Shift Work - TA Moore - E-Book

Shift Work E-Book

TA Moore

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Beschreibung

Man könnte meinen, dass die Werwölfe das Schlimmste an der Arbeit in der Night Shift seien, aber da irrt man sich. Alles, was Officer Kit Marlow will, ist eine Tasse Kaffee und etwas Ruhe vor seiner nächsten Schicht. Stattdessen findet er einen nackten Mann im Aufzug und ein totes Mädchen in der Leichenhalle, dessen Identität nicht geklärt ist. Er muss sich um beides kümmern, bevor er endlich in sein Bett kann. Oder in das von irgendjemand anderem. Obwohl die Chancen dafür nicht sehr gut stehen. Widerwillig tut sich Marlow mit dem bissigen Sicherheitsberater Cade Deacon zusammen, der zuletzt nackt im Aufzug gesehen wurde, und erforscht das Leben des toten Mädchens. Gemeinsam decken sie einen neuen Tatort auf, der den Geruch alter Korruption verströmt. Eine Korruption, die Marlow vor fünf Jahren fast das Leben gekostet und seine Karriere beendet hätte. Herauszufinden, wer das Mädchen getötet hat, könnte nur der Anfang dieser Untersuchung sein. Oh, und es ist die zweite Nacht des Vollmonds. Das bedeutet, dass 80 % der Stadt, einschließlich Cade, sich mitten im Fall in Werwölfe verwandeln werden. "Shift Work" ist das erste Buch der Serie "Night Shift".

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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TA Moore

Shift Work

Night Shift Band 1

Impressum:

© dead soft verlag, Mettingen 2023

http://www.deadsoft.de

© the author

Titel der Originalausgabe: Shift Work – Night Shift 1

© Übersetzung: Erin Sommer

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

© Vector Tradition – shutterstock.com

© serge-b –stock.adobe.com

© saimbling – stock.adobe.com

© Lukasz Desigh – stock.adobe.com

© angelocordeschi – stock.adobe.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-577-0

ISBN 978-3-96089-578-7 (epub)

Inhalt:

Man könnte meinen, dass die Werwölfe das Schlimmste an der Arbeit in der Night Shift seien, aber da irrt man sich.

Alles, was Officer Kit Marlow will, ist eine Tasse Kaffee und etwas Ruhe vor seiner nächsten Schicht. Stattdessen findet er einen nackten Mann im Aufzug und ein totes Mädchen in der Leichenhalle, dessen Identität nicht geklärt ist. Er muss sich um beides kümmern, bevor er endlich in sein Bett kann.

Oder in das von irgendjemand anderem. Obwohl die Chancen dafür nicht sehr gut stehen.

Widerwillig tut sich Marlow mit dem bissigen Sicherheitsberater Cade Deacon zusammen, der zuletzt nackt im Aufzug gesehen wurde, und erforscht das Leben des toten Mädchens. Gemeinsam decken sie einen neuen Tatort auf, der den Geruch alter Korruption verströmt. Eine Korruption, die Marlow vor fünf Jahren fast das Leben gekostet und seine Karriere beendet hätte.

Herauszufinden, wer das Mädchen getötet hat, könnte nur der Anfang dieser Untersuchung sein. Oh, und es ist die zweite Nacht des Vollmonds. Das bedeutet, dass 80 % der Stadt, einschließlich Cade, sich mitten im Fall in Werwölfe verwandeln werden.

Widmung

An die Fünf – an uns alle und für immer –, die immer gesagt haben, dass ich es tun sollte. An meine Mutter, die immer wusste, dass ich tun kann, was auch immer ich will.

Danksagung

An alle Mitglieder meiner Facebook-Gruppe, Trouble in a Teacup, und an alle Abonnenten meines Newsletters: Danke, dass ihr meine merkwürdigen Abschweifungen und das Geplapper über dieses Buch im letzten Monat ertragen habt.

Kapitel 1

„Halten Sie die Tür auf!“, schrie jemand.

