Die Welt der Hedwig Courths-Mahler 551 - Liebesroman - Ina Ritter - E-Book

Die Welt der Hedwig Courths-Mahler 551 - Liebesroman E-Book

Ina Ritter

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Beschreibung

Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten ist Graf von Schürenberg gezwungen, nun auch die beiden Pferde, an denen das ganze Herz seiner Tochter Heidelind hängt, zu verkaufen. Die junge Komtess ist zu Tode betrübt, aber schon im nächsten Moment jauchzt sie himmelhoch, denn Dr. Answald Kersten, der neue Besitzer, gibt Blitz und Regenbogen bei ihr in Pflege. Er zahlt nicht nur gut dafür, sondern sie darf auch so oft ausreiten, wie sie will. Zudem sieht Answald noch fabelhaft aus, und er ist wahnsinnig sympathisch. Heidelind gerät ins Schwärmen - bis herauskommt, dass der Mann für seine Großzügigkeit einen Preis verlangt. Da zerplatzen ihre Jungmädchenträume wie Seifenblasen ...

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Seitenzahl: 139

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Inhalt

Cover

War es dein erster Kuss, Komtess?

Vorschau

Impressum

War es dein erster Kuss, Komtess?

Als ihr Herz von der Liebe überrascht wurde

Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten ist Graf von Schürenberg gezwungen, nun auch die beiden Pferde, an denen das ganze Herz seiner Tochter Heidelind hängt, zu ver‍kaufen.

Die junge Komtess ist zu Tode betrübt, aber schon im nächsten Moment jauchzt sie himmelhoch, denn Dr. Answald Kersten, der neue Besitzer, gibt Blitz und Regenbogen bei ihr in Pflege. Er zahlt nicht nur gut dafür, sondern sie darf auch so oft ausreiten, wie sie will. Zudem sieht Answald noch fabelhaft aus, und er ist wahnsinnig sympathisch.

Heidelind gerät ins Schwärmen – bis herauskommt, dass der Mann für seine Großzügigkeit einen Preis verlangt. Da zerplatzen ihre Jungmädchenträume wie Seifenblasen ...

Heidelind sprang aus dem Sattel, kaum, dass ihr Pferd stand. Das schweißglänzende braune Fell des Tieres verriet, wie schnell sie wieder einmal über die Felder und Wiesen des Gutes gejagt sein musste.

Ihre tiefblauen Augen glänzten voller Lebenslust, ihr goldblondes Haar war vom tollen Ritt zerzaust. Der Knecht, der ihr das Pferd abnahm, starrte sie hingerissen an.

Kein Wunder, dass man Heidelind von Schürenberg in der ganzen Umgebung nur Komtess Übermut nannte. Sie war immer zu Streichen aufgelegt, und es gab wohl keinen, der sie nicht liebte. Das Gesinde auf dem Gut vergötterte sie geradezu.

»Reib mir Blitz gut ab und schütte ihm eine Extraportion Hafer in die Raufe, Fritz«, sagte Heidelind. »Heute Nachmittag sattelst du mir dann Regenbogen.«

Der Junge machte ein betretenes Gesicht und schaute auf seine großen Stiefel.

»Regenbogen?«, wiederholte er. »Ja, wissen Sie es denn noch nicht?«

»Was denn? Nun red schon, Junge. Ist Regenbogen vielleicht krank?«

Fritz schüttelte heftig den Kopf.

»Nein, gnädiges Fräulein. Der gnädige Herr hat die Pferde verkauft. Alle. Und Ihren Blitz holen sie heute Nachmittag ab.«

»Nein!« Heidelind taumelte entsetzt einen Schritt zurück. »Das ist nicht wahr, Fritz.«

Sie riss sich zusammen und rannte ins Schloss.

♥♥♥

So wie sie war, staubig und schweißbedeckt, stürmte Heidelind ins Wohnzimmer. Ihre Mutter, Gräfin Schürenberg, hob den Kopf und warf ihr einen verweisenden Blick zu.

»Kannst du dich nicht wenigstens umkleiden, bevor du hierherkommst? Wie siehst du nur wieder aus!« Ganz gelang es ihr allerdings nicht, den scheltenden Ton durchzuhalten, denn Heidelind war nun einmal ihr ganzer Stolz.

