Die Spionin im Kurbad - Andrea Schacht - E-Book

Die Spionin im Kurbad E-Book

Andrea Schacht

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Beschreibung

Ein spannender, historischer Katzenkrimi, der Freunde der Samtpfoten begeistern wird.

Sehr, sehr vorsichtig nähert sich Sina, die Streunerkatze, der schlafenden Dame im Garten einer Kurpension in Bad Ems. Sina stibitzt ein Stück Wurst – und die junge Frau, Altea, lässt sie gewähren: Der Grundstein für eine tiefe Freundschaft ist gelegt, die jedoch bald zu enden droht. Denn in dem altehrwürdigen Kurbad treibt ein heimtückischer Giftmörder sein Unwesen. Erst ein Katzenkind. Dann ein Kurgast – in der Badewanne! Doch auf leisen Pfoten kann Sina sich das eine oder andere Geheimnis erschleichen – und ihre feine Spürnase täuscht sie nicht!

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Seitenzahl: 414

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Buch

Bad Ems, 1872. Sina, eine schwarz-weiße Streunerkatze, hat alle Pfoten voll zu tun, ihren Wurf von vier Katzenkindern durchzubringen. Sie kränkelt, ist schwach und weiß sich nicht mehr anders zu helfen, als gegen ihre Angewohnheit die Gärten der Menschen aufzusuchen, um dort nach Nahrung zu stöbern. Im Garten eines Gästehauses trifft sie auf die dösende Altea. Neben der jungen Dame liegt ein belegtes Brötchen – Sina glaubt schon, die Gunst der Stunde nutzen zu können, als die Frau die Augen aufschlägt. Doch wider Erwarten lässt diese den Diebstahl geschehen, und Sina kann mit dem Braten türmen. Sie fasst ein vorsichtiges Vertrauen zu der Dame, die an einem Stock humpelt.

Auch mit dem behäbigen grauen Kater Bouchon, der sich immer wieder verläuft und nicht zu seinem Menschen zurückfindet, schließt sie peu à peu Freundschaft. Seinem Neffen jedoch – dem steifen Offizier Vincent – begegnet sie mit Misstrauen. Er scheint etwas zu verbergen, und seltsamerweise beobachtet er Altea heimlich.

Eigentlich sollten Sina diese menschlichen Verstrickungen gleichgültig sein, doch dann findet sie im Badekabinett einen Toten in einer der Badewannen … Ihre kätzische Neugier ist geweckt.

Autorin

Andrea Schacht war lange Jahre als Wirtschaftsingenieurin und Unternehmensberaterin tätig, hat dann jedoch ihren seit Jugendtagen gehegten Traum verwirklicht, Schriftstellerin zu werden. Ihre historischen Romane um die scharfzüngige Kölner Begine Almut Bossart gewannen auf Anhieb die Herzen von Lesern und Buchhändlern. Mit Die elfte Jungfrau kletterte Andrea Schacht erstmals auf die SPIEGEL-Bestsellerliste, die sie seither mit schöner Regelmäßigkeit immer neu erobert. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Katzen in der Nähe von Bonn.

Andrea Schacht

Die Spionin im Kurbad

Roman

1. Auflage

Taschenbuchausgabe Juni 2013 bei Blanvalet,

einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München.

© 2012 by Blanvalet Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Dr. Rainer Schöttle

Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel/punchdesign, unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com

lf ∙ Herstellung: sam

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-09489-8

www.blanvalet.de

Dramatis Personae

Sina– derzeit eine ziemlich heruntergekommene, abgemagerte und struppig schwarz-weiße »Kuh-Katze«, die Menschen für leicht zu beklauende Opfer hält.

Bouchon (eigentlich Erasmus)– ein behäbiger, phlegmatischer Kartäuser, jedoch gelehrig und neugierig, wie sein Mensch. Manchmal abenteuerlustig und ein bisschen tollpatschig.

Dr.Dorotheus Natalis, Freiherr von Poncet– ein kranker Gelehrter, der sich Heilung von seinen Gallensteinen erhofft.

