Die Truppe - Logbuch eines Tagediebs: - Rüdiger Göttert - E-Book

Die Truppe - Logbuch eines Tagediebs: E-Book

Rüdiger Göttert

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Beschreibung

Nach dem Gewinn der Fußball-WM in Brasilien sind die Tagediebe dieses Mal in Russland zugange. Osvaldo und seine Truppe wagen sich voller Tatendrang und mit besten Absichten ins Ungewisse - leider mehr schlecht als recht. Die Truppe dieses Mal? Einer, der keinem kulinarischen Angebot aus dem Wege geht (Norberto), einer, der sich unentwegt mit seiner Frau kabbelt (Osvaldo), einer, dessen Gedanken sich nur um Frauen und seine Trommel drehen (Maxim), einer, dem Frauen ständig hinterher schauen (Lew), und einer, der zwar immer den Überblick behält, dem aber ziemlich üble Fehlentscheidungen unterlaufen (Oleg, der "Capitanowitsch"). Dazu in ständiger Alarmbereitschaft eine Gattin, die erstaunliche Fußball-Thesen an den Tag legt. Geschrieben ist das Logbuch aus Sicht von Osvaldo, einem Typen, der mit viel Herz bei der Sache ist, dem aber nicht immer alles gelingt. Zusammen mit seinen Freunden gerät er von einer heiklen Situation in die nächste. Grundlage für das Buch ist der Internet-Blog, der vom 1. Dezember 2017 bis zum Ende der WM täglich auf dem russischen Nachrichtenportal russland.news veröffentlicht worden ist. So ganz nebenbei bringt einer der Jungs, Maxim, seinen eigenen WM-Song heraus. Ein schmissiges Reisetagebuch über das Russland zur Zeit der Fußball-WM. Und eine humorvolle Liebeserklärung an das Land und seine Menschen.

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RÜDIGER GÖTTERT

Die Truppe
-
Logbuch eines
Tagediebs
––––––
Wie das Saarland
den Roten Platz eroberte

Copyright © 2018 Rüdiger Göttert

Aehlenbach 4, D-66646 Marpingen

Tel. 06853/856 2822

Grafik & Design (Umschlag):

P-H-Design Patric Haupt (www.p-h-design.de)

Alle Rechte vorbehalten.

Dieser Titel ist sowohl als E-Book als auch als Taschenbuch erhältlich.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

Den wahren Fans

sowie

den Menschen in Russland.

Vorwort

Wenn ich mich frage, wann ich das WortRusslandzum ersten Mal gehört habe, muss ich weit zurück gehen. Ich denke, ich war so drei oder vier Jahre alt. Normal hat man ja keine rechten Erinnerungen an diese Zeit. Aber meine Eindrücke damals waren wohl so prägend, dass ich sie bis heute nicht vergessen habe.

Es war im Haus meiner Großeltern, meiner Oma Maria und meinem Opa Herrmann.

Das Leben dort spielte sich größtenteils in der Küche ab. Es gab einen emaillierten weißen Ofen, der noch mit Kohle und Holz befeuert wurde, einen großen Tisch, eine Eckbank und einen Schrank. Sehr spartanisch eingerichtet, würde ich heute sagen.

Neben dem Fenster hing ein schwarz-weiß Bild mit drei Männern in Uniform. Irgendwann habe ich meine Oma wohl mal gefragt, wer die drei sind. Sie hat dann gemeint: „Das sind deine drei Onkel: der Herrmann, der Josef und der Georg. Die sind in Russland gefallen.“ „Sind sie denn noch dort?“, wollte ich dann wissen. Sie bejahte dies. Aber irgendwie schien sie traurig dabei.

In Russland gefallen? Normal sollte das ja nicht so schlimm sein. „Man fällt und dann steht man wieder auf. Und wenn sie noch dort sind, kommen sie bestimmt bald wieder heim“, habe ich mir ausgemalt. Diverse andere Onkel von mir kannte ich zu dieser Zeit schon. Von den besagten Drei hatte ich bis dahin aber noch nie was gehört. „Ich lerne sie bestimmt bald mal kennen.“

So meine Denke als Vierjähriger. Aber wie gesagt, so wie meine Oma reagiert hatte, war das nicht normal. Das war mir neu. Ich wollte auch nicht länger nachfragen und stattdessen einfach abwarten, bis sie wieder zu Hause wären. Dann könnte ich mit ihnen ja reden, und sie könnten mir von diesem Russland erzählen.

Zum Mittagessen kam immer der Bruder meiner Oma. Er war Schreiner mit einer eigener Werkstatt im Ort. Er wäre auch gut als Meister Eder durchgegangen, aber weder war er Meister noch hieß er Franz. Er hieß ebenfalls Herrmann, unglaublich, wie viele Herrmanns es damals gab, und alle nannten ihn nur – obwohl er es nicht war – de Maijschda (den Meister). Alle, außer mein Opa. Denn der sagte Herrmann zu ihm. Und umgekehrt natürlich genauso. „Wie geht’s Herrmann?“ „Gut, Herrmann. Und selber, Herrmann?“ „Auch gut, Herrmann.“ So redeten die beiden in meiner Erinnerung miteinander.

Der Bruder meiner Oma war sehr nett, und wenn ich mich recht entsinne, hat er sich immer falsch rum auf den Stuhl gesetzt und dann die Arme auf die Rückenlehne und darauf dann den Kopf abgestützt. Meine beiden Cousinen wohnten auch in dem Haus und bekamen natürlich alles mit, was da gesprochen wurde.

Eines Tages kamen sie dann ganz aufgeregt zu mir und sagten, der Maijschda hat in Russland vier Zehen verloren. „Wie, verloren?“, wollte ich wissen. „Stell’ dir vor, die sind dem abgefallen, weil es dort so kalt ist.“ Das hat sich so unglaublich angehört und übertraf meine Vorstellungskraft. So wollte ich ihn immer mal fragen, ob er nicht mal die Schuhe ausziehen kann, damit ich die Behauptung überprüfen kann. Hatte mich aber nie getraut. Dachte, meine beiden Cousinen wollen mich bestimmt nur veräppeln und hätten sich totgelacht, wenn ich ihn tatsächlich gefragt hätte.

So war dieses Russland von Anfang an sehr suspekt für mich. Irgendwie bekam ich dann noch mit, dass das Russland wohl auch riesig ist. Wobei riesengroß für mich kleinen Mann damals doch sehr begrenzt war.

