Die Sturmnacht - Marc Short - E-Book

Die Sturmnacht E-Book

Marc Short

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Beschreibung

Nicolas Brighton, gefangen mit dem Klabauterkönig Kosalk, treibt direkt auf den goldenen Palast des Triton zu. Wenn er Kosalk unterstützt, diesen Palast einzunehmen, bekommt er seine Freiheit zurück, um die Meerfrau Amphitrite aufzusuchen. Doch die beiden haben die Rechnung ohne Poseidon gemacht, den erzürnten Herrscher der Meere und Amphitrites Mann.

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Die Sturmnacht

SHORTS SHORT STORYShort StoryInfos & weitere VeröffentlichungenImpressum

SHORTS SHORT STORY

Eine SHORTS SHORT STORY

Die STURMNACHT

3. Teil: Kuss der Wahrheit

Eine Meerjungfrauen-Kurzgeschichte

2. Auflage

Alle Rechte vorbehalten. Keine Übernahme des 

Kurzgeschichtenblocks in digitale Verzeichnisse, 

keine analoge Kopie ohne Zustimmung des Autors. 

Die Namen und Handlungen sind frei erfunden.

Evtl. Namensgleichheiten oder Handlungsähnlichkeiten sind zufällig.

Short Story

Die STURMNACHT - 3. Teil: Kuss der Wahrheit

Eine Meerjungfrauen-Kurzgeschichte

Da stand er, wie ein König, starr wie eine Statue. Doch weder war er das Eine noch das Andere. Er war nur der Königssohn und ein Verschollener dazu. Triton, ist mein Name. Langsam, als wäre er in Marmor gehauen, als würde diese Kruste aus Carbonstein langsam aber sicher aufbrechen und abfallen, begann er sich zu erinnern. Er hatte Schiffe wie sein Vater in die Meere gezogen, aber er hatte auch aufgelaufene, im ewigen roten Sand der Wüste gestrandete Schiffe, wieder zu Wasser gelassen. Ich bin Ebbe und Flut, ich bin der Herrscher über den Gezeitenstrom. Jedenfalls war er es einmal gewesen, doch er hatte diese Fähigkeit mit dem Verlust seines Horns abgegeben. Das Tritonhorn, dass seinen Namen trug und die Macht des Meeres bündeln konnte, er hatte es eingetauscht, für Ruhe, für Frieden, für Schlaf. Ja, er hatte nur noch schlafen wollen, in seinem goldenen Palast, treibend durch die Meere, mal auf dieser Seite, mal im Jenseitsmeer, das sein Vater beherrschte. Poseidon, dachte er und weit, weit entfernt klang auch der Name seiner Mutter nach: Amphitrite. Warum gerade jetzt? Triton konnte das deutliche Zeichen nicht mehr ignorieren, der Palast hatte ihn geweckt und das sollte nur bei zwei Dingen geschehen: Gefahr. Oder der Hoffnung auf Freiheit, auch außerhalb dieser schützenden Sphäre, in die er sich hatte begeben müssen. Doch wer sollte gekommen sein, um zweites zu erfüllen?

Eine Legende besagte, dass einmal ein Kometenhagel über die Erde gebrochen war, der sieben ferne Sterne brachte. Sechs davon waren verglüht, bis selbst die Asche sich in Luft und Moleküle aufgelöst hatte. Einer aber blieb zurück und mit ihm entstand ein Erdenkind. Gerufen wurde es Gefallener Stern, doch dies so leise, dass selbst die Strömungen der Meere den Namen nicht weitertrugen. Den Menschen solch eine Gabe zuzutrauen und zu geben, sie auf eine Stufe mit Göttern und Sternkräften zu stellen, dass war undenkbar.Undenkbar, wiederholte Triton im Geiste, aber machbar, da vom Kosmos bestimmt. Der Sohn Poseidons atmete tief ein, öffnete seine wulstigen Lippen und stieß einen dumpfen, rufenden Ton aus; es war jener, der sonst durch das Horn hundertfach verstärkt wurde, doch er genügte fürs Erste. Die Torwände seiner Zuflucht fuhren zur Mitte, öffneten sich und ließen das Wasser hinein. Sein Herz, dass so gefroren wie Eis war, schüttelte den Frost ab wie der Sommer die Winterkälte und pumpte. Er sah auf seine königsblauen Hände, die wirkten wie die Greifarme einer Harpyie und die sich zu verformen begannen, ebenso wie seine Füße mit den bernsteinfarbenen Nägeln, die Hufen glichen, mit Krallen wie die eines Greifen. Nein, er war nie zum Menschen geworden und er hatte auch nie vorgehabt, deren Form anzunehmen. Sein Vater hätte ihn vor Zorn in den Darfurgraben gejagt und diesen für immer gesperrt. Doch nicht wegen der Furcht vor seinem Vater und der Kraft des Dreizacks hatte sich Triton dagegen entschieden, auch nicht wegen seiner Mutter, er war hier allein dem Gefühl seines Herzens gefolgt, dass ihn durch die Gewässer trug und ihm hier und da flüsterte, dieses oder jenes Schiff zu retten. Weil es richtig war und weil er die Kraft dazu besaß. Jetzt flüsterte das wieder lauter schlagende Herz, das belebende Impulse wie Blitze durch seinen Körper jagte, seine Kraft zu bündeln, um einen Gezeitenstrom zu bändigen. Obwohl der Gezeitenstrom weitaus kleiner und kompakter als ein Schiff war, war er nicht einfacher unter Kontrolle zu bringen. Hätte ich nur mein Horn, dachte er. Dann würde ich nur müde lächeln und eine der Nereiden besuchen, mich ablenken und verausgaben. Doch das war früher gewesen und er wollte nicht dem vergangenen nachtrauern, noch dazu, da er sein Schicksal – dieses Schicksal – selbst gewählt hatte. Triton hatte aus freier Entscheidung gehandelt. Es ist gut so, sagte sich der Sohn Poseidons, jetzt gehe ich mein Schicksal erneut an und allein ich bestimme! Wie ein Delphin so sprang er in die Fluten, die den Raum immer mehr einnahmen, sich um ihn aufgebaut hatten und sogleich mit sich rissen. Sein Unterkörper hatte sich dabei endgültigen in einen Delfinleib verwandelt, in einen überdimensionalen aquamarinblauen Rumpf mit sonnengelben Linien und Sprenkeln. Der Sohn Poseidons rief mit seinem Echolot seinen Diener, den einzigen den er je gehabt hatte und jenen, dem er am meisten glaubte. Delphur! Flieg durch die Wasser zu mir! Er würde ihn hören, wo auch immer er war, und er würde kommen, so er noch lebte.

