Die Startbahn - Nikola Hahn - E-Book

Die Startbahn E-Book

Nikola Hahn

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4,99 €

Beschreibung

Am 2. November 1987 wurden zum ersten und einzigen Mal seit Gründung der Bundesrepublik Polizeibeamte während einer Demonstration erschossen. Die Ereignisse an der Startbahn West des Frankfurter Flughafens gingen als "Startbahnmorde" in die Geschichte ein. Nikola Hahn, damals Angehörige der Bereitschaftspolizei in Mühlheim am Main, erlebte die Ausschreitungen hautnah mit und hielt ihre Gefühle in ihren Tagebüchern fest; Mitte der 1990er Jahre verarbeitete sie ihre Erlebnisse in der Erzählung Baumgesicht; ihre Tagebücher gerieten in Vergessenheit. --- Zum 25. Jahrestag der "Startbahnmorde" im Herbst 2012 veröffentlicht die Autorin und Kriminalbeamtin ihre Erzählung zusammen mit ihren privaten Aufzeichnungen jener Tage, die für sie nicht nur eine dienstliche Zäsur waren.

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Seitenzahl: 222

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Nikola Hahn

Die Startbahn

Eine Erzählung. Eine Erinnerung

illustrierte eBook-Ausgabe

3. Aufl. 2013

© 2012 Thoni-Verlag

Inh.: Nikola Hahn

Titelbild, Satz u. Layout: N. Hahn

www.thoni-verlag.com

ISBN 978-3-944177-00-7

Ein Qindie-Buch im Thoni Verlag

Das Qindie-Siegel steht für Qualität & Unabhängigkeit.

Weitere Informationen im Internet: qindie.de

Dieses Buch ist in folgenden Ausgaben erhältlich:

»edition farbe«, illustriertes Paperback, 176 S., ISBN 978-3-944177-18-2»edition schwarzweiss«, illustriertes Paperback, 176 S., ISBN 978-3-944177-17-5 illustrierte eBook Ausgabe, eine speziell für das elektronische Lesen gesetzte Version mit einer Auswahl an Abbildungen aus der »edition farbe«, ISBN 978-3-944177-00-7

Übersicht

Baumgesicht. Eine Erzählung GesichterErinnerungTagebuch (1): Die StartbahnGedankenTagebuch (2): BereitschaftWorteTagebuch (3): Plätzchen & PastetenNachlese

Baumgesichter. Die Galerie

Startbahn 18 West – Fakten

25 Jahre danach. Ein Gedenken

Quellen- und Bildnachweis

Ein vollständiges und verlinktes Inhaltsverzeichnis befindet sich am Ende des Buches.

Als Astrid den Namen las, wusste sie, dass ihre Suche zu Ende war. Trotzdem dauerte es einen Moment, bis sie die Bedeutung des Wortes begriff, das in nüchternem Amtsdeutsch auf der Akte stand und keinen Platz mehr für Gefühle ließ: Leichensache. Sie blätterte, bis sie zu der Seite mit den Fotos kam, starrte auf den ausgemergelten Körper, das zerstörte Gesicht, die langen blonden Haare, auf die sie früher so neidisch gewesen war.

Astrid und Sandra waren zwei Kinder, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können, und dass sie im Sandkasten trotzdem miteinander spielten, lag daran, dass Astrids Mutter ihre sensible Tochter davon abhielt, sich in eine stille Ecke zu verdrücken, während Sandras Mutter aufpasste, dass ihr quirliger Spross Astrids Sandburgen stehen ließ.

Die Mädchen waren in eine Welt geboren worden, in der zaghafte Zeichen andeuteten, dass das Wirtschaftswunder der goldenen Fünfziger nicht endlos weitergehen würde. Darüber hinaus hatte das Schreckgespenst Contergan das Vertrauen ihrer Mütter in die ärztliche und pharmazeutische Allmächtigkeit so nachhaltig getrübt, dass sie sich sogar geweigert hatten, während der Schwangerschaft Calciumtabletten zu nehmen. Vielleicht kam es daher, dass ihre Töchter auf Pillen und Pulver jeglicher Form und Farbe äußerst abwehrend reagierten, was die Phase der Kinderkrankheiten zur besonderen mütterlichen Qual werden ließ.

„Wenn sie wenigstens ein bisschen Hustensaft schlucken würde statt mich die ganze Nacht wachzuhalten“, beschwerte sich Sandras Mutter jedes Jahr aufs Neue, sobald die Erkältungszeit nahte – nicht ahnend, dass ihr Wunsch Jahre später auf fatale Weise in Erfüllung gehen sollte.

