Die Sünden der Väter - Inspector Rebus 9 - Ian Rankin - E-Book

Die Sünden der Väter - Inspector Rebus 9 E-Book

Ian Rankin

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Beschreibung

Es sind zwei Fälle, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben: Ein alter Mann wird eines Naziverbrechens bezichtigt, leugnet aber vehement jede Schuld. Und die zur Prostitution gezwungene Candice weigert sich, die Namen ihrer Zuhälter preiszugeben. Noch bevor Inspector John Rebus erste Beweise sammeln kann, überschlagen sich die Ereignisse: Der alte Mann wird erhängt aufgefunden, Candice entführt und Rebus Tochter Sammy liegt nach einem offenbar gezielt verursachten Unfall im Koma. Die Fäden scheinen beim Unterweltneuling Tommy Telford zusammenzulaufen – und Rebus sinnt auf persönliche Rache …

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Seitenzahl: 645

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Buch

Manche Schuld wird nie gesühnt, so auch im Fall von Joseph Lintz: Er soll im Zweiten Weltkrieg an einem SS-Verbrechen in Frankreich maßgeblich beteiligt gewesen sein. Doch Lintz bestreitet bis heute vehement seine Teilnahme an der Gräueltat. Unmengen von Akten aus jener Zeit geben nur Ungenaues wieder, und entsprechend missmutig macht sich Inspector John Rebus daran, der Vergangenheit von Lintz nachzuspüren. Immer wieder sucht er den alten Mann, dessen ganze Leidenschaft der Pflege von verwaisten Gräbern gilt, auf dem Friedhof auf, um ihn zur Rede zu stellen, aber Lintz schweigt beharrlich. Und auch in einem anderen Fall trifft Rebus nur auf stummen Widerstand: Candice, eine junge Frau aus Bosnien, ist zur Prostitution gezwungen worden, will aber über die Hintermänner nichts aussagen. John Rebus vermutet, dass Tommy Telford, ein Neuling in der Edinburgher Unterwelt, dahintersteckt. Noch bevor Rebus erste Beweise sammeln kann, überschlagen sich plötzlich die Ereignisse. Candice wird entführt, Lintz findet man erhängt an einem Baum auf dem Friedhof, und Rebus’ Tochter Sammy wird von einem Auto angefahren – offenbar mit Absicht – und liegt im Koma. Vom Fahrer fehlt jede Spur, aber alles deutet daraufhin, dass Tommy Telford Rebus eine Warnung schicken wollte. Doch die Schuldgefühle, die ihn wegen des Unglücks seiner Tochter quälen, wecken in Rebus einen furchtbaren Drang nach Rache …

Autor

Ian Rankin, 1960 im schottischen Fife geboren, gilt als der »führende Krimiautor Großbritanniens« (Times Literary Supplement). Der internationale Durchbruch gelang Ian Rankin mit seinem melancholischen Serienhelden John Rebus, der aus den britischen Bestsellerlisten nicht mehr wegzudenken ist. Rankin wurde bereits mit vielen renommierten Literaturpreisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Deutschen Krimipreis 2004 für »Die Kinder des Todes«. Der Autor lebt mit seiner Familie in Edinburgh.

Inhaltsverzeichnis

Über den AutorWidmungErstes Buch - »In a Hanging Garden / Change the past«
Kapitel 1Kapitel 2
Zweites Buch - »In the Hanging Garden / No one sleeps.«
Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11
Drittes Buch - »Cover my face as the animals cry«
Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34Kapitel 35Kapitel 36Kapitel 37Kapitel 38
NachwortCopyright

Für Miranda

»Ist alle Zeit auf ewig gegenwärtig, Wird alle Zeit unerlösbar.«

T. S. Eliot, »Burnt Norton«

»Ich fuhr nach Schottland und fand dort nichts, was wie Schottland aussah.«

Arthur Freed, Produzent von Brigadoon

Erstes Buch

»In a Hanging Garden / Change the past«

Sie stritten sich im Wohnzimmer.

»Hör mal, wenn dir dein Scheißjob so wichtig ist …«

»Was willst du eigentlich von mir?«

»Das weißt du verdammt genau!«

»Ich reiß mir für uns drei den Arsch auf!«

»Komm mir nicht mit dem Mist!«

Und dann sahen sie sie. Sie hielt ihren Teddybären, Pa Broon, an einem gründlich durchgekauten Ohr fest. Sie spähte um den Türpfosten herum, den Daumen im Mund. Sie wandten sich ihr zu.

»Was gibt’s, Süße?«

»Ich hab schlecht geträumt.«

»Komm her.« Die Mutter ging in die Hocke und breitete die Arme aus. Aber das Mädchen rannte zum Vater, klammerte sich an seine Beine.

»Komm, Schätzchen, ich bring dich wieder ins Bett.«

Er deckte sie zu, begann, ihr eine Geschichte vorzulesen.

»Papa«, sagte sie, »was, wenn ich einschlafe und wach nicht wieder auf? Wie Schneewittchen oder Dornröschen?«

»Niemand schläft für immer, Sammy. Es reicht ein Kuss, und man wacht wieder auf. Da können alle Hexen und bösen Königinnen gar nichts dagegen tun.«

Er küsste sie auf die Stirn.

»Tote wachen nicht wieder auf«, sagte sie und drückte Pa Broon fest an ihre Brust. »Nicht mal, wenn man sie küsst.«

1

John Rebus küsste seine Tochter.

»Soll ich dich bestimmt nicht fahren?«

Samantha schüttelte den Kopf. »Nach der Pizza brauch ich dringend etwas Bewegung.«

Rebus steckte die Hände in die Taschen, spürte unter seinem Taschentuch zusammengefaltete Banknoten. Er spielte mit dem Gedanken, ihr etwas Geld anzubieten – das tat man doch als Vater so, nicht? –, aber sie hätte bloß gelacht. Sie war vierundzwanzig und unabhängig; sie brauchte diese Geste nicht und hätte das Geld ganz gewiss nicht angenommen. Sie wollte sogar die Pizza bezahlen, mit dem Argument, sie habe die Hälfte aufgegessen, während er nur an einem einzigen Stück geknabbert habe. Die Reste befanden sich in einer Pappschachtel unter ihrem Arm.

»Tschüs, Dad.« Sie gab ihm ein Küsschen auf die Wange.

