Die Tuchhändlerin - Ivonne Hübner - E-Book
Beschreibung

Als gebildete Tochter eines Damasthändlers unterstützt Luisa ihrem Vater in seinem Geschäft. Doch die Zeiten sind schlecht: Mit dem einst florierenden Weber-Gewerbe geht es bergab, seit Damast und Leinen maschinell hergestellt werden können. Das merkt auch Caspar, der Sohn eines angesehenen Damastwebers mit schicksalhafter Vergangenheit, in den Luisa sich verliebt. Um Webermeister zu werden, muss Caspar heiraten, doch Luisa ist nicht die passende Partie für einen armen Weber. Als Luisas Vater Caspars Bruder Clemens, einem arrivierten Offizier, die Hand seiner Tochter verspricht, kommt es zu einem Eklat - und Luisas und Caspars Glück scheint für immer in weite Ferne zu rücken ...

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Seitenzahl:453

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Die Tuchhändlerin

Historischer Roman von Ivonne Hübner

Inhaltsverzeichnis

Erster Teil, 1

Erster Teil, 2

Zweiter Teil, 1

Zweiter Teil, 2

Dritter Teil, 1

Dritter Teil, 2

Bilder zum Buch

Impressum

Leseprobe

Meinen Töchtern

Erster Teil

in dem erzählt wird,

wie ein Dorf von einer jungen Frau

an der Nase herumgeführt wird

Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,

ist dem Tode schon anheimgegeben,

wird für keinen Dienst auf Erden taugen,

und doch wird er vor dem Tode beben,

wer die Schönheit angeschaut mit Augen!

August Graf von Platen

Ein Dorf am Fuße des Zittauer Gebirges, Januar bis August 1830

Luisa und Ludwig Treuentzien begruben Emil Wanger noch vor dem Frühstück. Emil Wanger war neunzehn Jahre alt geworden, hatte gerade die Gesellenprüfung bestanden.

Luisa und ihr Vater gehörten nicht zu denen, die sich vor Wangers Grab stellten, um andächtig hineinzu­blicken und Erde oder Trockenblumen auf den Totensack zu werfen. Sie gehörten nicht zu den Dutzenden ­Webern, die sich die Zehen anfroren und auch nicht zu den ­Textilfabrikanten, die der Beisetzung ganz fernblieben. Luisa und ihr ­Vater gehörten zu denen, die sich im Hinter­grund ­hielten und sich alsbald vom Friedhof stahlen, um sich einem reichhaltigen Frühstück mit heißer Schokolade zu ­widmen. Der Tod war kein seltener Gast in einem ­harten ­Winter wie ­diesem und der Alltag ließ nicht viel Raum für Trauer. Schon gar nicht für Luisa und ihren Vater.

Es war Montag, und montags brachten die Weber die Ware ins Kontor. Leinen und Damaste. Luisa hatte die Auflagen­bücher zu führen und machte sich ans Werk, um alles für die Warenannahme vorzubereiten. Wie sie es auf der Expedientenschule gelernt hatte, half sie ihrem Vater, die Weber, die vor dem Kontor von Export ­Treuentzien ­warteten, einen nach dem anderen abzufertigen.

Luisa zog das wollene Umschlagtuch bis in den Nacken. Sie durfte sich nicht erkälten, wenn ihr Vater morgen nach Dresden aufbrechen und sie in seiner Abwesenheit das Kontor übernehmen wollte. Rasch trat sie an den ­Instrumentenschrank. Vater nahm ihr die Utensilien ab, die sie benötigten, um die Damaste der Weber auf ihre Qualität hin zu kontrollieren. Wortlos notierte Luisa die Gütekriterien, die er ihr zuraunte. Die Arbeit eines ganzen Winters, abgeurteilt zwischen fein gezogenen Graphit-Linien ihres Auflagenbuches.

Ein mangelhaftes Stück Tuch. Das erkannte Luisa sofort. Unregelmäßige Schussführung, schlampiger ­Fadenwechsel, sogar ein, zwei Fadenbrüche, mit nachlässigen Weber­knoten geflickt. Sie hörte Vaters Zungenschnalzen, er nannte ihr die Summe, die sie aus der Kasse nehmen sollte. Sie stellte sein Urteil nicht infrage, sondern zählte siebzehn Taler ab. Kein leichter Tag für den Wanger. Sie hörte ihn seufzen.

„Papa!“ Luisa zupfte ihrem Vater am Ärmel und zog ihn ein Stück vom Warentisch weg, damit der Weber nicht belauschte, was sie flüsterte: „Lass ihm die zwanzig Taler, weil ihm doch der Junge gestorben ist.“ Sie beobachtete ihren Vater, der sich mit der Hand durch das Haar fuhr. Obwohl er nach außen hin ungerührt schien, war ihr Vater kein Unmensch.

Nicht an seine Tochter wandte er sich, sondern an den Weber: „Die Zeiten sind schlecht, Herr ­Wanger. Sagen Sie mir, wieso ich Ihnen zwanzig Taler für ein Tuch geben sollte, das nur siebzehn wert ist?“

Der Weber Albert Wanger antwortete nicht. Luisas Vater, der viel gerühmte Expedient Treuentzien, nickte wie ein Oberschullehrer. Fehlte nur noch das „Na bitte!“. Aber das sparte sich Ludwig Treuentzien. Stattdessen offenbarte er dem armen Mann, dass er keinen weiteren Auftrag für ihn habe. Er hob den Blick, der Wanger senkte den seinen. Und Luisa erkannte in der gebeugten Gestalt des Webers die Verzweiflung. Der Leichnam des Sohnes kaum mit Erde bedeckt, stürzte die ganze Familie in den Abgrund der Arbeitslosigkeit. Luisa wusste, der Wanger würde sich auf Leinwand verdingen, wenn er keinen Damastauftrag bekam.

„Nun also hier ...“ Ihr Vater griff jetzt dergestalt in die Blechschatulle, dass die Münzen ordinär klimperten. „Zwanzig Taler, und nun fort mit Ihnen.“ Das meinte ihr Vater nicht böse, das wusste Luisa. Es klang auch nur gespielt barsch, eher väterlich. Der Weber, dirigiert vom Exporteur und seinesgleichen, verharrte auf seinem ­Flecken. Unangenehme Stille schob sich zwischen den Weber, den Expedienten und seine Tochter.

Luisa räusperte sich und rieb ihre Handflächen anein­ander. „Wann wird sie niederkommen, Ihre Frau, Herr Wanger?“ Sie wusste, dass ihr Vater sie solch persönliche Fragen nicht gern an die Weber stellen hörte. Sie merkte sehr wohl, wie er schon wieder die Augenbrauen hochzog.

Jedenfalls kam der Weber nicht zum Antworten, denn ihr Vater sprach in mahnenden Worten: „Bei acht Kindern, Herr Wanger, und einem, das unterwegs ist, muss man gewissenhafter arbeiten!“

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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