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Gibt es das pure Böse?
Kleine Tierkadaver – eine Ratte, ein Kaninchen, ein Eichhörnchen – tauchen in Charlotte, North Carolina, auf, verstümmelt und auf bizarre Weise inszeniert. Der forensischen Anthropologin Tempe Brennan ist Tierquälerei zutiefst verhasst. Ihre Beunruhigung wächst, als die Entdeckungen immer makabrer werden. Mit Hochdruck versucht sie dem Täter auf die Spur zu kommen. Denn es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis ein Mensch zum Opfer wird …
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Ein sadistischer Tierquäler treibt sein Unwesen in Charlotte, North Carolina. Immer wieder finden sich die Überreste von kleinen Wildtieren, grässlich verstümmelt und auf bizarre Art inszeniert. Dann taucht unter dramatischen Umständen ein neuer Kadaver auf, und plötzlich ist Tempe Brennans Expertise gefragt: Offensichtlich hat der Täter den Einsatz erhöht und ein größeres Lebewesen getötet. Tempe untersucht den grausigen Fund und stellt fest, dass das Opfer ein Hund ist – das geliebte Haustier von jemandem. Eine befreundete forensische Psychologin bestätigt ihr, was sie im tiefsten Inneren befürchtet: Hier ist ein Psychopath am Werk, dessen Aggression immer weiter eskalieren wird. Und wenn niemand ihn aufhält, wird schon bald ein Mensch in seinen Fokus geraten.
Tempe ermittelt fieberhaft und gerät schnell in eine Spirale der Gewalt, die auch ihr engstes Umfeld gefährdet. Immer sadistischer werden die Angriffe, immer kränker das Spiel, bis sich Tempe die erschreckende Frage stellen muss: Hat sie es mit dem puren Bösen zu tun?
Kathy Reichs, geboren in Chicago, lebt in Charlotte und Montreal. Sie ist Professorin für Soziologie und Anthropologie, eine von nur knapp hundert vom American Board of Forensic Anthropology zertifizierten forensischen Anthropolog*innen und war unter anderem für gerichtsmedizinische Institute in Quebec und North Carolina tätig. Ihre Romane erreichen regelmäßig Spitzenplätze auf internationalen und deutschen Bestsellerlisten und wurden in dreißig Sprachen übersetzt. Für den ersten Band ihrer Tempe-Brennan-Reihe wurde sie 1998 mit dem Arthur Ellis Award ausgezeichnet. Die darauf basierende Serie »BONES - Die Knochenjägerin« wurde von Reichs mitkreiert und -produziert.
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Kathy Reichs
THRILLER
AUS DEM AMERIKANISCHEN VON JENS PLASSMANN
Die Originalausgabe EVIL BONES erschien erstmals 2025 bei Scribner, an Imprint of Simon & Schuster, Inc., New York
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© 2025 by Temperance Brennan, L. P.
Copyright © 2026 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
[email protected] (Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Published by arrangement with the original publisher Scribner, a division of Simon & Schuster, Inc.
Redaktion: Tamara Rapp
Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Nikolayev Alexey, STILLFX/andreiuc88
Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg
ISBN 978-3-641-34070-4V001
Für
Paul Reichs
Von Beginn an dabei
Keine Panik!
Jetzt bloß keine Panik!
Windböen schüttelten den uralten Buick. Winzige Wassergeschosse trommelten unablässig auf Motorhaube und Dach.
Ihre Hände umklammerten das Lenkrad fest im Zehn-vor-zwei-Griff, auch wenn die Finger schon schmerzten. Der vorgereckte Hals brannte vor Anspannung. Dabei war das alles sinnlos. Eine bessere Sicht durch die herabströmenden Wassermassen bot auch diese Haltung nicht.
Die Welt jenseits ihrer kleinen Blase war ein wirbelnder Mahlstrom.
Bitte, liebster Jesus!
Beschütze mich!
Da kein göttliches Wesen erschien, um Hilfe und Geleit anzubieten, drosselte Bella die Geschwindigkeit, blieb aber so weit auf dem Gas, dass der Wagen vorwärtskroch, wenn auch quälend langsam. Schneller zu fahren, war ihr viel zu gefährlich. Mitten auf der Straße zu stoppen, war ihr ebenfalls viel zu gefährlich.
Bella verfluchte und rechtfertigte sich abwechselnd.
Hättest du doch nach dem Wetterbericht gesehen. Hättest du den Kindern doch erzählt, dass du wegfährst.
Wärst du doch zu Hause geblieben.
Normalerweise hörte Bella auf ihre Kinder, wenn die sagten, sie solle abwarten. Manchmal kamen sie auch vorbei. Meist waren sie allerdings so von ihren Jobs, der Gartenarbeit oder den eigenen Kindern in Anspruch genommen, dass sie es glatt vergaßen.
Sie brauchte Eier für den Angel Food Cake, den sie der Kirchengemeinde für den Kuchenbasar versprochen hatte. Was sollte schon groß passieren – der nächste Supermarkt lag nur zwanzig Autominuten entfernt.
Es sei denn, etwas völlig Unerwartetes stellte den gewohnten Lauf der Dinge auf den Kopf.
Sie selbst trug nun wirklich keine Schuld an dieser misslichen Lage, verteidigte sich Bella in ihrer Panik. Wie aus dem Nichts war das Gewitter über sie hereingebrochen, ein finsteres Ungetüm, das über den nachmittäglichen Himmel hinwegraste.
Bella ärgerte sich über das Fernlicht, das die Regenwand nicht zu durchdringen vermochte, und kniff die Augen hinter den dicken Gläsern ihrer Trifokalbrille angestrengt zusammen.
Gütiger Himmel, hab Erbarmen!
Das Einwickelpapier irgendeines Fast-Food-Essens kam aus der Dunkelheit angeflattert, tanzte über die Windschutzscheibe und schnellte in einer Pirouette hoch in die Lüfte.
Warme Tränen liefen über Bellas runzlige Wangen.
Ein paar hektische Herzschläge später erschien ein helles Licht am Horizont. Bella verfolgte, wie es sich bündelte und in zwei Strahlenkreise teilte. Kurz darauf schoss das grelle Scheinwerferpaar auf der Gegenspur an ihr vorbei.
Der Luftzug und das aufspritzende Wasser sorgten für die nächste Runde Herzrasen und Stoßgebete.