»Nächste Woche?«

»Ich ruf dich an. Vielleicht könnten wir mal zu dritt …?« Der Dritte wäre Ned Farlowe gewesen, ihr Freund. Sie ging rückwärts, während sie sprach. Ein letztes Winken, dann wandte sie sich von ihm ab. Sie überquerte die Straße, ohne sich noch einmal umzusehen. Aber auf der anderen Seite angelangt, drehte sie sich halb um, sah, dass er sie beobachtete, und winkte ihm kurz zu. Ein junger Mann stieß um ein Haar mit ihr zusammen. Er starrte auf den Bürgersteig, um seinen Hals schlängelte sich das dünne schwarze Kabel eines Kopfhörers. Dreh dich um und sieh sie dir an, befahl Rebus. Ist sie nicht unglaublich? Aber der Jüngling schlurfte einfach weiter, ohne sie oder die Welt wahrzunehmen.

Und dann war sie um die Ecke verschwunden. Rebus konnte sie jetzt nur noch in seiner Vorstellung sehen: wie sie sich vergewisserte, dass ihr die Pizzaschachtel nicht unter dem Arm wegrutschte; beim Gehen stur geradeaus blickte; sich mit dem Daumen hinter dem rechten Ohr rieb, wo sie sich erst kürzlich zum dritten Mal hatte piercen lassen. Er wusste, dass ihre Nase sich kräuseln würde, wenn ihr etwas Komisches durch den Kopf ging. Er wusste, dass sie sich, wenn sie sich konzentrieren wollte, manchmal die eine Ecke des Revers ihrer Jacke in den Mund steckte. Er wusste, dass sie ein Armband aus geflochtenem Leder, drei Silberringe, eine billige Uhr mit schwarzem Plastikarmband und indigoblauem Ziffernblatt trug. Er wusste, dass ihre Haare naturbraun waren. Er wusste, dass sie auf dem Weg zu einer Guy-Fawkes-Party war, aber nicht vorhatte, lange zu bleiben.

Er wusste nicht annähernd genug über sie, was auch der Grund dafür war, dass er sich mit ihr zum Essen verabredet hatte. Es war eine komplizierte Angelegenheit gewesen: wiederholte Umdisponierungen, Absagen in letzter Minute. Manchmal hatte es an ihr gelegen, häufiger an ihm. An dem Abend hätte er eigentlich auch woanders sein müssen. Er strich mit den Händen vorn über das Jackett, spürte die Ausbeulung in seiner inneren Brusttasche, seine private kleine Zeitbombe. Er warf einen Blick auf die Uhr und stellte fest, dass es fast neun war. Er konnte fahren oder auch laufen – er hatte es nicht weit.

Er entschied sich fürs Fahren.

Feuerwerksnacht in Edinburgh, Wälle von zusammengewehtem Laub entlang der Bürgersteige. Nicht mehr lang, und er würde morgens den Raureif von seiner Windschutzscheibe kratzen müssen und dabei die Kälte wie Messerstiche in den Nieren spüren. Der Südteil der Stadt schien den ersten Frost eher abzubekommen als der Norden. Rebus wohnte und arbeitete natürlich im Südteil. Nach einem kurzen Auswärtsspiel in Craigmillar war er jetzt wieder im Revier St. Leonard’s. Er hätte jetzt auf die Wache fahren können – schließlich war seine Schicht noch nicht zu Ende –, aber er hatte anderes vor. Auf dem Weg zu seinem Auto kam er an drei Pubs vorbei. Plaudereien am Tresen, Zigarettenrauch und Gelächter, eine Luft zum Schneiden, heiß und alkoholgeschwängert: Er kannte das alles besser als seine eigene Tochter. Zwei von den drei Bars verfügten über einen »Türsteher«. Neuerdings sagte man dazu offenbar nicht mehr Rausschmeißer. Sie waren Türsteher oder, vornehm, »Front of House Manager«, Schränke von Kerlen, kurz geschoren und noch kürzer angebunden. Einer von ihnen trug einen Kilt. Sein Gesicht bestand aus Narbengewebe und Bulldoggenfalten, die Kopfschwarte war bis auf die Lederhaut kahl rasiert. Rebus glaubte sich zu erinnern, dass er Wattie oder Wallie hieß. Er war einer von Telfords Männern. Vielleicht waren sie das alle. Ein Stück weiter, Graffiti an der Wand: Hilft uns denn keiner? Vier Worte, die sich über die ganze Stadt ausbreiteten.

Rebus parkte und bog um die Ecke in die Flint Street. Auf Erdgeschossniveau war mit Ausnahme eines Cafés und einer Spielhalle alles dunkel. Es gab eine einzige Straßenlaterne, und deren Birne war kaputt. Die Polizei hatte die Stadtverwaltung gebeten, sich mit dem Auswechseln ruhig Zeit zu lassen – das Observierungsteam konnte jede Hilfe gebrauchen, die es bekam. In den Wohnungen oberhalb der Geschäfte brannten hier und da ein paar Lichter. Am Straßenrand parkten drei Autos, aber nur in einem davon saßen Leute. Rebus öffnete die hintere Tür und stieg ein.

Auf dem Fahrersitz saß ein Mann, neben ihm eine Frau. Sie sahen beide durchgefroren und angeödet aus. Die Frau war Detective Constable Siobhan Clarke, Rebus’ langjährige Mitarbeiterin in St. Leonard’s, bis sie kürzlich dem Scottish Crime Squad zugeteilt worden war. Der Mann, ein Detective Sergeant namens Claverhouse, gehörte zum festen Beamtenstamm des Crime Squad. Die beiden waren Teil des Teams, das Tommy Telford und alles, was er tat, rund um die Uhr im Auge behalten sollte. Ihre hängenden Schultern und bleichen Gesichter verrieten nicht nur Langeweile, sondern auch das Wissen darum, dass die ganze Observierung sinnlos war.

Sie war deswegen sinnlos, weil die Straße Telford gehörte. Niemand parkte hier, ohne dass er wusste, wer es war und was er wollte. Die zwei anderen Autos, die am Straßenrand standen, waren Range Rover von Telfords Gang. Alles, was kein Range Rover war, sprang sofort ins Auge. Das Crime Squad hatte für solche Überwachungsaktionen einen speziell umgebauten Lieferwagen, aber der nützte in der Flint Street nichts. Jeder Lieferwagen, der hier länger als fünf Minuten parkte, kam in den Genuss der persönlichen Aufmerksamkeit zweier von Telfords Männern. Sie waren darauf getrimmt, gleichzeitig zuvorkommend und einschüchternd zu wirken.

»Von wegen verdeckte Überwachung«, knurrte Claverhouse. »Wir sitzen hier wie auf dem Präsentierteller, und es gibt nichts zu überwachen.« Er riss die Verpackung eines Snickersriegels mit den Zähnen auf und bot Siobhan Clarke den ersten Bissen an. Sie schüttelte den Kopf.