Vincent von Poncet– sein Neffe, ein knurriger preußischer Offizier, der vorgibt, krank zu sein, um einem Verräter auf die Spur zu kommen.

Altea von Lilienstern– im Krieg Krankenschwester gewesen und hat ihren Verlobten, den Arzt Levin Rothmaler, verloren. Sie begleitet ihre Mutter zur Kur.

Hermine von Lilienstern– eine verarmte Gräfin, hypochondrisch, vorwiegend auf der Suche nach einem Gatten für ihre Tochter.

Egmont Tigerstroem– ein Photograph mit Ambitionen und einem tiefblickenden Auge.

Rudolf Oppen– Tigerstroems Freund, einst Kriegsberichterstatter, jetzt leidend.

Hermann Runkel– der Kurkommissar, ein unfähiger Trottel.

Bette Schönemann– ein Malermodell für Heiligenbilder, das von den verklärten Darstellungen ihrer selbst dazu verleitet wird, sich zu überschätzen.

Olga Petuchowa– eine heisere Opernsängerin, die weder Katzen noch die Oper liebt.

Louis Fortunat de Bisconti– ein Heiratsschwindler, Fernglasvertreter und Verräter, kommt recht frühzeitig zu Tode.

General Rothmaler, Alteas Fast-Stiefvater, ein rauer Knochen, doch verständig.

Wenzel Goertz– ein Zeitungsredakteur, der den Mund hält.

Lord Jamie Fitzmichael– verschrobener Junglord auf Kavalierstour.

Chevalier de Mort– ein einäugiger Spieler im weißen Anzug.

Ein Badearzt, der nur mit Wasser kocht.

Ein Kaiser, ein Zar und ein Fabrikant.

Bad Ems im Sommer 1872

Diebstahl

Ich streckte vorsichtig meine Nase durch die Hecke. Alles ruhig hier in diesem Garten. Weit ruhiger als in dem Haus nebenan. Und meine vorsichtige Nase traf ein feiner, zarter Hauch von Futter. Was meinen Magen sofort zum Zwicken brachte.

Er war sehr, sehr leer.

Trotzdem– Gier war schädlich und Vorsicht immer geboten, wenn man in ein fremdes Revier trat. Menschenrevier in diesem Fall.

Ich schnüffelte.

Futter, fettes Futter.

Es war ein Risiko wert.

Leise kroch ich unter dem schützenden Laub hervor, um einen größeren Überblick zu erhalten. Da– auf einem langen Stuhl lag eine Frau. Ihr weißgrau gestreiftes Kleid hing bis zum Boden, die rechte Hand hielt ein Buch fest, in das sie aber nicht hineinschaute. Üblicherweise blätterten Menschen in diesen Papierbündeln. Wenn sie es nicht taten, war das meist ein Zeichen dafür, dass ihre Aufmerksamkeit erloschen war.

Ein paar Schritte näher, und ich konnte erkennen, dass dieser Zustand auch hier eingetreten war. Sie hielt die Augen geschlossen, ihr Atem ging ruhig.

Und neben dem Stuhl stand ein Tablett auf dem Boden.

Und auf dem Tablett stand ein Teller.

Und auf dem Teller lag ein Brötchen.

Und auf dem Brötchen lag eine dicke Scheibe Braten.

Futter, das nicht bewacht wird, gehört der Allgemeinheit. Und diese Allgemeinheit waren derzeit meine vier hungrigen Kinder.

Ich schlich geduckt näher. Ganz leise, ganz vorsichtig. Dann ein blitzschneller Tatzenschlag, und das Fleisch war meins. Ich packte es mit den Zähnen– köstlich! Der Geifer trat mir ins Maul. Aber mein Hunger war weniger wichtig als der der Kinder. Ich raste davon.

Als ich durch die Hecke schlüpfte, sträubte sich mein Schwanz.

Hatte die Frau mich etwa doch bemerkt?

Egal, hurtig den kleinen Hang hinauf, dann zu der Baumhöhle und gemaunzt.

