Durch Mark und Bein - Kathy Reichs - E-Book

Durch Mark und Bein E-Book

Kathy Reichs

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Beschreibung

Hochspannung garantiert!

Flug 228 der TransSouth Air ist über Swain County, North Carolina, abgestürzt, und die forensische Anthropologin Tempe Brennan wird mit der Identifikation der Opfer betraut. Ein grausiger Fund in der Nähe des Unglücksorts bringt sie auf die Fährte eines schrecklichen Verbrechens ... Auch in ihrem vierten Roman garantiert Kathy Reichs ihren Fans Nervenkitzel und Hochspannung – und eine Geschichte, die im wahrsten Sinne des Wortes Durch Mark und Bein geht.

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34DANKSAGUNGENNACHWORTKnochenjagd
ÜBER DIES BUCH12
Copyright

Mit Kragenknöpfchen sprengendem Stolz gewidmet:

Kerry Elisabeth Reichs, J. D., M. P. P., Duke University, Abschlussklasse 2000

Courtney Anne Reichs, B. A., University of Georgia, Abschlussklasse 2000

Brendan Christopher Reichs, B. A. (cum laude), Wake Forest University, Abschlussklasse 2000

Hurrraa!

1

Ich starrte die Frau an, die aussah, als würde sie durch die Bäume fliegen. Ihr Kopf war erhoben, das Kinn vorgereckt, die Arme nach hinten gestreckt wie bei der kleinen Chromgöttin auf dem Kühlergrill eines Rolls Royce. Aber die Dame in den Bäumen war nackt, und ihr Körper endete an der Taille. Blutbeschmierte Blätter und Zweige rankten sich um den leblosen Torso.

Ich sah mich um. Bis auf den schmalen Kiesweg, auf dem ich mein Auto abgestellt hatte, gab es nichts als dichten Wald. Bei den Bäumen handelte es sich vorwiegend um Kiefern, und die wenigen Harthölzer waren wie Kränze, die den Tod des Sommers markierten; ihr Laub leuchtete in allen Schattierungen von Rot, Orange und Gelb.

Obwohl es jetzt, Anfang Oktober, in Charlotte noch heiß war, herrschte in dieser Höhe angenehmes Frühherbstwetter. Doch es würde bald kühl werden. Ich holte eine Windjacke vom Rücksitz, stand dann still da und lauschte.

Vogelgezwitscher. Wind. Das Rascheln kleiner Tiere. Dann, in der Entfernung, ein Mann, der einem anderen etwas zurief. Eine gedämpfte Antwort.

Ich band mir die Jacke um die Taille, schloss das Auto ab und machte mich auf den Weg in Richtung der Stimmen. Unter meinen Sohlen raschelten totes Laub und Fichtennadeln.

Nach zehn Metern kam ich an einem sitzenden Mann vorbei, der, die Knie gegen die Brust gedrückt, einen Laptop neben sich, an einem moosbewachsenen Stein lehnte. Ihm fehlten beide Arme, und ein Porzellankännchen ragte aus seiner linken Schläfe.

Auf dem Computer lag ein Gesicht, die Zähne von einer Spange umschlossen, die eine Braue von einem feinen Goldring durchstochen. Die Augen waren offen und die Pupillen geweitet, was dem Gesicht einen Ausdruck der Bestürzung verlieh. Ich musste schlucken und ging schnell weiter.

Nach wenigen Metern entdeckte ich ein Bein, der Fuß noch in einem Wanderstiefel. Das Glied war an der Hüfte abgerissen worden, und ich fragte mich, ob es zu dem Rolls-Royce-Torso gehörte.

Hinter dem Bein saßen nebeneinander und noch in ihren Sitzen angeschnallt zwei Männer, deren Hälse nur noch rote Stümpfe waren. Der eine hatte ein Bein übers andere geschlagen, als würde er eine Zeitschrift lesen.

Ich wanderte tiefer in den Wald hinein, und der Wind trug mir immer wieder zusammenhanglose Rufe zu. Ich musste Äste zurückbiegen und über Felsen und umgestürzte Bäume klettern, um mir einen Weg zu bahnen.

Gepäckstücke und Metallfragmente lagen zwischen den Bäumen. Die meisten Koffer waren aufgeplatzt, der Inhalt lag in zufälligen Mustern verstreut. Kleidungsstücke, Lockenstäbe und Elektrorasierer lagen zwischen Tuben und Fläschchen mit Handcreme, Shampoo, Rasierwasser und Parfum. Eine kleine Reisetasche hatte hunderte von stibitzten Hoteltoilettenartikeln ausgespuckt. Der Geruch von Drogerieprodukten mischte sich mit dem Duft von Kiefern und Bergluft. Aus der Entfernung kam eine Andeutung von Rauch.

Ich bewegte mich in einer tief eingeschnittenen Rinne, durch deren dichtes Blätterdach das Licht nur in Sprenkeln auf den Waldboden fiel. Es war kühl im Schatten, trotzdem stand mir der Schweiß auf der Stirn und klebte mir die Kleidung an die Haut. Mein Fuß verfing sich an einem Rucksack, ich stürzte und riss mir an einem von fallenden Trümmern abgetrennten Ast den Ärmel auf.

Einen Augenblick lag ich mit zitternden Händen da, mein Atem kam in abgehackten Stößen. Obwohl ich gelernt hatte, Emotionen zu unterdrücken, spürte ich, wie Verzweiflung in mir hochstieg. So viele Tote. Lieber Gott, wie viele werden es wohl sein?

Ich schloss die Augen, riss mich zusammen und stand wieder auf.

Eine Ewigkeit später stieg ich über einen verrottenden Baumstamm, umkreiste ein Rhododendrongebüsch, und da ich den entfernten Stimmen noch kein Stückchen näher gekommen zu sein schien, blieb ich stehen, um mich zu orientieren. Das gedämpfte Jaulen einer Sirene sagte mir, dass sich die Einsatzkräfte irgendwo hinter einem Kamm im Osten versammelten.

Wird Zeit, dass du dich ein bisschen besser über die Örtlichkeiten informierst, Brennan.

Aber ich hatte auch keine Zeit gehabt, viele Fragen zu stellen. Normalerweise sind diejenigen, die bei Flugzeugabstürzen oder ähnlichen Katastrophen als Erste zur Stelle sind, zwar voller guter Absichten, aber jämmerlich schlecht darauf vorbereitet, mit einem Unglück dieses Ausmaßes umzugehen. Ich war unterwegs gewesen von Charlotte nach Knoxville und bereits knapp vor der Staatsgrenze, als mich die Bitte erreichte, so schnell wie möglich zu dieser Unfallstelle zu kommen. Ich hatte auf dem I-40 gewendet, war nach Süden in Richtung Waynesville und dann westlich durch Bryson City gefahren, einem kleinen Ort in North Carolina, fast dreihundert Kilometer westlich von Charlotte, über achtzig Kilometer östlich von Tennessee und achtzig nördlich von Georgia. Dann war ich einer geteerten Bezirksstraße bis zu dem Punkt gefolgt, wo die staatliche Zuständigkeit endete, und schließlich über Kies bis zu einem Waldweg des Forest Service gefahren, der sich den Berg hochschlängelte.