»Ein Jammer mit den Wohnungen«, sagte sie, während sie durch die Windschutzscheibe nach oben spähte. »Die wären ideal.«

»Bloß dass die alle Telford gehören«, meinte Claverhouse, den Mund voller Schokolade.

»Sind die alle vermietet?«, fragte Rebus. Er war erst seit einer Minute im Wagen und hatte schon eiskalte Füße.

»Ein paar stehen leer«, antwortete Clarke. »Telford benutzt sie als Warenlager.«

»Aber keine Sau kommt unbemerkt durch die Haustür«, fügte Claverhouse hinzu. »Wir haben’s mit Stromablesern und Klempnern probiert, aber keiner hat’s hineingeschafft.«

»Wer hat den Klempner gespielt?«, fragte Rebus.

»Ormiston. Warum?«

Rebus zuckte nur die Achseln. »Ich bräuchte jemanden, der mir einen tropfenden Wasserhahn repariert.«

Claverhouse lächelte. Er war lang und mager, hatte riesige dunkle Tränensäcke unter den Augen und helles, schütter werdendes Haar. Wegen seiner langsamen Bewegungen und schleppenden Sprechweise unterschätzten ihn die Leute häufig. Gelegentlich mussten sie feststellen, dass er seinen Spitznamen »Bloody« Claverhouse durchaus zu Recht trug.

Clarke sah auf die Uhr. »Neunzig Minuten bis zur Ablösung.«

»Heizung könnte nicht schaden«, schlug Rebus vor. Claverhouse drehte sich zu ihm um.

»Sag ich ihr doch die ganze Zeit, aber sie will nichts davon wissen.«

»Warum nicht?« Er sah Clarkes Augen im Rückspiegel. Sie lächelte.

»Weil wir dazu«, erwiderte Claverhouse, »den Motor laufen lassen müssten, und den Motor laufen zu lassen, wenn wir nirgendwo hinwollen, ist eine Verschwendung. Treibhauseffekt, oder was weiß ich.«

»Das stimmt«, sagte Clarke.

Rebus zwinkerte ihrem Spiegelbild zu. Es sah ganz danach aus, als hätte Claverhouse sie akzeptiert, was bedeutete, dass das ganze Fettes-Team sie akzeptiert hatte. Rebus, der ewige Außenseiter, beneidete sie um ihre Anpassungsfähigkeit.

»Ist doch sowieso alles für die Katz«, fuhr Claverhouse fort. »Der Scheißkerl weiß, dass wir hier sind. Der Lieferwagen war nach zwanzig Minuten aufgeflogen. Ormiston ist mit der Klempnermasche nicht mal bis in den Hausflur gekommen, und jetzt sitzen wir hier, außer uns keine Sau weit und breit. Wir würden nicht mehr auffallen, wenn wir mitten auf der Straße einen Highland-Schwerttanz aufführten.«

»Sichtbare Präsenz als Abschreckungsmittel«, sagte Rebus.

»Klar doch, noch so’n paar Nächte, und Tommy wird aus lauter Angst zum braven Bürger.« Claverhouse versuchte, eine bequemere Sitzhaltung zu finden. »Was von Candice gehört?«

Sammy hatte ihrem Vater die gleiche Frage gestellt. Rebus schüttelte den Kopf.

»Glauben Sie noch immer, dass Tarawicz sie sich geschnappt hat? Könnte sie nicht doch einfach abgehauen sein?«

Rebus schnaubte.

»Bloß weil es Ihnen in den Kram passen würde, dass die es waren, heißt noch lange nicht, dass es auch so ist. Kleiner Rat meinerseits: Überlassen Sie die Sache uns. Vergessen Sie die Frau. Sie haben schon mit dieser Adolf-Sache genug zu tun.«

»Erinnern Sie mich bloß nicht daran.«

»Haben Sie eigentlich Colquhoun ausfindig gemacht?«

»Leider nicht verfügbar. Hat sich plötzlich krank gemeldet.«

»Ich glaube, den können wir abschreiben.«

Rebus wurde plötzlich bewusst, dass er mit einer Hand seine Brusttasche liebkoste. »Also, was ist mit Telford? Sitzt er im Café oder was?«

»Ist vor einer knappen Stunde reingegangen«, sagte Clarke. »Da gibt’s ein Hinterzimmer, das benutzt er als Büro. Die Spielhalle scheint er auch zu schätzen. Diese Videospiele, wo man auf einem Motorrad sitzt und seine Runden dreht.«

»Wir brauchen jemand drinnen«, meinte Claverhouse. »Entweder das, oder wir müssten den Laden verkabeln.«

»Wir haben nicht mal einen Klempner da reinbekommen«, erinnerte Rebus ihn. »Da glauben Sie, jemand mit einer Hand voll Wanzen hätte mehr Glück?«

»Noch weniger könnte er jedenfalls nicht haben.« Claverhouse schaltete das Radio ein und suchte nach Musik.

»Bitte«, flehte Clarke, »kein Country and Western.«

Rebus starrte durchs Fenster auf das Café. Es war hell erleuchtet, die untere Hälfte des Schaufensters mit einer Gardine verhängt. Auf der oberen Hälfte konnte man »Viel zu futtern für wenig Geld« lesen. An der Fensterscheibe klebte eine Speisekarte, und auf dem Bürgersteig stand ein Klappschild mit den Öffnungszeiten des Cafés: 6:30–20:30 Uhr. Das Lokal hätte seit einer Stunde geschlossen sein müssen.

»Wie sieht’s mit seiner Konzession aus?«

»Er hat Anwälte«, erwiderte Clarke.

»War das Erste, womit wir’s versucht haben«, fügte Claverhouse hinzu. »Er hat eine Verlängerung der Öffnungszeiten beantragt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich irgendjemand in der Nachbarschaft beschweren würde.«

»Tja«, meinte Rebus, »so gern ich hier gemütlich rumsitze und Schwätzchen halte …«

»Heißt es jetzt Abschied nehmen?«, fragte Clarke. Sie gab sich redlich Mühe, aber Rebus sah ihr an, dass sie müde war. Gestörter Schlafrhythmus, Kälte, dazu die Öde einer Observierung, von der man genau weiß, dass sie zu nichts führt. Und Claverhouse war kein bequemer Partner: nicht viele Geschichten auf Lager, nur seine ständigen Hinweise darauf, man müsste alles »richtig« machen, im Klartext: streng nach Dienstvorschrift.

»Tun Sie uns einen Gefallen?«, fragte Claverhouse.