Zweimal tauchten in ihrem Rückspiegel Scheinwerfer auf, wuchsen drohend wie die Augen wilder Bestien. Zweimal rasten die Bestien in weitem Bogen an ihr vorbei, und Bella sah die Rücklichter im nassen Nichts verschwinden.
Mehr Beschwörungen.
Bitte!
Mehr Selbstgeißelungen.
Alles bloß deine Schuld, Dummkopf.
Eine heftige Sturmbö hätte Bella fast das Steuer entrissen.
Sofort anhalten!, fauchte ein Cluster panischer Neuronen.
Warte bis zu einem sicheren Randstreifen!, schnatterte warnend eine rationalere Stimme.
Bellas Frontallappen hämmerte. Ihre Finger wurden taub.
Der Buick schlich weiter.
Die Zeit verrann.
Eine Ewigkeit.
Vielleicht zehn Minuten.
Dann schienen ihre Gebete endlich Gehör zu finden – der Wolkenbruch begann immer wieder kurz nachzulassen.
Die Pausen machten die Außenwelt einige flüchtige Momente lang sichtbar. Eine schmale zweispurige Straße. Eingezäuntes Weideland. Ein braunes Pferd mit einer weißen Blesse über dem Maul, die einer Ratte ähnelte.
Das Pferd war eine Stute. Die Stute hatte einen Namen.
Glenda.
Bellas Stimmung stieg.
Dank sei dir, himmlischer Vater! Dank für dieses Zeichen.
Das Pferd hob den triefend nassen Kopf und schüttelte ihn. Der langsam vorbeifahrenden Bella schenkte es wenig Beachtung.
Die hellen Lichtflecken über ihr dehnten sich allmählich aus und wuchsen zusammen. Der Himmel klarte auf, der Regen schien die Lust zu verlieren.
Vor ihr auf der rechten Seite zeichnete sich jetzt in der diesig feuchten Luft ein Baum ab, der seine Artgenossen weit überragte.
Bella stieß einen kleinen Freudenschrei aus.
Die Weide. Das Pferd mit dem Abzeichen in Rattenform. Die majestätische Eiche. Die Welt war wieder erkennbar und so, wie sie sein sollte.
Bella schob den Fuß vom Gaspedal auf die Bremse, umklammerte das Lenkrad mit aller Kraft und drehte es einige Grad nach rechts, um auf die schmale Ausbuchtung zu biegen, die man kaum als Seitenstreifen bezeichnen konnte.
Die Reifen waren abgefahren. Die regennasse Asphaltdecke schmierig glatt.
Ganz vorsichtig. Nicht zu weit.
Zu weit.
Das rechte Vorderrad rutschte über die Kante und zog das Fahrzeug in diese Richtung. Bella riss das Steuer nach links und gab vor lauter Schreck Vollgas. Der Buick schoss quer über beide Fahrspuren und knallte gegen die mächtige Eiche.
Bellas Kopf flog nach vorn und schlug mit solcher Gewalt auf das Lenkrad, dass es ihr die Sinne verwirrte. Behutsam richtete sie sich wieder auf, lehnte den brummenden Schädel zurück an die Kopfstütze und starrte durch die von einem dichten Netz an Rissen durchzogene Windschutzscheibe nach oben.
Bei ihrer Befragung einige Stunden später konnte Bella sich nicht mehr daran erinnern, das Bewusstsein verloren zu haben.
Woran sie sich jedoch noch genau erinnern konnte, war das Aufwachen.
Das Rauschen der Blätter.
Den Gesang der Vögel.
Das Zischen des Motors.
Den Schrei, der aus ihrem tiefsten Innern platzte.
Keiner der Rettungssanitäter wollte ihr so recht glauben, als Bella beschrieb, welch grauenhafte Entdeckung sie über sich in der Baumkrone gemacht hatte.
Ich musste an Frösche denken. Besonders an den einen, der im Zierbrunnen vor meinem Haus lebte.
Jeden Sommer bezog das Tier dort Quartier. Aufgrund der Tiefe und Schwingungsstärke seines allmorgendlichen und allabendlichen Quakens tippte ich auf ein durchaus stattliches Exemplar.
Warum ausgerechnet dort?, fragte ich mich. Was war so reizvoll an diesem winzigen Becken?
Und wohin verschwand der Frosch im Winter? Palm Beach? Key Largo? Verschwand er überhaupt oder zog er sich bloß irgendwo unter einen Blätterberg zurück und schlief?
Hatte der kleine Bursche womöglich Angst vor Vögeln? Rasenmähern? Frei laufenden Hunden?
Handelte es sich tatsächlich jedes Jahr um denselben Frosch?
Ich weiß schon, wie solche Grübeleien wirken müssen. Aber in meinem warmen, stickigen Büro im MCME gerieten die Gedanken leicht ins Mäandern, und die letzte Quak-Serenade hatte mich heute bereits bei Sonnenaufgang aus dem Schlaf gerissen.
Jetzt schweifte mein Hirn vor lauter Schlafmangel ab.
Zumal die anstehende Arbeit mehr als öde war.
Auf Wunsch von Dr. Samantha Nguyen, ihres Zeichens Chief Medical Examiner von Mecklenburg County und damit meine Chefin, war ich mit einer Aufstellung aller Berichte beschäftigt, die ich im Laufe des ersten Halbjahrs angefertigt hatte. Jede Fachkraft im MCME musste das machen. Die Pathologen, die Odontologen, die Radiologen – et moi.
Eine kommentierte Aufstellung.
Hatte der Fall Tier oder Mensch gegolten? Waren die Überreste unversehrt gewesen, verwest, mumifiziert, verbrannt, verstümmelt, skelettiert oder etwas anderes? Am besten etwas anderes. Das ersparte mir die Einzelheiten.
Hatte die Untersuchung vorrangig der Bestimmung der Identität gedient? Der Analyse von Verletzungen? Der Feststellung von Todesumständen und Todesursache? Der Rekonstruktion der Methode der Leichenentsorgung? Der Eingrenzung der Leichenliegezeit – also der Zeit, die seit dem Tod des Opfers vergangen war?
Irgendeine Stelle oberhalb von Nguyens Gehaltsstufe hatte die Daten angefragt. Vielleicht das Büro des Governors. Vielleicht der leitende ME in Chapel Hill. Vielleicht Gott.
