13,99 €
Die aufsehenerregende Darstellung der russischen Sicht auf die Schlacht von Stalingrad Bis heute wird »Stalingrad«, der Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs, vorwiegend aus deutscher Sicht geschildert, auch weil bislang authentische russische Stimmen fehlen. Dies hat sich durch den spektakulären Fund des Russlandhistorikers Jochen Hellbeck geändert: Hunderte Seiten Gesprächsprotokolle, die bis vor kurzem in russischen Archiven unter Verschluss waren. Sie ermöglichen eine ganz neue Sicht auf die Schlacht: einfache Soldaten und Generäle, Kampffliegerinnen und Sanitäterinnen berichteten schon während der Kämpfe einer Historikerkommission von ihren Erlebnissen – offen, ungeschminkt, hautnah. Eine umfassende Neubewertung des verzweifelten russischen Kampfes ums Überleben der Heimat. »Tatsächlich existiert bis heute vielfach ein stereotypes Bild des Rotarmisten: roh, triebhaft, ein so gefährliches wie anonymes Massenwesen. Hellbeck präsentiert in seinem Buch erstmals Dokumente, die dem eine authentische russische Perspektive der Stalingrader Schlacht entgegensetzen.« Martin Hubert, Deutschlandradio »Eine dichte Analyse und eine reiche Quellenpräsentation« Christian Staas, Die Zeit »Es sind diese Unmittelbarkeit und das breite militärische und soziale Spektrum der Protokolle, die dem Laien tiefe Einblicke in das blutige Ringen um Stalingrad ermöglichen.« Linus Schöpfer, Tages-Anzeiger »Nun, fast 70 Jahre später, lässt sich mit nicht gekannter Tiefenschärfe nachvollziehen, wie die Sieger von Stalingrad die Schicksalsschlacht an der Wolga erlebten.« Michael Sontheimer, Der Spiegel
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 935
Veröffentlichungsjahr: 2012
Jochen Hellbeck
Die Stalingrad-Protokolle
Sowjetische Augenzeugen berichten aus der Schlacht
Übersetzt von Christiane Körner und Annelore Nitschke
FISCHER E-Books
Übersetzung der Protokolle aus dem Russischen von Christiane Körner und Annelore Nitschke
In den Texten wurden die Eigennamen zur besseren Lesbarkeit transkribiert, in den Anmerkungen wissenschaftlich transliteriert.
Ende Dezember 1942 reiste eine Gruppe von Moskauer Historikern nach Stalingrad, um aus nächster Nähe das große Ringen zwischen der Wehrmacht und der Roten Armee zu verfolgen. Einen Monat zuvor war es der sowjetischen Militärführung gelungen, mehr als 300000 Soldaten der Deutschen und ihrer Verbündeten einzukesseln. Die Historiker aus Moskau wollten die seit dem Sommer anhaltende Schlacht, die von der Weltöffentlichkeit mit angehaltenem Atem verfolgt wurde, für die Nachwelt festhalten. Sie besuchten in den folgenden Tagen verschiedene Frontabschnitte in der umkämpften Stadt, das Stahlwerk »Roter Oktober« im Norden, den Gefechtsstand von General Tschuikow[1] am Steilufer der Wolga und die Siedlung Beketowka am südlichen Stadtrand. In Schützengräben und Unterständen sprachen sie mit Kommandeuren, Offizieren und Soldaten der Roten Armee. Eine mitgereiste Stenographin brachte die Gesprächsprotokolle zu Papier.
Noch während die Interviews geführt wurden, unterbreitete die sowjetische Armeeführung dem Befehlshaber der eingeschlossenen 6. Armee, Generaloberst Paulus[2], ein Kapitulationsangebot. Auf Hitlers Anweisung schlug Paulus das Angebot aus. Am Morgen des 10. Januar 1943 begann die sowjetische Schlussoffensive, Operation »Ring«, mit einem einstündigen Trommelfeuer aus 7000 Raketenwerfern, Geschützen und Mörsern.[3] Einen Tag vorher waren die Historiker abgereist. Sie kehrten im Februar zurück, wenige Tage nach dem Ende der Vernichtungsschlacht und der Kapitulation der gegnerischen Soldaten, um die Gespräche fortzusetzen. In den darauffolgenden Wochen und Monaten führten sie zahlreiche weitere Interviews und protokollierten die Gespräche mit insgesamt 215 Augenzeugen der Schlacht: Generälen, Stabsoffizieren, Truppenkommandeuren und einfachen Rotarmisten, Kommissaren und kommunistischen Agitatoren, Matrosen der Wolga-Kriegsflottille und Sanitäterinnen sowie einer Reihe von Zivilisten, unter ihnen Ingenieure, Arbeiter und eine Küchenangestellte, die in der zerbombten Stadt ihrer Arbeit nachgingen oder um ihr Überleben gekämpft hatten.
Die Berichte führen den Leser näher an das Schlachtgeschehen heran und vermitteln ein plastischeres und tiefenschärferes Bild von den Handlungen, Gedanken und Gefühlen sowjetischer Kriegsteilnehmer als jede andere bekannte Quelle. Soldaten erzählen aus ihrem Leben in freier Rede, einige in bäuerlichem Idiom. Man meint mitunter, einem Tonband zuzuhören, so reichhaltig teilt sich das Kolorit der sprechenden Zeitzeugen mit. Die Menschen erzählen von ihrer Herkunft, ihrem Weg in den Krieg und ihren soldatischen Aufgaben. Offen und hautnah am Kampfgeschehen beschreiben sie Momente des Schreckens ebenso wie erhebende Kampfhandlungen, erörtern sie Stärken und Schwächen der sowjetischen Kriegführung, sprechen über erworbene Auszeichnungen und schildern die Handlungen von »Helden« und »Feiglingen« in ihrem Kampfverband. Einzigartig sind die Gespräche auch deshalb, weil die Historiker in Stalingrad nacheinander viele Menschen interviewten, die Seite an Seite gekämpft hatten, und die einzeln befragten Soldaten in ihren Gesprächen aufeinander Bezug nahmen. Authentisch und differenziert beschwören die Interviews in ihrer Gesamtheit eine Einheit von Ort, Zeit und Handlung, wie man sie sonst nur aus Dramen oder Romanen kennt.
Die Historiker, die der »Kommission zur Geschichte des Vaterländischen Krieges« unter Federführung des Moskauer Geschichtsprofessors Isaak Minz[4] angehörten, führten ihre Gespräche in systematischer Absicht. In einigen Fällen kommen Dutzende von Angehörigen einer Division zu Wort: der Kommandeur und sein Politstellvertreter, Stabsoffiziere, Regimentskommandeure, Kompanieführer sowie einfache Soldaten. In diesem Band aufgenommen sind die Gespräche mit 24 Soldaten der 308. Schützendivision, die im September erfolglos und unter hohen Verlusten nordwestlich der Stadt gekämpft hatte, bevor sie nach Stalingrad verlegt wurde und die Geschützfabrik »Barrikaden« gegen die vordringenden Deutschen verteidigte. Auf dem Gelände der Fabrik »Roter Oktober« sprachen die Historiker mit Ingenieuren, die bereits den Wiederaufbau des zerstörten Stahlwerks planten. Mehr als 20 Soldaten aus der 38. Schützenbrigade gaben zu Protokoll, wie sie Generalfeldmarschall Paulus und den Stab der 6. Armee aufgespürt und gefangen genommen hatten; ein jeder schildert einen Teil des Gesamtgeschehens, und ein jeder aus seiner subjektiven Perspektive. So entsteht aus der Summe der individuellen Erzählprotokolle ein fein gerastertes, multiperspektivisches Bild von Soldaten im Schlachtgeschehen. Das Bild beeindruckt nicht nur durch seine Plastizität, es zeigt auch geteilte Erfahrungsräume auf und macht auf plausible Art deutlich, wie die Rote Armee als Kampfverband funktionierte.
Für jedes Kriegsgeschehen kommt der Fund eines so umfangreichen, zeitnahen und kompakten Konvoluts von Gesprächsprotokollen einer Sensation gleich. Zu Recht hat die Entdeckung von zahlreichen Abhörprotokollen von Wehrmachtsoffizieren und -soldaten in englischen und US-amerikanischen Kriegsgefangenenlagern für viel Aufmerksamkeit gesorgt.[5] Im sowjetischen Fall hat ein solcher Fund ganz besonderes Gewicht, weil der Zugang zu persönlichen Dokumenten aus der Kriegszeit nach wie vor sehr eingeschränkt ist.[6] Wegen ihrer Vielschichtigkeit und Offenheit wurden die Protokolle nach ihrer Herstellung sofort wieder unterdrückt. Die Historikerkommission, die nicht nur in Stalingrad, sondern auch an vielen anderen Frontbereichen insgesamt mehrere tausend Kriegsteilnehmer befragte und mit ihren Interviewprotokollen den Grund für eine umfassende Dokumentation des »Großen Vaterländischen Krieges« legte, stellte wenige Jahre nach Kriegsende ihre Arbeit ein. Dann löste sie sich in Luft auf. Die von ihr gesammelten Dokumente unterlagen einem Publikationsverbot und verschwanden im Archiv. Kaum jemand weiß heute von der Existenz dieser umfassenden Sammlung.[7] Die Veröffentlichung der Stalingrad-Protokolle 70 Jahre nach ihrer Entstehung ermöglicht es nun, in die verschüttete Zeit des Kriegs einzudringen und sowjetische Soldaten und andere Kriegsteilnehmer als denkende und fühlende Menschen vorzustellen.
Die Schlacht um Stalingrad markiert einen Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg. Von ihren Führern Hitler und Stalin angehalten, keinen Schritt zurückzuweichen, kämpften riesige Armeeverbände über sechs Monate hinweg um den Besitz der Stadt, die den Namen des sowjetischen Diktators trug. Die Schlacht endete mit der Einkesselung und Vernichtung einer gesamten deutschen Feldarmee. Es war die bislang größte Niederlage in der deutschen Militärgeschichte. Im Moment der Niederlage erschien Stalingrad hellsichtigen Deutschen wie ein Zeichen an der Wand.[8] Aus sowjetischer Sicht markierte Stalingrad den bisher größten Sieg über die deutschen Besatzer. Im Zuge der Schlacht rückte die Handlungsinitiative im Krieg von der deutschen auf die sowjetische Seite. Nach Stalingrad ging es fast nur noch nach Westen, Richtung Berlin.
