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Seine Mutter. Sein bester Freund. Die Bardame im ortsansässigen Pub. Sie alle sind entschlossen, einen Freund für Nathan Moffatt zu finden. Dabei ist es das Letzte, was Nathan sich wünscht. Nachdem er jeden Tag dafür sorgt, dass seine Kunden nichts als romantische Magie erleben, möchte der Hochzeitsplaner des Granshire Hotel nur nach Hause gehen, sich stundenlang Krimiserien ansehen und in Unterwäsche Pizza essen. Da ihm jedoch leider niemand glaubt, muss er sich Vorträge über einen einsamen Tod anhören. Bis er eine Idee hat: Er muss die Menschen in seinem Leben dazu bringen, ihn ebenfalls lieber als Single sehen zu wollen. Er braucht einen schlechten Freund. Und für diese Rolle ist ein Mann perfekt. Obwohl Flynn Delaney daran gewöhnt ist, dass die Bewohner der Insel Ceremony von ihm das Schlechteste denken, ist er nicht sicher, ob er die zweifelhafte Ehre annehmen möchte, der schlimmste Freund auf der gesamten Insel zu sein. Andererseits kann er, wenn er bei der Sache mitspielt, Zeit mit dem umwerfenden Nathan verbringen und gleichzeitig die Besitzer des Granshire Hotel ärgern – sehr lohnenswert. Es gibt nur ein Problem: In Wirklichkeit ist Flynn ein ziemlich guter Freund, weshalb sich Nathan nun fragt, ob es tatsächlich das Schlimmste der Welt ist, sich hin und wieder von seinem Sofa zu trennen.
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Seitenzahl: 378
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Inhalt
Zusammenfassung
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Seine Mutter. Sein bester Freund. Die Bardame im ortsansässigen Pub. Sie alle sind entschlossen, einen Freund für Nathan Moffatt zu finden. Dabei ist es das Letzte, was Nathan sich wünscht. Nachdem er jeden Tag dafür sorgt, dass seine Kunden nichts als romantische Magie erleben, möchte der Hochzeitsplaner des Granshire Hotel nur nach Hause gehen, sich stundenlang Krimiserien ansehen und in Unterwäsche Pizza essen.
Da ihm jedoch leider niemand glaubt, muss er sich Vorträge über einen einsamen Tod anhören. Bis er eine Idee hat: Er muss die Menschen in seinem Leben dazu bringen, ihn ebenfalls lieber als Single sehen zu wollen. Er braucht einen schlechten Freund.
Und für diese Rolle ist ein Mann perfekt.
Obwohl Flynn Delaney daran gewöhnt ist, dass die Bewohner der Insel Ceremony von ihm das Schlechteste denken, ist er nicht sicher, ob er die zweifelhafte Ehre annehmen möchte, der schlimmste Freund auf der gesamten Insel zu sein. Andererseits kann er, wenn er bei der Sache mitspielt, Zeit mit dem umwerfenden Nathan verbringen und gleichzeitig die Besitzer des Granshire Hotel ärgern – sehr lohnenswert.
Es gibt nur ein Problem: In Wirklichkeit ist Flynn ein ziemlich guter Freund, weshalb sich Nathan nun fragt, ob es tatsächlich das Schlimmste der Welt ist, sich hin und wieder von seinem Sofa zu trennen.
Wie immer: Bis hierher wäre ich niemals ohne die Unterstützung meiner Mutter und das auffordernde „Tu es einfach“ der Fünf gekommen. Ich liebe euch alle!
„Weißt du, mein Neffe ist schwul. Wenn du ihn mit einigen Gartenarbeiten beauftragst, könnten sie sich vielleicht … zufällig begegnen.“
DAS GRANSHIRE Hotel ragte elegant über einigen der atemberaubendsten Aussichten der Insel Ceremony auf. Hinter ihm fielen die Klippen tief bis zum aus weißem Sand geformten Halbmond der Bucht ab, wo einige Meilen vor dem Strand leuchtend bunte Boote vor Anker lagen. An der Vorderseite wogte die Heide hinab, ganz Heidekraut und Wildblumen, bis sie die geraden Steinmauern erreichte, die das Ackerland abgrenzten. Manchmal sah man dort einige Rehe grasen.
Der Tatler hatte es als eines der zehn beliebtesten Hochzeitsziele des Vereinigten Königreichs bezeichnet. Hochzeitsgesellschaften kamen aus der ganzen Welt. Es war nicht billig und nicht leicht zu erreichen – selbst bei der Anreise aus dem eigenen Land mussten Paare eine lange Fahrt über holprige Küstenstraßen hinnehmen und mit der Fähre ein Stück der Irischen See überqueren. Doch Paaren auf der Suche nach der perfekten Hochzeit schien es die Mühe wert zu sein.
Dabei ging es nicht nur um den alten steinernen Saal und das Posieren auf dem eleganten Treppenaufgang mit seinen Geländern aus Färber-Eiche, die mit an verschlungene Weinrosen erinnernden Schnitzereien verziert waren. Sie wollten auch die Feenhöhlen am Strand besuchen, im traditionellen Pub mit Zaumzeugbeschlägen hinter der Bar mit einem Glas Guinness anstoßen, im kleinen Laden in der unterspülten Fischerhütte am Strand „etwas Altes“ kaufen … und was die Insel sonst noch an instagramgeeigneten Momenten zu bieten hatte.
Paare reisten nach Ceremony, um ein sorgfältig aufgezeichnetes Märchen oder eine Liebeskomödie zu durchleben, und als Hochzeitsplaner des Granshire hatte Nate Moffatt die Aufgabe, ihnen diesen Wunsch zu erfüllen – selbst an Tagen, an denen er absolut nicht an das glückliche Miteinander anderer Menschen denken wollte.
„Schuhe?“, fragte er, als er sich durch die Tür zur Bar des Granshire beugte.
Die Bar war ein ausgedehnter Raum mit vom Meer gebleichtem Holz und glänzenden Metalloberflächen, die normalerweise aussah, als wäre sie für das Fotoshooting einer Zeitschrift hergerichtet worden. Im Augenblick war sie jedoch größtenteils von den Überresten der letzten Hochzeitsfeier bedeckt – in den Ecken zusammengefegte bunte Wehen aus zerknittertem Konfetti und Gläser mit klebrigen Rückständen fruchtiger Cocktails auf jeder glatten Oberfläche.
Die Minimalbelegschaft der Bar, die gähnend mit Abfall gefüllte Tüten aus dem Raum zerrte, hielt kurz inne, um Nate mit einem Schulterzucken zu antworten. Sie waren mit den Aufräumarbeiten bereits gut vorangekommen. Nate nahm sich vor, das übliche Trinkgeld als Dank für gute Arbeit etwas zu erhöhen.
Eigentlich war keines nötig. Während einige Paare ein Festzelt mieten oder in der alten Brennerei heiraten wollten, wofür zusätzliches Personal gebraucht wurde, hatten sich die frischgebackenen Eheleute Sanders auf das vom Hotel angebotene Paket beschränkt, das die Belegschaft einschloss. Doch Nate hatte die Erfahrung gemacht, dass es besser war, wenn Leute gern für ihn arbeiteten – für diese eine Veranstaltung, bei der man sie darum bitten musste, sich als der verrückte Hutmacher zu verkleiden und bis in die frühen Morgenstunden Long Island Iced Tea zu servieren.