Ab hier ging ich zu Fuß. Obwohl die Anweisungen, die man mir gegeben hatte, präzise gewesen waren, vermutete ich, dass es eine bessere Route gab, einen kleinen Wirtschaftsweg vielleicht, der einen näher an das angrenzende Tal heranbrachte. Ich überlegte, ob ich zum Auto zurückkehren sollte, beschloss dann aber weiterzugehen. Vielleicht waren diejenigen, die jetzt schon an der Unfallstelle waren, auch zu Fuß durch den Wald marschiert, wie ich es jetzt tat. Der Weg des Forest Service hatte ausgesehen, als würde er nur bis zu der Stelle führen, wo ich mein Auto abgestellt hatte.

Nach mühevoller Kletterei die Schluchtflanke hoch klammerte ich mich an den Stamm einer Douglas-Tanne, stellte einen Fuß auf den Rand und stemmte mich auf den Kamm. Als ich mich aufrichtete, starrte ich in die Knopfaugen einer Raggedy Ann. Die Puppe hing kopfüber, ihr Kleid hatte sich in den unteren Zweigen der Tanne verfangen.

Das Bild der Raggedy Ann meiner Tochter blitzte vor mir auf, und ich streckte die Hand nach der Puppe aus.

Halt!

Ich ließ den Arm sinken, denn ich wusste, dass jeder Gegenstand vor der Entfernung kartografiert und registriert werden musste. Erst dann konnte jemand dieses traurige Souvenir einfordern.

Von meiner Position auf dem Bergkamm hatte ich einen klaren Blick auf das, was vermutlich die Hauptabsturzstelle war. Ich sah eine halb in Erdreich und Trümmern vergrabene Turbine und kleinere Teile, die wahrscheinlich Fragmente von Landeklappen waren. Ein Teil des Rumpfs lag mit aufgeplatzter Unterseite da, sodass es fast aussah wie eine Schnittskizze in einem Handbuch für Modellflugzeuge. Durch die Fenster konnte ich Sitze erkennen, einige besetzt, die meisten leer.

Trümmer und Leichenteile bedeckten die Landschaft wie achtlos weggeworfener Müll. Von meinem Standpunkt aus hoben sich die mit Haut bedeckten Körperteile grellbleich von dem Hintergrund aus Waldboden, Eingeweiden und Flugzeugteilen ab. Gegenstände hingen in den Bäumen oder lagen verdreht und verbogen auf Zweigen und Laubwerk. Gewebe. Drähte. Blechteile. Isolierung. Spritzgussplastik.

Die örtlichen Behörden waren bereits zur Stelle, sicherten die Unfallstelle und suchten nach Überlebenden. Ich sah Gestalten, die mit gesenkten Köpfen zwischen den Bäumen umhergingen, und andere, die am äußeren Rand des Schrottfelds Absperrbänder spannten. Sie trugen gelbe Jacken mit der Aufschrift Swain County Sheriff’s Department auf dem Rücken. Wieder andere wanderten einfach herum oder standen in Gruppen beisammen und rauchten, redeten oder starrten ins Leere.

Auf der mir entgegengesetzten Seite sah ich rote, blaue und gelbe Lichter durch die Bäume blitzen. Dort also musste der Zufahrtsweg sein, den ich nicht gefunden hatte. Ich stellte mir vor, wie schon morgen früh diese Straße verstopft sein würde von Polizeiwagen, Feuerwehrautos, Bergungslastern und den Fahrzeugen von freiwilligen Helfern.

Der Wind drehte sich, und der Rauchgeruch wurde stärker. Ich drehte mich um und sah eine dünne schwarze Rauchsäule hinter dem nächsten Kamm aufsteigen. Mein Magen zog sich zusammen, denn ich war nahe genug am Geschehen, um einen anderen Geruch zu bemerken, der sich unter den scharfen, beißenden Rauchgestank mischte.

Als forensische Anthropologin ist es meine Aufgabe, gewaltsame Todesfälle zu untersuchen. Im Auftrag von coroners und medical examiners, so genannten MEs, den obersten beamteten Leichenbeschauern der diversen Countys, habe ich hunderte von Brandopfern untersucht, ich kenne also den Geruch von verkohltem Fleisch. In der Nachbarschlucht brannten Menschen.

Ich schluckte und konzentrierte mich wieder auf die Bergungsarbeiten. Einige, die bis jetzt tatenlos herumgestanden hatten, bewegten sich nun über das Gelände. Ich sah einen Deputy des Sheriffs, der sich bückte und den Schrott zu seinen Füßen untersuchte. Er richtete sich wieder auf, und in seiner linken Hand blitzte ein Gegenstand. Ein anderer Deputy hatte angefangen, Trümmer zu einem Haufen zu stapeln.

»Scheiße!«

Ich suchte mir einen Weg nach unten, wobei ich mich an Büschen festhielt und im Zickzack zwischen Felsen und Bäumen hin und her lief, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Der Abhang war steil, und jedes Stolpern konnte einen Sturz bedeuten.

Zehn Meter vom Talboden entfernt trat ich auf ein Blech, das unter mir wegrutschte, sodass ich durch die Luft segelte wie ein Snowboarder bei einem Sprung. Ich landete hart und kullerte den Abhang hinunter, in meinem Schlepptau eine kleine Lawine aus Kieseln, Ästen, Blättern und Kiefernzapfen.

Um meinen Sturz zu bremsen, grapschte ich nach einem Halt, schürfte mir dabei die Handflächen auf und brach mir ein paar Fingernägel ab, bevor meine Hand etwas Festes traf und die Finger sich darum schlossen. Ich spürte einen Stich im Handgelenk, als mein Körpergewicht und die Wucht der plötzlichen Verzögerung daran zerrten.

Einen Augenblick lang hing ich so da, drehte mich dann zur Seite, zog mich mit beiden Händen hoch und brachte mich in eine sitzende Position. Ohne den Griff meiner Hände zu lockern, schaute ich nach oben.

Der Gegenstand, an den ich mich klammerte, war eine lange Eisenstange, die von einem Felsen an meiner Hüfte hochragte zu einem gekappten Baum etwa einen Meter über mir. Ich stellte die Füße auf, prüfte die Festigkeit des Untergrunds und zog mich in eine aufrechte Position. Dann wischte ich mir die blutigen Hände an der Hose ab, verknotete die Jacke neu und kletterte weiter abwärts.

Am Talboden beschleunigte ich meine Schritte. Obwohl sich meine terra alles andere als firma anfühlte, war zumindest die Schwerkraft jetzt auf meiner Seite. Am abgesperrten Bereich hob ich das Band und kroch hindurch.

»He, Lady. Nicht so schnell.«

Ich blieb stehen und drehte mich um. Der Mann, der das gesagt hatte, trug eine Jacke des Swain County Sheriff’s Department.

»Ich gehöre zum DMORT.«

»Was zum Teufel ist DMORT?« Barsch.

»Ist der Sheriff vor Ort?«

»Wer will das wissen?« Das Gesicht des Deputys war starr, sein Mund zu einer harten, schmalen Linie zusammengekniffen. Eine orangefarbene Jagdkappe hatte er tief über die Augen gezogen.

»Dr. Temperance Brennan.«

»Wir brauchen hier keine Ärzte mehr.«

»Ich soll die Opfer identifizieren.«

»Können Sie sich ausweisen?«

Bei derartigen Katastrophen hat jede Regierungsbehörde spezifische Aufgaben. Das Office of Emergency Preparedness, OEP, quasi die Aufsichtsbehörde bei Notfalleinsätzen, organisiert und führt das National Disaster Medical System, NDMS, den nationalen Dienst für Notfallmedizin, der sich sowohl um medizinische Versorgung wie um Opferidentifikation und den Komplex der Leichenbeschau kümmert, falls Tote in großer Zahl zu beklagen sind.