Marlow kannte die Stimme – aus dem Fernsehen, aus Podcasts und von sarkastischen Schmähschriften gegen eine angeblich inkompetente Polizei. Es war eine Stimme, an die man sich erinnerte. Er überlegte, für eine Sekunde so zu tun, als wäre er taub. Es war der Morgen nach dem letzten Mond und er konnte das nicht gebrauchen, aber seine gute Seite gewann die Oberhand. Das Leben war hart, und es war dämlich, eine Chance auf gutes Karma verstreichen zu lassen. Er bemühte sich, Mantel, Schlüssel und Kaffee nicht fallenzulassen, während er versuchte, eine Hand freizumachen, um der Bitte nachzukommen.

Es funktionierte nicht. Stattdessen streckte er einen Fuß aus und ließ die Aufzugstüren gegen seinen Schuh prallen.

Der Aufzug piepte ihn vorwurfsvoll an und die Türen glitten wieder auf. Dieses ‚Das‘, das er nicht gebrauchen konnte, auch bekannt als Cade Deacon, packte den Rand der Tür, bevor sie erneut zugleiten konnte. Er war nackt, bis auf die elektronischen Tags, die um seinen Hals baumelten. Seine Füße waren voller Grasflecken, und Blätter verfilzten immer noch seine lockigen, dunkelblonden Haare.

„Danke“, sagte Cade in einem rauen, warmen Ton, als er sich an Marlow vorbeidrückte. Die feuchte Hitze, die von ihm ausging, ganz frischer Schweiß und altes Blut, schwappte in einer Welle über Marlow und blieb an den Innenseiten seines Mundes kleben. So müsste Cade schmecken, wenn er ihn ablecken würde – Salz, Kupfer und Moschus – Marlow versuchte sich dann auf den Gedanken zu konzentrieren, was die Personalabteilung dazu sagen würde, wenn er das täte.

Er sah förmlich die Schlagzeilen vor seinem inneren Auge: „Night Shift-Polizist leckt den Leiter einer privaten Sicherheitsfirma an, um seine unternehmensübergreifende Dominanz zu demonstrieren.“

Sie wären nicht sehr erfreut. Er auch nicht, wenn Cade ihm die Zähne in den Hals rammte.

Marlow drückte den Knopf für seine Etage und sah dabei zu, wie Cade den vierten Stock auswählte. Das Leichenschauhaus. Er nahm einen Schluck von seinem Kaffee – er war kalt und hatte nie wirklich gut geschmeckt, aber es war trotzdem Kaffee – und schob seine Sonnenbrille höher auf seiner Nase. Drei Stockwerke über dem Erdgeschoss und fünfzehn Minuten Papierkram, dann hatte er sein Soll für den Tag erledigt. Er könnte Feierabend machen und das ganze Gebäude Cade Deacon überlassen.

Keiner von ihnen sagte etwas. Cade streckte einen Arm aus, griff nach hinten, und kratzte sich am Arsch.

Es war unhöflich, so etwas zu dieser Zeit des Monats zu einer Sache zu machen. Marlow kaute auf den Innenseiten seiner Wange und schaffte ein ganzes Stockwerk, bevor er einen kurzen Blick auf Cades Hintern riskierte. Er würde nicht so tun, als hätte er den nicht bereits bemerkt. Die taillierten Anzüge, die der Leiter von Cold Winds Security bevorzugte, setzten ihn jedes Mal gut in Szene, wenn Cade hereinkam, um sich mit dem Chef zu beraten oder der Night Shift den Arsch aufzureißen – einschließlich Marlows. Einige Male sogar, obwohl er bezweifelte, dass Cade sich daran erinnerte – das letzte Mal, weil er einen seiner Arschloch-Agenten in den Käfig geworfen hatte. Dies war jedoch das erste Mal gewesen, dass Marlow den Hintern leibhaftig sah.

Er hatte die herrliche Kurve mondblasser Haut und straffer Muskulatur erwartet, aber die Narben, die sich darüber zogen, waren eine Überraschung. Schmale, erhabene, weiße Wülste kreuzten seinen Hintern, die Enden der Narben reichten bis über seine Hüften und seine schlanken Oberschenkel hinunter. Er fragte sich kurz, wie das passiert war. Oder wann.