Nate lenkte sie nicht länger von ihrer Arbeit ab und wand sich stattdessen zwischen den Tischen hindurch, bis er die Bar erreicht hatte, wo er zwischen den Zähnen hindurch einen lauten Pfiff ausstieß, um den Chefbarkeeper auf sich aufmerksam zu machen.
„Schuhe der Braut?“, fragte er. „Unikate. Designer. Sehen aus wie alle anderen glitzernden Aschenputtelschuhe bei Hochzeiten?“
Max entsorgte zwei leere Flaschen Prosecco und zog die Augenbrauen hoch. „Da ist aber jemand gereizt aufgewacht“, sagte er. Der kleine, auf modische Weise rau wirkende Mann war der Sohn des Hotelbesitzers und Nates bester Freund, seit sie sich als unbeholfene Jungen darüber gewundert hatten, warum Mädchen sie lieber zu mögen schienen als andere Jungen. Bis ihnen klar geworden war, dass man als bester Freund des anderen schwulen Jungen in der kleinen Inselklasse mit zwanzig Kindern offenbar bis zum Schulabschluss die „Schwulenquote“ ausgereizt hatte. „Ich habe keine Schuhe gesehen. Aber in den Toiletten habe ich eine der Brautjungfern gefunden, die ihren Rausch ausschläft, falls das weiterhilft.“
Max’ Grinsen konnte man nur schwer widerstehen. Trotz seiner finsteren Laune spürte Nate, wie seine Mundwinkel zuckten, um es zu erwidern.
So märchenzauberhaft die Hochzeiten auch aussahen, erinnerten die Nachwirkungen eher an die ursprünglichen Geschichten – voll von Reue, Geheimnissen, die bewahrt werden mussten, und manchmal Blut auf dem Boden. Meistens Kotze, aber manchmal Blut.
„Seit Mitternacht sind die Brautjungfern wieder für sich selbst verantwortlich und nicht mehr mein Problem“, entgegnete Nate.
„Du könntest im Garten nachsehen“, schlug Max vor, während er die Kaffeekanne von der Maschine hob, um Nate eine Tasse einzugießen. Er musste nicht erst fragen, ob Nate eine wollte. Die Antwort war immer ja. „Ich habe ein paar Gäste draußen tanzen sehen.“
Nate hob die Tasse und nahm einen kochend heißen Schluck. An der Wand war Sirup in verschiedenen Geschmacksrichtungen aufgereiht – alles von fantasielos-fader Vanille bis hin zu Käsekuchen –, doch dieser war für Menschen, die ihren Kaffee genießen wollten. Das hier war Antriebskaffee – heiß, schwarz und so stark, dass der Löffel darin stehen geblieben wäre.
Als er aufsah, hatte Max das Reinigen des Tresens unterbrochen und sich stattdessen mit verschränkten Armen daraufgestützt. Er zog abwartend die Augenbrauen hoch. „Und? Bist du heute Morgen so ein knatschiger Kerl, weil du eine lange Nacht hattest?“
Die hatte er gehabt, aber bei Max’ anzüglichem Grinsen dachte er vermutlich nicht daran, dass er die angetrunkene, deprimierte Mutter des Bräutigams zu ihrer Suite begleitet hatte. Also meinte er wohl …
Nate stieß zwischen zusammengebissenen Zähnen einen zischenden Seufzer aus. Dieser Morgen schien es darauf abgesehen zu haben, ihm den letzten Nerv zu rauben. „Dann warst du es also, der dem Bruder des Bräutigams meine Nummer gegeben hat?“
Das Grinsen wurde anzüglicher. „Ja, du schuldest mir was. Ist er noch bei dir?“
„Nein.“
Das Grinsen verschwand. „Hat er dich nicht angerufen?“, fragte Max. Er klang ehrlich überrascht. „Das kann ich kaum glauben. Er hat sich wirklich für dich interessiert, hat dich als Silberfuchs bezeichnet.“
Nate schaute an Max vorbei in den Spiegel hinter der Bar und strich sich etwas verlegen einige von Grau durchzogene braune Locken aus der Stirn. Er war achtunddreißig. Das war zu jung, um von jemandem als attraktiver älterer Mann gesehen zu werden, auch wenn er bereits mit zwanzig erste graue Strähnen bekommen hatte.
„Er hat angerufen.“
Eigentlich hatte er eine Nachricht geschickt. Nate fragte sich mit trockenem Humor, ob seine leichte Gekränktheit als Reaktion darauf bedeutete, dass er älter war, als er sich fühlte.
Max warf ihm einen fragenden Blick zu. „Und? Er fand dich heiß. Er hat angerufen. Ihr habt euch getroffen und …“
„Ich habe ihn ignoriert“, sagte Nate mit Nachdruck. „Ich war dabei, eine Hochzeit zu organisieren. Ich hatte keine Zeit, mich mit irgendeinem Fremden zu treffen.“
Anstatt den gereizten Unterton als Hinweis zu verstehen und das Thema zu wechseln, stieß Max ein unhöfliches Geräusch aus. „Das hat dich bisher nie aufgehalten. Ich erinnere mich noch an Durham, als du beim Buchfestival geholfen hast. An einem Abend hast du es zwischen Diskussionsrunden und Lesungen mit drei verschiedenen Typen getrieben, von denen einer zu den Autoren gehörte. Trotzdem hast du nicht vergessen, am Ende alle deinen Zufriedenheitsfragebogen ausfüllen zu lassen.“
Nate musste zugeben, dass es ein guter Abend gewesen war. Davon hatte es während seiner Jahre in Durham ziemlich viele gegeben. Auch wenn er den Abschluss in Englischer Literaturwissenschaft letztendlich niemals verwendet hatte, außer um junge Männer zu beeindrucken, die Sonette mochten. Doch Ceremony war nicht Durham und Nate war nicht mehr zwanzig Jahre alt.
„Das war vor über einem Jahrzehnt“, sagte Nate. „Und ich war ein notgeiler Idiot.“
„Aber glücklich“, merkte Max an. Er ließ das Lächeln aufblitzen, das nicht wenige Männer dazu gebracht hatte, ihm für ein kleines Abenteuer zu folgen. Und in letzter Zeit hatte die Anzahl zugenommen. Max war nicht gut aussehend – zu viel Nase, zu viel Kiefer und so dichtes Haar, dass es sich nicht frisieren ließ. Doch er besaß den Glanz einer reich und selbstbewusst aufgewachsenen Person. Damit hatte er Nate über die Jahre so oft in Schwierigkeiten gebracht, dass er es kaum noch aufzählen konnte, seit ihm der zehnjährige Maxwell zum ersten Mal einen Finger in die Rippen gebohrt hatte, um ihn aufzufordern, mit ihm Dummheiten zu machen. „Komm schon, Nate. Ich weiß, dass dein Ex dir übel mitgespielt hat, aber …“
Es war der falsche Zeitpunkt, um das zu sagen. Eigentlich war es dafür so ziemlich immer der falsche Zeitpunkt.
„Leck mich, Max.“
Ruhig stellte er die halb volle Tasse Kaffee auf den Tresen, drehte sich um und verließ die Bar. Die Angestellten warfen einander „Wie unangenehm“-Blicke zu, als er vorbeiging. In seinem Kopf strich er die Notiz über das großzügige Trinkgeld wieder durch – obwohl er wusste, dass er das bis zum Ausstellen der Gehaltsschecks zurücknehmen würde.