Vierstimmiges Antwortmaunzen erklang, und ich zerrupfte mit den Krallen die Beute. Meine Kleinen machten sich darüber her. Sie hatten schon Zähne und brauchten nicht mehr ausschließlich meine Milch. Was eine gewisse Erleichterung darstellte, denn sie zu ernähren hatte mich viel Kraft gekostet. Die Jagdlage war schlecht dieses Jahr, die Mäuse waren weniger geworden, und meist starben sie ohne mein Zutun.

Aber die Kinder würde ich durchbringen. Es gab ja noch das Menschenrevier. Obwohl ich mir eigentlich geschworen hatte, ohne die Aufrechten zurechtzukommen. Das Leben einer wilden Streunerkatze war meine Wahl. Es bedeutete Unabhängigkeit und Herausforderung.

Aber wenn man Kinder hatte, musste man für sie sorgen. Notfalls sogar kurzfristig gegen eigene, hohe Prinzipien verstoßen.

Darum hatte ich meinen Nachwuchs auch schon etwas dichter an die Gärten getragen. Eine nette Höhle in einem alten, morschen Baumstamm diente uns derzeit als Heim. Und der Weg zu den Häusern war nicht allzu weit. Dennoch bereitete er mir einige Mühe. Ich war schlapp, ein böser Tritt in die Rippen schmerzte mich, wenn ich lange laufen musste, und manchmal tat mir mein Gedärm weh vor Hunger. Mein Fell war auch nicht mehr vom Feinsten. Struppig war es geworden, und etliche Zecken hatten sich hineinverirrt. Sie juckten, und wenn ich sie herauskratzte, fielen mir an den Stellen die Haare aus. Aber was bedeutet schon Schönheit. Schön war ich nie gewesen. Ein Mensch hatte bei meinem Anblick mal gelacht und mich Kuh-Katze genannt. Konnte schon stimmen, diese Viecher waren auch weiß mit dunklen Flecken.

Jedenfalls gab es da ein großes Haus, in dem Menschen verköstigt wurden. Hotel nannten sie es, und Gasthof zur goldenen Traube. Es wurde reichlich Futter dort verteilt, aber dennoch war es schwierig, unbemerkt etwas zu ergattern. Zu viele Leute belebten die Tische, zu schnell waren sie mit ihren Füßen, um einem die Rippen zu demolieren.

Eine Erfahrung, die ich nicht zu oft wiederholen wollte.

In dem Haus daneben ging es ruhiger zu, allerdings waren auch die Mahlzeiten karger. Die Frau, die dieses Logierhaus führte, war mir ein-, zweimal in die Quere gekommen. Sie war eine zänkische, geizige Witwe, die meinesgleichen vermutlich am liebsten in der Lahn ertränkt hätte. Seit zwei Wochen wohnte in den unteren Räumen eine Frau, die irgendwie ihre Stimme verloren hatte. Sie war furchtbar heiser, und auch das gute Wasser, das man hier schlabbern konnte, schien ihr nicht zu helfen. Sie war ebenfalls keine freundliche Person, und ein Blick auf ihre Schuhe mit den spitzen Absätzen hatte mich davor gewarnt, allzu sehr in ihre Nähe zu kommen. Dann war vor einigen Tagen allerdings diese andere Frau oben in die Mansarde eingezogen, zusammen mit einer älteren Begleiterin. Bisher waren die beiden mir nicht unangenehm aufgefallen. Und wahrscheinlich hatte mich mein Schwanz vorhin genarrt– sie hatte mich gar nicht bemerkt.

Immerhin, diesmal war der saftige Braten ein Fest für meine Kinder.

Und wieder zwickte und zwackte mich mein Magen. Vielleicht sollte ich noch mal zurückgehen und schauen, ob auch für mich noch ein Happen abfiel.

Die vier kuschelten sich jetzt gesättigt zusammen, ich schlappte ihnen fürsorglich über die Gesichter und trabte dann Richtung Hecke.

Die Frau lag noch immer da, das Buch nutzlos auf dem Schoß.

Wieder näherte ich mich dem Teller. Das Brötchen selbst war mir egal, solches Zeug aus Körnern vertrug ich nicht. Aber man hatte reichlich Butter daraufgestrichen, wunderbar fette Butter. Ich leckte sie mit Behagen ab.