„Fragen Sie oder schauen Sie woanders hin“, sagte Cade.

Marlow spürte, wie sich kribbelnde Hitze von seinen Schlüsselbeinen bis zu seinen Ohren ausbreitete. Es ließ sie schmerzen. Er blickte auf seine Füße hinunter – der Stoff seiner abgenutzten Converse hatte angefangen, sich von der Sohle abzulösen, und er hatte vielleicht noch eine Woche, bevor sie den Geist aufgaben – und räusperte sich.

„Geht mich nichts an“, sagte er.

„Das wussten Sie bereits.“

Wo er recht hatte, hatte er recht. Marlow verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen und fluchte, als der Aufzug im zweiten Stock hielt. Es war nicht einmal jemand da, nur ein leerer Flur und eine Aktentasche übrig.

Er beugte sich nach vorne und drückte seinen Daumen gegen den ‚Tür schließen‘-Knopf. Jemand hatte ihm einmal gesagt, dass das eigentlich nichts brachte, außer dir etwas zu tun zu geben, aber er presste trotzdem dagegen. Komm schon, komm schon, komm schon.

„Nicht zuletzt muss ich der Arbeitsmoral von San Diegos steuerfinanzierten LEOs Respekt zollen“, sagte Cade, seine Stimme tief und klar. „Nicht nur früh am Morgen schon hier, sondern angezogen und sieht beschissen aus.“

Manchmal war es schwer, den Unterschied zwischen Dominanzspielen und Flirten zu erkennen. Anscheinend nicht bei Cade. Marlow wusste das zu schätzen.

„Ich habe seit …“ Marlow hielt inne, um sich daran zu erinnern, sein Gehirn in dem Stadium der Müdigkeit, in dem alles funktionierte, aber nur 20 Prozent langsamer als gewöhnlich. Es war November, also wurde die Nachtschicht normalerweise in zwei Teile geteilt. Allerdings hatten sich Harrison und Toledo beide krankgemeldet, also hatte er ihre aufeinanderfolgenden Schichten erwischt. „… siebzehn Stunden Schicht. Das Einzige, was ich möchte, ist mein Kit wieder anzumelden und nach Hause zu gehen.“

Und etwas guten Kaffee. Oder mehr schlechten Kaffee. Er war nicht pingelig.

„Oh, das ergibt Sinn“, knurrte Cade. „Du bist einer von der Spaßpolizei, und jetzt so müde, weil du am vergangenen Abend den Spaß für alle anderen ruiniert hast.“

Marlows Rippen schmerzten vom Aufprall nach einem Sprung in eine Gasse unten im Bekleidungsviertel. Sein Knie hatte das lockere Gefühl von zu weicher Knete, das sich über Nacht entspannen oder ausweiten und dafür sorgen könnte, dass er eine Woche lang humpeln würde. Wenn er morgen Abend zur Arbeit reinkam, wartete da ein Stapel Papierkram auf ihn, dick wie ein Wörterbuch, um den Schaden an seinem Streifenwagen zu protokollieren, nachdem jemand auf das Dach gesprungen und es voller Dellen zurückgelassen hatte.

„So bin ich“, sagte Marlow. Er widerstand dem Drang, die Augen zu verdrehen, und lehnte sich lediglich nach vorne, um den Knopf erneut zu drücken. „Von der Spaßpolizei. Wissen Sie, an jeder Straßenecke gibt es Schließfächer, in denen Sie frische Wechselkleidung aufbewahren können.“

„Ich weiß.“

Schließlich erreichten sie Marlows Etage. Er beschloss zu glauben, dass das Hämmern auf den Knopf funktioniert hatte. Die Türen glitten auseinander, und Marlow war noch nie so froh, das institutionelle Grün der Wände zu sehen. Er sprang nicht gerade aus dem Aufzug, aber die Türen hatten sich nicht ganz geöffnet, als er durch sie hindurch schoss. Er war fast frei und unversehrt, als Cade sich räusperte.

