Die Spürnasen sind zurück - TA Moore - E-Book

Die Spürnasen sind zurück E-Book

TA Moore

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Beschreibung

Cloister Witte und seine Hundestaffelpartnerin Bourneville finden Vermisste und bringen sie heim. Doch damit ist die Arbeit nicht immer beendet. Die junge Transfrau Janet Morrow liegt im Koma, seit sie sich während eines Unwetters von ihrem Auto entfernte. Dass Cloister sie finden konnte, bedeutet nicht, dass die junge Touristin auch heimgefunden hat. Was führte sie nach Plenty in Kalifornien … und wer wollte verhindern, dass sie den Ort wieder verließ? Mithilfe von Special Agent Javi Merlo, der seine zunehmenden Gefühle für den ungeschliffenen Deputy weiterhin leugnet, deckt Cloister ein zehn Jahre altes Komplott des Schweigens auf, das Plentys korrupte Vergangenheit eröffnet. Janet Morrows alte Geheimnisse sind nicht die einzigen, die ans Licht kommen. Obwohl Javi seine Vergangenheit hinter sich gelassen hat, scheinen einige Menschen fest entschlossen zu sein, seine Leichen aus dem Keller zu zerren. Seine finstere Vergangenheit mit einem hochrangigen Agenten in Phoenix macht nicht nur die Ermittlungen komplizierter, sondern auch seine Beziehung zu Cloister. Und seit wann interessiert ihn die überhaupt?

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

Zusammenfassung

Widmung

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EPILOGUE

Biographie

Von TA Moore

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Copyright

Die Spürnasen sind zurück

 

Von TA Moore

Die Spürnasen: Buch 2

 

Cloister Witte und seine Hundestaffelpartnerin Bourneville finden Vermisste und bringen sie heim.

Doch damit ist die Arbeit nicht immer beendet.

Die junge Transfrau Janet Morrow liegt im Koma, seit sie sich während eines Unwetters von ihrem Auto entfernte. Dass Cloister sie finden konnte, bedeutet nicht, dass die junge Touristin auch heimgefunden hat. Was führte sie nach Plenty in Kalifornien … und wer wollte verhindern, dass sie den Ort wieder verließ?

Mithilfe von Special Agent Javi Merlo, der seine zunehmenden Gefühle für den ungeschliffenen Deputy weiterhin leugnet, deckt Cloister ein zehn Jahre altes Komplott des Schweigens auf, das Plentys korrupte Vergangenheit eröffnet.

Janet Morrows alte Geheimnisse sind nicht die einzigen, die ans Licht kommen. Obwohl Javi seine Vergangenheit hinter sich gelassen hat, scheinen einige Menschen fest entschlossen zu sein, seine Leichen aus dem Keller zu zerren. Seine finstere Vergangenheit mit einem hochrangigen Agenten in Phoenix macht nicht nur die Ermittlungen komplizierter, sondern auch seine Beziehung zu Cloister.

Und seit wann interessiert ihn die überhaupt?

Für meine Mutter, die Fünf und Lady – den ersten und immer noch besten Hund.

1

 

 

DAS UNWETTER fegte bei Sonnenuntergang mit den Pendlern herein, ein nasser Schlag ins Gesicht, der die Straßen gefährlich machte und dafür sorgte, dass alle das Fahren verlernten. Es würde nicht lange bleiben. Der Vorhersage zufolge würde es bis morgen die Straße hinab zu den hellen Lichtern von San Diego weitergefegt sein. Plenty würde etwas nasser sein, nicht viel dazugelernt haben und viele frisch verbeulte Autos vorweisen können.

Unglücklicherweise hatte Janet Morrow das Pech, an diesem Abend zu verschwinden.

Ein Idiot in einem glänzenden, käfergroßen Auto schnitt den Challenger, als Cloister auf die Hot Springs Road abbog. Cloister trat auf die Bremse und stieß mit zusammengebissenen Zähnen einen Fluch hervor. Bourneville, die wegen des Manövers über den plastikbedeckten Boden im hinteren Teil des Wagens rutschte, protestierte winselnd. Nachdem der Fahrer des kleinen Autos Cloister den Mittelfinger entgegengestreckt hatte, schlingerte er unsicher Richtung Ausfahrt.

Es war eine lange Schicht gewesen. Cloister presste die Zähne fester aufeinander und widerstand dem Teil von ihm, der die Lösung von Konflikten auf den Spuren seines Stiefvaters gelernt hatte. Egal, wie oft man jemanden seine Fäuste spüren ließ, er lernte niemals wirklich daraus, also folgte er dem Käfer nicht. Außerdem hatte er zu tun.

„Er bringt sich sowieso um, Bon“, sagte er, während er sich vorbeugte, um durch die Windschutzscheibe zu spähen. Der Regen war so stark, dass man kaum sehen konnte, ein dichter Wasserstrom, der wirkte, als hätte jemand einen Hahn aufgedreht. Gelegentliche Blitze erhellten den Abend wie grelles Feuerwerk, verbesserten jedoch absolut nicht die Sicht. „Manchmal muss ein Mann da einfach drüberstehen, stimmt’s?“

Sie bellte.

„Na schön, ein Mann und/oder Hund. Zufrieden?“

Ein weiteres Bellen.

Cloister notierte sich das Nummernschild des Mannes. Ganz so sehr stand er nicht darüber.

Aus dem Regen tauchte plötzlich der Abzweig nach Delacourt auf. Die Fahrbahn war bereits mit Streifen von Gummispuren überzogen und an der Leitplanke befanden sich Schrammen mit rotem Lack einer Fahrertür. Morgen würde ein guter Tag für die Autowerkstätten in Plenty sein.

„Scheiße“, brummte Cloister.

Er ließ das Blaulicht aufblitzen – ein Farbklecks, der von der nassen Straße zurückgeworfen wurde – und wechselte die Spur, als der Lastwagen hinter ihm gehorsam bremste. Er spürte das Rutschen der Reifen, als er über Nässe und ausgelaufenes Öl hinweg abbog. Ein leichteres Auto mit einem Fahrer, der das Fahren nicht auf beschissenen Landstraßen in Montana gelernt hatte, hätte sich vielleicht zu dem roten – so viel Rot er nach der Begegnung mit der Leitplanke eben noch hatte –, kantigen Prius im tiefen Straßengraben gesellt.

Ein stämmiger Deputy, dessen Identität von einem bis zu seiner Nase herabhängenden durchnässten Regenmantel verschleiert wurde, winkte Cloister mit seiner Taschenlampe weiter. Als Cloister stattdessen am Straßenrand anhielt, joggte er auf ihn zu.

„… ist unter Kontrolle“, sagte er. Anhand seiner Stimme und der Aknenarben an seinem Kinn identifizierte Cloister ihn als Collins und öffnete das Fenster einen Spalt, durch den der Wind einen Spritzer kalten Regens hereinstieß. „Fahren Sie einfach weiter …“

„Das würde ich, wenn ich könnte“, antwortete Cloister. „Was ist passiert?“

Der Funkspruch hatte eine vermisste junge Frau und einen Autounfall auf der Delacourt erwähnt. Mel hatte keine Zeit gehabt, ihm mehr Details zu geben. Regen sorgte stets für arbeitsreiche Schichten.

„Oh, du bist es, Witte.“ Collins schob die Kapuze zurück und rieb sich grob mit der Hand übers Gesicht. Dann schüttelte er Regenwasser und Rotz von seinen Fingern auf das Autofenster. „Entschuldige. Es liegt am Regen. Man sieht die Hand vor den Augen nicht.“

„Ja, ich hätte beinahe den Abzweig verpasst“, gab Cloister zu. „Wo ist Tancredi?“

Collins wandte sich um und deutete mit der Taschenlampe auf den Prius. Das Licht markierte Tancredi wie ein Laserpointer. Sie hatte sich unter ihrer Jacke zusammengekauert, während sie Plastik über die Autotür klebte. Als sie das flimmernde Licht auf dem Lack bemerkte, drehte sie sich um, schaute mit zusammengekniffenen Augen durch den Regen und winkte Cloister mit eindringlicher Geste zu sich.

„Soll ich die Straße sperren?“, fragte Collins hoffnungsvoll. Danach hätte er nicht länger im Regen stehen müssen.

Cloister dachte einige Sekunden darüber nach, aber schüttelte dann den Kopf.