Die Fragen, die ich beantworten sollte, hätten auch als meine Jobbeschreibung getaugt. Ich bin forensische Anthropologin, spezialisiert auf das menschliche Skelett. Mein Fachwissen wird benötigt in Fällen, in denen eine normale Autopsie nicht möglich ist und sämtliche Erkenntnisse und Rückschlüsse anhand der Knochen gewonnen werden müssen.
In erster Linie werde ich von Coroners und Medical Examiners meines Heimatstaats North Carolina sowie vom Laboratoire de Sciences Judicaires et de Médecine Légale, dem zentralen Institut für Rechtsmedizin in Quebec, beauftragt.
Charlotte und Montreal.
Lange Geschichte.
Lange Arbeitswege.
Und das seit Jahrzehnten.
Ich habe Berge an Vielfliegermeilen angehäuft, so viel steht fest.
Davon später mehr.
Ich liebe meinen Job und kann mir nicht vorstellen, etwas anderes zu tun. Mir gefällt es, unbekannten Toten einen Namen zu geben und den Angehörigen die Möglichkeit, einen Abschluss zu finden. Gar nicht gefällt es mir, Familien darüber informieren zu müssen, dass der von ihnen gesuchte Mensch verstorben ist.
Ich hasse Papierkram. Oder muss das jetzt Tastaturkram heißen?
Gerade befand ich mich auf der Carolina-Seite meines geografisch komplexen beruflichen Arrangements und war endlich dabei, mich der lästigen Aufgabe zu entledigen, die ich seit Wochen vor mir herschob.
Stundenlang starrte ich nun schon auf den Bildschirm. Mir brannten die Augen, und ein hartnäckiger Kopfschmerz pochte gegen mein Stirnbein.
Ich stützte die Ellbogen auf den Schreibtisch und massierte mir seufzend mit den Fingerspitzen die Schläfen. Da ich allein im Büro war, verpuffte die theatralische Vorstellung wirkungslos.
Es war später Vormittag an einem Mittwoch tief im August. Seit Wochen herrschte die für die Lowcountry-Gegend typische schwüle Hitze, weshalb ich hoffte, dem Ganzen entfliehen und mit meinem Lebensgefährten Ryan einen Kurztrip in die Berge unternehmen zu können. Nichts Spektakuläres. Eine entspannte Autofahrt nach Asheville, ein wenig wandern, zwei, drei Nächte in einem Inn mit viel zu viel glänzendem Chintz in den Zimmern.
Ich klickte gerade die nächste Datei an, als der vom Flur einfallende Lichtschein sich irgendwie veränderte. Ich schaute auf.
Eine kleine Frau stand in der offenen Tür. Dunkle mandelförmige Augen. Olivfarbene Haut. Schwarzes Haar, das im Nacken zu einem Dutt geschlungen war.
»Tempe.« In Nguyens Stimme schwang eine Spur Boston und ein zweiter, weit exotischerer Akzent mit. »Alles gut bei Ihnen?«
»Ja, danke der Nachfrage«, antwortete ich, wohl wissend, dass meine Chefin nicht hier war, um sich nach meinem Wohlbefinden zu erkundigen.
»Mich hat eben das Büro des Sheriffs von Stanly County angerufen. Eine ältere Frau namens Bella Abato ist dort gestern gegen Abend mit ihrem Fahrzeug verunglückt. Ganz in der Nähe der Ortschaft Frog Pond.«
»Ist das ein Witz? Haben Sie meine Gedanken gelesen?«
»Wie bitte?«
»Ach, schon gut«, ruderte ich zurück. Die Bemerkung war mir reflexartig herausgerutscht. Nguyen neigte nicht zum Witzemachen.
»Ein Lastwagenfahrer hat den Unfall gemeldet. Als die Beamten eintrafen, war Abato am Kopf verletzt und sehr verwirrt. Sie wurden aus ihrem unzusammenhängenden Gestammel nicht schlau, konnten sie jedoch dazu überreden, sich von einem Krankenwagen in eine Notfallambulanz bringen zu lassen.«
Ich hatte nicht die geringste Ahnung, warum Nguyen mir das alles erzählte.
»Über Nacht ist Abato zwar ruhiger geworden, beharrt aber weiterhin darauf, Satan hätte sie mit einem Zeichen von der Straße abkommen lassen.«
»Der Teufel?«
»Ja.«
»Nimmt sie regelmäßig Medikamente?«
»Tut sie. Aber auch der Fahrer des Abschleppwagens hat heute Morgen, als er zum Unfallort kam, etwas beobachtet, das ihn aus der Fassung brachte.«
Nguyen zögerte, was ungewöhnlich für die sonst so kühle, durch nichts zu erschütternde Frau war. Ich wartete darauf, dass sie fortfuhr.
»Der Fahrer behauptet, einen bemalten Menschenkopf gesehen zu haben, festgenagelt am Stamm der Eiche, gegen die Abato gefahren war.«
Sofort sprang mir ein Bild vor Augen.
»Trug der Kopf etwa einen Hut, mit Tuch umwickelt und mit Federn und Glitter geschmückt?«
»Ja.«
»Wahrscheinlich wieder eine dieser makabren Zurschaustellungen toter Tiere, die es in dem County unlängst gegeben hat.«
»Es könnte sich um ein weiteres entführtes Haustier handeln«, erwiderte Nguyen ohne große Überzeugung.
Sie baute darauf, dass ich in Aktion trat, so viel war klar. »Vermutlich hat der Fahrer den Sheriff angerufen, und der hat sich dann bei Ihnen gemeldet, richtig?«, fragte ich und täuschte eine interessierte Miene vor.
»Sie hat sich dann gemeldet, ja«, korrigierte Nguyen bestätigend. »Hattie Spitz ist dort Sheriff. Sie fand die Schilderungen des Mannes zwar reichlich bizarr, wollte jedoch auf Nummer sicher gehen und ist selbst rausgefahren, um sich die Sache anzusehen. Ihren Angaben zufolge ist der betreffende Gegenstand in etwa drei Metern Höhe angebracht, und sie wollte lieber nichts anfassen. Sie hat einen ihrer Leute zum Aufpassen abgestellt, bis jemand von uns eintrifft.«
Ich erinnerte mich vage an Spitz. Eine hagere Frau mit einem Gesicht, das einem Jagdhund mit Hängebacken ähnelte. Extrem ernsthaft. Sie hatte mich bei irgendeiner regionalen Fachkonferenz angesprochen, auf der ich einen meiner Vorträge mit dem Credo »stets die Experten rufen und unter keinen Umständen Beweismittel kontaminieren« gehalten hatte.