»Was ist mit den Pferden?«, stieß die junge Komtess Schürenberg atemlos hervor. »Fritz hat gesagt ...«

»Nun setz dich erst einmal und reg dich nicht so auf. Es tut mir auch leid, glaube mir, aber Vater blieb nichts anderes übrig. Wir brauchen das Geld ganz dringend.«

»Ihr habt die Pferde wirklich verkauft?«, fragte die Komtess. Ihre blauen Augen füllten sich mit Tränen. »Vater weiß doch, wie sehr ich an ihnen hänge. Und so viel fressen sie doch nicht. Gönnt er ihnen das bisschen Hafer nicht?«

»Es dreht sich nicht ums Fressen. Vater hat dreißigtausend Mark für die Pferde bekommen. Das hilft uns erst einmal ein Stückchen weiter.«

»Mutti, es stimmt doch nicht, dass Blitz heute Nachmittag auch abgeholt werden soll, nicht wahr?«

Camilla von Schürenberg legte ihrer Tochter besänftigend die Hand auf den Blondkopf.

»Wir haben alle verkaufen müssen«, sagte sie schwer. »Es half uns nichts. Und gerade Blitz ist das wertvollste Tier, das weißt du auch.«

»Geht es uns wirklich so schlecht?«, fragte Heidelind und stand auf.

»Wenn die Ernte gut wird, können wir uns vielleicht wieder ein Pferd halten. Aber Reitpferde sind Luxus. Und für Luxus haben wir kein Geld.«

»Ich weiß«, murmelte Heidelind.

Ihre Schwester Viktoria stand jetzt sicherlich in der Küche und kochte das Essen. Vor einem Jahr hatte man die beiden Mädchen entlassen müssen. Viktoria war in die Bresche gesprungen.

Heidelind hatte eine Abneigung gegen Hausarbeiten. Nun aber klagte sie sich an, in den Tag hineingelebt zu haben. Ich müsste Viktoria helfen, dachte sie und ging in die Küche.

Tatsächlich, ihre Schwester stand am Herd, in einem bunten Kittel, ein ebenso buntes Kopftuch um das Haar.

»Willst du sehen, was es heute Mittag Schönes gibt?«, fragte Viktoria freundlich. »Dampfkartoffeln und Bratenreste von gestern, kleine Topfguckerin.«

»Ich möchte dir helfen. Was kann ich tun?«

»Seit wann hast du dein Herz fürs Kochen entdeckt?«, fragte Viktoria verwundert. »Sag einmal, was ist überhaupt mit dir los? Du machst so einen verstörten Eindruck.«

»Sie haben heute die Pferde verkauft.«

»Ich weiß. Nimm es nicht so schwer, Heidelind, auf Pferde kann man verzichten.«

»Du reitest sowieso nicht gern, du kannst leicht reden.« Heidelinds Augen wurden verdächtig blank.

»Viel schlimmer ist es, die Heimat zu verlieren«, setzte Viktoria dagegen.

»Was meinst du damit? Es besteht doch nicht etwa Gefahr, dass ...« Heidelinds Stimme brach.

»Mach dir keine Gedanken, Kleines. Du weißt doch, dass ich eine alte Unke bin. Irgendwie wird es schon weitergehen mit uns.«

»Mir sagt niemand etwas. Hat Vater große Sorgen?«

»Ja. Aber deshalb brauchst du dir noch keine zu machen. Zieh dich um, du weißt doch, dass unser alter Herr es nicht gern sieht, wenn du so herumläufst.«

»Ich brauche meine Reitsachen jetzt sowieso nicht mehr«, erwiderte Heidelind.

Die Komtess machte sich Vorwürfe. Sie stecken schon lange in Schwierigkeiten, aber sie hatte die Augen davor verschlossen. Und die Pferde hatten sie erst ganz zum Schluss verkauft, weil sie so an ihnen hing, und sie hatte sich nicht einmal bedankt.

Sie fühlte sich sehr elend, als sie sich in ihrem Zimmer umkleidete. Es war nicht nur der Schmerz um die geliebten Tiere, sondern vielmehr das Bewusstsein, versagt zu haben.

Die Familie hatte sicherlich oft über die Schwierigkeiten gesprochen, mit denen man zu kämpfen hatte, nur nicht mit ihr. Sie hielt man für ein Kind, das man mit den Sorgen der Erwachsenen nicht behelligte. Wie alt sah Vater manchmal aus, wie müde!

Heidelind beschloss, sich in Zukunft zu ändern. Sie würde ihrer Familie beweisen, dass sie auch zu etwas fähig war.

♥♥♥

Erst am Abend sah Heidelind ihren Vater und den Bruder. Die beiden waren den ganzen Tag auf den Feldern gewesen und wirkten sehr abgespannt.

Graf Alexander warf seiner Tochter einen traurigen Blick zu, als sie ihm wie üblich einen Kuss auf die Wange gab.

»Ich musste es tun«, sagte er leise.