„Noch nicht“, antwortete er. „Sorg nur dafür, dass vorbeikommende Autos weiterfahren.“

Nachdem Collins aus dem Weg gegangen war, fuhr Cloister noch weiter auf den Seitenstreifen, bis die Räder den bröckelnden Rand des Asphalts erreichten. Dann stieg er aus und schlug die Tür zu. Der Regen trommelte auf ihn herab, als er zum hinteren Teil des Autos eilte, um Bourneville zu holen.

Sie warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu, als er sie losschnallte und in den Regen hob. Dieser verwandelte ihr dichtes Fell in durchnässte schwarze Strähnen und sorgte dafür, dass die Spitzen ihrer vor Wasser schweren Ohren herunterhingen. Als er sie auf dem Boden absetzte, nieste sie und presste sich an sein Bein. Obwohl es nicht möglich sein sollte, noch nasser zu werden, hätte Cloister schwören können, dass ihre Feuchtigkeit in seine Hose sickerte.

„Alles okay mit ihr?“, erkundigte sich Collins misstrauisch aus seiner Meinung nach sicherer Distanz. Er fürchtete sich vor Hunden, aus irgendeinem Grund besonders vor Bon.

Cloister befestigte Bons Leine an ihrem Geschirr und rieb liebevoll über das nasse Fell ihres Kopfes. Er fühlte ihre Rippen an seinem Bein, als sie einen leidenden Seufzer ausstieß. „Sie ist nicht gern im Regen draußen“, antwortete er. „Sobald sie versteht, dass es um die Arbeit geht, kommt sie klar.“

Er konnte sehen, wo der Prius von der Straße abgekommen war. Tiefe, schlammige Furchen zogen sich in zwei unebenen Linien durch das struppige, sonnengebleichte Gras, bis sie an den abgenutzten Hinterreifen endeten. Cloister wich den Spuren aus, als er den Hang hinabstieg. Die lockere, rutschige Erde fühlte sich unter seinen Füßen wie Treibsand an. Er musste sich beeilen, um an der Oberfläche zu bleiben, und Bourneville nutzte die Länge der Leine aus, um sich selbst einen Weg zu suchen.

„Vorsicht“, warnte ihn Tancredi trocken, als er rutschend den Sumpf am unteren Ende erreichte. „Es ist tückisch.“

Er war bereits nass, doch das Wasser, das nun über seine Schuhe schwappte und in seine Socken sickerte, fühlte sich noch kälter an.

„Danke.“ Er prustete Wasser von seinen Lippen, schob sich das nasse Haar aus dem Gesicht und stellte fest, dass das Vorderteil des Prius bereits halb in der wachsenden Pfütze versunken war. Die zersplitterten Scheinwerfer waren mit Schlamm gefüllt und die Vorderräder bis zur Achse eingegraben. „Was ist passiert?“

Tancredi streckte ihre Hand aus. Cloister ergriff sie und half ihr, aus der Pfütze zu platschen, woraufhin sie gegen einen Stein trat, um die schweren Schlammklumpen von ihren Schuhen zu lösen.

„Sieht aus, als wäre sie einfach von der Straße abgekommen“, sagte Tancredi. Sie blinzelte Wasser von ihren Wimpern, während sie in ihre Tasche griff, um einen von einer Plastiktüte umhüllten Führerschein herauszuholen. Sie musste erst Wassertropfen vom Plastik wischen und noch einen Blick auf die Fahrerlaubnis werfen. „Janet Morrow aus Ithaca in New York. Süßes Mädchen.“

Sie gab die Brieftasche an Cloister weiter.

Zwar hatte sich das Leder eindeutig im Wasser befunden, doch das beschichtete Foto auf dem Führerschein war im Licht von Tancredis Taschenlampe noch gut zu erkennen. Süß war untertrieben. Foto-Janet besaß eine Fülle locker geflochtener roter Haare, ein ebenmäßiges, ovales Gesicht und große Augen, die das New Yorker Kraftfahrzeugamt als grau bezeichnete. Sie war wunderschön und neunzehn Jahre alt – gut für Selfies, aber nicht so gut, wenn eine junge Frau im Dunkeln in einer ihr unbekannten Stadt verschollen war.

„Hat es jemand gemeldet?“

„Der Automobilclub“, antwortete Tancredi. Sie nahm die Brieftasche wieder entgegen und verstaute sie in ihrer Jacke. „Sie hat angerufen, damit sie jemand abholt, aber als sie den Ort angeben sollte, hat sie die Tankstelle die Straße runter genannt. Wahrscheinlich wollte sie einen Kaffee, bevor sie sich mit jemandem unterhalten musste.“

Cloister zog die Augenbrauen hoch.

Tancredi presste missbilligend die Lippen aufeinander. „Auf dem Beifahrersitz liegt ein leerer Flachmann und sie ist nun mal von der Straße abgekommen. Aber als der Abschleppwagen bei McGuire’s ankam, war sie nicht dort. Nach einiger Zeit sind sie die Straße entlanggefahren, um nach ihr zu suchen, und haben das Auto gefunden, aber keine Spur von Janet.“

„Ihre Eltern?“

Tancredis Schulterzucken drückte ihren Kenntnisstand zu diesem Thema aus. Über ihnen grollte Donner mit einem lang gezogenen Knurren wie ein unzufriedener Magen. Tancredi verzog das Gesicht und wartete, bis es vorbei war, bevor sie fortfuhr. „Ich schätze, dass sie hier nicht zurück auf die Straße kam“, sagte sie, „und deshalb eine Abkürzung gesucht hat. Nur wenn sie sich im Dunkeln bei diesem Regen verirrt hat, könnte sie kilometerweit in die falsche Richtung gelaufen sein.“

Das war übertrieben. Selbst wenn sie im Kreis lief, käme sie irgendwann irgendwo an. Die Gefahr bestand nicht darin, dass Janet sich in die Wüste verirrte und ihre Knochen im Sand verschwanden, sondern darin, dass sie sich in einem Schlagloch den Knöchel brach und die Nacht im Freien in der Kälte verbringen musste.

Oder dass sie jemandem begegnete, der mit ihr in die Wüste fuhr und sie dort zurückließ.

Delacourt war einst eine recht ruhige Gegend gewesen, bis neue Wohngebiete und Straßen die Landkarte umgestaltet hatten. Von den Lebensadern der Stadt abgeschnitten und von Neuankömmlingen umfahren mussten Geschäfte schließen und die Menschen zogen fort. Es war zu einem sterbenden Ort geworden, was Ärger anzog.

Cloister schaute auf Bon hinunter, die sich an sein Bein gedrückt hatte und deren Rippen scharf an seiner Wade zu spüren waren, wenn sie hin und wieder ein demonstratives Niesen ausstieß. Er stupste sie mit dem Knie an.

„Bourneville“, sagte er. Sie spitzte die Ohren und schaute zu ihm hoch, ganz Aufmerksamkeit und eifrige Nase. „Es geht an die Arbeit.“

Das war das Zauberwort. Sie erhob sich hastig auf ihre vier Pfoten und wedelte begeistert, die Betrübnis über den Regen völlig vergessen, wobei ihre Rute wie eine Peitsche gegen Cloisters Bein schlug. Er fasste mit einer Hand in ihr Geschirr, damit sie nicht plötzlich eine Fährte aufnehmen und ohne ihn davonsausen konnte. Sie lehnte sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen seinen Arm, begierig darauf, loszulegen.

„Hat Janet irgendetwas anderes im Auto gelassen?“, fragte er Tancredi. „Jacke? Sonnenbrille? Du kennst das ja.“

Sie nickte und platschte zurück in die Pfütze. Das Licht ihrer Taschenlampe hüpfte durch die Dunkelheit, als sie sich wieder zum Prius kämpfte.

„Kann sie so überhaupt etwas aufspüren?“, fragte Tancredi über ihre Schulter hinweg, während sie mit der verbeulten Autotür kämpfte. Schließlich nahm sie die Taschenlampe zwischen die Zähne, um beide Hände benutzen zu können, weshalb ihre letzten Worte verzerrt klangen. „Es ist ein Sauwetter.“

Cloister zuckte mit den Schultern. „Die Voraussetzungen könnten besser sein.“ Er fing den Mantel auf, den Tancredi ihm zuwarf. Er war bereits nass und sein billiges Kunstfell fühlte sich verfilzt und klebrig an. Halb getrockneter Schlamm hatte die Bündchen steif gemacht. „Aber Bon hat es schon bei schlechteren geschafft.“

Am stärksten würde der Geruch im Innern sein, am Nacken und an den Ärmeln, wo sich Schweiß und Haut in das Futter gerieben hatten. Cloister schob den Stoff des Mantels mit beiden Händen zusammen und hockte sich hin, damit Bourneville die Nase hineinstecken konnte. Kurz schnupperte und schnaubte sie, dann setzte sie sich hin und sah aufmerksam zu ihm hoch. Die Muskeln ihrer Hinterbeine waren unter dem dicken Fell bereits angespannt, während sie wartete.

