Die Weiße Rose - Inge Scholl - E-Book
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Inge Scholl

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Beschreibung

Die "Weiße Rose" wurde zum Symbol einer Aktion, mit der einige Münchner Studenten zum Widerstand gegen die Diktatur Hitlers aufriefen. Sie bezahlten dafür mit ihrem Leben: im Februar 1943 fielen sie der Gestapo in die Hände. Die Geschwister Hans und Sophie Scholl waren unter den Hingerichteten. Inge Scholl, die Schwester, erzählt mit Hilfe von geretteten Dokumenten die Vorgeschichte und den Verlauf der Bewegung. Diese Ausgabe enthält außerdem Gerichtsurteile, Pressereaktionen und Augenzeugenberichte.

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Seitenzahl: 262

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Inge Scholl

Die Weiße Rose

 

 

Über dieses Buch

 

 

Die »Weiße Rose« wurde zum Symbol einer Aktion, mit der einige Münchner Studenten zum Widerstand gegen die Diktatur Hitlers aufriefen. Sie bezahlten dafür mit ihrem Leben: im Februar 1943 fielen sie der Gestapo in die Hände. Die Geschwister Hans und Sophie Scholl waren unter den Hingerichteten. Inge Scholl, die Schwester, erzählt mit Hilfe von geretteten Dokumenten die Vorgeschichte und den Verlauf der Bewegung. Diese Ausgabe enthält außerdem Gerichtsurteile, Pressereaktionen und Augenzeugenberichte.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Inge Aicher-Scholl (1917-1998) gründete nach dem Krieg die Ulmer Volkshochschule und setzte wenige Jahre später mit der ›Geschwister-Scholl-Stiftung‹, der Trägerin der Hochschule für Gestaltung in Ulm, ihren Geschwistern ein Denkmal.

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2011 S. Fischer Verlag GmbH,

Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main

 

Die Rechte an dem Beitrag von Falk Harnack liegen beim Autor

Covergestaltung: +malsy, Bremen

ISBN 978-3-10-401310-7

 

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Inhalt

Vorbemerkung

Die weisse Rose

In den frühlinghaften Februartagen [...]

Flugblätter der Weißen Rose

1. Kapitel

II

III

IV

Flugblätter der Widerstandsbewegung in Deutschland

Das letzte Flugblatt

Bemerkungen zu den Zielen der Weißen Rose

Urteile des Volksgerichtshofs

Im Namen des Deutschen Volkes

Im Namen des Deutschen Volkes

Augenzeugenberichte

Josef Söhngen, Buchhändler in München, Freund von Hans Scholl, Mitwissender der Aktion und zu Hilfestellungen herangezogen. Brief an Inge Scholl, Ende 1945

Traute Lafrenz, Medizinstudentin, befreundet mit Hans Scholl, vermittelte den Kontakt zu Hamburger Widerstandsgruppen (später Hamburger Zweig der Weißen Rose genannt)

Lilo Fürst geb. Ramdohr, befreundet mit Alexander Schmorell. Vermittelte den Kontakt zu Falk Harnack. Hilfe bei dem Fluchtversuch von Alexander Schmorell.

Dr. Falk Harnack, jüngster Bruder von Arvid Harnack, der am 22. 12. 1942, ebenso wie später seine Frau Mildred Harnack und Harro Schulze-Boysen in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde

Elisabeth Hartnagel, geb. Scholl, Schwester von Hans und Sophie Scholl

Wilhelm Geyer, Kunstmaler aus Ulm, Freund von Hans und Sophie Scholl; hielt sich im Februar 1943 einige Zeit in München zur Porträtierung von Carl Muth auf und wohnte zeitweise bei den Geschwistern Scholl bzw. im Atelier Eickemeyer

Helmut Goetz, damals Student an der Universität München

Robert Mohr, Kriminalobersekretär bei der Gestapo München, Vernehmungsbeamter von Sophie Scholl und anderen Beteiligten des Kreises der Weißen Rose

Helmut Fietz, ehemals Obermelker in Penzberg, politischer Häftling im Gestapo-Gefängnis Wittelsbacher Palais, Zellengenosse von Hans Scholl während seiner Haft vom 18. bis 22. 2. 1943

Dr. Leo Samberger, damals Jurastudent und Gerichtsreferendar in München

Pfarrer Dr. Karl Alt, München, evangelischer Gefängnisgeistlicher am Vollstreckungsgefängnis München-Stadelheim

Rechtsanwalt Dr. Siegfried Deisinger, München Verteidiger von Alexander Schmorell

Reaktionen und Stimmen

›Münchner Neueste Nachrichten‹ DTNachrichten

Thomas Mann in der periodischen Rundfunksendung ›Deutsche Hörer!‹ vom BBC, London

Flugblatt des Nationalkomitees ›Freies Deutschland‹, einer Organisation kriegsgefangener deutscher Soldaten in Rußland

Kurt R. Großmann, Rechtsanwalt, deutscher Emigrant in New York

Bischof Eivind Berggrav, Oslo, eine der zentralen Personen des Norwegischen Widerstandes

Bilder

Vorbemerkung

Es sind jetzt fünfzig Jahre her, seit die Geschwister Scholl und ihre Gefährten wie auch andere in manchen Teilen Deutschlands und Österreichs ihre frühen, hellsichtigen Gedanken über den Beginn von Schrecken und Terror, seine für viele noch kaum merkbaren Anzeichen bis zum Höhepunkt der Gewalt in eine Tat umsetzten, die Geschichte geworden ist und bleiben wird.