Nach den zum Stehen gekommenen deutschen Angriffen auf Leningrad, Moskau und Sewastopol im Herbst 1941 und den sowjetischen Gegenoffensiven im Winter plante Hitler für das zweite russische Kriegsjahr eine umfassende Sommeroffensive unter dem Decknamen »Operation Blau«. Sie begann am 28. Juni 1942 mit einem Großangriff an der russisch-ukrainischen Südfront und sollte Deutschland in den Besitz wichtiger Rohstoffquellen bringen – der Kohlegebiete vom Donbass und der Ölfelder von Maikop, Grosny und Baku. Die Panzer- und motorisierten Infanterieverbände der Deutschen kamen rasch voran; ihre Zangenbewegungen griffen jedoch meist ins Leere, weil sich die Divisionen der Roten Armee rasch zurückzogen und so vor der Einschließung retten konnten. Im Glauben, dass sich die gegnerischen Truppen bereits auflösten, spaltete Hitler seine angreifenden Verbände in zwei Teile auf. Heeresgruppe A sollte geradewegs auf den Kaukasus zustoßen, Heeresgruppe B nach Nordosten abdrehen und Flankensicherung üben. Die Speerspitze in der Heeresgruppe B bildete die 6. Armee von Generaloberst Paulus. Unterstützt von rumänischen Verbänden, erhielt sie den Auftrag, die Industriestadt Stalingrad an der Wolga zu erobern.
Zu diesem Zeitpunkt mochte auch sowjetischen Beobachtern scheinen, dass der Krieg bereits entschieden war. Ein Blick auf die Landkarte verdeutlichte den Ernst der Lage: »Dieser Krieg im Süden, am Unterlauf der Wolga, schafft ein Gefühl, als wäre ein Messer tief in den Leib gerammt worden«, notierte der Schriftsteller Wassili Grossman[9] im August 1942 in seinem Tagebuch.[10] Die sowjetische Führung reagierte nun mit härtesten Maßnahmen. Als Rostow am Don fast kampflos in deutsche Hände fiel, erließ Stalin den berüchtigten Befehl Nr. 227 »Keinen Schritt zurück«.[11] Jeder, der fortan ohne ausdrücklichen Befehl vor dem Feind zurückwich, sollte als »Vaterlandsverräter« behandelt werden. Deserteure waren an Ort und Stelle zu erschießen. In der Schlacht um Stalingrad kam dieser drakonische Befehl erstmals zur Anwendung. Stalingrad erstreckt sich wie ein Band vierzig Kilometer längs des Westufers der Wolga. »Keinen Schritt zurück« bedeutete für die Verteidiger der Stadt, dass es für sie hinter der Wolga keine Rückzugszone gab.
Vom Beginn der Schlacht an schärfte die sowjetische Führung ihren Kämpfern den Symbolwert von Stalingrad ein. Viele Verteidiger der Stadt wussten, dass Stalin hier im russischen Bürgerkrieg die Feinde des Sowjetsystems zurückgeschlagen hatte; daher trug die Stadt auch seinen Namen. Stalingrad nun den Deutschen zu überlassen hieße, den Mythos, der sich um die Stadt und ihren Namensgeber rankte, zu beschädigen; es durfte nicht geschehen. Aus demselben Grund besaß die Stadt auch für Hitler eine herausragende Bedeutung. Er baute auf den psychologischen Schlag, den ihre Eroberung Stalin versetzen würde, und stilisierte den deutschen Angriff frühzeitig zu einem Entscheidungskampf zwischen den verfeindeten weltanschaulichen Systemen. Am 20. August 1942 notierte Joseph Goebbels[12] in seinem Tagebuch, dass der »Führer« die Stadt »besonders auf Nummer genommen« habe. »Es soll hier kein Stein auf dem anderen bleiben.«[13]
Bereits im westlichen Donbogen weit vor der Stadt stieß die deutsche 6. Armee auf schweren Widerstand der sowjetischen 62. Armee. Die Deutschen machten 57000 Gefangene und überquerten den Don am 21. August. Am 23. August erreichten die ersten deutschen Panzer 70 Kilometer entfernt die Wolga nördlich von Stalingrad und riegelten den Zugang zur Stadt vom Norden her ab. Moskau war alarmiert. Stalin ernannte drei Tage später General Georgi Schukow[14] zum Stellvertretenden Oberkommandieren der sowjetischen Streitkräfte und übertrug ihm die Verantwortung für die Kämpfe vor Ort.[15]
Bei Kriegsausbruch zählte Stalingrad knapp 500000 Einwohner. Als Industriezentrum und Waffenschmiede spielte es eine wichtige kriegswirtschaftliche Rolle. Stalingrad galt auch als eine sichere Stadt weit hinter der Front und war im Sommer 1942 von Flüchtlingen überlaufen. Vergeblich ersuchten städtische Funktionäre Stalin um Erlaubnis zur Evakuierung ihrer Betriebe und der Zivilbevölkerung. Der Prawda-Redakteur Lasar Brontman war bei einem der Gespräche zugegen und hielt in seinem Tagebuch fest, wie »der Chef [Stalin] mit finsterer Miene entgegnete: ›Wohin jetzt noch evakuieren? Die Stadt muss gehalten werden. Schluss!‹ Und schlug mit der Faust auf den Tisch.«[16] Erst nachdem eine deutsche Bomberflotte die Stadt in Schutt und Asche gelegt hatte, wurde das Evakuierungsverbot für Frauen und Kinder aufgehoben.
Nach den zweiwöchigen Bombenangriffen traten die deutschen Truppen zum Sturm auf die Stadt an. Am 14. September brach ein Regiment in der Innenstadt zur Wolga durch.[17] In den schweren Straßen- und Häuserkämpfen der darauffolgenden Wochen wurden die Soldaten der 62. Armee überall in der Stadt bis ans Wolgaufer zurückgedrängt. Den Stoßtrupps der Wehrmacht folgten die deutschen Besatzungsbehörden, die in Stalingrad Kommandanturen errichteten, Kommunisten und Juden erschossen und die Deportierung der Zivilbevölkerung in die Wege leiteten. Auf der Gegenseite hielten die im westlichen Steilufer eingegrabenen sowjetischen Verteidiger bald nur noch mehrere Brückenköpfe. Sie wurden über den Fluss mit Nachschub an Soldaten und Waffen versorgt und erhielten Artillerieunterstützung von der östlichen Flussseite. Die in Stalingrad kämpfende 62. Armee war Teil der Südostfront[18], kommandiert von Generaloberst Andrei Jerjomenko[19], die aus den südlich der Stadt stationierten 64., 57. und 51. Armee, der 8. Luftflotte, den Schiffen und Matrosen der Wolga-Flottille sowie nördlich und nordwestlich von Stalingrad aus der 1. Gardearmee, der 24. und der 66. Armee bestand. Die letztgenannten Armeen unternahmen im September wiederholte vergebliche Versuche, den deutschen Nordriegel zu sprengen und zu den Verteidigern der Stadt durchzubrechen.
Der Plan zu einer umfassenden sowjetischen Gegenoffensive reifte Mitte September, während der kritischsten Phase der Verteidigung von Stalingrad. In Stalins Beisein schlugen Schukow und Generalstabschef Alexander Wassilewski[20] eine Operation vor, die das deutsche Vorbild der tiefen Umfassungsmanöver übernahm. Die kommenden zwei Monate dienten der Ausarbeitung dieses Plans: Eine zusätzliche Front unter dem Kommando von General Watutin (die Südwestfront) bezog heimlich Stellung am oberen Donverlauf, die bei Stalingrad kämpfenden Armeen (seit Ende September in zwei Fronten aufgeteilt: die Don-Front unter Kommando von Generalleutnant Konstantin Rokossowski[21] und die Stalingrader Front unter Jerjomenkos Kommando) wurden mit Soldaten und Ausrüstung aufgestockt. Der deutschen Feindaufklärung entgingen diese Manöver nicht, doch maßen die Nachrichtendienste ihnen keine besondere Bedeutung bei, weil sie die wirtschaftlichen und Menschenreserven der Sowjetunion für erschöpft hielten.[22]
Auch nach einer Reihe von massierten Vorstößen im Oktober gelang es der 6. Armee nicht, Stalingrad vollständig in Besitz zu nehmen. Deutsche Beobachter suchten nach Erklärungen für den unerwartet erbitterten Widerstand des Gegners. Die SS-Zeitung Das Schwarze Korps widmete dieser Frage ihren Leitartikel vom 29. Oktober 1942. Er begann mit einer Einschätzung des sowjetischen Kampfgeists: »Die Bolschewisten greifen an bis zur totalen Erschöpfung, und sie verteidigen sich bis zur physischen Vernichtung des letzten Mannes und der letzten Waffe. […] Der einzelne Mann kämpft mitunter auch dann noch, wenn er nach Menschenermessen nicht mehr kämpfen kann.« Alles, was die Soldaten der Wehrmacht auf ihren Feldzügen in Europa und Nordafrika erlebt hatten, nehme sich aus »wie ein kindliches Spiel gegen das Elementarereignis des Krieges im Osten«. Die Zeitung erklärte diesen Unterschied mit den Gesetzen der Rassenbiologie: Die sowjetischen Soldaten gehörten einer anderen »Art« an; sie entstammten einem »niederen, dumpfen Menschentum«, das nicht in der Lage sei, »den Sinn des Lebens zu erkennen und das Leben zu schätzen«. Aufgrund dieser fehlenden menschlichen Qualitäten kämpften die Rotarmisten mit einer Todesverachtung, die dem kulturell hochstehenden Europäer fremd sei. Die SS-Zeitung malte abschließend aus, welche Bedrohung die »Macht der entfesselten Minderwertigkeit« für Europa enthalte, und erhob die Schlacht um Stalingrad zu einer weltgeschichtlichen Schicksalsfrage: »An uns liegt es, zu entscheiden, ob wir überhaupt Menschen bleiben dürfen.«[23]
Am 19. November 1942 startete die als »Operation Uranus« kodierte sowjetische Großoffensive mit einem Aufgebot von über einer Million Soldaten. Sie begann mit einem Vorstoß von motorisierten Verbänden durch die von rumänischen Truppen gehaltenen Donhöhen 150 Kilometer westlich von Stalingrad. Die sowjetische Panzerspitze vereinigte sich am 24. November in Kalatsch mit den am 20. November südlich von Stalingrad nach Westen vordringenden Panzerdivisionen von Jerjomenko. Die Deutschen und ihre Verbündeten waren eingekesselt.