Cloister ließ eine Hand an ihrem Geschirr, als er sich wieder erhob, und warf Tancredi den Mantel zu.

„Wir geben unser Bestes“, teilte er ihr mit. Dann ließ er Bourneville los und bellte das Kommando: „Such!“

Mit einem Ruck sprang Bourneville auf die Beine und suchte im Schlamm und der festgetretenen Grasmatte um Cloisters Füße herum die Fährte. Nach zwei größer werdenden Kreisen winselte sie frustriert, weil sie nichts fand. Entweder hatte Janet gar nicht erst versucht, den schlammigen Hang zu erklimmen, oder ihr Geruch war bereits fortgespült worden.

Als sie nach dem letzten Kreis noch immer nichts entdeckt hatte, hielt sie inne und sah Cloister erwartungsvoll an.

Er schnippte mit den Fingern und deutete auf die andere Seite des trüben Tümpels mit dem halb ertrunkenen Prius.

„Voraus“, befahl er energisch. „Geh rüber.“

Bourneville schnaubte eifrig und sprang ins Wasser. Es reichte ihr fast bis zum Bauch, als sie sich einen Weg bahnte, um platschend die andere Seite zu erreichen und die Leine, die sie hinter sich herzog, war anschließend durchnässt. Cloister folgte ihr mit weit weniger Leichtigkeit, als er sich durch den Schlamm am Boden kämpfte.

Während er zur anderen Seite watete, schnupperte Bourneville kurz an Tancredis Füßen. Dann bellte sie einmal und hob die Rute zu einem zaghaften Wedeln, als sie den Geruch des Mantels erhaschte, den Tancredi nun in den Armen hielt.

„Bourneville, nein“, mahnte Cloister scharf. Er krümmte die Hand für das Signal, das sie auf die andere Seite des Autos schicken sollte. „Geh drum herum.“

Sein Verneinen brachte sie zum Seufzen. Doch nachdem sie einmal so heftig den Kopf geschüttelt hatte, dass ihre Ohren schlackerten, senkte sie die Nase wieder zum Boden und tappte um das Auto herum. Tancredi löste sich aus ihrer Starre und senkte den Kopf, um sich ihr Gesicht an der Schulter abwischen zu können.

„Wenn sie nichts findet“, sagte sie, „glaubst du, dann würde Special Agent Merlo die Verwendung von ein bisschen FBI-Technologie genehmigen? Die Drohnen, die er letzten Monat bei der Razzia in den Hügeln eingesetzt hat, die haben Infrarot. Er hat mir gezeigt, wie sie funktionieren.“

Sie klang beeindruckt. Cloister war nicht sicher, ob der Grund die Technologie war oder „Special Agent Merlo“. Sein Gewissen stieß ihn mit dem Hinweis an, dass er es ihr nicht ernsthaft vorwerfen könnte, wenn es Zweiteres war. Cloister hatte sich in den letzten paar Monaten bereitwillig für Javi zum Narren gemacht, bis er beschlossen hatte zu sehen, was passieren würde, wenn er alles zerstörte. Er konnte sich nicht einmal mehr an den Grund für den Streit erinnern. Das war eine Lüge. Es war um Javis Essen mit diesem heißen Privatdetektiv gegangen und um das Bier, das er nicht mit Cloister hatte trinken wollen. Seitdem hatten sie nicht mehr miteinander geredet.

Es war erst eine Woche her – nicht einmal eine ganze Woche –, doch Cloister war sich der Bedingungen seiner Beziehung zu Javi bewusst. Er wusste, dass er es kaputt gemacht hatte und das zumindest teilweise mit Absicht. Das tat er üblicherweise.

Sie waren nicht direkt ein Paar gewesen und selbst als Nicht-Paar hatten sie nicht allzu lange durchgehalten. Dennoch spürte Cloister ein schmerzhaftes Ziehen, wie ein Krampf in seinen Gefühlen, wenn er daran dachte, dass es nun vorbei war.

Cloister biss die Zähne zusammen und schob den Schmerz ungeduldig zurück in seinen Hinterkopf. Es war nicht der richtige Zeitpunkt. Er musste seine Arbeit erledigen, einen Hund führen und ein verschwundenes Mädchen finden. An seinen Krusten konnte er später kratzen, wenn er wollte.

„Infrarot würde gerade nicht viel helfen“, antwortete er mit einer Geste in Richtung des schweren, aufgewühlten Himmels. „Ich bezweifle, dass die Drohnen überhaupt fliegen könnten. Vielleicht morgen. Wenn wir nichts finden, könntest du ihn fragen. Schaden kann es nicht.“

Sie nickte mit einem unglücklichen Stirnrunzeln und legte den Mantel über ihrem Arm zusammen. „Hoffentlich wird das nicht nötig sein.“

Bevor Cloister antworten konnte, stieß Bourneville ein einzelnes Bellen aus – ein tiefer, kehliger Laut, erstickt vor Begeisterung. Er schenkte Tancredi ein kurzes aufmunterndes Lächeln.

„Hoffentlich.“

Er holte die lange, nasse Leine ein, während er in Bournevilles Richtung joggte, die über einer Vertiefung in der Erde wartete. Es hätte nichts Besonderes sein können oder aber ein vom Regen verwaschener Fußabdruck.

„Braves Mädchen“, lobte Cloister und klopfte ihr die Schulter. „Guter Hund, Bourneville. Jetzt such.“

Sie schüttelte sich, um ihr Fell von Wasser zu befreien, und lief los, senkte ihre Nase auf die unsichtbare Spur, die sich über den durchnässten Untergrund des Mittelstreifens wand und schlängelte und letztendlich auf das unebene Pflaster vernachlässigter Straßen.

2

 

 

UM DIE aufgeblähten neuen Siedlungen herum waren die Außenbezirke von Plenty von toten Straßen durchzogen wie von städtischer Zellulitis. Einige waren niedergerissen und von einem eifrigen Bauunternehmer neu aufgebaut worden. Andere wurden sterbend zurückgelassen, bis ausgeweidete Gebäude in sich zusammensackten und der Asphalt von den Straßen abblätterte.

Cloister löste beim Gehen die Taschenlampe von seinem Gürtel und schaltete sie ein. Die Lichtpfütze vor seinen Füßen half ihm, den schlimmsten Schlaglöchern auszuweichen, aber Bourneville lenkte sie nicht ab. Sie bewegte sich am Ende der Leine vor ihm her und bemühte sich, der vom Regen abgeschwächten Witterung zu folgen.

Zweimal verlor sie die Spur und sie mussten durch den Regen zurückgehen, um sie wiederzufinden. Jedes Mal dauerte es länger, bis sie den schwächer werdenden Geruch in den feuchten Flecken des Rinnsteins und den Klumpen aus Abfall aufspürte. Auf dem nassen Streifen Ödland zwischen den Fahrbahnen, wo sich der Geruch in Pfützen festsetzte und im verworrenen Gras verfing, war es leichter gewesen. In der stärker bebauten Umgebung – Streifen aus eingezäuntem Beton und unebene Gehwege – hatte die Spur keine Chance zum Überdauern. Stattdessen wurde sie in die verstopften Abflüsse gespült oder von den weiten Straßenflächen geweht.

Möglich war es dennoch, aber je öfter Bourneville die Spur verlor, desto unwahrscheinlicher wurde es, dass genug davon übrig sein würde, um sie wiederzufinden.

Ein Blitz zuckte aus dem Himmel hervor und schlug irgendwo im Labyrinth verlassener Gebäude ein. Cloister verzog das Gesicht und rieb sich die Augen, während er versuchte, das hinter seinen Lidern zurückgebliebene Nachbild fortzublinzeln. Als die verschwommenen Lichter endlich verschwunden waren, sah er, dass Bourneville bereits wieder kehrtmachte.

„Verdammt“, brummte Cloister.

Er griff nach seinem Funkgerät. „Zentrale. Hier Witte. Tancredis 10-57 hat nicht zufällig allein zurückgefunden?“

Kurz herrschte Stille, dann kämpfte sich Mels vertraute Stimme durch das knisternde Rauschen.