»Was?«

»Gegenüber vom Odeon gibt’s einen Fish’n’Chips-Laden.«

»Was soll’s sein?«

»Nur ’ne Tüte Pommes.«

»Siobhan?«

»Irn-Bru.«

»Ach, und John?«, fügte Claverhouse hinzu, als Rebus aus dem Wagen stieg. »Wenn Sie schon mal da sind, fragen Sie doch nach einer Wärmflasche.«

Ein Auto bog in die Straße ein, beschleunigte erst und hielt dann mit kreischenden Bremsen vor dem Café. Die hintere Tür auf der Bordsteinseite öffnete sich, aber niemand stieg aus. Das Auto schoss mit noch offener Tür wieder los, aber jetzt lag etwas auf dem Bürgersteig, kroch, versuchte, sich aufzurichten.

»Hinterher!«, schrie Rebus. Claverhouse hatte schon den Zündschlüssel herumgedreht und den ersten Gang reingerammt. Als der Wagen losfuhr, hing Clarke bereits am Funkgerät. Während Rebus die Straße überquerte, rappelte sich der Mann auf. Er stützte sich mit einer Hand am Schaufenster des Cafés ab, mit der anderen fasste er sich an den Kopf. Als Rebus näher kam, schien der Mann seine Anwesenheit zu spüren und taumelte vom Café weg auf die Fahrbahn.

»Herrgott!«, schrie er. »Hilfe!« Er fiel wieder auf die Knie, tastete jetzt mit beiden Händen an seinem Kopf herum. Sein Gesicht war voller Blut. Rebus ging vor ihm in die Hocke.

»Wir rufen Ihnen einen Krankenwagen«, erklärte er. Am Schaufenster des Cafés hatte sich eine kleinere Menschenmenge versammelt. Jemand hatte die Tür geöffnet, und zwei junge Männer beobachteten die Szene, als seien sie Zuschauer einer Straßentheater-Vorführung. Rebus erkannte sie: Kenny Houston und Pretty-Boy. »Steht nicht einfach so da rum!«, brüllte er. Houston sah Pretty-Boy an, aber der rührte sich nicht vom Fleck. Rebus holte sein Handy raus und tippte den Notruf ein, während er Pretty-Boy fixierte: schwarzes gewelltes Haar, Eyeliner. Schwarze Lederjacke, schwarzer Rollkragenpullover, schwarze Jeans. Stones: »Paint it Black«. Aber das Gesicht kalkweiß, wie gepudert. Rebus ging auf die Tür zu. Hinter ihm fing der Mann an zu heulen, ein Schmerzensschrei, der zum Nachthimmel gellte.

»Wir kennen ihn nicht«, sagte Pretty-Boy.

»Ich hab nicht gefragt, ob ihr ihn kennt, ich hab gesagt, ihr sollt helfen!«

Pretty-Boy zuckte nicht mit der Wimper. »Wie heißt das Zauberwort?«

Rebus war nur noch zwei Fingerbreit von seinem Gesicht entfernt. Pretty-Boy lächelte und nickte Houston zu; der ging los, Handtücher holen.

Die meisten Gäste hatten sich wieder an ihre Tische gesetzt. Einer musterte den blutigen Handabdruck auf der Fensterscheibe. Rebus bemerkte eine weitere Gruppe von Leuten, die von einer Tür am hinteren Ende des Lokals aus zuschauten, in ihrer Mitte Tommy Telford: groß, die Schultern gestrafft, die Beine breit. Er hatte fast etwas Soldatisches an sich.

»Ich dachte, Sie passen auf Ihre Jungs auf, Tommy!«, rief Rebus ihm zu. Telford sah durch ihn hindurch, wandte sich dann ab und verschwand wieder im Hinterzimmer. Die Tür schloss sich. Von draußen noch mehr Geschrei. Rebus riss Houston die Handtücher aus der Hand und rannte los. Der Blutende war wieder auf die Beine gekommen und schwankte wie ein angeschlagener Boxer.

»Nehmen Sie einen Augenblick die Hände weg.« Der Mann entfernte die Hände von seinen verklebten Haaren, und Rebus sah, dass ein Teil der Kopfhaut sich mit ihnen hob, als sei sie mit einem Scharnier am Schädel befestigt. Eine dünne Blutfontäne traf Rebus mitten ins Gesicht. Er wandte sich ab und spürte das Blut an seinem Ohr, an seinem Hals. Er drückte dem Mann das Handtuch blindlings an den Kopf.

»Halten Sie das.« Er packte die Hände des Verletzten und drückte sie auf das Handtuch. Autoscheinwerfer: der Zivilwagen. Claverhouse hatte sein Fenster heruntergekurbelt.

»Wir haben sie in Causewayside verloren. Das Auto war gestohlen, jede Wette. Sind wahrscheinlich zu Fuß weiter.«

»Der hier muss in die Notaufnahme.« Rebus riss die hintere Tür auf. Clarke hatte eine Schachtel Papiertücher hervorgekramt und zog gerade eine Hand voll heraus.

»Ich glaube, aus dem Kleenexstadium ist er schon raus«, erklärte Rebus, als sie sie ihm reichte.

»Die sind für Sie«, sagte sie.

2

Zum Royal Infirmary war es eine Fahrt von drei Minuten. Die Unfall- und Notaufnahme richtete sich gerade auf Feuerwerkopfer ein. Rebus ging auf die Toilette, zog sich aus und wusch sich, so gut es ging. Sein Hemd war feucht und fühlte sich kalt an. Auf seiner Brust war ein Blutrinnsal eingetrocknet. Als er sich umdrehte und über die Schulter schaute, entdeckte er weiteres Blut an seinem Rücken. Er hatte eine Hand voll blauer Papierhandtücher angefeuchtet. In seinem Auto befand sich was zum Umziehen, aber das Auto stand in der Nähe der Flint Street. Die Tür der Toilette öffnete sich, und Claverhouse kam herein.

»Was Besseres hab ich nicht aufgetrieben«, sagte er und reichte ihm ein schwarzes T-Shirt. Vorne prangte ein Zombie mit dämonischen Augen und einer Sense in der Hand. »Gehört einem der jungen Ärzte, ich musste ihm versprechen, dass er es zurückbekommt.«

Rebus trocknete sich mit einem weiteren Bausch Handtücher ab. Er fragte Claverhouse, wie er aussehe.

»Sie haben noch was an der Stirn.« Claverhouse wischte die Flecken ab, die Rebus entgangen waren.

»Wie geht’s ihm?«, fragte Rebus.