„Officer … Marlow, nicht wahr?“

So viel dazu, nicht zu wissen, wer – oder was – Marlow war.

Marlow spürte die kalte Pfote des Geistes seiner Großmutter am Ohr. Sie hatte nicht Jahre damit verbracht, Marlow Manieren einzutrichtern, damit er unhöflich gegenüber jemandem war, der jetzt über ihm stand. Karma, sagte sich Marlow. Hierfür würde er Anerkennung bekommen.

Er drehte sich um, steif und widerwillig, und sein Gehirn fiel sofort um und flappte herum wie ein Fisch an der Angel. Cade hatte sich gegen die Wand des Aufzugs gelehnt und stützte sich mit seinen Händen auf dem Geländer hinter sich ab. Sein Lächeln offenbarte Zähne, die etwas zu spitz waren, und Augen von einem hellen Honigbraun, umrahmt von Lachfältchen. Es war nicht so, als wäre es eine Überraschung, dass Cade heiß war. Marlow mochte die Idee einer privaten Polizeieinheit nicht, und er mochte den bissigen CEO auch nicht besonders, aber er war nicht blind. Cade sah mit seinen breiten, sommersprossigen Wangenknochen und einem eckigen, fein geschnittenen Kiefer gut aus – auf eine harte, kompromisslose Weise, die nichts Weiches oder Schönes an sich hatte.

Aber diese Anziehung war bloß eine Einbahnstraße. Marlow hatte nie das Gefühl bekommen, dass Cade ihn, oder irgendjemanden sonst, als irgendetwas anderes als ein Hindernis wahrgenommen hätte. Der Mann kümmerte sich nur um seine Arbeit und darum, ein Arschloch zu sein.

Bis jetzt – als Marlow der Atem stockte, während Cade ihn mit diesen wilden, fast goldenen Augen festpinnte.

„Ruh dich ein wenig aus, Marlow“, sagte Cade gedehnt. Für eine Sekunde war Marlow überrascht, dass Cade sich tatsächlich daran erinnerte, wer er war, bis Cades nächste Worte ihn mehr überraschten. „Du siehst aus, als solltest du längst in meinem Bett sein.“

Marlow starrte Cade an, sein Kiefer klappte hinunter, während er sich fragte, ob er sich verhört hatte.

Bevor er sich entscheiden oder dem Drang nachgeben konnte, seine Augen dem lächerlich perfekten Dreieck von Cades Körper nach unten folgen zu lassen, um das direkt zu überprüfen, glitten die Aufzugstüren zu und versperrten Marlows Sicht.

„Was zur Hölle war das?“, sagte Marlow laut und sah sich um, um herauszufinden, ob jemand anderes gesehen hatte, was gerade passiert war.

Der Flur war leer.

Nach einem Moment schüttelte Marlow den Kopf und rieb sich mit der Hand übers Gesicht. Er sollte es gewohnt sein, mit dem Rest der Stadt nicht im Einklang zu sein, sogar mit den anderen Cops. Echten Polizisten. Marlow war bis in die Knochen erschöpft von der Spätschicht und sie hatten die Nacht auch noch auf allen vieren verbracht, um den Mond anzuheulen.

Spaßpolizei. Marlow schnaubte, als er kehrtmachte und auf die Waffenkammer zuging.

Werwölfe wussten sowieso nicht, wie die anderen 20 Prozent – basierend auf der letzten Volkszählung – lebten.

„Vergiss die Wölfe“, sagte Bennett. Der andere Night Shift-Officer hielt Hof mitten in der Waffenkammer. Sie gestikulierte mit einer Tasse schwarzen Kaffees, wahrscheinlich mit Whisky aufgepeppt, während sie sprach. „Die verdammten Kaninchen sind durchgedreht. Ich schwöre bei Gott, ich habe einen ausgewachsenen Wolf gefunden, der von einem Haufen wütender Hasen auf den Baum gejagt wurde.“

„Ja“, schnaubte einer der Frischlinge, der sich sicher schien, seine Vorgesetzte bei einem Scherz erwischt zu haben. Er sah sich nach Unterstützung um. „Richtig. Dann kamen die Eichhörnchen zusammen und haben Ihr Auto gestohlen, bevor Sie zurückkommen konnten, oder?“

Niemand lächelte. Nach einer Sekunde fiel das Gesicht des Frischlings in sich zusammen. Er wandte sich wieder an Bennett, die ihn anstarrte.