Um diese Aufgabe erfüllen zu können, hat das NDMS das Disaster Mortuary Operational Team, DMORT, also das Leichenbeschauungsteam für den Katastropheneinsatz, und das Disaster Medical Assistance Team, DMAT, also das Medizinische Hilfsteam für den Katastropheneinsatz, geschaffen. Bei offiziell erklärten Katastrophen kümmert sich das DMAT um die Bedürfnisse der Lebenden, während das DMORT sich mit den Toten beschäftigt.

Ich zog meinen NDMS-Ausweis aus der Tasche und gab ihn dem Deputy.

Er musterte die Karte und nickte dann in die Richtung des Flugzeugrumpfs.

»Der Sheriff ist bei den Einsatzleitern der Feuerwehr.« Seine Stimme klang brüchig, und er wischte sich mit der Hand über den Mund. Dann senkte er den Blick und ging davon; offensichtlich war es ihm peinlich, dass er Gefühle gezeigt hatte.

Das Verhalten des Deputys überraschte mich nicht. Auch die zähesten und fähigsten Polizisten und Bergungsspezialisten sind mental nie auf ihren ersten »Großen« vorbereitet, so umfangreich ihre Ausbildung und ihre Erfahrung auch sein mögen.

»Große« – Großunfälle, so nennt die National Transportation Safety Board, NTSB, die Nationale Verkehrssicherheitsbehörde, solche Abstürze. Ich war mir nicht ganz sicher, welche Bedingungen ein Notfall erfüllen musste, um als »Großer« zu gelten, aber ich hatte bei mehreren mitgearbeitet und wusste eins mit Bestimmtheit: Jeder war ein Horror. Auch ich war nie darauf vorbereitet und spürte wie der Deputy das Entsetzen. Nur hatte ich gelernt, es nicht zu zeigen.

Auf meinem Weg zum Rumpf kam ich an einem Deputy vorbei, der eben eine Leiche zudeckte.

»Nehmen Sie das weg«, befahl ich.

»Was?«

»Decken Sie sie nicht zu.«

»Wer sagt das?«

Ich zeigte auch ihm meine Karte.

»Aber sie liegen alle offen da.« Seine Stimme klang tonlos, wie von einem Computer.

»Alles muss so bleiben, wie es ist.«

»Wir müssen etwas tun. Es wird langsam dunkel. Bären werden diese –«, er suchte nach dem richtigen Wort, » – Leute wittern.«

Ich hatte gesehen, was Bären mit einer Leiche anrichten konnten, und hatte durchaus Verständnis für die Sorgen des Mannes. Trotzdem musste ich ihn stoppen.

»Alles muss fotografiert und registriert werden, bevor man etwas verändern kann.«

Mit schmerzhaft verkniffenem Gesucht knüllte er die Decke mit beiden Händen zusammen. Ich wusste genau, was er empfand. Den Drang, etwas zu tun, ohne recht zu wissen, was. Das Gefühl der Hilflosigkeit inmitten einer überwältigenden Tragödie.

»Bitte geben Sie die Anweisung aus, dass alles genau so bleiben muss. Und dann suchen Sie nach Überlebenden.«

»Das soll wohl ein Witz sein.« Sein Blick wanderte über die Szene um uns herum. »So etwas kann doch niemand überleben.«

»Falls noch irgendjemand am Leben ist, hat derjenige mehr von den Bären zu befürchten als diese Leute hier.« Ich deutete auf die Leiche zu seinen Füßen.

»Und den Wölfen«, fügte er mit dumpfer Stimme hinzu.

»Wie heißt der Sheriff?«

»Crowe.«

»Welcher ist es?«

Er schaute zu einer Gruppe in der Nähe des Rumpfes.

»Da drüben. Groß, grüne Jacke.«

Ich ließ ihn stehen und eilte auf Crowe zu.

Der Sheriff studierte mit einem halben Dutzend Feuerwehrmännern, die, ihren Uniformen nach zu urteilen, aus mehreren Countys kamen, eine Karte.

Trotz gesenkten Kopfes überragte Crowe noch alle anderen. Die Schultern unter der Jacke wirkten breit und hart und ließen auf regelmäßiges Krafttraining schließen. Ich hoffte, dass ich nie mit Sheriff Gebirgsmacho aneinander geraten würde.

Als ich mich näherte, hielten die Feuerwehrmänner inne und schauten in meine Richtung.

»Sheriff Crowe?«

Crowe drehte sich um, und ich sah sofort, dass Machismo hier kein Problem sein würde.

Sie hatte hohe, breite Wangen und eine zimtfarbene Haut. Die Haare, die unter ihrem flachkrempigen Hut hervorlugten, waren kraus und karottenrot. Was mich aber vor allem faszinierte, waren ihre Augen. Die Iris hatte die Farbe des Glases alter Colaflaschen. Betont von orangebraunen Lidern und Brauen und in prägnantem Kontrast zu ihrer dunklen Haut war dieses blasse Grün ganz außerordentlich. Ich schätzte sie auf etwa vierzig.

»Und Sie sind?« Die Stimme war tief und rau und ließ darauf schließen, dass ihre Besitzerin keine Mätzchen duldete.

»Dr. Temperance Brennan.«

»Und Sie haben einen Grund, hier zu sein?«

»Ich gehöre zum DMORT.«

Wieder mein Ausweis. Sie musterte die Karte und gab sie mir dann zurück.

»Ich hörte die Nachricht von dem Absturz auf dem Weg von Charlotte nach Knoxville. Als ich Earl Bliss anrief, den Leiter des Region-Vier-Teams, bat er mich, hierher zu fahren und nachzusehen, ob Sie Hilfe brauchen.«

Ein bisschen diplomatischer formuliert als Earls eigentliche Aussage.

Einige Sekunden erwiderte die Frau überhaupt nichts. Dann wandte sie sich wieder den Feuerwehrmännern zu, sagte ein paar Worte, und die Männer zerstreuten sich. Sie schloss die Lücke zwischen uns und streckte die Hand aus. Ihr Griff konnte Knochen brechen.

»Lucy Crowe.«

»Bitte nennen Sie mich Tempe.«

Sie spreizte die Füße, verschränkte die Arme und betrachtete mich mit ihren Colaflaschen-Augen.

»Ich glaube nicht, dass eine der armen Seelen noch medizinische Hilfe benötigt.«

»Ich bin forensische Anthropologin, keine Ärztin. Sie haben nach Überlebenden gesucht?«

Sie nickte mit einem einfachen Hochreißen des Kopfes, eine Geste, wie ich sie in Indien gesehen hatte. »Ich dachte mir schon, dass so etwas eine Herzensangelegenheit des MEs ist.«

»Das ist allen eine Herzensangelegenheit. Ist das NTSB schon da?« Die Verkehrssicherheitsbehörde war immer ziemlich schnell zur Stelle.

»Sind unterwegs. So ziemlich jede Behörde und jeder Verein auf dem Planeten haben sich angemeldet. MTSB, FBI, ATF, Rotes Kreuz, FAA, Forest Service, Tennessee Valley Authority, Innenministerium. Würde mich nicht überraschen, wenn der Papst selbst über den Wolf Knob da hinten geritten kommen würde.«

»Innenministerium und Tennessee Valley Authority?«

»Der Großteil des Landes hier ist Staatsgrund, ungefähr fünfundachtzig Prozent als Nationalpark, fünf Prozent als Reservat. Wir sind auf dem Big Laurel, wie man die Gegend hier nennt. Bryson City liegt im Nordwesten, dahinter der Great Smoky Mountains National Park. Das Reservat der Cherokee liegt im Norden, das Nantahala Game Land and National Forest im Süden.«

Ich schluckte, um den Druck in meinen Ohren zu lösen.

