die der Fuchspelz spendet, reicht nicht mehr,
und reichlich dünn ist nun die Decke aus Brokat.
Tief in den Grund gefriert die Wüste,
die Wolken formen mächtige Barrieren.
Dicht wirbeln Flocken durch die Dämmerung,
Schnee weht an die Tore.
Dem Zerren des Sturms widerstehen
die roten Banner – steifgefroren.
Neben Schneeverwehungen, Lawinen, Sandstürmen und Muren stellen auch Erdbeben eine massive Bedrohung für Leib und Leben dar. Über weite Strecken verläuft die Seidenstraße nämlich in jenen Teilen Asiens, in denen die durch Bewegungen an den Plattengrenzen regelmäßig ausgelösten Erschütterungen besonders folgenreich sind. So erreichten in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts zwei Erdbeben in Chinas Nordwestprovinzen Qinghai und Gansu eine Stärke von 8,3 bzw. 8,6 auf der Richterskala und forderten insgesamt mehr als 400.000 Tote. Jeweils in die Zehntausende ging im Lauf der Geschichte die Zahl der Opfer bei entsprechenden Katastrophen in Turkmenistan, Iran (zuletzt 2003 mit dem Epizentrum in der alten Handelsstadt Bam), Syrien und der Türkei.
Großzügig angelegte Straßen gehörten im kaiserzeitlichen China – und ansatzweise schon zuvor – zu den bestimmenden Faktoren der Stadt. Allerdings endeten die Boulevards meist wenige Kilometer außerhalb und nahmen relativ rasch den Charakter holpriger Wege an. Entsprechend mühsam war das Fortkommen auf Karren und Wagen. Terrain und Logistik ließen indes im Nordwesten des Reichs auch nicht die Errichtung durchgehender, für eine Benutzung durch schwere Fuhrwerke geeigneter Straßen zu. Das bedeutet nicht, dass man große Bauvorhaben grundsätzlich scheute. Gerade in den Gebirgen gab es unter beträchtlichem Aufwand errichtete Wege, von denen manche Abschnitte gar als Galerien in den Fels gehauen oder mit Hilfe von Stelzenkonstruktionen und Ketten fixiert waren. Dadurch ergaben sich jedoch zahllose Engstellen, die für größere Wagen und Gespanne unpassierbar waren.
In anderen Gebieten, insbesondere in Steppe und Wüste, wurde hingegen oftmals auf jegliche Befestigung verzichtet, und die Streckenführung war nur für kundige Führer erkennbar. Weniger erfahrene Reisende konnten sich dann – um eine Formulierung des zu Beginn des 5. Jahrhunderts die Taklamakan durchquerenden Mönchs Faxian zu übernehmen – bestenfalls noch «an den eingetrockneten Gebeinen der Toten als Wegmarkierung» orientieren. Geschotterte Straßen, die nicht nur von lokaler Bedeutung waren, lassen sich wohl erst wieder für jene Regionen zwischen Kaspischem Meer, Persischem Golf und Mittelmeer ausmachen, die einst in das vorbildliche Verkehrsnetz des römischen Imperiums einbezogen waren.
Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein war das Kamel das dominierende Lasttier der Seidenstraße. Im Westen verwendete man das einhöckrige Dromedar, im Osten hingegen das zweihöckrige Trampeltier. Nur Letzteres kommt nämlich mit den extrem niedrigen Temperaturen zurecht, die über viele Monate hinweg die Bergregionen jenseits des Syrdarya heimsuchen. Gleichzeitig ist es aber auch hervorragend für den Einsatz in der Wüste geeignet; denn Schwielensohlen mit Polstern zwischen den Zehen verhindern ein Einsinken in den Dünen, während lange Augenbrauen und verschließbare Nüstern vor den Unbilden der Sandstürme schützen.
Im Hinblick auf die Ernährung ist das wuchtige Tier genügsam. Im Allgemeinen reichen harte Gräser und Zweige, und die Höcker sind hervorragende Energiespeicher. Vor allem aufgrund seiner Fähigkeit, die Körpertemperatur den Außenbedingungen anzupassen, verbraucht es vergleichsweise wenig Wasser, kann aber nach längerer Enthaltsamkeit innerhalb weniger Minuten mehr als 100 Liter trinken, um den Verlust wieder auszugleichen. Bei einer Last von etwa 250 kg und einer täglichen Wegstrecke von rund 30 km kommt das Trampeltier selbst während der Hitzeperioden bis zu zwei Wochen ohne Tränken aus.