»Sie meinen, wenn’s keine Gehirninfektion gibt, kommt er durch.«

»Was halten Sie davon?«

»Botschaft an Tommy von Big Ger.«

»Ist er einer von Tommys Leuten?«

»Will er nicht sagen.«

»Und wie lautet seine Geschichte?«

»Die Treppe runtergefallen, unten den Kopf angeschlagen.«

»Und die ihn abgesetzt haben?«

»Kann sich angeblich nicht erinnern.« Claverhouse verstummte kurz. »Äh, John …?«

»Was?«

»Eine der Schwestern bat mich, Sie was zu fragen.«

Sein Ton verriet Rebus alles, was er wissen musste. »AIDS- Test?«

»Die meinten, bloß zur Sicherheit.«

Rebus ließ sich das durch den Kopf gehen. Blut in den Augen, den Ohren, den ganzen Hals runter. Er inspizierte sich gründlich: keine Kratzer oder Schnitte. »Warten wir erst mal ab«, sagte er.

»Vielleicht sollten wir die Observierung abbrechen«, meinte Claverhouse, »und es denen überlassen, die Sache unter sich zu regeln.«

»Und ein paar Dutzend Rettungswagen abstellen, damit die die Leichen einsammeln?«

Claverhouse schnaubte. »Ist das Big Gers Stil?«

»Na und ob«, sagte Rebus und griff nach seinem Jackett.

»Aber diese Messerstecherei vor dem Nachtklub nicht?«

»Nein.«

Claverhouse fing an zu lachen, aber es war ein freudloses Lachen. Er rieb sich die Augen. »Aus den Fritten ist ja nichts geworden, was? Scheiße, ich könnte einen Drink gebrauchen.«

Rebus griff in seine Brusttasche und zog die Viertelflasche Bell’s heraus.

Als er sie aufschraubte, wirkte Claverhouse nicht überrascht. Er nahm einen Schluck, spülte ihn mit einem zweiten hinunter und gab die Flasche zurück. »Genau, was der Arzt mir verschrieben hat.«

Rebus schraubte den Deckel wieder zu.

»Sie nicht auch einen?«

»Ich bin trocken.«

»Seit wann?«

»Diesen Sommer.«

»Warum schleppen Sie dann die Flasche mit sich rum?«

Rebus schaute sie an. »Weil sie nicht das ist, wonach sie aussieht.«

Claverhouse machte ein verdutztes Gesicht. »Was ist sie dann?«

»Eine Bombe.« Rebus steckte die Flasche wieder in die Tasche. »Eine kleine Selbstmordbombe.«

Sie schlenderten zurück zur Unfallstation. Siobhan Clarke erwartete sie vor einer geschlossenen Tür.

»Sie mussten ihn ruhig stellen«, erklärte sie. »Er war wieder aufgestanden und torkelte durch die Gegend.« Sie deutete auf die Spuren am Fußboden – ein Sprühnebel von Blut, zum Teil von Fußabdrücken verwischt.

»Haben wir einen Namen?«

»Er hat keinen genannt. Nichts in seinen Taschen, wodurch man ihn identifizieren könnte. Mehr als zweihundert in bar, Raubüberfall können wir also ausschließen. Auf was für eine Tatwaffe tippen Sie? Hammer?«

Rebus zuckte die Achseln. »Ein Hammer hätte eine Kerbe im Schädel hinterlassen. Dieser Hautlappen sieht zu sauber aus. Ich glaube, die sind mit einem Hackmesser auf ihn los.«

»Oder einer Machete«, fügte Claverhouse hinzu. »Was in der Art.«

Clarke starrte ihn an. »Ich rieche Whisky.«

Claverhouse legte sich einen Finger an die Lippen.

»Sonst noch was?«, fragte Rebus. Jetzt war es Clarke, die die Achseln zuckte.

»Nur eine Bemerkung am Rand.«

»Und zwar?«

»Tolles T-Shirt.«

Claverhouse steckte Geld in den Automaten, holte drei Kaffees raus. Er hatte in seinem Büro angerufen und mitgeteilt, die Observierung sei vorerst abgebrochen worden. Jetzt lauteten die Befehle, im Krankenhaus zu bleiben und dem Opfer nach Möglichkeit irgendeine Aussage zu entlocken. Wenn schon nichts anderes, dann zumindest seine Personalien. Claverhouse reichte Rebus einen der Becher.

»Weiß, ohne Zucker.«

Rebus nahm den Kaffee mit einer Hand entgegen. In der anderen hielt er eine Plastiktüte, in der sich sein Hemd befand. Er würde versuchen, es wieder sauber zu kriegen. Es war ein gutes Hemd.

»Wissen Sie, John«, sagte Claverhouse, »Sie brauchen eigentlich nicht hier zu bleiben.«

Das wusste Rebus selbst. Zu seiner Wohnung war es bloß ein kurzer Spaziergang durch die Meadows. Zu seiner großen, leeren Wohnung. Nebenan wohnten Studenten. Sie ließen oft Musik laufen, Sachen, die ihm gar nichts sagten.

»Sie kennen doch Telfords Gang«, sagte Rebus. »Haben Sie das Gesicht nicht wiedererkannt?«

Claverhouse zuckte die Schultern. »Ich meinte, er sieht ein bisschen aus wie Danny Simpson.«

»Aber sicher sind Sie sich nicht?«

»Wenn’s Danny ist, dann brauchen wir uns keine Hoffnungen zu machen, mehr als einen Namen aus ihm rauszukriegen. Telford sucht sich seine Jungs sorgfältig aus.«

Clarke kam den Korridor entlang auf sie zu. Sie nahm den Becher, den Claverhouse ihr hinhielt.

»Es ist Danny Simpson«, bestätigte sie. »Ich hab ihn mir grad noch mal angesehen, jetzt, wo das Blut abgewaschen ist.« Sie nahm einen Schluck Kaffee, runzelte die Stirn. »Wo ist der Zucker?«

»Sie sind schon süß genug«, erklärte Claverhouse.

»Warum haben die sich gerade Simpson ausgesucht?«, fragte Rebus.

»Zur falschen Zeit am falschen Ort?«, schlug Claverhouse vor.

»Hinzu kommt, dass er ziemlich am untersten Ende der Hackordnung steht«, fügte Clarke hinzu, »wodurch die Aktion eher als zarter Wink zu verstehen ist.«

Rebus musterte sie. Kurzes dunkles Haar, intelligentes Gesicht, ein Funkeln in den Augen. Er wusste, dass sie gut im Verhör war, dafür sorgte, dass die Verdächtigen nicht unruhig wurden, und aufmerksam zuhörte. Und gut auf der Straße: ebenso schnell zu Fuß wie von Begriff.