„Nein. Wenn du nichts gefunden hast, mach Schluss für heute und geh zurück zum Auto. Wenn Tancredi richtigliegt, wird das Mädchen irgendwann ausgenüchtert sein und nach Hause stolpern.“

Cloister wischte sich mit der Hand übers Gesicht, schüttelte das Wasser ab und eilte hinter Bourneville her. Es war sinnlos, da der Regen gleich wieder aus seinem nassen Haar hinabtropfte. Er war nicht optimistisch, was die Chancen bei der Suche nach Janet anging, aber … Er dachte an das selfiegeeignete Führerscheinfoto und den unpraktischen grellen Kunstfellmantel, den sie im Auto zurückgelassen hatte.

Sie war neunzehn und hatte sich verlaufen. Dass es ihre eigene Schuld war, wäre für sie kein Trost. Und würde Cloister auch nicht beim Einschlafen helfen, falls ihr etwas zustieß.

„Ich gebe der Sache noch fünf Minuten.“ Er erreichte Bourneville und ging in die Hocke, um ihr ein wenig Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Es war nicht ihre Schuld, dass sie die Fährte verloren hatte. Sie schob ihren Kopf unter seine Hand und brachte schnaubend ihre Zweifel daran zum Ausdruck. „Sie ist fast noch ein Kind.“

„Fünf Minuten“, räumte Mel seufzend ein. „Nicht länger. Wir haben noch andere Notrufe.“

Das Funkgerät verstummte.

Cloister zog Bourneville mit einem Arm an sich und kraulte sie unter dem Kinn. „Braves Mädchen“, versicherte er ihr. „Nur noch ein Versuch.“

Mit einem letzten liebevollen Klaps auf ihre Schulter richtete er sich wieder auf und ließ den Strahl der Taschenlampe über die Umgebung flackern, während er überlegte, welchen Weg eine Neunzehnjährige bei Dunkelheit und Regen wählen würde.

Dicht über dem Boden warf in einer Gasse etwas Größeres als eine Katze roten Augenglanz zurück, vermutlich ein Waschbär. In der Gegend gab es Kojoten – die Anzahl vermisster Katzen war leicht gestiegen und in der Nachbarschaft hatte es Würfe von Kojoten-Hunde-Mischlingen gegeben –, doch diese machten normalerweise einen großen Bogen um Bourneville. Waschbären war sie vollkommen egal.

Er bog nach links ab. Bisher hatte Janet das immer getan. Bourneville durchstreifte grob bogenförmig seine nähere Umgebung, immer auf der Suche nach einer letzten Nase voll Janet. In den Häusern um sie herum brannten nur wenige Lichter – der letzte Widerstand gegen den Verfall – und in den ersten Etagen bewegte sich nur hin und wieder ein staubiger Vorhang. Hier hatten die meisten Menschen genug mit ihren eigenen Problemen zu tun. Auf die der anderen konnten sie verzichten.

Cloister streckte die fünf Minuten eher auf zehn, doch die Spur war verschwunden. Selbst Bournevilles Eifer ließ nach und sie sah sich mit herabhängender Rute und angelegten Ohren immer wieder nach Führung suchend zu ihm um.

„Ich weiß“, sagte er mitfühlend. „Aber es ist nicht deine Schuld, Bourneville. Du bist ein guter Hund.“

Sie stieß einen gewaltigen Seufzer aus und schüttelte sich. Es sorgte dafür, dass ihr Fell in ungleichmäßigen Stacheln hochstand, und brachte die Leine in Cloisters Hand zum Schwingen. Er seufzte ebenfalls und griff nach dem Funkgerät, um Mel mitzuteilen, dass er sich auf den Rückweg machte.

Es war kaum ein Schrei – so fern und erstickt klang es. Wäre Cloister allein gewesen, hätte er es vielleicht als ein Geräusch des Unwetters oder einen verärgerten Vogel abgetan. Es war schon mehrmals vorgekommen, dass er von etwas abgelenkt wurde, das wie ein Massenmord klang und sich dann als Streit einiger Möwen um einen Fisch entpuppte.

Bournevilles Gehör war besser. Sie winselte und spitzte die Ohren, während sie sich in das Geschirr lehnte.

„Warte“, sagte Cloister streng. Er wusste nicht, was passiert war, und wollte Bon nicht ins Unbekannte schicken. Sie könnte Janet erschrecken oder sich verletzen oder beides. Einige Häuser standen nur leer, aber andere waren völlig entkernt.

Er hielt die Leine gespannt, als er sich ihr näherte. Ungewöhnlicherweise ignorierte sie seine Stimme und drängte weiter vorwärts. Das Geschirr schnitt in ihre Schultern ein, als sie sich mit ihrem ganzen Gewicht hineinwarf, um ihn mit sich zu ziehen.

„He. Nein.“ Cloister wickelte die Leine um seinen Arm und klemmte sie sich hinter den Ellbogen. Es fiel ihm nicht leicht, sie festzuhalten, obwohl er ein kraftvoll gebauter Mann war. Die Knochen kamen von den Wittes – die Familie seines Vaters neigte zu groß und gefährlich – und vor seinen Problemen davonzulaufen hielt ihn schlank, doch Bourneville bestand aus fünfunddreißig Kilo Muskeln ohne Zurückhaltung. Er zog sie zurück und schüttelte sie, um zu ihr durchzudringen. „Fuß, Bourneville! Sofort!“

Er hatte sie selbst ausgebildet. Sie kannte englische Kommandos, doch bei der Arbeit benutzte er die deutschen. Rief er sie normal zu sich, war es eine Empfehlung. „Fuß“ war das Wort Gottes. Sie gab gehorsam nach, doch ihre Aufmerksamkeit war weiterhin draußen in der Dunkelheit verankert, aus der das Geräusch gedrungen war. Auch wenn es zumindest für Cloisters Ohren nun still zu sein schien, versetzte sie irgendetwas da draußen in Alarmbereitschaft.

Cloister stupste sie mit dem Knie an. Auch wenn sie sich nicht zu ihm umsah, richtete sie ein Ohr nach hinten, um zu hören, was er sagte. „Bring“, befahl er und ließ die Leine locker.

Da es das gewesen war, was sie hatte hören wollen, rannte sie los. Cloister ließ sie ein wenig enteilen, jedoch nicht so weit wie gewöhnlich. Er blieb ihr auf den Fersen, über die Straße und um einen nur mit Grundierung bedeckten Pick-up herum, der rostend auf verbeulten Felgen zurückgelassen worden war.

Bald schnitt eine nach Urin und Sprühfarbe stinkende Unterführung den Regen ab. Ihr Eintreten scheuchte Ratten auf, die sich mit ihren dicken Körpern und dünnen Schwänzen wieder in den Schatten zurückzogen und der Schwarm von Landstreichern, die hier wegen des Regens kauerten, beobachtete ihn mit stechenden, unfreundlichen Blicken. Ein halbherziges missmutiges Murmeln sprudelte aus ihnen hervor und klang wieder ab.

Cloister konnte es ihnen nicht vorwerfen. An einem anderen Tag wäre er vielleicht hier gewesen, um sie zum Weitergehen aufzufordern, auch wenn niemand je einen guten Vorschlag dafür hatte, wohin staubige Obdachlose gehen sollten.

Ein verwahrlostes Bündel aus Kleidung und Zeitungen an der anderen Seite der Unterführung zuckte zurück, als sie sich näherten.

„Hier war ein Geist“, krächzte der Mann. Unter einer fettverfilzten Kappe aus borstigem, grauem Haar schaute ein wilder Blick hervor und er musste vor Kurzem verprügelt worden sein. Die rauen Stoppeln an seinem Kinn waren blutverkrustet und seine Nase schien noch nicht lange in diese Richtung zu zeigen. Er presste sich gegen den feuchten Beton und wandte das Gesicht ab. „Ich habe ihr gesagt, dass sie ein Geist ist, aber sie hat mir nicht geglaubt. Arme verdammte Geister, stimmt’s? Denken einfach, sie leben noch. Vielleicht sind wir die Geister. Wäre das nicht toll? Vielleicht sind wir es, die eigentlich tot sind. Sag’s weiter und mach das verdammte Glas voll.“

Bevor Cloister etwas tun musste, hatten seine Beine nachgegeben. Der Mann sank zu Boden, während sich seine Hand bereits zu einer Flasche Gin mit suspektem Etikett ausstreckte, und begann hysterisch zu lachen. In Bournevilles Brust grollte beim Vorbeilaufen ein kaum hörbares warnendes Knurren.