Du bist schwach, doch ich bin stark. Während du schläfst, wache ich und werde mir meines Selbst umso mehr bewusst.

Ich bin … nicht … müde. Ich bin … hier. Nicolas Brighton wehrte sich mit dem, was sein Geist noch an Energie aufbrachte gegen die Stimme des Klabauterkönigs in seinem Kopf. Der Klabauter war abgetaucht, nachdem er ihm auf der Insel seine Klinge überlassen hatte, doch nachdem er nun gefangen war und Skyllas Einfluss mit jeder Sekunde weiter schmolz, wurde der Einfluss Kosalks wieder stärker. Das Meer, er muss sich hier drinnen fühlen wie auf einem Schiff, dachte Nico. Aber nicht nur das. Die Gestalt des Klabauterkönigs war nicht mehr nur zerflossen oder ein Schemen, sie gewann mehr und mehr an Konsistenz. Wenn er nach unten schielte, was in den Augäpfel schmerzte, konnte er sehen, wie das kleine Wesen mit dem Vollbart fast zärtlich über einen Gegenstand strich. Einen Gegenstand, der keine Magie mehr besitzen sollte, da sie aus ihm geströmt war. „Das zerbrochene Medaillon“, stieß Nico hervor. Das musste der Gegenstand sein – die eine Hälfte –, denn nur das war außer ihm noch in diesen seltsamen Schlund, der ihn krampfhaft umschloss, eingeschlossen worden. Aber warum war es jetzt nur noch ein rundes, halbkugelförmiges Stück Holz?

„Scheinbar unscheinbar. Etwas, um das sich niemand kümmert, verstehst du?“, sagte Kosalk mit brummiger Stimme. „Und für mich wie ein Stück schwimmender Heimat, das mich stärkt. Und Stärke kann ich jetzt gebrauchen. Junge, du hörst mir jetzt gut zu! Auf dich kommt es an“, rief der Klabautermann bestimmt.

„Ich verstehe nicht“, gab Nico zu und keuchte schwer. Er musste Atemluft sparen. Hier herrschten tropische Temperaturen, eine hohe Luftfeuchtigkeit und eine nasse Hitze als wäre er in einem Tümpel, auf dem Grund eines sumpfigen Moorfeldes eingeschlossen.

„Jemand wird kommen, wird dich erretten und du wirst seine Gunst erlangen. Du wirst mich hinter seine Türen bringen. Du wirst ein Angebot unterbreiten, wenn ich es dir sage. Sieh es so, ich bin dein Kapitän – für die nächsten Stunden, Tage und wenn es sein muss Wochen!“, fuhr der Klabauterkönig fort.

Das hörte sich anders an als früher. Ja, was auf der Insel geschehen war, schien weit entfernt. Der junge Mann fühlte sich um Jahrzehnte gealtert. Kosalk hatte dort seine Identität preisgegeben und das Wissen, dass er ein König war – einer gegen den rebelliert wurde. Gerade jetzt konnte er den Rebellen gut nachfühlen. „Dass ist nichts anderes als Erpressung“, bemerkte Nico.

„Betrachte es als Aufgabe. Du wirst klabautermäßig entlohnt, wenn wir am Ziel sind und gelungen ist, was gelingen muss. Beim roten Barte meines Großvaters!“, brauste Kosalk auf.