Später hat mir dann mein Bruder erklärt, wie das wirklich war in Russland. Damit habe ich auch eine Vorstellung davon bekommen, wie schlimm das für meine Großeltern gewesen sein muss - obwohl sie nie schlecht über Russland und die Russen gesprochen haben. Und trotzdem: Dieses Russland hatte immer so einen gewissen, nicht richtig greifbaren Unterton, wenn es erwähnt wurde.

So war Russland bei mir von klein auf ein Land, vor dem ich irgendwie immer etwas Angst hatte und für das ich mich auch nie sonderlich begeistern konnte.

Angetrieben durch unsere unbeschreiblichen Erlebnisse bei der WM 2014 in Brasilien stand für mich aber nie in Frage, ein Teil der Truppe zu sein, die dieses Russland und die Russen zur Zeit der Fußball-WM besuchen würde. Man muss im Leben bekanntlich auch mal neue Wege beschreiten und Abenteuer wagen, um seine Angst zu überwinden.

Michael Recktenwald

(Oleg)

Über uns

Einer für alle. Alle für einen. Fünf Freunde versuchen, die Fußball-WM 2018 in Russland mitzuerleben. Live.

Wer schon unseren Blog zur Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien mitverfolgt hat, der weiß, dass der Jogi den Titel eigentlich uns, der Truppe, zu verdanken hat.

Wir - das sind Oleg, Norberto, Lew und ich, Osvaldo. Dieses Mal verstärkt durch unseren deutsch-senegalesischen Freund Maxim - Trommler, Sänger, Tänzer, Animateur.

Der Trip läuft intern unter dem Codenamen „Rasputin-Tour“. Das meiste soll geheim laufen. Zumindest meine Frau soll so wenig wie möglich mitkriegen.

Seit 1. Dezember 2017 betreiben wir einen Blog im Internet (siehe „Anhang Erläuterungen“), in dem wir täglich unseren Weg mit all seinen Herausforderungen und Problemen, aber auch schönen Seiten zu beschreiben versuchen.

Geschrieben ist der Blog aus Sicht von Osvaldo, einem waschechten Saarländer, der mit viel Herz bei der Sache ist, dem aber nicht immer alles gelingt und der sich ständig mit seiner Frau eben wegen dieser Russlandreise kabbelt.

Hey, es kann losgehen. Wir wollen nach Russland!

Unsere Ausrüstung

Unsere Ausrüstung steht noch nicht fest. Ist ja noch etwas hin. Eins ist aber sicher dabei:

Ein transportables Dreibein.

Auf Saarländisch: Ein Schwenker.

Was denn sonst.

Ziel unserer Reise

Wir sind Saarländer. Was liegt da näher als zu versuchen, in Russland mal schön zu schwenken. Mitten auf dem Roten Platz in Moskau. Ausrüstung auspacken und loslegen.

Unser Freund in Russland, der Gunnar, rät allerdings dringend davon ab.

„Die im Kreml verstehen mit solchen Dingen keinen Spaß. Da sitzt du schneller im Gulag als du das Feuer an hast.“

Egal. Mal sehen, wie weit wir kommen.

Alternativ könnten wir auch für „Die Mannschaft“ aktiv werden. Der DFB-Chefkoch, der Anton Schmaus, müsste uns nur mal kurz ran lassen. Mit ein paar Schwenkbraten im Magen lässt sich besser Fußball spielen. Hat man einen schönen Rumms.

Gemüse lassen wir weg. „Gemüse essen ist wie Sprudel trinken“, meint Norberto immer, „da kannst du noch so viel in dich reinstopfen, das bringt gar nichts.“

Ganz gemütlich Schwenken, das dürfte Jogis Jungs einfach mal gut tun, wo die doch den ganzen Tag sonst immer Fußball spielen müssen. Ein paar Pils dazwischen, und das mit der Titelverteidigung wird ein Selbstläufer. Ganz bestimmt.

Ob unsere Pläne aufgehen?

Tag 1 bis Tag 182 – Vorbereitungsphase

1. Dezember 2017 bis 31. Mai 2018

Wer den gesamten Trip von Beginn an, ab 1. Dezember 2017, miterleben will:

Derzeit (November 2018) ist eine umfangreiche „Schwenker-Edition“ in Vorbereitung. Der ganze Schlamassel als E-Book und möglicherweise auch als Printausgabe.

In dieser Taschenbuch-Ausgabe steigen wir mitten ins Geschehen ein, und zwar ab 1. Juni 2018, also kurz bevor es losgeht nach Russland.

Tag 183 – Vom Lieferschein geliefert

1. Juni 2018

Die Bikini-Oberteile in den Deutschland-Farben kamen heute schon an. Wow! Sehen voll gut aus, regelrecht schmuck, wie man so schön sagt. Werde die vier Stück auf alle Fälle mitnehmen. Schön ganz unten im Koffer verstauen. Meine Frau soll das nicht unbedingt mitkriegen. Habe sie daher schnell geschnappt und in meinem WM-Fanartikel-Lager vor unerwünschten Blicken versteckt. Verpackung schön leergeräumt. Und ab in den Papiercontainer. Alle Spuren verwischt. Sehr gut!

Was mich weiter beschäftigt: Hab’ immer noch keine Unterkunft für Moskau. Ist ja nicht mehr so lang hin. Heute in zwei Wochen wäre die erste Übernachtung dort fällig. Kann aber auch wach bleiben. Haha.

Nee, Quatsch. Norberto hat mir jetzt einen Freund, den Alex, aus einer Nachbargemeinde genannt, gebürtiger Russe. „Er kann vielleicht helfen, ruf ihn mal an.“

Gesagt, getan. Alex meint, er hätte Freunde in Moskau wohnen, die würden eventuell ihre privaten Wohnungen an Gäste vermieten. „Normalerweise wären sie weg während der WM“, erzählt er, „die wollen sich eigentlich das Treiben in Moskau mit den ganzen Fans nicht antun. Aber ich werde mal sehen, was sich machen lässt“. Er sagt mir zu, sich spätestens morgen wieder zu melden.

Oleg postet in unsere WhatsApp-Gruppe seine Fan-ID. Wow, die ist schon bei ihm! Sogar die laminierte Version. Also die echte. Nicht bloß die Mail-Version. Das ging aber schnell. Möchte wissen, was er denen in Russland wieder weis gemacht hat. Von meiner Fan-ID, die ich bestimmt zwei bis drei Wochen vor dem Oleg bestellt habe, jedenfalls noch keine Spur.