Dann waren sie wieder auf der Straße und Cloister verzog das Gesicht, als es vom Regen überspült wurde. Er senkte den Kopf, um es sich an der Schulter abzuwischen. Hinter ihnen murmelte der Obdachlose weiterhin gegen die Wand.

Plötzlich zerrte Bourneville seinen Arm nach rechts und bellte zweimal kurz und deutlich – ihr „Gefunden“-Signal. Gut, dass Cloister nicht aufgegeben hatte.

Janet Morrow lag mitten auf der Straße, als hätte sie jemand dort fallen lassen. Ihr leuchtendes, puppenrotes Haar breitete sich wie versprüht auf dem Asphalt aus und ihre Füße waren nackt. Cloisters Magen verkrampfte sich mit dem üblichen sauren Bedauern, recht behalten zu haben.

Es war das Witte-Glück. Hatte man bei irgendetwas ein ungutes Gefühl, hatte man vermutlich recht, aber nie bei etwas Gutem. Es war niemals der richtige Tipp beim Lotto oder eine Ahnung zu einem schnellen Pferd, nur traurige Trennungen und leblose Leichen im Regen.

Was allerdings nicht Bournevilles Schuld war.

„Gut gemacht“, lobte er sie. „Bester Hund des Reviers. Platz.“

Er unterstrich das Wort mit einer Handbewegung und Bourneville ließ sich gehorsam auf den Asphalt sinken. Sie legte das Kinn auf ihre Pfoten und folgte ihm mit dem Blick, während sie auf seine nächste Anweisung wartete.

Cloister lief über die Straße und ging neben Janet in die Hocke. Das Rot auf dem Asphalt war nicht nur Haar. Rinnsale aus Blut gingen von ihrem Kopf aus und hatten sich mit dem Regenwasser vermischt. Ihre Kleidung war schmutzig und beschädigt, ihr aufgerissenes Oberteil zeigte blasse Haut und ein grünes Eidechsen-Tattoo, das unter ihrem ungewaschenen grauen BH hervorschaute.

Vermutlich hatte sie nicht erwartet, dass ihn jemand sehen würde.

„Hallo, Janet“, sagte Cloister, falls sie ihn hören konnte, während er mit zwei Fingern unter ihrem Kiefer nach einem Puls suchte. „Mein Name ist Deputy Witte. Ich habe Sie gesucht.“

Ihre Haut hatte dieselbe Temperatur wie der Regen und fühlte sich klamm an. Es dauerte eine lange Sekunde, bis Cloister das Flattern des Blutes spürte, das sich durch ihren Hals bewegte. Sie lebte noch. Er ließ sich auf die Fersen sinken und drückte den Knopf an seinem Funkgerät, um sich mit der Zentrale in Verbindung zu setzen.

„… brauche einen Krankenwagen an der Ash Street in Delacourt.“ Als er sich nach einem gut sichtbaren Orientierungspunkt umsah, fiel sein Blick auf den Parkplatz gegenüber. Mit zusammengekniffenen Augen bemühte er sich, das schmutzige Schild über den leeren Geschäften zu erkennen. „Vor der Conroy-Galerie. Wir haben hier eine Kopfverletzung, Anzeichen einer Tätlichkeit und sie ist nicht ansprechbar. Ich …“

Bourneville bellte. Diesmal nicht, um sich zu verständigen. Es war eine wütende, dunkle Salve, die tief aus ihrer Brust zu kommen schien. Als Cloister sich umsah, entdeckte er den Pick-up, der mit ausgeschalteten Scheinwerfern in seine Richtung fuhr.

„He.“ Cloister stand auf und winkte. Der Lichtstrahl der Taschenlampe zuckte über die Windschutzscheibe und fand die vermummte Silhouette des Fahrers. „Sheriff’s Department“, schrie er. „Halt. Umdrehen.“

Stattdessen schaltete der Fahrer das Fernlicht ein – wie ein Blitz in Bodennähe, der Cloister blendete – und trat auf das Gaspedal. Der Motor heulte rau unter der Haube auf und das Fahrzeug raste mit immer höherer Geschwindigkeit die Straße entlang. Ein Stück entfernt, wo sie durch Cloisters Befehl an ihren Platz gebunden war, bellte Bourneville aufgebracht.

Der Fahrer hatte ihn gesehen. Die letzten Zweifel daran schwanden, als er die Richtung korrigierte, um genau auf sie zuzufahren.

Fuck.

Cloister schleuderte seine Taschenlampe Richtung Windschutzscheibe. Sie prallte mit der Unterseite gegen das Glas, direkt vor dem Gesicht des Fahrers, und ein Spinnennetz aus Rissen zog sich von der getroffenen Stelle bis zu den Ecken der Scheibe. Der Fahrer zuckte zusammen und das Auto wurde langsamer, als er dabei den Fuß vom Gaspedal hob. Es war nicht viel, aber es musste reichen.

Bevor sich der Fahrer wieder fangen konnte, beugte Cloister sich zu Janet hinunter und packte sie bei den Armen. Ihr Körper war schlaff, als er sie vom Asphalt hob und ihr Kopf hing von ihrem mit Blutergüssen bedeckten Hals hinab. Er war nicht einmal sicher, ob sie überhaupt noch lebte, aber die Chance darauf musste genug sein. Er hievte sie hoch und warf ihren schlaffen Körper von der Straße auf den Gehweg. Sie landete unbeholfen und mit ungelenk verdrehten Armen und Beinen auf dem Boden wie eine fortgeworfene Puppe.

Cloister stürzte sich hinterher und schaffte es beinahe. Der größte Teil von ihm schaffte es. Es hätte schlimmer sein können.

Der Rand des Kühlergrills streifte seine Hüfte und warf ihn auf die Motorhaube. Seine Schulter schlug gegen die Scheibe und der Seitenspiegel traf seinen Ellbogen, bevor er ihn mit dem Oberschenkel abbrach, als er hinunterrollte und auf dem Gehweg aufschlug. Sein Kopf prallte mit einem dumpfen, lauten Geräusch vom Bordstein ab und füllte sich mit grauem Rauschen und Übelkeit.

Er hörte, wie der Motor des Autos in den Leerlauf überging, als es neben dem Gehweg abbremste. Die Tür öffnete sich, doch Bourneville stieß ein kehliges Knurren aus, das durch ihre Brust ratterte, und warf sich dagegen. Ihr Gewicht traf auf Metall und schlug die Tür zu, bevor sie erneut knurrte und mit den Zähnen daran zerrte, bis der Fahrer aufgab und davonfuhr.

Sie würde ihm nachjagen. Cloister kämpfte sich durch den Nebel aus Schmerzen und durchgeschütteltem Gehirn, um das richtige Kommando zu finden. „Komm“, stieß er heiser hervor. Mitten im Wort versagte ihm die Stimme und er versuchte es erneut. „Bourneville! Komm!“

Bournevilles Nase war kühl und ihr Atem heiß, als sie ihm besorgt und verwirrt ins Ohr prustete.

Im Augenblick hatte er keine Schmerzen. Cloister hatte ihn schon erlebt, diesen stumpfen, stupiden Moment des Schocks, und wusste, dass es tatsächlich kein gutes Zeichen war.

„Tu mir einen Gefallen, Janet“, murmelte er. „Sei nicht tot, okay? Sonst war das hier dämlich.“

Beinahe so dämlich wie der Streit mit Javi. Cloister wusste nicht, warum sich sein Gehirn gerade jetzt entschloss, Salz in die Wunden zu streuen, doch ihm fehlte die Energie, dagegen anzukämpfen. Eigentlich war es nicht der Streit gewesen, sondern die lang gezogene Stille danach.

Oh, da war er ja. Cloister legte seinen Kopf auf den Gehweg und verzog das Gesicht, als er die Augen schloss. Der Schmerz hatte begonnen.

3

 

 

JAVI MERLO hatte sich für den Beruf FBI-Agent entschieden, als er neunzehn Jahre alt gewesen war – alt genug, um sich keinerlei romantische Illusionen darüber zu machen, dass die Arbeit auch nur das Geringste mit ihrer Darstellung in Fernsehserien zu tun hatte. Er hatte sich informiert, dem Druck seiner Familie widerstanden, die ihren Sohn lieber als den jüngsten amerikanischen Staatsanwalt mit mexikanischer Abstammung in Washington County gesehen hätte, hatte sein Hauptfach gewechselt und seine Karriere in dem Wissen geplant, dass sie sich eher um Bürokratie als Schießereien drehen würde.