Und war fast ganz fertig damit, als meine Nackenhaare sich warnend aufrichteten.

Ein schneller Blick nach oben, und ich sah in ihre Augen.

Grüne Augen.

Die mich anstarrten.

Ich erstarrte.

Und starrte zurück.

Brummte drohend.

Sie brummte auch.

Aber nicht drohend. Komisch.

»Na, Kleine, so hungrig?«

Ähm– ja.

Ich konnte mich aus dem Bann ihres Blickes nicht lösen.

»Du siehst ein bisschen zauselig aus. Zum Haus Germania gehörst du sicher nicht. Unsere Witwe Bolte wirkt auf mich nicht wie eine Tierliebhaberin.«

Ähm– nein.

»Eine kleine Streunerin? Drüben aus dem Wald?«

Ähm– ja.

»Werden die Mäuse knapp?«

Ich schaffte es, ein paar Schritte rückwärtszugehen.

»Du brauchst keine Angst vor mir zu haben. Ich mag Katzen. Früher hatte ich mal eine. Sie sah dir ein bisschen ähnlich. Eine hübsche Weiße mit roten Ohren.«

Ähm– hübsch?

Ich blieb stehen. Sie hatte sich aufgesetzt, das Buch war zu Boden geglitten. Jetzt streckte sie ganz langsam die Hand aus. Nein, das war mir nicht geheuer. Ganz und gar nicht. Wenn die mich packte!

»Arme Kleine, du hast ja Löcher im Pelz.«

Ähm– ja.

Die Hand hing locker vor meinem Gesicht.

Ich setzte mich vorsichtig nieder und betrachtete die Frau. Sie war auch ziemlich mager, aber Löcher im Pelz hatte sie nicht. Also, das Gewand war hübsch sauber und roch ein wenig nach Blumen. Die Haare auf ihrem Kopf lockten sich irgendwie und schimmerten braun und etwas rötlich. Rötlich schimmerte auch ihre Nase. Das passiert den Menschen ja oft, wenn die Sonne scheint. Ansonsten wirkte ihre Haut zart und hell. Ich wollte gerade den Versuch wagen, ihre Finger zu beschnüffeln, als ein Knall aus dem Haus ertönte.

Mit einem Satz war ich in der Hecke.

Das Gekeife klang mir noch bis zum Waldrand hinterher.

Menschen, vor allem weibliche, können ein schreckliches Getöse machen.

Ich rettete mich zu meinen Kindern, putzte sie ein bisschen, ließ sie noch das Restchen Milch nuckeln, das ich für sie hatte, und schlief ein.

Begegnung mit Bouchon

Die Sonnenstrahlen kitzelten mich, als sie ihren Weg durch das Laub der hohen Bäume fanden. Die Kleinen waren meiner mütterlichen Obhut entschlüpft und spielten Haschen mit den braunen Blättern. Sie machten sich gut, zumindest drei von ihnen. Eines wirkte ein wenig müde. Ich ging hin und stupste es an.

»Hunger«, maunzte es leise.

Tja, Hunger hatte ich auch. Die Butter hatte nicht lange vorgehalten. Ich sah mich um. Mäuse waren nicht in erreichbarer Nähe, und die brütenden Vögel saßen zu hoch auf den Ästen. Ich vertröstete das Kleine etwas und machte mich auf meinen Rundgang. Vielleicht ergab sich ja etwas.

Langsam, weil ich mich auch schlapp fühlte, trottete ich zu der Menschenansiedlung hinunter, um die Grenzen meines Reviers zu kontrollieren. Das musste man auch tun, wenn es einem nicht so gut ging. Sonst kamen andere, vornehmlich kräftige Kater und machten sich in den Jagdgründen breit. Also lieber die Besitzansprüche deutlich machen, statt anschließend die Kräfte in bösen Raufereien zu verschwenden.

Also wieder an der Hecke zum Garten vorbei– ein kurzer Blick hinein zeigte, dass er nun leer war– runter Richtung Fluss. Zwar musste ich dazu eine Straße überqueren, die von Pferden und Wagen benutzt wurde, aber der Park war ein meist lohnenswertes Gebiet. Ich würde vermutlich irgendeinen Happen für mich finden können. Beute für die Kinder zu machen und sie auf dem langen Weg mitzuschleppen, war jedoch zu viel der Anstrengung.