Dann ergänzt er: „Kam heute per Einschreiben.“

„Ach du Sch…!“, schießt es mir da durch den Kopf. Ich habe ja auch schon seit etwa einer Woche ein Einschreiben abzuholen. Hab mich aber bis jetzt … sagen wir mal … geziert. Bei sowas bin ich immer vorsichtig. Gehe davon aus, dass es eine Vorladung oder sowas in der Richtung ist. Aber nein, in diesem Fall ist es wohl die Fan-ID. Fahre sofort zur Post. Nehme das Einschreiben entgegen, reiße es noch im Laden auf. Tatsächlich, die FAN-ID!

Ein kleiner Wermutstropfen: Ich sehe darauf aus wie ein Grombeerkäfer. Aber nicht schlimm. Jetzt hält uns nix mehr an der Einreise nach Russland.

Zum Abschluss des Tages dann die Katastrophe: Meine Frau fragt mich, wieso ich vier Bikinis gekauft hätte.

Hä? Oupps. Bin sprachlos. Hat sie doch tatsächlich in meinen WM-Sachen rumgekramt!

Hält mir einen Zettel vor die Nase: Es ist ein Lieferschein. Au Mann. Das hätte jetzt nicht passieren dürfen. Hatte wohl übersehen, das Teil zu entsorgen.

„Ähh … Das? Na, das sind Fan-Artikel. Das steht doch drauf.“

„Und was machst du damit?“

„Ähh …“

„Zieht ihr die vielleicht selbst an? Verheimlichst du mir etwas, Osvaldo? Vielleicht seit Jahren?“

Au Mann, es wird von Sekunde zu Sekunde schlimmer.

„Ähh … ja … Ich meine, natürlich nein, nein, natürlich!“

„Was denn jetzt?“

„Ähh …“

Ich rolle mit den Augen nach oben an die Decke. Komisch, wieso meine ich, dass ich denke, der Özil könnte das besser? Egal.

„Nun …?“

Sie nagelt mich. Umgekehrt wäre mir eigentlich lieber.

„Na, die wollen wir an den Mann bringen.“ Gut, dass mir was Schlaues einfällt.

„An den Mann bringen? Meinst du das jetzt ernst, Osvaldo?“

„Ich meine natürlich: an die Frau! Das sind doch Bikini-Oberteile, sowas ziehen doch nur Frauen an!“

„Aha. Und die Russinnen stehen auf Bikinis in schwarz-rot-gold oder wie? Wie wollt ihr das hinkriegen? Die werden doch eher vor euch davonlaufen. Aber nimm’ sie ruhig mit. Kannst sie nach eurer Rückkehr dann bei Ebay-Kleinanzeigen wieder einstellen.“

Hat aber auch überhaupt gar kein Zutrauen in mich, meine Frau. Pffft!

Weiß jetzt zumindest, warum ein Lieferschein Lieferschein heißt:

Liefert dich an deine Frau aus.

Tag 184 – Grillplatz als Dauereinrichtung auf dem Roten Platz

2. Juni 2018

Das Erste, was mir meine Frau morgens (ich hatte noch gar keine Augen, so früh war das, und außerdem war ich gestern Abend noch mit Lew und Oleg aus, wie das ausging, kann man sich vorstellen) vorhält: Sie will wegen den Bikinis eine Strafmaßnahme vornehmen und mit schwarz-rot-goldenen Männertangas nach Jamaika schüsseln. Will sie dort an Interessierte, wie sie es nennt, vertickern.

Boah. Mit so einem Gegenschlag hab’ ich jetzt echt nicht gerechnet. Und gestraft werde ja nicht ich, sondern die armen Männer auf Jamaika. Sowas kannten die bis dahin ja noch gar nicht. Nicht mal von Erzählungen. Also, von mir hat sie grünes Licht. Sollen doch ruhig mal sehen, die Männer auf Jamaika, wie das in Deutschland so zugeht.

Tja, gestern Abend mit dem Oleg und dem Lew, das war ziemlich gut. Wieder mal eine runde Sache. Trafen uns in der Alten Schmiede. Wurde natürlich länger als geplant.

Die Planungen an sich sind immer vollkommen harmlos. Beste Absichten und so. Aber die Umsetzung. Kommt mit steter Regelmäßigkeit immer genau anders als vorgesehen. Kann man nix machen. Ungeschriebenes Gesetz. Vielleicht sollten wir es mal umgekehrt machen und unseren Frauen einhauchen:

„Hör mal, Schatz, wir gehen heute Abend kräftig aus und hauen uns die Hucke voll. Aber mal so richtig!“

Ich vermute, das würde nicht funktionieren. Dann wäre das Ergebnis ja schon vorweggenommen. Das macht dann keinen Spaß. Der Überraschungseffekt wäre weg und wir würden uns nach dem dritten Bier in der Kneipe ratlos anschauen:

„Wir gehen jetzt sofort nach Hause. Es reicht.“

Das gäbe dann einen Überraschungseffekt auf Seiten unserer Frauen. Würden – schwupps! – so gut wie nüchtern daheim auftauchen, könnten noch normal reden und vernünftige Bewegungen vollziehen. Nicht wie sonst, wo wir eher zelebrieren wie brasilianische Ballzauberer, wenn wir wieder zu Hause eintrudeln. Mmhhh … ich vermute, für das fast völlig Nüchterne hätten unsere Frauen dann auch kein Verständnis.

Ach, alles egal. Am besten machen wir wie immer. Keinen Plan machen, einfach drauflos.

Will noch die Botschaft in Moskau anschreiben: Sollen uns mal einen Tipp geben für einen guten Platz zum Schwenken. Der Rote Platz in Moskau ist für Russen ja sowas von heilig. Wir wurden ausdrücklich davor gewarnt, dort zu schwenken. Aber versuchen würden wir es.

Hab mich schon mal erkundigt: Im Nordosten Moskaus gibt es den Nationalpark Lossiny Ostrow, das größte zusammenhängende Waldgebiet der russischen Hauptstadt. Dort könnten wir schon mal das Brennholz herbekommen. Wie ich gelesen habe, verfügt das Waldgebiet vor allem über Fichten, Linden, Birken und Kiefern. Am Besten schwenkt man ja mit Buchen- oder Birkenholz. Werden uns also auf die Birken konzentrieren müssen. Nadelholz geht dagegen gar nicht: Damit machst du den ganzen Geschmack deiner Schwenkbraten kaputt.