Der Oberbefehlshaber der 6. Armee erwog einen Ausbruch seiner eingeschlossenen Truppen. Hitler stellte sich dem entgegen und ordnete an, die »Festung Stalingrad« um jeden Preis zu halten. Eine Luftbrücke sollte die eingekesselten Soldaten mit Nahrung und Munition versorgen. Das Schema war nicht neu. Als die Rote Armee im Dezember 1941 den Gegenangriff vor Moskau startete, erließ Hitler, der sich soeben zum Oberbefehlshaber des Heeres ernannt hatte, einen »Halte-Befehl«, der unter drastischer Strafandrohung den deutschen Truppen jegliches Zurückweichen untersagte. Hitler umgab sich mit dem Nimbus des willensstarken Truppenführers, der seine bisweilen »nervenschwachen« und »pessimistischen« Generäle in Schach hielt, und er führte es auf seinen Befehl zurück, dass die deutsche Ostfront trotz der heftigen Attacken der Roten Armee im Dezember und Januar nicht einbrach.[24]
Im Januar 1942 gelang es der Roten Armee weiter im Norden bei Demjansk am Ilmensee, sechs deutsche Divisionen mit fast 100000 Soldaten einzukesseln. Die Soldaten im Kessel von Demjansk wurden über zwei Monate aus der Luft versorgt, bevor eine Entsatzoperation Ende März den Kessel von außen her sprengte. Es gab also einen erfolgreichen Präzedenzfall für die Luftversorgung eines Kessels. Am 27. November schloss Paulus den Tagesbefehl des Oberkommandos der 6. Armee an die eingeschlossenen Soldaten mit dem Satz: »Drum haltet aus, der Führer haut uns raus!«[25]
Operation Ring. Sowjetische Kriegszeichnung.
Schlechte Witterung und heftiger sowjetischer Beschuss führten dazu, dass die Versorgung des Stalingrader Kessels aus der Luft lückenhaft blieb, so dass die anfangs über 300000 eingeschlossenen Soldaten zusehends an Nahrungs- und Munitionsknappheit litten. »Operation Wintergewitter« (12. bis 23. Dezember 1942), der von General von Manstein[26] geleitete Versuch, den Kessel durch einen Panzervorstoß von Südwesten her zu sprengen, blieb nach heftiger sowjetischer Gegenwehr auf halbem Weg stecken. Zeitgleich startete die Rote Armee weiter westlich am Don eine Offensive (»Kleiner Saturn«) mit dem Ziel, bis nach Rostow im Süden durchzubrechen. Damit sollte nicht nur der deutsche Entsatzangriff vereitelt, sondern die gesamte Heeresgruppe einschließlich der 400000 im Kaukasus stationierten Truppen abgeschnitten werden. Diese Ziele wurden teilweise erreicht. Manstein brach »Operation Wintergewitter« ab; es gelang ihm aber auch, die Kaukasusarmee vor der drohenden Einschnürung zu bewahren.
Die sowjetische Führung startete Ende November eine massive Propagandaaktion, um die Deutschen und ihre Verbündeten zum Aufgeben zu bewegen. Hunderttausendfach beschrieben deutsch-, rumänisch- und italienischsprachige Flugblätter die aussichtslose Lage. Eine Delegation deutscher Kommunisten im Moskauer Exil reiste nach Stalingrad, um per Lautsprecher auf ihre Landsleute auf der anderen Seite der Front einzuwirken – ohne Ergebnis. Am 6. Januar – zwei Wochen nach dem Abbruch von Mansteins Entsetzungsversuch – unterbreitete General Rokossowski dem deutschen Armeeoberkommando ein ehrenhaftes Kapitulationsangebot. Paulus musste es auf Hitlers Geheiß ignorieren.
Die Schlussoperation zur Zerschlagung des Kessels, »Operation Ring«, begann am 10. Januar 1943. Von Westen her drängten Soldaten der Don-Front den Gegner allmählich in den Stadtbereich von Stalingrad zurück. Gleichzeitig intensivierte die 62. Armee vom Wolgaufer aus ihre Angriffe. Am 26. Januar vereinigte sie sich mit der Don-Front. Das Treffen fand auf dem Mamajew-Hügel statt, einer über Monate hinweg heftig umkämpften strategischen Höhe hinter dem Fabrikbezirk. Die Deutschen in Stalingrad waren nun in einen Nord- und einen Südkessel aufgespalten. Im Verlauf der Kesselschlacht wiederholt zur Aufgabe seines Quartiers gezwungen, suchte Generaloberst Paulus mit seinem Stab am 26. Januar Zuflucht beim Divisionsstab der 71. Infanteriedivision, jener Division, die im September in Stalingrad als erste die Wolga erreicht hatte. Der Divisionsstab war im Keller des Kaufhauses am »Platz der Gefallenen Kämpfer« untergebracht. Am 30. Januar hielt Hermann Göring[27] aus Anlass des zehnten Jahrestags der nationalsozialistischen Machtergreifung eine Radioansprache, die auch von den Soldaten in Stalingrad empfangen werden konnte. Göring verglich die deutschen Soldaten in Stalingrad mit den Helden des Nibelungenlieds. Gleich ihnen, die in einem »Kampf ohnegleichen … in einer Halle aus Feuer und Brand … kämpften und kämpften bis zum Letzten«, würden – ja sollten – die deutschen Stalingrader kämpfen, »denn ein Volk, das so kämpfen kann, muss siegen«. In der Nacht zum 31. Januar traf ein Funkspruch aus dem Führerhauptquartier mit der Ernennung von Paulus zum Generalfeldmarschall ein. Die Beförderung war eine von allen Beteiligten verstandene Aufforderung Hitlers an Paulus, Selbstmord zu begehen, denn noch nie zuvor war ein deutscher Generalfeldmarschall in feindliche Hände geraten. Paulus tötete sich nicht.
In den Morgenstunden des 31. Januar hatten sowjetische Soldaten der 64. Armee den »Platz der Gefallenen Kämpfer« umstellt. Ein deutscher Offizier gab sich ihnen als Parlamentär zu erkennen und bot Kapitulationsverhandlungen an. Eine Gruppe von Rotarmisten wurde in den Keller eskortiert, wo sie auf den versammelten Armeestab von Paulus traf (die Begegnung ist in diesem Buch ausführlich beschrieben). Mehrere Stunden später legten die deutschen Soldaten im Südkessel ihre Waffen nieder, in der Traktorenfabrik im Nordkessel wurde noch bis zum 2. Februar gekämpft. Seit Beginn der sowjetischen Gegenoffensive waren 60000 deutsche Soldaten im Kessel von Stalingrad gestorben. 113000 deutsche und rumänische Überlebende gerieten in sowjetische Gefangenschaft, viele von ihnen verletzt oder stark geschwächt. Insgesamt kostete die Schlacht und die ihr nachfolgende Gefangenschaft 295000 deutschen Soldaten das Leben (190000 Gefallene und 105000 in Gefangenschaft Verstorbene). Auf der Gegenseite kamen bei der Verteidigung von Stalingrad und der sich ihr anschließenden Offensive nach konservativsten Schätzungen 479000 Rotarmisten ums Leben. Ein Forscher geht von einer sowjetischen Todesbilanz von über einer Million Rotarmisten aus.[28]
Die Antwort der nationalsozialistischen Machthaber auf den Untergang der 6. Armee war noch mehr Propaganda und Massenmobilisierung. Das in Stalingrad gebrachte Opfer sollte anspornen, die nun westwärts strömende »rote Flut« zu stoppen. Kaum war die dreitägige Staatstrauer verstrichen, rief Joseph Goebbels unter frenetischem Beifall seiner parteitreuen Zuhörer alle Deutschen zum »totalen Krieg« auf. Jetzt, wo die »bolschewistischen Horden« aus »Asien« nach »Europa« einzubrechen drohten, gewannen die von NS-Ideologen geschürten Schreckbilder an Glaubwürdigkeit und schien es für die verängstigte Bevölkerung keinen anderen Ausweg zu geben als mit dem Regime weiterzukämpfen. Mit noch größerer Intensität tobte der Krieg zwei Jahre weiter.
Auch die sowjetische Seite intensivierte den politischen Druck. Die gefangenen deutschen Generäle und Offiziere wurden in Sonderlager gebracht und aufgefordert, sich öffentlich von Hitler loszusagen. Die geläuterten Offiziere mit Paulus an ihrer Spitze sollten eines Tages die Repräsentanten eines neuen sowjetfreundlichen Deutschlands werden. Die meisten anderen Kriegsgefangenen wurden in gewöhnliche Arbeitslager gebracht, wo sie kaum zu essen bekamen und medizinisch schlecht versorgt wurden. Bis Juli 1943 waren drei Viertel aller deutschen Kriegsgefangenen in sowjetischem Gewahrsam gestorben.
Als die Rote Armee die Stadt von den Deutschen zurückeroberte, zählte sie in Stalingrad 7655 überlebende Bewohner.[29] Aufräumarbeiten in den Ruinen leiteten den Wiederaufbau der Stadt ein. Dabei wurden Massengräber mit von den deutschen Besatzern erschossenen und erhängten Stadtbewohnern entdeckt. Mehrere tausend gefangene Deutsche wurden schon im Februar 1943 in Stalingrad zum Leichenräumen und zum Entschärfen von Bomben und Minen eingesetzt. Die Stadt wurde in den folgenden Jahren auch mit den Händen der kriegsgefangenen Gegner wiedererrichtet.[30]
Stalin würdigte den sowjetischen militärischen Erfolg auf mehrfache Weise. Im Juli 1942 hatte sein Befehl Nr. 227 die Kommandeure noch für ihren Kleinmut und ihre Disziplinlosigkeit gescholten. Im Februar 1943 sprach Stalin der Armee sein Lob aus, nannte sie eine »Kaderarmee«. Vier der an der Schlacht von Stalingrad beteiligten Armeen erhielten den begehrten Gardestatus: die 62., die 64., die 24. und die 66. Auch sich selbst belohnte Stalin für den Sieg: Er ließ sich am 6. Februar 1943 zum Marschall der Sowjetunion ernennen.
»Stalingrad 1943«. Fotografin: Natalja Bode
Vielfältig erforscht und hundertfach erzählt, bleibt die Schlacht von Stalingrad in den meisten deutschen und westlichen Darstellungen eine zutiefst germanozentrische Geschichte, mehr noch, die Geschichte eines deutschen Opfergangs.[31] Sie setzt häufig erst am 19. November 1942 ein, dem Beginn der Einkesselung der 6. Armee, und macht durch diesen Schnitt die Aggressoren zu verzweifelten Verteidigern, zu Kälte und Hunger erduldenden Opfern.[32] Den deutschen Angriff auf Stalingrad und die lange Blutspur, die die 6. Armee auf ihrem Weg nach Stalingrad durch die ukrainischen Städte Berditschew, Kiew und Charkow zog, klammert diese Perspektive allein durch das Setzen der Chronologie aus.[33] Aber auch breiter gefasste Erzählungen, die bis zum Juni 1941 zurückreichen und in Einzelfällen die Stimmen von sowjetischen Zeitzeugen mit aufnehmen, folgen einer auf die Deutschen zugeschnittenen Dramaturgie, die sich in den drei Teilen des bekannten Fernsehfilms »Stalingrad: der Angriff – im Kessel – der Untergang« aus dem Jahr 2002 spiegelt.[34] Das menschliche Drama von Stalingrad wird häufig in vier Zahlen ausgedrückt: 300000 eingekesselte Soldaten, 110000 Überlebende, die in die sowjetische Gefangenschaft gingen, 6000 Heimkehrer, die Letzten von ihnen mehr als 12 Jahre nach dem Ende der Schlacht. Die sowjetischen Verlustzahlen sind im Westen kaum bekannt. Im Unterschied zum Gesamtbild von der Wehrmacht an der Ostfront, das in den letzten beiden Jahrzehnten sehr kritisch und womöglich nicht ohne pauschale Überzeichnungen beleuchtet worden ist, hält sich bis heute eine bemerkenswert unkritische und insulare Sicht auf die Schlacht von Stalingrad, in der deutsche Soldaten primär als Opfer figurieren und die gegnerische Seite gar nicht oder nur kaum Erwähnung findet.