„Was ist so lustig?“

„Oh, kommt schon“, sagte der Frischling. Er breitete seine Hände in dem Appell, irgendjemand möge verstehen, aus. „Kaninchen?“

Bennett schüttelte einfach den Kopf und ging zu Marlow. Der Frischling sah ihr mit einem niedergeschlagenen Ausdruck nach und fuhr dann zusammen, als einer der anderen Männer kicherte und ihm auf die Schulter schlug.

„Erster blauer Mond? Während des Auftrags?“, fragte Franklin, Bennetts standardmäßiger Back-up. Der Frischling wurde rot im Nacken, als er steif nickte. Franklin schürzte seine Lippen und flüsterte mit tiefer, rauer Stimme, als er den Kopf schüttelte: „Oh ja, du musst noch viel lernen. Ich sag dir was, kaufe Onkel Franklin Frühstück und ich bringe dich auf den neusten Stand. Bevor die Hasen oder Bennett dich kriegen.“

Der große Mann nahm den Frischling in einen kameradschaftlichen Schwitzkasten und marschierte ihn zur Tür. Marlow hielt inne, um ihnen beim Gehen zuzusehen und warf Bennett dann einen schiefen Blick zu.

„Wirst du dem Jungen jemals sagen, dass du mit ‚Hasen‘ die Beat Officers meinst?“

Bennett grinste ihn an und blickte zu ihrem Team, während sie den Raum verließen. „Eines Tages. Wahrscheinlich. Komm schon, der Junge ist neu. Er muss lernen, dass der Blaumond-Wahnsinn real ist, zu seinem eigenen Wohl.“

„Außer, dass es nicht der Fall ist“, sagte Marlow. „Es ist ein Märchen.“

Bennett reagierte empört. Sie folgte ihm, als Marlow zum Schreibtisch ging und seinen Seesack auf den Tresen schwang.

„Dass es ein Märchen ist, ist ein Märchen“, sagte Bennett. „Was? Glaubst du etwa, dass die gesamte Mondstrahlung in der Luft keine Auswirkung hat oder was? Es wurden Studien gemacht, und für die Wölfe ist das Zeug wie Katzenminze. Sie verlieren die Kontrolle. Sag es ihm, Erin.“

Officer O’Malley schnappte sich den Riemen von Marlows Tasche und zog diese auf ihre Seite der kugelsicheren Glaswand.

„Das letzte Mal hatten wir eine Doppelblase“, sagte sie. „Haben das Dreifache des Durchschnitts an Munition für einen Monat aufgebraucht. Das ist eine Tatsache.“

Bennett schlug mit der Hand auf den Tresen. „Da hast du’s. Das ist eine Tatsache. Du kannst nichts gegen Fakten sagen, Kätzchen.“

Der Spitzname ließ Marlow seine Zähne zusammenpressen. Er hasste es; deshalb führte er seinen Nachnamen anstelle von Kit. Bennett wusste, dass er es hasste, deshalb benutzte sie ihn. Obwohl sie den gleichen Rang hatten, hatte Bennett drei Jahre Vorsprung. Sie sorgte gerne dafür, dass sich alle daran erinnerten. Und sie war ein Arschloch. Bennett war die Art von Person, die ein Kind kitzelte, bis es sich einnässte. Sie wusste nie, wann sie sich besser zusammenreißen sollte.

Und sie wurde noch schlimmer, wenn sie wusste, dass sie einen wunden Punkt erwischt hatte. Selbst, wenn man mit ihr befreundet war – wenn man es denn Freundschaft nennen konnte … Oder zumindest keine anderen Freunde hatte.