„Nate“, rief Max ihm nach. „Warte, okay? Ich wollte nicht … Scheiße.“
Die Türen zur Gartenanlage fielen hinter Nate zu und schnitten ab, was Max sonst noch zu sagen hatte.
Es würde bald wieder in Ordnung sein. Max würde sich später entschuldigen und Nate eines der miesen Biere aus der inseleigenen Brauerei ausgeben, die er aus irgendeinem Grund anbot. Nate würde ihm verzeihen, da die Erwähnung eines Exfreundes nun wirklich kein guter Grund für einen ernsthaften Streit mit jemandem war. Und auch wenn er sich noch nicht als „Silberfuchs“ betrachtete, war er eindeutig zu alt, um sich einen neuen besten Freund zu suchen.
Auf Max war er eigentlich auch überhaupt nicht wütend. Oder auf seinen Ex. Obwohl es alle zu denken schienen, trauerte er dem Arschloch nicht nach wie die Heldin eines Cookson-Liebesromans.
Er durchquerte den kleinen, eleganten Rosengarten des Hotels. Auf dem Rand des Springbrunnens standen, silbern glitzernd und feucht vom Tau, die Schuhe der Braut. Nate ließ sie vorerst dort stehen, um sich stattdessen dem Rand des Gartens zu nähern und über die Mauer zu schauen.
Sein Blick stürzte steil hinab zu den mit Möwen gesprenkelten grauen Felsen und dem trügerisch dekorativ wirkenden weißen Strandstück. Einige sonnenbadende Körper schmückten den Sand, während sich draußen in der Bucht jemand bemühte, ein durchnässtes Parasail aus den Wellen zu ziehen. Nate stützte die Ellbogen auf den Stein, rieb sich die Augen und wartete darauf, dass die heiße Blase aus Wut wieder in seinen Magen sank.
Die meisten seiner Tage verbrachte er damit, die Hochzeiten anderer Leute zu planen. Gelegentlich eine andere Feier oder ein Stadtfest, doch vor allem Hochzeiten. Er hörte sich die passenden netten Geschichten an, hütete Brautjungfern, überprüfte Reden und machte hin und wieder das Unmögliche möglich. Charmant und hilfsbereit verschaffte er dem Paar den Tag, von dem es geträumt hatte.
Doch der glücklichste Tag im Leben seiner Kunden war für ihn nur ein normaler Dienstag. Wenn er nach Hause ging, wollte er seinen Anzug ausziehen, übrig gebliebene Pizza essen und sich eine miese Krimiserie ansehen, wobei er in aller Ruhe ein brummiger alleinstehender Typ sein durfte.
Es war nicht zu viel verlangt.
Zumindest sah er das so. Die anderen Menschen in seinem Leben schienen diese Meinung nicht zu teilen. Seine Freunde versuchten, ihn zu Blind Dates zu überreden – oder, in Max’ Fall, Blind Fucks – und seit man bei seiner Mutter Krebs diagnostiziert hatte, war sie von dem Gedanken besessen, sie könne sterben, bevor er jemanden gefunden habe – und war davon überzeugt, dass er dann einsam sterben und von Katzen gefressen würde.
„HAST DU überhaupt eine Katze?“, erkundigte sich Max.
Es war acht Stunden später. Max war verziehen worden, Mary Sanders, geb. Black, war wieder im Besitz ihrer Schuhe und das Bier schmeckte so schlecht, wie Nate es erwartet hatte. Er lehnte sich weiter auf dem Sofa in Max’ Büro zurück, auf dem er sich mit einem über die abgenutzte Armlehne hängenden Bein niedergelassen hatte.
„Nein.“ Nate nahm einen zweiten Schluck von dem Bier, dessen Etikett einen darüber informierte, dass es angeblich nach Cranberry und Hagebutte schmeckte – falls man eine Vorliebe dafür entwickeln sollte. Bei Nate bestand dafür bisher keine Gefahr.
Max lehnte sich auf seinem Schreibtischstuhl nach hinten und legte die Füße auf den Tisch. Das war für Max der Hauptverwendungszweck des Tisches. Er war nicht faul, er kam nur nicht gut damit zurecht, wenn er sich hinsetzen und an einem Ort bleiben sollte. Selbst beim Telefonieren war er ständig in Bewegung, schritt die Gespräche mit Runden durch die Bar ab. Warum Max’ Vater auf das Büro bestanden hatte, nur um sich nun darüber zu beklagen, dass er es nie benutzte, war Nate ein Rätsel.
„Also“, fuhr Max fort, während er sich mit dem Boden der Bierflasche das Kinn kratzte. „Glaubt deine Mutter, dass du bald vor Einsamkeit zu einer verrückten Katzenfrau wirst? Oder werden nur die Katzen der Insel von deiner Leiche angezogen, sobald du ins Gras gebissen hast?“
Nate zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“ Er ließ sein Bein baumeln, sodass die Ferse gegen die Seite des Sofas stieß. „Ich wusste ja, dass es nicht leicht sein würde, sie bei mir wohnen zu lassen, bis sie sich erholt hat. Aber dabei hatte ich eher an etliche Tassen Tee und die ständige Frage ‚wer ist das?‘ beim Fernsehen gedacht – nicht ihre Besessenheit davon, mich zu verheiraten, bevor sie stirbt, was jetzt anscheinend jeden Tag passieren könnte.“
Das führte dazu, dass Max die Stirn runzelte und sich aufrichtete. Der Stuhl knarrte, als er das Gewicht verlagerte. „Ist mit ihr alles in Ordnung?“ Er klang besorgt. „Wenn Ally sich nicht gut fühlt, sollten wir sie wieder ins Krankenhaus bringen.“
Nate schob den bitteren Geschmack in seinem Mund auf das Bier. Da sie keine Kinder mehr waren, wäre es albern gewesen, Eifersucht darüber zu empfinden, dass Max sich in vielerlei Hinsicht besser mit Nates Mutter verstand als er selbst. Natürlich liebten Nate und seine Mutter einander – zumindest meistens –, doch Ally Moffatt und Max Saint John waren sich mit ihrer „Freigeist“-Einstellung, dem schwierigen Verhältnis zu ihren Vätern und der Überzeugung, immer zu wissen, was für Nate das Beste war, sehr ähnlich.
„Mum geht es gut“, antwortete Nate. „Das ist das Problem. Vorher war ihr Kopf mit Arztterminen und Medikamenten angefüllt. Da sie sich jetzt deshalb keine Sorgen mehr machen muss, hat sie den freien Platz mit Paranoia und Verkupplungsplänen vollgestopft.“
Obwohl Max nicht ganz beruhigt wirkte, nahm er es hin und gestikulierte mit seiner Bierflasche.