Es kam aber nicht dazu, denn auf meiner Reviergrenze saß ein Fremder.

Ein dicker grauer Fremder.

Ich plusterte mich auf und grollte ihn an.

Er drehte sich um und sah mich mit großen, erstaunten und sehr goldenen Augen an.

»Bin ich dir im Weg?«, fragte er.

»Du bist in meinem Revier«, fauchte ich zurück.

»Entschuldige, das wollte ich nicht.«

»Dann verzieh dich!«

»Ja, ist gut.«

Na, der war aber seltsam zahm. Oder frech. Denn nach drei Schritten blieb er wieder stehen, setzte sich und blickte sich um.

»Hey, du bist noch immer in meinem Revier!«

»Verzeih, aber ich muss hier warten.«

»Warten? Dass dir eine Ente ins Maul fliegt?«

Unten am Ufer landeten zwei von den Vögeln laut schnatternd im Wasser.

»Das tun die nicht«, sagte der Kater ganz ernsthaft.

»Ach nee. Hast du sie wohl nicht nett genug drum gebeten, was?«

»Ich weiß nicht. Zu Hause bekomme ich sie auf einem Teller serviert.«

Oje, ein Stubentiger. Ein verweichlichter, verfetteter, verblödeter Zimmerheld. Ich gönnte ihm einen Blick voller Verachtung. Der wusste vermutlich gar nicht, was ein Revier war.

»Dann sieh zu, dass du an deine gefüllten Näpfe zurückkommst, und lunger nicht in meinem Jagdgebiet herum.«

»Ich nehm dir nichts weg. Nur… ich, ich weiß nicht…«

Nein, der wusste nicht. Ich sah ihn mir noch mal genauer an. Er zitterte ein wenig unter seinem Fell. Und mir dämmerte was. Der Kater hatte sich verlaufen!

Klar, in diesen Ort hier kamen immer wieder neue Menschen von überallher, um sich von ihren Krankheiten zu kurieren. Deshalb nannte man es auch Kurort. Sie brachten auch immer allerlei Bagage mit. Meist Koffer, Kisten und Dienstboten, manchmal auch verwöhnte, aufgeputzte Hunde. Katzen weniger. Aber der hier war vermutlich so ein Teil der Bagage.

Und jetzt hatte er sich verlaufen.

Keine ernst zu nehmende Gefahr also für mich, und so setzte ich mich hin und übte mich in Konversation. Ich mag zwar eine Streunerin sein, aber hin und wieder ist mir nach Unterhaltung.

»Bist du zu Besuch?«, fragte ich ihn und zwinkerte, während ich zu ihm blickte, besänftigend mit den Augen.

Er schloss die seinen auch kurz und sagte dann: »Vor drei Tagen eingetroffen. Und heute bin ich zum ersten Mal aus dem Zimmer geschlüpft. Aber es ist alles so verwirrend. Zu Hause haben wir nur einen kleinen Garten. Dieses Haus hier ist so groß und hat so viele Gänge. Dummerweise habe ich nicht alle Ecken markiert, weil so ein Junge mich da wegscheuchte.«

»Kurzum, du hast dich verlaufen.«

»Ja. Peinlich, nicht? Dir passiert so etwas bestimmt nicht.«

Nein, das tat es gewiss nicht. Aber der dicke Trottel tat mir leid.

»Kann schon vorkommen, in fremdem Gebiet. Verkriech dich an einen ruhigen Platz, und heute Nacht suchst du dann den Rückweg. Dann sind nicht mehr so viele Menschen unterwegs. Kannst in meinem Revier bleiben. Da, unter den Büschen ist ein gutes Versteck.«

»Danke, aber ich bleibe besser sichtbar. Man wird mich suchen, denke ich.«

»Meinst du?«

»Ja. Mein Mensch mag mich. Er wird sich Sorgen um mich machen.«

Solche gab es, stimmt.