Heidelind saß ein Kloß in der Kehle. Wie liebte sie ihren Vati! Da stand er nun, groß, breitschultrig, und er wirkte doch so unbeholfen. Und er glaubte doch tatsächlich, sich bei ihr entschuldigen zu müssen, weil er die Pferde verkauft hatte.

»Ich bin froh, dass du es getan hast«, versicherte sie. »Es gibt heute Abend etwas Gutes zu essen. Hoffentlich habt ihr ordentlich Hunger.«

»Heidelind hat mir beim Kochen geholfen«, warf Viktoria freundlich ein. Allerdings hatte sie feststellen müssen, dass ihre Schwester anscheinend zwei linke Hände hatte.

»Ich esse nicht mit. Ich fahre noch schnell in die Stadt, entschuldigt!«

Joachim von Schürenberg war etwas größer und schlanker als sein Vater. Ein Mann, dem die Herzen der Frauen zuflogen.

»Und unser schönes Essen?«, fragte Heidelind enttäuscht.

»Das werdet ihr schon ohne mich schaffen. Ich ziehe mich nur rasch um. Du hast doch nichts dagegen, wenn ich den Wagen benutze?«, wandte er sich an seinen Vater.

»Nein, natürlich nicht.«

»Wohin willst du denn abends immer?«, platzte Heidelind heraus. »Schließlich kann man das als Schwester ja mal fragen.«

»Kannst du gern, aber eine Antwort ist nicht zu haben. Also guten Appetit allerseits.« Er wandte sich um und ging.

»Ob er eine heimliche Braut hat?«, fragte Heidelind.

»Das glaube ich nicht«, erwiderte Gräfin Camilla. »Wer käme denn für ihn infrage? Er wird ein bisschen ausgehen wollen, denke ich.«

»Setzt euch, ich hole das Essen herein«, sagte Viktoria. »Schade, dass Joachim nicht mit uns isst.« Sie hing sehr an ihrem Bruder, wenn sie es in ihrer kühlen, zurückhaltenden Art auch nur selten zeigte.

Joachim war der Älteste, nach ihm kam Viktoria mit zwei Jahren Abstand, Nesthäkchen war Heidelind.

Bevor er ging, schaute er noch einmal durch den Türspalt. Joachim trug einen eleganten, wenn auch etwas abgetragenen Anzug.

»Warte nicht auf mich, Muttchen, es könnte später werden. Du brauchst deinen Schlaf.«

»Sag mal, hast du ein Mädchen in der Stadt?«, fragte Heidelind.

»Aber, Kind«, entsetzte sich Gräfin Camilla.

Joachim von Schürenberg trat nun ganz ein und lehnte sich lässig gegen den Türpfosten.

»Weshalb soll ich eigentlich ein Geheimnis daraus machen?«, fragte er mit gleichmütiger Stimme. »Ich besuche ein Mädchen, mein liebes Schwesterlein.«

»Und wer ist es?« Heidelind sprang erregt auf. »Kenne ich sie?«

»Bestimmt nicht!«, gab ihr Bruder mit einem finsteren Lächeln zurück.

»Was soll das heißen?« Vater Alexander hatte sich gesetzt und entfaltete gelassen die Serviette.

»Du hast mich vollkommen richtig verstanden, lieber Vater. Das Mädchen stammt aus einer Familie, mit der die Schürenbergs an und für sich nicht verkehren würden. Verstehst du? Wenig Erziehung, aber sehr viel Geld.«

Eine bleierne Stille folgte seinen Worten.

»Wollt ihr nicht zulangen?«, fragte Gräfin Camilla verlegen. »Das Essen wird kalt.«

»Und du hast die Absicht, in diese Familie einzuheiraten?«, fragte der Vater leise und stand auf.

»Ja. Wenn sie mich haben will. Ein kleiner Habenichts wie ich und Friedel Warnke, das gibt kein rechtes Gespann, meinen die Eltern.«

»Erzähl mir von diesen Leuten. Wer sind sie?«

»Wer? Frag lieber, was sie sind. Anfangs war er Schrotthändler und hat gut verdient, dann stieg er in Baustoffe um und hat noch Kohlen hinzugenommen. Du müsstest seinen Namen eigentlich schon irgendwo gelesen haben. Seine Wagen fahren überall durch die Stadt.«

»Ach der? Den Warnke meinst du? War da nicht mal ein Skandal?«

»Ja. Er hatte ein paar Leute bestochen. Dummerweise ließ er sich dabei erwischen. Ein halbes Jahr Gefängnis mit Bewährung und zweihunderttausend Mark Geldstrafe.«

»Und du gehst zu solchen Leuten?«, fragte seine Mutter. »Joachim, das kann doch nicht dein Ernst sein? Oder liebst du dieses Mädchen etwa?«

Das Gesicht des jungen Mannes verschloss sich.