Aber dem Wort GESCHICHTE hängt Vergangenheit an, und das ist gefährlich, läßt glauben, daß, was sich ereignet hat, vorbei ist und nicht mehr wiederkehrt. Es ist um so gefährlicher, als sich seit fünfzig Jahren die Bedingungen, unter denen wir leben, für viele extrem geändert haben. Die Lebensformen des Wohlstands, die vielen von uns immer selbstverständlicher werden, lassen dem Anschein nach nicht Tod, Folter und Terror – auch wenn er sich in nächster Nähe von uns abspielt – ahnen, lehren nicht glauben, was wir wissen.

Sich Konsum und Genuß unbedenklich auszusetzen, läßt das Herz erkalten, führt auf eine vielleicht noch gefährlichere Weise zu Hektik und Aggression und läßt wenige Möglichkeiten zur Betrachtung der Welt übrig, die betrachtet werden muß, aufmerksam, unablässig und konsequent. Während der Jagd nach der Effizienz des Materiellen nehmen Anonymität und Identitätsverlust zu. Der Wunsch, keinen Wunsch offen zu lassen, das Kostbarste also zu verlieren, beginnt in Gesichtern deutlich zu werden. Mitten auf den hellen Straßen, zwischen überfüllten Schaufenstern das Erwerbbare mit dem Unerwerbbaren und eigentlich Teuren zu verwechseln, macht die Welt leer.

Weil das äußere Bild aber ganz anders geworden ist als das Bild vor fünfzig Jahren, verharmlost (Inge Scholl spricht deutlich von der Gefahr der Verharmlosung) und dem Schein nach erfreulich, erheiternd, verschwindet die Heiterkeit aus den Herzen, die eigentliche Heiterkeit, die den teuren Tod einschließt. Ein beliebiger Tod und ein beliebiges Leben werden eingehandelt. Wir müssen auf der Hut sein.

Wien, Sommer 1992 Ilse Aichinger

Die weisse Rose

In den frühlinghaften Februartagen nach der Schlacht bei Stalingrad fuhr ich in einem Vorortzug von München nach Solln. Neben mir saßen zwei Parteigenossen im Abteil, die sich flüsternd über die jüngsten Ereignisse in München unterhielten. »Freiheit« war in großen Buchstaben an die Universität geschrieben worden, »Nieder mit Hitler« auf die Straßen, Flugblätter waren gefallen, die zum Widerstand aufriefen, die Stadt war wie von einem Stoß erschüttert. Zwar stand alles noch wie zuvor, das Leben ging weiter wie je, aber im geheimen war etwas verändert. Das merkte ich an dem Gespräch der beiden Männer, die sich hier im Abteil gegenübersaßen und ihre Köpfe zusammensteckten. Sie sprachen vom Ende des Krieges und was sie tun würden, wenn es plötzlich vor ihnen stünde. »Es wird nichts übrigbleiben, als sich zu erschießen«, meinte der eine und blickte rasch zu mir herüber, ob ich vielleicht etwas verstanden hätte.

Wie mögen diese beiden Männer aufgeatmet haben, als wenige Tage später überall brennend rote Plakate zur Beruhigung der Bevölkerung angeschlagen waren, auf denen zu lesen stand:

Wegen Hochverrats wurden zum Tode verurteilt:

 

Der 24jährige Christoph Probst

der 25jährige Hans Scholl

die 22jährige Sophia Scholl.

Das Urteil wurde bereits vollstreckt.

Die Presse schrieb von verantwortungslosen Einzelgängern, die sich durch ihr Tun automatisch aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen hätten. Von Mund zu Mund erzählte man sich, daß an die hundert Personen verhaftet worden waren, und daß noch weitere Todesurteile zu erwarten seien. Der Präsident des Volksgerichtshofes war im Flugzeug eigens von Berlin gekommen, um kurzen Prozeß zu machen.

In einem zweiten, späteren Verfahren wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet:

Willi Graf

Professor Kurt Huber

Alexander Schmorell.

Was hatten diese Menschen getan? Worin bestand ihr Verbrechen?

Während die einen über sie spotteten und sie in den Schmutz zogen, sprachen die anderen von Helden der Freiheit.