Der Kater stand auf und kam etwas näher. Er hielt mir seine schwarze Nase entgegen. Na gut. Dann war eben Höflichkeit angesagt. Ich stupste meine kurz dagegen.

»Ich heiße Bouchon«, grummelte er.

Wie passend. Ein Stopfen war er ganz gewiss.

»Ich heiße Seraphina.«

Plumps!

Bouchon saß verdattert auf seinem Hintern.

»Große Bastet! Verzeih!«

»Schon gut. Ich sehe nicht so aus. Sina reicht. Ich habe mich für ein Leben in Unabhängigkeit entschieden.«

»Sehr mutig. Mhm– ich habe es gewöhnlich recht bequem.« Und plötzlich zuckten seine Ohren, und die Barthaare bebten. Ich folgte seinem Blick. Ein Mann kam auf uns zu.

»Dein Mensch?«, fragte ich.

»Nein, aber sein Neffe Vincent. Mein Mensch ist der Freiherr von Poncet. Er ist ein großer Gelehrter. Aber er sagt, seine Galle zwickt ihn. Hier will er wieder gesund werden, und darum hat ihn sein Neffe hierherbegleitet.«

Dieser Neffe– menschliche Verwandtschaftsbeziehungen sind mir immer etwas rätselhaft geblieben, Katzen haben es nicht so mit Familie– war ein jüngerer Mann, sehr aufrecht, sehr ernst, sehr steif, doch mit einem äußerst scharfen Blick. In einem offiziellen Anzug mit etwas Klimbim dran.

Dennoch, seine Stimme klang sanft, als er Bouchons Namen rief.

»Ich muss gehen, Seraphina. Es hat mich sehr gefreut, deine Bekanntschaft machen zu dürfen. Fürderhin werde ich dir nicht mehr in die Quere kommen.«

Was für ein höflicher Kater!

»Nun, macht nichts, Bouchon. Man sieht sich vielleicht wieder.«

Er schnurrte leise und trabte mit erhobenem Schwanz auf den Mann zu. Der bückte sich überraschend geschmeidig und nahm ihn auf den Arm.

Ich schlenderte zum Lahnufer hinunter, nahm ein paar Schluck Wasser zu mir und fing doch tatsächlich eine magere kleine Maus. Beides zusammen gab ein gewisses Gefühl von Sättigung, und darum setzte ich mich an einen sonnigen, vor Blicken geschützten Platz und beobachtete eine Weile das Treiben im Kurpark. Ich habe mich zwar keinem Menschen angeschlossen, aber als Studienobjekte finde ich sie interessant. Sie haben so eigenwillige Verhaltensweisen.

Zum einen, weil sie ihre haarlose Haut mit schützenden Stoffen bedecken müssen, um nicht zu frieren oder sich ständig Schrammen zu holen, zum anderen machen sie es aber auch, um damit zu balzen. Einige Vögel tun das auch, wenn sie sich paaren wollen. Es ist lustig zu beobachten, dass vor allem die weiblichen Menschen sich besonders prächtig herausputzen. Mit Gefieder im Haar, Pelzchen hier und da, ohne dass sie wärmen würden, schimmernden, bunten Stoffen, die rascheln und rauschen und knistern, sodass sie sich nie lautlos bewegen können. Überhaupt– bewegen konnten einige von ihnen sich sowieso nicht richtig, weil sie derartige Mengen von Stoff um sich herumgewickelt trugen, dass sie wie Tonnen über die Wege dümpelten. Dann mussten immer die Männer zur Stelle sein, um ihnen Ziel und Richtung zu geben.

Das waren aber nur die der einen Klasse, die, die sonst nichts taten außer umherwandeln, schwatzen und balzen. Diejenigen, die arbeiteten, die Futter besorgten und schrubbten und schleppten und wuschen und so, die trugen weniger Zeug um sich herum. Eigentlich sollten sie glücklich darüber sein.

Waren sie aber wohl nicht, denn oft sahen sie den Aufgeputzten mit sehnsüchtigen Blicken nach, und wenn es irgendwie ging, versuchten sie sie nachzumachen.