»Wie hoch sind wir hier?«

»Vierzehnhundert Meter.«

»Ich will Ihnen nicht sagen, wie Sie Ihre Arbeit tun müssen, Sheriff, aber es gibt einige Leute, die Sie vielleicht lieber draußen ha –«

»Den Versicherungsvertreter und den Winkeladvokaten, ich weiß schon. Lucy Crowe lebt zwar auf einem Berg, aber sie kommt auch manchmal runter.«

Das bezweifelte ich nicht. Ich war mir außerdem sicher, dass bei Lucy Crowe niemand eine freche Lippe riskierte.

»Dürfte wahrscheinlich auch gut sein, die Presse draußen zu halten.«

»Wahrscheinlich.«

»Sie haben Recht wegen des MEs, Sheriff. Er wird bald hier sein. Aber der Notfallplan von North Carolina verlangt bei einem ›Großen‹ einen Einsatz des DMORT.«

Ich hörte einen gedämpften Knall, gefolgt von lauten Befehlen. Crowe nahm den Hut ab und fuhr sich mit dem Ärmel über die Stirn.

»Wie viele Feuer brennen noch?«

»Vier. Wir kriegen sie alle gelöscht, aber es ist knifflig. Der Berg ist zu dieser Jahreszeit ziemlich trocken.« Sie klopfte sich mit dem Hut auf einen Schenkel, der so muskulös war wie ihre Schultern.

»Ich bin mir sicher, dass Ihre Teams ihr Bestes geben. Sie haben das Areal gesichert und kümmern sich um die Feuer. Wenn es keine Überlebenden gibt, kann man sonst nichts tun.«

»Für so etwas sind sie eigentlich gar nicht ausgebildet.«

Über Crowes Schulter sah ich, dass ein alter Mann in einer Jacke, die ihn als freiwilligen Helfer auswies, in einem Haufen Schrott stocherte. Ich entschied mich für den taktvollen Weg. »Ich bin mir sicher, Sie haben Ihren Leuten gesagt, dass eine Absturzstelle behandelt werden muss wie der Tatort eines Verbrechens. Nichts darf verändert werden.«

Sie zeigte mir ihr typisches, nach oben gerichtetes Nicken.

»Sie sind wahrscheinlich frustriert, weil sie helfen wollen, aber nicht so recht wissen, wie. Eine Erinnerung kann nie schaden.«

Ich deutete zu dem Stocherer.

Crowe fluchte leise und ging dann mit Schritten wie eine Olympionikin zu dem Freiwilligen. Der Mann ging davon, und gleich darauf war der Sheriff wieder bei mir.

»So etwas ist nie einfach«, sagte ich. »Wenn das NTSB eintrifft, werden sie die Verantwortung für die ganze Operation übernehmen.«

»Ja.«

In diesem Augenblick klingelte Crowes Handy. Ich wartete, während sie sprach.

»Der Nächste, der hiervon Wind bekommen hat und sich ankündigt«, sagte sie und hakte das Handy an den Gürtel. »Charles Hanover, Vorstandsvorsitzender der TransSouth Air.«

Ich war zwar noch nie mit der TransSouth geflogen, hatte aber von ihr gehört, eine kleine regionale Fluggesellschaft, die ungefähr ein Dutzend Städte in den Carolinas, Georgia und Tennessee mit Washington, D. C., verband.

»Ist das eine ihrer Maschinen?«

»Flug 228 verließ mit Verspätung Atlanta mit dem Ziel Washington, D. C. Stand vierzig Minuten auf dem Rollfeld, startete um zwölf Uhr fünfundvierzig. Die Maschine befand sich in einer Höhe von ungefähr fünfundzwanzigtausend Fuß, als sie um ein Uhr sieben von den Radarschirmen verschwand. Mein Büro wurde gegen zwei alarmiert.«

»Wie viele an Bord?«

»Die Maschine war eine Fokker-100 mit zweiundachtzig Passagieren und sechs Mann Besatzung. Aber das ist noch nicht das Schlimmste.«

Ihre nächsten Worte kündigten den Albtraum der kommenden Tage an.

2

»Die Fußballteams der University of Georgia?«

Crowe nickte. »Hanover sagte, dass sowohl die Männer wie die Frauen zu Spielen irgendwo in der Nähe von Washington fliegen wollten.«

»Mein Gott.« Bilder blitzten vor mir auf. Ein abgetrenntes Bein. Ein Gebiss mit Zahnspange. Eine junge Frau in einem Baum.

Plötzlich packte mich die Angst.

Meine Tochter Katy studierte in Virginia, besuchte aber oft ihre Freundin in Athens, der Heimatstadt der University of Georgia. Lija hatte ein Sportstipendium. War es Fußball?

O Gott. Meine Gedanken rasten. Hatte Katy etwas von einer Reise gesagt? Wann waren ihre Semesterferien? Ich widerstand dem Drang, nach meinem Handy zu greifen.

»Wie viele Studenten?«

»Zweiundvierzig Passagiere buchten über die Universität. Hanover glaubt, dass die meisten davon Studenten waren. Neben den Sportlern waren wohl noch Betreuer, Trainer, Freunde und Freundinnen an Bord. Vielleicht ein paar Fans.« Crowe fuhr sich mit der Hand über den Mund. »Das Übliche.«

Das Übliche. Das Herz tat mir weh angesichts so vieler so junger Leute, die den Tod gefunden hatten. Dann kam mir ein anderer Gedanke.

»Die Medien werden sich darauf stürzen wie die Geier.«

»Das war auch Hanovers größte Sorge.« Crowes Stimme triefte vor Sarkasmus.

»Wenn die NTSB übernimmt, wird die sich um die Presse kümmern.«

Und um die Familien, fügte ich nicht hinzu. Auch die würden hier sein, würden jammern und sich in die Arme fallen, und während die einen mit entsetzten Augen einfach nur starren würden, würden andere sofortige Antworten verlangen, ihren unerträglichen Kummer hinter Aggressivität verbergen.

In diesem Augenblick knatterten Rotoren, und wir sahen einen Helikopter, der im Tiefflug über die Bäume herankam. Neben dem Piloten entdeckte ich eine vertraute Gestalt, hinten saß noch eine weitere Silhouette. Der Hubschrauber kreiste zweimal und flog dann in die entgegengesetzte Richtung zu der Stelle, wo ich die Straße vermutete, davon.

»Wo wollen die hin?«

»Wenn ich das wüsste. Wir sind hier oben mit Landeplätzen nicht gerade gesegnet.« Crowe senkte den Blick, setzte den Hut wieder auf und schob sich dabei fast verlegen ihre krausen Haare zurecht.

»Kaffee?«

Dreißig Minuten später betrat der Chief ME, der Oberste Leichenbeschauer des Staates North Carolina, gefolgt vom Vizegouverneur, das abgesperrte Areal. Ersterer trug die übliche Einsatzuniform, bestehend aus Stiefeln und Khakis, Letzterer einen Geschäftsanzug. Ich sah ihnen zu, wie sie sich einen Weg durch die Trümmer bahnten, wobei der Pathologe sich bereits einschätzend umsah, der Politiker jedoch den Kopf gesenkt hielt und sich so dünn wie möglich machte, als würde jeder Kontakt mit seiner Umgebung ihn zum Beteiligten machen und nicht nur zum Beobachter. Sie blieben stehen, der ME sprach mit einem Deputy. Der Mann zeigte in unsere Richtung, und die beiden kamen auf uns zu.