Trotzdem war es ihm irgendwie gelungen, die Menge an Papierkram zu unterschätzen, die die Behörde täglich allein für seine Beschäftigung dort verlangte. Ob man nun heiraten wollte oder sich scheiden lassen, gegen ein multinationales Drogenkartell ermitteln oder eine Woche Urlaub in Frankreich machen, für alles musste man zunächst das entsprechende Formular ausfüllen.

Dass es heute überwiegend online möglich war, machte es nur auf andere Weise lästig.

Javi stellte das Protokoll zur Befragung der Freundin eines kleinkriminellen Drogendealers fertig – das blaue Auge hatte ihrer Loyalität keinen Abbruch getan, doch das Tütchen Koks in der Wickeltasche ihres Babys hatte das Fass zum Überlaufen gebracht –, um anschließend seine digitale Signatur auf drei Abhöranfragen zu hinterlassen, die nun auf die Genehmigung warten würden. Javi lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, rieb sich den Nacken und warf einen Blick auf den schmalen Stapel von Papieren und Pappakten an der Schreibtischecke. Sie lagen dort seit einer Woche, während er seine eigentlichen Aufgaben abarbeitete, bis er den Zeitaufwand für einen Gefallen rechtfertigen konnte.

Über sich selbst schnaubend griff er nach der ersten Akte. Nach dem Berg von Onlinedokumenten, durch den er sich soeben gearbeitet hatte, fühlte sie sich zu lächerlich dünn an, um jemandes Tragödie zu sein – nur die Aktenmappe und die allernötigsten kopierten Berichte. Offensichtlich hatte das Plenty Police Department bei den Ermittlungen seine übliche hundsmiserable Arbeit geleistet.

Manchmal war Javi versucht, sich das Archiv anzusehen. Er wusste, dass das San Diego Sheriff’s Department vor fünf Jahren in der Stadt aufgeräumt hatte, aber er wollte Genaueres über den Beginn des Verfalls wissen. Denn selbst – er überprüfte das Datum auf der Akte – vor zehn Jahren hatte die Polizei von Plenty offenbar nicht einmal so getan, als bemühte sie sich, solange dabei nicht etwas für sie heraussprang.

Javi ignorierte die Ironie dabei, dass er sich selbst nur für den Fall interessiert hatte, weil er ihm als Vorwand dienen konnte, nach ihrem Streit Cloister anzurufen – oder, vorzugsweise, sich von Cloister anrufen zu lassen. Das würde es Javi wesentlich leichter machen, weiterhin sein falsches Spiel mit seiner „Nur-One-Night-Stands“-Regel zu spielen. Und es war ja nicht so, dass Cloister gesagt hätte, er wolle mehr – nur dass Javi ihn nicht einfach für ein besseres Angebot sitzen lassen konnte.

Vermutlich wäre alles besser gelaufen, wenn Javi erklärt hätte, dass Sean einen Klienten hatte, der behauptete Zeuge eines Mordes gewesen zu sein. Stattdessen war er wütend geworden und hatte Cloister daran erinnert, dass Javis Leben ihn nichts anging. Das „Schön“, das Cloister beim Gehen ausgestoßen hatte, war das Letzte gewesen, was er von ihm gehört hatte.

Wenn er anrufen musste … Javi öffnete die Akte und betrachtete mit gerunzelter Stirn das darin festgeheftete schlecht abgedruckte Foto. Beim ersten Kennenlernen hatte er Deputy Witte für einen Mann mit Heldenkomplex gehalten, der unbedingt den Cowboy spielen und alle retten musste. Doch Mrs. Kreusik war bei ihrem Verschwinden vierundachtzig Jahre alt und todkrank gewesen und ihre Nachbarn hatten sie als vermisst gemeldet, nicht ihre Stiefkinder. Niemanden würde es interessieren, ob sie gefunden wurde, und doch wollte Cloister sie heimbringen.

Es war nicht gesund, aber es war … gutherzig.

Javi verzog das Gesicht. Sein Sexleben war wesentlich unkomplizierter gewesen, als er Cloister nur für einen Knackarsch gehalten hatte, der sich an einem Hinterwäldler mit schlichtem Gemüt befand.

Jetzt musste er sich entscheiden, was ihm wichtiger war – Freundschaft oder Ficken. Wenn Javi den ersten Schritt machte, wäre es das Ende der heißen Treffen mit Cloister. Wenn es bei jemandem nur um Sex ging, versuchte man nicht, sich mit ihm zu versöhnen. Das hob man sich für Freunde oder seinen Freund auf. Javi war sicher nicht das, was man sich als festen Freund wünschte.

Wäre er es gewesen – Javi schloss die Akte und warf sie auf den Stapel, um sich an einem anderen Tag damit zu beschäftigen –, hätte sich die Frage nach Freundschaft oder Ficken wohl leichter beantworten lassen.

Genug. Es war zu spät, um jemanden anzurufen, selbst eine Nachteule wie Cloister und Javi war es tatsächlich gelungen, den Rückstau an Papierkram abzuarbeiten. Er sollte nach Hause gehen, bevor sich das änderte.

Er meldete sich ab, schaltete den Computer aus und stand auf. Als er gerade seine Jacke von der Stuhllehne nahm, klopfte jemand an die Tür. Er drehte sich um, konnte allerdings hinter dem Glas, wo die Verwaltung die Lichter gedämpft hatte brennen lassen, nur eine unbestimmte Gestalt erkennen. Aber es war unwahrscheinlich, dass die Sicherheitsleute unten jemanden durchgelassen hatten, der nicht hier sein sollte.

„Herein“, sagte er.

Die Tür öffnete sich und Deputy Tancredi zögerte auf der Schwelle. „Agent Merlo“, sagte sie. Dann verzog sie das Gesicht und setzte erneut an. „Agent.“

„Deputy“, antwortete Javi. Er schlüpfte in seine Jacke und rückte sie über seinem Holster zurecht. „Was führt Sie her? Haben Sie von der Akademie gehört?“

Sie wirkte überrascht, als hätte er sich nicht an das Drehbuch gehalten, obwohl sie niemals über etwas anderes als ihren Wunsch redeten, sich dem FBI anzuschließen.

„Nein. Noch nicht.“ Sie fuhr sich mit den Fingern durch ihr feuchtes, gekräuseltes Haar, um es zu glätten. „Ich, ähm … möchte nichts Unangebrachtes sagen, Agent. Ich dachte nur … ähm … Sie würden es wissen wollen.“

In Javis Magen verfestigte sich abwartende Anspannung, während er im Geiste schon den Rest des Gesprächs vorwegnahm. Er führte es nicht zum ersten Mal. Er verheimlichte seine Neigungen nicht, bevorzugte jedoch Diskretion anstelle von öffentlichen Zuneigungsbekundungen, und das ermutigte die Klatschmäuler, die glaubten, etwas gegen ihn in der Hand zu haben. Immerhin wollte Tancredi vermutlich wirklich, dass er es wusste, und war nicht nur neugierig auf seinen Gesichtsausdruck, wenn er die Beleidigungen hörte.

„Wenn jemand ein Problem mit meiner Sexu…“

„Nein“, stieß Tancredi hastig hervor und errötete so heftig, dass es die Sommersprossen verbarg, die sich von ihrem Hals aus über ihr Gesicht zogen. „Darum geht es nicht. Oder doch, aber nicht … Deputy Witte wurde im Dienst verletzt. Er lebt. Es ist nichts Gefährliches, aber ich weiß, dass Sie und er … Ich dachte, Sie würden es wissen wollen.“

Javi starrte sie an. Er hatte sich so sehr auf Wut vorbereitet, seine Verärgerung bereits anlaufen lassen und gut vorgekühlt, dass er eine Sekunde brauchte, um sie abzuschütteln. Als sie fort war, ließ sie ihn mit einem bitteren metallischen Geschmack im Mund und einem frustrierten Knäuel von Gefühlen zurück, das er absolut nicht entwirren wollte.

„Danke fürs Bescheidgeben“, sagte er kühl. „Gibt es sonst noch etwas?“

Tancredi starrte ihn kurz an, bevor sie missbilligend ihre Lippen aufeinanderpresste und den Kopf schüttelte.

„Nein, Sir“, antwortete sie. „Ich dachte nur, es würde Sie interessieren.“

Als sie ging, schlug sie die Tür hinter sich zu.