Hier im Kurpark flanierten zur nachmittäglichen Stunde diejenigen, die nichts zu tun hatten. Oder dringend Abwechslung suchten. Die bot ihnen, wie ich mit gewisser Belustigung feststellen konnte, ein Herr in weißen Hosen und einem bunt karierten Jackett, der im Gegensatz zu den anderen Herren keine schwarze Röhre auf dem Kopf trug, sondern einen flachen weißen Deckel. Er bot den Vorbeigehenden Wetten an. Was mal wieder zeigt, dass die Menschen recht irrwitzige Ideen verfolgen. Warum sollte man eine Meinung dazu haben, ob heute zwei oder vier Schwäne unter der Brücke durchschwammen? Aber die Leute blieben stehen und tauschten sogar Münzen dafür aus. Zwei Damen, eine in Rosa, die andere in Dunkelgrün, beobachteten das Schauspiel jedoch, ohne zu wetten, und wurden dabei von einem beflissenen Herrn umschmeichelt. Wäre er ein Kater gewesen, hätte er vermutlich seinen Kopf an ihren Beinen gerieben. Er war ohnehin schon nahe daran. Sie standen so nahe an meinem Versteck, dass ich mitbekam, wie er ein Döschen aus der Tasche zog und den Damen den Inhalt anbot.

»Emser Pastillen, meine Damen. Nehmen Sie, sie schmecken zwar nicht wie Honigbonbons, doch man schwört auf ihre Wirksamkeit bei allerlei Halsbeschwerden.«

»Tatsächlich? Nun, mein Hals fühlt sich seit einigen Tagen ein wenig rau an. Ich werde eine probieren.«

»Ich verzichte, Herr Bisconti. Dieses eingedampfte Salzwasser will mir gar nicht munden. Aber ein hübsches Döschen haben Sie da.«

Er reichte es der Dame in Rosa, und ich erhaschte einen Blick auf ein messingfarbenes, mit blauen und roten sternförmigen Ornamenten verziertes Ding.

»Einem maurischen Muster nachempfunden und meisterlich emailliert. Ich fand es bei meinen Reisen in den Orient.«

»Wirklich? So weit sind Sie gereist?«

»Meine Tätigkeit führt mich weit herum.«

Er setzte sich wieder in Bewegung, nachdem er das Döschen in seiner Tasche verstaut hatte. Die Pastillen darin schienen wirklich nicht sehr wohlschmeckend zu sein, wenn man den Gesichtsausdruck der Dame in Grün richtig deutete. Sie hustete einmal kurz, und mir schien, dass sie dabei das Ding ausspuckte, das sie sich in den Mund gesteckt hatte.

Katzen nehmen nichts ins Maul, was scheußlich schmeckt– Menschen schon. Sie glauben, dass es sie gesund, glücklich, begehrenswert oder was weiß ich macht. Menschen glauben viel dummes Zeug.

Ich verließ meinen Beobachtungsplatz, um noch mal die Mäuselage zu prüfen, aber just als ich ein vielversprechendes Loch belauerte, gab es eine Unterbrechung. Eine säuselnde Frauenstimme forderte, man möge sie hier an dieser Stelle ablichten.

Ablichten– was war das nun schon wieder?

Neugier, mein Laster, ließ mich das Mausen unterbrechen, und ich begutachtete, wie an einem Rosenspalier voller gelber Blüten eine blau schillernde Person, weiblich natürlich, dahinschmachtete. So sahen sie aus, wenn sich große Gefühle in ihrer Brust bewegten. Weit größere als die, die Katzen verspürten. Aber darin kann ich mich auch täuschen. Sie können manche Verhaltensweisen auch mit großen Gesten übertreiben, ohne überhaupt was zu fühlen.

»Bette, keine solch elegische Pose. Sie steht Ihnen nicht.«

Der Mann fiel auch etwas aus dem Rahmen der üblichen schwarz eingehüllten Herren mit den schwarzen Röhren auf dem Kopf– er trug eine braune Jacke und einen weichen grünen Kopfputz, unter dem sich braune Locken ringelten.