Im Laufe der Zeit hat sich das Augenmerk von Forschung und Öffentlichkeit auf unterschiedliche Akteure gerichtet. In den 1950er und 1960er Jahren stand die Figur des Stalingradkämpfers im Vordergrund, der bis zum letzten Atemzug für soldatische Werte einstand. Die Erinnerung an die »beispiellose Tapferkeit, Treue und Pflichterfüllung« der in Stalingrad »gefallenen, verhungerten, erfrorenen deutschen Soldaten«, schrieb der ehemalige Generalfeldmarschall Erich von Manstein 1955, werde »die Zeiten überdauern«, »wenn längst das Triumphgeschrei der Sieger verhallt, wenn die Klagen des Leides, der Zorn der Enttäuschten und Verbitterten verstummt sein werden«.[35] Diese Erinnerung war weniger langlebig, als Manstein vermutete – mit den gesellschaftlichen Veränderungen, für die die Chiffre 1968 steht, und mit der Hinwendung eines Teils der historischen Forschung zur Alltagsgeschichte wurde der soldatische Held von Stalingrad vom Bild des Antihelden abgelöst. Im Blickpunkt dieser Forschung stehen einfache, sich in Feldpostbriefen zuweilen unbeholfen ausdrückende Soldaten, ahnungslose junge Menschen, die sich ins Kriegsgeschehen geworfen sehen und mit den epochalen Ambitionen des Naziregimes nichts gemein zu haben scheinen.[36]
Stalingrad markiert in der deutschen Erinnerung zuletzt auch Widerstand. Es gab tatsächlich Zusammenhänge zwischen der Schlacht und dem deutschen Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime. Im Februar 1943 erschien das letzte Flugblatt der studentischen Widerstandsgruppe »Weiße Rose«, das von Hans und Sophie Scholl an der Münchner Universität verbreitet wurde. Es enthielt einen Appell der »Toten von Stalingrad« an die Deutschen, sich endlich von der nationalsozialistischen Tyrannei zu befreien.[37] Der Appell verhallte jedoch, ebenso wie die von deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion verfassten Manifeste, die zum Widerstand gegen Hitler aufriefen. Wie sehr man hingegen deutschen Stalingrad-Veteranen Glauben schenken kann, die in ihren Memoiren behaupten, dass sie sich schon während der Schlacht von Hitler und dem Nationalsozialismus abgewandt hätten, steht auf einem anderen Blatt.[38] Fand diese Abkehr wirklich zum beschriebenen Zeitpunkt statt, oder war sie nicht vielmehr eine rückblickende Einsicht, die ihren Weg in die Memoiren fand? Eines steht fest: Zahlreiche Deutsche stemmten sich nach der Niederlage von Stalingrad im Einklang mit dem Regime noch entschiedener gegen die sich abzeichnende Wende im Krieg.[39]
Bei der Fokussierung auf Stalingrad als deutschem Drama und Erinnerungsort bleibt der Gegner unkonturiert. Gegen wen die Deutschen in Stalingrad kämpften, war ihnen während der Schlacht vielfach nicht klar, und dieselbe Unschärfe teilt sich in Nachkriegsdarstellungen mit. Der sowjetische Soldat war ein Massengegner, Horden erdfarbener Gestalten, mit »Urrä!«-Schreien heranstürzend und vorangetrieben von pistolenfuchtelnden Kommissaren. Der Gegner, das war auch der ungreifbare Raum, die an Sibirien gemahnende Kälte. Von den Propagandisten des Dritten Reichs genährt, waren dies Bilder und Vorstellungen, die in amtliche militärgeschichtliche Studien der Nachkriegszeit einflossen – kein Wunder, waren es doch Leute wie Hitlers Generalstabschef Franz Halder[40], die nun als Militärhistoriker den Amerikanern das Verhalten »des russischen Soldaten« erklärten und dabei ihrem rassistisch unterlegten Antikommunismus treu blieben.[41]
Bis heute blieb auch deshalb unklar, wie genau auf der russischen Seite gekämpft wurde, welche kulturellen Prägungen Rotarmisten und andere Sowjetbürger in den Krieg brachten, was sie antrieb, gegen die übermächtig wirkenden Deutschen zu kämpfen und was Stalingrad für sie bedeutete. Sowjetische Studien sind hier wenig aufschlussreich, es sei denn, man nimmt ihre verherrlichenden Schilderungen der Schlacht zum Nennwert. Zwar verweisen sowjetische Geschichten der Schlacht auch auf etliche namentlich genannte soldatische Helden und ihre Taten, doch sind die individuellen Züge dieser Soldaten und der Kontext ihrer Handlungen nicht ausgeleuchtet. Eine Ausnahme bildet die militärstrategische Untersuchung der Schlacht von Stalingrad aus der Feder von Alexander Samsonow, einem Stalingrad-Veteranen. Sie ist im Übrigen die einzige größere sowjetische Studie, die auch die deutsche Seite mit in Betracht nimmt.[42]
Die Öffnung vieler Archive seit dem Ende der Sowjetunion hat die Quellenlage zum »Großen Vaterländischen Krieg« stark verbessert, mit der erheblichen Einschränkung, dass die riesigen Archivbestände des russischen Verteidigungsministeriums immer noch weitgehend verschlossen bleiben. Mit der Veröffentlichung von Protokollen von Telefongesprächen zwischen dem Oberkommando (Stawka) und einzelnen Frontkommandeuren, von Direktiven der Leitenden Politverwaltung der Roten Armee und von Stimmungsberichten aus Einheiten an der Front lässt sich das Kriegsgeschehen mittlerweile detailliert aus der Sicht der politischen und Militärführung schildern.[43] Erschienen sind ferner zahlreiche unzensierte Memoiren sowie Briefe und Tagebücher aus dem Krieg, darunter die besonders aufschlussreichen Tagebücher zweier Schriftsteller, die als Kriegsberichterstatter an der Stalingrader Front tätig waren: Wassili Grossman und Konstantin Simonow.[44] Dennoch ist das Gesamtbild relativ unscharf, nicht zuletzt aufgrund der Militärzensur, die dazu führte, dass die Feldpostbriefe von sowjetischen Rotarmisten, sofern sie überhaupt zugänglich sind, häufig genaue Ortsangaben ebenso vermeiden wie eine differenzierte Schilderung von Ereignissen und persönlichen Gedanken.[45] Auch fehlt es bis auf wenige Ausnahmen an Publikationen von geschlossenen Briefketten, die für erfahrungsgeschichtliche Forschungen besonders aufschlussreich wären.[46]
Vor diesem Hintergrund führen Historiker bis heute eine kontroverse Diskussion über die Motivation sowjetischer Soldaten im Krieg. Wie sehr kämpften sie aus freien Stücken, angeleitet von Heimatliebe, Loyalität zum sowjetischen System und zu Stalin persönlich? Wie sehr war ihr Einsatz bloß eine Folge von Gewaltandrohung und Zwang? Letzterer Ansicht ist Antony Beevor, dessen auflagenstarke Darstellung der Schlacht die »kaum glaubliche Unbarmherzigkeit des sowjetischen Systems« geißelt. Beevor schildert das Kampfgeschehen in Stalingrad nicht nur als eine Auseinandersetzung zwischen Deutschen und Russen, sondern auch als einen Krieg, den die sowjetische Führung gegen ihre eigene Bevölkerung führte. Eine Zahl illustriert nach Beevors Ansicht ganz besonders den menschenverachtenden Charakter des Regimes: die »etwa 13500« Exekutionen von kampfunwilligen Rotarmisten, die allein in der 62. Armee von General Tschuikow vollstreckt wurden. Beevor erwähnt diese Exekutionen bereits im Vorwort zu seinem Buch, und er beschließt das Buch mit Gedanken an die unmarkierten Grabstellen der »Tausenden« auf Befehl von General Tschuikow bei Stalingrad hingerichteten sowjetischen Soldaten.[47] Allerdings kann er dies nicht überzeugend belegen. Der Militärhistoriker John Erickson, auf den Beevor verweist, spricht ohne Angabe einer Belegstelle von 13500 »angeblich« erschossenen Soldaten.[48] Neuere Quellenpublikationen zeigen hingegen, dass im Zeitraum vom 1. August bis zum 15. Oktober 1942, mithin der für die Rote Armee kritischsten Phase der Schlacht, an der Stalingrader Front, zu der die 62. Armee gehörte, 278 sowjetische Soldaten von den Sonderabteilungen der sowjetischen Geheimpolizei (NKWD) erschossen wurden.[49] Die hier veröffentlichten Interviewprotokolle stützen diese relativ niedrige Zahlenangabe.
Die von Beevor und anderen Forschern kolportierten Vorstellungen von Massenerschießungen auf der sowjetischen Seite der Stalingrader Front wurden prägend für das aktuelle westliche Bild. Man denke etwa an den Kinofilm »Duell – Enemy at the Gates« (2001), der in seinen Eröffnungsszenen zeigt, wie die in Stalingrad eintreffenden Soldaten der 284. Schützendivision ohne ausreichende Waffen oder Munition an die Hauptkampflinie geworfen werden. Als der Angriff steckenbleibt und die Soldaten zurückrennen, werden sie von einer hinter ihnen aufgebauten Sperrabteilung des NKWD mit MG-Feuer niedergemäht. Wie wirklichkeitsfern dieses Bild ist, verdeutlichen viele Interviews in diesem Band, darunter zwei Gespräche mit Soldaten aus der 284. Schützendivision – mit Major Nikolai Axjonow[50] und dem bekannten Scharfschützen Wassili Saizew[51], dem in »Enemy at the Gates« die Hauptrolle zufällt.