„Ich streite nicht“, sagte Marlow mit seiner mildesten Stimme. „Ich stimme einfach nicht zu. Ich mache einfach meinen Job; es spielt keine Rolle, welche Farbe der Mond hat.“

Er nahm das Klemmbrett, das Erin durch die Trennwand zu ihm geschoben hatte, und platzierte seine Initialen dort, wo sie benötigt wurden. Der Stift war etwas angetrocknet, und er musste in die Ecke des Blattes kritzeln, bis der wieder schrieb. Das Gekritzel kam als Wolf, mit schwarzen spitzen Ohren und blinden weißen Augen über der Spitze einer langen, faltigen Nase, heraus.

Bennett hob ihr Kinn und straffte ihre Schultern. „Meinst du, ich tue es nicht?“

„Ich sage nur, dass ich nicht mehr Munition benutzt habe, als wir das letzte Mal zwei volle Monde im Zyklus hatten.“

Ein finsterer Blick senkte sich für einen Moment über Bennetts Gesicht. Sie schob die kurzzeitige schwarze Stimmung sichtbar beiseite und lehnte sich gegen die Theke zurück, um ihren Kaffee auszutrinken.

„Du Glückspilz“, sagte sie. Das war alles. Sie schaffte es immer noch, den Eindruck zu vermitteln, er sei irgendwie nachlässig gewesen.

Es gab eine Pause, während Bennett ihren Kaffee trank. Marlow nutzte die Gelegenheit, um die Formulare fertig auszufüllen. Er behielt Erin im Auge, als sie anfing, seinen Seesack auszupacken. Jede Waffe wurde wieder angemeldet, während sie ihre Arbeit machte. Alles, was nicht zwischen ihrer Zählung und dem, was er an diesem Nachmittag – gestern Nachmittag – abgemeldet hatte, stimmte, musste in seinem Vorfallbericht erwähnt werden. In der Theorie. In der Praxis hatte IA nicht genug Arbeitskräfte, um jede fallengelassene Kugel zu untersuchen. Sofern es nicht im Zusammenhang mit einer anderen aktiven Untersuchung auftauchte, waren ein paar Diskrepanzen nicht genug, um sich Sorgen zu machen.

Es war dennoch eine gute Idee, die Rezeptionistin im Auge zu behalten, während sie arbeitete. Letztes Jahr war eines von Callens Kits unter McCalls Namen wieder angemeldet worden. Es war in zwei Tagen geklärt worden, aber die Untersuchung hatte sechs Monate angedauert, bevor Callen wieder dem aktiven Dienst zugewiesen werden konnte. Er hatte seine Chance auf eine Führungsposition verpasst.

Erin hob das Tränengas vorsichtig heraus und überprüfte es. Die Waffenkammer war versiegelt, aber wenn einer der Kanister losging, würde es drei Tage dauern, die Wände mit Zahnpasta und Essig abzuschrubben, bevor sie sie wieder öffnen konnten. Selbst verdünnt, um die Wirkung zu verringern, würde das Akonit jeden Wolf, der etwas davon einatmete, direkt in die Notaufnahme bringen – ganz gleich, ob ihre Nase dabei menschlich war oder nicht.

„Ich habe gehört, Harrison hat einen Vorruhestand beantragt“, sagte Bennett abrupt. Marlow erschreckte sich genug, um seine Unterschrift zu vermasseln. Er fluchte leise, strich sie durch und versuchte es erneut, bevor er Bennett ansah. „Sicher?“

„Neue Frau, neues Leben“, sagte Bennett. „Ich schätze, sie will nicht, dass er angeschossen wird. Für mich persönlich wäre es das Erste, was ich meinem Mann und seiner Polizeirente wünschen würde. Dann könnte ich eine fröhliche Witwe sein.“

Bennett zwinkerte Erin zu, die lachte und Marlow dann einen schnellen, merkwürdigen Blick zuwarf, bevor sie sich wieder an die Arbeit machte. Es waren immer noch zwei Flecken rötlicher Farbe auf ihren Wangen, als sie die Munitionskisten herauszog und die Kugeln zählte. Sie musste innehalten, als sich einer der anderen Angestellten von hinten näherte, um ihr etwas ins Ohr zu flüstern.