»Aber sicher, Tigerstroem. Sie steht mir ausgezeichnet. Rosenduft muss Sehnsucht wecken, tiefste Sehnsucht nach dem Schönen, Reinen, das Herz Berührenden– ah, nach himmlischer Liebe gar!«

Ihre Hände hoben ihren Busen, der fast oben aus dem Kleid quoll. Nicht alles bedeckten die Menschen mit Stoff.

»Das ist keine himmlische Liebe, Bette, das grenzt an Pornographie. Betrachten Sie eine Blüte, lächeln Sie dabei. Eine Rose ist ein Wunderwerk der Natur. Die verdient Achtung, nicht Schmachtung!«

»Sie sind hässlich, Tigerstroem. Ich bin das Modell, das Ihrer Achtung würdig ist. Nicht diese kleine, alberne Blume.«

Sie schnippte mit dem Finger dagegen, und ein gelbes Blatt fiel zu Boden.

»Wie Sie wünschen, Bette«, sagte der Mann, und der Ton in seiner Stimme sagte mir, dass etwas geschehen würde, das der Blauschillernden zum Nachteil gereichen würde. Was allerdings, das konnte ich nicht beurteilen, denn der Mann hatte inzwischen ein Gestell aufgebaut und auf das Gestell einen Kasten gesetzt. Nun verkroch er sich unter einem schwarzen Tuch und gab komische Laute und Handzeichen von sich.

Ich stahl mich davon, um nicht in die zu erwartenden Auseinandersetzungen zu geraten.

Zu einem Abstecher in den Gasthof zur goldenen Traube zwang mich der nagende Hunger doch noch. Ein Stückchen Käse fand ich. Ein winziges. Dann zurück zu den Kleinen. Die hatten sich müde gespielt und schliefen in der Höhle. Ich betrachtete sie mit einer gewissen Sorge. Sie wuchsen so schnell, sie brauchten mehr Futter. Und ich fühlte mich so ausgelaugt. Ich konnte nicht jeden Tag nach unten laufen und das, was ich erbeutete, zu ihnen tragen.

Ich musste es wohl andersherum versuchen.

Auch wenn ich damit im Menschenrevier Einzug halten musste.

Aber bevor ich mich an die Arbeit machte, die Kleinen in den Garten zu schleppen, musste ich eine Weile ausruhen.

Und mein struppiges Fell bürsten.

Es hatte sich schon wieder so eine widerliche Zecke eingeschlichen. Direkt hinter meinem Ohr.

Ich kratzte sie weg. Fellflusen flogen durch die Luft.

War ich wirklich für irgendjemanden noch eine hübsche Katze?

Ah bah– Eitelkeit.

Unterhaltung

Ein paar winzige Pfoten trampelten auf meinem Bauch herum. Ja, ja, ein Tröpfchen Milch konnte ich noch spenden. Dann aber war es gut, und ich schubste die Meute fort, um meinen Plan in Angriff zu nehmen. Ich forderte die Kleinen auf, mir zu folgen. Sehr weit war der Weg ja nicht. Sie waren auch gutwillig, nur eines mochte nicht aufstehen. Ich packte es also am Nackenfell und schleppte es mit mir.

Wir erreichten die Hecke. Ich befahl den Kindern, sich ruhig zu verhalten, und sondierte die Lage im Garten. Es war ein warmer Abend, und auf der Terrasse saßen die Frau, die ich heute Vormittag bereits kennengelernt hatte, und eine ältere, die sich mit ihr beim Essen unterhielt. Die Hausbesitzerin trat zu ihnen.

»Ist alles nach Ihrem Wunsch, Euer Gnaden?«, fragte sie, und die ältere Dame nickte. Die jüngere hob eine Braue.

»Es ist gut, Frau Wennig«, antwortete sie, und es hörte sich nicht eben begeistert an. Die Wirtin stapelte Schüsseln aufeinander und verschwand.

»Mama, es ist nichts nach Wunsch! Dieses Essen ist eine Katastrophe.«

»Ja, aber wir können es uns nicht leisten, groß speisen zu gehen, Altea. Das weißt du doch.«

»Hungern müssen wir aber auch nicht. Hier, ich habe heute Nachmittag etwas erstanden. Das wird uns munden.«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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