»Wie gesagt, John«, sagte Claverhouse und trank seinen Kaffee aus, »wann immer Sie verschwinden möchten …«

Rebus sah nach links und rechts den menschenleeren Korridor entlang. »Stehe ich irgendjemandem im Weg?«

»Das nicht. Aber Sie sind als Verbindungsmann abgestellt – und Schluss. Ich weiß, wie Sie arbeiten: Sie identifizieren sich mit Ihren Fällen – vielleicht ein bisschen zu sehr. Denken Sie nur an Candice. Ich meine nur …«

»Sie meinen, ich soll mich nicht einmischen?« Rebus schoss das Blut in die Wangen: Denken Sie nur an Candice.

»Ich meine, es ist unser Fall, nicht Ihrer. Das ist alles.«

Rebus Augen verengten sich. »Kapier ich nicht.«

Clarke schaltete sich ein. »John, ich glaube, er meint bloß –«

»Hey! Ist schon gut, Siobhan. Lassen Sie den Mann selbst reden.«

Claverhouse seufzte, knüllte seinen leeren Becher zusammen und sah sich nach einem Abfalleimer um. »John, gegen Telford zu ermitteln bedeutet, nebenbei auch Big Ger Cafferty und seine Leute im Auge zu behalten.«

»Und?«

Claverhouse starrte ihn an. »Okay, Sie wollen es im Klartext? Sie sind gestern nach Barlinnie gefahren – so was spricht sich in unserem Metier schnell rum. Sie haben Cafferty besucht. Sie haben einen Plausch mit ihm gehalten.«

»Er hatte mich gebeten zu kommen«, log Rebus.

Claverhouse hob die Hände. »Tatsache ist, wie Sie gerade gesagt haben: Er hat Sie gebeten, und Sie sind gesprungen.« Claverhouse zuckte die Achseln.

»Wollen Sie damit sagen, dass er mich in der Tasche hat?« Rebus’ Stimme war lauter geworden.

»Jungs, Jungs«, beschwichtigte Clarke.

Die Tür am Ende des Korridors war aufgeflogen. Ein junger Mann in einem dunklen Anzug kam mit schwingendem Aktenkoffer auf den Getränkeautomaten zu. Er summte irgendein Liedchen vor sich hin. Als er die drei Polizisten erreichte, hörte er auf zu summen, stellte sein Köfferchen ab und kramte in seinen Taschen nach Kleingeld. Er sah sie an und lächelte.

»Guten Abend.«

Anfang dreißig, glatt aus der Stirn zurückgekämmtes schwarzes Haar. Ein einzelnes Ringellöckchen baumelte ihm zwischen den Augenbrauen.

»Kann jemand ein Pfund wechseln?«

Sie sahen in ihren Taschen nach, fanden nicht genug Münzen.

»Kein Problem.« Obwohl der Automat mit blinkenden Leuchtbuchstaben NUR PASSENDEN BETRAG forderte, warf der junge Mann die Pfundmünze ein und drückte die Auswahltaste für Tee, schwarz, ohne Zucker. Er bückte sich, um den Becher herauszuholen, schien es dann aber nicht eilig zu haben weiterzugehen.

»Sie sind Polizeibeamte«, stellte er fest. Er hatte eine schleppende, leicht nasale Aussprache. Schottische Oberschicht. Er lächelte. »Ich glaube zwar nicht, dass ich je mit einem von Ihnen beruflich zu tun hatte, aber es ist nicht zu verkennen.«

»Und Sie sind Anwalt«, tippte Rebus. Der Mann neigte bestätigend den Kopf. »Damit beauftragt, die Interessen eines gewissen Mr. Thomas Telford zu vertreten.«

»Ich bin Daniel Simpsons Rechtsberater.«

»Was auf dasselbe hinausläuft.«

»Soweit ich weiß, ist Daniel gerade hier eingeliefert worden.« Der Mann pustete auf seinen Tee, trank einen Schluck.

»Wer hat Ihnen gesagt, dass er hier ist?«

»Ich glaube eigentlich nicht, dass Sie das etwas angeht, Detective …?«

»DI Rebus.«

Der Mann nahm seinen Becher in die linke Hand, so dass er die rechte ausstrecken konnte. »Charles Groal.« Er warf einen Blick auf Rebus’ T-Shirt. »Versteht die Polizei das unter ›Zivil‹, Inspector?«

Claverhouse und Clarke stellten sich ebenfalls vor. Groal verteilte mit großer Geste Geschäftskarten.

»Wie ich vermute«, sagte er, »halten Sie sich hier in der Hoffnung auf, meinen Mandanten befragen zu können.«

»Das stimmt«, meinte Claverhouse.

»Dürfte ich fragen, warum, DS Claverhouse? Oder sollte ich diese Frage besser an Ihren Vorgesetzten richten?«

»Er ist nicht mein –« Claverhouse bemerkte Rebus’ Blick und verstummte.

Groal hob eine Augenbraue. »Nicht Ihr Vorgesetzter? Und doch ist er das ganz offensichtlich, als Inspector, während Sie Sergeant sind.« Er sah zur Decke empor, klopfte mit einem Finger an seinen Becher. »Sie sind keine Kollegen im engeren Sinn des Wortes«, sagte er schließlich und richtete den Blick wieder auf Claverhouse.

»DS Claverhouse und ich gehören zum Scottish Crime Squad«, erklärte Clarke.

»Und Inspector Rebus nicht«, bemerkte Groal. »Faszinierend.«

»Ich bin in St. Leonard’s stationiert.«

»Dann gehört das hier ganz eindeutig in Ihren Zuständigkeitsbereich. Aber was das Crime Squad anbelangt …«

»Wir möchten nur wissen, was passiert ist«, fuhr Rebus fort.

»Ein Sturz oder so, nicht? Apropos, wie geht’s ihm?«

»Nett, dass Sie fragen«, murmelte Claverhouse.

»Er ist bewusstlos«, sagte Clarke.

»Und vermutlich bald in einem OP. Oder wird man ihn zuerst röntgen? Ich kenn mich da nicht so besonders aus.«

»Sie könnten jederzeit eine Schwester fragen«, sagte Claverhouse.

»DS Claverhouse, ich meine, eine gewisse Feindseligkeit herauszuhören.«

»Ist nur sein normaler Umgangston«, sagte Rebus. »Hören Sie, Sie sind hier, um dafür zu sorgen, dass Danny Simpson die Klappe hält. Wir sind hier, um uns anzuhören, was Sie beide gemeinschaftlich für einen Haufen Scheiße für uns zusammenkochen werden. Ich würde sagen, das ist eine ziemlich adäquate Zusammenfassung, was meinen Sie?«

Groal legte den Kopf ein wenig schief. »Ich habe schon von Ihnen gehört, Inspector. Manchmal können solche Geschichten übertrieben sein, aber wie ich zu meiner Freude feststellen kann: nicht in Ihrem Fall.«

»Er ist eine lebende Legende«, meinte Clarke. Rebus schnaubte und entfernte sich in Richtung Notaufnahme.