„Aber komm. Es ist doch nicht so, als wollte sie dich mit einer Frau verheiraten und dich zwingen, Scheidungsanwalt oder so was zu werden“, sagte Max. „Sie möchte nur, dass du glücklich wirst, weil du es nicht bist.“
„Ich bin glücklich.“ Nate wedelte frustriert mit der Hand, wobei ihm Bier auf das Handgelenk und den Ärmel spritzte. Verdammt, das machte seine Laune nicht besser. „Ich bin außer mir vor Freude. Geradezu euphorisch.“
„Klar.“ Max lehnte sich wieder auf dem Stuhl zurück und verschränkte die Arme, wobei er die Bierflasche auf seiner Gürtelschnalle balancierte. Über der Hakennase blitzten seine Augen auf. „So klingst du auch.“
Nate verdrehte die Augen. „Na gut. Im Moment nicht. Aber allgemein geht es mir gut. Zurzeit reicht mir meine eigene Gesellschaft, verstehst du?“
„War das eine Umschreibung für Selbstbefriedigung?“
„Nein.“
Max drückte seine Meinung dazu mit einem Schnauben aus. Nate ignorierte ihn und trank einen weiteren Schluck Bier. Der Geschmack wurde auch nach längerer Zeit in seinem Mund nicht besser.
Und ja, er masturbierte. Er hatte sich nicht für Enthaltsamkeit entschieden – obwohl es sich mit seiner Mutter dort manchmal so anfühlte. Es war schließlich nicht so, als hätte er beschlossen, seine Eier wegzuschließen und Mönch zu werden, auch wenn alle so taten.
„Warum geht es dabei eigentlich immer um mich?“, wollte Nate wissen. „Warum will dir keiner einreden, dich zu binden und ein paar bedürftige kleine Bälger zu adoptieren, um die Familie fortzuführen?“
Max verzog das Gesicht und bekreuzigte sich mit der Flasche. Sein Blick hob sich fromm zur Decke. „Er macht nur Witze. Hör nicht auf ihn.“ Dann richtete er den Blick wieder auf Nate. „Der letzte Typ, den meine Familie kennengelernt hat, war ein zwanzig Jahre jüngerer semiprofessioneller Feuerschlucker, der mir zehn Riesen geklaut hat, bevor er abgehauen ist. Mein Vater fürchtet nichts mehr, als dass sich zwischen mir und einem der Versager in meinem Bett etwas Ernstes entwickeln könnte.“
„Hast du das Geld jemals zurückbekommen?“
„Nö“, antwortete Max. Er fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, was bei ihrer Dichte eine beeindruckende Leistung war. „Weder das noch den Respekt meines Vaters. Aber was der Typ mit seinem Mund machen konnte … das war es mir wert.“
Sie wussten beide, dass es eine Lüge war. Schweigend ließen sie die etwas unangenehme Gelegenheit, es anzusprechen, vorüberziehen und verbrachten stattdessen einige Sekunden damit, ihre Sitzpositionen zu ändern, zu seufzen und an den Etiketten ihrer Bierflaschen zu zupfen. Dann holte Max sein Grinsen aus der Tiefe hervor und machte einen Witz über heiße Münder. Es war leicht, die Stille mit Scherzen zu füllen. Darin hatten sie dreißig Jahre Übung, weshalb es Nate nicht allzu sehr von der neuen Idee ablenkte, die ihm gekommen war.
Er hatte niemals einen wirklich schlechten Freund gehabt. Ja, Jamie hatte sich am Ende ziemlich mies verhalten, aber das war noch normal schlecht gewesen. Nicht die Art von schlecht, die man aus Country-Songs kannte. Vielleicht musste Nate den Menschen um sich herum einfach vor Augen führen, dass es für ihn Schlimmeres geben konnte, als zu viel fernzusehen.
„Willst du noch ein Bier?“ Max leckte die letzten Tropfen vom Rand der Flasche.
Nate sah seine eigene an. Irgendwie hatte er es geschafft, das meiste davon zu trinken. Durch das trübe Orange der Flasche war nur noch ein Drittel der Flüssigkeit zu sehen.
„Nein. Ich muss noch fahren.“ Er stellte die Flasche auf Max’ unbenutzten Schreibtisch, gleich neben die Füße seines Freundes. „Außerdem schmeckt das scheiße.“
„Ja. Durch die Hagebutte ist das Aroma komisch geworden.“ Max schwang die Füße vom Tisch, stand auf und streckte sich, bis seine Wirbelsäule knackte. Dann legte er Nate einen Arm um die Schulter und zog ihn in eine grobe Umarmung. „Weißt du was? Wenn es dir nicht gefällt, dass ich Dates für dich aussuche, bleibt dir eine ganze Bar voller Leute, die in wenigen Tagen abreisen. Und alle haben schon ein Zimmer gebucht.“
Nate schnaubte, legte jedoch einen Arm um Max’ Nacken. Zwanzig Jahre nach dem Tag, an dem es passiert war, verspürte er noch immer Selbstzufriedenheit darüber, dass er größer war als Max.
„Nächste Woche kommt eine große Hochzeitsgesellschaft. Da möchte ich mich früh und nüchtern in die Arbeit stürzen“, antwortete er. „Außerdem würde sich Mum Sorgen machen.“
Max lachte, wies Nate an, Ally Grüße zu bestellen, und schickte ihn mit einer Handbewegung durch die Bar nach draußen. Während er den Marmorboden des Hoteleingangs überquerte und sich mit einem Nicken von der Rezeptionistin verabschiedete, fragte sich Nate, wo er auf der Insel so kurzfristig einen schlechten Freund finden konnte.
Wenn man darüber nachdachte, gab es eigentlich nur eine Möglichkeit.
„Wenn er nichts zu verbergen hat, warum sagt er dann nicht einfach, dass die Gerüchte über seine kriminelle Vergangenheit nicht wahr sind?“
„FISCH, CHICKEN-NUGGETS und ein Curry!“, rief die Bardame Gennie, während sie die Teller auf die Theke schob.
Ein Mann sah von einem der winzigen runden Tische zwischen der Bar und den Tischnischen auf. Bei ihm befanden sich zwei unruhige, ungeduldige Kinder und er besaß den gequälten Gesichtsausdruck eines Mannes, der keine Vorstellung davon gehabt hatte, wie ein Wochenendausflug allein mit zwei Kindern sein konnte. Er hob hoffnungsvoll die Hand. Gennie schob die Teller etwas näher an den Rand der Theke.
Seufzend stand der Mann auf und zeigte mit einem mahnenden Finger auf die Kinder, bevor er sich zwischen den Menschen hindurch zur Bar vorkämpfte. Niemand gab sich Mühe, ihm Platz zu machen. Als er die Teller erreicht hatte, kämpfte er damit, alle drei zu tragen. Flynn stützte sich auf einen Ellbogen und sah ihm bei seinen Anstrengungen zu.
Das Curry war sein zweiter Fehler. Der erste Fehler war gewesen, dass er sich nicht für das Fox and Swan entschieden hatte. The Hairy Dog war das Pub des Ortes. Das Essen war billiger, aber die Atmosphäre weniger freundlich.
Gennie hatte Flynns Bierglas gefüllt. Schaum tropfte über die vielen Ringe an ihren Fingern, als sie es in seine Richtung schob.
„Drei dreißig“, sagte sie. „Auf den Deckel?“
Flynn schob ihr stattdessen einen Fünfer zu. Sein Vater hatte ein Leben lang hier getrunken und anschreiben lassen. Bei seinem Tod hatte er dreißig Pfund Schulden gehabt, doch das Pub hatte sie ihm zu Ehren erlassen.