»O Mann. Was für eine fotogene Szenerie.« Crowe sagte das mit demselben Sarkasmus, den sie schon gegen Hanover, den Vorstandsvorsitzenden von TransSouth Air, gerichtet hatte.

Crowe zerdrückte ihren Styroporbecher und knallte ihn in eine Isoliertasche. Ich gab ihr meinen und wunderte mich dabei über die Heftigkeit ihrer Ablehnung. Hatte sie etwas gegen die Politik des Vizegouverneurs, oder gab es einen persönlichen Zwist zwischen Lucy Crowe und Parker Davenport?

Als die Männer dann bei uns waren, zeigte der ME seinen Ausweis. Crowe winkte ab.

»Nicht nötig, Doc. Ich weiß, wer Sie sind.«

Ich wusste es ebenfalls, denn ich hatte mit Larke Tyrell seit seiner Ernennung zum Obersten Leichenbeschauer von North Carolina zusammengearbeitet. Larke war herrschsüchtig und ein Zyniker, aber einer der besten Pathologen des Landes. Obwohl er mit einem unzureichenden Budget und desinteressierten Politikern arbeiten musste, hatte er sein Institut in einem chaotischen Zustand übernommen und daraus eine der besten forensischen Einrichtungen Amerikas gemacht.

Meine eigene Karriere hatte zur Zeit von Larkes Ernennung noch in den Kinderschuhen gesteckt, und ich hatte eben erst meine Zulassung durch das American Board of Forensic Anthropology erhalten. Wir lernten uns durch eine Arbeit kennen, die ich für das North Carolina State Bureau of Investigation übernommen hatte und bei der ich die Leichen von zwei Drogendealern, die von kriminellen Bikern ermordet und zerstückelt worden waren, wieder zusammensetzen und identifizieren musste. Ich war eine der Ersten gewesen, die Larke als konsultierende Spezialistin engagiert hatte, und seitdem kümmerte ich mich um die skelettierten, verwesten, mumifizierten, verbrannten und verstümmelten Toten von North Carolina.

Der Vizegouverneur streckte eine Hand aus und hielt sich mit der anderen ein Tuch vors Gesicht. Sein Gesicht hatte die Farbe eines Froschbauchs. Er sagte nichts, als wir uns die Hände schüttelten.

»Schön, dass Sie wieder im Lande sind, Tempe«, sagte Larke, der wie zuvor Crowe mit seinem Händedruck meine Finger schier zermalmte. Langsam beschlichen mich Zweifel am Sinn dieses Händeschüttelns.

Larkes »Im Lande«-Jargon war ein militärischer aus der Vietnam-Zeit, und sein Dialekt war reinstes Carolina. Geboren im Süden, war Larke in einer Familie mit langer Tradition in der Marineinfanterie aufgewachsen, und er selbst hatte zwei Dienstzeiten absolviert, bevor er sich dem Medizinstudium zuwandte. Er sprach und sah aus wie eine Hochglanzversion von Andy Griffith.

»Wann geht’s wieder nach Norden?«

»Die Herbstferien beginnen nächste Woche«, erwiderte ich.

Larke kniff die Augen zusammen und ließ den Blick noch einmal über das Areal schweifen.

»Ich fürchte, Quebec muss diesen Herbst ohne seine Anthropologin auskommen.«

Vor einem Jahrzehnt hatte ich an einem Fakultätsaustausch mit der McGill University teilgenommen. Während meiner Zeit in Montreal fing ich an, als Beraterin für das Laboratoire de Sciences Judiciaires et de Médecine Légale, Quebecs zentrales kriminologisches und gerichtsmedizinisches Institut, zu arbeiten. Am Ende meines Austauschjahrs hatte die Provinzverwaltung die Notwendigkeit eines dauerhaft für sie arbeitenden forensischen Anthropologen erkannt und deshalb eine Planstelle geschaffen, ein Labor eingerichtet und mich als feste Beraterin engagiert.

Seitdem pendle ich zwischen Quebec und North Carolina hin und her, unterrichte biologische Anthropologie an der UNC-Charlotte und fungiere als Beraterin für zwei Verwaltungsbezirke. Da meine Fälle meistens mit Leichen zu tun haben, die nicht mehr gerade taufrisch sind, hat dieses Arrangement bis jetzt gut funktioniert. Aber es besteht Übereinkunft zwischen beiden Seiten, dass ich für Aussagen vor Gericht oder in Krisensituationen sofort zur Verfügung stehe.

Eine Flugzeugkatastrophe war eindeutig eine solche Krisensituation. Ich versicherte Larke, dass ich meine Oktoberreise nach Montreal absagen würde.

»Wie sind Sie so schnell hierher gekommen?«

Wieder schilderte ich meine Fahrt nach Knoxville und das Telefonat mit dem Leiter des DMORT.

»Ich habe bereits mit Earl gesprochen. Morgen früh wird ein Team von ihm hier sein.« Larke sah Crowe an. »Die Jungs von der NTSB kommen heute Abend an. Bis dahin bleibt alles so, wie es ist.«

»Ich habe diesen Befehl bereits ausgegeben«, sagte Crowe. »Die Gegend ist ziemlich unzugänglich, aber ich stelle noch zusätzliche Wachen auf. Das größte Problem dürften Tiere sein. Vor allem, wenn diese Leichen anfangen zu verwesen.«

Der Vizegouverneur machte ein komisches Geräusch, drehte sich um und taumelte davon. Ich sah, wie er sich gegen einen Berglorbeer stützte und sich übergab.

Larke fixierte uns mit einem ernsten Blick und schaute dabei von Crowe zu mir.

»Ladys, Sie machen einen sehr schwierigen Job unendlich viel einfacher. Worte können gar nicht ausdrücken, wie froh ich über Ihre professionelle Einstellung bin.«

Blickwechsel.

»Sheriff, Sie schauen hier oben nach dem Rechten.«

Blickwechsel.

»Tempe, Sie fahren los und halten ihre Vorlesung in Knoxville. Dann suchen Sie sich zusammen, was Sie an Material brauchen, und melden sich morgen wieder bei mir. Sie werden eine Weile hier sein, also informieren Sie die Universität. Wir kümmern uns um eine Unterkunft für Sie.«

Fünfzehn Minuten später setzte ein Deputy mich bei meinem Auto ab. Ich hatte Recht gehabt, was eine bessere Zufahrtsroute anging. Fünfhundert Meter hinter der Stelle, wo ich geparkt hatte, zweigte ein Wirtschaftsweg von der Forest-Service-Straße ab. Der winzige Weg, der früher für den Holztransport benutzt wurde, schlängelte sich um den Berg herum und führte bis auf etwa hundert Meter an die Hauptabsturzstelle heran.

Jetzt säumten Fahrzeuge beide Seiten des Wirtschaftswegs, und auf unserer Fahrt bergabwärts kamen uns Neuankömmlinge entgegen. Bis zum Sonnenaufgang würden Straßen und Wege in der näheren Umgebung verstopft sein.

Kaum saß ich hinter dem Steuer, griff ich zu meinem Handy. Kein Signal.