Ein Leitsatz, den ich in diesem Moment leicht bedauerte.
Nguyen musterte meinen Gesichtsausdruck, der inzwischen deutlich weniger interessiert ausfiel. Eine Tatortbesichtigung zählte nicht zu dem, was ich mir fürs Wochenende vorgenommen hatte. Sollten sich die Pläne für unseren Abstecher in die Berge konkretisieren, musste ich noch die Übergabe meines Katers Birdie an die Nachbarin organisieren, den Reifendruck überprüfen, kurz bei der Apotheke vorbei, Getränke und Knabbereien als Wegzehrung für Ryan und mich besorgen und packen.
Hinzu kam, dass nichts Verlockendes daran war, in diese entlegene Einöde rauszufahren, um einen verwesten Waschbären oder ein verwestes Opossum einzusammeln.
»Ich soll raus nach Stanly County, stimmt’s?«, fragte ich ohne jede Begeisterung.
»Das hielte ich für das Beste. Sheriff Spitz hat angeboten, einen Wagen zu schicken, der Sie hinbringt.«
»Kann das nicht …«
»Der Deputy hält inzwischen seit Stunden da draußen Wache«, fuhr sie unbeirrt fort und fügte dann noch hinzu: »Ihm wurde auch aufgetragen, eine Leiter mitzunehmen.«
»Haben Sie die genauen Ortsangaben?« Ich hatte resigniert.
»Habe ich.«
»Ich fahre lieber selbst.«
»Wie Sie wünschen.«
Bevor es losging, warf ich noch schnell einen Blick ins Netz und erfuhr, dass Frog Pond ein gemeindefreier Fünftausend-Seelen-Ort im östlichen Stanly County war. Dass der lokale Variety Store alles vom iPad bis zu Windeln im Angebot hatte. Dass die Airbnbs der Gegend schon für zwanzig Dollar die Nacht Zimmer vermieteten.
Im Wagen fütterte ich das Navi mit den Koordinaten, die Nguyen mir gegeben hatte, und folgte den Anweisungen der freundlichen Waze-Dame. Am Stadtausgang von Charlotte dirigierte sie mich in östlicher Richtung auf den Highway 24, der zugleich die Bezeichnung Highway 27 trug, was es nicht eben einfacher machte. Nach den letzten vorstädtischen Wucherungen begann hügeliges Farmland, sporadisch unterbrochen von Tankstellen mit angeschlossenen Mini-Märkten, einsamen Kirchen und Häusern von Bürgern, die sich ihre Nachbarn gern auf Distanz hielten.
Ich kam durch einige Provinznester, und wie gewöhnlich konnte ich es nicht lassen, mir Geschichten auszudenken zu den malerischen Ortsnamen, denen man hier im Süden so oft begegnete – Midland, Locust, Red Cross.
Frog Pond war eines dieser Fleck-auf-der-Landkarte-Städtchen, durch die man rauschen konnte, ohne etwas davon zu bemerken. Ihren Unfall hatte Frau Abato ein Stück hinter der Stadt auf einer zweispurigen Straße gehabt, die von der Molly Springs Road abzweigte.
Eine Stunde nach Verlassen des MCME entdeckte ich den Baum, um den es ging, eine mächtige Eiche, die ihre besten Tage hinter sich hatte. Anhand der Bilder, die Spitz und Nguyen mir zugeschickt hatten, fiel die Identifizierung nicht schwer.
Letzte mögliche Zweifel zerstreute der Pick-up, der gegenüber am Straßenrand mit laufendem Motor stand. An der Seite des Fahrerhauses prangte ein Logo, das oben in dicken schwarzen Buchstaben »Sheriff« verkündete und darunter etwas kleiner »Stanly County«. Ein fünfzackiger goldener Stern vervollständigte das Ganze.
Hinter dem Lenkrad saß ein müde wirkender Deputy, dessen Augen sich hinter der obligatorischen Pilotenbrille verbargen. Die Sonne spiegelte sich bronzefarben in den Gläsern, die verfolgten, wie ich von der Straße abbog und vor seinem Wagen auf dem Seitenstreifen hielt.
Im Rückspiegel konnte ich sehen, wie der Deputy den Kopf neigte und die Lippen bewegte. Bestimmt machte er über Sprechfunk Meldung von meiner Ankunft. Dann öffnete sich die Tür des Pick-ups, und der Polizist kletterte aus der Kabine.
Der Mann war klein, keine eins siebzig, und vermutlich leichtgewichtiger, als ihm lieb war. Durch den militärisch kurzen Bürstenschnitt seiner blonden Haare schimmerte die Kopfhaut in exakt dem grellen Pinkton der Hello-Kitty-Handtasche, die meine Tochter Katy als Kind besessen hatte.
Mr. Bürstenschnitt trug schwarze Hosen und ein blendend weißes Hemd mit den so ziemlich größten Schulterklappen, die ich je gesehen hatte. Auf der linken Brustseite prangte ein Messingschildchen und der gleiche goldene Stern wie am Wagen.
Ich stieg aus und mitten hinein in eine windstille Hitze, die meine Schweißdrüsen umgehend zu Höchstleistungen animierte. Stumm betete ich dafür, dass die Angelegenheit rasch beendet sein würde.
Während er näher kam, stülpte sich der Deputy die Mütze auf den Kopf und korrigierte zweimal ihren Sitz. Der schwarze Schirm der Kappe hätte einen ganzen Schulhof beschatten können. Ich schützte meine Augen mit der Hand vor der Sonne und las die Aufschrift auf seinem Namensschild: F. Torgeson.
F. Torgeson blieb anderthalb Meter vor mir stehen und nickte flüchtig mit dem Kinn wie ein pickender Vogel. Sein Gesicht war stark gerötet, Wangen und Nase hätten dringend der Sonnencreme bedurft. Ich schätzte sein Alter auf vielleicht zwölf.
»Ma’am«, sagte er. Kein Lächeln, steinerne Miene.
»Deputy«, grüßte ich zurück und kramte meinen MCME-Ausweis hervor.