Sandra und Astrid wurden noch durch einen anderen Umstand in ihrer Entwicklung geprägt: Die in den sechziger Jahren begonnene und in den Siebzigern forcierte auto- und maschinengerechte Landschaftsgestaltung machte auch vor dem kleinen Dorf am Rande des Westerwalds nicht Halt, in dem die Mädchen aufwuchsen. Während sich die schmalen Handtuchäcker, die wie Flicken auf den steinigen Hügeln lagen, nur unter größeren Anstrengungen flurbereinigen ließen, hatte man mit der Lindenallee weniger Probleme. Die alten Bäume, die seit hundert Jahren die Zufahrtsstraße zum Dorf säumten, fielen innerhalb von zwei Tagen einer modernen Streckenführung zum Opfer. Das Kreischen der Kettensägen und das Knarren der sich neigenden Stämme gingen den Mädchen lange nicht aus dem Sinn. Die sonst so fröhliche Sandra weinte, als sie die sägebemehlten Stümpfe berührte.

Für die Erwachsenen mochten die Bäume störend gewesen sein, die Kinder verloren mit ihnen Freunde, denen sie guten Tag gesagt hatten, wenn sie zum nahen Gansbach gingen. Jetzt fehlte das Bindeglied zwischen Böschung und Bach: Entblößt lag die Chaussee in der gleißenden Sonne.

Schlimmer noch als das Fällen der Linden war für die beiden Mädchen der Tod der drei mächtigen Kastanienbäume gegenüber dem Bahnhof. Alle Kinder des Dorfes liebten sie, bewunderten im Frühsommer die klebrigen zartrosa Blüten und konnten es im Herbst kaum erwarten, die ersten braunweißgefleckten Kastanien aus ihrem stachligen Kleid zu schälen.

Als die neue Straße fertig war, taufte man sie von Bahnhofsweg in Kastanienallee um, und die Autofahrer freuten sich über die frisch geteerte Fahrbahn, auf der sie im Gegensatz zu früher bequem aneinander vorbeifahren konnten. Doch an den sauber gefassten Rändern lockten keine Geheimnisse mehr.

Aber noch gab es die alte Silberweide, die auf einer winzigen Insel im Gansbach stand und von den Kindern Baumgesicht genannt wurde, weil das Gewirr ihrer kahlen Äste und Zweige im Winter wie ein Menschenkopf aussah, dem der Wind das Haar zerzaust hatte. Astrid und Sandra konnten sich nichts Schöneres vorstellen, als im Baumgesicht herumzuklettern. Selbst wenn der Schwung einmal nicht reichte und eins der Mädchen im Wasser landete, ließen sie es sich nicht nehmen, wiederzukommen.

Die Veränderungen machten sich langsam bemerkbar, und nur wer wie Astrid und Sandra jeden Tag draußen umhertollte, nahm sie wahr: der neue Schuttabladeplatz neben dem Bach, die Überlaufbecken der Aluminiumfabrik, die das Wasser eingrauten, der Abriss der verwitterten Holzbohlenbrücke, das Neubaugebiet, das die Rodelbahn belegte, das Verschwinden von Zittergras, der Schlüsselblumenwiese und der Dornenhecke, in der Igel und Zaunkönig wohnten. Aber immer noch leuchteten die gelben Tupfen der Sumpfdotterblumen am Bachufer, und in einem rosa Teppich aus Wiesenschaumkraut wuchsen wilder Sauerampfer und süßer Klee, von dem die Mädchen besonders gern naschten – bis der angrenzende Steinmetzbetrieb expandierte und die Wiese in eine Steinwüste verwandelte, in der Sandra eines Tages ihre überfahrene, schon steifgewordene Katze Susi fand.

Zuletzt erwischte es auch das Baumgesicht, als der Gansbach in Rohre unter die Erde verbannt wurde. Zu dieser Zeit besuchten Astrid und Sandra das Gymnasium und waren längst aus dem Alter heraus, in dem man Bäumen Namen gab. Und die Kinder der folgenden Generation hatten andere Spiele; sie trauerten dem alten Baum keine Träne nach.