Ein Trachtengruppler saß auf einem Stuhl, die Mütze auf dem Schoß, auf der Mütze ein aufgeklapptes Taschenbuch. Rebus hatte ihn schon vor einer halben Stunde gesehen. Der Constable saß vor einem Zimmer mit verschlossener Tür. Von innen waren leise Stimmen zu hören. Der Trachtengruppler hieß Redpath und arbeitete im Revier St. Leonard’s. Er war seit nicht ganz einem Jahr bei der Polizei. Rekrut mit Hochschulabschluss. Sie nannten ihn den »Professor«. Er war lang und picklig und wirkte schüchtern. Als Rebus näher kam, klappte er das Buch zu, ließ aber einen Finger als Lesezeichen darin stecken.

»Science-Fiction«, erklärte er. »Ich hatte immer gedacht, ich würde da mal herauswachsen.«

»Es gibt eine Menge Dinge, aus denen wir nie herauswachsen, mein Sohn. Worum geht’s?«

»Das Übliche: Gefährdung des Zeitkontinuums, Paralleluniversen.« Redpath sah auf. »Was denken Sie über Paralleluniversen, Sir?«

Rebus nickte zur Tür. »Wer ist da drin?«

»Unfall mit Fahrerflucht.«

»Schlimm?« Der Professor zuckte mit den Schultern. »Wo ist es passiert?«

»Oben auf der Minto Street.«

»Haben Sie das Auto?«

Redpath schüttelte den Kopf. »Wer weiß, vielleicht kann sie uns etwas sagen. Und Sie, Sir?«

»Ähnliche Geschichte, mein Sohn. Paralleles Universum, könnte man sagen.«

Siobhan Clarke erschien mit einem Becher frischen Kaffee. Sie grüßte Redpath mit einem Kopfnicken, worauf der Constable aufstand: eine höfliche Geste, die ihm ein verschmitztes Lächeln einbrachte.

»Telford will nicht, dass Danny redet«, sagte sie zu Rebus.

»Wie zu erwarten war.«

»Und in der Zwischenzeit wird er versuchen, den Ausgleichstreffer zu landen.«

»Mit Sicherheit.«

Sie sah Rebus in die Augen. »Ich fand das vorhin ziemlich daneben von ihm.« Womit sie Claverhouse meinte, ohne in Anwesenheit eines Uniformierten Namen zu nennen.

Rebus nickte. »Danke.« Womit er meinte: Es war richtig, dass sie das in dem Moment nicht gesagt hatte. Claverhouse und Clarke waren jetzt Partner. Es wäre nicht richtig gewesen, wenn sie sich gegen ihn gestellt hätte.

Eine Schiebetür öffnete sich, und eine Ärztin trat heraus. Sie war jung und sah erschöpft aus. Hinter ihr, im Zimmer, erkannte Rebus ein Bett, eine Gestalt auf dem Bett, Weißbekittelte, die sich an verschiedenen Apparaten zu schaffen machten. Dann glitt die Tür wieder zu.

»Wir werden eine Schädel-CT machen«, erklärte die Ärztin Redpath. »Haben Sie die Familie benachrichtigt?«

»Ich weiß ihren Namen nicht.«

»Ihre Sachen sind drinnen.« Die Ärztin schob die Tür wieder auf und ging hinein. Auf einem Stuhl lagen einige zusammengefaltete Kleidungsstücke und darunter eine Handtasche. Als die Ärztin die Tasche herauszog, bemerkte Rebus etwas: eine flache weiße Pappschachtel.

Eine weiße Pizza-Pappschachtel. Die Kleidung: schwarze Jeans, schwarzer BH, rotes Satin-Hemd. Ein schwarzer Dufflecoat.

»John?«

Und schwarze Schuhe mit mittelhohen Absätzen und kantiger Spitze, die wie neu aussahen, abgesehen von den Schrammen, als seien sie über die Straße geschleift worden.

Jetzt war er im Zimmer. Sie hatte eine Sauerstoffmaske auf. An der Stirn Platz- und Schürfwunden, die Haare aus dem Gesicht gestrichen. Ihre Fingerkuppen waren mit Blasen bedeckt, die Handflächen blutig gescheuert. Das Bett, auf dem sie lag, war eigentlich kein Bett, sondern eine breite stählerne Rolltrage.

»Entschuldigen Sie, Sir, aber Sie dürfen sich hier nicht aufhalten.«

»Was ist los?«

»Dieser Gentleman –«

»John? John, was ist denn?«

Man hatte ihr die Ohrringe abgenommen. Drei kleine Nadelstiche, der eine röter als seine Nachbarn. Das Gesicht oberhalb des Lakens: violett verquollene Augen, eine gebrochene Nase, beide Wangen aufgeschürft. Geplatzte Lippe, ein Kratzer am Kinn, Augenlider, die nicht einmal flatterten. Er sah ein Verkehrsopfer. Und hinter all dem sah er seine Tochter.

Er stieß einen Schrei aus.

Clarke und Redpath mussten ihn, unterstützt von Claverhouse, der den Lärm gehört hatte, gewaltsam hinausschleifen.

»Tür auflassen! Ich schlag Sie tot, wenn Sie diese Tür zumachen!«

Sie versuchten, ihn zum Hinsetzen zu bewegen. Redpath zog sein Buch noch gerade rechtzeitig vom Stuhl weg. Rebus riss es ihm aus der Hand und warf es quer durch den Flur.

»Wie konnten Sie lesen, verdammte Scheiße!«, stieß er hervor. »Das ist Sammy, die da drin liegt! Und Sie hocken hier draußen und lesen!«

Clarkes Becher war umgeschmissen worden, und als Rebus Redpath einen Stoß verpasste, rutschte dieser in der Kaffeepfütze aus und fiel hin.

»Können Sie die Tür festklemmen, dass sie offen bleibt?«, fragte Claverhouse die Ärztin. »Und hätten Sie vielleicht ein Beruhigungsmittel?«

Rebus fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, heulte ohne Tränen, heiser und verständnislos. Als er an sich hinunterstarrte, sah er das lächerliche T-Shirt und wusste, dass es das war, was er von dem Abend in Erinnerung behalten würde: das Bild eines Iron-Maiden-T-Shirts mit einem grinsenden grelläugigen Dämon drauf. Er riss sich das Jackett vom Leib und fing an, am T-Shirt zu zerren.