F. Torgeson studierte erst die kleine Plastikkarte, dann mein Gesicht.
»Anthropologin«, erklärte er mit ausdrucksloser Stimme.
»Das bin ich.« Für nähere Ausführungen war ich nicht in Stimmung. »Dr. Nguyen hat mich geschickt, um in einem Baum sterbliche Überreste zu begutachten.«
»Ja, Ma’am.«
»PSA nötig?«, erkundigte ich mich in der Hoffnung, bei der Hitze wenigstens auf Persönliche Schutzausrüstung verzichten zu können.
F. Torgeson runzelte die Stirn, sagte aber nichts.
»Muss ich mit Schlangen, Wespen, Schwarzen Witwen oder Giftefeu rechnen?«
»Nicht, dass ich wüsste, Ma’am.«
»Sind Sie direkt beim Baum gewesen?«, fragte ich mit einer gewissen Schärfe.
»Nur um die Leiter hinzubringen, Ma’am«, antwortete er und deutete mit einem Daumen über seine Schulter. »Dort. Bei der Eiche.«
Wortlos öffnete ich den Kofferraum meines Wagens und schnappte mir den Bergungskoffer.
»Nach Ihnen«, sagte ich zu F. Torgeson gewandt.
Unsere Schritte knirschten auf dem Splitt neben der Straße und verstummten, sobald wir das kniehohe Gestrüpp dahinter erreichten. Insekten stiegen auf, umschwirrten mein Gesicht und summten mir in den Ohren. Ab und an flog mir eins der Biester kamikazehaft ins Auge. Ich tat mein Bestes, die nervigen Viecher fortzuwedeln.
Der Geruch nach Öl, heißem Asphalt und sonnengedörrter Vegetation lag schwer in der Luft. Erste Schweißrinnsale liefen mir über den Rücken.
Aus der Nähe wirkte die Eiche mit ihren halb nackten Ästen, die in krallenartigen Zweigen endeten, fast urzeitlich. Die schorfige Rinde war teils schwarz, teils grün bemoost.
Gut drei Meter über dem Erdboden war der Anlass meines Besuchs an den Stamm genagelt. Bevor ich hochstieg, setzte ich den Koffer ab, machte einige Fotos mit meinem iPhone und betrachtete aufmerksam die vergrößerten Bilder.
Ein verblichener blauer Stoff war um das Objekt gewickelt und verdeckte die meisten Details. Aber unmittelbar unter einer abgetragenen alten Baseballcap konnte ich zwischen den tiefen Falten den Schwung eines Wangenknochens, die dunkle Vertiefung einer Augenhöhle und das Schimmern von vergilbtem Zahnschmelz ausmachen.
Unter dem Baum lag eine achtstufige Leiter, die ich gemeinsam mit F. Torgeson anhob, aufklappte und ausrichtete. Ich stieg hinauf, während er am Fuß bereitstand, den Augenzeugen zu spielen, sollte ich fallen.
Eine Sprosse. Zwei. Drei.
Irgendwo in der Ferne bellte ein Hund. Ansonsten nur das Geräusch meiner Stiefelsohlen auf dem Aluminium.
Auf halber Höhe hielt ich an. Verwundert.
Der Gestank von verwesendem Fleisch ist einzigartig – süß, ranzig, ekelhaft. Der Geruch, der hier in der heißen Mittagsluft hing, war zwar nur schwach, aber unverkennbar.
Ich zog einen Latexhandschuh aus der Gesäßtasche meiner Jeans, blies ihn auf und streifte ihn mir über die rechte Hand. Wahrscheinlich vollkommen übertrieben bei einem unbekannten Tierleichnam, aber was soll’s. Besser immer schön vorschriftsmäßig.
Zwei Sprossen später stieß ich auf Fliegen. Ihre Körper schillerten im Sonnenlicht blau-grün. Sie stoben auf und sausten umher, erbost über die Störung.
Auch ihre Anwesenheit hier oben in dieser Höhe verwunderte mich.
Ich vertrieb die Fliegen mit meiner Latexhand und erklomm die oberste Stufe.
Der erste ungehinderte Blick.
Ach du Scheiße!
Mein Zuhause in Charlotte ist Teil von Sharon Hall, einem Anwesen aus dem neunzehnten Jahrhundert ganz in der Nähe der Queens University, das in einen Eigentumswohnkomplex umgewandelt wurde. Zentrum der Anlage ist das Herrenhaus aus rotem Backstein mit breiter Veranda längs der Vorderseite, weißen Fensterläden sowie allerlei Giebeln und Säulen. Eine weit geschwungene Einfahrt führt durch ausgedehnte Rasenflächen, die von riesigen Magnolien beschattet werden. Ein unwissender Tourist hätte glauben können, hier wäre Vom Winde verweht gedreht worden.
Mein schlichtes Hüttchen liegt unmittelbar hinter der östlichen Einfassung des Geländes, neben einer knorrigen alten Kiefer. Der sonderbare zweigeschossige Minibau nennt sich Annex.
Doch Annex wozu? Das weiß niemand. Das Gebäude ist auf keinem historischen Plan des Grundstücks vermerkt. Es gibt das Herrenhaus, die Remise, Kräutergarten und Park. Aber keinen Annex. Ganz offensichtlich war das winzige Häuschen bloß eine nachträgliche Ergänzung zur eigentlichen Anlage.
Freunde und Verwandte machen sich immer einen Spaß daraus, über den ursprünglichen raison d’être meines Heims zu spekulieren. Gewächshaus? Räucherkammer? Puppenhaus der Kinder? Tabakschuppen? Gewöhnlich beteilige ich mich zwar an dem Ratespiel, habe mich aber nie ernsthaft für die einstigen Absichten des Bauherrn interessiert.
Die Wohnfläche des Annex beträgt keine hundertvierzig Quadratmeter. Der Wasserhahn in der Küche tropft. Zwei Treppenstufen sind windschief. Dennoch genügt mir das Ganze völlig. Schlafzimmer, Bad und Toilette oben. Küche, Ess- und Wohnzimmer unten.
Warum ein solches Häuschen mit maroden Wasserrohren und knarzenden Dielen, fragen Sie? Warum keine schicke Eigentumswohnung in einem Hochhaus wie die, als deren Miteigentümerin ich in Montreal eingetragen bin? Oder ein Townhouse mit moderner Elektrik, Sonos-Soundsystem und japanischem Dusch-WC?