Mit dem Schulwechsel begann für die Mädchen eine aufregende Zeit, denn das Gymnasium lag in der achtzehn Kilometer entfernten Kreisstadt, und allein die halbstündige Zugfahrt war ein Erlebnis. Astrid und Sandra liebten es, nach Schulschluss durch die Stadt zu bummeln, und ihre Gespräche drehten sich um die neuen Hits von Abba und schicke Mode, für die ihr Taschengeld nicht reichte. In der neuen Schule lernten sie nicht nur Physik und Englisch, sondern auch die Lust am Diskutieren, die bei der aufgeweckten Sandra naturgemäß stärker war als bei der zurückhaltenden Astrid. Sandra fiel es leicht, Anschluss zu finden, und als sie sich mit vierzehn zum ersten Mal verliebte, zeigte sich das unterschiedliche Wesen der Mädchen, das gemeinsame Kinderspiele lange Zeit überdeckt hatten. Sandra war hübsch, und sie genoss es, von den Jungen in ihrer Klasse angehimmelt zu werden. Sie war ungestüm, neugierig und kompromisslos ehrlich: Sie sagte, was ihr nicht passte, stritt für ihre Ideen, lachte viel und ließ alle Welt an ihrem Glück teilhaben. Astrid dagegen zog sich mehr und mehr zurück.

Sie beneidete die Freundin um ihr langes Haar, das sich wie ein goldglänzender Wasserfall über ihren Rücken ergoss, während sie mit ihren aschfarbenen Schnittlauchlocken einen ewigen Kampf führte. Sie bewunderte Sandras sonnengebräunten Teint, ihre schlanken langen Beine, und sie hasste ihr eigenes Spiegelbild, das blasse Sommersprossengesicht, die kräftigen Oberschenkel, den zu kleinen Busen, den zu großen Po.

Ohne dass es ihr bewusst geworden war, hatte Astrid sich als Teil ihrer lebenslustigen Freundin gefühlt und deren Erfolg immer auch ein bisschen als eigenen empfunden. Mit Sandras erster Verliebtheit war diese Zeit unwiderruflich vorbei. Astrid versuchte, ihren Schmerz mit langen Spaziergängen zu betäuben, bei denen sie Selbstgespräche führte oder sich einfach ins Gras setzte und dem wimmelnden Leben zusah. Sie begann, Tagebuch zu führen und vertraute ihm die sehnsüchtig-traurigen Wünsche einer Vierzehnjährigen an, die sich an der Schwelle zum Erwachsenwerden unverstanden und ungeliebt fühlte.

Astrid sah keine Baumgesichter mehr, aber sie schrieb Gereimtes über die Frühjahrssonne, die den Schnee schmelzen ließ, fasste den Duft von frisch gemähtem Heu in Verse und Strophen und freute sich über Tausende Kornblumen, die eine Ackerbrache in himmlisches Blau tauchten.

Dass die Freundschaft zu Sandra nicht schon zu dieser Zeit zerbrach, war auf einen Wesenszug zurückzuführen, der Astrid auch bei ihren Mitschülern ein gewisses Maß an Sympathie einbrachte: Sie konnte zuhören. Und schweigen. Als Sandra nach zwei Monaten höchster Glückseligkeit in den Abgrund des Liebeskummers stürzte und sich bei Astrid ausweinte, genoss sie das Gefühl, wieder die erste Rolle im Leben der Freundin zu spielen. Aber schon zwei Wochen später schwebte Sandra mit einer neuen Liebe auf jene rosarote Wolke zurück, auf der für Astrid kein Platz war.

Dieses Auf und Ab wiederholte sich von nun an regelmäßig. Wenn Sandra traurig war, tröstete Astrid sie, wenn sie glücklich war, fühlte Astrid sich verlassen und verraten. Aber niemals wäre sie auf den Gedanken gekommen, den Kontakt abzubrechen. Erst als Sandra den Studenten Bernhard kennenlernte, zeichnete sich ein tiefer Riss in der unverbrüchlich scheinenden Freundschaft ab.

Bernhard war das, was man zu Beginn der achtziger Jahre abschätzig Ökofreak nannte, und er führte Sandra aus der unbeschwerten Kinderwelt, in der sie trotz zyklischen Liebeskummers bislang gelebt hatte, in eine Wirklichkeit, die sie so schockierte, dass sie in ihrer Persönlichkeit unauslöschliche Spuren hinterließ. Anfangs interessierte sie sich nur aus Verliebtheit für Bernhards politische und ökologische Ansichten, aber bald erwachte ihr Wissensdurst, und sie verschlang alles, was sie an Literatur über Naturschutz und Bürgerinitiativbewegungen auftreiben konnte.

Sie las von schwedischen Kindern, die sich per Postkarte beim Bundeskanzler über die schwefelhaltigen Abgase aus dem Ruhrgebiet beschwert hatten, die skandinavische Seen so sauer wie Weinessig werden ließen, sie sah Fotos von zerbröckelnden Domen und Denkmälern, hörte zum ersten Mal die Begriffe Saurer Regen und Waldsterben. Sie verfolgte die Berichterstattung über den Widerstand von Naturschützern, die mit einem Hüttendorf gegen die Startbahn West am Frankfurter Flughafen protestierten und musste sich eingestehen, dass auch ihr Heimatort ein Teil jener Konsumgesellschaft war, die den Raubbau an der Natur nicht nur zuließ, sondern sogar förderte.