Sie befand sich hinter dieser Tür, dachte er, und ich war hier draußen und plauderte locker vom Hocker. Sie hatte die ganze Zeit da drin gelegen, so lange er im Krankenhaus war. Da machte es zweimal klick: ein Verkehrsunfall mit Fahrerflucht; das Auto, das von der Flint Street davongeschossen war.

Er packte Redpath.

»Oben auf der Minto Street. Sind Sie sicher?«

»Was?«

»Sammy … oben auf der Minto Street?«

Redpath nickte. Clarke wusste sofort, woran Rebus dachte.

»Ich glaub nicht, John. Die sind in die entgegengesetzte Richtung gefahren.«

»Könnten kehrtgemacht haben.«

Claverhouse hatte einen Teil des Gesprächs mitbekommen. »Ich hab grad telefoniert. Die Typen, die es Danny Simpson besorgt haben – wir haben das Auto gefunden. Weißer Escort, auf dem Argyle Place stehen gelassen.«

Rebus sah zu Redpath. »Weißer Escort?«

Redpath schüttelte den Kopf. »Laut Augenzeugen ein dunkles Fahrzeug.«

Rebus drehte sich um, stand mit dem Gesicht zur Wand, die Hände flach dagegen gedrückt. Als er auf den Anstrich starrte, war es so, als könnte er in die Farbe hineinsehen.

Claverhouse legte ihm eine Hand auf die Schulter. »John, ich bin sicher, dass sie wieder gesund wird. Die Ärztin holt Ihnen ein paar Tabletten, aber wie wär’s einstweilen damit?«

Claverhouse mit Rebus’ Jackett in der Armbeuge, dem Flachmann in der Hand.

Die kleine Selbstmordbombe.

Er nahm Claverhouse die Flasche ab. Schraubte den Verschluss ab, ohne den Blick von der offenen Tür zu wenden. Führte die Flasche an die Lippen.

Trank.

Zweites Buch

»In the Hanging Garden / No one sleeps.«

Ein Urlaub am Meer: Wohnwagenpark, lange Spaziergänge und Sandburgen. Er saß in einem Liegestuhl und versuchte zu lesen. Ein kalter Wind, trotz der Sonne. Rhona rieb Sammy mit Sonnenmilch ein, meinte, man könne nicht vorsichtig genug sein. Sagte, er solle das Kind im Auge behalten, sie würde eben zum Wohnwagen zurückgehen, um ihr Buch zu holen. Sammy war eifrig damit beschäftigt, die Füße ihres Vaters im Sand einzubuddeln.

Er versuchte zu lesen, dachte aber an die Arbeit. So lang sie schon hier waren, schlich er jeden Tag zur Telefonzelle und rief im Revier an. Die Kollegen meinten ständig, er solle sich amüsieren und den ganzen Betrieb vergessen. Er hatte einen Spionagethriller zur Hälfte durch. Er hatte den Faden schon längst verloren.

Rhona tat ihr Bestes. Sie wäre gern ins Ausland gefahren, irgendwohin, wo es ein bisschen schick und nicht nur sonnig, sondern auch warm war. Aber die Finanzen waren auf seiner Seite gewesen. Also saßen sie jetzt an der Küste von Fife, wo er sie kennen gelernt hatte. Erhoffte er sich etwas? Die Wiedererweckung irgendeiner alten Erinnerung? Er war schon mit seinen Eltern hierher gekommen, hatte mit Mickey gespielt, hatte neue Freunde gewonnen, sie dann nach den zwei Wochen wieder verloren.

Er versuchte es wieder mit dem Spionageroman, aber Gedanken an die Arbeit kamen ihm in die Quere. Und dann fiel ein Schatten auf ihn.

»Wo ist sie?«

»Was?« Er sah auf seine im Sand verbuddelten Füße, aber Sammy war nicht da. Wie lang war sie schon weg? Er stand auf, suchte mit den Augen die Uferlinie ab. Ein paar unentschlossene Badende, die nicht weiter als bis zum Knie hineinwateten.

»Herrgott, John, wo ist sie?«

Er drehte sich um, sah zu den fernen Dünen.

»Die Dünen…?«

Sie hatten sie gewarnt. Manche Dünenhänge waren durch Winderosion ausgehöhlt. Es waren regelrechte kleine Höhlen entstanden, die auf Kinder eine magnetische Anziehungskraft ausübten. Nur neigten sie auch dazu einzustürzen. Erst wenige Wochen zuvor hatten verzweifelte Eltern ihren zehnjährigen Jungen aus dem Sand ausgegraben. Er hatte noch geatmet…

Sie liefen jetzt. Die Dünen, das Gras, von Sammy nichts zu sehen.

»Sammy!«

»Vielleicht ist sie ins Wasser gegangen.«

»Ich hatte dir doch gesagt, du sollst auf sie aufpassen!«

»Tut mir Leid. Ich …«

»Sammy!«

Eine kleine Gestalt in einer der Höhlen. Die auf Händen und Knien hoppelte. Rhona griff hinein, zog sie heraus, umarmte sie.

»Schätzchen, wir hatten dir doch gesagt, dass du das nicht sollst!«

»Ich war ein Kaninchen.«

Rebus starrte auf die bröselige Höhlendecke: Sand, lediglich von den Wurzeln der Sträucher und des Strandhafers zusammengehalten. Schlug mit der Faust dagegen. Die Decke stürzte ein. Rhona sah ihn an.

Ende der Ferien.

3

Rebus küsste seine Tochter.

»Bis dann«, sagte er und sah ihr nach, wie sie das Café verließ. Espresso und eine Scheibe Karamell-Shortbread – zu mehr hatte ihre Zeit nicht gereicht –, aber sie hatten sich auf ein andermal zum Abendessen verabredet. Nichts Besonderes, nur eine Pizza.

Es war der 30. Oktober. Wenn die Natur schlecht drauf war, würde es spätestens Mitte November Winter sein. Rebus hatte in der Schule gelernt, dass es vier verschiedene Jahreszeiten gab, hatte diese Jahreszeiten in leuchtenden und düsteren Farben gemalt, aber seine Heimat schien nichts davon zu wissen. Die Winter waren lang, länger als dem gastfreundlichsten Land lieb sein konnte. Das warme Wetter kam ganz unvermittelt. Kaum dass die ersten Knospen sprossen, liefen die Leute auch schon in T-Shirts herum, so dass Frühling und Sommer zu einer einzigen Jahreszeit verschmolzen. Und sobald die Blätter braun wurden gab es auch schon wieder den ersten Frost.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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