Anhänglichkeit? Trägheit? Motivationsmangel? Meine Neigungen zur Selbstreflexion sind nicht ausgeprägt genug, um die Gründe für mein Hierbleiben näher zu erforschen. Vielleicht ist es ja auch einfach die Vorgeschichte, die mich hier festhält.
Als ich vor Ewigkeiten plötzlich alleine dastand und eine feste Adresse brauchte, bildete der Annex für mich eine brauchbare Zwischenlösung. Mein Plan lautete, mir in aller Ruhe etwas Größeres und Modernes zu suchen und dann umzuziehen. Wie sich herausstellte, gefiel mir das kleine Haus mit all seinen Mängeln und Nachteilen aber zu sehr.
Über die Jahre habe ich ein paar Dinge modifiziert. Das obere Geschoss ließ ich ausbauen, als Ryan und ich beschlossen, es mit dem Zusammenwohnen zu probieren. Für neue Küchengeräte habe ich tief in die Tasche gegriffen. Das Badezimmer wurde renoviert. Inzwischen denke ich gar nicht mehr daran auszuziehen. Na ja, zumindest nicht oft.
An diesem Abend saß ich um zwanzig vor acht in einem Gartenstuhl auf meiner kleinen Vorterrasse, müde, aber zufrieden mit dem Ergebnis meines Abstechers nach Stanly County. Das Fundstück, das mich noch immer verwirrte, wartete im MCME darauf, morgen früh analysiert zu werden.
Ich nippte an einem Perrier mit Eis und wünschte, es wäre Wodka mit Limette. Auch das eine lange Geschichte, die zwar wild bewegt, aber weder besonders originell noch schön war. Sagen wir einfach, dass für mich aller Alkohol dauerhaft verkorkt bleibt.
Auf meinem Schoß hatte sich Birdie zusammengerollt. Die meiste Zeit döste mein Kater, nur sporadisch hob er den Kopf, um halbherzig zu schnuppern – oder um mich daran zu erinnern, ihm weiter den Rücken zu streicheln.
Ryan hatte versprochen, um acht anzurufen. Ich freute mich schon darauf. Endlich konnten wir gemeinsam Pläne für seinen bevorstehenden Besuch schmieden.
Die Sonne stand tief, der Wind hielt sich zurück, brachte nur gelegentlich eine schwächliche Böe zustande. Das Gras, dessen Farbe derzeit von Grün zu Bronze wechselte, wogte bei jedem kraftlosen Puster sanft hin und her.
Hoch über mir stritten lautstark zwei Rotkardinäle – beides Männchen mit strahlend rotem Federkleid. Unklare Futterrechte? Ein Weibchen? Eine bevorzugte Stelle auf dem Ast? Worum es auch immer ging, beide Vögel vertraten ihre Meinung höchst entschieden.
Es war einer dieser samtenen Sommerabende, wie es sie nur in Dixie gab. Ich war froh, an diesem Abend keinerlei Verpflichtungen mehr zu haben, und fühlte mich komplett entspannt. Froh, weil Ryan bald bei mir sein würde.
Welcher Ryan, werden Sie fragen.
Lieutenant-Détective Andrew Ryan, der kürzlich seinen Abschied von der Mordkommission der Sûreté du Québec genommen hatte – der für die kanadische Provinz Quebec zuständigen Landespolizei. Ryan war groß, sexy à la jüngerer Harrison Ford in Französisch, und er war seit Jahrzehnten bei Ermittlungen der Cop an meiner Seite. Seit nicht ganz so lange auch privat mein Partner.
Kanada oder North Carolina? Einfach war es nicht, aber im Augenblick funktionierte es gerade recht gut.
Ryan und ich hatten uns seit fast zwei Wochen nicht gesehen. Ich war am MCME in Charlotte unabkömmlich gewesen. Ein Jäger, der Wachteln nachgestellt hatte, war auf Knochen gestoßen. Am Catawba River war ein menschlicher Torso angeschwemmt worden. Bei dem Speicherfund eines Schädels stellte sich heraus, dass es sich um das »ausgeliehene« Präparat eines Museums handelte.
Ryan wiederum hatte ein privater Ermittlungsauftrag nördlich der Grenze festgehalten. Im Wesentlichen bestand der in der Observation eines Angestellten, den man verdächtigte, eine familiengeführte Firma zu schröpfen. Ein entsetzlich öder Fall, aber durchaus typisch für das, womit er sich als Privatdetektiv seit seinem Abschied aus dem Dienst so beschäftigte.
Um fünf vor acht klingelte mein iPhone.
Oder besser gesagt, es sang. Albern, ich weiß. Katy zieht mich deshalb auch ständig auf. Trotzdem programmiere ich weiter musikalische Klingelzeichen auf meinem Handy. Zuletzt traf es Fleetwood Mac und ihre »Dreams«.
»Hey, Big Guy«, meldete ich mich in der sicheren Annahme, es wäre Ryan.
»Was?«, konterte Katy mit einem wohlvertrauten Schnauben. »Klaust du jetzt schon Rachel Feinstein ihre Comedynummern?«
»Wem?«
»Ach, schon gut.«
»Ich erwarte einen Anruf von Ryan«, brachte ich etwas kläglich zu meiner Verteidigung vor.
»Wie geht’s dem alten Dude?«
»Er ist nicht alt.«
»Okay, wie geht es dem Jungspund?«
»Gut.«
»Tut gut, ist gut.«
Katy neigte zum Sarkasmus. Mitunter hatte ich sogar eine Ahnung davon, was sie meinte.
»Was gibt’s?«, fragte ich. Lieber gleich zur Sache kommen.
»Bist du schon unterwegs?«
Das brachte mich ins Schlingern.
»Neiiin«, antwortete ich abwartend.
»Schön. Kannst du auf dem Weg noch irgendwo ein Baguette besorgen? Anscheinend ist Weißbrot ein Muss bei Muscheln. Wer hätte das gedacht?«
»Irgendein Spezielles?«, erkundigte ich mich, um Zeit zu gewinnen, den Kalender auf meinem Handy zu öffnen.
»Im Rezept steht, es soll knusprig sein. Gibt es etwa auch Baguettes, die nicht knusprig sind?«
Im Geiste schlug ich mir vor die Stirn.