»Liebe ist ein altmodisches Wort, das nicht in die Welt der Warnkes hineinpasst. Liebe taucht in Kontobüchern nicht auf, verstehst du, und deshalb lacht man auch nur darüber«, sagte er spöttisch.

»Du hast also tatsächlich die Absicht, dieses Mädchen zu heiraten?«, fragte Graf Schürenberg gepresst.

»Wenn sie mich will. Das ist noch die Frage. Wir alle wissen, wie es um uns steht. Es kann noch ein Jahr dauern, vielleicht noch ein paar Jahre, dann müssen wir das alles hier aufgeben. Schürenberg ist bis zum Schornstein mit Hypotheken belastet. Und ich will nicht für Fremde als Knecht arbeiten.«

»Ist es dir denn lieber, Kohlenhändler zu werden?«, fragte Heidelind vorlaut. »Diese ekligen Säcke den Leuten ins Haus fahren und in den Keller schütten?«

»Das hat Warnkes Schwiegersohn nicht nötig. Der sitzt im Büro, kauft ein und überwacht den Betrieb. Ich habe mir alles genau überlegt. Ich bin doch schließlich nicht auf den Kopf gefallen. Ich besitze nur ein Kapital, und das will ich möglichst zinsbringend anlegen.«

»Du hast noch Geld?«, fragte Heidelind freudig.

»Mein Kapital ist der Name Schürenberg, der Titel Graf und mein Aussehen. Vater Warnke ist vernünftig, der weiß, dass man sich dafür nichts kaufen kann. Aber er kann seiner Tochter keinen Wunsch abschlagen.«

Vater Alexander ging mit schwerfälligen Schritten auf seinen Sohn zu. In beiden Gesichtern stand der gleiche Zug unbeugsamer Härte und eiserner Entschlossenheit.

»Du wirst dieses Fräulein Warnke nicht heiraten«, sagte der alte Herr sehr ruhig. »Ich verbiete es dir. Die Tochter eines Mannes, der betrogen hat, der versucht hat, andere zu bestechen – nein, Joachim, so etwas kommt uns nicht in die Familie.«

Der junge Mann wich dem Blick des Vaters nicht aus.

»Kannst du mir etwas Besseres vorschlagen?«, fragte er leise. »Mach mir einen annehmbaren Vorschlag. Ich reiße mich bestimmt nicht darum, Friedel Warnke zu nehmen. Aber ich will nicht arm werden.«

»Hör mir gut zu, Joachim.« Graf Alexander legte dem jungen Mann die Hand schwer auf die Schulter. »Ich verbiete dir, dieses Mädchen zu heiraten. Solltest du es doch tun ...« Seine Hand sank herab.

»Was dann?«, fragte Joachim kalt.

»Dann habe ich keinen Sohn mehr. Dann will ich dich niemals wiedersehen. Wenn wir auch einmal wirklich arm werden sollten, unseren Stolz und unsere Ehre wollen wir behalten. Schämst du dich gar nicht, unseren Namen verkaufen zu wollen? Ist der Name Schürenberg eine Handelsware?«

»Heutzutage kann man alles kaufen und verkaufen. Warum nicht auch einen Titel und einen Namen? Die Warnkes haben alles. Geld, ein modernes Haus, Autos, ein dickes Bankkonto. Nur eins haben sie nicht: einen neuen Namen. Sie heißen immer noch Warnke. Und das, Vater, ist das Einzige, was sie wurmt. Du weißt wahrscheinlich nicht, wie solche Leute denken. Sie träumen von Vornehmheit. Und die lässt sich vielleicht erheiraten.«

»Du kennst meinen Standpunkt. Entweder diese Leute oder wir, Joachim! Was ist nur mit dir geschehen? Was haben wir bei deiner Erziehung falsch gemacht?«, fragte er leise, fast flüsternd.

»Wir passen nicht mehr in die heutige Zeit. Ich will nicht untergehen, Vater.«

»Lieber gehe ich unter, als meine Hände zu beschmutzen. Und jetzt lasst uns essen. Bist du so gut und tust uns auf, Camilla?«

Scheu blickte Heidelind auf den großen Bruder. Er tat ihr leid. Er befand sich auf einem falschen Weg, und er wollte es nicht einsehen.

♥♥♥

Es war kein Zufall, dass zwanzig Kilometer entfernt zur gleichen Zeit über das gleiche Thema gesprochen wurde. Elfriede Warnke, von ihren Eltern liebevoll Friedel genannt, sprach mit ihrem Vater.