Aber kann man sie Helden nennen? Sie haben nichts Übermenschliches unternommen. Sie haben etwas Einfaches verteidigt, sind für etwas Einfaches eingestanden, für das Recht und die Freiheit des einzelnen Menschen, für seine freie Entfaltung und ein freies Leben. Sie haben sich keiner außergewöhnlichen Idee geopfert, haben keine großen Ziele verfolgt; was sie wollten, war, daß Menschen wie du und ich in einer menschlichen Welt leben können. Und vielleicht liegt darin das Große, daß sie für etwas so Einfaches eintraten und ihr Leben dafür aufs Spiel setzten, daß sie die Kraft hatten, das einfachste Recht mit einer letzten Hingabe zu verteidigen. Vielleicht ist es schwerer, ohne allgemeine Begeisterung, ohne große Ideale, ohne hohe Ziele, ohne deckende Organisationen und ohne Verpflichtung für eine gute Sache einzustehen, und allein und einsam sein Leben für sie einzusetzen. Vielleicht liegt darin das wirkliche Heldentum, beharrlich gerade das Alltägliche, Kleine und Naheliegende zu verteidigen, nachdem allzuviel von großen Dingen geredet worden ist.

 

Das beschauliche Städtchen im Kochertal, in dem wir unsere Kindertage verbrachten, schien von der großen Welt vergessen. Die einzige Verbindung mit dieser Welt war eine gelbe Postkutsche, die die Bewohner in langer, rumpelnder Fahrt zur Bahnstation brachte. Mein Vater jedoch, der dort Bürgermeister war, sah mit großem Kummer die Nachteile dieser Weltabgeschiedenheit und setzte es schließlich in zähem Kampf gegen manchen Bauernschädel durch, daß endlich eine Eisenbahn gebaut wurde.

Uns aber erschien die Welt dieses Städtchens nicht klein, sondern weit und groß und herrlich. Wir hatten auch bald begriffen, daß sie am Horizont, wo die Sonne auf- und unterging, noch lange nicht zu Ende war.

Aber eines Tages rollten wir auf den Rädern unserer geliebten Eisenbahn mit Sack und Pack davon, weit fort über die Schwäbische Alb. Ein großer Sprung war getan, als wir in Ulm, der Stadt an der Donau, die nun unsere neue Heimat werden sollte, ausstiegen. Ulm – das hörte sich an wie der Klang der größten Glocke vom gewaltigen Münster. Zuerst hatten wir großes Heimweh. Doch viel Neues zog bald unsere Aufmerksamkeit auf sich, besonders die Höhere Schule, in die wir fünf Geschwister eines nach dem andern eintraten.

 

An einem Morgen hörte ich auf der Schultreppe eine Klassenkameradin zur andern sagen: »Jetzt ist Hitler an die Regierung gekommen.« Und das Radio und alle Zeitungen verkündeten: »Nun wird alles besser werden in Deutschland. Hitler hat das Ruder ergriffen.«

Zum erstenmal trat die Politik in unser Leben. Hans war damals 15 Jahre alt, Sophie 12. Wir hörten viel vom Vaterland reden, von Kameradschaft, Volksgemeinschaft und Heimatliebe. Das imponierte uns, und wir horchten begeistert auf, wenn wir in der Schule oder auf der Straße davon sprechen hörten. Denn unsere Heimat liebten wir sehr, die Wälder, den Fluß und die alten, grauen Steinriegel, die sich zwischen den Obstwiesen und Weinbergen an den steilen Hängen emporzogen. Wir hatten den Geruch von Moos, von feuchter Erde und duftenden Äpfeln im Sinn, wenn wir an unsere Heimat dachten. Und jeder Fußbreit war uns dort vertraut und lieb. Das Vaterland, was war es anderes als die größere Heimat all derer, die die gleiche Sprache sprachen und zum selben Volke gehörten. Wir liebten es und konnten kaum sagen, warum. Man hatte bisher ja auch nie viele Worte darüber gemacht. Aber jetzt, jetzt wurde es groß und leuchtend an den Himmel geschrieben. Und Hitler, so hörten wir überall, Hitler wolle diesem Vaterland zu Größe, Glück und Wohlstand verhelfen; er wolle sorgen, daß jeder Arbeit und Brot habe; nicht ruhen und rasten wolle er, bis jeder einzelne Deutsche ein unabhängiger, freier und glücklicher Mensch in seinem Vaterland sei. Wir fanden das gut, und was immer wir dazu beitragen konnten, wollten wir tun. Aber noch etwas anderes kam dazu, was uns mit geheimnisvoller Macht anzog und mitriß. Es waren die kompakten Kolonnen der Jugend mit ihren wehenden Fahnen, den vorwärtsgerichteten Augen und dem Trommelschlag und Gesang. War das nicht etwas Überwältigendes, diese Gemeinschaft? So war es kein Wunder, daß wir alle, Hans und Sophie und wir anderen, uns in die Hitlerjugend einreihten.

Wir waren mit Leib und Seele dabei, und wir konnten es nicht verstehen, daß unser Vater nicht glücklich und stolz ja dazu sagte. Im Gegenteil, er war sehr unwillig darüber, und zuweilen sagte er: »Glaubt ihnen nicht, sie sind Wölfe und Bärentreiber, und sie mißbrauchen das deutsche Volk schrecklich.« Und manchmal verglich er Hitler mit dem Rattenfänger von Hameln, der die Kinder mit seiner Flöte ins Verderben gelockt hatte. Aber Vaters Worte waren in den Wind gesprochen, und sein Versuch, uns zurückzuhalten, scheiterte an unserer Begeisterung.