Der arme Vater hatte inzwischen seinen Tisch erreicht und der größte Teil der Speisen befand sich noch auf den Tellern. Die auf den Boden gefallenen Hähnchenstücke wurden bereits vom Pub-Hund beseitigt – ein Hütehund, als Flynns Vater noch gelebt hatte, aber mittlerweile ein schmächtiger Spaniel.
„Mum hat gesagt …“, begann das schmollende kleine Mädchen.
„Tja, es ist Dads Wochenende“, unterbrach er sie, während er eine Serviette an ihrem Kragen befestigte. „Und an einem Wochenende mit Dad gibt es Fish and Chips.“
Armer Kerl.
Flynn nahm das nasse Glas in die Hand und saugte den Schaum von der Oberfläche. Seine Schulter protestierte gegen die Bewegung. Einige Idioten waren auf die Idee gekommen, nackt in der Bucht zu schwimmen, ohne zu wissen, dass das Wetter bei hereinbrechender Dunkelheit schnell von lau zu lausig kalt übergehen konnte. Die Rettung hatte mit Flynn im eisigen Wasser geendet, weil einer der Dummköpfe in Panik geraten war, als er ihn herausgezogen hatte.
Die Kälte war bis in seine Knochen gedrungen, und nachdem das Adrenalin nun nachgelassen hatte, schmerzte seine Schulter. Es war die Art von Schmerz, die einem versprach, sich eine ganze Weile pochend bemerkbar zu machen.
Er wurde allmählich zu alt, um auf Felsen zu klettern und ins Meer zu springen. Vor zwanzig Jahren hätte er beim Wiederauftauchen gelacht. Wahrscheinlich wäre er vor zwanzig Jahren eher einer der Idioten gewesen, die sich nackt schwimmend die Eier abfroren.
Ja, dachte er mürrisch, als er sein Bier leerte, aber was sollte er sonst tun? Für einen Mann mit seinem Hintergrund gab es nicht viele Möglichkeiten. Sonst hätte er nicht hier gesessen und derselben Bar als Stütze gedient wie sein Vater.
„Tja, Kate, ich muss sagen, ich möchte nicht von ihm gerettet werden. Er würde erst dein Geld aus dem Wasser fischen und dann dich.“
So etwas hörte Flynn nicht zum ersten Mal.
Er drehte sich um, stützte sich mit den Ellbogen auf die Bar in seinem Rücken und suchte den Raum ab, bis er die zwei Frauen am Ende der Theke entdeckte. Beide saßen auf Hockern und hatten sich über hohe, mit Lippenstift beschmierte Gläser mit Cola und etwas Alkoholischem gebeugt. Am Rand der Bierdeckel darunter lagen angebissene Zitronenscheiben. Beide Frauen kamen ihm bekannt vor. Die Insel war klein.
„Das wäre wahrscheinlich noch Glück, Fi. Der Sohn meiner Schwester, Ben, war mal mit ihm befreundet. Was Ben alles darüber erzählt, was er drüben auf dem Festland getrieben hat, kann man hier nicht wiederholen.“
Sie beendete den Satz mit einem Schluck Cola mit irgendwas.
Es war nichts Neues. Dennoch hatte das Bier auf Flynns Zunge plötzlich einen bitteren Beigeschmack. Er stellte das Glas hin, stieß sich von der Bar ab und machte sich auf den Weg zur Tür.
Fi sah ihn kommen, stieß ihre Freundin mit dem Ellbogen an und zog vielsagend die Augenbrauen hoch. Bevor sie sich umdrehen konnte, beugte sich Flynn über ihre Schulter.
„Ach, erzähl weiter, Kate. Wiederhol es ruhig“, knurrte er. Bei seiner rauen Stimme in ihrem Ohr, ganz Heiserkeit und Bier, richtete Kate sich entrüstet auf. „Du weißt, dass du es willst.“
Er zwinkerte Fi noch einmal zu, bevor er sie brodelnd auf ihren Hockern zurückließ und durch den Haupteingang mit seiner alten Tür aus Schwarzholz ins Freie trat. Es war noch sommerlich – die Jahreszeit hielt noch bis zum Beginn des Oktobers durch –, doch Flynn spürte, wie der erste Hauch von Kälte herankroch.
Sein Land Rover stand am Straßenrand vor der Bar und war an den Seiten von den Reifen bis zu den Fenstern mit Schlamm bespritzt. Flynn hatte sich nicht die Mühe gemacht, ihn abzuschließen. Zwar war die Insel nicht frei von Kriminalität – es gab Drogen, Schlägereien und hinter verschlossenen Türen zugefügte Blutergüsse –, doch wenn man ein Auto stahl, konnte man damit nicht viel tun, außer zum anderen Ende der Insel zu fahren. Wenn man Flynns Auto stahl, konnte man es sogar ins Meer fahren und er müsste es lediglich herausziehen und trocknen lassen. Es war zwanzig Jahre alt und bestand fast nur aus dem schweren Fahrgestell und einem roten, dieselverschmierten Motor.
Flynn kletterte auf den Fahrersitz und ließ den Motor an. Das dumpfe Grollen vibrierte durch seine Knochen. Mit einem Ruck rollte das Auto über die Bordsteinkante, als er es mit einer Hand am Lenkrad auf die aus dem Ort führende Straße steuerte.
Auf halber Strecke zu seinem Haus passierte er den Abzweig zum Granshire. Alte Kutschenlampen waren angebracht worden, um den Anblick zu erleuchten – ganz Glanz und Eleganz. Die Lampen wurden regelmäßig gestohlen.
Zwei Kurven und eine fünf Minuten durch ein Schaf blockierte Straße später sah er den farblosen Pfeiler des alten Leuchtturms auf dem Kap aufragen. Er erhob sich wie ein an das Granshire gerichteter weißer Mittelfinger, das ihn hatte kaufen wollen, nachdem er stillgelegt worden war.
Doch ein altes Fideikommiss hatte dafür gesorgt, dass dem Leuchtturmwärter das Vorkaufsrecht und eine großzügige Ermäßigung zustanden. Flynns Vater war deshalb bis zu seinem Tod verschuldet gewesen. Nach der Beerdigung, noch bevor die Erde wieder fest auf dem Grab lag, hatte Teddy Saint John erneut versucht, ihn zu kaufen. Flynn hatte ihm gesagt, wo er sich sein Angebot hinstecken konnte. Ceremony brauchte vielleicht das Geld der Saint Johns und die vornehmen Idioten, die im Granshire heiraten, speisen und sich mit teurem Inselwhiskey betrinken wollten, aber leiden konnte sie niemand.
Außerdem war Flynn damals wütend auf die Welt gewesen – noch wütender – und es hatte sich gut angefühlt, die Wut an jemandem auslassen zu können.
Er bog von der Straße auf den unbefestigten, holprigen Weg zum Leuchtturm ab. Der Land Rover ruckelte und schwankte sich den Hang hinauf, bis er den grob angelegten Platz aus ebenem Boden und Steinplatten erreicht hatte, der ihm als Auffahrt diente. Dort stand bereits ein anderes Auto, ein eleganter grauer Sportwagen, der mit frischem Staub und Schlamm bedeckt war. Und am oberen Ende der Treppe zum Leuchtturm sah Flynn in der Dunkelheit einen leuchtenden Punkt. Das Glühwürmchen aus Glut hob und senkte sich, als er parkte und aus dem Auto stieg.