„Sie ist nicht die erste Frau, die ihn ändern wollte“, sagte Marlow. „Die Night Shift hat sich schon immer an ihn geklammert.“

„Nun, sie könnte die Erste sein, die es geschafft hat“, sagte Bennett. „Meine Quellen wissen, wovon sie sprechen. Der Papierkram wurde unterschrieben und übergeben. Wenn er keinen Rückzieher macht, schnappst du dir den Job?“

Marlow zögerte, als er darüber nachdachte. Als abstrakte, eintägige Sache hatte er immer angenommen, dass er es tun würde, aber die Realität war ein bisschen entmutigender.

„Ich denke schon“, sagte er nach einem Moment. „Du?“

Dafür fing er sich einen sengenden Blick ein. Bennett war zwei Jahre lang amtierender Sergeant gewesen, während ihr Sergeant einen längeren medizinischen Urlaub genommen hatte. Allerdings kam er so fit wie ein Turnschuh zurück und war bereit, die Zügel wieder zu ergreifen.

Zu ihrer Verteidigung musste man sagen, dass sie die übergeben hatte, aber jeder wusste, dass sie es vermisste. „Was denkst du?“

Marlow zuckte unwissend mit den Schultern. „Wahrscheinlich auch Dawson aus der Tagschicht.“

„Sie ist nachtblind“, sagte Bennett. „Was würde die schon bringen?“

„OT hat ihr diese Brille besorgt“, sagte Marlow. „Und sie braucht das Geld, bei ihrem Mann.“

Bennett stimmte ihm mit einem genervten Verziehen ihres Mundes zu. „Vielleicht …“

Bevor sie fertig werden konnte, räusperte sich O’Malley. Als sie sich umdrehten, schob sie einen Zettel durch den Schlitz in der Trennwand. Der andere Angestellte hatte die Notiz in schwungvollen, unordentlichen Buchstaben geschrieben, die dennoch lesbar waren.

„Der Captain will dich sehen“, wiederholte O’Malley es trotzdem. „Unten im Leichenschauhaus.“

Ihre Finger tippten unbewusst auf die Papiere, die sie fast fertig bearbeitet hatte, knapp über Marlows Kugeln. Er hatte weniger zurückgebracht, als er ausgecheckt hatte. Es war passiert. Ein Wolf war ein Wolf, bis er es nicht mehr war. Man konnte ihn dann nicht mehr überreden oder logische Argumente vorbringen. Manchmal war Silber die einzige Möglichkeit, um seine Zähne von jemandes Hals fernzuhalten.

Das bedeutete nicht, dass es keinen Aufstand gab, wenn jemand starb.

Falls jemand starb. Marlow hätte schwören können, dass jeder Wolf, dem er gestern Abend begegnet war, angepisst aufwachen würde, aber sie würden aufwachen. Vielleicht hatte er sich geirrt.

„Verdammt“, sagte Bennett. Sie klopfte Marlow auf den Rücken, stark genug, dass es wehtat, in einer groben Darbietung von Mitgefühl. Oder nah genug dran. „Ich schätze, ich muss mir doch keine Sorgen um dich als Konkurrenz machen.“

Sie kicherte über ihren eigenen Witz, als sie nach draußen und in die Umkleideräume ging.

„Wie wär’s, du nimmst deine Ausrüstung zurück und ich mache das hier fertig?“, bot O’Malley an. „Es ist alles erledigt außer den letzten beiden Kisten, und die sind unberührt. Ich kann die Formulare beglaubigen.“

Marlow zögerte einen Moment, aber es gab keinen Grund, nein zu sagen. Oder es gab einen, aber diese Gründe wären entweder paranoid oder undankbar.

„Danke“, sagte er.

O’Malley zog verächtlich die Nase kraus, als sie den versiegelten Umschlag aus der Schublade unter dem Tisch herauszog. Sie übergab ihn und Marlow schob seinen Finger unter die Klappe, um ihn aufzureißen. Es enthielt sein Abzeichen, seine persönliche Waffe, die mit nicht-silbernen Kugeln geladen war, und seinen Geldbeutel.