Die Schwenkbraten werden wir in irgendeinem der zahlreichen Globus-Märkte kaufen. Ist dann wie daheim. Eine Wildsau im Nationalpark ginge natürlich auch. Aber ich glaube, mit dem Gewehre-Einführen nach Russland ist das so eine Sache. Das käme womöglich bei den Sicherheitsbeamten noch schlechter an als Schwenken auf dem Roten Platz.

Egal. Ich glaube, wenn die Holzspäne erstmal lodern und der Schwenkbratenduft den freundlichen Polizisten in die Nase steigt, dann drücken die bestimmt ein Auge zu. Dürfen gerne auch mitfuttern - natürlich nur, falls Norberto das zulässt. Ansonsten dürfen sie eben nur zusehen. Und wenn wir fertig gegrillt haben und jeder gut satt ist, könnten die Polizisten vielleicht auf’s Feuer aufpassen. Dass es nicht so schnell ausgeht.

Könnte mir vorstellen, auf dem Roten Platz einen Schwenkplatz sogar als Dauereinrichtung herzurichten. Die Polizisten schüren regelmäßig die Glut. Putin schaut ab und zu vorbei und prüft, ob auch alles in Ordnung ist. Und jeder, der Hunger hat, legt sich nach Gutdünken und eigenem Bedürfnis ein paar Schwenker auf. Menschen aus aller Herren Länder träfen sich am Lagerfeuer vor dem Kreml.

Das wäre ein Fan-Fest!

Tag 185 – Schwenk-the-World

3. Juni 2018

Die Welt ist klein. Auf der Suche nach einem ultra-leichten Schwenkgrill, den ich in den Koffer einpacken kann, bin ich auf ein Internet-Angebot gestoßen. Hat mir sofort zugesagt: Aufbauzeit drei Minuten, Eigengewicht 2 kg, Durchmesser der Grillfläche 45 cm, Beladung Brutto- Fleisch-Gewicht bis etwa 5 kg.

Unseren ursprünglichen Brasilien-Schwenker hatten wir 2014 ja an unserem Freund Beppi in Sao Vendelino (Nähe Porto Alegre) überlassen. Der schwenkt mittlerweile bestimmt fast täglich damit. Es musste also ein neuer her.

Hab’ dann mal den Amazon-Anbieter unter die Lupe genommen. Man will so kurz vor der WM ja keinen Fehlkauf riskieren. Höchste Präzision erforderlich. Eine Schwenker-Anschaffung ist bei uns zu Hause natürlich Chef-Sache. Meine Frau würde wahrscheinlich mit einem Tisch-Gasgrill zurückkommen. Geht gar nicht. Bei einem Schwenker darf man nix dem Zufall überlassen.

So, der Laden (www.huber-grillgeraete.de) macht einen seriösen Eindruck und – nicht zu glauben, aber doch irgendwie selbstverständlich – hat seinen Standort nur 20 Kilometer entfernt von meinem Wohnort. Fahre also hin und es stellt sich heraus, dass der Inhaber … jetzt haltet euch fest … sogar im selben Ort wohnt wie ich. Wir kannten uns bis dahin nicht, schwammen aber gleich auf einer Wellenlänge.

Als ich ihm schilderte, dass wir vor einer wichtigen Mission stehen und uns zum Ziel gesetzt haben, auf dem Roten Platz vor dem Kreml zu schwenken, hat er uns dieses Prachtexemplar von Schwenker sogar kostenlos mitgegeben. „Schwenk-the-World“ rief Andreas N. mir beim Abschied zu. Da kann er sich aber drauf verlassen!

Als ich gestern Abend vom 50. Geburtstag meines Freundes Wohli nach Hause komme, will ich natürlich gleich wissen, wie denn Jogis Jungs gegen Österreich gespielt haben.

„Ist 2:1 ausgegangen“, erklärt meine Frau.

„Konnte denn der Neuer an dem Tor nix machen?“, wollte ich dann wissen.

„Der konnte sogar an beiden nix machen.“

„Wie? An beiden? Haben wir etwa gegen Österreich verloren?“

Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet. Erst ziehen die Russen gegen Österreich den Kürzeren und jetzt wir. Gut, dass die nicht bei der WM dabei sind. Österreichs Trainer Franco Foda (ein ehemaliger deutscher Nationalspieler) hat offensichtlich ein gutes Team geformt. Womöglich hätten die in der aktuellen Form den Titel geholt.

Auf die Portugiesisch-Übersetzung von „Franco Foda“ möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich verzichten. Nur so viel: Im Jahr 1987 sorgte der Aufruf seines Namens durch den Stadionsprecher bei seiner Einwechslung bei einem Freundschaftsspiel der deutschen Nationalmannschaft in Brasilien für recht ausgelassene Stimmung unter den Zuschauern (siehe „Anhang Erläuterungen“, Ziffer 2).

Das mit dem Neuer halte ich ja für ein Risiko. Ein Torwart, der seit Monaten keine Spielpraxis hat, ist nicht die optimale Wahl, denke ich. Der Ter Stegen oder der Karius, die wären doch bestimmt auch gut gewesen.

Tag 186 – Von Devisengefahren, knappen Bikinis und vollen Kühlschränken

4. Juni 2018

Der Löw hat heute die endgültige Kader-Nominierung vorgenommen. Mit Jonas Hector und Kevin Trapp sind auch zwei Saarländer dabei. Die Türken stellen mit Özil und Gündogan zwar auch zwei Spieler ab, aber im Verhältnis zur Einwohnerzahl (Saarland: 1 Million; Türkei: rund 80 Millionen) ist das Saarland natürlich überproportional gut vertreten. Wird dem Team bestimmt gut tun.

Überlege, ob ich ein paar Rubel nach Russland mitnehmen soll. Hab’ so an 20.000 gedacht. Hört sich viel an, extrem viel. Ist aber nicht so. Man muss aktuell durch 72,5 teilen. Pah! Nichts leichter als das. Kommt dann auf etwa 275 Euro. Ich seh’s schon kommen, die Gefahr, dass wir in Russland irgendwelche Falschberechnungen vornehmen, ist nicht so ohne.

Sehe dann, dass die Banken in Deutschland mehr als 10% an Umtauschgebühren verlangen. Ziemlich viel. Werde daher ganz ohne Rubel nach Moskau fliegen und erst am 16. Juni direkt nach der Ankunft im Moskauer Flughafen wechseln.

Unterdessen hat Norberto das mit den Bikinis mitbekommen. Ruft mich extra an.