„Ich habe es doch schon gesagt“, erklärte Flynn, als er die moosigen Betonstufen erklomm. „Ich bin nicht daran interessiert, den Leuchtturm zu vermieten.“
Nate Moffatt hauchte eine blasse Rauchwolke in die Luft. Er hatte sich im Schneidersitz auf der alten, schwarz gestrichenen Bank neben der Tür niedergelassen. Dass sie nicht ihm gehörte, schien ihn nicht zu stören. Wie eine Katze ging er grundsätzlich davon aus, dass seine Anwesenheit jeden Ort besser machte.
Flynn war aus Prinzip anderer Meinung. Er war zu hübsch, um mit ihm einer Meinung zu sein. Das hätte ihn lediglich ermutigt.
„Deshalb bin ich nicht hier“, sagte Nate. Nach einem letzten Zug an seiner Zigarette schnippte er den Stummel von sich. Er flog in einem Bogen kurzlebiger Funken zum Rand der Klippen, während Nate einen Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln hob. „Ich wollte dich um einen Gefallen bitten.“
„Einen Gefallen?“ Flynn hakte die Daumen in die Taschen seiner Jeans und zog neugierig die Augenbrauen hoch. „Deshalb hängt Saint Johns Laufbursche um die späte Uhrzeit hier rum?“
Der „Laufbursche“ ließ das Lächeln etwas erstarren, doch es hielt durch.
„Na ja, ich wollte dich eher erwischen. Aber es ist nicht leicht, dich zu finden“, antwortete Nate. „Und ja, nur ein Gefallen.“
„Tja, den möchte ich dir aber auch nicht tun.“ Das brachte das Lächeln zum Erliegen. Flynn ignorierte den Anflug von Enttäuschung und schob Nate mit der Schulter aus dem Weg, um sich der Tür zu nähern. Im Gegensatz zu seinem Auto schloss er die schwere schwarze Tür des Leuchtturms ab. Zum Öffnen benutzte er einen altmodischen langen Schlüssel, der in dem schmiedeeisernen Schloss klapperte, und die Scharniere wehrten sich kurz gegen ihn.
Lange genug, um Nate sagen zu lassen: „Es würde Max echt wütend machen.“
Damit hatte er einen verlockenden Haken ausgeworfen. Flynn presste eine Hand gegen die Tür, gebräunte, vernarbte Finger auf schwarzem Holz, und stieß ein gereiztes Schnauben aus. Er warf einen Seitenblick auf Nate, der sein schiefes Lächeln wiedergefunden und eine abwartend hochgezogene, sorgfältig gezupfte Augenbraue hinzugefügt hatte.
Verdammt. Das Einzige, dem er nicht widerstehen konnte, waren kindische Sticheleien und hübsche Männer. Jetzt stand beides in einem gut gekleideten Paket vor ihm.
Flynn spannte seine Schulter und stieß die Tür auf. Sie gab nach und öffnete sich schwungvoll, bis die eisenbeschlagene Ecke in der sandigen Furche hängen blieb, die ein Jahrhundert der Benutzung in den Boden gegraben hatte. Flynn deutete brüsk mit dem Daumen auf die Tür.
„Aber ich verspreche nichts“, knurrte er.
„Das habe ich auch nicht erwartet.“
Nate schob sich an ihm vorbei in den Leuchtturm und drehte sich ein Stück, um sich die rauen Putzwölbungen der Wand und die einfache Wendeltreppe anzusehen, die den Raum beherrschte. Sein Blick wirkte interessiert, vielleicht sogar anerkennend, und Flynn biss sich auf die Zunge, um den ungewohnten Drang zu unterdrücken, zu erklären, warum er etwas getan hatte.
Kurz fragte er sich, ob er einen Fehler gemacht hatte. Er kannte die Art von Mann, die Nate war. Er hatte andere davon kennengelernt. Nate würde um den kleinen Finger bitten, die ganze Hand nehmen und einem dann das Gefühl geben, er hätte einem einen Gefallen getan. Andererseits war er jetzt hier, also konnte Flynn sich wenigstens anhören, was er zu sagen hatte. Hinauswerfen konnte er ihn später noch.
„Der Gefallen?“, fragte er also.
Nate strich mit den Fingern über das kantige Ende der als Geländer dienenden Metallstange. „Das gefällt mir“, sagte er. „Sehr utilitaristisch.“
„Ich dachte, das wäre schlecht?“
„Es hängt vom Kontext ab. In diesem Kontext funktioniert es.“
Nate rieb ein letztes Mal abwesend über das Geländer, woraufhin Flynn seinen Schwanz davon abhalten musste, mehr aus der Geste zu machen, und drehte sich wieder um, um Flynn mit einem einstudierten charmanten Lächeln anzusehen. „Ich nehme einen Kaffee, wenn du welchen kochst.“
„Das tue ich nicht.“
„Tee?“
„Der Gefallen.“
Kurz herrschte Stille. Nate holte tief Luft und wippte nervös auf den Fußballen. Als er redete, gestikulierte er und unterstrich jeden Satz mit einem in die Luft gestoßenen Finger oder einer gespreizten Hand. „Ich möchte etwas mieten. Allerdings nicht den Leuchtturm.“ Er legte die Hände zusammen und formte die Zeigefinger zu einer auf Flynns Brust gerichteten Pistole. „Ich möchte dich mieten.“
Flynns Schwanz war absolut dafür, während sein gesunder Menschenverstand es für den richtigen Zeitpunkt hielt, Nate hinauszuwerfen. Als Kompromiss zwischen beidem antwortete er: „Verpiss dich.“
Er streifte seine Jacke ab, hängte sie an die Rückseite der Tür und näherte sich der an eine Kombüse erinnernden Küche, die er beim Renovieren in den alten Geräteraum gezwängt hatte. Sie war schwarz-weiß gefliest, weil die Kombination im Baumarkt am billigsten gewesen war, und makellos sauber, weil er sie nicht allzu oft benutzte.
Im Kühlschrank befand sich noch eine halbe Pappschachtel mit unterwegs gekauftem Vindalho mit Reis. Er kippte den Inhalt in eine weiße Schüssel, die er in die Mikrowelle stellte. Als er sich umdrehte, stand Nate an den Türrahmen gelehnt hinter ihm.
„Ich könnte etwas zu essen vertragen.“ Als Flynn ihm einen bösen Blick zuwarf, verzog er das Gesicht und rieb sich den Nacken. Dann zuckte er mit einer Schulter. „Lass es mich erklären. Wenn du mich danach rauswerfen willst, kannst du es tun.“
Sie wurden vom Piepen der Mikrowelle unterbrochen. Hinter dem getönten Glas blubberte das Curry enthusiastisch. Aber egal. Das schöne am Aufwärmen war, dass man etwas jederzeit wieder aufwärmen konnte.
„Ich habe nicht vor, dich durchzufüttern“, sagte er. Mit verschränkten Armen lehnte er sich gegen die hüfthohe Arbeitsplatte aus verschrammtem Holz, wobei er seine wegen der Haltung jammernde Schulter nicht beachtete. „Aber du kannst es mir erklären. Spuck’s aus.“
Nate blinzelte. Vielleicht hatte er nicht damit gerechnet, dass es so einfach sein würde.