Diese offensichtliche Scheinheiligkeit der Menschen war für Sandra unfassbar, und weil sie überzeugt war, die Wahrheit gefunden zu haben, konnte sie nicht mehr tolerant sein gegen diejenigen, die anders dachten. Ihre Lebensfreude und Spontaneität wandelten sich in Verbissenheit und den unbedingten Willen, neue Lebensziele durchzusetzen. Sie stritt mit Menschen, die sie eigentlich liebte: ihre Eltern, Schulfreunde, Verwandte – und Astrid, der sie vorwarf, rückständig, spießig und inkonsequent zu sein, weil sie vorgab, die Natur zu lieben, aber nicht bereit war, etwas gegen ihre Zerstörung zu tun. Obwohl Sandras Worte Astrid verletzten, bemühte sie sich, die neuen Ideen der Freundin zu verstehen, aber sie konnte die Rigorosität nicht nachvollziehen, mit der Sandra ihr altes Leben fortwarf wie ein abgelegtes Kleidungsstück.

Für Sandras Eltern war die Verstocktheit ihrer Tochter allein Bernhards Schuld, und sie verboten ihr den Umgang mit ihm. Doch auch Bernhard war von Sandras aggressiver Konsequenz überrascht. Er hatte sich in den Charme eines lebenslustigen und unkomplizierten Mädchens verliebt, nicht ahnend, dass durch seinen Einfluss daraus Sarkasmus und letztlich ein Akt der Selbstzerstörung werden sollte. An ihrem achtzehnten Geburtstag, ein Jahr vor dem Abitur, verließ Sandra die Schule und ging mit Bernhard fort.

Als Astrid davon erfuhr, waren alle Streitigkeiten vergessen. Ihre Freundschaft konnte nicht so enden! Es kostete sie einige Tage, herauszufinden, wo Sandra war, und zum ersten und einzigen Mal in ihrem Leben schwänzte sie die Schule.

Die Wohnung von Sandra und Bernhard lag unterm Dach eines alten Mietshauses in der Nähe des Frankfurter Hauptbahnhofs. Die Klingel funktionierte nicht. Bernhard öffnete auf ihr Klopfen und sah sie überrascht an.

„Sandra hat sich nicht verabschiedet“, sagte Astrid verlegen.

Bernhard bat sie herein, entschuldigte sich für das Chaos. „Sandra ist einkaufen. Wir haben nichts mehr im Haus. Aber einen Kaffee könnte ich dir anbieten.“

Astrid nickte. Bernhard kramte eine Filtertüte aus dem Schrank und brühte Kaffee auf. Er stellte ihr eine Tasse hin.

„Willst du nichts?“, fragte Astrid.

„Du hasst mich, nicht wahr?“

Die Frage kam so überraschend, dass Astrid zusammenzuckte. Sie drehte die leere Tasse in den Händen. „Sandra und ich haben gemeinsam im Sandkasten gespielt, wir haben denselben Kindergarten, dieselben Schulen besucht. Ich bildete mir ein, sie zu kennen. Aber seit sie mit dir zusammen ist ...“ Sie sah ihn an. „Alles, was andere und ich an ihr liebten, ist weg – warum?“

„Ich habe ihr einige Wahrheiten klargemacht, die sie in ihrer Naivität nicht sehen wollte“, sagte Bernhard.

Als Astrid schwieg, fügte er fast entschuldigend hinzu: „Weißt du, wir erkaufen unseren Wohlstand mit der Zerstörung der Natur und der Armut in der Dritten Welt. Wir dürfen so nicht weitermachen. Aber um etwas ändern zu können, müssen wir unsere Fehler erst mal erkennen, oder?“

„Und dazu ist es nötig, Menschen unglücklich zu machen?“

„Wenn du auf Sandra anspielst; sie kam hierher, um zu finden, was sie daheim verloren hat: Lebenssinn. Wenn du sie so gut kennen würdest wie du behauptest, müsstest du das verstehen.“

„Ach?“, sagte Astrid.

Bernhard legte ihr die Hand auf die Schulter. „Man kann Dinge ändern wollen und gerade deshalb glücklich sein.“ Er lächelte. „Nur wer den Käfig verlässt, lernt den vollen Futternapf zu schätzen.“

Astrid blieb keine Zeit, über diesen Satz nachzudenken, der nicht in das Bild passen wollte, das sie sich von Bernhard gemacht hatte. Sandra kam zurück, und ihre ehrliche Freude über den Besuch der Freundin wischte alle Zweifel und Zwistigkeiten weg. Einen Nachmittag lang waren sie sich wieder so nah wie in ihrer Kindheit, und als Astrid sich verabschiedete, versprach Sandra, oft zu schreiben.