Ich machte kehrt und fuhr in Richtung Bezirksstraße. Auf dem Highway 74 versuchte ich es dann noch einmal. Das Signal war wieder da, und ich drückte Katys Nummer. Nach viermaligem Läuten sprang der Anrufbeantworter an.

Jetzt hatte ich erst recht ein ungutes Gefühl. Ich hinterließ ihr eine Nachricht und schaltete dann in meinem Kopf das Band mit der Predigt »Spiel jetzt bloß nicht die Idiotenmutter« ein. In der folgenden Stunde versuchte ich mich auf die bevorstehende Präsentation einzustimmen, und das Schlachtfeld, das ich eben verlassen hatte, ebenso zu verdrängen wie das Grauen, das mir am nächsten Tag bevorstehen würde. Konzentrieren konnte ich mich trotzdem nicht. Immer wieder tauchten Bilder von schwebenden Gesichtern und abgetrennten Gliedmaßen vor meinem inneren Auge auf.

Ich versuchte es mit dem Radio. Jeder Sender brachte Berichte über den Absturz. Reporter sprachen ehrfürchtig vom Tod junger Sportler und spekulierten mit getragener Stimme über mögliche Ursachen. Da das Wetter offensichtlich keine Rolle gespielt hatte, kreisten die Hypothesen vorwiegend um Sabotage und technische Defekte.

Als ich hinter Crowes Deputy hermarschiert war, hatte ich am anderen Ende der Unglücksstelle eine Linie von Bäumen mit abgetrennten Spitzen entdeckt. Obwohl ich wusste, dass diese Linie die Absturzrichtung der Maschine markierte, weigerte ich mich, daraus bereits voreilige Schlüsse zu ziehen.

Ich bog auf den I-40 ein, wechselte wohl zum hundertsten Mal den Sender und stieß auf die Stimme eines Reporters, der aus einem Hubschrauber von einem Lagerhausbrand berichtete. Das Geräusch der Rotoren erinnerte mich an Larke, und ich bemerkte, dass ich nicht gefragt hatte, wo er und der Vizegouverneur gelandet waren. Ich beschloss, die Frage im Hinterkopf zu behalten.

Um neun wählte ich noch einmal Katys Nummer.

Wieder keine Antwort. Noch einmal das Band.

Als ich in Knoxville ankam, checkte ich im Hotel ein, rief meinen Gastgeber in der Universität an und aß dann das gegrillte Hähnchen, das ich mir in einem Bojangles-Restaurant am Stadtrand gekauft hatte. Danach rief ich meinen Ehemann, von dem ich getrennt lebe, in Charlotte an und bat ihn, er möge sich um meinen Kater Birdie kümmern. Pete war einverstanden, meinte aber, er würde mir Transport und Futter in Rechnung stellen. Auch er hatte seit Tagen nichts von Katy gehört. Nachdem er mir eine Miniversion meiner eigenen Predigt gehalten hatte, versprach er, er werde versuchen, sie zu erreichen.

Als Nächstes rief ich Pierre LaManche an, meinen Chef im Laboratoire de Sciences Judiciaires et de Médecine Légale, um ihm mitzuteilen, dass ich in den nächsten Wochen nicht nach Montreal kommen würde. Er hatte bereits Berichte über den Absturz gehört und meinen Anruf deshalb erwartet. Schließlich rief ich meinen Fakultätsdekan an der UNC-Charlotte an.

Nachdem all diese Verpflichtungen erledigt waren, brachte ich eine Stunde damit zu, Dias auszuwählen und sie in Rundmagazine zu stecken. Danach duschte ich und versuchte es noch einmal bei Katy. Ohne Erfolg.

Ich sah auf die Uhr. Elf Uhr vierzig.

Es geht ihr gut. Sie ist nur Pizza essen gegangen. Oder sie ist in der Bibliothek. Ja. Die Bibliothek. Dort war ich auch sehr oft gewesen, als ich noch studierte.

Ich brauchte sehr lange zum Einschlafen.

Am nächsten Morgen hatte Katy noch immer nicht zurückgerufen und nahm auch nicht ab. Ich probierte Lijas Nummer in Athens. Auch dort bat eine Roboterstimme um eine Nachricht.

Ich fuhr zur einzigen Anthropologiefakultät Amerikas, die sich in einem Football-Stadion befindet, und hielt eine der unkonzentrierteren Vorlesungen meiner Karriere. Der Gastgeber dieser Ringvorlesung erwähnte in seiner Einführung meine Zugehörigkeit zum DMORT und ließ auch die Bemerkung nicht aus, dass ich bei der Bergung der TransSouth Air mitarbeiten würde. Die anschließende Diskussion ging kaum auf meine Vorlesung ein, sondern konzentrierte sich auf den Absturz. Ein Frage-und-Antwort-Spiel, das ewig zu dauern schien.

Als die Zuhörer schließlich zu den Ausgängen drängten, kam eine Vogelscheuche von einem Mann mit Fliege und Strickjacke sowie einer Lesebrille an einer Kette vor der Brust direkt auf das Podium zu. Da wir in einem Fachgebiet mit nur wenigen Mitgliedern arbeiten, kennen die meisten Anthropologen sich untereinander, und man sieht sich immer wieder bei Treffen, Seminaren und Konferenzen. Mit Simon Midkiff hatte ich schon des Öfteren zu tun gehabt, und ich wusste, dass es ein längeres Gespräch geben würde, wenn ich nicht standhaft blieb. Deshalb schaute ich mit Nachdruck auf meine Uhr, packte meine Notizen zusammen und stieg vom Podium herunter.

»Hallo, Simon, wie geht’s?«

»Ausgezeichnet.« Seine Lippen waren aufgesprungen, seine Haut trocken und schuppig wie die eines toten Fisches, der in der Sonne liegt. Winzige Venen durchzogen das Weiß seiner von buschigen Brauen überschatteten Augen.

»Wie geht’s der Archäologie?«

»Ebenfalls ausgezeichnet. Da man ja von etwas leben muss, arbeite ich an mehreren Projekten für das Department of Cultural Resources in Raleigh. Aber den größten Teil meiner Zeit verbringe ich mit dem Organisieren von Daten.« Er lachte schrill und klopfte sich mit der Hand an die Wange. »Sieht so aus, als hätte ich im Verlauf meiner Karriere eine ganz außerordentliche Menge von Daten gesammelt.«

Simon Midkiff hatte 1955 in Oxford promoviert und war dann in die Vereinigten Staaten gekommen, um an der Duke eine Stelle anzunehmen. Aber der archäologische Überflieger publizierte nichts, und so war ihm sechs Jahre später die Ordination verweigert worden. Die University of Tennessee gab Midkiff eine zweite Chance, doch er schaffte wiederum keine Veröffentlichung und wurde auch dort nicht übernommen.

Da es ihm nie gelungen war, eine universitäre Festanstellung zu erreichen, hing Midkiff nun schon seit dreißig Jahren in der akademischen Peripherie herum, betrieb Archäologie auf Vertragsbasis und gab Kurse als Ersatzdozent an Colleges und Universitäten in den Carolinas und Tennessee, wenn dort Lücken gefüllt werden mussten. Er war berüchtigt dafür, Ausgrabungen durchzuführen und auch die verlangten Arbeitsberichte zu schreiben, es dann aber einfach nicht zu schaffen, seine Erkenntnisse und Ergebnisse zu veröffentlichen.