An Beevors Studie auffallend ist nicht nur die Deutschlastigkeit seiner Schlachtbeschreibung; das Buch ist auch von Propagandaklischees durchtränkt, die bis in die Zeit des Dritten Reichs zurückreichen. Den sowjetischen Verteidigungswillen bis zur Selbstaufgabe bezeichnet Beevor als »beinahe atavistisch« – ein Rückgriff auf das von Goebbels und anderen bemühte Bild vom primitiven Feind im Osten. Beevor ist auch davon überzeugt, erneut ohne Belege anzuführen, dass die sowjetischen Militärs in Stalingrad in steter Furcht vor ihren politischen Stellvertretern, den Kommissaren, lebten. Erneut zeigen die Stalingrader Protokolle, wie schief dieses Bild von der politisch unterdrückten Armee ist. Hingegen rühmt Beevor die Kultiviertheit und Ritterlichkeit der deutschen Offiziere und berauscht sich am Bild der »deutschen Artilleristen in ihren kurzen Hosen und mit ihren braungebrannten Oberkörpern«. Sie »hatten durch das Heben von Granaten an Muskeln zugelegt und sahen wie Athleten in einem nationalsozialistischen Propagandafilm aus«.[52] Hätte sich Beevor eingehender mit sowjetischen Perspektiven und Wahrnehmungen befasst, hätte er lesen können, wie die deutschen Eindringlinge im Sommer 1941 und dann erneut im darauffolgenden Sommer von sowjetischen Bürgern gerade wegen ihres halbnackten Auftretens als respektlos und unkultiviert wahrgenommen wurden.[53] Begriffe wie Kultur und Primitivität sind nichts anderes als schwebende, kulturkontingente Zuschreibungen.
Beschreibt Beevor die sowjetischen Soldaten als terrorisierte Subjekte, zeichnet die britische Historikerin Catherine Merridale sie in ihrer Sozialgeschichte der Roten Armee als betrogene Opfer. Während das Stalinregime den Rotarmisten vorspiegelte, dass sie einen Befreiungskampf gegen die nationalsozialistischen Eroberer führten, hielt es sie tatsächlich in einem Zustand dauerhafter Unterdrückung, ja Versklavung.[54] Merridale schildert anschaulich die Entbehrungen und die Nöte des soldatischen Alltags; weit weniger überzeugend gerät ihre Darstellung der soldatischen Kriegserfahrung. Die Autorin vermutet, dass die sowjetischen Soldaten zwei verschiedene Kriege erlebten: »Der eine, den sie allein kennen konnten, war der Krieg auf dem Schlachtfeld – der schrille, mit Granaten und beißendem Qualm, der schändliche, mit Angst und Rückzug. Der andere jedoch, der von Schriftstellern gestaltete, war ein Produkt der Propaganda.«[55] Die staatliche Ideologie, die mit moralischen Appellen arbeitete und einen gerechten Krieg verhieß, hatte nach Merridales Ansicht nichts mit dem primären soldatischen Kriegserleben zu tun und wurde den Soldaten gewissermaßen übergestülpt. Analytisch ist die Trennung zwischen Erfahrung und Ideologie fragwürdig, weil sie voraussetzt, dass es den Soldaten möglich war oder dass sie danach strebten, ihre persönliche Erfahrung außerhalb der in der Armee eingebürgerten Werte und Sprachformen zu konzipieren. Die Trennung überzeugt auch deshalb nicht, weil die in Merridales Buch zu Wort kommenden Soldaten sich stark mit der öffentlichen Sprache und den Werten der Zeit identifizierten.[56]
Um einer »eigentlichen«, von der staatlichen Ideologie befreiten soldatischen Erfahrung zur Sprache zu verhelfen, führte Merridale Dutzende Interviews mit sowjetischen Weltkriegsveteranen. Es entbehrt nicht der Ironie, dass sie sich anschließend entschied, die meisten dieser Veteranenaussagen nicht zu verwenden, da sie ihrer Ansicht nach lediglich die offizielle Sicht des Krieges wiedergaben.[57] Die Veteranen schienen in einem falschen ideologischen Bewusstsein gefangen zu sein; ihr Pochen auf hohe moralische Werte und auf den patriotischen Krieg, in dem sie gekämpft hätten, fügte sich nicht in Merridales offenbar vorgefasstes Verständnis vom Krieg als einem Ort nur von Leid und verstörender Gewalt. Für Rotarmisten, die sich mit der Staatsführung, der Heimat oder sozialistischen Werten identifizierten, bot ihr Schema keinen Platz.
Wer, wie Merridale oder Beevor, die sowjetische Bevölkerung nur einseitig als vom System geknechtet darstellt, kann nicht überzeugend erklären, warum Millionen von Menschen in der Sowjetunion buchstäblich bis zum Umfallen gegen die Deutschen kämpften und arbeiteten. Neuere Studien von Bernd Bonwetsch, Jelena Senjawskaja, Amir Weiner, Lisa Kirschenbaum und Anna Krylova gehen der somit zentralen Frage nach, wie es dem Staat gelang, weite Teile der Bevölkerung für den Kriegseinsatz zu gewinnen, und welche geistigen und psychologischen Reserven dabei freigesetzt wurden. Sie zeigen die Beteiligung von Journalisten, Schriftstellern und Künstlern an der Schaffung und Verbreitung von mobilisierenden Parolen; sie untersuchen, wie die Zivilbevölkerung mit Hilfe der heroischen Appelle des Regimes den Nöten des Krieges einen Sinn abgewann, und sie machen deutlich, wie sich die Frontsoldaten im Verlaufe des Krieges als Akteure des Sowjetregimes zu verstehen begannen.[58]
Die Stalingrader Interviewprotokolle erlauben es nun erstmals, die Stimmen von Rotarmisten, die bislang so gut wie unbekannt waren, in einer breiten Vielfalt und zahlreichen Schattierungen zu hören. Plastisch erkennbar werden Emotionen, Motive und Handlungen einzelner Soldaten.[59] In ihrer Gesamtheit fügen sich die Gespräche zu einem soldatischen Chor, der die von der neueren Forschung vertretene These vom Volkskrieg stimmgewaltig stützt. Die Soldaten sehen sich als aktive Teilnehmer des Kriegs, identifizieren sich mit dem Geschehen. Die Interviews vermitteln aber auch eine Einsicht, die den meisten westlichen Darstellungen des »Großen Vaterländischen Krieges« zuwiderläuft: Sehr deutlich zeichnet sich in den Gesprächen die breite Präsenz und der enorme Einsatz der Kommunistischen Partei bei der ideologischen Konditionierung der Soldaten ab. Die Partei war in der Armee allgegenwärtig – als institutionelles Netz, in der Gestalt von politischen Führungsoffizieren und in Form von inhaltlichen Appellen. Bis hinunter zur Ebene von Kompanien durchdrang der Parteiapparat die Armee, schickte die Partei ihre Emissäre – Kommissare, Politruks[60], Agitatoren[61], Partei- und Komsomolsekretäre – in die Schützengräben, wo sie predigten, anspornten, nötigten, beruhigten, seelsorgten, erklärten, Sinn stifteten. Die Interviews zeigen fast in Echtzeit, wie dieser Apparat funktionierte, auf welche Weise er mobilisierte und wie er auf Krisensituationen reagierte. Die politischen Offiziere geißelten Anzeichen von Schwäche als »Feigheit« und konterrevolutionären »Verrat«, zugleich predigten sie ein kommunistisches Verständnis von Angstkonditionierung, Selbstüberwindung und Heldentum und zeigten, wie man über sich hinauswuchs. Im Verbund mit der Geheimpolizei schnürte die Partei in der Armee ein eisernes Band, aber auch wenn sie strafte, tat sie dies in erzieherischer Absicht, belehrend, antreibend, umformend.
Die westliche Forschung hat die mobilisierende Rolle der Partei in der Roten Armee bislang nicht zur Kenntnis genommen, zum einen nicht, weil bislang nur normative Dokumente aus der Politischen Hauptverwaltung zur Verfügung standen, die wenig Einblick in die tägliche Arbeit des politischen Apparats erlauben; und zweitens, weil die Partei zumeist als eine allein repressive Macht verstanden wird und man ihre ideologische Arbeit lediglich als machtpolitische Demonstration sieht. Hinzu kommt die Ansicht vieler Militärhistoriker, dass die Kommunistische Partei das Militär bei seiner Arbeit behinderte und die Rote Armee erst dann an Schlagkraft gewann, als sich die politischen Offiziere aus der Armee zurückzogen.[62] Dieser Rückzug fand jedoch nie statt; im Gegenteil: Die politische Durchdringung der sowjetischen Armee nahm im Verlauf des »Großen Vaterländischen Krieges« stetig zu.
Das vom amerikanischen Historiker Stephen Kotkin vorgetragene Verständnis von Macht und Ideologie im Kontext der frühen Sowjetzeit hilft auch bei der Ausleuchtung der Verhältnisse in der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg. Kotkins Lokalstudie zum »Aufbau des Sozialismus« in einer sowjetischen Industriestadt veranschaulicht, wie der kommunistische Staat Millionen von Zuwanderern und Flüchtlingen aus den Dörfern durch gezielte Sprech- und Verhaltensweisen zu »sozialistischen« Menschen umformte. Parteiagitatoren sorgten dafür, dass Arbeiter nicht nur ihre Norm erfüllten, sondern auch mit der politischen Bedeutung ihrer Arbeit im internationalen Klassenkampf vertraut wurden. Das Regime teilte die Menschen in »Stoßbrigaden« ein und veranstaltete zwischen ihnen »sozialistische Wettbewerbe«. Wer das von der Partei gesteuerte Vokabular des »bolschewistischen Sprechens« beherrschte, machte Karriere und konnte sich der Gesellschaft und der großen Zukunft zugehörig fühlen, mit der das Regime nachdrücklich warb.[63] Die Verinnerlichung sozialistischer Werte, das machen Tagebücher und Briefe aus den dreißiger Jahren deutlich, geschah jedoch nicht allein auf Weisung der Partei; viele Sowjetbürger, vor allem die jüngeren und gebildeteren, verstanden die dreißiger Jahre als einen weltgeschichtlichen Entscheidungskampf zwischen dem aufstrebenden Kommunismus und dem krisengeschüttelten Kapitalismus (als dessen Teil sie den Faschismus begriffen) und versuchten aus eigenem Antrieb, ihr Leben in Einklang mit diesen hohen Anforderungen zu gestalten.[64] Weit verbreitet war die Einstellung, sich für den unausweichlichen Krieg zu wappnen.[65]
Diese Ideale ebenso wie die einstudierten Formen des Arbeitens und des Sprechens hörten zu Kriegsbeginn nicht auf zu bestehen; sie wurden im Gegenteil weiter akzentuiert. Die Stalingrader Protokolle dokumentieren vielfach die Fortentwicklung von dezidiert sowjetischen Charakterzügen der dreißiger Jahre, sei es die willensbetonte und kämpferische Einstellung sich selbst und der Umwelt gegenüber, der Zukunftsoptimismus und die Einbettung des einzelnen Menschen in das Kollektiv oder die Akzeptanz von Gewalt gegen sich und andere.[66] Nach Kriegsausbruch setzte die Partei ihr Programm der ideologischen Konditionierung in den Fabriken und Werkhallen fort, um die nun überwiegend weiblichen Arbeiter für die Bedürfnisse der Kriegsindustrie anzuspornen; sie trug ihre Agitation nun auch verstärkt in die Schützengräben und Unterstände der Roten Armee. Dort lobte sie erneut »sozialistische Wettbewerbe« aus, bei denen gewann, wer die meisten Deutschen tötete. So erfolgte nach den dreißiger Jahren ein erneuter Subjektivierungsschub in der Sowjetgesellschaft, der, wenn man allein nach den im Kriegsverlauf verliehenen Orden und anderen Auszeichnungen urteilt, Abertausende von Rotarmisten erfasste.