„Ist deine Frau in der Nähe?“

„Nein, warum?“

„Du hast doch die Deutschland-Bikinis bestellt.“

„Ja. Aber pssst! Nicht so laut. Meine Frau ist nicht so gut drauf zu sprechen.“

„Kannst du mir auch welche bestellen?“

„Klar, mein Freund! Wie viele brauchst du?“

„Etwa ein Dutzend.“

„Scherzkeks.“

Hab’ mit ihm dann abgesprochen, dass ich für ihn weitere drei Bikinis in Schwarz-Rot-Gold besorge. Heimlich versteht sich. Nicht, dass er ebenso in Bredouille gerät wie ich.

„Wenn es nicht anders geht, darf es auch ruhig etwas mehr sein“, höre ich ihn noch rufen, ehe ich den Hörer auflege. Kenne ich sonst nur von der Metzgertheke. Das kann ja was werden.

Apropos Metzgertheke. Was wir auch noch prüfen müssen, sind die russischen Wurstverpackungen. Sind dort, wenn man “Ein Viertel Fleischkäse, bitte“kauft, auf den Tüten auch lächelnde Schweine drauf abgebildet? Bei den Tüten in den deutschen Märkten könnte man immer meinen, die Tiere seien regelrecht froh, endlich geschlachtet zu werden.

Manchmal steht sogar drauf: Artgerechte Tierhaltung. Von „artgerechter Tierhaltung“ zu sprechen, wenn es letztlich rein ums Schlachten von Tieren geht, halte ich für gewagt. Oder wie bei einem anderen Prospekt: „Hofglück“. Oder „Tierschutz der Premiumklasse“. Irgendwie grotesk. Ich glaube, es gäbe wesentlich mehr Vegetarier, wenn statt lächelnder Schweine weinende auf den Verpackungen abgebildet wären. Mal sehen, wie das in Russland so ist.

Freitagabend hatte ich unglücklicherweise meine Freunde Oleg und Lew in der Alten Schmiede getroffen. Zufällig. Zumindest … ein bisschen zufällig. Gut … wir hatten uns verabredet, aber das muss ja nicht jeder wissen. Kurz nach Mitternacht bestellten wir noch einige Fan-Artikel übers Internet. Waren grad gut drauf. Vier Uschankas mit schwarz-rot-goldenen Klappohren und einheitliche Trikots mit Wunschnamen: „Oleg“ (unser Kapitän), „Norberto“, „Lew“, „Maxim“ und „Osvaldo“. Unsere komplette Truppe.

Besprechen dann, wie wir mit möglichen unmoralischen Angeboten umgehen sollen. Haben Angst, dass wir in Russland festen Trinkern in die Hände fallen. Bier können wir ja. Aber Wodka? Davor graut uns. Haben regelrecht Bammel. Wollen gänzlich ohne Wodka durchkommen. Aber wir haben gehört, dass Russen beleidigt sein sollen, absolut beleidigt, wenn man ein Trink-Angebot ausschlägt, dann sehen wir uns in einer ziemlich verzwickten Lage. Müssen wohl vorher alle noch zu unserem Hausarzt (wir haben alle den gleichen), der muss uns dann eine Wodkaallergie oder sowas bestätigen. Die legen wir vor - und raus sind wir. Bestimmt.

Ob die Umsetzung funktioniert? Wissen wir nicht. Wie auch immer. Jedenfalls stoßen wir auf unseren genialen Plan schon mal an und beschwören (uns gegenseitig mit gespitztem Mund zusichernd): „Wir werden uns von allem fernhalten. Von allem!“

Unser Wort in Gottes Ohr.

Manchmal haben die Russen andere Empfindungen als die übrigen Europäer. Wenn man sieht, dass die Lebenserwartung russischer Männer in Moskau unter 60 Jahren ist, dann fällt mir dazu nur die vielsagende russische Weisheit ein:

„50 Werst ist keine Entfernung, minus 50 Grad keine Kälte und 50% kein Alkohol.“

Uiuiui.

Alex meldet sich. Hatte Norbertos russischen Freund vor ein paar Tagen gefragt, ob er vielleicht eine Idee für eine Unterkunft in Moskau hätte.

Die Vroni vom Hostel hatte mir vor fünf Tagen ja meine Buchung mir-nichts-dir-nichts storniert. Die hat jetzt wohl gemerkt, dass sie an den Fußball-Fans aus der ganzen Welt viel mehr Geld verdienen kann. Hat die stornierten Betten mit hoher Wahrscheinlichkeit zu höheren Preisen wieder neu angeboten. Sauerei sowas. Kann man aber nix machen. Mit russischem Recht kenne ich mich nicht aus.

Der gebuchte Schlafsaal war mir ohnehin ein wenig suspekt: Noch keine Bewertung, erst seit Neuestem als Anbieter gelistet, Etagendusche, kein WLAN, kein Frühstück. Und natürlich null Sterne. Vielleicht sogar ein Plumpsklo hinterm Busch. Wer weiß. Vielleicht gehe ich – wenn ich in Moskau weile – trotzdem mal zu der Vroni und spreche bei ihr vor. Was sie sich dabei gedacht hat. Vielleicht lade ich sie aber auch auf einen Kaffee ein, wenn sie andere … sagen wir mal … Referenzen vorweisen kann, zwei Prädikatsexamen oder so, mal sehen. Und dann schreibe ich die erste Bewertung.

Alex meint, seine Freunde in Moskau würden das machen, das mit der Unterkunft. Er hätte das gestern abgeklärt. Ich könnte dort irgendwo übernachten. Preis müsse er noch absprechen.

„Hab’ ihnen extra gesagt, sie sollen den Kühlschrank immer schön voll machen“, betont Alex stolz. Danke dem Alex.

„Echt Klasse, du!“

„Klar, gern geschehen.“

Hoffentlich verwechselt er nicht „Kühlschrank voll machen“ mit „Osvaldo voll machen“. Erwähne so nebenbei, dass ich eine Wodkaallergie habe. Gerade total akut. Und außerdem: Den Alex kenne ich nicht persönlich. Habe da eher die Vermutung, er hält mich für einen zweiten Norberto. Von wegen Kühlschrank immer schön voll und so.

Bin echt erleichtert. Moskau ohne Unterkunft wäre womöglich nicht so doll gewesen. Alex’ Freunde müssen wegen mir aber noch einiges organisieren: Wer nämlich bei der Einreise keine Hotelunterkunft nachweisen kann, muss innerhalb 24 Stunden bei irgendeiner Behörde mit Reisepass vorstellig werden. Wo das ist, sind die Jungs noch am Recherchieren. Jedenfalls total lieb von denen, dass die sich darum kümmern. Ich freue mich schon, sie kennenzulernen. Und werde mich bestimmt revanchieren.