Zunächst tat sie das auch, berichtete von ihren neuen Freunden, dem Leben mit Bernhard, der Freiheit, das zu tun, was sie wirklich wollte. Später schrieb sie von der unvergleichlichen Stimmung bei Demonstrationen und dem berauschenden Gefühl, mit anderen zusammen etwas verändern zu können. Dann wurden ihre Briefe kürzer, unversöhnlicher; sie beklagte Verlogenheit und Ignoranz, die Veränderungen nicht zuließen. Obwohl Astrid nicht alles verstand, was Sandra schrieb, bemühte sie sich, die Freundin zu trösten. An dem Tag, als sie ihr Abiturzeugnis erhielt, kam ihr letzter Brief an Sandra mit dem Vermerk unbekannt verzogen zurück.

Wenn Astrid später jemand fragte, warum sie mit ihrem guten Abitur nicht studiert habe, gab sie finanzielle Gründe an. Tatsächlich war es so, dass sie sich nicht vorstellen konnte, Jahre damit zu verbringen, in Hörsälen herumzusitzen. Was sie aber bewog, einen Beruf zu ergreifen, der weder ihrem Wesen noch ihren Interessen entsprach, blieb ihr selbst unklar. Vielleicht war es ein Stückchen jener Sehnsucht nach dem Leben, die Sandra weggezogen hatte, vielleicht die Suche einer jungen Frau nach Anerkennung? Astrid beschloss, Polizistin zu werden.

Ihr beruflicher Weg führte sie zweieinhalb Jahre nach Kassel und Wiesbaden: eine Zeit, in der sie sich nicht nur an das Tragen einer Uniform gewöhnte, Gesetze und Vorschriften auswendig lernte, sondern auch notgedrungen Geselligkeit entwickelte. Sie wunderte sich, wie leicht ihr das fiel, aber womöglich lag es daran, dass alles neu und aufregend war, dass sie ihren ersten Schwips erlebte und ihre erste große Liebe.

Nach der Ausbildung wurde Astrid in die Bereitschaftspolizei versetzt. Sie absolvierte wochenweise Hundertschaftsdienst, Synonym für Herumsitzen und Warten, sie lernte die bunte laute Welt des Frankfurter Flughafens kennen, die nach vierzehn Stunden Dienst allerdings nicht mehr anregend war, und sonntags fuhr sie mit ihren Kollegen zur Startbahn West.

Als sie im Gruppenwagen zu ihrem ersten Einsatz unterwegs war, erinnerte sie sich an einen Film über die Räumung des Hüttendorfes, den sie in der Polizeischule gesehen hatte: Die Verzweiflung der Bewohner, die den Ausbau des Flughafens verhindern wollten und ihr vorhersehbares Scheitern hatten sie berührt. Astrid schaute aus dem Fenster. Das Betongrau der Autobahn schien auf das Gras und die Büsche jenseits der Leitplanken abgefärbt zu haben. Sogar der Himmel hatte die gleiche Farbe. Sie dachte an die Lindenallee in ihrem Dorf, an die Kastanienbäume und die alte Weide im Bach, die sie Baumgesicht genannt hatten. Die Kinder waren genauso machtlos gewesen wie die Demonstranten.

Als sie an der Startbahnmauer ausstiegen, erzählte ihr ein älterer Kollege, dass das Verhältnis zwischen Widerständlern und Polizei vor der Hüttendorfräumung fast freundschaftlich gewesen war. Seitdem herrsche nur noch Konfrontation. Auf der Hinfahrt empfand Astrid Sympathie für die Demons­tranten, auf der Rückfahrt bestenfalls noch für die Sache. An der Südostecke der Mauer hatten sie eine Kaffeetafel aufgebaut. Die anschließende Demonstration nannten sie Sonntagsspaziergang. Frauen, die ihre Mutter oder Großmütter hätten sein können, schimpften sie Flintenweib und Nazischwein. Der Wald musste herrlich gewesen sein.

Astrid wusste nicht, der wievielte sonntägliche Einsatz an der Startbahn es war, als sie Sandra traf. Sie erkannte sie sofort an ihren langen blonden Haaren. Ihr freudiges Hallo rief Erstaunen, dann Entsetzen in Sandras Gesicht. Ohne ein Wort wandte sie sich ab. Astrid berührte sie am Arm. „Sag doch was!“

„Hau ab, du Verräterin!“, herrschte Sandra sie an. In ihren Augen lag Hass. Und etwas Fremdes, das Astrid nicht deuten konnte.