Diese Sichtweise, die das Ineinandergreifen von Partei und Gesellschaft und die daraus resultierenden wechselseitigen Antriebe betont, widerspricht freilich der Überzeugung vieler Forscher, die die sowjetische Gesellschaft in Entgegensetzung zur Partei erblicken und für die Kriegsjahre ihre vorübergehende Befreiung von den Fesseln des stalinistischen Regimes feststellen. Der russische Literaturforscher Lasar Lasarew, der selbst im Krieg kämpfte, spricht von einer »spontanen Destalinisierung«; er und andere verweisen auf die Lockerungen im geistigen Leben und darauf, dass selbst die Parteizeitung Prawda nach Kriegsbeginn ehrlicher in ihrer Berichterstattung wurde.[67] Als Kronzeuge für diese Sichtweise dient Wassili Grossman, der sich als Kriegskorrespondent im Herbst 1942 länger als jeder andere Besucher in der umkämpften Stadt am rechten Wolgaufer aufhielt. In seinem großen dokumentarischen Roman Leben und Schicksal (1950–1959)[68] hat Grossman den in Stalingrad kämpfenden Rotarmisten ein Denkmal gesetzt. Der Roman beschreibt die Ruinenstadt in paradoxaler Manier als einen Ort der Freiheit: Der Parteiapparat, der im Armeestab in sicherer Entfernung zum Schlachtgeschehen untergebracht ist, hat die Kontrolle über die Ruinenstadt verloren. Dort haben sich alte Hörigkeiten aufgelöst, entstehen anarchistische Zirkel. Ein kommunistischer Kommissar wird in die Stadt geschickt, um nach dem Rechten zu sehen. Die freien politischen Gespräche entsetzen ihn, doch ist er zugleich fasziniert, wie selbstverständlich die Soldaten füreinander einstehen, welches Gemeinschaftsgefühl sie zusammenhält. Er verspürt einen Geist der Brüderlichkeit und Demokratie, der ihn an seine Jugend und die Ursprünge der russischen Revolution erinnert. So beschreibt Grossman, wie im umkämpften Stalingrad für kurze Zeit eine Flamme der menschlichen Freiheit aufleuchtet und dann wieder erlischt, als nach dem Sieg über die Deutschen Stalins Staat die Kontrolle über die Gesellschaft wieder ergreift.
Diese Gedanken finden sich freilich nicht in Grossmans Schriften aus der Kriegszeit, auch nicht in seinem Kriegstagebuch, das er in durchweg offener und kritischer Absicht führte. Ganz im Gegenteil schrieb er mit Bewunderung von Kommunisten, die kraft ihrer moralischen Autorität verzagte Rotarmisten anspornten. Grossmans Tagebuch enthält die Gesprächsnotizen seiner Begegnung mit Brigadekommissar Nikolai Schljapin (»er ist klug und stark, ruhig, groß, bedächtig. Die Leute spürten seine innere Macht über sie«), der im Juli 1941 die noch lebenden Soldaten einer von den Deutschen in Weißrussland umzingelten Division um sich scharte und den Ausbruch schaffte.[69] In den von Antony Beevor herausgegebenen deutschen und englischen Fassungen des Tagebuchs fehlt Grossmans Interview mit Schljapin. Beevor entfernte es mit der Begründung, Schljapins Darstellung sei von »zeitgenössischen sowjetischen Klischees« durchtränkt und damit für den heutigen Leser bedeutungslos. Auch Grossmans Interview mit Schljapins Adjutanten, dem Politruk Klenowkin, fehlt in Beevors Editionen. Der Adjutant beschreibt seinen Chef wie einen Heilsbringer: »Vollkommen ruhig und gemessen geht der Kommissar in den Kampf. ›Kommt hier rüber, macht das so!‹ Er geht so, als würde es um ihn herum keinen Kampf geben. Alle schauen auf ihn und warten. ›Der Kommissar ist bei uns.‹«[70] Diesen Kommissar machte Grossman zu einer Hauptfigur in seinem Roman Das Volk ist unsterblich (1942).[71]
Der Geist von Stalingrad, wie Grossman ihn zu Kriegszeiten begriff, bestand in der moralischen Stärke gewöhnlicher Soldaten, die im Krieg bis zur Selbstopferung ihrer staatsbürgerlichen Pflicht nachgingen und dadurch zu Helden wurden. Einige (nicht alle) Kommissare gingen ihnen dabei mit leuchtendem Beispiel voran. Der Krieg enthielt für Grossman das Versprechen einer moralischen Erneuerung der Partei und ihres Zusammengehens mit der Gesellschaft. Erst Jahre später begriff der Schriftsteller, dass seine Hoffnung trügerisch gewesen war, und er schrieb seine Erfahrung um.[72] So geriet in Leben und Schicksal Grossmans ursprüngliche Begeisterung über die sowjetischen Kriegshelden zu einem Bekenntnis zu individueller Freiheit in Entgegenstellung zum stalinistischen Regime.
Grossman hatte sich aber nicht geirrt – die politischen Zustände lockerten sich tatsächlich in den Kriegsjahren. Vieles davon, das belegen die Stalingrad-Protokolle auch, ging auf das Konto der Partei, die sich im Krieg der Gesellschaft gegenüber zu öffnen begann. Zwischen 1941 und 1944 wuchs die Zahl der Parteimitglieder in der Armee stetig an. Es veränderten sich auch die Kriterien für die Mitgliedschaft. Gaben Theoriewissen und proletarische Herkunft bisher den Ausschlag, wurde nun der soldatische Einsatz zum Lackmustest. Wer belegen konnte, dass er viele Deutsche erschossen hatte, dem öffnete die Partei ihre Türen. So fanden viele der besten Soldaten Eingang; unter den Kommandeuren gab es zu Kriegsende so gut wie niemanden ohne Parteibuch. Im Zuge dieses Prozesses veränderte sich nicht nur die Zusammensetzung der Partei, sondern auch die Bedeutung der Parteimitgliedschaft, die Partei wandelte sich als Ganzes, sie wurde soldatischer und damit auch volksnäher.[73] Zum Kriegsende hin steuerte die Parteiführung dann wieder gegen diesen Trend an, verschärfte die Zulassungsbedingungen und intensivierte die Überwachung innerhalb der eigenen Reihen.[74]
Durch unablässige Schulung und Betreuung bewirkte der parteipolitische Apparat eine weltanschauliche Geschlossenheit in der Vorstellungswelt von Rotarmisten. Er motivierte zum Kämpfen und vermittelte ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, das gerade vor dem Hintergrund der riesigen Ausfälle und der stetigen Fluktuation in der kämpfenden Truppe kaum hoch genug einzuschätzen ist. Dies erkannten auch einige deutsche Beobachter im Krieg, die nach der Schlacht von Stalingrad darauf drangen, dem sowjetischen Beispiel zu folgen und in der Wehrmacht die politische Schulung radikal auszuweiten. Diese Schulung enthalte den entscheidenden Keim für den soldatischen Kampfgeist. Im Dezember 1943 schuf Hitler die Stelle des »Nationalsozialistischen Führungsoffiziers« (NSFO), der im Unterschied zum Kommissar aus der Armee kam, aber von der Parteispitze zu bestätigen war.[75] Weil jedoch die Soldaten und Offiziere der Wehrmacht ihre militärische Identität außerhalb der Politik verorteten, fand die Reform keine Akzeptanz. Man spottete über den Führungsoffizier, er war der »NSF-Null«. Politische Fragen hatten in der Roten Armee einen ganz anderen Stellenwert; allein schon ihr Name machte das deutlich.[76]
Am 23. Februar 1943, drei Wochen nach dem Sieg bei Stalingrad, beging die Rote Armee ihr fünfundzwanzigjähriges Bestehen. Sie war eine junge Armee, die vielfach noch Spuren ihrer Entstehung in der russischen Revolution von 1917 und im sich an sie anschließenden Bürgerkrieg (1918–1921) aufwies. Wie gegenwärtig die revolutionäre Gründungszeit für viele sowjetische Soldaten in Stalingrad war, veranschaulichen die Interviews mit den Kommandeuren Tschuikow und Rodimzew[77], in denen sie schildern, wie sie in den Wirren der Revolution zur Roten Armee stießen und im Bürgerkrieg ihre Sporen verdienten. Aber auch institutionell und ideell gab es viele Verbindungen zwischen der Roten Armee im Bürgerkrieg und im Zweiten Weltkrieg. Diese »Rote Arbeiter- und Bauernarmee« (erst 1946 wurde sie in »Sowjetische Armee« umbenannt) verstand sich als eine revolutionäre Organisation neuen Typs. Sie war die »erste politische Armee der Welt« und kämpfte mit dem doppelten Arsenal von militärischen und politischen Waffen. Augenfällig kam dieser Anspruch im Abzeichen der Roten Armee aus ihrer Gründungszeit zum Ausdruck. Es zeigte neben Hammer und Sichel auch ein Gewehr und ein Buch.[78]
Die Rote Armee war zunächst als eine Freiwilligenarmee entstanden, die sich auf den revolutionären Kampfgeist bewaffneter Arbeiter, der sogenannten Roten Garden, stützte. Als sich im Sommer 1918 ein Ring von Feinden um die Sowjetrepublik schloss, führte Kriegskommissar Leo Trotzki[79] die allgemeine Wehrpflicht ein und öffnete die Armee damit für Millionen von Soldaten bäuerlicher Herkunft. Lenin war vom Anblick der zerlumpten und wie Sandsäcke wirkenden Rekruten entsetzt, die anlässlich des ersten Jahrestags der Oktoberrevolution über den Roten Platz marschierten.[80] Doch versuchten die Bolschewiki von Anfang an, diese Bauernarmee nach ihren Vorstellungen zu formen. Sie führten einen Pflichtunterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen ein und appellierten fortwährend an das Bewusstsein der Rekruten, damit diese aus persönlicher Einsicht und Überzeugung für das neue Regime kämpften.[81] Fünf Millionen Soldaten dienten gegen Ende des Bürgerkriegs in der Roten Armee, weit mehr als für den Kampf gegen die »weißen« Gegner sinnvoll war. Entscheidend für die Sowjetführung war etwas anderes: dass jeder dieser Soldaten die Schule des Sozialismus zumindest in Ansätzen durchschritt.