Wir gingen mit den Kameraden der Hitlerjugend auf Fahrt und durchstreiften in weiten Wanderungen unsere neue Heimat, die Schwäbische Alb.

Wir liefen lange und anstrengend, aber es machte uns nichts aus; wir waren zu begeistert, um unsere Müdigkeit einzugestehen. War es nicht großartig, mit jungen Menschen, denen man sonst vielleicht nie nähergekommen wäre, plötzlich etwas Gemeinsames und Verbindendes zu haben? Wir trafen uns zu den Heimabenden, es wurde vorgelesen und gesungen, oder wir machten Spiele oder Bastelarbeiten. Wir hörten, daß wir für eine große Sache leben sollten. Wir wurden ernst genommen, in einer merkwürdigen Weise ernst genommen, und das gab uns einen besonderen Auftrieb. Wir glaubten, Mitglieder einer großen Organisation zu sein, die alle umfaßte und jeden würdigte, vom Zehnjährigen bis zum Erwachsenen. Wir fühlten uns beteiligt an einem Prozeß, an einer Bewegung, die aus der Masse Volk schuf. Manches, was uns anödete oder einen schalen Geschmack verursachte, würde sich schon geben – so glaubten wir. Einmal sagte eine fünfzehnjährige Kameradin im Zelt, als wir uns nach einer langen Radtour unter einem weiten Sternenhimmel zur Ruhe gelegt hatten, ziemlich unvermittelt: »Alles wäre so schön – nur die Sache mit den Juden, die will mir nicht hinunter.« Die Führerin sagte, daß Hitler schon wisse, was er tue, und man müsse um der großen Sache willen manches Schwere und Unbegreifliche akzeptieren. Das Mädchen jedoch war mit dieser Antwort nicht ganz zufrieden, andere stimmten ihr bei, und man hörte plötzlich die Elternhäuser aus ihnen reden. Es war eine unruhige Zeltnacht – aber schließlich waren wir doch zu müde. Und der nächste Tag war herrlich und voller Erlebnisse. Das Gespräch der Nacht war vorläufig vergessen.

In unseren Gruppen entstand ein Zusammenhalt, der uns über die Schwierigkeiten und die Einsamkeit jener Entwicklungsjahre hinwegtrug, vielleicht auch hinwegtäuschte.

Hans hatte sich einen Liederschatz gesammelt, und seine Jungen hörten es gerne, wenn er zur Gitarre sang. Es waren nicht nur die Lieder der Hitlerjugend, sondern auch Volkslieder aus allerlei Ländern und Völkern. Wie zauberhaft klang doch solch ein russisches oder norwegisches Lied in seiner dunklen, ziehenden Schwermut. Was erzählte es einem nicht von der Eigenart jener Menschen und ihrer Heimat.

Aber nach einiger Zeit ging eine merkwürdige Veränderung in Hans vor, er war nicht mehr der alte. Etwas Störendes war in sein Leben getreten. Nicht die Vorhaltungen des Vaters waren es, nein, denen gegenüber konnte er sich taub stellen. Es war etwas anderes. Die Lieder sind verboten, hatten ihm die Führer gesagt. Und als er darüber lachte, hatten sie ihm mit Strafen gedroht. Warum sollte er diese Lieder, die so schön waren, nicht singen dürfen? Nur weil sie von anderen Völkern ersonnen waren? Er konnte es nicht einsehen; es bedrückte ihn, und seine Unbekümmertheit begann zu schwinden.

Zu dieser Zeit wurde er mit einem ganz besonderen Auftrag ausgezeichnet. Er sollte die Fahne seines Standorts zum Parteitag nach Nürnberg tragen. Seine Freude war groß. Aber als er zurückkam, trauten wir unseren Augen kaum. Er sah müde aus, und in seinem Gesicht lag eine große Enttäuschung. Irgendeine Erklärung durften wir nicht erwarten. Allmählich erfuhren wir aber doch, daß die Jugend, die ihm dort als Ideal vorgesetzt wurde, völlig verschieden war von dem Bild, das er sich von ihr gemacht hatte. Dort Drill und Uniformierung bis ins persönliche Leben hinein – er aber hätte gewünscht, daß jeder Junge das Besondere aus sich machte, das in ihm steckte. Jeder einzelne Kerl hätte durch seine Phantasie, seine Einfälle und seine Eigenart die Gruppe bereichern helfen sollen. Dort aber, in Nürnberg, hatte man alles nach einer Schablone ausgerichtet. Von Treue hatte man gesprochen, bei Tag und Nacht. Was aber war denn der Grundstein aller Treue: zuerst doch die zu sich selbst … Mein Gott! In Hans begann es gewaltig zu rumoren.

Bald darauf beunruhigte ihn ein neues Verbot. Einer der Führer hatte ihm das Buch seines Lieblingsdichters aus der Hand genommen, Stefan Zweigs ›Sternstunden der Menschheit‹. Das sei verboten, hatte man ihm gesagt. Warum? Darauf gab es keine Antwort. Über einen anderen deutschen Schriftsteller, Fritz von Unruh, der ihm sehr gefiel, hörte er etwas Ähnliches. Er hatte aus Deutschland fliehen müssen, weil er für den Gedanken des Friedens eingetreten war.