„Kennst du die etwa?“, fragte ein Kollege.

„Ja“, sagte Astrid.

Abends, allein in ihrer Hanauer Westendwohnung, dachte sie lange darüber nach, warum zwei Menschen, die jahrelang eins gewesen waren, nicht einmal mehr ein freundliches Wort füreinander übrig hatten.

Bei späteren Einsätzen sah sie Sandra nicht mehr.

Dann kam der zweite November 1987, der unter der Schlagzeile Startbahnmorde durch die bundesdeutsche Medienwelt ging. Alles hatte begonnen wie gewöhnlich: Anfahrt zur Startbahn, warten, bis die Demonstranten kamen. Plötzlich flogen Steine und Feuerwerkskörper, und die riesigen Strohballen am Rande der sumpfigen Wiesen, die Astrid später in Alpträumen verfolgten, gingen in Flammen auf, als sie daran vorbeiliefen. Kollegen fielen, schrien. Es herrschte Chaos, und niemand hörte die Schüsse.

Danach zweifelte Astrid zum ersten Mal an ihrem Beruf. War das ihr Lebensziel? Einen Betonzaun zu schützen, den sie genauso überflüssig fand wie diejenigen, die dagegen protestierten? Ihren Kopf hinzuhalten für Fehlentscheidungen, die jene zu verantworten hatten, die jetzt in Worthülsen öffentlichkeitswirksam ihr Bedauern kundgaben, versicherten und betonten, während eine Mutter den Tod ihres Sohnes um ein Haar aus der Bildzeitung erfuhr und die Kollegen seinen Sarg nicht tragen durften, weil ihnen das telegene Gardemaß fehlte? Hatte auch Sandra in der Dunkelheit gestanden und mit Steinen nach ihr geworfen? Hatte sie gewusst, was geschehen würde, es vielleicht sogar gebilligt?

Drei Jahre später zog Astrid die Uniform aus und wechselte zur Kriminalpolizei. Nach einem Jahr Ausbildung und Praktikum wurde sie nach Frankfurt versetzt, eine Stadt, in der die Gegensätze zwischen Arm und Reich so offenkundig waren, dass es viel Blauäugigkeit bedurft hätte, sie zu übersehen: die Taunusanlage mit den armseligen Fixergestalten, Schritte entfernt die Alte Oper, überragt von den glas- und stahlglänzenden Monumenten der Banken. Alles hätte Astrid darum gegeben, auf Feldwegen spazieren zu gehen, ohne den Lärm von Autobahnen zu hören. Stattdessen quälte sie sich jeden Tag als Teil einer nicht enden wollenden Blechschlange in die Frankfurter Innenstadt, durchsuchte vor Schmutz starrende, der Bezeichnung Wohnung hohnsprechende Behausungen, nahm zerlumpte, aidskranke Fixer fest, beschlagnahmte kleinere Mengen an Haschisch und Heroin und stellte fest, dass sie nichts, aber auch gar nichts damit bewirkte.

An ihren freien Tagen fuhr sie nach Hause in den Westerwald, genoss die Ruhe und Beschaulichkeit ihrer Kinderwelt, aber jeder Versuch, von ihrem jetzigen Leben zu erzählen, scheiterte. Astrid merkte, dass sie aus einer Welt kam, die die Menschen im Dorf nicht verstehen konnten. Wahrscheinlich würden nicht einmal die Menschen sie verstehen können, die als sogenannte Normalbürger in Frankfurt lebten. Und so saß sie abends immer häufiger grübelnd in ihrer kleinen Wohnung, oder sie ging am Main spazieren, wenn sie den Anblick des leeren Rahmens nicht mehr ertragen konnte, aus dem sie das Bild ihrer verlorenen Liebe herausgerissen hatte.

An einem regnerischen Septembertag entschied sie, dass es an der Zeit war, wieder einmal gründlich sauberzumachen. Sie sortierte abgelegte Hosen und Pullover aus, warf Stapel alter Zeitungen weg, blätterte Fotoalben durch. In der hintersten Ecke ihres Schreibtischs fand sie Sandras Briefe, und ihre Gefühle wurden so übermächtig, dass sie weinen musste.

Am folgenden Tag nutzte sie eine Meldeamtsüberprüfung und gab den Namen von Sandra ein; sie war nicht zu finden. Bernhard hingegen war in Bockenheim gemeldet.