Als Marxisten trugen die Bolschewiki ein sehr breites Verständnis des Politischen an die Menschen heran. Sie versuchten den Rekruten klarzumachen, dass jeder von ihnen ein verantwortlicher Akteur auf der weltgeschichtlichen Bühne war und dass jede Handlung, jeder Gedanke politisch zählte. Sie wollten, dass die Menschen die Botschaft verstanden und aus eigenem Willen für die Sache kämpften. Sie glaubten, dass mit einer politischen Überzeugung kämpfende Rekruten bessere Soldaten und Bürger seien. Ihr Menschenbild war durch und durch voluntaristisch: Einer Person mit einem entfalteten Willen stehe nichts im Wege. Weil die Sowjetkommunisten den Menschen als Produkt seiner gesellschaftlichen Umstände konzipierten, erschien ihnen die menschliche Natur als zutiefst wandelbar. Bauernsoldaten, die nicht richtig kämpften, galten als ignorant, konnten aber zum Licht geführt werden. Deshalb wurden Deserteure nach ihrem Aufgreifen aufwändig verhört. Wenn sie sich reuig und einsichtig zeigten, bekamen sie eine zweite Chance. In der gegnerischen Weißen Armee hingegen wurden Deserteure, wie es in der zarischen Armee üblich gewesen war, standrechtlich erschossen.[82]
Zur Verbreitung dieser Überzeugungen betrieb die Sowjetführung intensive politische Bildungsarbeit bzw. »Aufklärung« innerhalb der Truppe. Zusätzlich richtete sie ein Überwachungsnetz in der Armee ein, mit dessen Hilfe die »Stimmungen« der Rotarmisten erfasst werden sollten. Im Ersten Weltkrieg überwachten viele Staaten die Stimmungen in ihrer Bevölkerung, doch ging keine kriegführende Partei so weit wie die Bolschewiki, die eine lückenlose Kontrolle aller von oder an Rotarmisten geschriebenen Briefe anstrebten und diesen Überwachungsmodus auch nach Kriegsende beibehielten.[83] Während der 1920er und 1930er Jahre und bis in den Zweiten Weltkrieg hinein sichtete die Militärzensur (sie befand sich in den Händen der Geheimpolizei) in vierzehntägigen Abständen den gesamten Briefverkehr in der Roten Armee.[84] Die Briefe, zu Dreiecken gefaltete Vordrucke, wurden nicht zugeklebt und erhielten einen Stempelvermerk der Zensur.[85] Der Anspruch auf totalen Zugriff kontrastiert mit Feldpostprüfstellen der Wehrmacht, die nur mit Stichproben überprüfte, ob Soldaten die Richtlinien der Militärzensur befolgten.[86]
Überwachung im sowjetischen Verständnis hatte immer einen erzieherischen Charakter. Die Bolschewiki wollten sich ein Bild von der Stimmung in der Armee machen, um eingreifen zu können, um unwissende Soldaten zu bilden, politisch skeptische Subjekte zu bekehren und unverbesserliche »Konterrevolutionäre« auszutilgen. Weil der verkoppelte Überwachungs- und Erziehungsapparat tief ins Leben der Rotarmisten reichte, waren diese mit den Kategorien und Zielen der sowjetischen Machthaber vertraut. Sie wussten, dass Kleinmut, Spießbürgertum und politische Indifferenz rote Tücher für das Regime bedeuteten und dass es nicht ratsam war, die Sowjetmacht in Briefen zu kritisieren. Ebenso klar waren ihnen die vom kommunistischen Staat gepredigten Ideale selbstlosen und heroischen Handelns.
Von Anfang an hatte die kommunistische Partei eine starke institutionelle Präsenz im Militärapparat. Die Bolschewiki schufen eine politische Verwaltung in der Armee, die auf jeder Ebene bis hinunter zur Kompanie Parteizellen einrichtete und mit einem »Kriegskommissar« (voenkom) bzw. Politleiter (politruk) versah. Als die Position des Kommissars eingeführt wurde, bestand seine primäre Aufgabe darin, über den politisch unzuverlässigen militärischen Kommandeur zu wachen, dem er ranggleich zur Seite gestellt war. Ohne die ausdrückliche Zustimmung des Kommissars durfte der Kommandeur keinen Befehl erteilen.[87] Die militärisch-politische Doppelspitze ergab sich aus der Entscheidung Trotzkis im Frühjahr 1918, Tausende von ehemals zarischen Offizieren in die Rote Armee aufzunehmen.[88] Trotzki glaubte, dass das militärische Fachwissen und die reiche Erfahrung der »bürgerlichen Spezialisten« dem Sowjetregime zugutekommen würden, zumal die proletarische Armee kaum eigene »Kommandeure« vorweisen konnte (die Worte »Offizier« und »Soldat« verwandten Trotzki und andere Bolschewiki mit Bedacht nicht, sie assoziierten zu sehr die Hierarchien und Klassenunterschiede in der zarischen Armee. Anstelle vom Soldaten sprach man bis in den Zweiten Weltkrieg hinein vom »Rotarmisten« oder »Kämpfer«. Die »Soldaten« waren immer die gegnerischen Soldaten). Viele andere Bolschewiki, darunter Stalin und sein Gefährte Kliment Woroschilow[89], widersprachen. Ihnen waren die ehemals zarischen Militärs persönlich wie politisch zuwider. Der Konflikt zwischen Stalin und Trotzki schwelte in den nächsten Jahren fort, bevor er offen ausbrach.
Der Kommissar hatte klassenfeindliche Elemente zu entlarven; willige Kommandeure hingegen führte er zum »Licht«. Dieses Miteinander von Kommissar und Kommandeur beschreibt Dmitri Furmanow in seinem autobiographischen Roman Tschapajew. Der Provinzlehrer Furmanow war 1918 der bolschewistischen Partei beigetreten und im folgenden Jahr in den Bürgerkrieg gezogen, wo er dem bäuerlichen Divisionskommandeur Wassili Tschapajew als Kommissar zur Seite stand. Gemeinsam kämpften sie gegen Admiral Koltschaks weiße Truppen im Ural. Furmanow stellt Tschapajew als einen ungestümen Haudegen dar. Um der Revolution zu nützen, muss seine anarchische Energie gebündelt werden. Das ist die Aufgabe des Kommissars, der im Roman immer kontrolliert wirkt und als geduldiger Lehrer auftritt. In seinen zahlreichen Gesprächen mit Tschapajew erzieht der Kommissar den körperlich kräftigen, aber geistig »wie Wachs« formbaren Bauernkommandeur zu einem höheren politischen Bewusstsein.
Nach ihrer Verfilmung im Jahr 1934 wurde die Geschichte des Bürgerkriegshelden Tschapajew zum kulturellen Allgemeingut in der Sowjetunion. Anderthalb Jahre nach seinem Erscheinen hatte Stalin den Film bereits Dutzende Male gesehen; er kannte die Szenen und Dialoge auswendig und analysierte die Schauspieler und das Geschehen bei jeder Vorführung aufs Neue.[90] Mehrere der in Stalingrad interviewten Soldaten verwiesen auf Tschapajew, ein Kanonenboot der Wolga-Kriegsflottille trug den Namen des Bürgerkriegshelden. Der Film reicherte die Darstellung im Buch um zwei Nebendarsteller und die sich zwischen ihnen entspinnende Romanze an, Tschapajews Adjutanten Petja und die MG-Schützin Anka. Von Petja anfangs nicht ernst genommen, bewährt sich Anka in einer Schlüsselszene des Films, indem sie in beherzter Manier einen Angriff der Weißen zurückschlägt. Die gegnerischen Truppen unternehmen eine »psychische Attacke« und marschieren prachtvoll uniformiert und in voller Formation auf die ihnen zahlenmäßig unterlegenen Roten zu. Ankas Kameraden bestürmen sie, endlich zu schießen, doch sie wartet, bis die feindlichen Soldaten dicht herangerückt sind, bevor sie sie mit ihrem Maschinengewehr vom Typ Maxim niedermäht. Diese Handlung inspirierte nicht nur zahlreiche junge Frauen, die sich 1941 freiwillig an die Front meldeten und auf die »MG-Schützin Anka« verwiesen, um für sich einen Platz in der kämpfenden Truppe zu beanspruchen[91]; sie versinnbildlichte auch die von den Bolschewisten gepriesene Geistesgegenwart und Willensstärke. Die im Film geschilderte »psychische Attacke« war ein sowjetkommunistisches Phantasma, aus dem die Überzeugung sprach, dass der militärische Gegner es darauf absah, den Willen der kommunistischen Kämpfer zu brechen. Auch in Stalingrad im Jahr 1943 sprachen Rotarmisten wiederholt von den »psychischen Attacken« der Deutschen. Ihre Wahrnehmung hatte vermutlich mehr mit Tschapajew als mit den eigentlichen Absichten der Deutschen zu tun.[92]
Nicht nur politische Mobilisierung, sondern auch rohe körperliche Gewalt kennzeichnete die Rote Armee im Bürgerkrieg. Viele der in Stalingrad befragten sowjetischen Kommandeure hatten sich als junge Männer im Bürgerkrieg ihre Sporen verdient und dort prägende Erfahrungen gesammelt. Im Bürgerkrieg lernte der spätere Armeekommandeur Wassili Tschuikow, wie man die eigene Autorität durch Fausthiebe und Erschießungen unterstrich. Der Schriftsteller Isaak Babel begegnete im Bürgerkrieg dem Militärkommandeur Semjon Timoschenko[93] und dem Funktionär Woroschilow, die später im Zweiten Weltkrieg zur politisch-militärischen Führungsgruppe um Stalin gehörten. Babel beschrieb, wie Timoschenko, »ein Koloss in roten Halblederhosen, roter Mütze, gut gebaut«, mit seiner Reitpeitsche auf Regimentskommandeure einschlug und mit der Pistole nach ihnen schoss, um sie in den Kampf zu treiben. Woroschilow schimpfte einen Divisionskommandeur vor seiner versammelten Truppe aus, ritt auf seinem Pferd sitzend schreiend auf und ab.[94] Die bolschewistischen Antreiber, betonte Babel, waren oft an der vordersten Front, ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben. Babel verstörte die massive Gewalt in der kämpfenden Truppe, die Erschießungen wehrloser polnischer Kriegsgefangener und die Übergriffe gegen die zumeist jüdische Zivilbevölkerung, doch faszinierten ihn der heroische Gestus und die Überzeugtheit der roten Kämpfer, für die er als Kriegsberichterstatter auch mitverantwortlich war.