Hans war schon vor längerer Zeit zum Fähnleinführer befördert worden. Er hatte sich mit seinen Jungen eine prachtvolle Fahne mit einem großen Sagentier genäht. Die Fahne war etwas Besonderes; sie war auf den Führer geweiht, und die Jungen hatten ihr Treue gelobt, weil sie das Symbol ihrer Gemeinschaft war. Aber eines Abends, als sie mit der Fahne angetreten waren, zum Appell vor einem höheren Führer, war eine unerhörte Geschichte passiert. Der Führer hatte plötzlich unvermittelt den kleinen Fahnenträger, einen fröhlichen zwölfjährigen Jungen, aufgefordert, die Fahne abzugeben.

»Ihr braucht keine besondere Fahne. Haltet euch an die, die für alle vorgeschrieben ist.«

Hans war tief betroffen. Seit wann das? Wußte der Stammführer nicht, was gerade diese Fahne für seine Gruppe bedeutete? War sie nicht mehr als ein Tuch, das man nach Belieben wechseln konnte?

Noch einmal forderte der andere den Jungen auf, die Fahne herauszugeben. Der blieb starr stehen, und Hans wußte, was in ihm vorging und daß er es nicht tun würde. Als der höhere Führer den Kleinen zum drittenmal mit drohender Stimme aufforderte, sah Hans, daß die Fahne ein wenig bebte. Da konnte er nicht länger an sich halten. Er trat still aus der Reihe heraus und gab diesem Führer eine Ohrfeige.

Von da an war er nicht mehr Fähnleinführer.

 

Der Funke quälenden Zweifels, der in Hans erglommen war, sprang auf uns alle über.

In jenen Tagen hörten wir auch eine Geschichte von einem jungen Lehrer, der auf rätselhafte Weise verschwunden war. Er war vor eine SA-Gruppe gestellt worden, und alle mußten an ihm vorbeiziehen und ihm ins Gesicht spucken – auf Befehl. Danach hatte den jungen Lehrer niemand mehr gesehen. Er war in einem Konzentrationslager verschwunden.

»Aber was hat er denn getan?« fragten wir seine Mutter mit angehaltenem Atem. »Nichts, nichts«, rief die Frau verzweifelt. »Er war eben kein Nationalsozialist, er konnte halt da nicht mitmachen, das war sein Verbrechen.«

Mein Gott! Wie da der Zweifel, der bisher nur ein Funke war, erst zu tiefer Trauer wurde und dann zu einer Flamme der Empörung aufloderte. In uns begann eine gläubige, reine Welt zu zerbrechen, Stück um Stück. Was hatte man in Wirklichkeit aus dem Vaterland gemacht? Nicht Freiheit, nicht blühendes Leben, nicht Gedeihen und Glück jedes Menschen, der darin lebte. Nein, eine Klammer um die andere hatte man um Deutschland gelegt, bis allmählich alles wie in einem großen Kerker gefangen saß.

»Was, Vater, ist ein Konzentrationslager?«

Er berichtete uns, was er wußte und ahnte, und fügte hinzu: »Das ist Krieg. Krieg mitten im tiefsten Frieden und im eigenen Volk. Krieg gegen den wehrlosen, einzelnen Menschen, Krieg gegen das Glück und die Freiheit seiner Kinder. Es ist ein furchtbares Verbrechen.«

War aber die quälende Enttäuschung vielleicht nur ein böser Traum, von dem wir am andern Morgen erwachen würden? In unseren Herzen entbrannte ein heftiger Kampf. Wir versuchten, unsere alten Ideale gegen alles, was wir erlebt und gehört hatten, zu verteidigen.

»Weiß denn der Führer etwas von den Konzentrationslagern?«

»Sollte er es nicht wissen, da sie nun schon Jahre existieren und seine nächsten Freunde sie eingerichtet haben? Und warum hat er nicht seine Macht benützt, um sie sofort abzuschaffen? Warum ist es jenen, die daraus entlassen wurden, bei Androhung härtester Strafen untersagt, etwas von ihren Erlebnissen zu erzählen?«

In uns erwachte ein Gefühl, als lebten wir in einem einst schönen und reinen Haus, in dessen Keller hinter verschlossenen Türen furchtbare, böse, unheimliche Dinge geschehen. Und wie der Zweifel langsam von uns Besitz ergriffen hatte, so erwachte nun in uns das Grauen, die Angst, der erste Keim einer grenzenlosen Unsicherheit.