Eine Woche lang überlegte Astrid, ob sie einen Besuch wagen sollte. Schließlich siegte die Hoffnung, eine alte Freundschaft wiederbeleben zu können, über die Erinnerung an Sandras hasserfüllte Augen, die sie vor Jahren an der Startbahnmauer angestarrt hatten.

Bernhard öffnete ihr die Tür. „Astrid?“, fragte er verblüfft. „Was hat dich denn hierher verschlagen?“

„Ich möchte Sandra besuchen.“

Er wirkte unsicher, als er sie hereinbat. Seine Wohnung war kaum größer als ihre und lieblos eingerichtet.

„Ziemlich eng für zwei, oder?“, sagte Astrid.

Bernhard räumte Magazine und Bücher weg, die sich auf dem einzigen Stuhl stapelten. „Ich wohne allein. Willst du einen Kaffee?“

Astrid nickte. „Aber nur, wenn du einen mittrinkst.“

Er machte sich am Herd zu schaffen. „Wie hast du mich gefunden?“

„Dienstgeheimnis.“

„Verstehe. Du bist ja bei der Polizei.“ Auf ihren fragenden Blick fügte er hinzu: „Sandra hat dich gesehen. Vor Jahren, draußen an der Startbahn.“

„Sie sah mich an, als ob sie mich umbringen wollte.“

„Sie hat sich sehr für die Sache engagiert. Du weißt doch, dass sie keine Kompromisse kennt, wenn sie sich ein Ziel gesetzt hat.“

„Auch nicht, wenn es um Mord geht?“

„Damit hatten wir nichts zu tun.“ Er holte Tassen aus dem Schrank. „Als die Schüsse fielen, waren wir nicht dort. Wir sind niemals mehr hingegangen.“

„Aber ich war dort!“, sagte Astrid schärfer als beabsichtigt. Plötzlich waren die Bilder wieder da, sie roch das brennende Stroh, hörte Steine auf Schilde und Helme prasseln, sah Kollegen stürzen. Mit Gewalt riss sie sich zusammen. „Ich bin nicht deshalb gekommen.“

„Sandra und ich sind nicht mehr zusammen.“ In seiner Stimme lag ein merkwürdiger Unterton.

„Weißt du, wo sie wohnt?“

„Nein.“

„Bernhard! Du verschweigst mir was!“

Er schien durch sie hindurchzuschauen. „Warum sollte ich?“

„Du hast wirklich keinen Kontakt mehr zu ihr?“

„Nein.“

Astrid glaubte ihm nicht. Er fing ein unverfängliches Thema an und sie ließ sich darauf ein, in der Hoffnung, doch noch etwas über Sandra zu erfahren. Es war schon spät, als sie sich verabschiedete. Seine Einladung zum Essen schlug sie aus. Die Enttäuschung in seinem Gesicht sah sie nicht.

Auf dem Nachhauseweg kreisten ihre Gedanken um Sandra. Bernhard wusste mehr über sie, als er zugab. Aber warum wollte er nicht darüber reden? Schließlich war eine Trennung nichts Schlimmes. Astrids Neugier war geweckt. Sie musste Sandra finden. Jetzt erst recht!

Anderntags fuhr sie zu der Adresse, an die sie ihre Briefe geschickt hatte. Der Hausmeister behauptete, dass die beiden Chaoten unterm Dach damals nach Bonames gezogen seien. Mit dem Zusatz historische Wohnungen spuckte der Computer tatsächlich eine Anschrift in Bonames aus: ein Wohnhochhaus. Früher hätte Astrid sich niemals getraut, bei wildfremden Menschen zu klingeln. Aber ihr Beruf hatte ihr genügend Selbstvertrauen gegeben, und so nutzte sie ihren nächsten dienstfreien Tag, um in Bonames nach ihrer Freundin zu forschen. Ein mühseliges Unterfangen. Die meisten Bewohner kannten nicht einmal ihre Flurnachbarn, aber Astrid gab nicht auf.

Schließlich geriet sie an eine alte Dame, die stolz erklärte, über jeden Bescheid zu wissen, der während der vergangenen Jahre ein- oder ausgezogen war.

„Wissen Sie, ich sitze den ganzen Tag am Fenster und schaue hinaus. Damit ich noch ein bisschen was mitbekomme vom Leben da draußen. Mein Mann, Gott hab’ ihn selig, ist schon lange tot, und meine Kinder kümmern sich nicht um mich. Nun ja. Was sollen sie auch mit einer alten Frau wie mir anfangen.“

Bis Astrid die ersten Worte über Sandra hörte, kannte sie das Leben der alten Dame auswendig, aber weil sie an ihre eigene Feierabendeinsamkeit dachte, nahm sie ihr die Ausschweifungen nicht übel. Außerdem hatte sie immer schon gut zuhören können.