Auch Josef Stalin und die nach ihm benannte Stadt hatten ihre besondere Bürgerkriegserfahrung. Bis 1925 trug Stalingrad (»Stalinstadt«) den aus dem Tatarischen Namen entlehnten Zarizyn (»Stadt am Gelben Fluss«) und war nach der Zariza benannt, die an jener Stelle in die Wolga mündet. Die Wolga und die Bahnverbindung von Moskau in den Kaukasus, die durch Zarizyn lief, machten die Stadt zu einem Verkehrsknotenpunkt und Handelszentrum im südlichen Russland und begünstigten seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert die industrielle Entwicklung. Die 1914 begründete Zarizyner Waffenfabrik war der größte Geschützhersteller Europas – nach der Revolution hieß sie »Barrikaden«-Fabrik. Die Gegend um Zarizyn war auch einer der ersten Brandherde im russischen Bürgerkrieg. Nach der bolschewistischen Machtergreifung waren viele Offiziere der ehemaligen zarischen Armee zu den Kosakensiedlungen in die Don- und Kubanregion geflüchtet, von wo aus sie im Frühjahr 1918 eine Freiwilligenarmee sammelten, die gegen die neuen Machthaber mobilmachte. Von der deutschen Besatzungsherrschaft in der Ukraine wurden sie logistisch unterstützt. Im Mai 1918 erhielt Stalin, der das Amt des Volkskommissars für Nationalitätenfragen bekleidete, den Auftrag, die Lebensmittelversorgung aus dem nördlichen Kaukasus anzukurbeln. Wegen der Kämpfe in der Region blieb der aus Moskau kommende Zug mit dem Volkskommissar und den ihn begleitenden Rotarmisten in Zarizyn stecken. Hier war die 10. Armee stationiert, eine überwiegend aus Partisanen zusammengewürfelte Truppe unter dem Kommando von Woroschilow, einem alten Bekannten Stalins. Von Süden und Westen her drängten die Weiße Armee und eine mit ihr verbündete Kosakenarmee unter Leitung von Ataman Pjotr Krasnow auf die Stadt zu. Obwohl Stalins Mandat nicht militärischer Natur war und er keinerlei Militärerfahrung hatte, riss er die Zügel an sich. Er forderte in einem Brief an Lenin die Entlassung von General Andrei Snessarjew, der in der Roten Armee den Nordkaukasischen Wehrkreis kommandierte und dabei weiterhin seine Epauletten aus der zarischen Armee trug. Lenin gab Stalins Drängen nach. Mitte August 1918 rief Stalin den Belagerungszustand in der Stadt aus und verpflichtete die städtische »Bourgeoisie« zur Aushebung von Schützengräben. Die sowjetischen Verteidiger sprachen von Zarizyn als einem »roten Verdun«, das sich niemals den Weißen und den ausländischen Interventen ergeben würde. Ein Gegenangriff warf die feindlichen Truppen bis hinter den Don zurück, doch bis September war die Stadt erneut von Krasnows Truppen bedroht. Erneut kam es zum Konflikt zwischen Stalin und einem ehemals zarischen Kommandeur im Dienst der Roten Armee, der mit der Entlassung des Kommandeurs endete. Trotzki war darüber so erbost, dass er Stalin sofort nach Moskau einbestellen ließ. Mitte Oktober wurde der Angriff auf Zarizyn zurückgeworfen.[95]
Stalins Rolle bei der Rettung der Stadt ist umstritten. Nach dem Tod des Diktators und vermehrt noch nach dem Ende des Kommunismus meldeten sich Kritiker zu Wort, die Stalins militärische Fähigkeiten anzweifelten und die hohen Verlustzahlen auf der sowjetischen Seite in Rechnung stellten.[96] Ein weißer Offizier, der während der Belagerung von Zarizyn als Spion bei den Roten arbeitete und Stalin aus nächster Nähe beobachtete, betonte hingegen die Effektivität von Stalins rücksichtslosem, revolutionärem Handeln: Weil er das städtische Bürgertum konterrevolutionärer Gesinnungen bezichtigte, ließ Stalin mehrere Dutzend Offiziere und Zivilisten auf einem Lastkahn in der Wolga in Kollektivhaft nehmen und drohte mit der Sprengung des Kahns, wenn die städtischen Bürger die Rote Armee nicht unterstützten. Der Offizier bescheinigte Stalin große agitatorische Fähigkeiten: »Oft sprach er in Streitgesprächen über die Kriegskunst: ›Es ist gut, dass alle über die Notwendigkeiten der Kriegskunst reden, doch wenn der talentierteste Feldherr auf der Welt nicht über vernünftige und mit der richtigen Agitation vorbereitete Soldaten verfügt, dann, glaubt mir, kann er selbst gegen ein kleines Häuflein von Gegnern nichts ausrichten, wenn dieses aus begeisterten Revolutionären besteht.‹ Und Stalin scheute sich im Einklang mit seiner Überzeugung nicht, Mittel für Propaganda einzusetzen, für die Herausgabe von Zeitungen, ihre Verbreitung und die Entsendung von Agitatoren.« Dank Stalins Agitation trage das »rote« Zarizyn noch jetzt (er schrieb 1919) seinen traurigen Namen. Der weiße Spion schrieb es übrigens seiner gezielten Desinformation zu, dass die Verteidigung der Stadt im Jahr 1918 so vielen Rotarmisten das Leben kostete.[97]
Bis zum Ende des Bürgerkriegs wurde Zarizyn noch mehrfach belagert, doch für die Nachwelt blieb die Verteidigung der Stadt untrennbar mit dem Namen Stalins verbunden, vor allem seit der Umbenennung der Stadt in Stalingrad im Jahr 1925. In den 1930er Jahren trieb der Stalingrad-Kult erste Blüten. Im Gefolge ihres erfolgreichen Tschapajew-Films machten sich die beiden Regisseure, die Wassiljew-Brüder, an einen Film über die Verteidigung von Zarizyn. Die Dreharbeiten verzögerten sich, und der erste Teil kam erst im April 1942 in die Kinos.[98] Der Film folgt einem ähnlichen Strickmuster wie »Tschapajew« und zeigt Woroschilow am Maschinengewehr Maxim, wie er allein eine psychische Attacke der Deutschen abwehrt. Den Bedürfnissen des neuen Kriegs angepasst, bekleiden die Deutschen, die historisch widersinnig mit Wehrmachtshelmen ausgestattet sind, die Rolle des militärischen Gegners. Der zarische General im Dienst der Bolschewiken schlägt vor, Zarizyn aufzugeben. Stalin hält dagegen: »Um zu siegen, muss man kämpfen.« Der Film kulminiert in einer Ansprache Stalins an die Arbeiter von Zarizyn: »Besser ein ehrlicher Tod als ein schändliches Sklavenleben. … Für die Heimat, vorwärts!«
Die frappierenden Parallelen zwischen der Anfang 1942 abgedrehten »Verteidigung von Zarizyn« und der Verteidigung von Stalingrad im Sommer und Herbst 1942 sind vielleicht zufällig, womöglich zeigen sie aber auch, wie der sowjetische Bürgerkriegsmythos die Schlacht vorprägte. Wie schon im Bürgerkrieg untersagte Stalin 1942 eine Evakuierung »seiner« Stadt, verhängte den Belagerungszustand und wies die Bewohner an, aufopferungsvoll zu kämpfen. Das Regime mobilisierte Veteranen des Bürgerkriegs, die auf Vorträgen in der Stadt und bei den Soldaten an der Front anfeuernde Ansprachen hielten. Einer der ersten Aufrufe des Stadtkomitees für Verteidigung an die Stadtbewohner nach dem deutschen Angriff auf Stalingrad begann mit einem Verweis auf die Geschichte: »Erneut, wie vor vierundzwanzig Jahren, durchlebt unsere Stadt schwere Zeiten. Im grausamen Jahr 1918 verteidigten unsere Väter das Rote Zarizyn gegen eine Bande von deutschen Söldnern. Verteidigen auch wir jetzt 1942 das Rote Stalingrad. Alle auf zum Barrikadenbau! Alle, die eine Waffe halten können, auf die Barrikaden, zur Verteidigung unserer Heimatstadt, unseres Elternhauses.«[99] Am 6. November 1942 druckten sowjetische Zeitungen aus Anlass des bevorstehenden Revolutionsfeiertags einen von Kommandeuren und Soldaten der 62. Armee unterzeichneten offenen Brief an Stalin ab. Die Unterzeichner schworen Stalin und ihren »Vätern, den ergrauten Helden der Verteidigung von Zarizyn«, Stalingrad »bis zum letzten Blutstropfen und bis zum letzten Atemzug« zu verteidigen.[100] Im Bann des Bürgerkriegsmythos befanden sich nicht zuletzt auch die Moskauer Historiker, die im Dezember 1942 nach Stalingrad kamen, um die dort kämpfenden Rotarmisten zu befragen. Mehrere von ihnen waren ausgewiesene Bürgerkriegsspezialisten; eine Mitarbeiterin hatte erst wenige Monate zuvor einen Dokumentenband über die Verteidigung von Zarizyn in Druck gegeben.[101] So war der Bürgerkrieg mit seinem Nimbus von heroischer Größe und revolutionärem Elan im Erfahrungshorizont vieler sowjetischer Verteidiger von Stalingrad sehr präsent.
Nach dem Ende des Bürgerkriegs schrumpfte die Rote Armee von 5 Millionen auf eine halbe Million Soldaten. Dessen ungeachtet bereitete sich das Regime weiterhin auf einen globalen Showdown zwischen den kapitalistischen und den sozialistischen Lagern vor. Diese Vorstellung diktierte Ausmaß und Tempo der 1928 einsetzenden Industrialisierungskampagne. In bolschewistischer Manier appellierte Stalin 1931 an eine Runde von versammelten Industriemanagern, noch viel intensiver zu arbeiten, um den gegenwärtig »50- bis 100-jährigen Rückstand« Russlands gegenüber den entwickelten Industrienationen in zehn Jahren aufzuholen. »Entweder bringen wir das fertig, oder wir werden zermalmt.«[102] In zehn Jahren, das hieß bis 1941.