Zwanzig Uhr. Essen mit Katy und Ruthie.
»Mach ich. Vermutlich komm ich dann aber etwas zu spät.«
»Kein Ding.«
»Wie läuft’s denn so mit Ruthie?«
»Darüber reden wir noch«, konterte sie kryptisch und legte auf.
So viel zu einem entspannten Abend nur für mich.
Ich eilte ins Haus, warf Birdie aufs Sofa, rannte hoch ins Schlafzimmer und streifte eine frische Kombi aus Jeans und T-Shirt über. Nachdem ich meinen äußerst fragwürdigen Pferdeschwanz hektisch neu gebunden hatte, schickte ich rasch eine knappe Nachricht an Ryan und hastete zurück ins Erdgeschoss.
Aus halb geschlossenen Augen verfolgte der Kater misstrauisch, wie ich sein Trockenfutter kontrollierte und den Trinkbrunnen auffüllte. Vielleicht war er aber auch einfach nur noch müde.
Ich schnappte mir Handtasche und Schlüssel und lief hinaus zum Wagen.
Hier in Charlotte legen wir Wert darauf, jedem Quadratzentimeter unserer Stadt einen eigenen Namen zu verpassen. Dilworth. South End. NoDa. Was die Stadtmitte betrifft, gehen die Meinungen auseinander. Manche sagen Uptown dazu, andere Downtown. Ein Thema, über das sich die Leute richtig in die Haare bekommen können. Friedlich, versteht sich.
Mein Viertel heißt Myers Park und lässt sich leicht beschreiben: Mit höchster Präzision gepflegte Gärten und Rasenflächen; Bürgersteige, das Pflaster aufgeworfen von Baumwurzeln, die älter sind als das Tal der Könige; und an jeder Ecke Kirchen – baptistische, presbyterianische, methodistische und katholische. Von den Kirchtürmen einmal abgesehen wirken diese frommen Anwesen alle wie das Campusgelände kleiner Colleges.
Der Charme von Myers Park fordert natürlich seinen Preis. Seine Südstaaten-Eleganz wird streng verteidigt gegen jeden Ansässigen, der sich mit abweichlerischen Ideen tragen könnte. Die Fensterläden orange streichen? Ausgeschlossen. Diese eine Weiden-Eiche fällen? Unter gar keinen Umständen. In puncto autoritäres Regelwerk hätten die feinen Damen der MP Homeowners’ Association selbst Stalin noch etwas beibringen können.
Wie die überwiegend traditionelle Architektur bereits vermuten lässt, ist die Einwohnerschaft vor allem weiß und christlich. Golfclub, Martinis um fünf, sonntags in die Kirche – diese Sorte. Vor Wahlen werben die Schilder in den Vorgärten meist für republikanische Kandidaten.
Warum ich in eine derart konservative Enklave gezogen bin? Nun, normalerweise wird die Stille in meinem Umfeld allenfalls von Rasenmähern, Laubbläsern und gelegentlichem Hundegebell gestört. Nennen Sie mich ruhig Langweilerin, schnalzen Sie krittelnd mit der Zunge. Was soll ich sagen? Mir gefällt diese gelassene Ruhe eben.
Katy wohnt etwa zehn Minuten entfernt in Elizabeth, dem einzigen Viertel in Charlotte, das nach einer Frau – wenn auch einer blaublütigen – benannt ist. Wenig später stieg ich nach kurzem Zwischenhalt an einem Lebensmittelladen, wo ich deren bestes Baguette erstand, die Stufen zu Katys Eingangsveranda hoch.
Mein Daumen hatte kaum die Klingel berührt, da öffnete meine Tochter bereits die Tür. Wirklich zerzaust waren ihre honigblonden Haare nicht, dafür waren sie viel zu kurz. Aber reichlich verwuschelt schon. Blieb nur die Frage, ob das modebewusster Ausdruck oder die Folge beträchtlicher Verärgerung war.
Die Anspannung in Katys Gesicht sprach für Letzteres.
»Hey«, sagte ich.
»Hey«, sagte sie.
Das war kein vertrauliches Warnsignal. So begrüßen sich die Menschen im Süden.
Katy hielt mir die Tür auf. Ich trat ein und folgte ihr den schmalen Flur hinunter in eine verblüffend geräumige Küche. Das Baguette legte ich auf den Tisch – der nur für zwei gedeckt war.
Das überraschte mich. Eigentlich hatten wir uns heute Abend zum Essen verabredet, damit ich Zeit mit der Enkelin meiner Schwester Harry verbringen konnte. Vielleicht sollte ich diesen Zweig des Familienstammbaums kurz ein wenig erläutern.
Meine jüngere Schwester Harriet Brennan Howard Daewood Crone hatte drei Ehen und drei Scheidungen hinter sich. Oder waren es vier? Um ehrlich zu sein, hatte ich aufgehört zu zählen, da sich ihre Leistungsbilanz in dieser Hinsicht jederzeit ändern konnte.
Harry lebt in Texas und hat aus der höchst einträglichen Ehe mit ihrem zweiten Mann Howard Howard einen erwachsenen Sohn. Christopher »Kit« Howard arbeitet in der Veterinärforschung und lebt auf einer Insel in der Nähe von Beaufort, North Carolina. Er hat zwei Töchter, die mit fünfzehn Jahre Abstand auf die Welt kamen. Go, Kit!
Victoria »Tory« Brennan ist die ältere der beiden Halbschwestern. Kit erfuhr erst von Torys Existenz, als die bereits vierzehn war. Dass sie auch Brennan mit Nachnamen heißt, ist ein absonderlicher Zufall. Der Brennan-Clan, dem Torys leider viel zu früh verstorbene Mutter entstammte, kam allerdings aus Massachusetts.
Anders als Tory entsprang Kits jüngere Tochter einer langen und relativ stabilen Beziehung. Molly-Ruth, die seit ihrer Geburt nur Ruthie genannt wurde, war inzwischen siebzehn und – Harry und Kit zufolge – von schlicht allem im Leben angenervt, was sie die Welt um sie herum auch permanent zu verstehen gab.
Irgendwann wurde die Großmutter-Vater-Tochter-Dynamik so unerträglich, dass Katy sich erbarmte und Ruthie einlud, den restlichen Sommer bei ihr in Charlotte zu verbringen. Ruthie stimmte erleichtert zu und war inzwischen seit zwei Wochen hier. Ich hatte eigentlich geglaubt, der Besuch würde gut laufen.