Denke da an einen schönen Schwenkabend auf dem Roten Platz.

Tag 187 – Känguru mit Pflegestufe 2

5. Juni 2018

Heute letzter (und gleichzeitig erster) Gesundheitscheck - und gleichzeitig auch letzte Möglichkeit meiner Frau, unsere Truppe vielleicht doch noch irgendwie sprengen zu können.

Gehe zum Arzt meines Vertrauens. Natürlich. Weiß ja, was mir gut tut. Kann jetzt nicht sagen, wer das ist, sonst kriegt der einen Zulauf ohne Ende.

„Wir machen Russland-Spezial“, meint seine Assistentin nach der Begrüßung lächelnd.

„Ein guter Start“, denke ich, „hab’ voll Vertrauen in sie.“ Blut abzapfen (lege mich besser mal hin), Sauerstoff-im-Blut-Messung (kann auch was anderes gewesen sein, ich weiß es nicht mehr, die Ramona hat mich total aus dem Konzept gebracht, es war jedenfalls ok), Blutdruck („wie aus dem Ei gepellt!“), Lungenfunktionstest (Ergebnis hab’ ich nicht mehr mitgekriegt), Ultraschall der Bauchorgane dann durch meinen Hausarzt selbst.

Zuerst ist die Leber dran. „Wie im richtigen Leben“, schießt es mir durch den Kopf, „da denken wir auch immer zuerst an die.“ Die Leber wird dann regelrecht auf Herz und Nieren geprüft, wie man so schön sagt.

„Osvaldo, ich weiß nicht, wie du das machst, aber die Leber sieht überraschend gut aus, meinen Glückwunsch!“, stößt mein Hausarzt hervor. Ich puste tief aus, erleichtert, die Lippen flattern dabei.

Er macht dann noch ein paar weitere Tests, so wie früher bei Bundeswehr-Musterungen. „Du bist bin einer erstaunlich guten Verfassung. Russland kann kommen. Ich gebe dir grünes Licht.“

Boah, sehr gut. Hätte nur gefehlt, dass er sagt: „Wenn dem Löw ein Mann ausfällt, kann er dich nachnominieren.“

Gehe gestärkt nach Hause und berichte meiner Frau stolz von dem Ergebnis. Sie will das alles komischerweise nicht wahrhaben - es sei mit hoher Wahrscheinlichkeit ja „wohl alles gefälscht“.

„Zu Hause meint man, du hättest Pflegestufe 2 und dort hüpfst du rum wie ein Känguru. Da stimmt doch was nicht!“ Sie will plötzlich einen „neutralen Gutachter“ einschalten, wie sie es formuliert. Traut mir echt nicht zu, dass ich topfit bin. In der Verfassung meines Lebens quasi.

Jedenfalls von Vorteil, dass die letzten Ergebnisse der Blutuntersuchung erst dann eintrudeln, wenn wir schon in Russland sind.

Apropos eintrudeln: Norbertos Deutschland-Bikinis in Schwarz-Rot-Gold kamen heute an. Sehen echt toll aus. Ich will an dieser Stelle aber trotzdem nicht näher auf die Umstände eingehen, die in Anwesenheit meiner Frau eintraten, als mir beim schnellen Verschwindenlassen eines der vier Teile aus der Hand fiel.

Auch mit Dmitri bin ich wieder intensiv in Kontakt. Wegen des Wolgograd-Aufenthalts (seiner Heimatstadt). Er will uns ein Hotel eines guten Freundes vermitteln, mit Vollpension. Wird Zeit, dass wir Nägel mit Köpfen machen.

Vollpension würde Norberto zwar sehr entgegenkommen (er könnte dann zwischendurch in der Stadt immer mal wieder noch andere Leckereien probieren, so für zwischendurch), aber auf der anderen Seite würde sie uns davon abhalten, Land und Leute kennenzulernen. Und darum geht es uns ja. Wir müssen unter die Leute! In einem Hotel verstecken bringt uns nix. Das kann man ja überall auf der Welt.

Jedenfalls folgender WhatsApp-Verlauf:

Osvaldo: Guten Morgen Dimitri, nochmal vielen Dank für deine Hilfe. Kannst du uns vielleicht noch sagen, wie das Hotel in Wolgograd heißt?

Dmitri: Serwus, TeremOK.

Googele nach TeremOK.

Osvaldo: Ich hab‘ es nicht gefunden. Hast du vielleicht direkt eine Internet-Adresse? Danke!

Dmitri: Das ist nicht nur Hotel, das ist komplette Anlage mit Schwimmbad, Sauna, Hamam, Tennisfeld und und und … Hotel-volgograd.ru.

Beginne wieder zu surfen. Mmhhh … komisch … finde das Hotel unter der Adresse www.hotel-volgograd.ru gar nicht. Vielleicht hat er sich vertippt? Lasse den Bindestrich einfach mal weg: www.hotelvolgograd.ru .Jetzt klappt’s. … Wow, was für ein Schuppen! Das dürfte das beste Hotel am Platze sein. Uiuiui. Sowas würde unsere bisherigen Unterkünfte sprengen. Was den Luxus anbelangt. Ist ja alles dabei. Unglaublich.

Was meinte Dimitri anfangs bloß mit TeremOK…? Ach, egal. Wenn es bei dem Preis bleibt, den er mir vor einigen Wochen mal telefonisch nannte, dann nehmen wir das Teil. Angeblich 70 Euro pro Person, Transfer nochmal 50 Euro extra. Für zwei Übernachtungen in einem Doppelzimmer.

Frage also heute vorsichtshalber nochmal nach:

Osvaldo: Wie war das nochmal mit dem Preis? Zweimal 70 €, oder?

Dmitri: Ja, 70 pro Person. Was bezahlt ihr für Flüge?

Osvaldo: Wir haben noch nicht gebucht. Wir wollen noch abwarten, ob Deutschland Gruppen-Erster oder Gruppenzweiter wird. Geplant ist der Flug von Sankt Petersburg nach Wolgograd. Der ist auch nicht so teuer, hab ich schon mal nachgeguckt. Als Gruppenzweiter spielen wir aber in Samara. Das würde um einiges komplizierter werden. Aber wird schon gut gehen.

Dmitri: Wolgograd ist reserviert, du würdest dort viel Spaß haben.