„Alle denken, ich brauche unbedingt einen Freund“, sagte er. „Also dachte ich, ich suche mir einen – einen richtig miesen oder zumindest den schlechtesten, den ich so kurzfristig auf der Insel finden kann.“
„Dabei hast du sofort an mich gedacht“, sagte Flynn. Und da hatte er sich bereits bei der Vermutung gekränkt gefühlt, der schicke Junge wolle seinen Arsch kaufen. Offenbar ging es noch schlimmer. „Ist der Kinderschänder der Insel etwa endlich gestorben?“
„Hast du mal über Tinder nachgedacht? Die meisten Jungs lernen sich heute beim Online-Dating kennen.“
NA GUT. Nate sah es ein. Laut ausgesprochen in Flynns eigener Küche hatte es schlimmer geklungen als in Nates Kopf.
„Okay, ich verstehe, warum das etwas beleidigend klingt“, sagte er vorsichtig. „Aber lass mich ausreden.“
Flynn sah ihn finster an und seine dunklen, dichten Brauen senkten sich tiefer über kühle, meergraue Augen. Aber er wartete. Das war gut. Es bedeutete, dass er für Argumente offen war – anders als bei dem Vorschlag, den Leuchtturm als Hochzeitssuite zu vermieten.
Allerdings bedeutete es auch, dass Nate besser klingende Argumente finden musste als „die Menschen in meinem Leben würden mich lieber einsam sterben sehen als mit dir“. Da es sich genau so verhielt, war es nicht leicht, es anders zu formulieren. Nate biss sich auf die Unterlippe und überlegte, wie er es weniger abschreckend ausdrücken konnte.
„Sagst du noch was?“, erkundigte sich Flynn. „Oder willst du nur rumstehen und hübsch aussehen?“
„Würde das helfen?“, fragte Nate.
Flynn musterte ihn von Kopf bis Fuß, von den Haaren bis zu den Sneakern, die er eines Tages durch Erwachsenenschuhe ersetzen würde. Die langsame, ungenierte Betrachtung sandte eine dumpfe Hitze unter Nates Haut, die ihn unruhig machte. Vielleicht war es der falsche Ansatz gewesen, mit Flynn zu flirten. Er wirkte wie jemand, der Dinge zu wörtlich nahm, und hier ging es doch um den Plan, Nates Liebesleben auf Eis zu legen – nicht darum, alles zu verkomplizieren, indem er feststellte, dass Flynn mit kantigerem Kinn und kleinen Fältchen in der blassen Haut um seine Augen noch attraktiver wirkte als in seiner Jugend mit runderem Gesicht und nach Selbstbräuner aussehendem Goldton. Wobei er selbst damals ganz unangebracht für ihn geschwärmt hatte.
Eine hinterhältige kleine Stimme, die er lange nicht mehr gehört hatte, meldete sich schlüpfrig in seinem Kopf und wies ihn darauf hin, dass fünfzehn und zwanzig unangebracht gewesen war. Achtunddreißig und dreiundvierzig dagegen …
„Nein. So hübsch bist du nicht“, unterbrach Flynn unverblümt seinen Gedankengang, bevor dieser ihn mitreißen konnte. „Hör zu. Ich kann mir nichts vorstellen, was mich davon überzeugen würde, für dich den miesen Typ zu spielen, nur weil du nicht den Mumm hast, anderen Leuten zu sagen, dass sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern sollen. Also lässt du dir jetzt entweder was richtig Gutes einfallen oder verschwindest aus meinem Haus, damit ich essen kann.“
Normalerweise hatte Nate kein Problem damit, ein überzeugendes Argument zu finden. Er überredete regelmäßig Väter der Braut dazu, im Granshire eine beachtliche Kaution ohne garantierte Rückzahlung zu hinterlegen. Er überredete Bräute dazu, auf Eulen zu verzichten, die hereinflogen und dem Brautpaar Ringe in die Hand warfen. Er brachte Mr. Saint John dazu, sich hin und wieder in seiner irischsten Aufmachung bei einer Hochzeit sehen zu lassen. Doch diesmal hatte er nichts.
Hätte er die Sache mit Max’ Verärgerung doch nicht schon verschwendet, um durch die Tür zu kommen. Wäre ihm vorher klar gewesen, wie schlimm das „ich will dich mieten“ klang, hätte er es sich noch aufgehoben. Stattdessen blieben ihm nur einige wenig überzeugende Sprüche. Da das Angebot, ihn zu bezahlen, vermutlich alles noch schlimmer gemacht hätte, versuchte er es mit: „Hast du denn etwas Besseres zu tun?“
Kurz starrte Flynn ihn schweigend an. „Ich arbeite für den Rettungsdienst“, sagte er schließlich langsam, als wäre Nate schwer von Begriff. „Ich rette Menschen das Leben.“
„Das ist sicher eine sehr dankbare Aufgabe. Aber man kann seinen Freitagabend nicht gerade damit verplanen, dass jemand in ein Loch fällt.“
„Du würdest dich wundern“, brummte Flynn. Er öffnete die Mikrowelle und nahm die Schüssel mit Curry und Reis heraus, schob sie wegen der Hitze von einer Hand in die andere. „Aber wenn ich das Wochenende mit Partys verbringen wollte, würde ich noch in London wohnen.“
Soweit Nate gehört hatte, bestand diese Möglichkeit nicht. Doch er verzichtete darauf, die Aussage zu hinterfragen, und machte stattdessen einen Schritt zur Seite, damit Flynn eine Gabel aus der Schublade nehmen konnte.
„Und wenn du als Einsiedler leben wolltest, wärst du auf eine kleinere Insel gezogen“, konterte Nate. „Komm schon. Du gehst einige Wochen mit mir aus, kannst dabei zu einem Haufen Veranstaltungen gehen und fies zu Max sein. Wo ist da der Nachteil?“
Flynn deutete mit der Gabel auf ihn. „Soll ich sie alle aufzählen? Erst mal ist es kein ‚Ausgehen‘. Ich werde nur durch die Gegend gezerrt, während du eine Glocke läutest und ‚schlechter Freund‘ rufst, als wäre ich eine Art Beziehungsaussätziger. Ich muss alle belügen. Ich muss so tun, als wollte ich es mit dir treiben.“ Das tat weh. Nate schluckte den bitteren Geschmack hinunter, als wäre er Zucker. Wenigstens lenkte es ihn etwas von der Anziehungskraft des starken, muskulösen Körpers vor ihm ab. „Außerdem, auch wenn du das zu denken scheinst, hasst mich nicht jeder auf dieser Insel und ich möchte, dass es so bleibt. Reicht dir das?“
Wahrscheinlich hätte er das mit einem Ja beantworten sollen, denn es war eine ziemlich ausführliche Liste gewesen. Doch obwohl Flynn einen demonstrativen Schritt in Richtung Tür machte, gab Nate nicht nach und rührte sich nicht von der Stelle.
„Komm schon, Flynn“, sagte er. „Du weißt, dass du auf der Insel einen Ruf hast. Niemand sieht dich als Gefahr für seine Schafe, aber es versucht auch keine Großmutter, dich zu verkuppeln.“
„Geh.“
Nate bewegte sich rückwärts aus der Küche in den großen, runden Hauptraum mit der weißen Wand. Kurz ließ er sich von seiner Umgebung ablenken. Der Leuchtturm wäre für einige seiner Paare wirklich ideal gewesen – ein abgeschiedener Ort für eine ausgefallene Hochzeitsreise. Selbst wenn die Mieteinnahmen direkt in Flynns Tasche gewandert wären, hätte es sich für ihn um gute Werbung gehandelt.