»Wie aber war es möglich, daß in unserem Volke so etwas an die Regierung kommen konnte?«

»In einer Zeit großer Not«, so erklärte uns der Vater, »kommt allerlei nach oben. Schaut, welche Zeiten wir durchzustehen hatten: zuerst den Krieg, dann die Schwierigkeiten der Nachkriegszeit, Inflation und große Armut. Darauf Arbeitslosigkeit. Wenn dem Menschen erst die nackte Existenz untergraben ist und er die Zukunft nur noch wie eine graue, undurchdringliche Wand sieht – dann hört er auf Versprechungen und Verlockungen, ohne zu fragen, wer sie macht.«

»Aber Hitler hat doch sein Versprechen, die Arbeitslosigkeit zu beseitigen, gehalten!«

»Das bestreitet ja niemand. Aber fragt nicht, wie! Die Kriegsindustrie hat er angekurbelt, Kasernen werden gebaut … Wißt ihr, wo das endet? … Er hätte es auch auf dem Wege über die Friedensindustrie schaffen können, die Arbeitslosigkeit zu beseitigen – in der Diktatur ist das leicht genug zu erreichen. Wir sind doch kein Vieh, das mit einer vollen Futterkrippe zufrieden ist. Die materielle Sicherheit allein wird nie genügen, uns glücklich zu machen. Wir sind doch Menschen, die ihre freie Meinung, ihren eigenen Glauben haben. Eine Regierung, die an diese Dinge rührt, hat keinen Funken Ehrfurcht mehr vor dem Menschen. Das aber ist das erste, was wir von ihr verlangen müssen.«

Auf einem weiten Frühlingsspaziergang hatte sich dieses Gespräch zwischen dem Vater und uns entsponnen. Und wir hatten uns wieder einmal alle Fragen und Zweifel gründlich vom Herzen geredet.

»Ich möchte nur, daß ihr gerad und frei durchs Leben geht, wenn es auch schwer ist«, hatte der Vater noch gesagt.

Plötzlich waren wir Freunde geworden, der Vater und wir. Und keiner von uns hätte daran gedacht, daß er doch viel älter war. Wir spürten mit Genugtuung, daß die Welt weiter geworden war. Zugleich begriffen wir, daß diese Weite auch Gefahr und Wagnis in sich trug.

 

Die Familie wurde uns nun zu einer kleinen, festen Insel in dem unverständlichen und immer fremder werdenden Getriebe.

Aber daneben gab es noch etwas anderes für Hans und meinen jüngsten Bruder Werner, was in diesen Jahren zwischen vierzehn und achtzehn ihr Leben bestimmte und mit einem unbeschreiblichen Elan erfüllte: die ›jungenschaft‹, eine kleine Gruppe von Freunden. Es gab sie in verschiedenen Städten in Deutschland, vor allem dort, wo sich noch kulturelles Leben regte. Sie sammelte die letzten Reste der zersprengten Bündischen Jugend und war eigentlich schon längst von der Gestapo verboten. Um weiter existieren zu können, hatte sich die ›jungenschaft‹ dem Jungvolk angeschlossen und war in ihm untergetaucht. Das konnte nicht lange gutgehen, denn die ›jungenschaft‹ hatte ihren eigenen, sehr eindrucksvollen Stil, der sich bewußt in allem von der Hitlerjugend unterschied. Die Mitglieder der ›jungenschaft‹ erkannten sich an der Art, wie sie sich kleideten, sie kannten sich an ihren Liedern, ja an ihrer Sprache. Für diese Jungen war das Leben ein großes Abenteuer, eine Expedition in eine unbekannte, verlockende Welt. Die Gruppe ging übers Wochenende auf Fahrt und pflegte, auch bei grimmiger Kälte, in einer Kothe zu wohnen, einem Zelt nach dem Muster der Lappen im hohen Norden. Wenn sie um das Feuer saßen, lasen sie einander vor, oder sie sangen und begleiteten ihren Chor mit der Gitarre, dem Banjo und der Balalaika. Sie sammelten die Lieder aller Völker und dichteten und komponierten ihre eigenen feierlichen Gesänge und lustigen Schlager dazu. Sie malten und photographierten, sie schrieben und dichteten, und daraus entstanden ihre herrlichen Fahrtenbücher und Zeitschriften, die ihnen niemand nachahmen konnte. Sie stiegen im Winter auf die abgelegensten Almen und machten die verwegensten Skiabfahrten; sie liebten es, in der Morgenfrühe Florett zu fechten; sie trugen Bücher mit sich herum, die ihnen wichtig waren und die ihnen neue Dimensionen der Welt und des eigenen Innern erschlossen. Rilke zum Beispiel, Stefan George, Lao-tse, Hermann Hesse, die Heldenfibel von tusk, dem in der ›jungenschaft‹ eine führende Rolle zukam (und der inzwischen ins Ausland hatte fliehen müssen). Sie waren ernst und verschwiegen, sie hatten ihren eigenen Humor und ganze Eimer voll Witz und Skepsis und Spott. Sie konnten wild und ausgelassen durch die Wälder jagen, sie warfen sich am frühen Morgen in eiskalte Flüsse; sie konnten stundenlang still auf dem Bauch liegen, um Wild oder Vögel zu beobachten. Sie saßen genauso still und mit angehaltenem Atem in Konzerten, um die Musik zu entdecken. Man sah sie im Kino, wenn einmal ein schöner Film auftauchte, oder im Theater, wenn ein Stück die Gemüter bewegte. Sie gingen auf Zehenspitzen in den Museen umher; sie waren mit dem Münster und seinen verborgensten Schönheiten vertraut. Sie liebten in besonderer Weise die blauen Pferde von Franz Marc, die glühenden Kornfelder und Sonnen von van Gogh und die exotische Welt Gauguins. Aber mit all dem ist eigentlich gar nichts Präzises gesagt. Vielleicht soll man auch nicht viel sagen, weil sie selbst so verschwiegen waren und still hineinwuchsen in das Erwachsensein, in das Leben.