»Ich würde sehr gern mehr davon erfahren, Simon, aber ich fürchte, ich muss los.«

»Ja, verstehe. Was für eine furchtbare Tragödie. So viele, die in so jungen Jahren sterben mussten.« Er schüttelte traurig den Kopf. »Wo genau ist die Absturzstelle eigentlich?«

»Im Swain County. Und ich muss jetzt wirklich dorthin zurück.« Ich wandte mich zum Gehen, aber Midkiff machte einen Schritt zur Seite und versperrte mir mit einem seiner riesigen Hush Puppys den Weg.

»Wo genau in Swain County?«

»Südlich von Bryson City.«

»Geht das vielleicht noch ein bisschen genauer?«

»Die Koordinaten kann ich Ihnen nicht geben.« Ich verbarg meine Verärgerung nicht.

»Bitte verzeihen Sie mir meine Unverschämtheit. Ich bin gerade mit Ausgrabungen in Swain County beschäftigt, und ich mache mir Sorgen wegen möglicher Schäden am Areal. Wie egoistisch von mir.« Wieder das Kichern. »Entschuldigung.«

In diesem Augenblick kam mein Gastgeber zu uns.

»Darf ich?« Er wackelte mit einer kleinen Nikon.

»Sicher.«

Ich setzte mein schönstes Kodak-Lächeln auf.

»Ist für unser Fakultätsblatt. Die Studenten scheinen so was zu mögen.«

Er dankte mir für den Vortrag und wünschte mir alles Gute für die Bergung. Ich dankte ihm für die Gastfreundschaft, entschuldigte mich bei beiden Männern, nahm meine Dia-Magazine und eilte aus dem Saal.

Bevor ich Knoxville verließ, suchte ich mir ein Sportgeschäft und kaufte mir Stiefel, Socken und drei Khaki-Anzüge, von denen ich einen sofort anzog. In der Drogerie nebenan besorgte ich mir zwei Sets Baumwollunterwäsche. Es war nicht gerade meine Marke, aber sie erfüllten ihren Zweck. Nachdem ich Khakis und Unterwäsche in meiner Reisetasche verstaut hatte, fuhr ich wieder in Richtung Osten.

Die Appalachians, die in den Hügeln Neufundlands ihren Anfang nehmen, verlaufen parallel zur Ostküste von Norden nach Süden und teilen sich in der Nähe von Harpers Ferry, West Virginia, in die beiden Bergketten der Great Smoky Mountains und der Blue Ridge Mountains. Als eine der größten Hochlandregionen der Welt erheben sich die Great Smoky Mountains auf bis zu 2200 Meter am Clingmans Dome an der Grenze zwischen North Carolina und Tennessee.

Eine knappe Stunde hinter Knoxville hatte ich die Tennessee-Städte Sevierville, Pigeon Forge und Gatlinburg passiert und fuhr an der Ostflanke des Dome entlang, der mich wie immer mit seiner surrealen Schönheit beeindruckte. In Äonen von Wind und Regen geformt, durchqueren die Great Smokies den Süden als Abfolge von sanften Tälern und Gipfeln. Die Walddecke ist üppig, und ein Großteil davon ist Naturschutzgebiet. Das Nantahala. Das Pisgah. Das Cherokee. Der Great Smoky Mountains National Park. Das weiche, samtige Grün und der rauchige Dunst, der diesem Hochland seinen Namen gibt, schenken dieser Gegend einen unvergleichlichen Reiz. Eines der schönsten Fleckchen dieser Erde.

Tod und Zerstörung inmitten dieses traumhaften Liebreizes – was für ein grausiger Kontrast.

Kurz hinter Cherokee, schon in North Carolina, rief ich noch einmal bei Katy an. Keine gute Idee. Wieder nur ihr Anrufbeantworter. Wieder hinterließ ich eine Nachricht: Ruf deine Mutter an.

Ich versuchte, nicht an die vor mir liegende Arbeit zu denken. Ich dachte an die Pandas im Zoo von Atlanta, den Tabellenstand in der NBA für die Herbstrunde, die Gepäckausgabe im Flughafen von Charlotte. Warum ging es dort immer so langsam?

Ich dachte an Simon Midkiff. Was für ein komischer Kauz. Wie groß war die Chance, dass ein Flugzeug gerade auf seiner Ausgrabungsstätte abstürzen würde?

Da ich kein Radio hören wollte, legte ich eine CD von Kiri Te Kanawa ein und hörte zu, wie die Diva Lieder Irving Berlins sang.

Es war schon fast zwei, als ich mich der Absturzstelle näherte. Zwei Polizeifahrzeuge blockierten jetzt die Bezirksstraße knapp unterhalb der Einmündung der Forest-Service-Straße. Ein Mann der Nationalgarde dirigierte den Verkehr, winkte einige weiter den Berg hinauf und schickte andere wieder nach unten. Ich zeigte meinen Ausweis, und der Posten sah auf sein Klemmbrett.

»Ja, Ma’am. Sie sind auf der Liste. Parken Sie auf dem Sammelplatz.«

Er trat beiseite, und ich zwängte mich durch die Lücke zwischen den beiden Polizeiautos hindurch.

Der Sammelplatz, der auch als Treffpunkt dienen würde, war geschaffen worden aus einem Aussichtspunkt mit Wachturm zur Waldbrandkontrolle auf der rechten Seite der Straße und einer kleinen Wiese auf der linken Seite. Die Bergflanke war ein Stück weit abgetragen worden, um die Stellfläche zu vergrößern, und man hatte Kies gestreut, um Schlammbildung bei Regen zu verhindern. Auf diesem Platz würden Besprechungen stattfinden, und auch Angehörige würden dort betreut werden, solange noch keine reguläre Anlaufstelle für die Angehörigen eingerichtet war.

Unmengen von Menschen und Fahrzeugen drängten sich auf beiden Seiten der Straße. Einsatzwagen des Roten Kreuzes. TV-Transporter mit Satellitenschüsseln. Geländewagen. Pick-ups. Ein Gefahrenguttransporter. Ich zwängte meinen Mazda zwischen einen Dodge Durano und einen Ford Bronco, packte meine Tasche und schlängelte mich zwischen den Fahrzeugen hindurch zur Teerstraße.

Als ich gegenüber des Aussichtspunkts herauskam, bemerkte ich am Fuß des Wachturms, vor einem der Rot-Kreuz-Anhänger, einen klappbaren Schultisch. Eine riesige Kaffeemaschine glänzte im Sonnenlicht. Familienangehörige drängten sich um den Tisch, sie lagen sich in den Armen und stützten sich gegenseitig, einige weinten, andere waren starr und stumm. Viele hatten Styroporbecher in der Hand, einige sprachen in ihre Handys.

Ein Priester ging zwischen den Trauernden umher, streichelte Schultern und drückte Hände. Ich sah, wie er sich zu einer älteren Frau hinunterbeugte. Mit seinem krummen Rücken, der Glatze und der Hakennase erinnerte er mich an die Aas fressenden Vögel, die ich auf den Ebenen von Ostafrika gesehen hatte; ein unfairer Vergleich.

Plötzlich dachte ich an einen anderen Priester. Eine andere Totenwache. Die mitfühlende Allgegenwart dieses Mannes hatte mir auch noch die letzte Hoffnung genommen, dass meine Großmutter sich wieder erholen würde. Ich erinnerte mich an den Schmerz dieser Wache, und mein Herz fühlte mit denen, die sich hier versammelten, um auf ihre Toten zu warten.