Selbstverständlich erinnere sie sich an das hübsche Mädchen mit den langen blonden Haaren. Die alte Dame geriet ins Schwärmen. „Sie war ja so höflich! Und immer hat sie gelacht. Und mir die schwere Einkaufstasche hochgetragen. Auch ihr Mann, oder Freund, ich glaube, die beiden waren nicht verheiratet, das nehmen die jungen Leute heute ja nicht mehr so eng, recht haben sie, also, der junge Mann war auch nett. Ganz freundlich hat er immer gegrüßt. Und verliebt waren die beiden. Schön.“

Sie sah aus dem Fenster. „Aber dann ...“

„Was war dann?“, fragte Astrid.

Die alte Frau seufzte. „Sie wohnten über mir, die beiden. Ich habe sie oft streiten gehört. Das hat mich sehr traurig gemacht. Mir fiel auf, dass Ihre Freundin plötzlich krank aussah. Blass und dünn ist sie geworden. Ich habe sie gefragt, ob sie vielleicht nicht genügend isst? Sie hat keine Antwort gegeben und ist nur noch selten zu mir zu Besuch gekommen. Fröhlich war sie schon lange nicht mehr. Und dann sind sie irgendwann ausgezogen. Ich weiß noch, dass zwei Möbelwagen kamen. Sie hat mir nicht einmal auf Wiedersehen gesagt. Der junge Mann – ich habe den Namen vergessen – sagte, dass sie sich getrennt hätten. Mehr weiß ich leider nicht.“

Astrid bedankte sich und versprach, Sandra zu grüßen, wenn sie sie gefunden hatte. Von Bonames fuhr sie nach Bockenheim. Bernhard versicherte ihr aufs Neue, dass er nicht wisse, wo Sandra wohne, aber er wirkte noch unglaubwürdiger als beim ersten Mal. Dass er versuchte, sie in ein längeres Gespräch zu verwickeln, wischte Astrid ebenso beiseite wie seine scheuen Versuche, ihr seine Zuneigung zu zeigen. Seit der Sache mit dem Bilderrahmen ließ sie keine Gefühle mehr zu, weil die Enttäuschung zu weh tat.

Alle weiteren Versuche, Sandra ausfindig zu machen, schlugen fehl. Es schien, als wäre sie vom Erdboden verschluckt.

Die Fotografien von Sandras Leiche verschwammen vor Astrids Augen. „Wir hatten heute Nacht wieder mal ʼne Fixerin“, hatte der Kollege vom Kriminaldauerdienst gesagt. „Nix Besonderes. Der goldene Schuss. Oder einfach zu guter Stoff. Na ja, du weißt schon. Die Obduktion musst du noch klarmachen. Vielleicht als Info für dich: Sie war früher hier in der Scene, arbeitete als Prostituierte auf dem Straßenstrich. Ich hatte sie mal als Geschädigte in einer Vergewaltigungssache. Diese Freier sind wirklich zu allem fähig!“ Er zuckte die Schultern. „Ich habe sie danach in Frankfurt nicht mehr gesehen. Vielleicht war sie in Therapie oder ist nach Offenbach rüber.“

Er blätterte in der Akte, betrachtete die Fotos. „Sie war bestimmt mal ʼne schöne Frau, bevor sie dieses Scheißzeug nahm. Vielleicht gelingt es dir ja herauszufinden, wo sie zuletzt gehaust hat. Und ob Angehörige da sind.“

„Du hast es gewusst!“, schrie Astrid Bernhard an, kaum dass er die Tür geöffnet hatte.

„Gehtʼs auch ein bisschen leiser?“, entgegnete er. Die Blässe in seinem Gesicht strafte seine Gelassenheit Lügen.

„Du hast gewusst, dass Sandra heroinabhängig war!“, wiederholte Astrid wütend.

Bernhard zog sie in die Wohnung. „Hast du sie gefunden?“

„Allerdings.“

„Wo ist sie?“

„In der Leichenhalle im Gerichtsmedizinischen Institut, wenn du es genau wissen willst.“

Er wurde noch blasser, als er ohnehin war. „In der – was?“

„Du hast schon richtig gehört.“ Astrid lachte verächtlich. „Wahrscheinlich hatte sie es satt, dieses ach so tolle Leben, das du ihr gezeigt hast. Oder hat sie bloß nicht kapiert, wie man einen vollen Futternapf schätzt?“

Er wollte etwas sagen, aber Astrid ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Bernhard, der Retter der Menschheit! Was macht es da schon, wenn ab und zu einer für die großen Ideale draufgeht?“