 

Einer der Lieblingschöre der Jungen lautete:

Schließ Aug und Ohr für eine Weil

vor dem Getös der Zeit,

Du heilst es nicht und hast kein Heil,

als bis Dein Herz sich weiht.

Dein Amt ist hüten, harren, sehn

im Tag die Ewigkeit,

Du bist schon so im Weltgeschehn

gefangen und befreit.

Die Stunde kommt, da man Dich braucht,

dann sei Du ganz bereit,

und in das Feuer, das verraucht,

wirf Dich als letztes Scheit.

Plötzlich lief eine Verhaftungswelle durch ganz Deutschland und zerstörte diese letzten Reste einer großen, zu Beginn unseres Jahrhunderts aufgebrochenen Jugendbewegung.

Für viele dieser Jungen wurde das Gefängnis eine der wichtigen Erschütterungen ihrer Jugend. Und manche von ihnen begriffen, daß eine Jugend und eine Jugendbewegung und die ›jungenschaft‹ einmal enden mußten, weil sie den Schritt zum Erwachsensein zu vollziehen hatten. Die Tagebücher, die Zeitschriften und die Liederhefte wurden beschlagnahmt und eingestampft. Die Jungen wurden nach einigen Wochen oder Monaten wieder freigelassen. Hans schrieb damals in eines seiner Lieblingsbücher auf die erste, unbeschriebene Seite: »Reißt uns das Herz aus dem Leibe – und ihr werdet euch tödlich daran verbrennen.«

Diese Jungenzeit hätte einmal enden müssen, auch ohne Gestapo. Das war die Erkenntnis, die Hans während seiner ersten Berührung mit der grauen Gefängniszelle gewann. Er faßte nun fest das Studium ins Auge, das ihm bevorstand, und entschloß sich für den Arztberuf.

Hans spürte, daß das Schöne und das ästhetische Genießen des Daseins allein, auch das stille Hineinwachsen in das Leben ihm nicht mehr genügten, daß es in der Gefährdung dieser Zeit kaum mehr Halt geben konnte. Daß eine letzte brennende Leere blieb, und daß die beunruhigenden Fragen keine Antwort fanden. Nicht bei Rilke und nicht bei Stefan George, nicht bei Nietzsche und auch nicht bei Hölderlin. Aber Hans hatte das sichere Gefühl, daß sein redliches Suchen ihn richtig führen werde. Er begegnete schließlich, auf merkwürdigen Umwegen, den antiken Philosophen, er lernte Plato und Sokrates kennen. Er stieß auf die frühen christlichen Denker, er beschäftigte sich mit Augustinus. Er entdeckte Pascal. Die Heilige Schrift bekam eine neue, überraschende Bedeutung; Aktualität brach durch die alten, scheinbar verdorrten Worte und gab ihnen das Gewicht des Überzeugenden.

Jahre waren seitdem vergangen. Aus dem Krieg im Innern, gegen einzelne Menschen, war der Krieg gegen die Völker geworden, der Zweite Weltkrieg.

Hans hatte bereits an der Universität München zu studieren begonnen, als der Krieg ausbrach. Zunächst war ihm noch eine ungewisse Frist geblieben, sein Studium fortzusetzen. Dann wurde er zu einer Studentenkompanie eingezogen, und wenig später machte er als Sanitäter den Frankreichfeldzug mit. Zurückversetzt zur Studentenkompanie in München, konnte er weiterstudieren. Aber es war ein höchst seltsames Studentenleben, halb Soldat, halb Student, einmal in der Kaserne, dann wieder in der Universität oder in der Klinik. Das waren zwei entgegengesetzte Welten, die sich nie vertragen wollten. Hans fiel dieses zwiespältige Leben besonders schwer. Schwerer noch und dunkler aber lastete auf ihm, daß er in einem Staat leben mußte, in dem die Unfreiheit, der Haß und die Lüge nun zum Normalzustand geworden waren.

Wurde nicht die Klammer der Gewaltherrschaft immer enger und unerträglicher? War nicht jeder Tag, an dem man noch in Freiheit lebte, ein Geschenk? Denn niemand war davor sicher, einer geringfügigen Bemerkung wegen verhaftet zu werden, vielleicht für immer zu verschwinden. Konnte Hans sich wundern, wenn morgen früh die Geheime Staatspolizei klingelte und seiner Freiheit ein Ende setzte?

Hans wußte gut, daß er nur einer von Millionen in Deutschland war, die ähnlich wie er empfanden. Aber wehe, wenn jemand ein freies, offenes Wort riskierte. Er wurde unerbittlich ins Gefängnis geworfen. Wehe, wenn eine Mutter ihrem bedrängten Herzen Luft machte und den Krieg verwünschte. Sie wurde ihres Lebens so schnell nicht wieder froh. Ganz Deutschland schien von geheimen Ohren belauscht.