Osvaldo: Ja, wir freuen uns sehr auf Wolgograd. Das ist jetzt gesetzt.

Bei dem Preis kann man echt nicht meckern. Und wenn wir zum Mittagessen bei der Vollpension mal nicht anwesend sind, ist nicht weiter schlimm. Und auch der Taxipreis ist bei den sonstigen Konditionen eher zu vernachlässigen. 50 Euro für etwa 30 Kilometer vom Flughafen bis in die Stadtmitte, das ist zwar viel, gerade für russische Verhältnisse. Aber was soll’s. Der Dmitri wird schon wissen, wie die Preise sind. Also … geschenkt. Geht in Ordnung.

Wir lassen das Teil nun vom 4. bis 6. Juli von Dmitri für uns buchen. Aber irgendwie bleibt ein mulmiges Gefühl, kann es nicht erklären … irgendwie ist mir das mit dem besten Hotel am Platze nicht ganz geheuer. Und für eine Taxifahrt 50 Euro? Und „TeremOK“ …? Egal, wird schon alles gut gehen.

Nachmittags dann eine tolle und liebenswerte Überraschung, über die wir uns sehr gefreut haben: Per Post kommt ein Päckchen an, von einer Leserin des Blogs, der bereits mehrfach erwähnten Meisterleserin.Mit vielen wertvollen Sachen für die Reise, wie z.B. Super-Super-Ohrstöpseln („Schutz vor Lärm“, Norberto!), Zahnstochern (nicht dass es uns wieder geht wie in Brasilien, als die Teile bei dem ganzen Fleischgepuddel nach den schier endlosen Churrasco-Mahlzeiten ausgingen), einem „Weltmeister“-Pils als eiserne Reserve, Taschentüchern („für die Freudentränen“), einer „Überherrner Geheimwaffe“ (eine Dose Schwenkbratengewürz, um Putins Töchter von den Vorzügen des Saarlandes zu überzeugen) und allen guten Wünschen für das Unterfangen.

Der Oleg, der Lew, der Norberto, der Maxim und ich sind sehr angetan und überzeugt, die Utensilien werden uns dabei helfen, den Pott wieder mit nach Hause zu bringen. Jetzt liegt es an uns.

Und vielleicht haben wir dann zusätzlich Putins Töchter mit im Gepäck. Wer weiß.

Tag 188– Wanted: Ein tragbarer Akku-Kühlschrank

6. Juni 2018

Die WM rückt näher und das Fußballfieber steigt ebenso wie die Anzahl an Freundschaftsspielen. Alle Teams wollen noch einmal testen. So spielen aktuell Armenien gegen Moldawien, Kasachstan gegen Aserbaidschan, Luxemburg gegen Georgien und Italien gegen die Niederlande. Alle auf einer Wellenlänge, alle etwa die gleiche Spielstärke, da nicht qualifiziert. Oha. Statt einer möglichen Finalpaarung müssen Italiener und Holländer beim größten Fußballevent zusehen. Kein Wunder, dass sie sich schiedlich friedlich 1:1 trennen. Wobei: Es gab trotz „Freundschaftsspiel“ auch eine glatte rote Karte. Für die Italiener. Der geneigte Zuschauer kann davon ausgehen, dass es sich um ein typisches Frustfoul gehandelt haben muss.

Wie auch immer - ich hätte die beiden Teams lieber dabei gehabt. Tolle Fans, die gut feiern können und immer alles geben. Na gut, jetzt sind wir eben auf die Panamesen (heißt das so?) und die Araber gespannt. Und auf die Panamesinnen und die Araberinnen natürlich. Mit der ersten Araberin, der wir begegnen, machen wir ein Bild. Dürfte eine Seltenheit werden.

Unterdessen treffen weitere bestellte Fanartikel ein. Wird wohl schwer, alles in einem einzigen Koffer unterzubringen. Gesetzt sind der Schwenker und ein Deutschland-Trikot. Alles andere ist Beiwerk.

Telefoniere lange mit unserem Freund in Tarussa, dem Gunnar. Er hat viele Neuigkeiten für uns. Einige können wir gar nicht glauben. Oder besser - wollen sie nicht wahrhaben. Auf dem Roten Platz herrscht angeblich ein Rauchverbot. Mmhhh … gut, dass er nix von Schwenkverbot gesagt hat. Mit extrem trockenem Buchenholz dürfte das aber kein Problem werden. Das gibt nämlich keinerlei Rauchentwicklung. Wird also von Putins Beamten (haben die russischen Polizisten eigentlich einen bestimmten Namen, so wie die „Bobbys“ in England?) nix Schlimmes zu beobachten sein. Da sind wir schon mal auf der sicheren Seite.

Das Rauchverbot in Russland geht wohl zurück auf ein Gesetz zur „Förderung der Volksgesundheit“ vor etwa drei Jahren. Es sei die strengste Regelung in ganz Europa: 50 Meter von öffentlichen Gebäuden entfernt darf nicht mehr geraucht werden und 100 Meter von Schulen. Zu was zählen Stadien? Die sind ja hoffentlich alle in Privatbesitz. Bei der Einführung des Rauchverbots hätten alle mit einer Revolution gerechnet. Damit haben die Russen ja Erfahrung. Blieb aber alles überraschend ruhig.

Als wenn es nicht schon schlimm genug wäre (Lew, Oleg und Norberto sind leidenschaftliche Gelegenheitsraucher, vor allem bei dramatischen Strafraumszenen und bei Gegentoren), herrscht wohl auch ein strenges Verkaufsverbot von Alkohol nach 22 Uhr (und vor 10 Uhr morgens).

„Es hat keinen Zweck, die Verkäuferinnen bestechen zu wollen“, klärt mich Gunnar auf, so als ob er meine Frage schon kommen sah, „die russischen Registrierkassen nehmen zu bestimmten Uhrzeiten erst gar keinen Strichcode mit Alkohol an.“

Heißt also, wir brauchen einen Plan. Das Bier soll ja nicht warm werden, wenn wir es vor 22 Uhr kaufen, aber erst um Mitternacht schnappen wollen. Einen tragbaren Akku-Kühlschrank, gibt es sowas? Wenn nicht, wäre das für Russland auf jeden Fall eine brauchbare Geschäftsidee.

Tag 189– Russland, Rum und Ramadan

7. Juni 2018

Bin gerade mit der Kleinen beim Schlagzeugunterricht, als das Handy vibriert. Upps - eine russische Nummer! Da wir eh gerade im Aufbruch sind, gehe ich ran. Aha. Es ist das Hostel in Moskau, das mir letzte Woche diese schlimme Nachricht schickte, dass ein Systemfehler vorgelegen hätte und deshalb meine Buchung hätte storniert werden müssen.