Nico war klar, dass er sich von diesem Quälgeist befreien musste, doch zuvor musste er aus dieser Blase entkommen. „Warum bist du so sicher, dass wir hier herauskommen?“, fragte Nico. „Mir scheint das hier wie ein Gefängnis auf Lebenszeit. Meine währt nicht ewig, aber deine, ich fürchte du treibst noch in tausend Jahren ruhelos durch die Tiefen. Während ich längst Schlafe und meine Seele fortgezogen ist.“, ergänzte er.

„Schweig jetzt!“, fuhr ihn Kosalk an.

Nico lachte laut auf, er konnte sein schmunzeln nicht zurückhalten. „Ihr besitzt keine Seele, nicht? Ihr seid ruhelos wie die See, vielleicht seid ihr deshalb mit ihr verbunden? Was, wenn dir jene, die du zu täuschen versuchst, geben können, was du glaubst nicht mehr besitzen zu können?“

„Ich bin was ich bin“, sagte Kosalk und es klang wie ein seit Ewigkeiten auswendig gelerntes Mantra. „Ich bin der König. Ein König hat Diener und wird gerettet.“ Damit schien alles gesagt.

„Ich habe von Königen gelesen“, sagte Nico mit leiser Stimme. „Sie alle sind gefallen, früher oder später, durch sich selbst, durch einen aus dem Volk, oder durch die Zeit.“

„Du kannst mir keine Angst machen, ich besitze sie längst nicht mehr“, kommentierte der Klabauterkönig ruhig und spuckte einen Batzen grünen Schleim zu seinen Füßen. „Aber du kannst meine Gunst verwirken - vergiss nicht, ich habe dich und die STURMNACHT auf der du warst behütet. Manch tödliche Gefahren und Kreaturen wären sonst längst über das Schiff, die Crew und dich hereingebrochen.“

„Die Zeiten und die Handelsrouten sind seit jeher unruhig. Ich lasse mich von dir nicht beirren“, gab Nico zurück.

„Aber belehren“, mahnte Kosalk und mit einem Mal fühlte Nico seine Hand. Und darin die Klabauterklinge. „Mein Werkzeug für deine Tat.“ Die Klinge leuchtete einmal, zweimal, dreimal kurz auf, dann ein letztes Mal und verschwand wieder. „Sie wird da sein, wenn du sie brauchst. Dass war sie schon einmal. Sie hat sich also an dich gewöhnt. Und du kannst froh sein, dass sie dein Blut weder forderte noch fordert – was sich jederzeit ändern kann!“

Nico konzentrierte sich auf seinen Atem und lenkte seine Aufmerksamkeit nach außen. Konnte er den Atem des Meeres hören? Das Rauschen der Gewässer, den Strom spüren, fühlen in welche Richtung es ihn zog und trieb? Ja, da war etwas, da war mehr als er dachte, obwohl er sich fühlte wie in einem Kokon.

Gefallener Stern, du kannst sie spüren, die See, den Raum, die Zeit. Die Stimme der Meerfrau. Er konnte sie hören. Wie und warum auch immer. Sie war die Stimme der Hoffnung. Die Stimme der Wahrheit, dachte Nico. Allein an sie würde er sich halten und er fühlte, wonach er sich verzehrte und was schien wie aus einem Traum: der Kuss der Meerfrau Amphitrite. Da fing ihn ein goldenes Leuchten ein, umhüllte ihn bald schon als würde er unter dem gleißenden Licht der Sonne stehen und mitten in sie hineingesogen. Doch was ihn umgab waren keine Strahlen, was ihn einfing waren keine gelben, fächernden Lichtschauer, es war wie ein goldener Block der auf ihn zukam, der ihn zu sich holte. Ihn und Kosalk. Ob es gut war? Für ihn und auch für jenen dort draußen? Wusste er was er tat, was er sich einfing? Ich hoffe, du bist stark genug, ich hoffe, wir stehen auf derselben Seite. Nicolas Brighton dachte an den Kuss, er fühlte ihm nach, er schloss die Augen und versuchte zu vertrauen.

Delphur war zurückgekommen. Amphitrite fragte sich, welche Kunde er bringen würde und wurde unruhig. In ihrem Magen fühlte sie eine bleierne Schwere wie nach dem Biss in eine Korallenkalkwurz, die dank ihres Bittergehalts helfen sollte, diesen wieder zu beruhigen. Doch weder hatte sie schlecht gespeist, noch unruhige Träume gewälzt. Und doch spürte sie, wie eine Mutter die Sorge ihres Kindes, jene von Delphur. „Neuigkeiten“, murmelte Amphitrite, „du bringst Neuigkeiten von meinem gefallenen Stern.“ Aber da war noch mehr, noch weitaus mehr und sie musste akzeptieren, dass ihr eingreifen immer größere Kreise zog. Kreise, die nicht abzusehen waren und die das Meer aufwühlten. Denn etwas kündigte sich selbst im Jenseitsmeer an.