 

Im Frühjahr 1942 fanden wir wiederholt hektographierte Briefe ohne Absender in unserem Briefkasten. Sie enthielten Auszüge aus Predigten des Bischofs von Münster, Graf Galen, und sie verbreiteten Mut und Aufrichtigkeit.

 

»Noch steht ganz Münster unter dem Eindruck der furchtbaren Verwüstungen, die der äußere Feind und Kriegsgegner in dieser Woche uns zugefügt hat. Da hat gestern zum Schlusse dieser Woche, am 12. Juli, die Geheime Staatspolizei die beiden Niederlassungen der Gesellschaft Jesu in unserer Stadt beschlagnahmt, die Bewohner aus ihrem Eigentum vertrieben, die Patres und Brüder genötigt, unverzüglich, noch am gestrigen Tage, nicht nur ihre Häuser, sondern auch die Provinz Westfalen und die Rheinprovinz zu verlassen. Und das gleiche harte Los hat man ebenfalls gestern den Schwestern bereitet. Die Ordenshäuser und Besitzungen samt Inventar wurden zugunsten der Gauleitung Westfalen-Nord enteignet.

So ist also der Klostersturm, der schon länger in der Ostmark, in Süddeutschland, in den neuerworbenen Gebieten, Warthegau, Luxemburg, Lothringen und anderen Reichsteilen wütete, auch hier in Westfalen ausgebrochen.

Wie soll das enden? Es handelt sich nicht etwa darum, für obdachlose Bewohner von Münster eine vorübergehende Unterkunft zu schaffen. Die Ordensleute waren bereit und entschlossen, ihre Wohnungen für solche Zwecke aufs äußerste einzuschränken, um gleich anderen Obdachlose aufzunehmen und zu verpflegen. Nein, darum handelte es sich nicht. Im Immakulatakloster in Wikinghege richtet sich, wie ich höre, die Gaufilmstelle ein. Man sagt mir, in der Benediktinerabtei St. Josef werde ein Entbindungsheim für uneheliche Mütter eingerichtet. Und keine Zeitung hat bisher berichtet von den freilich gefahrlosen Siegen, die in diesen Tagen die Beamten der Gestapo über wehrlose Ordensmänner und schutzlose deutsche Frauen errungen haben, und von den Eroberungen, die die Gauleitung in der Heimat am Eigentum deutscher Volksgenossen gemacht hat. Vergebens sind alle mündlichen und telegraphischen Proteste!

Gegen den Feind im Innern, der uns peinigt und schlägt, können wir nicht mit Waffen kämpfen. Da bleibt nur ein Kampfmittel: starkes, zähes, hartes Durchhalten! Hart werden! Fest bleiben! Wir sehen und erfahren jetzt deutlich, was hinter den neuen Lehren steht, die man uns seit einigen Jahren aufdrängt, denen zuliebe man die Religion aus der Schule verbannt, unsere Vereine unterdrückt hat, jetzt die Kindergärten zerstören will: abgrundtiefer Haß gegen das Christentum, das man ausrotten möchte.

Wir sind in diesem Augenblick nicht Hammer, sondern Amboß. Andere, meist Fremde und Abtrünnige, hämmern auf uns, wollen mit Gewaltanwendung unser Volk, und selbst unsere Jugend neu formen, aus der geraden Haltung zu Gott verbiegen. Was jetzt geschmiedet wird, das sind die ungerecht Eingekerkerten, die schuldlos Ausgewiesenen und Verbannten. Gott wird ihnen beistehen, daß sie Form und Haltung christlicher Festigkeit nicht verlieren, wenn der Hammer der Verfolgung sie bitter trifft und ihnen ungerechte Wunden schlägt.«

»Seit einigen Monaten hören wir Berichte, daß aus Heil- und Pflegeanstalten für Geisteskranke auf Anordnung von Berlin Pfleglinge, die schon länger krank sind und vielleicht unheilbar erscheinen, zwangsweise abgeführt werden. Regelmäßig erhalten dann die Angehörigen nach kurzer Zeit die Mitteilung, der Kranke sei verstorben, die Leiche sei verbrannt, die Asche könne abgeholt werden. Allgemein herrscht der an Sicherheit grenzende Verdacht, daß diese zahlreichen, unerwarteten Todesfälle von Geisteskranken nicht von selbst eintreten, sondern absichtlich herbeigeführt werden, daß man dabei jener Lehre folgt, die behauptet, man dürfe sogenanntes ›lebensunwertes Leben‹ vernichten, also unschuldige Menschen töten, wenn man meint, es sei für Volk und Staat nichts mehr wert. Eine furchtbare Lehre, die die Ermordung Unschuldiger rechtfertigen will, die die gewaltsame Tötung der nicht mehr arbeitsfähigen Invaliden, Krüppel, unheilbar Kranken, Altersschwachen grundsätzlich freigibt!«