Reporter, Kameraleute und Tontechniker wuselten an der Steinmauer, die den Aussichtspunkt begrenzte, umher, und jedes Team suchte sich den spektakulärsten Hintergrund für seine Live-Reportage. Wie bei dem Absturz der Swissair-Maschine 1999 in Peggy’s Cove, Nova Scotia, würden auch hier eindrucksvolle Panoramen einen großen Raum in jedem Bericht einnehmen, da war ich mir sicher.

Ich hängte mir die Tasche über die Schulter und marschierte hügelabwärts. Ein weiterer Posten der Nationalgarde kontrollierte mich am Anfang des Wirtschaftswegs, der über Nacht in eine zweispurige Kiesstraße verwandelt worden war. Jetzt führte ein Zugangsweg von dieser erweiterten Straße zu der Absturzstelle. Kies knirschte unter meinen Sohlen, als ich durch den frisch geschlagenen Tunnel aus Bäumen ging, und der noch schwache Gestank beginnender Verwesung mischte sich unter den Kiefernduft.

Dekontaminations-Anhänger und Chemieklos säumten Barrikaden, die den Zugang zur Hauptabsturzstelle versperrten, und innerhalb dieser Absperrung war ein Kommandozentrum errichtet worden. Ich sah den vertrauten NTSB-Anhänger mit seiner Satellitenschüssel und dem Generatorenschuppen. Daneben standen Kühllaster, und auf dem Boden lagen Stapel von Leichensäcken. Dieser Kühllaster würde als provisorische Verwahrstelle für die Leichen dienen, bevor sie in ein etwas permanenteres Operations-Leichenschauhaus transportiert wurden.

Schaufelbagger, Kräne, Löschfahrzeuge und Einsatzwagen standen über das Gelände verstreut. Ein einzelner Krankenwagen verriet mir, dass das offizielle Ziel der Operation nun nicht mehr »Suchen und Retten«, sondern »Suchen und Bergen« hieß. Der Zweck des Krankenwagens war nur noch die Versorgung verletzter Helfer.

Lucy Crowe stand innerhalb der Absperrung und sprach mit Larke Tyrell.

»Wie läuft’s?«, fragte ich.

»Mein Telefon steht nicht mehr still.« Crowe klang erschöpft. »Gestern Nacht hätte ich das verdammte Ding beinahe ausgeschaltet.«

Über ihre Schulter hinweg konnte ich sehen, wie Suchtrupps in Masken und Tyvek-Overalls sich in geraden Linien, die Augen auf den Boden geheftet, über das Trümmerfeld bewegten. Gelegentlich kauerte sich einer hin, inspizierte einen Gegenstand und markierte dann die Stelle. Hinter dem Team sprenkelten rote, blaue und gelbe Flaggen die Landschaft wie bunte Stecknadeln einen Stadtplan.

Andere Arbeiter in weißen Anzügen waren am Rumpf, der Flügelspitze und den Turbinen beschäftigt, sie fotografierten, machten sich Notizen und sprachen in winzige Diktiergeräte. Blaue Kappen identifizierten sie als Angehörige der NTSB.

»Die ganze Bande ist hier«, sagte ich.

»NTSB, FBI, SBI, FAA, ATF, CBS, ABC. Und natürlich der Vorstandsvorsitzende.«

»Das ist noch gar nichts«, sagte Larke. »Warten Sie noch einen oder zwei Tage.« Er zog einen Latexhandschuh vom Handgelenk zurück und sah auf seine Uhr.

»Die meisten Leute vom DMORT sind bei einer Besprechung im Operations-Leichenschauhaus, Tempe, es bringt also nichts, wenn Sie sich jetzt einen Overall überstreifen. Fahren wir lieber hin.«

Ich wollte etwas einwenden, aber er unterbrach mich.

»Wir gehen gemeinsam zurück.«

Während Larke zur Dekontamination ging, beschrieb Lucy mir den Weg zum Operations-Leichenschauhaus. Es war nicht nötig. Als ich auf der Bezirksstraße unterwegs war, hatte ich bereits entsprechende Aktivitäten bemerkt.

»Die Gebäude des Alarka Fire Department liegen ungefähr dreizehn Kilometer stadteinwärts. War früher mal eine Schule. Sie werden Schaukeln und Rutschen sehen und auf der Wiese daneben die Löschfahrzeuge.«

Auf unserem Marsch zurück zum Sammelplatz brachte der ME mich auf den neuesten Stand der Entwicklungen. Einer der wichtigsten Punkte war, dass das FBI einen anonymen Tipp über eine Bombe an Bord erhalten hatte.

»Ein braver Bürger war so freundlich, diese Information auch an CNN weiterzugeben. Die Medien stürzen sich natürlich darauf.«

»Zweiundvierzig tote Studenten machen aus dem hier ein Pulitzer-Ereignis.«

»Es gibt noch eine zweite schlechte Nachricht. Es dürften mehr als zweiundvierzig sein. Wie’s aussieht, haben mehr als fünfzig über die UGA gebucht.«

»Haben Sie die Passagierliste gesehen?« Ich brachte die Frage kaum heraus.

»Bei der Besprechung haben sie die bestimmt schon.«

Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter.

»O ja«, fuhr Larke fort. »Wenn wir hier Mist bauen, reißt uns die Presse in Stücke.«

Wir trennten uns und eilten zu unseren Autos. Irgendwo unterwegs fuhr ich offensichtlich in einen Empfangsbereich, und sofort piepste mein Handy. Ich stieg auf die Bremse, um das Signal nicht wieder zu verlieren.

Die Nachricht war vor statischem Rauschen kaum zu verstehen.

»Dr. Brennan, hier ist Haley Graham, Katys Zimmergenossin. Ähm. Ich habe Ihre Nachrichten abgehört, vier waren es, glaube ich. Und die von Katys Dad. Er hat auch ein paar Mal angerufen. Na ja, und dann habe ich von dem Absturz gehört, und …« Knistern. »Na ja, es ist so, dass Katy übers Wochenende weggefahren ist, und ich weiß nicht genau, wo sie ist. Ich weiß, dass Lija unter der Woche ein paar Mal angerufen hat, und ich mache mir Sorgen, weil Katy ja vielleicht zu ihr gefahren sein könnte. Ich bin mir sicher, dass das blöd ist, aber ich dachte mir, ich rufe Sie mal an und frage Sie, ob Sie inzwischen mit ihr gesprochen haben. Na ja . . .« Wieder Knistern. »Was soll’s. Ich klinge wie ein Spinner, aber ich würde mich besser fühlen, wenn ich wüsste, wo Katy ist. Okay. Wiederhören.«

Ich drückte sofort Petes Nummer. Er hatte noch immer nicht mit unserer Tochter gesprochen. Ich wählte noch einmal. Auch Lija ging noch immer nicht ans Telefon.

Kalte Angst breitete sich in mir aus und drückte mir aufs Brustbein.

Ein Pick-up hupte, damit ich ihm Platz machte.

Während der restlichen Fahrt sehnte ich die bevorstehende Besprechung ebenso sehr herbei, wie ich sie fürchtete, denn ich wusste ganz sicher, wie meine erste Frage lauten würde.

3

Eine der ersten Aufgaben des DMORT bei einer Katastrophe wie dieser ist die Errichtung eines Operations-Leichenschauhauses so nahe an der Unglücksstelle wie möglich. Bevorzugte Räumlichkeiten sind die Institute von und , Krankenhäuser, Leichenhallen, Bestattungsunternehmen, Hangars, Lagerhäuser und Arsenale der Nationalgarde.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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