Wölfe waren während des Vollmondes keine Menschen, aber sie waren auch nicht nur Bestien. Niemand aus der Night Shift wollte sich mit einem Wolf anlegen und dann herausfinden, dass sie ihren Ausweis angeschaut hatten, um ihn nach Hause zu verfolgen. Darüber wurden Tragödien geschrieben.

Nicht dass Marlow jemanden zu Hause hatte, der in Gefahr gebracht werden konnte. Das Schlimmste, was er befürchten musste, war Wolfskacke in seinem Bett.

„Wir sehen uns morgen Abend“, zwitscherte O’Malley fröhlich.

Marlow verzog das Gesicht, als er seine Waffe an seinem Gürtel befestigte und sein T-Shirt darüber zog. Er nahm an, dass er sie morgen Nacht sehen würde, angesichts des derzeitigen Arbeitskräftemangels, egal, wie viel Schlaf er am Ende bekam.

„Vielleicht bekomme ich einen Kuchen für all meine harte Arbeit?“, sagte er. „Und die Nacht frei?“

O’Malley zog ihre Nase kraus. „Ich glaube, Jay hätte zuerst einen Kuchen bekommen“, sagte sie. Ihre Augen wurden groß und verträumt. „Sie ist erstaunlich. Es wäre nicht fair, dir einen zu geben und nicht ihr.“

Marlow brauchte eine Sekunde, um zu begreifen, wen sie meinte. Bennett. Er benutzte selten ihren Vornamen oder dachte überhaupt darüber nach.

„Es gibt keinen Kuchen“, sagte er, als er zurücktrat. „Es gibt nie Kuchen, O’Malley. Oder eine freie Nacht.“

Es stellte sich heraus, dass er recht hatte. Es gab keinen Kuchen.

Es gab eine Leiche.

Kapitel 2

Das tote Mädchen lag auf dem Tisch des kühlen, sterilen Leichenschauhauses des SDPD. Sie sah tot aus – ihre Haut locker und klebrig-fahl und der schwache Geruch von Verwesung hing schwer in der Luft – aber auf den ersten Blick gab es keine offensichtliche Todesursache. Das Laken war bis zu ihrer Brust zurückgefaltet worden, ein tätowierter Wolf war über der Kurve einer Brust zu sehen, aber es gab keine sichtbaren Verletzungen.

Cade erkannte sie nicht, aber er hatte schon immer ein schlechtes Gedächtnis für Gesichter gehabt. Wenn Captain O’Hara sich die Mühe eines Callouts nach dem Mond am frühen Morgen gemacht hatte, nahm er an, dass er ihr begegnet war.

„Tragisch“, sagte Cade, als er die Ärmel seines geliehenen Sweatshirts seine Unterarme hinaufschob. „Aber ich verstehe nicht, was das mit mir zu tun hat.“

Dr. Sun, die Chefpathologin, drehte sich halb um, um eine kleine Plastiktüte von einem Tablett zu holen. Sie gab sie Cade – darin befand sich eine einzelne schwarze Karte, auf die drei silberne Wellenlinien geprägt waren, die von einem stilisierten Baum unterbrochen wurden.

„Das ist eine Keycard von Cold Winds Security, nicht wahr?“, sagte O’Hara. Er kannte die Antwort bereits, aber der Tanz war – davon ging Cade aus – Tradition. „Im Rahmen des Vertrags Ihres Unternehmens mit dem Vorstand drüben im Reservat.“

Cade drehte die Karte um, um die Rückseite anzuschauen. Er kannte nicht die Seriennummer jeder Karte, die sie ausgestellt hatten, aber er wusste, was die Gruppierungsstruktur der Zahlen bedeutete.

„Sie war ein Gast“, sagte Cade, als er die Karte Sun zurückgab. „Keine Bewohnerin. Laut der Karte.“

„Wessen Gast?“

Es war Marlow, der die Frage stellte. Cade blickte zu dem schlanken Night Shift Officer, der sich gegen die Wand der Leichenhalle lehnte und versuchte, nicht wie jemand auszusehen, der gerade in einem Aufzug niedergemacht wurde.