 

 

BEI JAVIS letztem – und erstem – Aufenthalt im Gemeindekrankenhaus von Plenty war er dehydriert, mit Blutergüssen bedeckt und mit Halluzinogenen vollgepumpt gewesen, die ihm ein Serienentführer verabreicht hatte. Im nüchternen Zustand wirkten die Stationen weniger grauenhaft.

„Also, was ist genau passiert?“, erkundigte er sich bei Lieutenant Frome, während sie zügig durch den weiß-blauen Krankenhausflur gingen. Trotz des Übelkeit auslösenden Drucks auf seiner Brust achtete er auf einen kontrollierten, angemessen besorgten Tonfall. „Hatte es jemand auf Deputy Witte abgesehen?“

Frome verteilte sorgfältig Desinfektionsalkohol zwischen seinen Fingerknöcheln. „Um ganz sicher zu sein, ist es natürlich noch zu früh“, antwortete er steif. „Aber unsere Arbeitshypothese ist Fahrerflucht. Und nicht die einzige heute Abend. Die Straßen waren nass, die Sicht war schlecht und Deputy Witte hatte einfach Pech. Wir benötigen hier keine Unterstützung des FBI, Agent Merlo.“

Der hochrangige Gesetzeshüter von Plenty wusste die Ressourcen des FBI vielleicht zu schätzen, wenn sie ihm wirkungsvoll gegen die zunehmenden Drogenprobleme der Stadt halfen, weshalb er jedoch noch lange nicht wollte, dass es sich in andere Fälle einmischte. Javis ehemaliger Partner hatte ihm erzählt, Frome hätte ein Auge auf den Sheriffstern geworfen und eine solche Beförderung erreichte man nicht, wenn die Agenten die Anerkennung für alle seine Erfolge einstrichen.

„Hoffentlich nicht“, sagte Javi. „Aber da Witte bei einigen Razzien in örtlichen Drogenlaboren mit uns zusammengearbeitet hat, möchte ich gern sichergehen, dass es sich nicht um eine Vergeltungsmaßnahme handelt. Sie halten mich dabei auf dem Laufenden, Lieutenant?“

Die Bitte sorgte dafür, dass Frome verstimmt die Lippen schürzte, doch er musste nachgeben. Das FBI hatte hier einen Agenten, weil Plenty von Drogenkartellen als eine Art Trichter für die Drogeneinfuhr in die USA genutzt wurde. Wenn Javi es von diesem Blickwinkel aus ansprach, konnte ihm Frome ohnehin nicht mit Zuständigkeit kommen.

„Natürlich“, kapitulierte er. „Auch wenn ich bezweifle, dass hier Vorsatz im Spiel war. Witte leistet gute Arbeit, aber wenn die Kartelle jemanden angreifen wollten, hätten sie öffentlichkeitswirksamere Ziele. Tancredi stand öfter im Vordergrund und sie ist auf dem Weg nach oben. Wenn die es auf jemanden abgesehen hätten, wäre es eher sie.“

Javi nickte. „Trotzdem“, sagte er. „Ich würde den Fall gern im Auge behalten.“

„Wie gesagt: natürlich.“

Frome blieb vor einem Einzelzimmer stehen und musterte mit finsterem Blick den an der Tür stationierten Deputy. Der Mann hing mit geschlossenen Augen und an die Wand gelehntem Kopf auf einem der betont unbequemen Plastikstühle.

„Collins!“

Der Mann grunzte sich wach, sah Frome blinzelnd an und schoss ungeschickt auf die Beine. Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.

„Tut mir leid, Sir“, murmelte er noch immer blinzelnd. „Lange Schicht.“

Frome schüttelte den Kopf. „Gehen Sie nach Hause“, sagte er. „Witte geht es gut. Holen Sie etwas Schlaf nach und sagen Sie Tancredi, sie soll dasselbe tun.“

„Ja, Sir“, erwiderte Collins. Mit einem verlegenen Blick in Javis Richtung und einem weiteren „Tut mir leid, Sir“ eilte er durch den Flur davon.

Frome schob den Stuhl aus dem Weg und klopfte mit den Fingerknöcheln gegen den Türrahmen, wartete jedoch keine Antwort ab, bevor er die Tür aufstieß.

„Witte, der Special Agent wollte …“ Er verstummte, als er das Innere des Raums registrierte. „Was zum Teufel machen Sie da, Deputy?“

4

 

 

CLOISTER HATTE sich in einer abgetragenen, nicht zugeknöpften Jeans und einem hochgeschobenen Krankenhaushemd auf die Bettkante gesetzt. Es war ihm gelungen, einen seiner Schuhe anzuziehen, doch mit dem linken kämpfte er noch, was hauptsächlich an dem schweren, strahlend weißen Gips an seiner linken Hand lag. Er schaute nicht auf, als er Fromes Frage mit einem Brummen beantwortete.

Zum ersten Mal seit Tancredis Besuch in seinem Büro löste sich die zusammengeballte Anspannung in Javis Magen. Er hatte sich etwas wesentlich Schlimmeres vorgestellt als ein sauberes Krankenhauszimmer, das vermutlich schöner als Cloisters Wohnwagen war – zumindest besaß es einen Fernseher –, und einen einzigen Gips.

Blut auf dem Boden und dem Laken und die Maschinen, die schließlich abgestellt worden waren. Klumpen blutdurchtränkten Mulls und fleckige Schläuche in den Ecken. Der Geruch – Blut und Fleisch. Stücke.

Javi schluckte die alte Galle herunter und schob den Gedanken ungeduldig von sich. Mit einer gereizten Mischung aus Erleichterung und Verärgerung beschloss er, dass es eindeutig nicht so schlimm war. Vermutlich war der Idiot über seinen Hund gestolpert und vor ein Auto gestürzt.

„Ich ziehe mich an, hole Bourneville und fahre nach Hause“, erklärte Cloister, als er endlich den Schuh über seine Ferse zerrte. „Es geht mir gut.“

Frome schnaubte spöttisch. „Die Ärzte sagen etwas anderes, Witte“, antwortete er. „Und da die eine medizinische Ausbildung haben und Sie einen nachgeholten Schulabschluss, schlage ich mich auf ihre Seite. Zurück ins Bett.“

Cloister richtete sich auf. „Es geht mir gut.“

Da Javi nun sein Gesicht sehen konnte, war die Lüge offensichtlich. Ein genähter Schnitt zog sich vom Ende seiner Augenbraue bis in sein Haar – eingerahmt von geschwollenen, blau-roten Blutergüssen – und sein Wangenknochen war aufgeschürft. Außerdem würde er bald ein blaues Auge haben. Die Schwellung unter dem Auge hatte bereits eingesetzt und musste sich nur noch färben.

Die grob verheilte gebrochene Nase war älter. Doch obwohl er dieses Merkmal bereits bei ihrer ersten Begegnung besessen hatte, trug es zum allgemeinen „Soeben-verprügelt-worden“-Eindruck bei.

Aus irgendeinem Grund machte das Javi nur noch wütender.

„So sehen Sie nicht aus. Eher beschissen“, sagte Javi trocken. Er verschränkte die Arme und fügte mit hochgezogenen Augenbrauen hinzu: „Was ist passiert? Haben Sie vergessen, dass das hier kein Schafskopfdorf in Iowa ist und sind auf die Straße gelaufen, ohne auf Autos zu achten?“

Frome zuckte zusammen und warf Javi einen stechenden Blick zu. „Das reich…“

„Schafshorndorf in Montana“, unterbrach Cloister amüsiert. „Und glauben Sie mir, ich werde lieber von einem Stadtauto angefahren. Das ist wenigstens nicht voll Kuhmist. Nichts Besseres zu tun heute Abend, Agent Merlo?“

„Die können warten“, antwortete Javi. „Ich wollte überprüfen, ob das hier mit den Kartellen zusammenhängt.“

Cloister stemmte seine langen Beine in den Boden und sah Frome mit schroffem Blick an. Er hatte diese Art von rauem, kantigem Gesicht, die sich selbst ohne Blutergüsse gut für grimmige Mienen eignete.

„Ich habe dem Lieutenant bereits meine Theorie mitgeteilt“, sagte er. In seiner Stimme schwang ein herausfordernder Unterton mit.