Er konzentrierte sich wieder auf die Gegenwart, als Flynn mit dem Fuß einen Stuhl vom gebeizten Kiefernholztisch zog und sich setzte. Die Sache lief bei weitem nicht so gut, wie er es sich vorgestellt hatte.
„Ich verlange ja nicht, dass du mir meine Ersparnisse klaust und ein Sexvideo ins Internet stellst.“ Da es vermutlich zu unverschämt gewesen wäre, sich ebenfalls zu setzen, stützte Nate sich auf die kantige Lehne des Stuhls gegenüber und trommelte mit den Fingern auf das Holz. „Sei einfach du selbst. Das wird Max auf die Palme bringen und meine Mutter wird bestimmt von einer ihrer Freundinnen darüber informiert, was für ein schlimmer Typ du angeblich bist. Dann ‚trennen‘ wir uns und sie lassen mich in Ruhe, ohne dass ich …“
„Mit ihnen reden musst?“
„Mich mit ihnen streiten muss.“
Flynn schob sich eine Gabel Reis mit Curry in den Mund. Dann wischte er sich mit dem Handrücken über die Lippen, lehnte sich auf dem Stuhl zurück und legte einen Arm über die Lehne, wobei der Ärmel seines T-Shirts nach oben rutschte und die um seinen Bizeps geschlungenen, verblassten Linien einer schwarzen Tätowierung zeigte.
„Du hast mich gebeten, dir zuzuhören. Das habe ich getan. Aber ich bin nicht daran interessiert, deinen schlimmen Jungen zu spielen. Du solltest jetzt lieber gehen, Mr. Moffatt.“
Nate setzte zu einem Protest an, hielt sich aber zurück. Der Plan war dazu gedacht gewesen, sich vor Dates zu drücken – nicht als direkter Weg zur zerstrittenen, verbitterten Phase einer miesen Beziehung. Außerdem ließ ihn die Konfrontation mit Flynns kühler Verachtung daran zweifeln, dass es eine gute Idee gewesen war. Selbst wenn sämtliche Geschichten über Flynn Delaney und den Grund für seine Rückkehr auf die Insel im letzten Jahr nach beinahe zwanzig Jahren auf dem Festland lediglich erfunden waren, war er dennoch ein miesepetriger Kerl. Eines Tages wollte sich Nate wieder auf eine Beziehung einlassen. Irgendwann. Aber nach einigen Monaten mit Flynn würde er sich vermutlich eher einen WLAN-Anschluss in der alten Einsiedlerhöhle am Strand einrichten lassen.
Obwohl ihm das seine schmerzenden Eier nicht abnahmen, blieb er bei dieser Schlussfolgerung.
„Ja, das stimmt.“ Er stieß sich vom Stuhl ab. „Tut mir leid, dich gestört zu haben.“
Dafür bekam er von Flynn ein Brummen. Auf dem Weg zur Tür blieb er noch einmal stehen und drehte sich um. Eine Zurückweisung war nie angenehm, selbst wenn es sich um eine vorgetäuschte Beziehung handelte, die ohnehin zerbrechen sollte, und er hatte das instinktive Bedürfnis, sie zu übertünchen.
Das hatte er von Max’ Vater gelernt. Teddy Saint John versagte nie. Er hatte nur manchmal auf Umwegen Erfolg.
„Übrigens“, sagte er. „Nachdem ich das hier jetzt endlich von innen gesehen habe? Es wäre perfekt als Teil des Granshire-Hochzeitspakets. Ich lasse dir ein Angebot zukommen.“
„Nicht.“
„Es sind nur ein Paar Blätter Papier.“ Nate rollte die Augen. „Lies sie oder verbrenn sie. Das ist deine Sache. Noch einen guten Abend, Mr. Delaney.“
Draußen, nachdem sich die Tür geschlossen hatte, ließ er die selbstbewusste Maske etwas verrutschen. Die Nachtluft legte sich kühl auf sein warmes Gesicht, als er sich über die glatten Stufen seinem Auto näherte.
Das war erniedrigend gewesen. Er kam sich dämlich vor. Er fühlte sich wieder wie der fünfzehnjährige Junge, verschwitzt durch seine Schwärmerei und die Zurückweisung. Nur hatte Nate als Teenager gedacht, als Erwachsener würde einem das nicht mehr passieren. Stattdessen war er jetzt nur einen Steinwurf von vierzig entfernt und sehnte sich mit roten Ohren danach, eine ganze Tüte Mars Minis zu essen.
Wenigstens war es etwas würdevoller, in einem Auto wegfahren zu können, als sich um einen finsteren Abgang mit einem BMX-Rad zu bemühen.
„DU SOLLTEST frühstücken“, sagte Ally. „Es ist die wichtigste Mahlzeit des Tages.“
Nate nahm eine Scheibe Toast vom Ständer und biss hinein. Mit den Zähnen riss er eine Ecke ab und kaute sie, während er die Glaskanne von der Kaffeemaschine zog und seinen Reisebecher füllte.
„Bitte.“ Er trank einen Schluck Kaffee, um die trockenen Toastkrümel aus dem Mund zu spülen, und beugte sich zu seiner Mutter hinunter, um sie auf die Wange zu küssen. „Zufrieden?“
Sie schnalzte mit der Zunge und fügte ihrem Frühstück demonstrativ einen Becher mit Nüssen und getrockneten Beeren hinzu. Der Löffel stieß mit einem überheblichen Geräusch gegen das Porzellan, als sie die Ballaststoffe in ihren Joghurt rührte.
„Das ist kein Frühstück“, antwortete sie. „Das ist das Rezept für ein Magengeschwür.“
„Du hast früher Käse-Zwiebel-Chips zum Frühstück gegessen“, bemerkte Nate. „Du hast gesagt, damit hättest du schon zwei Gemüse gehabt.“
Ally breitete die Arme aus. „Und ich habe Krebs bekommen“, schlussfolgerte sie, als hätte sie damit jetzt automatisch jede Auseinandersetzung zwischen ihnen gewonnen. So war es im Grunde auch, obwohl ihr Haar nun wieder zu wachsen begann wie die ersten weichen Locken eines Babys. „Iss etwas Joghurt. Wir haben auch Müsli.“
„Keine Zeit“, antwortete Nate. Was im Prinzip stimmte. Er hatte eine „In aller Herrgottsfrühe“-Besprechung mit Teddy, bevor er zur Fähre musste, um den Leiter einer Wohltätigkeitsorganisation zu empfangen, der eine Benefizveranstaltung ausrichten wollte. Allerdings hätte er auch an einem freien Morgen nicht das Müsli gegessen. Ally bestellte es online bei einem Bauern, der auf traditionelle Weise arbeitete und es mit Fenchel und grünem Tee würzte. Das Toastbrot schmeckte, wenn es lange genug geröstet worden war, wenigstens hauptsächlich knusprig – obwohl es von einem Laib aus probiotischem Weizenkeim-Sauerteig stammte. „Und diese Woche kommt eine neue Braut mit ihrer Familie, um die Hochzeitspläne fertigzustellen.“