»Wo ist Ruthie?«, fragte ich.
»Weg.«
»Weg wohin?«
»Wenn ich das wüsste, hätte ich’s gesagt«, erwiderte Katy, nahm den Deckel vom kochenden Dampfgartopf und warf ihn auf die Arbeitsfläche. »In irgendeinen Kurs. In die Apotheke. In den Park, um sich einen Schuss zu setzen.«
»Was?«, platzte es unwillkürlich aus mir heraus.
»Vergiss es. Das hätte ich nicht sagen sollen.«
»Macht Ruthie Schwierigkeiten?«
»Ruthie ist Ruthie.«
»Und das heißt?« Ich ahnte zwar schon, was Katy sagen würde, wollte ihr aber Gelegenheit geben, den angestauten Frust abzulassen.
»Die Kleine treibt Launenhaftigkeit in bislang unbekannte Sphären.«
»Sie ist nicht mehr klein«, korrigierte ich.
»Genau. Und gegen so ein bisschen pubertäres Ihr-bringt-mich-alle-zum-Kotzen hätte ich ja auch gar nichts. Aber stattdessen quatscht sie rum wie eine Dreißigjährige. Weißt du, was ihr Lieblingsbuch ist?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Sleeping, Dreaming and Dying vom Dalai Lama.«
Katy holte ein Sieb von der Spüle, kehrte zum Herd zurück und schüttete Muscheln in den Topf.
Ich wartete darauf, dass sie fortfuhr.
»Was meinst du mit launenhaft?«, bohrte ich nach, als sie beharrlich schwieg.
»Im einen Moment ist alles Sonnenschein und Rosenduft, im nächsten macht sie beleidigt dicht. Wenn sie über irgendwas Bestimmtes reden will, dann quasselt sie dir ein Ohr ab. Wie sie sich von ihrem Freund getrennt hat. Wie sie wegen eines D+ in Algebra nur mit knapper Not die Abschlussprüfung geschafft hat. Was Bewusstseinsfindung bedeutet. Aber sobald ich die einfachste Nachfrage stelle, macht sie die Schotten dicht, als wäre ich ein Cop, der mit Gewalt ein Geständnis aus ihr herausquetschen will.«
»Kann schon anstrengend sein, mit so unberechenbaren Schwankungen umgehen zu müssen«, bemerkte ich und konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Meine Tochter war in diesem Alter selbst äußerst schnell reizbar gewesen. War es mitunter heute noch.
»Alles mit ihr ist ein beschissener Eiertanz.«
Katy schöpfte zwei Portionen Muscheln aus dem Topf und brachte die Schüsseln zum Tisch.
»Lass uns essen.«
Ich nahm Platz, riss ein Stück Baguette ab und butterte es. Dann klappte ich die erste Muschel auf und fischte das zarte graue Fleisch heraus.
Eine Weile aßen wir schweigend, und es war nur das Klappern der Schalen in der Abfallschüssel zu hören.
Ich sprach zuerst.
»Arbeitet Ruthie denn noch in der Notunterkunft?«
Einige Jahre zuvor war der Verlobte von Katy bei einem Einsatz für das Peace Corps in Afghanistan bei der Detonation eines improvisierten Sprengsatzes getötet worden, was sie in eine tiefe Krise gestürzt hatte. Als bloße Freundin besaß sie natürlich keinen Rechtsanspruch auf seine Hinterlassenschaft, doch er hatte ein Testament aufgesetzt, in dem er ihr eine hohe Summe vermachte. Dieses Geld hatte sie benutzt, um eine Wohltätigkeitsorganisation für obdachlose Veteranen zu gründen, die sie zu Ehren ihres toten Freunds Aaron Cooperton Foundation taufte. Wenig später entstand dann das Charles Anthony Hunt Center, ein Heim für Veteranen ohne feste Bleibe, benannt nach einem guten Freund von mir, der ebenfalls viel zu jung gestorben war.
Foundation und Notunterkunft bildeten bis heute Katys große Leidenschaft. Tag für Tag verbrachte sie viele Stunden damit, sich um die beiden Projekte zu kümmern.
»Mmm«, bestätigte Katy mit vollem Mund.
»Und das funktioniert?«
»Halbwegs.«
Einige Sekunden verrannen. Ich versuchte es noch einmal.
»Weigert sie sich noch immer, ein College in Erwägung zu ziehen?«
»Ja.«
»Finde ich okay.« Fand ich wirklich. Nicht jeder ist dazu bestimmt, diesen Weg zu gehen. Schon gar nicht direkt nach der Highschool.
Katy begnügte sich mit einem weiteren vagen »Mmm«.
»Sie kann es sich immer noch anders überlegen.«
»Denk ich nicht.«
Obwohl ich nicht ganz sicher war, was Katy damit meinte, beließ ich es dabei.
»Weißt du, ob Kit mit Ruthies Entscheidung einverstanden ist?«, fragte ich.
»Ruthie zufolge schon.«
»Und wie nimmt Harry das Ganze auf?«
Katys antwortete mit einem oskarreifen Schnauben. Diesmal war glasklar, was sie damit meinte.
Harry hatte ihre Ausbildung nach der Highschool abgebrochen und lieber getrunken und Partys gefeiert, als in winzigen Wohnheimzimmern zu hausen und Einführungsseminare ins Englische zu besuchen. Viele Lebensjahre, Ehen und berufliche Werdegänge später plagte sie noch immer der Makel, keinen College-Abschluss vorweisen zu können. Ruthies Weigerung, an die Uni zu gehen, ließ meine kleine Schwester daher zweifellos rotsehen.
Den restlichen Abend verbrachten wir mit unverfänglicheren Themen. Ich erzählte nichts von meinen verstümmelten Tierkadavern. Katy sprach nicht über ihre an Leib und Seele geschundenen Soldaten.
Angesichts der Ereignisse, die kurz darauf folgen sollten, erwies sich dieses beschauliche Zwischenspiel als gut getimte Wohltat.
Um zehn fuhr ich nach Hause.
Ryan hatte ich nicht gesprochen.
Und meine Großnichte nicht zu Gesicht bekommen....Ende der Leseprobe