Frome schüttelte den Kopf. „Sie sind nicht für den Fall zuständig, Witte“, antwortete er. „Sie sind der Fall. Wir werden ermitteln. Sollte es Hinweise geben, finden wir sie. Jetzt bleiben Sie hier und reden mit Agent Merlo, während ich Ihren Arzt suche.“

Mit einem knappen Nicken in Javis Richtung drehte er sich um und verließ das Zimmer. Vermutlich die Erlaubnis, Cloister einige Fragen zu stellen. Frome hielt sich für zu wichtig, wen er glaubte, dass Javi diese brauchte.

„Was war deine Theorie?“, fragte Javi.

Cloister zuckte mit den Schultern und entledigte sich ungeschickt des dünnen Papierhemds. Darunter war sein Oberkörper mit Blutergüssen bedeckt, die an seiner Schulter begannen und schließlich im lockeren Bund seiner Jeans verschwanden. Sie kreuzten das alte Wirrwarr aus Narben und Tattoos an seinen Rippen, gingen unter der alten Verletzung verloren.

„Du bist auch nicht für den Fall zuständig“, erinnerte ihn Cloister, während er aufstand. Die Bewegung seiner Muskeln unter nackter Haut, die von ihrer üblichen Whiskeybräune zu Bernsteingold verblasst war, machte Javi auf ablenkende Weise bewusst, wie lange er sie nicht mehr berührt und ihren salzigen Schweiß geschmeckt hatte.

Cloister schnappte sich das Department-T-Shirt – zumindest war es das einst gewesen, bevor Jahre von salziger Luft und Wäschen im Waschsalon es zu sehr ausgebleicht hatten, um als solches durchzugehen – vom Fußende des Betts und schüttelte es einhändig aus. Während er es sich ungeschickt über den Kopf zog und mit den Ärmeln kämpfte, fuhr er mit durch den Baumwollstoff gedämpfter Stimme fort: „Es ist eine Staatsangelegenheit und Frome wird euch hier nicht um Hilfe bitten.“

„Und ich dachte, du hättest Probleme mit Autorität.“

Cloister schnaubte. Endlich gelang es ihm, seinen Gips durch den Ärmel zu schieben und das T-Shirt über den Kopf zu ziehen. Sein dunkelblondes Haar stand in unbändigen Strähnen ab, als wäre er gerade aufgestanden und er kämmte es abwesend mit den Fingern glatt, während er sich im Raum umsah.

„Tja, nun, es ist so, wie du gesagt hast“, begann er gedehnt. Javi wartete. Er wusste bereits, dass ihn das, was Cloister zu sagen hatte, wütend machen würde. Es war niemals angenehm, wenn einem die eigenen Worte ins Gesicht geworfen wurden – vor allem, wenn sie einen daran erinnerten, was für ein Arschloch man gewesen war. Cloister zog mit einer Hand seine Jeans höher und nahm sein Portemonnaie und seinen Schlüssel aus dem Nachttisch. „Mein Leben geht dich nichts an.“

Javi hatte recht gehabt. Das hörte er nicht gern. Die Tatsache, dass es stimmte, machte es nur noch schlimmer. Es war die Bedingung für ihr Zusammensein gewesen, doch eigentlich sollte es Cloister sein, der auf Abstand gehalten wurde.

Es war nicht unbedingt fair. Das wusste Javi. Genauso wenig war es fair, wütend auf Cloister zu sein, weil er verletzt worden war, aber es fiel ihm wesentlich leichter, als eines der anderen möglichen Gefühle spüren zu müssen, die bedeutet hätten, dass er alte, entzündete Wunden aufreißen musste, um das Gift herauszulassen.

Verärgerung fühlte sich wesentlich angenehmer an und erfüllte denselben Zweck.

Noch während er eine Handvoll von Cloisters T-Shirt packte und sich vor ihm aufbaute, hatte er vor ihn anzufahren. Die barschen, ungeduldigen Worte lagen ihm schon auf der Zunge, doch als er Cloister so nah zu sich gezogen hatte, kam es ihm wie Zeitverschwendung vor, ihn nicht zu küssen.

Schließlich hatte Javi noch vor einer Stunde gedacht, er würde ihn vielleicht nie wieder küssen können.

Also tat er es. Seine Lippen schlugen grob und frustriert zu, prickelnd durch Verärgerung und die Bartstoppeln des langen Tages. Kurz blieben Cloisters Lippen unter seinen fest, bevor sie dem Kuss nachgaben. Er schmeckte leicht nach Blut und Orangensaft, eine scharfe, süß-salzige Note auf seiner Zunge.

Es wäre ein Leichtes gewesen, ihn wieder auf das Bett mit der harten Matratze und den schlaffen Kissen zu stoßen, ihm die Jeans über die schlanken Hüften zu ziehen und das alte T-Shirt hochzuschieben, um seine Blutergüsse mit dem Mund zu erkunden. Für das „Nur-Freunde“-Gespräch war es nun ohnehin zu spät, also warum nicht?

Selbst der Gedanke, von Frome überrascht zu werden, besaß eine Art perversen Reiz, der die besitzergreifende Hitze in Javis Bauch aufwallen ließ. Eigentlich gehörte Sex in der Öffentlichkeit nicht zu seinen Vorlieben, aber Frome bitten zu müssen, damit er Cloister sehen konnte, war ihm gegen den Strich gegangen. Fromes hoher Rang in Plenty bedeutete nicht, dass Cloister von ihm beschützt werden musste – nicht vor Javi.

Glücklicherweise setzte sich Javis gesunder Menschenverstand durch und er unterdrückte den Drang, bevor er mit ihm durchgehen konnte. Nach dem Chaos in Phoenix war ein weiterer Skandal das Letzte, was seine Karriere jetzt brauchte.

„Dein Leben ist deine eigene Angelegenheit“, knurrte Javi, als er sich aus dem Kuss löste und eine Hand in den Bund von Cloisters Jeans schob, um sie auf seinen knackigen Hintern zu legen. Er drückte einmal so fest zu, dass Cloister ein Zischen ausstieß. „Aber dein Arsch gehört mir. Also verrat mir, warum du ihn vor ein Auto geworfen hast.“

Cloister lehnte sich an das Bett, um Javi für einen langen Moment nachdenklich anzusehen. Dann hob er einen Mundwinkel zu einem halbherzigen Ansatz seines üblichen breiten, offenen Lächelns und kratzte abwesend an den Näharbeiten über seinem Auge.

„Genau genommen war es ein Pick-up.“

„Ist das wichtig?“

Cloister zuckte schief mit den Schultern, da er Rücksicht auf seinen gebrochenen Arm nehmen musste, und grinste breiter. „Nicht dass du denkst, ich wäre von einem Prius fertiggemacht worden.“ Er schaute an Javis Schulter vorbei zur Tür und stieß sich wieder vom Bett ab. „Machen wir’s so: Du fährst mich nach Hause und ich erzähle dir, was passiert ist.“

Seine Jeans rutschte gefährlich weit hinab, als er sich bewegte, und blieb soeben am scharfen Vorsprung seiner Hüftknochen hängen. Er packte sie automatisch und zog sie hoch, als er in Richtung Tür humpelte. Javi betrachtete stirnrunzelnd die breiten Schultern.

„Du könntest eine Gehirnerschütterung haben“, wandte er ein.

„Die hätte ich nicht zum ersten Mal. Da wird man sowieso nur beobachtet.“ Cloister zuckte mit den Schultern. „Das schaffe ich auch allein. Es hat mich mit fünfzehn nicht umgebracht und das wird es auch jetzt nicht.“

Um nach der Türklinke zu greifen, musste er seine Jeans loslassen, woraufhin sie wieder hinabrutschte. Gegen seinen Willen folgte Javi ihr mit dem Blick. Sein Mund war so trocken wie beim ersten Mal, als er die festen oberen Rundungen von Cloisters Hinterteil gesehen hatte. Er riss sich von dem Anblick los und bemühte sich, seine zerstreuten Gedanken wieder in eine gerade Linie zu kehren.

„Du hast ein gebrochenes Handgelenk und eine Kopfverletzung“, widersprach Javi. „Du kannst nicht einfach zu deinem Wohnwagen zurückgehen.“

Cloister öffnete die Tür und zerrte seine Jeans wieder hinauf, bevor sie weit genug rutschen konnte, um Strafbares zu verursachen. „Wetten?“, fragte er mit einem Blick nach hinten zu Javi. „Mir ist es egal, wie ich hier rauskomme – du kannst mich fahren oder ich rufe ein Taxi –, aber ich werde nicht mehr hier sein, wenn Frome zurückkommt. Es liegt an dir.“