Baustoffhändler Warnke zog behaglich an seiner Zigarre. Sie schmeckte ihm nach Feierabend besonders gut.

»Was willst du denn, Schnuckelchen?«, fragte er friedfertig.

»Joachim kommt heute, das weißt du doch«, sagte Elfriede ungeduldig.

Vater Warnke nickte.

»Und du sitzt hier, wie ...« Ihr fehlten die Worte. Ihr Vater hatte es sich bequem gemacht, hatte den Schlips abgebunden und war in Hemdsärmeln. Anstelle der Schuhe trug er Pantoffeln.

»Na, was hast du denn an mir auszusetzen?«, wollte Benno Warnke wissen. »Soll ich mich in den Frack werfen, nur weil dein Joachim kommt?«

»Wenigstens einen Schlips könntest du dir umbinden und die Jacke anziehen. Man sitzt nicht in Hosenträgern da, Pa.«

»Ich fühle mich recht wohl dabei. Wenn es deinem Grafen nicht passt, braucht er ja nicht zu kommen.«

Sie stampfte mit dem Fuß auf.

»Du zerstörst mein Glück.«

»Sachte, Schnuckelchen!« Abwehrend hob Vater Benno seine kurzen fleischigen Finger. »Schließlich kommt er ja nicht meinetwegen.«

»Das stimmt«, musste Elfriede einräumen. »Aber es macht doch keinen guten Eindruck, wenn du dich so gehen lässt. Sieh mich an!«

»Kettchen und Ringe, wo überhaupt nur welche hinpassen. Na ja, wir haben es ja, soll er ruhig sehen, mit wem er es zu tun hat, der Herr Graf.«

»Er ist ein vornehmer Mann. Du verstehst nichts davon, Pa, dir ist das alles ganz egal. Aber mir nicht.«

Ächzend erhob sich Benno Warnke aus seinem Sessel und griff missmutig nach der Jacke.

»Und das am Feierabend, wenn der Mensch seine Gemütlichkeit haben will«, brummelte er. »Aber die Hausschuhe behalte ich an, das sage ich dir.«

»Was meinst du, Pa, ob er mich lieb hat? Wir kennen uns doch nun schon so lange, und ich warte immer darauf, dass er mich fragt, ob ich seine Frau werden will. Stell dir das mal vor, eine Gräfin!«

Benno Warnke gab ihr einen liebevollen Klaps.

»Von Schürenberg. Klingt besser als Warnke. Wenn er nur etwas Geld hätte! Hunderttausend wären ja schon genug. Aber so gar nichts ...«

»Ein Graf braucht kein Geld. Und wir haben doch genug, Pa. Ich glaube, er will mich heiraten.«

»Das glaube ich allerdings auch«, äußerte Benno Warnke düster. Er mochte seine Friedel von Herzen gern, aber blind war er auch nicht. Ihr stämmiger Typ war heute nicht Mode, und wenn dieser Graf ihr den Hof machte, dann meinte er bestimmt nicht sie, sondern ihre Mitgift.

»Du bist also einverstanden?«, jauchzte Elfriede.

»Immerhin bin ich bereit, mit ihm darüber zu reden«, schränkte er ein. »Lass ihn mal kommen, dann werden wir weitersehen. So ein Mädchen wie dich findet er nämlich nicht alle Tage, dein feiner Herr Graf.«

»Du bist der Beste, Pa.« Sie lief ans Fenster und strahlte. »Da kommt er schon. Und wie gut er aussieht, Pa.«

Er sah wirklich gut aus, das musste Vater Benno zugeben. Aber was half das, wenn er kein Geld hatte? Dass seine Elfriede sich ausgerechnet in so einen armen Kerl verlieben musste. Dabei hatte er Geschäftsfreunde, die sich alle fünf Finger nach ihr lecken würden. Seine Elfriede hatte eben einen Sinn fürs Höhere, der ihm selbst abging.

Den muss sie von Luzie haben, dachte er. Luzie war nämlich gebildet, sie las in der Zeitung jeden Fortsetzungsroman. Benno war mit seiner Ehefrau sehr zufrieden.

»Schläft Anna denn?« Elfriede wurde nervös, als die Haustür nach Joachims Klingeln nicht sofort geöffnet wurde. »Man lässt den Herrn Grafen doch nicht warten.«

»Er wird es schon überstehen«, äußerte Benno gemütlich.

Joachim von Schürenberg trat ein. Elfriede flog auf ihn zu, und erst dicht vor ihm blieb sie stehen.