Eine weibliche Stimme fragt (zum Glück nicht auf Russisch, sondern auf Englisch), ob ich denn die Mail nicht bekommen hätte.

„Doch, doch … ähh … oui, oui … ich meine … yes, of course!“

Bin noch ganz benebelt von den Drums. Sie erklärt dann (vermute ich mal), dass das mit dem gebuchten Schlafsaal nicht klappt. „A Mistake“ und „System-Failure“ glaube ich verstanden zu haben. Sage ihr, sie soll mir alle Infos bitte nochmal per Mail zuschicken.

Wieder zu Hause, trifft die Mail auch schon ein.

Sie erklärt das Gleiche wie letzte Woche (siehe Tag 181 „Enttäuschende Drahtpflege“), nur mit noch schöneren Umschreibungen. Hab mich bewusst nicht gemeldet. Sollen doch mindestens ein schlechtes Gewissen haben. Stelle mir das schön vor - sie schreiben mir eine schön formulierte Stornierung und ich tauche dann plötzlich trotzdem auf. Mit ganzem Gepäck. Und durstig natürlich.

„Die Veronika will auf Nummer sicher gehen“, denke ich, „ganz schön schlau“. Sie wiederholt, dass keinerlei Stornogebühren anfallen würden (ach was! Da habe ich aber Schwein gehabt) und dann die obligatorische Frage, ob sie irgendwie helfen könne.

Ich versuche dann auf Englisch zu antworten (Russisch traue ich mir nach zwei Unterrichtseinheiten à 60 Minuten noch nicht zu):

„Liebe Veronika Matushkina,

Danke für Ihren Anruf und Ihre Mail. Es ist schade, dass das Zimmer nicht mehr verfügbar ist.

Ich suche ein Zimmer für mich (16.-22. Juni) und für meinen Freund Maxim (18.-22. Juni). Ich bin Osvaldo und besuche mit meiner Truppe die Fußball-WM in Russland.

Im Moment habe ich Kontakt zu einem russischen Freund, vielleicht funktioniert das. Aber ich weiß es einfach nicht. Vielleicht kannst du auch helfen, ein Zimmer für mich und meinen Freund zu finden.

Eine weitere Option ist Couchsurfing. Übernachten bei wildfremden Privatpersonen. Da bin ich auch noch dran. Vielleicht klappt das.

Ansonsten könnten Sie mir vielleicht bei einer Übersetzung ins Russische behilflich sein. Ich überlege nämlich, mich in Moskau mit einem Schild irgendwohin zu stellen:

‘Suche Zimmer (16. - 22. Juni) in Moskau’.

Ich würde gerne zum Roten Platz gehen und den Passanten (in russischen Buchstaben) das Plakat zeigen. Ist es möglich, dass Sie das auf Russisch übersetzen?

Danke für Ihre Hilfe!

Osvaldo“

Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten, es ist eine Nachfrage:

Ich hätte doch ursprünglich für vier Personen gebucht, wieso denn jetzt plötzlich nur noch für zwei Personen?

Au Mann. Bis ich ihr das erklärt habe … Und dann noch auf Englisch.

Überlege, wie ich es ihr sagen kann, ohne damit rauszurücken, dass wir den gebuchten 4er-Schlafsaal eigentlich nur zu zweit nutzen wollten.

Schreibe dann zurück, dass meine zwei anderen Freunde schon was Neues hätten. „But the Max and me, we still need some beds, please.“

So, das sollte es gewesen sein, die Veronika meldet sich bestimmt nicht mehr.

Stehe jetzt da, eine Woche vor dem Aufenthalt in Moskau, und habe immer noch keine Bleibe. Der Freund von Norberto, der Alex, hat zwar gesagt, das mit der Unterkunft in Moskau ginge klar, meldet sich aber seit fünf Tagen nicht mehr. Habe weder die Namen noch die Adresse seiner russischen Freunde.

Es kam sogar so weit, dass meine Frau (ja, meine Frau!) jetzt vorgeschlagen hatte, es mal mit „Couchsurfing“ zu probieren. Wohnen von privat zu privat. Sie hat ihren Widerstand nach meinem vorzüglichen Gesundheitsattest von vorgestern wohl aufgegeben und gibt sich geschlagen. Lässt mir und den Jungs also freien Lauf, Gott sei Dank. Hab mich dann auch sofort bei couchsurfing.com angemeldet und ein kurzes Profil angelegt. In Moskau stehen für den gesuchten Zeitraum immerhin noch mehr als 3000 Gastgeber zur Verfügung. Schaue mir ein paar Profile an, lasse es dann aber, weil ich mich unwohl dabei fühle, mich nur für die WM anzumelden. Habe da irgendwie ein schlechtes Gewissen.

Bei Couchsurfing ist es so, dass du woanders wohnen kannst, wenn du gleichzeitig dein Zuhause für Couchsurfer aus anderen Ländern anbietest. Also lasse ich es lieber. Ich will abwarten, ob sich Alex vielleicht doch wieder meldet.

Bei so viel Durcheinander wegen der Unterkunftssuche habe ich erstmal einen Stopp gemacht. Bin dann zu Fuß ins Dorf, etwas futtern. Derzeit gibt es im „Treff am Brunnen“ in meinem Heimatort immerhin die beste Currywurst im ganzen Südwesten.

Ziemlich cool, dass im Laufe des Abends an der Theke das Gespräch auf Russland kommt. Und – noch cooler, fast schon eine Fügung – plötzlich eine junge Dame auftaucht, von der mir die Inhaberin Nadja erzählt, dass sie Russin sei. Und was dann kommt, kann man sich denken: Ich bat die Victoria, mir doch bitte auf Russisch zu übersetzen, was „Suche eine Unterkunft vom 16. bis 22. Juni“ heißt. Hier das Ergebnis:

Total nett, die Victoria. Ihre Oma wohnt noch heute in der Nähe von Moskau, etwa 200 Kilometer südöstlich. „Die würde euch bestimmt gerne in Empfang nehmen“, scherzt Victoria und versichert anschließend, dass das auch wirklich so sei. Hätten wir doch bloß einen Tag länger Zeit in Russland, wir hätten ihrer Oma bestimmt einen kurzen Besuch abgestattet. Passt aber leider nicht mehr ins Programm.